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Gernguckers Filmtagebuch


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Jahresrückblick 2013


Nun liegt mein letzter Tagebucheintrag auch schon wieder fast ein halbes Jahr zurück, und so schließt sich an die Halbjahresbilanz auch gleich mein Jahresrückblick 2013 an. Derzeit bleibt mir wenig Zeit für eine umfangreichere Forumsaktivität. Filme sehe ich nach wie vor recht viele, und bin seit geraumer Zeit ehrenamtlich selbst zu einem Kino-Mitgestalter geworden (was viel Zeit bindet aber auch Spaß bereitet). Der Austausch über gesehene Filme geschieht dabei stärker denn je im Kreise Gleichgesinnter vor Ort. Dennoch herzliche Grüße meinerseits hier in die Runde.


Mein Jahresrückblick 2013


Mein beeindruckendstes FILMERLEBNIS 2013:
  • Die Nibelungen (Fritz Lang)
Ein wahrlich „großer“ DVD-Abend im Freundeskreis bescherte mir mit dem monumentalen Stummfilm-Zweiteiler von Fritz Lang mein stärkstes Filmerlebnis 2013. Schon lange vor mir hergeschoben kamen „Die Nibelungen“ durch Anregung eines Freundes ganz unverhofft auf das österliche Festtagsfilmprogramm. Ein großes Epos in ausdrucksstarken sepiagefärbten Bildern unglaublicher Tiefenschärfe, unentrinnbar erzählt und inszenatorisch aufgetafelt. Die theatralisch agierenden Schauspieler der ganz simpel reduzierten Figuren steigerten die epische Wirkung ebenso wie die Kulissen und Kostüme sowie die eindringliche Filmmusik, der beim Stummfilm standesgemäß eine große Rolle zukommt, aber hier für mich einen der wichtigsten Bausteine für das Gelingen von „Die Nibelungen“ darstellt. Die hin und wieder sehr charmant eingefügten „kleinen“ Trickeffekte ordneten sich ganz selbstverständlich der Geschichte unter (umso erbärmlicher wirken dagegen die meisten der heutigen Effekt-Filmmonster) und eine tolle Entdeckung auf den zweiten Blick sind die kunstvoll verzierten und figurenzugeordneten Initialen der Zwischentitel. Alles in allem ein wahrhaft großartiger Film.



10 weitere ältere ENTDECKUNGEN
(alphabetisch)
  • 12 Uhr Mittags (Fred Zinnemann)*
  • Bändigung des Feuers (Daniil Jakowlewitsch Chrabrowizki)
  • Calendar (Atom Egoyan)
  • Extrablatt (Billy Wilder)
  • The Haunting – Bis das Blut gefriert (Robert Wise)
  • My Son, My Son, what have you done (Werner Herzog)
  • Roter Psalm (Miklos Jancso)
  • Shoah (Claude Lanzmann)
  • Tanz der Vampire (Roman Polanski)
  • Wenn der Klempner kommt (Peter Weir)
* Wiederentdeckung des Jahres



GROSSE RETROSPEKTIVE:
Alfred Hitchcock

Schon lange stand Meister Hitchcock in meiner Warteschlange umfangreich aufzuarbeitender Filmemacher, dieses Jahr schlug nun seine große Stunde. Ausschlaggebend war übrigens der Film „Hitchcock“ mit Anthony Hopkins Anfang des Jahres. 45 Filme von Alfred Hitchcock konnte ich von Frühjahr bis Herbst 2013 sehen und kenne damit nun insgesamt 46 seiner Filme (einzig „Der Mieter“ hatte ich von den zuvor schon bekannten Filmen nicht wiederholt). Nur 7 Filme aus seiner britischen Phase sind mir nun noch unbekannt (und vermutlich meist auch vernachlässigbar). Unerwarteter Weise ist Hitchcock doch ein Filmemacher der mir insgesamt sehr liegt, das war mir anfangs gar nicht so klar. Nur selten konnte er mich mit seinen Filmen nicht wenigstens im Grundsatz gewinnen (Sklavin des Herzens, Der zerrissene Vorhang, Marnie) und gar nur einen einzigen Film halte ich für richtig misslungen (Nummer Siebzehn). Aus seiner Stummfilmzeit schätze ich vor allem „The Ring – Der Weltmeister“ (den „Blancanieves“ dieses Jahr ironisch zitiert), „The Lodger – Der Mieter“ und „Blackmail – Erpressung“. Letzteren rechne ich persönlich noch den Stummfilmen zu (ich habe auch zuerst die Stummfilmfassung geschaut), Truffaut zählt ihn bereits zu den Tonfilmen, da Hitchcock durch den Nachdreh einiger Szenen ein zweite Fassung mit Ton schuf. Bei den Tonfilmen aus Hitchcocks britischem Schaffen sind meine Favoriten „Eine Dame verschwindet“, „Mord – Sir John greift ein“ und „Jung und unschuldig“.
Wie für viele andere auch stellt die „amerikanische Ära“ für mich die Zeit von Hitchcocks größtem filmischen Schaffen dar, und da besonders die Periode von „Der Fremde im Zug“ (1951) bis „Psycho“ (1960), aus der dann auch meine am meisten geschätzten Hitchcock-Filme stammen, ohne die vielen anderen tollen Filme schmälern zu wollen.
Schönstes Sichtungserlebnis in meiner Hitchcock-Retrospektive war ohne Zweifel die Wiederaufführung von „Die Vögel“ im Kino anlässlich des 50. Jahrestages seiner deutschen Kinoerstaufführung im September, eine Veranstaltung an der ich letztlich selbst aktiv beteiligt war.
Und endlich hab ich „Vertigo“ vollständig sehen können. Vor mehr als 10 Jahren war ich schon einmal zu diesem Film im Kino, nur leider war da die zerschlissene Kopie kurz vor Ende unreparabel gerissen und blieb mir die finale Auflösung schuldig. Ein echtes Trauma, das ich nun überwunden habe. ;-)

Meine Hitchcock Top 5 (ungeordnet):
  • Das Fenster zum Hof
  • Psycho
  • Immer Ärger mit Harry
  • Vertigo
  • Der unsichtbare Dritte


KLEINE RETROSPEKTIVE:
Apichatpong Weerasethakul

Neben Hitchcock gab es nur noch Platz für eine weitere kleine Retrospektive, in der ich mich mit Sichtung von 5 Langfilmen an den geheimnisvollen Magier Apichatpong Weerasethakul und seine meditativen Erzählungen, Geister und Seelenwanderungen näher herangetastet und vor allem (die zuvor schon bekannten) „Uncle Boonmee“ und „Tropical Maladay“ gemocht habe.



Anregende TRIPLE FEATURES:
Fett markiert ist mein jeweiliger Favorit, bis auf die Dolan-Reihe ist das immer der älteste/erste der drei Filme.


Margarethe von Trotta & Barbara Sukowa
Die bleierne Zeit | Rosa Luxemburg | Hannah Arendt

Reha Erdem
Bes Vakit - Times and Winds | Hayat Var - My only Sunshine | Jin

Nikita Michalkow
Die Sonne, die uns täuscht | Die Sonne, die uns täuscht - Der Exodus | Die Sonne, die uns täuscht - Die Zitadelle

Ulrich Seidl
Paradies: Liebe | Paradies: Glaube | Paradies: Hoffnung

Richard Linklater & Julie Delpy & Ethan Hawke
Before Sunrise | Before Sunset | Before Midnight

Xavier Dolan
I Killed my Mother | Herzensbrecher | Laurence Anyways

Bela Tarr (Frühwerk)
Csaladi Tyzfeszek - Family Nest | Szabadgyalog - The Outsider | Panelkapcsolat - The Prefab People



FESTIVALFILME 2013 & PREVIEWS 2014

Starke Eindrücke, mit zeitlichem Abstand Gewachsenes, formal Bestaunenswertes, lobenswert Gewagtes, im Festivalstress Festgebissenes, Sympathisches, …

Warm up:
  • Chemi sabnis naketsi - A Fold in my Blanket (Zaza Rusadze, Georgien)
  • Geograf globus propil - Der Geograf, der den Globus austrank (Aleksandr Veledinsky, Russland)
  • Imagine (Andrzej Jakimowski, Polen)
  • Jin (Reha Erdem, Türkei)
  • Mandariinid - Mandarinen (Zaza Urushadze, Georgien/Estland)
  • Soguk - Cold (Ugur Yücel, Türkei)
Die Warm Ups ließen sich noch um einige weitere von mir sehenswert eingeschätzte Filme erweitern, müssen an dieser Stelle aber genügen, um die Aufzählung nicht beliebig lang werden zu lassen. Festivalfilme, die 2013 auch einen offiziellen deutschen Kinostart hatten, finden sich hier nicht wieder, sondern in der Rubrik „Kinostarts“. Über die Platzierungen in der Top 10 bin ich mir noch nicht ganz sicher, sollte aber den aktuellen Moment gut genug widerspiegeln. Der Platz 1 steht recht sicher, das „Kätzchen“ habe ich im Anflug einer noch recht nachhaltigen Sympathie gerade bis auf die 2 vorgeschoben, „Fynbos“ aus den Warm ups hervorgeholt und gegen den guten aber noch recht frischen Eindruck von „Imagine“ getauscht.

10. Fynbos (Harry Patramanis, Südafrika)
09. El Ultimo Elvis (Armando Bo, Argentinien)
08. Soshite chichi ni naru - Like Father, Like Son (Hirokazu Kore-eda, Japan)
07. Kinderwald (Lise Raven, USA)
06. Papusza (Joanna Kos-Krauze, Polen)
05. Tian zhu ding - A Touch of Sin (Jia Zhang-Ke, China/Japan)
04. Salvo (Fabio Grassadonia, Italien)
03. Uroki Garmonii - Harmony Lessons (Emir Baigazin, Kasachstan/BRD)
02. Das merkwürdige Kätzchen (Ramon Zürcher, BRD)
01. W Imie ... - Im Namen des (Malgorzata Szumowska, Polen)



KINOSTARTS 2013

Warm up:
  • La Grande Bellezza (Paolo Sorrentino, Italien)
  • Gravity (Alfonso Cuaron, USA)
  • Io sono Li - Venezianische Freundschaft (Andrea Serge, Italien)
  • Shadow Dancer (James Marsh, Großbritannien/Irland)
  • Sightseers (Ben Wheatley, Großbritannien)
  • La vie d’Adèle - Blau ist eine warme Farbe (Abdellatif Kechiche, Frankreich)
Ich bin positiv von „La Grande Bellezza“ und „Gravity“ überrascht worden. Hätte letzterer die selbstgefällige Quasselstrippe George Cloney eher rausgekickt, hätte der Top10-Potential. „Sightseers“ besitzt den größten Sympathie-Bonus, ich fand den ungemein schön böse und musste den einfach unter den Warm ups würdigen. „La vie d’Adèle“ könnte auf lange Sicht noch am meisten wachsen, im Vergleich fand ich Kechiches „Couscous mit Fisch“ noch stärker, der damals zudem das Kunststück vollbracht hatte, mich in einen Film dermaßen stark zu involvieren, bei dem ich nach einem Drittel Spielzeit schon beinahe entnervt gegangen wäre. Das deutsche Kino findet sich dieses Jahr nicht wieder, sehr gefallen haben mir aber Thalheims „Eltern“ oder auch „Finsterworld“.

10. The Broken Circle Breakdown (Felix van Groeningen, Belgien)
09. Pozitia copilului - Mutter und Sohn (Calin Peter Netzer, Rumänien)
08. Dupa dealuri - Jenseits der Hügel (Cristian Mungiu, Rumänien)
07. Csak a szél - Just the Wind (Benedek Fliegauf, Ungarn)
06. Take this Waltz (Sarah Polley, Kanada)
05. Blancanieves (Pablo Berger, Spanien)
04. Alois Nebel (Tomas Lunak, Tschechien/BRD)
03. The Congress (Ari Folman, Israel)
02. Laurence Anyways (Xavier Dolan, Kanada)
01. Paradies: Liebe, Glaube, Hoffnung (Ulrich Seidl, Österreich)

Größtes Highlight 2013 war für mich Ulrich Seidls „Paradies“-Trilogie als Gesamtwerk, als Einzelfilm gefiel mit der eröffnende „Liebe“ am meisten, gefolgt von „Hoffnung“ und mit etwas Abstand dann „Glaube“. Ich habe Ulrichs demontierenden, schonungslosen Blick auf eine Art Menschenzoo sehr fasziniert verfolgt. Als Einzelfilme betrachtet hätten sie sich nicht ganz an der Spitze wiedergefunden.
Da wäre dann „Laurence Anyways“ mein Jahresfavorit geworden - ein großer Film über eine große Beziehung. Zwei unglaublich gute Darsteller (großartig: Melvil Poupaud, noch großartiger: Suzanne Clement) ringen mit- und umeinander. Intensität die schmerzt, oder in unvergessliche Szenen gipfelt (Stichwort: Filmball). Xavier Dolan feiert das Kino, wie nur wenige es dieses Jahr zu feiern wussten. Er ist Epigone von Pedro Almodovar und Wong Kar-Wai zugleich.
„The Congress“ ist nicht ganz so stark wie „Waltz with Bashir“, aber mich hat der anregende kreative Trip sehr berührt, so dass mir das mitunter bemängelte Zuviel an Spielerei nicht negativ auffiel. Ausgehend von einer wehmütig stimmenden Betrachtung über den Niedergang der Filmindustrie, in der echte Darsteller und echtes Handwerk durch die Digitalisierung ersetzt werden, weitet Folman den Blick auf die Gegenwart/Zukunft der Menschheit, die immer fremdgesteuerter irgendwelchen flüchtigen Idealen folgt und das reale Umfeld weder wahrnehmen noch werten kann/will. Wie schon in „Waltz with Bashir“ ist der Wechsel von Real- und Animationsszenen sehr gelungen kombiniert und eröffnet eine weitere Ebene für den Film.
„Alois Nebel“ war im vergangenen Jahr mein Festival-Favorit, den ich vor wenigen Tag noch gleich zwei weitere Male im Kino sah. Der per Rotoskopie-Verfahren entstandene kontrastreiche Schwarzweiß-Animationsfilm faszinierte mich jedes Mal aufs Neue mit seinen kleinen nicht „drüberanimierten“ sondern kaum wahrnehmbaren noch realen Details.
Die kleine Renaissance des Stummfilmes geht mit dem bezaubernden „Blancanieves“ weiter, eine spanische Schneewittchen-Hommage, die ihre Heldin in der Stierkampfarena der bösen Stiefmutter aussetzt. Ich habe dieses ironiebewusste Spielen mit dem Grimmschen Märchenstoff sehr in seiner Erzählung als auch seiner Form sehr genossen.
Sehr gemocht habe ich auch Sarah Polleys zweiten Film „Take this Waltz“, erneut ein sehr reifes Werk mit viel Gespür für Rhythmus, Musik und Gefühle, ein bittersüßer melancholischer Liebesfilm, sehr fein in warmen und lichtdurchfluteten Bildern und mit einem starken Soundtrack eingefangen. Michelle Williams ist wieder einmal richtig großartig.


Abschließend meine FLOPS 2013:
05. Der Schaum der Tage
04. Papadopoulos & Söhne
03. Der Tag wird kommen
02. Nachtzug nach Lissabon
01. Fliegende Liebende (Ohje, Pedro!)


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Jahresrückblick 2012


Jahresrückblick 2012:
Im Rampenlicht von “The Artist”

Anfang 2012 verzauberte mich eine kleine Hommage an die Stummfilmära: “The Artist”, selbst schwarzweiß, im Bildformat 4:3, nahezu stumm, mit Zwischentiteln und begleitender Musik und von einem Wandel im Kino erzählend. Ganz klar stellte er sich auf die Seite des zu Ende gehenden Stummfilmzeitalters, das vom Tonfilm bedroht wurde. Nostalgie statt Fortschritt. “The Artist” gewann damit nicht nur meine Sympathien und viele Auszeichnungen sondern sollte auch das nunmehr zurückliegende Kinojahr prägen. Jetzt zum Jahreswechsel 2012/2013 hört und liest man viel über das atemberaubende 3D von “Life of Pi” und die doppelte Bildanzahl beim “Hobbit” für noch schärfere Bilder und dergleichen. Wir sind erneut mitten drin in einer technischen Revolution im Kino. Ob wir das brauchen, sei dahin gestellt.

Ungeachtet dessen hat sich das Kinojahr 2012 wohl so häufig wie nie zuvor auf seine alten Zeiten besonnen. Unglaublich viele schwarzweiße, reduziert erzählte, stumme bis wortkarge Filme kamen ins Kino und wussten sich eindrucksvoll zu behaupten. Bela Tarrs große Handwerkskunst “Das Turiner Pferd” hat zum Glück noch seinen deutschen Kinostart bekommen: radikaler konnte er seinen letzten Film nicht machen und nicht nur mit der Welt des Kinos abrechnen. Miguel Gomes’ “Tabu” nähert sich noch mehr den alten Gestaltungsmitteln an. Er erinnert unter Umkehrung der Kapitel an Murnaus “Tabu”, und Gomes’ Rückkehr ins Paradies wird zu einem wundervollen kommentierten Stummfilm. “Tabu” hatte bereits zur Berlinale meinen Respekt errungen, aber erst jetzt nach der zweiten entspannteren Sichtung im Kino offenbarte sich meine ganze Verehrung für diese aus der Zeit gefallene Filmkunstperle. Das Schwarzweiß nahmen auch andere Filmemacher auf: “Sudoeste – Southwest”, ein extrem breitwandiges Monochrom-Panorama über einen mythischen Kreislauf des Lebens, die mit wenigen Graustufen arbeitende Adaption der Graphic Novel von “Alois Nebel”, das aufregend verzahnte Gegenwartsdrama “Tungsten” im aktuellen Griechenland auch der Energiekrise, der brasilianische “Rat Fever”, der trotz des Verzichtes auf Farbe die Leinwand ungeheuer vital aufzuladen weiß, oder ganz andersartig der leichtfüßige und charmante Hauptstadtfilm “Oh Boy”. Auch der Verzicht auf Sprache inspirierte dieses Jahr die Filmemacher: aus “Holidays on the sea” und “Die Fee” wurden originelle und kurzweilige kleine Filme, die an Tati und Keaton erinnerten. Andere Filmemacher wählten einen Weg der Reduktion: z.B. “Martha Marcy May Marlene” besitzt die Optik eines leicht verblichenen Diafilmes, “Small Town Murder Songs” ordnet sich ganz der unspektakulären Welt seiner Mennonitengemeine unter, Haneke formt seinen “Liebe” nach einem letzten Ausbruch zum stillen Kammerspiel. Und selbst Sam Mendes schickt in “Skyfall” den berühmtesten Agenten des Kinos zu seinen Wurzeln zurück und besinnt sich wieder auf die zuletzt arg vernachlässigten Figuren an der Seite des verletzbaren James Bond.
Das Kino hat sich also auch ohne den unaufhaltsamen technischen Fortschritt sehr reich an Gestaltungswillen präsentiert.


K I N O S T A R T S . 2 0 1 2

01. Das Turiner Pferd – A Torinoi Lo (Bela Tarr, Ungarn)
02. Tabu – Eine Geschichte von Liebe und Schuld (Miguel Gomes, Portugal)
03. We need to talk about Kevin (Lynne Ramsay, UK)
04. Martha Marcy May Marlene (Sean Durkin, USA)
05. Im Nebel – V tumane (Sergej Loznitsa, Russland/Ukraine/Weißrussland/Deutschland)
06. Moonrise Kingdom (Wes Anderson, USA)
07. Barbara (Christian Petzold, Deutschland)
08. Amour – Liebe (Michael Haneke, Frankreich/Österreich)
09. Das Leben gehört uns – La guerre est déclarée (Valerie Donzelli, Frankreich)
10. Shame (Steve McQueen, UK)

Runners up: Miss Bala (Gerardo Naranjo, Mexiko), Drive (Nicolas Winding Refn, USA), Attenberg (Athina Rachel Tsangari, Griechenland), Dame, König, As, Spion (Tomas Alfredson, UK), King of Devils Island (Marius Holst, Norwegen), Small Town Murder Songs (Ed Gass-Donnelly, Kanada)


F E S T I F A L F I L M E . 2 0 1 2

01. Alois Nebel (Tomas Lunak, Tschechien)
02. Czak a szel – Just the Wind (Benedek Fliegauf, Ungarn)
03. Terraferma (Emanuele Crialese, Italien)
04. Sudoeste – Southwest (Eduardo Nunes, Brasilien)
05. Tungsten (Yorgos Georgopoulos, Griechenland)
06. Dupa dealuri – Jenseits der Hügel (Cristian Mungiu, Rumänien)
07. Tepenin Ardi – Beyond the Hill (Emin Alper, Türkei/Griechenland)
08. Ete Bolory – Wenn doch nur jedermann (Natalya Belyauskene, Armenien/Russland)
09. Meteora (Spiros Stathoulopoulos, Griechenland)
10. Avalon (Axel Petersen, Schweden)


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Jahresrückblick 2011


Jahresrückblick 2011

Mein diesjähriger großer Favorit "A Torinoi Lo - The Turin Horse" von Bela Tarr war bislang leider nur auf Festivals zu entdecken, doch man darf zur Zeit auf einen baldigen Kinostart hoffen.
"A Torinoi Lo" ist ein Meisterwerk! Ein ästhetisches Kunstwerk in empfindlichem Schwarzweiß, sparsam in Dialog und Handlung, ganz dicht am Stummfilm dran. Ein Bela Tarr eben und so konsequent und stilvollendet wie kaum zuvor. Er beschreibt eine zeit- und raumlose Apokalypse, in der das Leben erstirbt. Der zweieinhalbstündige Film besteht aus lediglich 30 Sequenzen, jede für sich eine Meisterleistung an Kamerabewegung und Lichttechnik, viele von ihnen mit der immergleichen melancholischen Musik untermalt. Das verlangt zugegebenermaßen sehr viel Geduld vom Zuschauer ab, die man dem ungarischen Autorenfilmer einfach zugestehen muss. Bela Tarr durchquert, erforscht und öffnet seinen Raum, so dass ich mich bald mitten in der Bauernhütte wähnte und dem voranschleichenden Niedergang machtlos beiwohnte. Mit großen, staunenden Augen (fest auf die Leinwand gerichtet, um keine Sekunde zu verpassen) wurde ich Zeuge, wie der Alltag der Bauern mit ihren banalen, sich stoisch wiederholenden Ritualen, sich immer weiter verdichtete. Und besonders die mit der Musik unterlegten Szenen, die mitunter oft minutenlang das immergleiche zeigen, gehören zu den großartigsten des Filmes. Szenen, die keine Worte der Beschreibung finden und mich einmal mehr sprachlos machten.
Leider ist das vermutlich Bela Tarrs letzter Film, der selbst bekundete, mit diesem Niedergang der Welt ein standesgemäßes Ende seiner Regisseurslaufbahn geschaffen zu haben. Und leider muss ich ihm da auch noch zustimmen, denn "A Torinoi Lo" ist in der Tat eine Art kompromissloser Endpunkt.



K I N O F I L M E


01. Perfect Sense (David Mackenzie, UK)
02. Halt auf freier Strecke (Andreas Dresen, Deutschland)
03. Winter's Bone (Debra Granik, USA)
04. Melancholia (Lars von Trier, Dänemark)
05. Pina - Tanzt, tanzt sonst sind wir verloren 2D (Wim Wenders, Deutschland)
06. Tyrannosaur (Paddy Considine, UK)
07. Nader und Simin (Ashgar Farhadi, Iran)
08. Midnight in Paris (Woody Allen, USA)
09. Brownian Movement (Nanouk Leopold, Niederlande)
10. Le Havre (Aki Kaurismäki, Finnland)

Runners up: Und dann der Regen, Schlafkrankheit, Der Gott des Gemetzels, Cirkus Columbia, Der Name der Leute, Another Year, Angele und Tony, Die Haut in der ich wohne, Incendies

Dazu seien noch 5 Filme erwähnt, die sich in diesem Jahr auf die ein oder andere Art besonders herausgestellt und zumindest teilweise meine Achtung gewonnen haben.

I Killed My Mother (Xavier Dolan, Kanada)
Mad Circus (Alex de la Iglesia, Spanien)
Die Mühle und das Kreuz (Lech Majewski, Polen)
The Tree of Life (Terrence Malick, USA)
Vier Leben (Michaelangelo Frammartino, Italien)


In stillem Gedenken an unseren einstigen Community-Preis von kino.de gibt es noch einige Listen für die mir wichtigsten unserer üblichen Kategorien. Kürzer gefasst als sonst, vielleicht etwas weniger gut überlegt.

Beste Regie:
1. David Mackenzie ("Perfect Sense")
2. Andreas Dresen ("Halt auf freier Strecke")
3. Wim Wenders ("Pina")
4. Lars von Trier ("Melancholia")
5. Nanouk Leopold ("Brownian Movement")

Bestes Drehbuch:
1. Kim Fupz Aakeson ("Perfect Sense")
2. Woody Allen ("Midnight in Paris")
3. Asghar Farhadi ("Nader und Simin")
4. Ulrich Köhler ("Schlafkrankheit")
5. Debra Granik/Anne Rosellini/Daniel Woodrell ("Winter's Bone")

Beste Kamera:
1. Emmanuel Lubezki ("The Tree of Life")
2. Lech Majewski/Adam Sikora ("Die Mühle und das Kreuz")
3. Manuel Alberto Claro ("Melancholia")
4. Kiko de la Rica ("Mad Circus")
5. Matthew Libatique ("Black Swan")

Bester Darsteller:
1. Peter Mullan ("Tyrannosaur")
2. Sean Penn ("Cheyenne")
3. Christopher Plummer ("Beginners")
4. Pierre Bokma ("Schlafkrankheit")
5. Colin Firth ("The King's Speech")

Beste Darstellerin:
1. Sandra Hüller ("Brownian Movement" und "Über uns das All")
2. Clotilde Hesme ("Angele und Tony")
3. Kirsten Dunst ("Melancholia")
4. Jennifer Lawrence ("Winter's Bone")
5. Olivia Colman ("Tyrannosaur")

Bestes Darstellerensemble:
1. Another Year
2. Halt auf freier Strecke
3. Nader und Simin
4. Der Gott des Gemetzels
5. Le Havre

Größte Enttäuschung:
1. Bibliotheque Pascal
2. Biutiful
3. Poll
4. The Tree of Life
5. Der Albaner

Zelluloidverschwender:
1. The Tree
2. An einem Samstag
3. Auf brennender Erde
4. Mr. Nice
5. Four Lions




F E S T I V A L F I L M E


01. A Torinoi Lo - The Turin Horse (Bela Tarr, Ungarn)
02. Neprijatelj - Der Feind (Dejan Zecevic, Serbien/Montenegro)
03. Amnistia - Amnesty (Bujar Alimani, Albanien)
04. El Premio - The Prize (Paula Markovitch, Mexico)
05. Medianeras (Gustavo Taretto, Argeninien)
06. Obcansky Prukaz - Personalausweis (Ondrej Trojan, Tschechien/Slowakei)
07. Elena - Jelena (Andrej Tswjagintsev, Russland)
08. Daca Bobul Nu Moare - Wenn das Samenkorn nicht stirbt (Sinisa Dragin, Rumänien)
09. Ki - Ich heiße Ki (Leszek Dawid, Polen)
10. Shanzha shu zhi Lian - Under the Hawthorn Tree (Zhang Yimou, China)




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