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Short Cuts


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3x Bergman Part 5


The Serpent´s Egg (Das Schlangenei)


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Berlin während der großen Depression, 1923. Der jüdisch-amerikanische Zirkusartist Abel (David Carradine) lebt mit seinem Bruder Max ohne Engagement in dieser Stadt und versucht über die Runden zu kommen. Schon bald findet er Max erschossen in seiner Pension vor. Der zuständige Kommissar (Gert Fröbe) zeigt Abel eine Reihe von Toten, die alle genau wie sein Bruder Selbstmord begingen nachdem sie an Wahnvorstellungen litten. Alle Todesfälle kreisen um seinen Bruder. Abel fällt unter die Beobachtung des Komissars und wird verdächtigt. Derweil entspinnt sich zwischen Max´Witwe Manuela (Liv Ullmann) und Abel eine tiefere Beziehung. Geplagt von Depressionen und Alkoholsucht streunt Abel orientierungslos durch das nächtliche Berlin, welches apokalyptisch anmutet.
Nazischergen überfallen den Nachtclub in dem Manuela auftritt und Abel beobachtet wie ein Pferd auf offener Straße ausgeweidet wird um es zu essen. Zudem scheint die gewaltsame Stimmung in den Straßen auch auf ihn abzufärben.
In dem Nachtclub lernt Abel den früheren Jugendfreund Hans Vergerus (Heinz Bennent) kennen. Als Abel von der Haushälterin Manuelas nicht mehr geduldet wird, bietet ihnen Hans ein Zimmer und Arbeit auf dem Gelände seiner Klinik an. Abel spürt schon bald, das dort nicht alles mit rechten Dingen vor sich geht. Schon bald kommt er dem grauenhaften Geheimnis auf die Spur als er eine Geheimkammer, an ihr Zimmer grenzend, entdeckt. Vergerus entpuppt sich als grausamer Sadist, der mit seinen Patienten Psychospiele treibt und Arbeitslose von der Straße holt um mit ihnen grausame Experimente durchzuführen und diese auf Film dokumentiert. Er ist auch derjenige, der hinter den Morden steckt. Vergerus prophezeit eine neue politische Macht, die sich dem Frust des Volkes annehmen, ihn ballen und lenken wird.
„Jeder kann sehen, was die Zukunft bringt. Es ist wie ein Schlangenei. Durch die dünnen Häute kann man das fast völlig entwickelte Reptil deutlich erkennen.“ Als die Polizei die Klinik stürmt schluckt er eine Zyankalikapsel und zieht sich aus der Verantwortung. Manuela wird in eine Nervenheilanstalt eingewiesen und Abel taucht unter.

Anfang 1976 wurde Ingmar Bergman der Steuerhinterziehung bezichtigt und angeklagt, was einen Riesen Presse Wirbel in Schweden verursachte. Die Klage wurde zwar schnell fallen gelassen doch die Wogen glätteten sich nicht und Bergman, zutiefst verärgert, gekränkt und deprimiert verlagerte seinen Wohnsitz nach Deutschland und zwar nach München wo er bis 1985 arbeitete und am Residenztheater inszenierte.1976 wollte er mit den Dreharbeiten eigentlich schon in Stockholm beginnen, doch dann kam ihm der Steuerskandal dazwischen. Bevor er in München ankam traf er in Hollywood Dino De Laurentiis, der begeister war von dieser Horror-artigen Cabaret Version. In Deutschland angekommen kam dann noch Horst Wendlandt als zweiter Produzent dazu und nichts stand dieser internationalen Großproduktion mehr im Wege. Liv Ullmann stand als weibliche Hauptrolle schon fest doch für den Part des Abel fehlte noch ein US-Star. Nachdem Dustin Hoffman, Robert Redford und Peter Falk absagten wurde Richard Harris engagiert, der aber kurz vor Drehbeginn absprang und für ihn David Carradine nachrückte. The Serpent´s Egg sollte Bergmans bis dato teuerste Produktion werden.
Der Film floppte und wurde von den meisten Kritikern nicht gerade wohlwollend aufgenommen. Auch heute gilt der Film nicht unbedingt als Glanzstück seines Meisters. The Serpent´s Egg ist allerdings kein schlechter Film aber einer, der wohl konventionellsten Bergman Filme, da er eigentlich wirkt wie ein Bergman Film ohne Bergman. Liv Ullmann sagte einmal über die Dreharbeiten, dass Bergman hier alles erdenkliche zur Verfügung gestellt wurde, er aber gar nicht wirklich wusste was er damit anstellen solle. Wie ein Kind im Spielzeugparadies wirkte er überfordert mit dieser Situation.

The Serpent´s Egg ist eine alptraumhafte, morbide, kafkaeske in Absinth getränkte Faschismus Parabel. Es ist aber auch ein Film dem eine vollkommen verschenkte Kriminalhandlung innewohnt, die einem nochmal klarmacht, dass Bergman kein Genre-Regisseur war. Eine Kriminalhandlung die sich nicht von ungefähr an Fritz Lang anlehnt. Gert Fröbe in der Rolle des Kommissar Lohman und Heinz Bennet als Dr. Mabuse, der hier wie die Kolportage Version eines Arztes aus früheren Bergman Filmen wirkt. Die Story ist nicht wirklich geradlinig. Manche Stränge reißen abrupt, während andere schnell aufgenommen werden. Die Figurenkonstellation bleibt vage ob zu Vergerus oder zu Manuela und auch auf der thematischen Ebene bleibt vieles im Dunkeln und wirkt recht unentschieden. Dafür das der Film gegen Ende etwas derart abgründiges und prophetisches darstellt, wirkt die Strecke die dazu führt sehr holprig.

Dennoch, wie gesagt kein schlechter Film da The Serpent´s Egg von einer Atmosphäre durchzogen ist, die ihn am laufen hält und zum großen Teil auch äußerst faszinierend und ja auch spannend macht.

Abel zur Hure, die ihn mit aufs Zimmer nehmen will :
"Go to Hell !"
Sie antwortet :
"Was denkst du denn, wo wir sind ?"

Als Manuela einen Priester aufsucht, sagt dieser :
"Wir leben weit entfernt von Gott. So weit fort, dass er uns nicht mehr hören kann, wenn wir ihn um Hilfe bitten. Wir müssen uns gegenseitig die Vergebung gewähren, die der ferne Gott uns versagt."

Das Berlin von Ingmar Bergman ist bei allem historischem Studiosetting, welches höchst artifiziell in seiner Künstlichkeit gehalten ist, kein zeitliches Berlin. Es ist die Hölle auf Erden. Draußen hungern die Menschen, Schlägertrupps ziehen durch die Straßen und drinnen wird auf dem Vulkan getanzt, in den Nachtclubs und Bordellen gibt man sich jedweder Perversion hin. Einige Szenen sind hier von einer überraschenden Sleazigkeit geprägt genauso wie es hier für einen Bergman Film ungewohnt gewalttätige und blutige Szenen gibt, die einen sehr konsequent überraschen.
Abel taumelt druch dieses Szenario wie ein benommener Beobachter, der alles in sich aufsaugt und wieder ausspeit. Eine im Grunde fast tote, leb und wehrlose Person, da er als Alkoholiker fast jede Nacht in seinem Rausch erlebt. Auch die latente Gewalt, die das Szenario durchzieht wird von ihm aufgesogen, kompensiert, bis sie aus ihm herausbricht.
Dieses Berlin wirkt fast so als würde die unbekannte Stadt aus Tystnaden (Das Schweigen) ein Gesicht bekommen.
Eine Gesellschaft am Abgrund, die sich in Auflösung befindet, wird hier dargestellt und wie Nebelschwaden steigt der aufkommende Faschismus, der sich in die Gedanken der Betäubten schleicht, empor.

Vergerus zu Abel :

"Abel, sieh Dir das mal an. Sieh all die Menschen. Sie sind alle viel zu erniedrigt, viel zu verängstigt, zu unterdrückt um Revolution zu machen. Aber, in zehn Jahren werden die zehnjährigen zwanzig sein, die fünfzehnjährigen Fünfundzwanzig. Zu dem Haß den sie von ihren Eltern eingeimpft bekommen haben werden ihr eigener Idealismus und ihre Ungeduld hinzukommen. Einer wird hervortreten und ihre Empfindungen in Worte fassen. Er wird ihnen eine Zukunft versprechen. Er wird Vorderungen stellen. Er wird von Größe sprechen und von Opfer. Die jungen und unerfahrenen werden die müdegewordenen und unentschlossenen durch ihren Mut und ihr Vertrauen mitreissen und dann wird es eine Rvolution geben und die Welt wird in Blut und Feuer untergehen."

Das Bergman, der sonst in seinen Filmen mit symbolhaften und kodierten Hinweisen arbeitet hier weitestgehend auf eine Subtilität verzichtet und seine Faschismus Parabel ganz klar zu erkennen gibt, läßt the Serpent´s Egg in einem zweischneidigen, etwas unentschiedenen Licht erscheinen. Die Parabel wirkt etwas platt und der Genrefilm will nicht wirklich funktionieren. Die undurchdringliche Atmosphäre, welche auch an Skammen und Tystnaden erinnert, ist es allein, die den Film zusammenhält und ihn vor dem Zusammenbruch rettet. Die Frage ob diese Missstände den Produktionsumständen zuzuschreiben sind liegt nahe, ist aber von mir jedenfalls nicht zu beantworten.

6-7/10

Höstsonaten (Herbstsonate)


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Charlotte Andergast (Ingrid Bergman) besucht an einem Wochenende im Herbst ihre Tochter Eva (Liv Ullmann) in ihrem Haus in Norwegen. Charlotte ist Konzertpianistin, die ihre Tochter seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hat. Eva ist mit dem Pfarrer Viktor (Halvar Björk) verheiratet und pflegt ihre geistig und körperlich behinderte Schwester Helena in ihrem Haus. Mutter und Tochter erhoffen sich eine gegenseitige Annäherung an diesem Wochenende. Am späten Abend spielt Eva ihrer Mutter ein Stück von Chopin am Klavier vor. Charlotte straft sie darauf mit Kritik und demonstriert ihr das man dieses Stück kühl und kraftvoll spielen muß. In der Nacht hat Charlotte einen Alptraum indem ihre Tochter Helena ihre Hand erdrückt. Danach treffen sich Charlotte und Eva zu einem nächtlichen Gespräch, welches bis in den Morgen reicht. Eva macht ihre Mutter für das Leiden ihrer Schwester sowie für ihr eigenes psychisches verantwortlich. Ihre Mutter hätte ihre Kinder im Stich gelassen und sich nur auf ihre Karriere konzentriert. Durch die fehlende Mutterliebe hätte Eva erst gelernt ihre Gefühle zu unterdrücken auch ihrem Ehemann gegenüber. Charlotte ist erschüttert von diesen Vorwürfen, kann ihnen aber nicht viel entgegensetzen. Die Aussprache zwischen Mutter und Tochter wird immer wieder von kleinen Einstellungen aus der Vergangenheit unterbrochen.
Am nächsten Tag reist Charlotte überstürzt ab. Eva schreibt ihr einen Brief indem sie einiges der Aussprache zurücknimmt.
Charlotte befindet sich auf der Zugfahrt zum nächsten Konzerttermin und erzählt ihrem Agenten Paul (Gunnar Björnstrand) ihren Kummer. Als dieser sie trösten will, zieht sie ihre Hand von ihm zurück.

Nachdem Bergman immer noch in Deutschland ansässig sein Schlangenei komplett auch dort drehte zog es ihn für sein nächstes legendäres Projekt wieder nach Skandinavien und zwar nach Norwegen. Produziert wurde Höstsonaten von seiner in München gegründeten Firma Personafilm. Legendär weil dies natürlich der erste Bergman & Bergman Film ist und was für einer ! Ingrid und Ingmar Bergman kannten sich schon länger. Sie hatten auch schon seit geraumer Zeit vor etwas gemeinsam zu drehen. Ein anvisiertes Projekt wurde nie realisiert und dann schickte Ingmar Bergman Ingrid Bergman dieses Drehbuch mit dieser Rolle welche explizit die wunden Punkte ihres Privatlebens und ihrer Biographie aufgreift. In den 40er Jahren ließ Ingrid Bergman ihr Kind Pia, welches sie in den USA mit dem Zahnarzt LIndström hatte, allein, um mit Roberto Rossellini Stromboli zu drehen. Dabei verliebte sie sich in Rossellini, was einen Skandal in Hollywood auslöste. Als sie von ihm schwanger wurde kochte der Herd sogar über und in all den Jahren vernachlässigte sie ihre Tochter in den USA, die sie auch erst nach langer Zeit wiedersah. Zufall oder nicht, was für ein Teufel, der Ingmar doch gewesen ist.
Wenn man Höstsonaten , wie ich, zum ersten Mal gesehen hat, kann man nur sagen : Hut ab vor dieser Frau, die mit zuvor diagnostiziertem Brustkrebs diese Rolle abliefert und bis ins kleinste Detail dabei auf die Knochen geht. Dabei muß man anmerken, dass die Dreharbeiten zwischen den beiden Bergmans nicht gerade einfach verliefen, wie Liv Ullmann berichtete.
Bergman und Bergman sollen sich während des Drehs wohl permanent gestritten haben. Das Ergebnis spricht für sich. In der Tat möchte man Ingrid Bergman hier am liebsten schon in den ersten 45 Minuten hochkant aus dem Film befördern, so brachial enervierend gibt sie die vor Vitalität strotzende Charlotte. Während man Eva ständig rütteln und schütteln möchte.
Höstsonaten ist ein schwer auszuhaltender Film und eine Tortur im besten und positiven Sinne für die man als Zuschauer reichlich belohnt wird. Die ersten 45 Minuten sind eine Einleitung auf eine Aussprache, die retrospektiv gesehen wohl zu den heftigsten Aussprachen in einem Ingmar Bergman Film gehört. Darüberhinaus wohl eine der emotionalsten und krassesten Aussprachen zwischen Mutter und Tochter in der gesamten Filmgeschichte darstellt und auch einer der Gründe warum dies für lange Zeit Liv Ullmanns letzte Zusammenarbeit mit Bergman war, da sie sich dieser Intensität endgültig nicht mehr aussetzen wollte. Später als er sie bei Fanny & Alexander besetzen wollte lehnte sie ab, was sie wiederum später bereuhte.

Der Film beginnt wie eine Ouvertüre als Eva von ihrem Ehemann vorgestellt wird sind es seine Gedanken, die uns Eva nahebringen und uns später wiederbegegnen. Genauso wie Charlottes Monologe letztendlich Gedanken sind, die herausgeplappert werden, schwer erträglich aber gut zu dieser Vitalität passen, die im Grunde ein Selbstschutz ist, da sich dahinter die pure Angst und Hilflosigkeit verbirgt. Umso wichtiger ist die Figurenkonstellation in der ersten Hälfte, die zwar schwer auszuhalten ist aber umso deutlicher macht, wie fremd sich Mutter und Tochter sind, dass hier nichts stimmt, es keine Gemeinsamkeiten gibt.
Auf der einen Seite Ingrid Bergman als Charlotte, die alles niederwalzt und der man am liebsten einen Maulkorb verpassen möchte und auf der anderen Liv Ullmann als Eva, die wie eine alte Jungfer daherkommt und in ihrer ganzen Mimik und Bewegung etwas devot, unterwürfiges hat.
Bergman bereitet die Fronten vor und läßt Ingrid Bergman mit ihrer Vitalität vor nichts Rücksicht nehmen zb. in der Szene in der sie mit Eva in das Zimmer der kranken Helena kommt aus dem sie am liebsten gleich wieder schreiend rausrennen würde. Er kehrt dies auch ins komische und läßt sie in dieser selbstironischen Sequenz über den Macher selbst zetern :

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Ingrid Bergman im Bett mit einem wohlbekannten Romanautor : "Das ist ja nicht zu glauben : Ein richtiger Schwulstikus. Oh Gott, so ein Quatsch." :D

Ungefähr ab der 45. Minute folgt die Stunde der Wahrheit in der alles auf den Tisch kommt. Eingeleitet wird dies durch einen Traum in dem Charlotte träumt die Hände ihrer behinderten Tochter, die sie zuerst sanft berühren, würden sie erdrücken. Wiedereinmal ist das Unterbewußtsein Auslöser für eine Reflexion, die mit einer einfachen, berechtigten Frage an die Tochter beginnt :"Eva, magst du mich eigentlich"? Die Tochter nimmt diese Frage ernst und antwortet :"Ich weiß es nicht."
Damit beginnt die Stunde der Wahrheit. Schritt für Schritt wird Eva sich wahrheitsgemäß öffnen und erzählen wie sie sich sieht und wie sie ihre Mutter sieht, wie sie sich dabei fühlt bzw. gefühlt hat. Das funktioniert ganz langsam. Man kann dabei zusehen wie hier etwas geschält wird. Schicht um Schicht um Schicht fällt bis man beim dunklen Kern angelangt ist, der dann tatsächlich auch noch herausgeholt wird. Dabei läßt sich die Aussprache im Grunde in 4 Teile gliedern. Am Anfang erzählt Eva generell vom Zusammenleben. Im zweiten Teil erzählt sie konkret von der Zeit mit ihrer Mutter. Im 3. Teil, welches der heftigste ist, geht es um ihre Abtreibung als sie erwachsen war und im 4. Teil kommt dann die Liebesgeschichte hinzu. Charlotte versucht dabei dem immer noch eine positive Seite abzugewinnen. In der Rückblende als die Geschichte um Helena erzählt wird zieht Bergman die Zange nochmals weiter an und tischt nun die zweite Mutter-Tochter Geschichte innerhalb dieser Aussprache auf.
Als Charlotte sich auf den Boden legt und ihre Geschichte erzählt wird deutlich, dass es noch eine Dimension gibt, nämlich die Zeit vor Eva. Wir sehen und hören eine Frau, die Angst vor diesem Kind hatte, Angst vor der Verantwortung, Angst den Erwartungen nicht gerecht zu werden um dann von diesem Kind zu hören, was diese Ängste bewirkt haben.

Eva (Liv Ullmann) : "Mutter und Tochter : Was für ein furchtbares Konglomerat aus Gefühl, Verwirrung und Zerstörung. Alles ist möglich, alles ist erlaubt, alles geschieht im Namen der Liebe. Die Schäden der Mutter erbt die Tochter. Für die Enttäuschung der Mutter hat die Tochter aufzukommen. Das Unglück der Mutter muß das Unglück der Tochter werden. Es ist als sei die Nabelschnur niemals durchtrennt worden."

Ist eine der vielen, eindringlichen Passagen innerhalb dieser Aussprache, die ungemein brutal sind. In Höstsonaten wird die Unbarmherzigkeit der Aussprache nochmals in ganzer Länge auf die Spitze getrieben. Entblößung und Enttabuisierung der Familie. Reflexion und Wertung. Alles wird ausgesprochen.

Stilistisch hervorzuheben sind die langen Naheinstellungen und die typischen Konstellationen der Köpfe, die man aus so vielen Bergman Filmen kennt.
Aufgebrochen wird dies immer wieder innerhalb der kleinen Rückblenden, die nicht erzählerisch erklären sondern wie kleine Stilleben aus einem vergangenen Leben wirken. Nykvist arbeitet im Kontrast zur dunklen Szenerie innerhalb der nächtlichen Aussprache, hier mit warmen Licht und Totalen, so das kleien Tableaus entstehen in denen die Personen immer im Hintergrund zu sehen sind.
Ähnlich wie in seinen früheren Filmen gibt es hier wieder direkten Monolog wie die Vorlesung des Briefes am Ende in die Kamera.

Jener Brief, den Eva ihrer Mutter schreibt, suggeriert anhaltende Hoffnung. Doch die Problematik wird nicht gelöst, denn der Film bleibt sich ehrlich, was auch der langanhaltende Blick von Charlotte verdeutlicht : Machtlosigkeit.

Man kann auch einfach mal ganz salopp schreiben : Höstsonaten ist ein Runterzieher vor dem Herrn aber einer der sich immer lohnt !

In diesem Sinne :
9/10

Aus dem Leben der Marionetten


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Der Geschäftsmann Peter Egerman (Robert Atzorn) ermordet die junge Prostituierte Katharina Krafft (Rita Russek) und vergeht sich an ihrer Leiche. In Rückblenden und Vernehmungsprotokollen mit Freunden und Angehörigen wird untersucht wie es dazu kam, was für Motive er gehabt und was für ein Mensch er war. Peter ist erfolgreicher Geschäftsmann in München, verheiratet mit einer ebenso erfolgreichen Frau, die genauso wie sein Opfer, Katharina heißt und in der Modebranche mit dem homosexuellen Walter Schmidinger, genannt Tim, zusammenarbeitet. Ihre Ehe ist desolat und von Kompromissen geprägt. Beide scheinen sich immerzu aus dem Weg zu gehen. Zu Beginn gesteht Peter seinem Psychiater (Martin Benrath) er verspüre Mordgelüste seiner Frau gegenüber. Dieser versucht ihm die Phantasien auszureden. Als Peter im Gehen begriffen ist, belauscht er ein Gespräch zwischen seiner Frau und dem Psychiater, die offensichtlich eine Affäre haben. Von Tim erhält Peter die Adresse der Prostituierten Katharina, genannt Ka.
Die letzten Szenen zeigen die Analyse des Psychiaters, der Peters unterdrückte Triebe für die Tat verantwortlich macht und Peter in seiner Zelle, der vollkommen in sich zurückgezogen lebt.

Aus dem Leben der Marionetten ist eine deutsch-österreichischer Film, den das ZDF für die Reihe "Das kleine Fernsehspiel" produziert hat. Die Schauspieler stammen hier wieder vorwiegend aus seiner Theatertruppe vom Münchner Residenztheater. Für Robert Atzorn war dies übrigens auch sein Spielfilm Debut.
Bevor man überhaupt auf die Figuren und das Thema des Films kommt, bemerkt man vor allem eins, daß dieser Film in seiner gesamten Ästhetik nicht nur wunderschön gefilmt ist, er erinnert in seiner überbelichteten Schwarz/Weiß Stilisierung sehr an Bergmans Phase der 60er Jahre. Ganz besonders an Persona. Überhaupt könnte man fast meinen dies sei ein typischer schwedischer Bergman Film. Man hat hier zwar nicht die typischen Bergman Schauspieler aber die Inszenierung der Gesichter, der Dialoge sind äußerst konzentriert. Ein kleiner Bergman, der hier sein deutsches Theaterensemble zu großartigen Leistungen brachte.

Interessant ist ersteinmal die Tatsache, dass Bergman hier, nach eigenen Aussagen, die Geschichte des Ehepaars Katharina und Peter aus Szenen einer Ehe verfilmen wollte, dort dargestellt von Bibi Andersson und Jan Malmsjö. Was wir hier allerdings sehen ist kein Film über eine Ehe sondern der eines Zustands, was ihn eher in die Nähe eines Films wie Das Schweigen rückt.

Die Welt, die Bergman hier zeigt ist grau, weiß und leblos. Die Personen die in ihr Gefangen sind ebenso. Sie existieren aber leben nicht, so als ob sie in einem Programm gefangen wären aus dem sie nicht ausbrechen können.
Der schwule Tim, der mit Katharina in der Modebranche zusammenarbeitet und schon länger mit ihr befreundet, ist die einzige Person, die mit sich hadert und reflektiert. In einer Szene wird dies zusätzlich noch durch einen Spiegel symbolisiert in dem er seine Vergangenheit mit der Gegenwart konfrontiert und von seinen Gefühlen erzählt. Während Katharina vollkommen abwesend ist, überschreitet Tim hier eine Grenze, zu der die anderen keinen Zugang haben, da sie nicht fähig und zu ermattet sind.
Aber auch Tim ist ein Gefangener seiner Selbst. Im Gegensatz zu den anderen hat er allerdings ein Bewußtsein und weiß wie es sich anfühlt zu leben. Als Tim Katharina seine Hand gibt und sie fragt :"Spürst du das?" antwortet sie :"Ja, aber ich spüre nicht, das du es bist." Tim spricht mit einer Toten, die sich aus Angst vor dem Leben in ständiger alkoholischer Betäubung befindet.

Diese Angst sitzt auch bei Peter tief, so tief das eine Analyse für die Ursachen dieser Angst vollkommen zwecklos ist. Die angebliche Hilfe des Psychiaters ist von oberlächlichem Zynismus und phrasenartigen Diagnosen geprägt.
Peter und Katharina sowie alle anderen bewegen sich wie leblose Körper innerhalb ihrer abgesteckten Grenzen, ihrer Möglichkeit beraubt dies auf impulsive Art zu ändern, ohne jegliches Bewußtsein ohne wirkliche Verbundenheit ohne Vergangenheitsgefühl.
Dieser Zustand ist es der stark an die 60er Phase erinnert.
Was die Vergangenheit von Peter Egerman angeht so zeigt uns der Film in seinem mosaikartigen Aufbau innerhalb der rückblickenden Interviews und Vernehmungsprotokolle eine Vergangenheit die durch den Aufbau des Films als bruchstückhaft dargestellt wird.
Eklatant die letzte Szene des Films in der Peter Egermann vollkommen in sich zurückgezogen in seiner Zelle gezeigt wird und sich bei ihm in Form eines Teddybärs vorsichtig die Reflexion seiner Kindheit zeigt. Als nicht mehr funktionierende Marionette ist diese von der Gesellschaft als gestört bezeichnete Form des Daseins aber auch nur eine Weiterführung seines bisherigen leeren und ebenso gestörten Lebens als Geschäftsmann. Peter Egermann hat nachwievor keine Kontrolle über sich.
Die Vergangenheit ergibt bei Bergman immer im Zusammenhang mit dem Unterbewußten den Lebensstrang der sich im Hier und Jetzt bildet. In einer Schlüsselszene des Films (siehe Screen Shot oben) sieht man innerhalb einer der zwei Traumszenen des Films Peter und Katharina aus der Vogelperspektive wie Marionetten hilf und leblos nebeneinander liegen.
Weiß ist das Nichts. Form und Inhalt decken sich zu 100%.
Interessant ist hierbei die Wahl der Farbe zu Anfang und zum Ende des Films, welche laut Anekdoten eher zufällig gewählt wurde, da Bergman den Film komplett in s/w drehen wollte aber vom ZDF angehalten wurde, das dies die Zuschauer an den Geräten verschrecken würde. Man könnte ja annehmen das TV-Gerät sei kaputt.
Die Farbe kommt am Anfang und Ende zum Einsatz als Peter die Prostituierte Ka tötet. Ein Impuls, der innerhalb der Traumszene von seinem Unterbewußtsein ausgelöst wird und sich in der Realität im Gegenstück von Katharina kanalisiert. Ka ist die einzige die in dieser Welt normal ist, die gesund ist in ihrem Empfinden und in ihrem Bewußtsein. Das komplette Gegenteil zu allen Figuren des Films. Ein Geniestreich diesen Ausbruch wiederum als Gegenteil zum leblosen s/w zu drehen.

Aus dem Leben der Marionetten besitzt zwar nicht die Wucht und auch nicht die surreale Sprengkraft der 60er Jahre Filme, die Themen im Zusammenspiel mit der Ästhetik machen aus ihm allerdings eine kleine Perle. Eine wahre Entdeckung.

8/10

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Berlinale 2015 No. 2


Eine Woche Berliner Filmfestspiele Part 2
(Part 1 : HIER)

Mittwoch
Den Mittwoch verbrachte ich komplett im Zeughauskino mit 3 Filmen aus der glorreichen Technicolor Ära.
Zuvor noch kurz ein Snack nebenan im Museumscafé und dann ging es schon um 16.30 mit dem ersten Film los. Gezeigt wurde Scaramouche von George Sydney aus dem Jahre 1952. Den Film meine ich das letzte Mal im Alter von 10 Jahren gesehen zu haben. Scaramouche mit Stewart Granger (wie immer der galante Frauenheld), Janet Leigh (zum zweiten Mal nach The Naked Spur mit sensationell tiefem Ausschnitt), Eleanor Parker (diese feuerroten Haare !) und Mel Ferrer als Grangers Gegenspieler der Marquis de Mayne. Der Film würde ein feines Double Feature mit dem japanischen An Actors Revenge ageben. Auch hier wird Rache genommen mit den Mitteln des Schauspiels. Überhaupt ist Scaramouche ziemlich tricky, bietet er gegen Ende einen schönen Plottwist mit dem man nicht unbedingt rechnet und refelektiert nebenbei das Swashbuckler/Mantel-Degen Genre ansich. Das hätte ich so gar nicht mehr auf dem Schirm gehabt. Schön auch, dass unser Held hier erst seine Skills lernen, ja im Grunde in seine Rolle wachsen muß, was durchaus zweideutig gemeint ist. Scaramouche ist witzig, spannend und aktionsreich und äußerst farbenfroh. Habe ich schon die unglaubliche Qualität der Kopie gelobt ? Nein ? Grandios. 8/10
Grandioser sollte es aber doch noch werden. Nach dem Film mußte ich leider das Kino verlassen um mich just wieder in die Schlange einzureihen und noch schnell ein Brot im Stehen zu verschlingen. Denn nun wurde der Film gezeigt, wegen dem ich allein schon fast das Bahn Ticket gekauft habe.

Duel in the Sun aus dem Jahre aus dem Jahre 1946 von King Vidor (was eigentlich quatsch ist, da man hier, ähnlich wie bei Gone with the Wind von einer reinen Selznick Produktion sprechen kann, die insgesamt 6 Regisseure verschlissen hat, Selznick selber, der einige Szenen drehte, nicht miteingerechnet). Seit ca. 25 (!!!) Jahren will ich diesen Film sehen. Seit ich als kleiner Pöps in der öffentlichen Bücherei damals in einem Filmbildband blätterte, der Farbfotos aus eben jenem Film beinhaltete , will ich Duel in the Sun sehen. Angeheizt wurde ich vor einigen Jahren noch durch Martin Scorsese, der innerhalb seiner American-Film Doku von ihm schwärmte, ja diesen Film geradezu anbetete. Meine innere Spannung wurde zudem noch mehr aufgeheizt als der Film im dunklen Saal von einer knapp zehnminütigen Ouvertüre eingeleitet wurde bevor sich der Vorhang öffnete und die strahlenden Technicolor Farben sich auf mich ergossen. Was man in Duel in the Sun für die nächsten 2 1/2 Stunden erlebt ist kaum in Worte zu fassen. Nicht nur das es sich hier um ein großes Familien-Wildwest-Epos handelt, ich traute meine Ohren und Augen kaum was in diesem vor Hitze flirrendem Film alles verhandelt wird : Rassismus und Rassenmischung, Brudermord, Ehebruch, Zivilisationsproblematik und und und. Nebenbei steckt in der Amour-Fou recht deutlich Carmen von Bizet und überhaupt ist dieser Film purster Sex sowie libidinös aufgeheizte Leidenschaft. Der Film ist vollkommen megalomanisch ! Am Ende blieb mir dann tatsächlich der Mund offen stehen. Eros und Tod auf einer Linie. Das sind die zwei großen Themen dieses Hammer-Films ! 10/10 und ganz schnell auf BR !

Im Anschluß an Duel in the Sun gab es dann noch einen richtigen Vidor Film. An American Romance aus dem Jahre 1944.
Laut King Vidor ist dies der abschließende Teil seiner großen amerikanischen Trilogie War, Wheat & Steel. Beginnend mit The Big Parade, weiterführend mit Our Daily Bread bildet An American Romance den letzten Teil, der damals von MGM um eine halbe Stunde gekürzt wurde, worüber Vidor sehr enttäuscht war, da das Studio die menschlichen Aspekte der Story zusammenschnitt.
Der Titel An American Romance meint in diesem Falle, eine Romanze mit seinem Land. Der Film ist die zweistündige Aufsteigergeschichte eines armen tschechischen Immigranten, der vom einfachen Arbeiter im Tagebau übers Stahlwerk hin zum Automobilpionier und am Ende mit Eintritt in den zweiten Weltkrieg in der Flugzeugbranche Erfolge feiert. Die Geschichte vom amerikanischen Traum, vom einfachen Mann, der seine Kinder nach Präsidenten benennt, dem eine gutmütige und warmherzige Frau zur Seite steht und der wie ein besessener nach oben will. Das ist gar nicht so naiv, wie es sich zuerst lesen mag. Ich wartete bei all dem Aufstieg auf den Vidorschen Moment, der schon in The Crowd und The Big Parade vorhanden ist, indem der Film auf einmal um 180 Grad kippt. Das tut er hier nicht bzw. kann man ihn eher erahnen. Selbst als einer seiner Söhne im ersten Weltkrieg stirbt geht das Leben weiter, kommt die Arbeit, der Stahl zuerst und dann die Familie. Einen Bruch gibt es dann trotzdem noch als kurz vor dem Ende sich sein eigener Sohn innerhalb der Firma gegen ihn, den Patriarchen, richtet, der die Arbeiter organisieren will. In diesen Szenen nimmt der zuvor sonst so leichte und auch witzige Film, dunkle Züge an. Interessant ist dann auch das Ende des Films. Eigentlich schon in Kalifornien im Ruhestand, die Haare ergraut, kommt die Zeitungsmeldung der Bombardierung Pearl Harbors und der Geschäftsmann Amerikas tut, was er tun muß : Er baut Flugzeuge ! Das Ende kann man patriotisch sehen, man kann aber auch sagen, dass dies ein Paradebebeispiel des amerikanischen Pragmatismus darstellt. King Vidors zweistündiger Film wäre sicherlich ein besserer und auch ein verständlicherer, hätte man ihn so gelassen. Man spürt aber diesen Film dennoch und auch so ist An American Romance mit seinem knalligen Technicolor, seinem Witz, seinen wahnsinnigen Dokumentaraufnahmen direkt aus der Maschinerie ganz großes amerikanisches Kino. 8-9/10

Donnerstag
13 Uhr Zoo Palast Wettbewerbsbeitrag. Eisenstein in Guanajuato. Der erste Greenaway seit Nightwatching von 2007 wurde von mir durchaus auch mit Spannung erwartet. Enttäuscht worden bin ich nicht. An seine große Schaffensphase aus den 80er und 90er Jahren kann er allerdings nur bedingt anschließen. Was mich vor allem gefreut hat ist die Tatsache, dass Greenaways Film über Sergei Eisensteins Tage in Mexiko weder ein Biopic im üblichen Sinne geworden ist, noch ist es ein Film über die Dreharbeiten seines unvollendeten Que viva Mexico !. Nein, es ist ein typischer Greenaway geworden der vor allem zwei große Greenaway Themen ins Auge fasst : Sex und Tod. Vor allem Sex. Schwule Erweckungsreise stand in der taz oder wars die Zeit !? Na egal, jedenfalls passt das ganz gut wobei ich das als eine rein sexuelle Erweckungsreise im physischen Sinne auffassen würde. Der Film ist nicht nur vulgär, er ist eine echte Sause. Ich hab mich jedenfalls köstlich amüsiert. Was das szenische anbelangt so bringt uns Eisenstein, äh, Greenaway die Eisensteinsche Montage nahe indem er sie nahtlos ins Bild fügt sowie das Bild auch immer wieder auseinandergerissen wird um dann später ganz zum Greenawayartigen Tableau zu werden. Das ist Filmgeschichte und Kunst zugleich in Form einer großen Party. Allerdings kann auch dies nicht ganz ohne biografische Narration vonstatten gehen und dies sind dann auch die Schwachpunkte, wie ich finde, da es dann immer ein bißchen langweilig wird. Man darf aber gespannt sein, wie es mit Greenaways Eisenstein weitergeht. Der Mann ist ja produktiv wie nie zuvor. Sein nächster Film über den Bildhauer Brancusi ist schon in der pre-production und dann solls mit dem zweiten Eisenstein Film weitergehen. Sex und Tod. Schön dem nach Duel in the Sun auf diese Art wiederzubegegnen. 7/10

Danach gings ins Cinemaxx. Wieder Sichtung zu dritt. Auf dem Programm stand mein dritter Sektion Generation14+ Film. Gezeigt wurde der franko-kanadische Corbo. Der Film spielt im Kanada der 60er Jahre, als in der Provinz Québec sich im Untergrund radikale Kräfte formieren, die als Front de libération Bombenanschläge verüben um mit millitanten Mitteln die Abspaltung von der englischsprachigen Minderheit Kanadas herbeizuführen. Nach der in Frankreich benannten Corbo Affäre erzählt der Film die tragische Geschichte des 16jährigen , aus einer italienischen Einwandererfamilie stammenden, Jean Corbo, der sich radikalisiert und so einer Gruppe anschließt, die Jugendliche für ihre Zwecke missbraucht. Aus einem spannenden Thema macht der Film leider nichts. Äußerst konventionell und nach Schema F mit wenig Einfällen schildert der Film die Geschichte von Jean Corbo, dessen Darsteller seiner Figur keine wirkliche Glaubwürdigkeit einhauchen kann. Da ist leider nichts außer langweiliger Geschichtsunterricht. 4/10

Als nächstes zu dritt nach Neukölln ins Passage Kino. Nein, kein Berlinale Film. Wir alle dachten aber, daß der neue Film von Paul Thomas Anderson, wenn schon nicht im Wettbewerb dann doch wenigstens außer Konkurrenz oder als Special Screening gezeigt wird. Da Inherent Vice während der Berlinale anlief also eine passende Gelegenheit um ihn sich zusätzlich zum Festival Programm in der OMU anzusehen. Um es ganz kurz zu machen. Ich kenne die Roman Vorlage nicht, hab ihn aber hier in deutscher Übersetzung schon liegen. Soll ja der leichteste Pynchon sein, wie man so hört. Was ich aber wohl sagen kann, ist die Tatsache, obwohl ich den Roman nicht kenne, zieht der Anderson seine Verfilmung ganz straight durch. Der Film ist total gaga. Von vorne bis hinten. Der narrative Strang ist so verschlungen und von undurchdringlichen Dope Schwaden umnebelt, wie Doc Sportellos Gehirn uns dies glaubhaft machen will. Nach nur 15 Minuten Film bin ich aus jeglicher Nüchternheit ausgestiegen und in dieses verquarzte Etwas eingestiegen. Joaquin Phoenix hab ich ja schon immer für nen ganz großen gehalten. Das klingt immer doof aber ich wüßte wirklich niemand anderes als diesen Mann für diese Rolle. Großes, drogiges Kino ! 8/10

Freitag
Treffen mit Settembrini bei Dussmann. Kurz was beim Bäcker geholt und dann vor die Tore des Folterpalastes gestellt. Ziemlich früh sogar. Wetter war top und wir hatten einiges zu beschnacken. Um 14.20 Uhr dann Einlass. Sofort rein und gleich in die Reihe mit Beinfreiheit, da was anderes für mich nicht in Frage gekommen wäre. Gezeigt wurde im Wettbewerb der neue Film von Terrence Malick, Knight of Cups, den ich übrigens auch mit Spannung erwartete. Settembrini sagte nach dem Film diesen schönen Satz :"Einst war Malick ein lyrischer Erzähler, nun ist er vollständig ein Lyriker geworden." Das trifft es recht gut wie ich finde. Jedenfalls spaltet Malick seit seinen letzten 2 Filmen, wie kaum ein anderer Regisseur der Gegenwart. Er macht dort weiter wo er mit To the Wonder aufgehört hat wobei Knight of Cups inhaltlich seinem Tree of Life näher steht. Aus Sean Penn ist nämlich Christian Bale geworden, der als Knight of Cups, der Tarotfigur, die von einer vollkommenen Langeweile heimgesucht wird, Los Angeles durchstreift auf einer existenziellen Reise, auf der Suche nach sich selbst, nach Liebe, nach den Flügeln, die den Menschen abhanden gekommen sind, wie es am Anfang heißt. Das ist dann hier auch der erste wirklich urbane Malick Film, den er gedreht hat. Waren in Tree of Life und To the Wonder die Innenräume oft auch Räume, die von der Natur durchdrungen waren, spielt dieser hier vollständig in der Großstadt in der die Elemente erst gesucht und gefunden werden müssen. Christian Bale ist in der Filmbranche und streift durch leere Studiolandschaften, Cocktailpartys auf denen das Geschwätz nicht zu hören ist, durch Stripclubs und andere Partys mit einem leeren Ausdruck, welcher druch die Bilder, die immer ins Leere laufen nur noch verstärkt wird. Ja und was sind das für Bilder. Meine Güte ! Insgesamt kann man von einem wahren Bilderrausch sprechen, der auf einen niederregnet. Die Kamera durchfliegt diese Sphären ebenso wie die Frauen, die Malick begegnen wieder tänzeln und blicken. Dann immer wieder Wasser, welches am Meer aufgesucht wird und in das im Pool gesprungen wird. Wasser ist Materie es ist fühlbar in einer Welt in der nichts mehr wirklich gefühlt werden kann. Wie schon in seinen letzten 2 Filmen und eigentlich schon ab The Thin Red Line radikalisiert Malick seine Bildsprache, die immer fragmentarischer gleichzeitig aber auch assoziativer wird. Es ist der Blick auf universelle Konzepte, die sich auf keine dramatischen Einzelkonflikte mehr herunterbrechen lassen bzw. aus dem Einzelnen wird auf das Ganze geschaut und es geht wie es in allen Malick Filmen darum geht, es geht um Liebe. Flüsternde, raunende, fragende innere Stimmen. Narrativer Dialog ist hier kaum noch vorhanden. Man darf hier nicht suchen, man muß sich ergeben, diesem puren Kino. 8/10

Danach waren wir noch kurz was futtern und fuhren gemeinsam zum Potsdamer Platz wo sich unsere Wege auch wieder trennten. Auf mich wartete der nächste Film. Diesmal wieder aus der Retrospektive. This Happy Breed von David Lean. Ein sehr früher Lean aus dem Jahr 1944. Der zweite um es genau zu sagen und noch genauer, ist es der erste Lean in Eigenregie. Der Film basiert auf einem Stück von Noel Coward, der mit Lean ja Anfangs oft zusammenarbeitete und den Film auch produzierte.Erzählt wird in zurückhaltendem Technicolor die Geschichte der britischen Mittelklassefamilie Gibbons, die nach dem ersten Weltkrieg ein Haus bezieht welches sie bei Ausbruch des zweiten Weltkriegs wieder verläßt. Der Film, der fast ausschließlich ganz stageplay like, in Innenräumen spielt blickt auf das kleine einfache Leben, welches sich mit allem was dazugehört zwischen den zwei großen Kriegen abspielt. Liebe, Hochzeit, Gewohnheiten, Alter, Tod, Patriotismus werden hier immer im leichten Ton und mit viel britischem Understatement wiedergegeben. Das ist nett und immer amüsant und auch recht ehrlich. Der Film hat zwar noch nicht die Kraft der folgenden Lean Filme weiß aber durch seine exzellente Schauspielerriege zu überzeugen. Allen voran Celia Johnson, die hier kurz vor Brief Encounter, die Mrs. Gibbons gibt. Meine Güte, was für eine tolle Schauspielerin. 7/10

Danach gab es dann mit 600 Millas den letzten Film meiner diesjährigen Berlinale der im Panorama Special lief. Wieder Sichtung zu dritt. 600 Millas ist das mexikanische Debut des Regisseurs Gabriel Ripstein, der dieses Jahr auch mit dem Preis für den besten Erstlingsfilm bedacht wurde. In 600 Millas geht es um einen jungen Mexikaner der für ein Drogenkartell Waffen von Arizona nach Mexiko schmuggelt. Er tut dies mit Hilfe eines anderen White Boy, der ihm ganz legal die Waffen, die sie brauchen, besorgt. Da geht der Film ganz dokumentarisch vor und zeigt zunächst wie einfach es ist sich in den Staaten Handfeuerwaffen zu kaufen. Bei dem Besuch einer Waffenmesse geht draußen auf dem Parkplatz dann aber doch was schief. Durch Zufall wird ein Bundesagent (Tim Roth, der den Film auch mitproduziert hat) der ATF (Firearms and Explosives) auf sie aufmerksam. Als er zuschlagen will, macht er allerdings ein Fehler und wird vom White Boy überrumpelt. Der seinen mexikanischen Partner kurzerhand mit dem Problem im Stich läßt. Gefesselt und geknebelt geht s für Tim Roth nach Mexiko. Die zwei lernen sich ganz Roadmovie-artig kennen. Doch auf der anderen Seite von Mexiko kommt alles anders. 600 Millas war dann zum Schluß doch noch mal ne ziemliche Überraschung. Ein kleiner, feiner ultrazynischer Film ist das geworden der einen doch tatsächlich ziemlich überrumpelt und darüberhinaus einen ultrabitteren Kommentar über die Auswirkungen des Lebens an der Grenze abgibt. Friß oder Stirb. 7-8/10

Hat es sich dieses Jahr gelohnt ? Joa, schon. Man rennt halt nicht mehr mit Riesenaugen durch die Gegend weil alles so neu und aufregend ist. Den absoluten Knallerfilm habe ich dieses Jahr, jedenfalls unter den neuen Filmen, leider nicht gehabt aber soetwas hat man wahrscheinlich sowieso selten. Aber allein für Duel in the Sun hat es sich gelohnt und man muß natürlich auch sagen, dass man solche Filme auch nicht alle Tage auf so Riesenleinwänden zu sehen bekommt. Also es hat sich doch gelohnt. Nächstes Jahr vielleicht dann wieder. Naja mal schauen. Wobei.....ich glaub schon :)


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Berlinale 2015 No.1


Nachdem ich letztes Jahr so dermaßen angefixt wurde, muß ich sagen, daß sich dieses Jahr sehr schnell Ernüchterung einstellte. Woran das liegt kann ich gar nicht sagen. Die Vorbereitungen waren nicht mehr so nervenaufreibend wie letztes Jahr, nichtsdestotrotz gab es auch dieses Jahr wieder eine Handvoll Filme auf die ich mich echt gefreut habe.

Eine Woche Berliner Filmfestspiele Part 1

Also mal wieder von Anfang an : Samstag Mittag mit dem ICE nach Berlin. Der hatte schonmal 15-20 Minuten Verspätung. Kein Grund nervös zu werden. Kurz vor Berlin wurden es dann noch weitere 10 Minuten. Zudem bekam ich die Sms, daß der Nord-Süd Tunnel gesperrt ist. So langsam wurde ich dann doch nervös, da ich den ersten Film für 17.00 am Potsdamer Platz eingeplant hatte. Endlich am HBF ausgestiegen, schnell ein Wochenticket für die Öffis besorgt und dann zum Alex gefahren. Schlüsselübergabe. Um kurz nach 16 Uhr war ich dann in Pankow. Entweder einkaufen um für Sonntag was zum Frühstück zu haben oder schnell zum Potsdamer Platz um die Tickets zu holen und die Vorführung vom russischen Chaiki (The Gulls), Sektion Forum noch zu erwischen, den ich online schon gebucht hatte. Da ich schon so abgehetzt war, entschied ich mich doch fürs Einkaufen und ließ den Film sausen. Gemäßigt fuhr ich dann des Abends zum Potsdamer Platz um meine vorbestellten Tickets zu holen und mußte doch tatsächlich 15 (!!!) Minuten in der Schlange beim Online Ticket Schalter warten, da vor mir zwei Problemfälle standen, die mit ihren Programmen und Reisepässen rumfuchtelten. Oh, Mann, dachte ich nur. Das fängt ja gut an. Nachdem ich dann endlich meine Karten hatte verschlang ich noch den widerlichsten Gemüsewrap, den ich je gegessen hatte und machte mich dann auf in Richtung Friedrichstadtpalast

Samstag
Erster Film der Berlinale sollte dann Werner Herzogs Queen of the Desert werden, den wir dann zu dritt im Folterpalast in der ersten Reihe sahen. Es gibt ja Leute, die gerne in der ersten Reihe sitzen. Ich zähl mich da nicht zu aber da die Reihe mit der Beinfreiheit in der Mitte des Saals belegt war, nahmen wir das in Kauf, zumal man dort noch einen Tuck mehr Beinfreiheit hat als wenn man sich in die anderen Reihen quetscht. Zum Film : Erster Wettbewerbsbeitrag, den ich gesehen habe. Herzog schildert die Geschichte der Britin Gertrude Bell (Nicole Kidman), die es als gebildete junge Frau hinaus in die Wüste zieht. Zuerst nach Teheran, wo sie den Spieler Cadogan (James Franco) kennenlernt und sich verliebt. Als dieser stirbt unternimmt sie Forschungsreisen zu den arabischen Stämmen auf denen sie u.a. auch T.E. Lawrence (Robert Pattinson) kennenlernt. Die verschiedenen Stämme bewundern und verehren sie. Später wird sie maßgeblich an der Neuordnung des Nahen Ostens beteiligt sein. Was sich jetzt hier in dem kurzen Plotriss wie ein Epos liest, wird bei Herzog eher zu einer Karikatur dessen. Man kann den Film nicht wirklich ernst nehmen, sonst ist man tatsächlich heillos verloren. Die erste Hälfte ist mit seinen überkandidelten Dialogen ein Klischee-Schmachtfetzen sondergleichen. Da gibts viel zu lachen und eine (unfreiwillig) komische Szene reiht sich an die andere. Als der Film dann in die Wüste vordringt, blitzt dann auch hier und da mal der Herzog auf. Das fängt schon früher bei der Szene mit Franco und Kidman auf einem Turm an, wo die Kamera fasziniert auf Kadaver fressende Geier draufhält und setzt sich dann später in der Welt der arabischen Stämme fort. Das Problem des Films ist dann allerdings aber auch die Tatsache, das er nicht Fisch und nicht Fleisch ist, schwer einzuordnen, uns die Figur der Gertrude Bell nicht wirklich greifbar macht, das historische Epos auf Sparflamme hält und gleichzeitig aber dann doch auf Authentizität pocht und seine biografischen Stationen abhakt. Kurz : Das ist n Epos á la Herzog mit dem man seinen Spaß haben kann, da er sich einerseits der Mechanismen des langweiligen Biopics bedient und sich drüber lustig macht, dies aber nicht immer zu erkennen gibt. Anderseits gelingt es dem Film nicht dem etwas hinzuzufügen, da Herzog seinen Kitsch dafür schon ganz schön ernst nimmt und mit historischen Fakten langweilt. 4-5/10
Einziger Film am Samstag, danach brauchte ich ersteinmal n Glas Rotwein.

Sonntag
Da ich schon vorab den Sonntag umplanen mußte, begann dieser nun mit einem Film, den ich eigentlich gar nicht auf dem Plan hatte.
Umso schöner wenn man dann positiv überrascht wird. Der russische 14+ von Andrei Zaitsev aus der Sektion Generation 14plus ist eine wunderbare Lovestory zwischen einem Jungen und einem Mädchen irgendwo in einer russischen Hochhaussiedlung. Erste große Liebe wird hier mit tollen, sympathischen und ehrlichen Einfällen erzählt. Das ist süß, spannend und macht echt viel Spaß. Kein großer Film und auch hier wird teils auf Klischees zurückgegriffen, doch macht dieser Film dann doch einiges anders. Nett. Kann man sich durchaus ansehen. 6-7/10

Danach dann mein erster Film aus der diesjährigen Retrospektive Glorious Technicolor. Redskin aus dem Jahre 1929 von Victor Scherzinger, der im frühen Technicolor Verfahren III aufgenommen wurde. Zuerst gab es eine kleine Einführung von James Layton, einem der Autoren des begleitenden Buches zur Retrospektive aus dem George Eastman House. Zur musikalischen Untermalung des Stummfilms trug Gabriel Thibaudeau am Piano bei. Als historisches Artefakt für den Einsatz dieses frühen Verfahrens ist dieser Film auch durchaus interessant. Gegenüber der Welt der Indianer wird hier die Welt der Weißen, allerdings aus Kostengründen, in s/w dargestellt, was den kritischen Charakter des Films ziemlich gut unterstreicht. Erzählt wird die Geschichte des Indianers Wing Foot, der später von Richard Dix, dargestellt wird und als kleiner Junge seiner Famillie und seinem Stamm entrissen wird um in ein Umerziehungscamp gesteckt zu werden, wo er mit harter Strenge zu einem Weißen herangezogen wird. Trotz Sporterfolge erlebt er den Rassismus der Weißen auch als Erwachsener und zieht bitter enttäuscht wieder zu seinem Stamm, der ihn allerdings nun ebenfalls als Außenseiter stempelt. Im Exil findet er eine Ölquelle, die nicht nur seinen Stamm vor dem Untergang sondern auch vor einem Krieg mit einem verfeindeten Stamm retten kann. Diese muß erstmal mit Hilfe von weißer Seite gegen gierige Hände verteidigt werden. Achja und eine Liebesgeschichte gibt es natürlich auch noch. Der Film ist recht zwiespältig, da die Toleranz um die er wirbt nur mit Hilfe des weißen Mannes herbeigeführt werden kann. Nichtsdestotrotz zeigt der Film in seinen braunen Erdfarben ein fast dokumentarisches Bild von indianischem Leben und wirft auch einige kritische Fragen im Hinblick auf das Umerziehungsprogramm der Indianer auf, übt Kritik am vorherrschenden Rassimus und wirbt um Toleranz. Letzteres im Zusammenhang mit dem frühen Technicolor machte wohl auch den großen Erfolg des Films damals aus. 6/10

Danach raste ich wie ein Irrer aus dem Kino und legte einen echten Rekord hin um in 15 Minuten vom Potsdamer Platz zum Zeughauskino zu kommen. Um Punkt 22.00 sauste ich in den mäßig gefüllten Saal um mir Anthony Manns The Naked Spur anzuschauen. Ein Film den ich zwar schon zweimal gesehen hatte aber auch noch nie im Kino und noch nie im Original. Tja, was soll man da noch schreiben. Meisterwerk des psychologischen Westerns, welches nicht nur die Pforten zum Spätwestern aufstieß sondern auch schon kräftig den Italo-Western einleutet. In diesem Film gibts mal so gar kein s/w. Alle Charaktere sind zerrissen und zwiegespalten. Hier herrscht nur die Gier nach Geld und ein jeder ist korrumpierbar. Allein das Ende, so tragisch es auch letztlich ist, vermag einen winzigen Lichtblick aus dieser höllischen Reise zu geben. Ein absoluter Hammer in einer glänzend erhaltenen Kopie, was übrigens auf alle Filme zutrift, die ich in der Retro sah. Die stählern blauen Augen von Jimmy Stewart führen hier schnurstracks zu Ethan Edwards aus The Searchers. 10/10

Montag
Der Montag begann am frühen Nachmittag im Delphi. Gezeigt wurde in der Reihe Forum Special Screenings ein Film des japanischen Regisseurs Kon Ichikawa, der mir bislang unbekannt war, von dem ich aber gern mehr sehen würde.
Gezeigt wurde Yukinojo henge (An Actor´s Revenge) von 1963, welcher wiederum ein Remake eines Films von 1935 ist. Der Film, in Breitwand und knalligen Farben erzählt von einem Frauendarsteller des Kabuki Theaters im 19. Jahrhundert, der den Tod und den Ruin seiner Familie rächen will. 3 Männer sind für den Tod seiner Eltern verantwortlich. Mit viel List und Tricks sowie der Tochter einer dieser Männer, die sich in ihn verliebt, wird diese Rache innerhalb des Films vollstreckt und zwar mit den Mitteln des Kabuki-Theaters.
Dabei reflektiert der Film immer wieder das Schauspiel was sich auch in der Rolle von Kazuo Hasegawa spiegelt, der hier in einer Doppelrolle als Kabuki-Darsteller und als Dieb auftritt. Weiterhin verwebt der Film innerhalb seines vollends stilisierten Settings die Möglichkeiten des Theaters mit den Möglichkeiten des Films. Die Ebenen verschmelzen und ein trügerisches, gedoppeltes Spiel wird hier getrieben. Selbst auf der Soundebene treibt der Film diese Verschmelzung voran indem er immer wieder traditionelles mit Jazz paart. Ein unglaublich amüsantes Erlebnis. 8/10

Vom Delphi ging es dann erstmal wieder Richtung Cubix am Alexanderplatz. In der Reihe Berlinale Special wurde der neue Dokumentarfilm von Joshua Oppenheimer gezeigt. The Look of Silence schließt an The Act of Killing an und ist quasi die Fortsetzung. Bot er in seinem Erstlingsfilm den Tätern der Todeschwadrone, die in Indonesien mehr als eine halbe Million Menschen massakriert haben, eine Bühne geht es hier primär um die Opfer. Adi, dessen Bruder damals getötet wurde sucht die Täter und Drahtzieher auf und konfrontiert sie mit deren Taten. Doch alle zeigen sich vollkommen unbeeindruckt. Dabei werden wohl auch Szenen aus The Act of Killing gezeigt, ein Film den ich unbedingt nachholen muss, da dieser nun schon einen schweren Eindruck auf mich machte. Mit einer wahnsinnigen Feinfühligkeit geht dieser Film vor allem in seiner Inszenierung vor. Die Kamera begibt sich dabei auf Wahrheitssuche und wird nie voyeuristisch. Sie zeigt uns über das betroffen machen hinaus aber auch am Ende, was das Medium Film als Wahrheitssucher mit dem Betrachter macht. The Look of Silence denkt dann wahrlich über sich selbst nach und das ist schlichtweg grandios. 8-9/10

Vom Cubix wieder zurück ins Delphi. Gezeigt wurde Strange Victory von Leo Hurwitz, der wie Dalton Trumbo später auch auf der schwarzen Liste während der McCarthy Ära landete. Dabei ist dieser Film von 1948 weniger Dokumentar als mehr Essay-Film. In collagenartiger Form prasselt in schneller Schnittfolge Archivmaterial aus den letzten Tagen des Krieges kombiniert mit Bildern und nachgestellten Szenen, die den aufkeimenden und derzeitigen Rassismus in den USA zeigen. Über alldem ein Kommentar, der die USA als Siegermacht hinterfragt und klarmacht das die Ideen des besiegten Landes im Siegerland USA in Form von alltäglichem Rassismus und vorbestimmter Lebenslaufbahn für die schwarze Bevölkerung weitergären. Der Film ist ein einzigartiges Pamphlet gegen Rassismus und darüber hinaus in seiner filmischen Art schon eine eindrucksvolle Vorwegnahme dessen was der Dokumenarfilm ab den 60ern leisten sollte. Unbedingt ansehen ! 9/10

Dienstag
Am Dienstag dann wieder Programm zu dritt. El Club (Wettbewerb) von Pablo Larrain. In dem Film geht es um eine Gruppe von Priestern, die alle als nicht tolerabel und einsetzbar zusammen mit einer Ordensschwester, die ebenso eine dunkle Vergangenheit besitzt in einem kleinen Haus an der chilenischen Küste leben. Als ein neuer Ankömmling gebracht wird gerät die Idylle aus dem Ruder. Ein Mann steht vor dem Haus und konfrontiert den Neuen mit schweren Vorwürfen. Der Mann sei von dem Priester als kleiner Junge missbraucht worden. Als der Mann immer lauter und mehr ins Detail geht, geben ihm die anderen eine Waffe um ihn zu verscheuchen. Der Priester knallt sich allerdings den Kopf weg. Nach diesem Vorfall wird ein Ermittler der Kirche geschickt, der alle Anwesenden über ihre Vergangenheit und den Vorfall befragen wird. Hermetisch abgeriegelt in seiner Form steuert der Film auf sein Finale, welches doch sehr überraschend daher kommt, ich dem allerdings auch ein wenig zwiespältig gegenüber stehe, da ich nicht genau weiß wie ich diese harmonische Täter/Opfer Gegenüberstellung bewerten soll. Der Film kommt auf jeden Fall recht spannend daher und packt ein ziemlich heißes thematisches Eisen an, welches mit sarkastischem Witz nicht gedämpft wird sondern erst Recht so Richtig zur Geltung kommt. Nicht wirklich gut aber auch weit von einer Mittelmäßigkeit entfernt dafür ist der Film viel zu durchdacht.
6/10

Danach ging es dann vom Zoo Palast zurück ins Cinemaxx am Potsdamer Platz. Nach pädophilen Priestern schon wieder ein hartes Thema "Vergewaltigung unter Jugendlichen". Wir sahen Flocken, der in der Sektion Generation14+ auch den Preis der Jugend Jury holte. Irgendwo in einem klein Dorf im Norden Schwedens. Die Schülerin Jennifer beschuldigt den Mitschüler Alexander sie in der Schultoilette vergewaltigt zu haben. Polizei und Justiz gehen den Fall mit einer Gelassenheit an, die an Gleichgültigkeit grenzt. Derweil entspinnt sich im Dorf eine wahre Hasstirade, die sich nicht gegen den vermeintlichen Täter sondern gegen das Opfer, Jennifer richtet. Der Film kommt wie eine schwedische Antwort auf Vinterbergs Jagten daher, läßt den Zuschauer auch lange Zeit im Unklaren darüber ob die sexuell verwirrte Jennifer nicht doch nur Aufmerksamkeit erlangen wollte. Doch ist dies hier leider nur eine allzu konstruierte und auch unglaubwürdige Oberfläche, da schon sehr bald klar ist wer hier der Täter ist und der Film dennoch weiter rummäandert als wüßte man das nicht. Wie die Hasstiraden allmählich in die Familie eindringen und auch Tochter und Mutter entzweien, so das Jennifer am Ende allein dasteht ist schon klasse. Atmosphärisch springt der Film dann von seiner anfangs dichten Atmosphäre immer wieder um zur Langeweile, da man dem ganzen immer vielfach voraus ist. Dann doch lieber eine klare Täter/Opfer Perspektive wie in Vinterbergs Film. 5/10

Nach dem Film trennten sich unsere Wege wieder und ich fuhr zum Alex um mir im Cubix Mizu no koe o kiku (Voice of Water) von Masashi Yamamoto in der Sektion Forum anzusehen. Das war dann auch die erste und einzige Vollgurke des Festivals bei der ich mehrfach das Gefühl hatte, rauszugehen. Die Geschichte dreht sich um die junge Japanerin Minjong mit koreanischen Wurzeln, die als eine Art Fake-Orakel ihren Zuhören, meist aus Korea, Heilsversprechen gibt, die sie von ihrem Leid befreien sollen. Schon bald ist die Firma derart erfolgreich, das sie mit Geldern von gewitzten Geschäftsmännern aufgepumpt wird. God´s Water, wie die Sekte sich nennt, ist ziemlich erfolgreich. Doch da gibt es noch ihren armseligen Vater, der Schulden bei den Yakuza hat und diese bald in die Geschäfte der Firma mitreinzieht, was zu allerlei Komplikationen führt. Minjong besinnt sich unterdessen auf ihre Wurzeln, die bei ihrer Großmutter liegen, die in Korea eine echte Schamanin war und emanzipiert sich von der falschen Sekte.
Ein ansich interessantes Thema kommt hier in billigsten Digital Bildern daher, gefilmt in nahezu zwei Einstellungen und behandelt sein Thema auf unterstem Soap Niveau. Komisch ist das leider nicht gewesen, selbst die Yakuza Parts, die halt schon gewollte Parodie waren, nervten auf Dauer und der Grund für Minjongs Emanzipation wird auf naivste Weise dargelegt. Allein das Ende ist nett da es so nüchtern daherkommt. Der Look des Films macht aber auch dies zunichte. 3/10

PART 2


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Januar 2015 Alle Filme


* = keine Erstsichtung
(DC) = Directors Cut
(3D) = Mit Brille
(Kino) = im Kino gesehen
(short) = Kurzfilm


10/10 Große Liebe, Meisterwerk, mindblowing, Sternstunde
9/10 sehr, sehr gut, fabelhaft, exzellent
8/10 gut - richtig gut, nix zu meckern
7/10 gut, mit einigen Abstrichen
6/10 nja, ok, abgenickt, so lala
5/10 mittelmäßig mit einigen Momenten
4/10 mies mit wenigen Momenten
3/10 mies ohne Momente
2/10 Beschissen
1/10 Richtig beschissen
0/10 Sondermüll

Das Jahr 2015 fängt recht spärlich an. Einmal weil ich teils zu platt und beschäftigt war mit anderen Dingen anderseits habe ich natürlich auch eine Staffel Miami Vice mit 22 Folgen gesehen. Nichtsdestotrotz hier wieder frei nach pasheko und Bastro der Filmmonat in Listenform. Diesmal mit ein wenig Geschreibsel bei ausgewählten Titeln, welches ich nicht noch in den KK Januar Thread schmuggeln will.

Miami Vice (Season 1) 1984-1985 created by Anthony Yerkovich & executive produced by Michael Mann 9-10/10
siehe hier
Pickpocket 1959 (Robert Bresson) 10/10 * siehe hier
American Gigolo 1980 (Paul Schrader) 9-10/10 *
Light Sleeper 1992 (Paul Schrader) 8/10 *
The Walker 2007 (Paul Schrader) 5/10
Adam Resurrected 2008 (Paul Schrader) 7/10
Auto Focus 2002 (Paul Schrader) 7-8/10
En duva satt pa en gren och funderade pa tillvaron (Kino)
(Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach) 2014 (Roy Andersson) 7/10 siehe hier
The Counselor (Extended Cut) 2013 (Ridley Scott) 6-7/10 siehe hier
Malone 1987 (Harley Cokeliss) 7/10 siehe hier
Rolling Thunder 1977 (John Flynn) 8/10 siehe hier

The Exterminator (DC) 1980 (James Glickenhaus) 9/10
Absolut unverständlich wie dieser Film nur auf seine zahlreichen Gewaltspitzen reduziert werden konnte. Ja, der Film ist brutal sogar äußerst aber man kann Glickenhaus hier schon Glauben schenken dass er einen Film drehen wollte, der absolut nichts beschönigt. Überhaupt ist dies hochinteressant im Vergleich mit dem Vietnam Trauma in Flynns Film. In Glickenhaus´Film gibt es keinen Bruch zwischen den Welten sondern die Hölle geht nahtlos weiter. Das passiert schon am Anfang als der Helikopter in einem Schwenk aus der Dschungelhölle in die Großstadthölle fliegt. Gleichzeitig ist die Figur des Exterminators für den Zuschauer unglaublich irritierend da sie anders als im Selbstjustiz Film null stilisiert wird und die Gewalt zwar erruptiv aber total beiläufig daherkommt. Der Cop wird am Ende vom übergeordneten System ausradiert genau in der Sekunde als John Eastland ihm die Knarre mit den Worten "How does it feel to be a victim ?" reicht. "Washington will be pleased", tönt es dort von der Gegenseite. Der angeschossene Eastland strandet am Ufer der Statue of Liberty. Ein lakonischer Kommentar, der einen wahrlich fertigmacht sowie ein hochkomplexer Film der ungemein fordert.


Nachtgestalten 1999 (Andreas Dresen) 7-8/10
Die Polizistin 2000 (Andreas Dresen) 7/10
Halbe Treppe 2002 (Andreas Dresen) 6-7/10
Angeregt durch einen Freund, der mir Neues Deutsches Kino näher bringen will : 3 Frühwerke von Andreas Dresen die mir alle mal mehr mal weniger gefallen haben. Der Dresen nimmt seine Leute von der Straße verdammt ernst und macht mit ihnen leichtes Kino mit viel Tiefgang. Witzigerweise fand ich seinen großen Durchbruch Halbe Treppe am schwächsten, einfach deshalb da er mich zu sehr an deutsche Beziehungskomödie erinnert hat. Aber trotzdem : Kein schlechter Film.

Harms 2013 (Nikolai Müllerschön) 4-5/10
Deutscher Film die zweite. Harms hätte ein richtig schöner Genrefilm werden können. Leider ist er das nicht geworden da die Dialoge so schlecht sind als wären sie einem Klischee-Baukasten entsprungen. Die vermeindliche Authenzität, die der Film unbedingt rüberbringen will, geht dabei ebenso flöten. Axel Prahl wirkt nach den Dresen Filmen wie eine Parodie auf sich selbst und eben nicht echt wie in den Dresen Filmen und Lauterbach macht seine Sache zwar ganz gut aber den Mund mit falschen Dialogen auf. Schön wiederum ist der Anfang und wie er streckenweise in Ellipsen erzählt, allerdings gerät der Score oft auch aus dem Ruder. Nee, das geht bestimmt noch besser aber Danke an Bastro für die DVD :)

Undisputed 2002 (Walter Hill) 6/10
Weitere Hill Lücke mit diesem Box-Knast Film abgeschlossen. Solide und interessante Story mit ähnlichem Black-Cinema Anstrich mit dem schon Trespass versehen war. Ein wenig zu überkandidelt vom Stil und unpassend für Hill in der Inszenierung. In seiner Aussage aber ein typischer Hill Film. Alles in allem ganz ok.

Crossroads 1986 (Walter Hill) 8/10
Eine bisher ungesichtete Perle im Schaffen von Walter Hill.

J´ai tué ma mère (I killed my mother) 2009 (Xavier Dolan) 7/10
Den Erstling vom franko-kanadischen Wunderkind gesehen, dessen Filme weltweit abgefeiert werden wie nix. Siehe da : Obgleich der gewollt oder ungewollten stilistischen Referenzen (Wong-Kar Wai, Francois Truffaut, Godard) muß ich sagen, dass dies verdammt frisches und lustvolles Filmemachen ist. Dolan kloppt alles rein, was ihm gefällt und kennt dabei weder Scheu noch Grenzen. Auch wenn einiges nicht neu ist, wirkt es frisch und passend, schabt dabei allerdings auch immer an der Grenze zur Nervigkeit entlang, was seine narzisstische, von ihm in Persona, dargestellte Figur noch befeuert. Mir war das teils zu selbstdarstellerisch, zu hipster und auch zu gay. Was wiederum auch in der Natur der Sache liegt, denn all das ist dieser 17jährige um den es hier geht. Wie dem auch sei, ich will mehr von dem sehen.

Incompresa (Kino) (Missverstanden) 2014 (Asia Argento) 7-8/10
Gar nicht auf dem Plan hatte ich, dass Asia Argentos 3. Langspielfilm bei uns in Hannover lief. Also sehr spontan die letzte Vorstellung genutzt um mir diesen Film noch anzuschauen. Ich kenne die ersten 2 Filme von ihr nicht aber was man ersteinmal über diesen sagen kann ist : Er sieht verdammt gut aus ! Da hat Tochter Argento viel von Papa gelernt bzw. mit in diesen Film gebracht. Ich glaube stilistisch sehen die anderen 2 Filme von ihr ganz anders aus. Satte Farben, bunte Lichter, exzellente Perspektiven wie in einem frühen Film von Dario. Erzählt wird die Geschichte, aus Kindersicht, eines kleinen Mädchens das in Rom in den 80ern innerhalb einer dysfuntionalen Künstlerfamilie (Charlotte Gainsbourg, großartig, als herrische Mutter, Konzertpianistin, die Drogen und Alkohol zugetan, jeden Trend mitmacht und Gabriel Garko als Schauspielervater, der von der großen Charakterrolle träumt und vom Starruhm als Nebendarsteller in Tinto Brass Filmen zehrt). Die Eltern trennen sich sehr bald und die kleine Aria (nicht minder großartig : Giulia Salerno) pendelt zwischen Vater und Mutter hin und her. In dieser poppigen Anarcho-Farce läuten irgendwann die dramatischen Töne Sturm. Überhaupt bleibt einem oft das Lachen im Halse stecken, da das was Aria erlebt schon ziemlich brutal ist.
Ein wenig episodisch ist die Struktur des Films wie ein Treiben was durch Aria kanalisiert wird, was aber auch irgendwann ermüdend wirkt. Hier hätte die Struktur ruhig straffer sein können ebenso der Einsatz des Scores (Red Zebra, Störung, Japan, Misfits, the Penelopes, letztere spielen sich selbst), der mitunter ein wenig willkürlich wirkt. Dennoch : Lohnenswerter Film, allemal !
Wer sich hier ein Bild machen möchte :


Phantasm 1979 (Don Coscarelli) 8/10
Coscarellis surreales Alptraum-Verwirrspiel kann einem wirklich Kopfzerbrechen bereiten und in der Tat bin ich hier nicht wirklich schlau aus allem geworden. Doch kann ich eins sagen : Der Film baut eine dermaßen beunruhigende und angsteinflössende Atmosphäre auf, das mir teilweise die Nackenhaare empor standen. Ganz besonders die Tonspur zieht einen förmlich in den Film. Äußerst gruselig !

Manhunter (DC)
1986
(Michael Mann)
10/10 *
Zu Manhunter will ich eigentlich nix schreiben aber da ich noch kurz was zu Miami Vice schreibe, findet das eben hier unten seinen Platz. Nachdem ich recht vorschnell in der Hälfte der ersten Staffel aufgegeben hatte wurde ich zurecht von sicomastik angehalten doch ja weiterzuschauen und mich auf das Gesamtkonzept der Serie einzulassen. Wie man unschwer erkennen kann hat meine Bewertung nochmals einen deutlichen Sprung nach vorne gemacht, da ich nachdem ich das Gefühl hatte, die Serie würde durch leichte Folgen verwässert werden von einem Monolith überrollt wurde. Das wellenartige Konzept von Miami Vice geht vollends auf und zeigt zudem auch wie wichtig selbst die leichten Sprengsel innerhalb des Gesamtkonzeptes dieser dramatischen und existentiellen Charakteristik sind indem allerdings die harten Folgen so dermaßen durchschlagen, das man sich gut festhalten muß. Ich möchte hier auch nicht ausufernd werden, da man tatsächlich zu fast jeder Folge etwas eingehendes schreiben kann. Miami Vice ist ALLES was zu dieser Zeit im Free-Tv möglich und machbar war. Vollkommen State of the Art und zugleich Spiegel und Zerrbild sowie eingehendes Durchleuchten über das Leben innerhalb der Neon-Lichter. Immer wieder der Versuch angesichts dem was passiert, sein eigenes Ich nicht zu verlieren. Ein Paradebeispiel für die immerwährende Divergenz, ganz besonders bei Sonny Crocket, ist natürlich diese Szene hier am Ende des Pilots Brother´s Keeper :

Das langsame Drehen der Ferrari-Räder, die perfekte, schwarze Chrom Silhouette, die Schnelligkeit, die Rasanz, der Kick nachts auf den Straßen, die Gewißheit von einem Freund verraten worden zu sein, die Möglichkeit Tubb´s Erzfeind zu erwischen, die totale Verschmelzung und dann Stop an einer Telefonzelle über der in Riesen Neon Lettern Bernays Cafe hängt, ein Anruf in eine andere Dimension. Familie. "It was real, wasn´t it ?" Vergewisserung eines anderen Lebens doch da ist der Kick, der Kick auf der Straße IN THE AIR TONIGHT

Eine andere Szene in Nobody lives forever in der Sonny Crocket eine Liebschaft mit einer gut situierten Architektin hat, verdichtet diese Divergenz innerhalb eines 2 Minuten Videoclips und es ist KEIN Zufall, dass in dieser Episode Kim Greist diese Liebschaft spielt, die im gleichen Jahr in Michael Mann´s Manhunter die Frau von William Petersen gibt und wir in beiden Fällen Heartbeat von Red 7 hören, was sowieso nochmal klarmacht wie wichtig das Thema Pop-Musik als Bestandteil des Michael Mann Universums funktioniert.

Sonny Crocket muß sich entscheiden, gleichzeitig wird in Sekundenschnelle die Fahrlässigkeit, die seine amour ausgelöst hat im schnellen Gegenschnitt auf Tubbs und seinen Chief Castillo betont. Ebenso wie bei Manhunter die Divergenz von William Petersen betont wird, als er sich aus dem Dunkel blinzelnd in das schneidend helle Blau schält ist es hier der Heartbeat, verbindendes Element der die beiden zwischen die Ebenen stellt. Sonny muß bei aller Liebe erkennen, dass diese keinen Platz in seiner Welt hat. Ähnlich wie bei Petersen in Manhunter der sich erst von dem Schlund lösen muß um sein gewähltes Leben zu fühlen, zu begreifen. LISTEN TO MY HEARTBEAT ist dabei durchaus genauso zerrissen und zweigepolt.

Listen Bewertungen Michael Mann Asia Argento Xavier Dolan James Glickenhaus


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Dezember 2014 Alle Filme


Letzter Eintrag im Filmjahr 2014.

* = keine Erstsichtung
(DC) = Directors Cut
(3D) = Mit Brille
(Kino) = im Kino gesehen
(short) = Kurzfilm


10/10 Große Liebe, Meisterwerk, mindblowing, Sternstunde
9/10 sehr, sehr gut, fabelhaft, exzellent
8/10 gut - richtig gut, nix zu meckern
7/10 gut, mit einigen Abstrichen
6/10 nja, ok, abgenickt, so lala
5/10 mittelmäßig mit einigen Momenten
4/10 mies mit wenigen Momenten
3/10 mies ohne Momente
2/10 Beschissen
1/10 Richtig beschissen
0/10 Sondermüll


Taxi Driver 1976 (Martin Scorsese) 10/10 *
King of New York 1990 (Abel Ferrara) 8-9/10 *
The Funeral 1996 (Abel Ferrara) 9/10
Sono otoko, kyôbô ni tsuki (Violent Cop)1989 (Takeshi Kitano) 8/10 *
3-4 x jûgatsu (Boiling Point) 1990 (Takeshi Kitano) 8-9/10
Mission Impossible II 2000 (John Woo) 3/10
Brother 2000 (Takeshi Kitano) 7/10 *
Merry Christmas Mr. Lawrence 1983 (Nagisa Ôshima) 9/10 *
Bai ri yan huo (Black Coal Thin Ice / Feuerwerk am Hellichten Tage) 2014 (Yi´nan Diao) 7/10 *
Yoidore tenshi (Engel der Verlorenen) 1948 (Akira Kurosawa) 8/10
Ikiru 1952 (Akira Kurosawa) 10/10
Ikimono no kiroku (Bilanz eines Lebens) 1955 (Akira Kurosawa) 9/10
The Master 2012 (Paul Thomas Anderson) 8-9/10
Let there be Light 1946 (John Huston) 7/10
Men, Women & Children (Kino) 2014 (Jason Reitman) 2/10
Johnny got his gun 1971 (Dalton Trumbo) 5-6/10
Shock Corridor 1963 (Samuel Fuller) 10/10 *
Cross of Iron 1977 (Sam Peckinpah) 8-9/10 *
The Princess Bride 1987 (Rob Reiner) 8/10 *
The Neverending Story (US Cut) 1984 (Wolfgang Petersen) 6-7/10
The Boat that rocked 2009 (Richard Curtis) 6/10
Quo Vadis 1951 (Mervyn LeRoy) 7/10 *
Men in War 1957 (Anthony Mann) 8/10 *
Attack 1956 (Robert Aldrich) 9/10 *
The Angry Hills 1959 (Robert Aldrich) 7/10
Fanny och Alexander (TV-Langfassung) 1982 (Ingmar Bergman)10/10

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November 2014 Alle Filme


...und schon wieder ein Filmmonat vorbei. Frei nach pasheko und Bastro alle Sichtungen aus November in chronologischer Reihenfolge.


* = keine Erstsichtung
(DC) = Directors Cut
(3D) = Mit Brille
(Kino) = im Kino gesehen
(short) = Kurzfilm


10/10 Große Liebe, Meisterwerk, mindblowing, Sternstunde
9/10 sehr, sehr gut, fabelhaft, exzellent
8/10 gut - richtig gut, nix zu meckern
7/10 gut, mit einigen Abstrichen
6/10 nja, ok, abgenickt, so lala
5/10 mittelmäßig mit einigen Momenten
4/10 mies mit wenigen Momenten
3/10 mies ohne Momente
2/10 Beschissen
1/10 Richtig beschissen
0/10 Sondermüll


Tepepa 1969 (Giulio Petroni) 7/10
El Topo 1970 (Alejandro Jodorowsky) 9/10
Whatever Works 2009 (Woody Allen) 7/10
Panic Room 2002 (David Fincher) 7/10 *
Giù la testa (Todesmelodie) (Sergio Leone) 9-10/10 *
Viva Zapata ! 1952 (Elia Kazan) 9/10 *
The Woman in Black 2012 (James Watkins) 6-7/10
Rosetta 1999 (Jean-Pierre & Luc Dardenne) 9/10
Le silence de Lorna (Lorna´s Schweigen) 2008 (Jean-Pierre & Luc Dardenne) 8/10
Deux jours, une nuit (Kino) (Zwei Tage, eine Nacht) 2014 (Jean-Pierre & Luc Dardenne) 8/10
l´enfant (Das Kind) 2005 (Jean-Pierre & Luc Dardenne) 8/10
Amour (Liebe) 2012 (Michael Haneke) 9/10
La pianiste (Die Klavierspielerin) 2001 (Michael Haneke) 8/10
Sånger från andra våningen (Songs from the second floor) 2000 (Roy Andersson) 8-9/10
Du levande (Das jüngste Gewitter) 2007 (Roy Andersson) 8/10
Umberto D. 1952 (Vittorio De Sica) 10/10
Aus dem Leben der Marionetten 1980 (Ingmar Bergman) 8/10
El Cid 1961 Anthony Mann) 7-8/10
Miracolo a Milano (Das Wunder von Mailand) 1951 (Vittorio De Sica) 10/10
Dallas Buyers Club 2013 (Jean-Marc Vallée) 8/10
The Signal 2014 (William Eubank) 4/10
Godzilla 2014 (Gareth Edwards) 6/10
Evangerion shin gekijôban : Jo (Evangelion 1.01 : You are (not) alone
2007 (Hideaki Anno, Kazuya Tsurumaki, Masayuki) 6/10
Akira 1988 (Katsuhiro Ôtomo) 9/10 *
Les maîtres du temps (Herrscher der Zeit) 1982 (René Laloux) 8/10 *
Le planète sauvage (Der phantastische Planet) 1973 (René Laloux) 9/10
The Reflecting skin 1990 (Philip Ridley) 9/10 *
The Passion of Darkly Noon 1995 (Philip Ridley) 7/10 *
Jack the Ripper 1976 (Jess Franco) 8/10
E tu vivrai nel terrore ! L´aldilà (The Beyond / Über dem Jenseits) 1981 (Lucio Fulci) 8/10
I quattro dell‘ appocalisse (Verdammt zu leben – Verdammt zu sterben !) 1975 (Lucio Fulci) 9/10
Behold a pale Horse 1964 (Fred Zinnemann) 8-9/10
The Shooting 1966 (Monte Hellman) 10/10 *
Ride in the Whirlwind 1966 (Monte Hellman) 9/10
Interstellar (Kino) 2014 (Christopher Nolan) 5-7/10
2010 1984 (Peter Hyams) 6/10
Capricorn One 1978 (Peter Hyams) 8/10 *
Vampyros Lesbos – Die Erbin des Dracula 1971 (Jess Franco) 6/10
Sie tötete in Ekstase 1971 (Jess Franco) 7/10
Suspiria 1977 (Dario Argento) 10/10 *
Boyhood 2014 (Richard Linklater) 10/10 *

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Oktober 2014 Alle Filme


.... ein Monat vorbei und hier mal wieder frei nach Pasheko und Bastro alle Filmsichtungen des Monats.

* = keine Erstsichtung
(DC) = Directors Cut
(3D) = Mit Brille
(Kino) = im Kino gesehen
(short) = Kurzfilm


10/10 Große Liebe, Meisterwerk, mindblowing, Sternstunde
9/10 sehr, sehr gut, fabelhaft, exzellent
8/10 gut - richtig gut, nix zu meckern
7/10 gut, mit einigen Abstrichen
6/10 nja, ok, abgenickt, so lala
5/10 mittelmäßig mit einigen Momenten
4/10 mies mit wenigen Momenten
3/10 mies ohne Momente
2/10 Beschissen
1/10 Richtig beschissen
0/10 Sondermüll


Valerie a týden divu (Valerie – Eine Woche voller Wunder) 1970 (Jaromil Jires) 8/10
Under the Skin (Kino) 2013 (Jonathan Glazer) 8-9/10
Innocence 2004 (Lucile Hadzihalilovic) 7/10
Flandres (Flandern) 2006 (Bruno Dumont) 5/10
Twentynine Palms 2003 (Bruno Dumont) 6/10
Paradies : Liebe 2012 (Ulrich Seidl) 8/10
Paradies : Glaube 2012 (Ulrich Seidl) 7/10
Paradies : Hoffnung 2013 (Ulrich Seidl) 6/10
Der Ball (short) 1982 (Ulrich Seidl) 6-7/10
Models 1999 (Ulrich Seidl) 5/10
Ett hål i mitt hjärta (A Hole in my Heart) 2004 (Lukas Moodysson) 5/10
Vi är bäst ! (We are the best !) 2013 (Lukas Moodysson) 7/10
Out of the Blue 1980 (Dennis Hopper) 9/10
Colors 1988 (Dennis Hopper) 7/10
New Jack City 1991 (Mario Van Peebles) 4/10 *
Gone Girl (Kino) 2014 (David Fincher) 8/10
The Hot Spot 1990 (Dennis Hopper) 6-7/10
Zodiac (DC) 2007 (David Fincher) 8/10 *
True Detective (Season 1) 2014 (Cary Fukanaga) 8-9/10
Night and the City 1950 (Jules Dassin) 10/10 *
Blue Jasmine 2013 (Woody Allen) 8-9/10
The Descendants 2011 (Alexander Payne) 7/10
Wir Kellerkinder 1960 (Jochen Wiedermann) 9/10 *
Nachts wenn der Teufel kam 1957 (Robert Siodmak) 8/10
The Naked City 1948 (Jules Dassin) 8-9/10
Brute Force 1947 (Jules Dassin) 9/10
Les yeux sans visage (Augen ohne Gesicht) 1960 (Georges Franju) 9/10
Kill List 2011 (Ben Wheatley) 8/10
The Punisher 1989 (Mark Goldblatt) 8/10 *
Galaxina 1980 (William Sachs) 4/10
The Nest 1988 (Terenc e H. Winkless) 5/10
The Raven 1963 (Roger Corman) 8/10 *
Stoker 2013 (Park Chan-Wook) 7/10
The Big Easy 1986 (Jim McBride) 7-8/10
No Way Out 1987 (Roger Donaldson) 7/10 *
Absolute Power 1997 (Clint Eastwood) 6/10 *
Play Misty for me 1971 (Clint Eastwood) 8/10
The Sentinel 1977 (Michael Winner) 7/10
Halloween II 1981 (Rick Rosenthal) 6/10
Halloween II (DC) 2009 (Rob Zombie) 7/10

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Magical History Tour : Wir Kellerkinder (Hans-Joachim Wiedermann) BRD 1960


Wir Kellerkinder


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Die deutsche Vergangenheit ist unbewältigt. Der Innenminister ist sehr unzufrieden mit der deutschen Filmlandschaft und hat es sich in den Kopf gesetzt zur Eröffnung der Berliner Filmfestspiele einen Film über Hakenkreuz Schmierer, die auf frischer Tat ertappt werden, zu zeigen. Leider gibt es solch Material in Westdeutschland nicht. Die "Neue Deutsche Schau" beauftragt Reporter Kemskorn (Eckard Lux) und Kameramann Kenschke (Ralf Wolter) solch Film nachzudrehen, gegen entsprechende Bezahlung. Doch dies führt zu nichts, da niemand auch nicht für Geld ein Hakenkreuz an eine Wand malen will. Abends vor einem Jazzkeller treffen die Reporter dann aber auf Macke Prinz (Wolfgang Neuss) und seine Freunde Artur (Wolfgang Gruner) und Adalbert (Jo Herbst), die just im Keller am jazzen waren und gerade frisch aus der Klapsmühle kommen. Als sie von der Polizei überrascht werden, flüchten sie in den Jazzkeller. An diesem historischen Ort erklärt Macke den Herren von der Presse, warum er bereit war ein Hakenkreuz an die Scheibe zu malen. Eine Geschichte, die 1938 mit ihm als 11jähriger Pimpf im Jungvolk, in diesem Keller begann.

Wir Kellerkinder ist subversives und anarchisches Gold. Neuss reagierte mit diesem Film auf den kurz zuvor entstandenen Wir Wunderkinder von Kurt Hoffmann an dem er, zusammen mit seinem Partner Wolfgang Müller auch maßgeblich beteiligt war und denen es auch zu verdanken ist, dass Hoffmans Film durch die satirische Rahmung nicht vollends in die typischen Klischees deutscher Geschichtsaufarbeitung driftet. Ebenso wie der Hoffmann Film wirft Wir Kellerkinder einen Rückblick in die Jahre des Nationalsozialismus. Zuerst versteckt Macke den Kommunisten Knösel vor den Nazis, später nach dem Krieg versteckt er seinen Vater 4 Jahre lang vor der Entnazifizierung in der selben Kohlenkiste in der Knösel gelegen hat. Später wird er Knösel wiedersehen, wie der mit Büchern über seine Zeit im Osten Kohle macht und zwar im Westen. Im Osten treffen sie auch auf den alten Ortsgruppenleiter, einst ein strammer Nazi, der nun ein sozialistischer Theaterleiter ist und ausgerechnet mit Mackes Schwester verheiratet, die damals engagiertes Jungmädel war. Dazu kommt noch das Adalbert an einem HItler-Komplex leidet, da er durch sein Aussehen immer wieder mit dem Führer verwechselt wird und durch die entgegenkommenden Reaktionen "Damals war ja alles besser" jedesmal anfängt Reichsparteitagreden zu halten.
Neuss teilt hier ordentlich in alle Richtungen aus und zeigt in seiner satirischen und kabarettistischen Art, mit viel Baaliner Schnauze, wie schnell doch Ideologien zu wechseln sind. Angesichts der Tatsache, dass der deutsche Durchschnittsbürger im Grunde immer noch die gleichen Parolen parat hat, wie 20 Jahre vorher, kann man ja auch nur irre werden.

Aber wie sagt Neuss am Ende so schön, als der Kellerkinder-Film fertig ist, ihn aber niemand sehen will :

"Das sind wir Alle. Ein ganzes Volk auf Zelluloid. Ist das nun negativ oder positiv ?"


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9/10

Wolfgang Neuss Satire Nationalsozialismus Wirtschaftswunder DDR Ideologie Verdrängung Bewältigung Jazz Berlin Psychatrie Magical History Tour


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Ansikte mot ansikte (Von Angesicht zu Angesicht) SE/I 1976 (Ingmar Bergman)


Ansikte mot ansikte (Von Angesicht zu Angesicht) (Kino-Fassung)


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Die Psychiaterin Jenny Isaksson (Liv Ullmann) wohnt derzeit bei ihren Großeltern (Gunnar Björnstrand & Aino Taube), da das neue Haus, welches sie zusammen mit ihrem Mann (Sven Lindberg) gebaut hat, der ebenfalls Psychiater ist und sich beruflich in den USA aufhält, noch nicht bezugsfertig ist. In diesen Räumlichkeiten wird sie in Träumen, Erinnerungen und Halluzinationen von Bildern heimgesucht, die stark mit ihrer Kindheit, welche sie auch zum großen Teil bei ihren Großeltern verbrachte, verknüpft scheinen. Auf einer Party der Frau des Chefpsychiaters, den sie vertritt, trifft sie den Arzt Dr. Tomas Jacobi (Erland Josephson), der ihr offen und direkt erotische Avancen macht. Nach der Party gehen sie zu ihm nach Hause. Jenny, die sehr distanziert auf seine Avancen reagiert, lässt sich durch ein Taxi nach Hause fahren. Sie erhält einen anonymen Anruf, der sie in ihr ehemaliges, leerstehendes Haus lockt in dem sie eine ihrer Patientinnen, Maria, findet und zwei Männer, die sie belästigen. Nachdem einer versucht sie zu vergewaltigen, läßt er von ihr ab weil er sie zu "eng" findet. Als Tomas und Jenny sich nach einem Konzertbesuch wieder bei Tomas einfinden erzählt sie Tomas von dem Vorfall und erleidet einen Nervenzusammenbruch. Am nächsten Morgen bringt er sie zurück zur Wohnung ihrer Großeltern, wo sie für einige Tage entkräftigt in einen komatösen Schlaf fällt. Als sie eine Morgens nach dem Aufstehen wieder von den Bildern einer kalt blickenden, in schwarz gekleideten alten Frau heimgesucht wird, versucht sie sich mit Schlaftabletten das Leben zu nehmen. In der folgenden Traumsequenz findet sie sich mit rotem Kleid und Hut bedeckt in einem Haus wieder auf der Suche nach ihren Eltern. Ihre Großmutter liest eine Geschichte vor, die ihr Angst macht und auch die Frau in schwarz taucht wieder auf und bedrängt sie. Als sie erwacht, findet sie sich im Krankenhaus wieder. Tomas, der sie dorthin gebracht hat, weilt bei ihr. Während ihrer Genesung erlebt sie weitere Träume und Halluzinationen in denen sie u.a. ihre Eltern, die während eines Unfalls starben, zur Rede stellt, sich von Patienten angeekelt fühlt und ihnen Medikamente verschreibt, sich selbst in einem Sarg liegen sieht und diesen in Brand steckt oder die Stimme einer alten Frau hört, die droht sie zur Strafe in einen Schrank zu sperren.
Sie erzählt Tomas von ihrer Kindheit, vom frühen Tod ihrer Eltern, von ihrer Angst davor gezüchtigt und bestraft zu werden insbesondere von ihrer Großmutter. Während dieser längeren Unterredung hat Jenny einen heftigen Nervenzusammenbruch und durchlebt all ihre verdrängten Ängste. Als Tomas wegfährt, scheint Jenny sich wieder langsam zu erholen. Sie bekommt Besuch von ihrem Mann, der seine Arbeit aber nicht im Stich lassen will und nur für ein paar Stunden bleiben kann. Auch ihre Tochter (Helene Friberg), die zum ersten Mal allein ihre Ferien in einem Camp verbringt, besucht sie und hört sich schweigend an was ihre Mutter zu sagen hat. Jenny kehrt zu ihren Großeltern zurück. Ihr Großvater hatte einen Schlaganfall und ist nun total auf die Hilfe der Großmutter angewiesen. Als sie beobachtet wie der Großvater gepflegt wird kommt sie zu dem Schluß, dass die Liebe allumfassend bis in den Tod reicht. Sie ruft in der Klinik an und gibt Bescheid, dass sie bald ihre Arbeit wieder aufnehmen wird.


Ähnlich wie Szenen einer Ehe beruht auch Von Angesicht zu Angesicht, als Kinofassung, auf einem Tv-Mehrteiler. Wurde allerdings schon von Anfang an für die Kinoauswertung konzipiert. Die gesichtete Kinofassung ist somit um ca. 45 Minuten kürzer als die Tv-Fassung. Damit wäre der Knackpunkt bei dieser gesichteten Fassung auch schon umrissen, denn das die Kinofassung auf einer wesentlich längeren beruht, sieht man dem Film auch durchaus an.

Von Angesicht zu Angesicht versammelt unzählige Motive aus Bergmans Schaffen. Ein wahres Potpourri wird einem hier geboten und es ist wohl auch so, dass hier durch Liv Ullmanns Ausagieren einer Psychose, Bergmans Ängste auf der Leinwand förmlich ausbrechen. Thematisch angesprochen werden auch hier wieder die Themen : Angst vor dem Altern und vor dem Tod, die verdrängten Ängste der Kindheit, die in Form von alptraumhaften Erscheinungen hervorbrechen, das Hinterfragen der eigenen Identität, der Geschlechterrolle, der Schlüssel, der im verdrängten Unterbewusstsein liegt und die Anklage der Eltern.
Themen, die er auch filmisch aus bekannten Motiven seines Schaffens hier zusammensetzt.

Ersteinmal ist es aber der Film einer Psychose, einer Krise, einer Krankheit. Wir sehen eine selbst und pflichtbewusste Frau, im Leben stehend, die gleich zu Beginn, bei ihren Großeltern, von Halluzinationen heimgesucht wird indem sie in der Wohnung eine furchterregende, alte Frau in schwarz erblickt. Ihre Großmutter hat Jennys Zimmer mit alten Möbeln aus ihrer Kindheit eingerichtet. Ein weiteres Indiz für die Verdichtung, die nun immer mehr zunimmt. Durch ihre Beziehung zu Dr. Jakobi, der der Halbbruder von Jennys schwieriger Patientin Maria ist, merken wir, dass ihr gefestigtes Kontrollbewußtsein höchst labil ist und ihr selbstbestimmtes Leben, samt Liebhaber, der uns aber nicht gezeigt wird, äußerst brüchig. In den Szenen mit Jakobi merken wir, dass sie durch ihre permanente Angst vor jedweder Nähe, nichts im Griff hat obwohl sie so kontrolliert in Erscheinung tritt. Jacobi, dessen Figur innerhalb des Geschehens nicht näher umrissen oder erklärt wird, konfrontiert sie mit ihren sexuellen Bedürfnissen, die ihr Mann nicht mehr befriedigen kann, vor denen sie sich aber auch versteckt. Die freundschaftliche aber auch platonische Beziehung zwischen den beiden wird noch dadurch verstärkt, dass Jacobi sich im Gegensatz zu ihr total frei gemacht hat von seiner Vergangenheit und seine Bisexualität offen auslebt.
Hier ist der Arzt und dort die erfolgreiche Ärztin, die selbst zum Psychischen Pflegefall wird. Die versuchte Vergewaltigung von der sie nur Jacobi berichtet ist quasi der Auslöser für die kommende Krise, die sich schon langsam abzeichnet. Bevor es zu dieser Szene kommt, sehen wir, wie sie des Nachts ihren in der Wohnung umherirrenden Großvater beobachtet. Ein Ereignis welches sie verstört und beunruhigt zurückläßt.

Die Vergewaltigungsszene stellt Bergman in einer ziemlich kühnen, Distanz schaffenden Halbtotale dar.

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Die Szene ist eine weitere Konfrontation mit ihrem eigenen sexuellen Verhältnis. In der daraufolgenden Nacht als sie Jacobi von dem Ereignis plötzlich berichtet sagt sie :"Er versuchte in mich einzudringen und plötzlich verspürte ich das verzweifelte Verlangen, er möge es tun. Das seltsame war, so sehr ich auch wollte, konnte ich nicht. Ich war völlig verkrampft und trocken."
Bergman kratzt hier am Tabu von Unterwerfungsphantasien. Das anschließende Ausagieren und der Nervenzusammenbruch, den sie in Jacobis Schlafzimmer erleidet ist die logische Konfrontation mit diesem Vorfall sowie auch Konfrontation mit ihrer eigenen, verdrängten Sexualität.
Dass, das Problem wesentlich tiefer sitzt, manifestiert sich im anschließenden Selbstmordversuch, den Bergman in einer quälend, langen Einstellung, fast in Echtzeit, filmt. Liv Ullmann sagte, dass diese Szene für sie so intensiv war, da sie wirklich dachte sie würde auf diesem Bett sterben, was für sie auch dazu führte, dass sie sich irgendwann auch nicht mehr in der Lage dazu fühlte sich solchen Situationen mit Bergman auszusetzen.

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Das Tasten, der Finger an der Tapete als Vergewisserung der lebendigen Existenz, als Vergewisserung von Realität.

Bevor sie im Krankenhaus erwacht sehen wir sie in der ersten großen Traumszene des Films im dunklen Haus ihrer Kindheit in dem sie ihrer Großmutter, die schaurige Märchen vorliest, begegnet sowie der alten Frau aus ihren Halluzinationen.
Überbordernde Symbolik, die Farbe Rot in ihrer Gewandung, die Angst vor der Dunkelheit verstärken die Rauschhaftigkeit dieser Szenen.

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Als sie wieder zu sich kommt wacht Dr. Jacobi als ihr verantwortlicher Arzt und als Freund über sie. Sie wird erneut konfrontiert mit Dingen aus ihrer Kindheit, die in ihr hochkommen und sich manifestieren. Dies erlebt sie teils im Traum, teils im Wachzustand.
Innerhalb der nächsten Traumszenen , nutzt Bergman Motive aus früheren Filmen wie beispielsweise die Szene in der sie ihrem eigenen Tod gegenübersteht. Ein Motiv welches er schon in "Wilde Erdbeeren" nutzte. In einer weiteren Szene innerhalb dieses Traums reißt sie einer Patientin die Haut vom Gesicht was natürlich Assoziationen zu "Die Stunde des Wolfs" weckt genauso wie die Angst vor dunklen Schränken, die Bergman zuletzt auch in "Die Stunde des Wolfs" aufgriff. Alles Ängste, die sich natürlich auch in ihm selbst eingenistet haben.
Die Konfrontation im Wachzustand gehört mit zu den intensivsten Szenen des Films und wird durch das entblößende, schockierend nackte Spiel von Liv Ullmann verstärkt. Es ist auch der intime Blick dieser Passage, als wolle die Kamera die Dämonen der Kindheit austreiben. Jacobi fungiert dabei als helfende Hand, der sie innerhalb des Wachzustandes stützt und tröstet sowie in den Träumen leitet.

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Bevor sie am Ende nach dem Gespräch mit ihrer Großmutter über den Zusammenhalt, das Altern und den Tod zur Erkenntnis kommt, dass sie durch die Akzeptanz ihrer Ängste ihre Krise meistert, gibt es noch ein Gespräch mit ihrer Tochter in der die Tochter genauso reagiert, wie die Mutter als Kind reagiert hätte. Die Entfremdung ihrer Tochter gegenüber ist nicht mehr aufzuhalten.

Von Angesicht zu Angesicht ist obgleich der Vielzahl an Themen, die er anschneidet, in erster Linie ein Film über eine Krise, die im Unterbewusstsein, in der Verdrängung ihrer Kindheitsängste schlummert und sich im Wachzustand manifestiert. Das dies fließend ineinander übergeht hat Bergman schon häufig gezeigt. Am prominentesten in "Wilde Erdbeeren" aber auch hier zeigt er dies in teils faszinierenden Bildern und einer schonungslosen Offenheit, was das Durchleben ihrer Dämonen angeht. Dennoch bleibt hier vieles sehr vage und unschlüssig. Ob das nun der kürzeren Fassung zu Schulde kommt, die wie mein Mitstreiter meinte, noch mehr Traumszenen und Ausagieren enthalten würde, oder ob Bergman hier nicht ganz Herr der Lage war. zu viele Themen werden nur angerissen und nicht zu Ende geführt. Die Figur von Dr. Jacobi ist zwar wichtig bleibt aber dennoch schemenhaft. Der Ezählrythmus stimmt oft nicht und das Ende an dem sie durch die Verarbeitung ihrer Krise, der Konfrontation mit einer Nahtod Erfahrung und dem Blick auf das Alter, gestärkt aus dieser hinaustritt, wirkt wie ein Schalter den sie umlegt. Die Entwicklung hierzu ist zwar da, fügt sich aber nicht in den Film.
Vielleicht wollte Bergman hier durch Liv Ullmann auch nur seine eigenen Dämonen exorzieren und hat dabei ein paar Themen zuviel eingefügt. Zurück bleibt ein guter und sehenswerter aber wesentlich schwächerer Film, dem man durchaus ansieht, dass er großes verarbeiten wollte aber nicht alles erreicht. Falls die lange Version einmal zur Verfügung stehen sollte, dürfte eine Neubewertung und Sichtung jedenfalls unumgänglich sein.

7/10

Ingmar Bergman Sven Nykvist Liv Ullmann Erland Josephsson Krise Psychose KIndheit Verdrängung Geschlechterrolle Sexualität Vergewaltigung Wahnvorstellung Angst Traum Psychoanalyse


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September 2014 Alle Filme


Alle Sichtungen des Monats September.

* = keine Erstsichtung
(DC) = Directors Cut
(3D) = Mit Brille

Les quatre cents coups (Sie küßten und sie schlugen ihn) 1959 (Francois Truffaut) 9/10 *
Antoine et Colette (short) 1962 (Francois Truffaut) 8-9/10
Baisers volés (Geraubte Küsse) 1968 (Francois Truffaut) 8/10
12 years a slave 2013 (Steve McQueen) 9/10 *
The color purple 1985 (Steven Spielberg) 5/10 *
Domicile conjugal (Tisch und Bett) 1970 (Francois Truffaut) 10/10
L´amour en fuite (Liebe auf der Flucht) 1979 (Francois Truffaut) 7/10
L´effrontée (Das freche Mädchen) 1985 (Claude Miller) 7/10
La petite voleuse (Die kleine Diebin) 1988 (Claude Miller) 8/10
Maps to the Stars (Kino) 2014 (David Cronenberg) 7-8/10
The Grand Budapest Hotel 2014 (Wes Anderson) 7-8/10
All about Eve 1950 (Joseph L. Mankiewicz) 9/10
The Big Knife 1955 (Robert Aldrich) 8/10
Ninotchka 1939 (Ernst Lubitsch) 10/10
Irma la Douce 1963 (Billy Wilder) 8-9/10 *
10 Rillington Place 1971 (Richard Fleischer) 8/10
The Serpent´s Egg 1977 (Ingmar Bergman) 6-7/10
Das Testament des Dr. Mabuse 1933 (Fritz Lang) 9/10 *
Hangmen also die ! 1943 (Fritz Lang) 8/10
Le corbeau (Der Rabe) 1943 (Henri-Georges Clouzot) 9/10 *
La régle du jeu (Die Spielregel) 1939 (Jean Renoir) 8-9/10
Monsieur Verdoux 1947 (Charles Chaplin) 10/10
Landru (Der Frauenmörder von Paris) 1963 (Claude Chabrol) 8/10
La sirène du Mississipi (Das Geheimnis der falschen Braut) 1969 (Francois Truffaut) 9-10/10
An Angel at my Table 1990 (Jane Campion) 9/10 *
Top of the Lake (Tv-Mini-Series) 2013 (Jane Campion & Garth Davies) 7/10
Holy Smoke 1999 (Jane Campion) 5/10
Down and out in Beverly Hills 1986 (Paul Mazursky) 9/10 *
Stakeout 1987 (John Badham) 7-8/10 *
Running Scared 1986 (Peter Hyams) 8/10 *
The Punisher 1989 (Mark Goldblatt) 8/10
The Punisher 2004 (Jonathan Hensleigh) 5-6/10
Die Sieger 1994 (Dominik Graf) 8/10
Barbara 2012 (Christian Petzold) 9/10 *
Yella 2007 (Christian Petzold) 7-8/10
Höstsonaten (Herbstsonate) 1978 (Ingmar Bergman) 9/10
Phoenix (Kino) 2014 (Christian Petzold) 6-7/10
Birth 2004 (Jonathan Glazer) 9/10

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