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Gernguckers Filmtagebuch


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Jahresrückblick 2013


Nun liegt mein letzter Tagebucheintrag auch schon wieder fast ein halbes Jahr zurück, und so schließt sich an die Halbjahresbilanz auch gleich mein Jahresrückblick 2013 an. Derzeit bleibt mir wenig Zeit für eine umfangreichere Forumsaktivität. Filme sehe ich nach wie vor recht viele, und bin seit geraumer Zeit ehrenamtlich selbst zu einem Kino-Mitgestalter geworden (was viel Zeit bindet aber auch Spaß bereitet). Der Austausch über gesehene Filme geschieht dabei stärker denn je im Kreise Gleichgesinnter vor Ort. Dennoch herzliche Grüße meinerseits hier in die Runde.


Mein Jahresrückblick 2013


Mein beeindruckendstes FILMERLEBNIS 2013:
  • Die Nibelungen (Fritz Lang)
Ein wahrlich „großer“ DVD-Abend im Freundeskreis bescherte mir mit dem monumentalen Stummfilm-Zweiteiler von Fritz Lang mein stärkstes Filmerlebnis 2013. Schon lange vor mir hergeschoben kamen „Die Nibelungen“ durch Anregung eines Freundes ganz unverhofft auf das österliche Festtagsfilmprogramm. Ein großes Epos in ausdrucksstarken sepiagefärbten Bildern unglaublicher Tiefenschärfe, unentrinnbar erzählt und inszenatorisch aufgetafelt. Die theatralisch agierenden Schauspieler der ganz simpel reduzierten Figuren steigerten die epische Wirkung ebenso wie die Kulissen und Kostüme sowie die eindringliche Filmmusik, der beim Stummfilm standesgemäß eine große Rolle zukommt, aber hier für mich einen der wichtigsten Bausteine für das Gelingen von „Die Nibelungen“ darstellt. Die hin und wieder sehr charmant eingefügten „kleinen“ Trickeffekte ordneten sich ganz selbstverständlich der Geschichte unter (umso erbärmlicher wirken dagegen die meisten der heutigen Effekt-Filmmonster) und eine tolle Entdeckung auf den zweiten Blick sind die kunstvoll verzierten und figurenzugeordneten Initialen der Zwischentitel. Alles in allem ein wahrhaft großartiger Film.



10 weitere ältere ENTDECKUNGEN
(alphabetisch)
  • 12 Uhr Mittags (Fred Zinnemann)*
  • Bändigung des Feuers (Daniil Jakowlewitsch Chrabrowizki)
  • Calendar (Atom Egoyan)
  • Extrablatt (Billy Wilder)
  • The Haunting – Bis das Blut gefriert (Robert Wise)
  • My Son, My Son, what have you done (Werner Herzog)
  • Roter Psalm (Miklos Jancso)
  • Shoah (Claude Lanzmann)
  • Tanz der Vampire (Roman Polanski)
  • Wenn der Klempner kommt (Peter Weir)
* Wiederentdeckung des Jahres



GROSSE RETROSPEKTIVE:
Alfred Hitchcock

Schon lange stand Meister Hitchcock in meiner Warteschlange umfangreich aufzuarbeitender Filmemacher, dieses Jahr schlug nun seine große Stunde. Ausschlaggebend war übrigens der Film „Hitchcock“ mit Anthony Hopkins Anfang des Jahres. 45 Filme von Alfred Hitchcock konnte ich von Frühjahr bis Herbst 2013 sehen und kenne damit nun insgesamt 46 seiner Filme (einzig „Der Mieter“ hatte ich von den zuvor schon bekannten Filmen nicht wiederholt). Nur 7 Filme aus seiner britischen Phase sind mir nun noch unbekannt (und vermutlich meist auch vernachlässigbar). Unerwarteter Weise ist Hitchcock doch ein Filmemacher der mir insgesamt sehr liegt, das war mir anfangs gar nicht so klar. Nur selten konnte er mich mit seinen Filmen nicht wenigstens im Grundsatz gewinnen (Sklavin des Herzens, Der zerrissene Vorhang, Marnie) und gar nur einen einzigen Film halte ich für richtig misslungen (Nummer Siebzehn). Aus seiner Stummfilmzeit schätze ich vor allem „The Ring – Der Weltmeister“ (den „Blancanieves“ dieses Jahr ironisch zitiert), „The Lodger – Der Mieter“ und „Blackmail – Erpressung“. Letzteren rechne ich persönlich noch den Stummfilmen zu (ich habe auch zuerst die Stummfilmfassung geschaut), Truffaut zählt ihn bereits zu den Tonfilmen, da Hitchcock durch den Nachdreh einiger Szenen ein zweite Fassung mit Ton schuf. Bei den Tonfilmen aus Hitchcocks britischem Schaffen sind meine Favoriten „Eine Dame verschwindet“, „Mord – Sir John greift ein“ und „Jung und unschuldig“.
Wie für viele andere auch stellt die „amerikanische Ära“ für mich die Zeit von Hitchcocks größtem filmischen Schaffen dar, und da besonders die Periode von „Der Fremde im Zug“ (1951) bis „Psycho“ (1960), aus der dann auch meine am meisten geschätzten Hitchcock-Filme stammen, ohne die vielen anderen tollen Filme schmälern zu wollen.
Schönstes Sichtungserlebnis in meiner Hitchcock-Retrospektive war ohne Zweifel die Wiederaufführung von „Die Vögel“ im Kino anlässlich des 50. Jahrestages seiner deutschen Kinoerstaufführung im September, eine Veranstaltung an der ich letztlich selbst aktiv beteiligt war.
Und endlich hab ich „Vertigo“ vollständig sehen können. Vor mehr als 10 Jahren war ich schon einmal zu diesem Film im Kino, nur leider war da die zerschlissene Kopie kurz vor Ende unreparabel gerissen und blieb mir die finale Auflösung schuldig. Ein echtes Trauma, das ich nun überwunden habe. ;-)

Meine Hitchcock Top 5 (ungeordnet):
  • Das Fenster zum Hof
  • Psycho
  • Immer Ärger mit Harry
  • Vertigo
  • Der unsichtbare Dritte


KLEINE RETROSPEKTIVE:
Apichatpong Weerasethakul

Neben Hitchcock gab es nur noch Platz für eine weitere kleine Retrospektive, in der ich mich mit Sichtung von 5 Langfilmen an den geheimnisvollen Magier Apichatpong Weerasethakul und seine meditativen Erzählungen, Geister und Seelenwanderungen näher herangetastet und vor allem (die zuvor schon bekannten) „Uncle Boonmee“ und „Tropical Maladay“ gemocht habe.



Anregende TRIPLE FEATURES:
Fett markiert ist mein jeweiliger Favorit, bis auf die Dolan-Reihe ist das immer der älteste/erste der drei Filme.


Margarethe von Trotta & Barbara Sukowa
Die bleierne Zeit | Rosa Luxemburg | Hannah Arendt

Reha Erdem
Bes Vakit - Times and Winds | Hayat Var - My only Sunshine | Jin

Nikita Michalkow
Die Sonne, die uns täuscht | Die Sonne, die uns täuscht - Der Exodus | Die Sonne, die uns täuscht - Die Zitadelle

Ulrich Seidl
Paradies: Liebe | Paradies: Glaube | Paradies: Hoffnung

Richard Linklater & Julie Delpy & Ethan Hawke
Before Sunrise | Before Sunset | Before Midnight

Xavier Dolan
I Killed my Mother | Herzensbrecher | Laurence Anyways

Bela Tarr (Frühwerk)
Csaladi Tyzfeszek - Family Nest | Szabadgyalog - The Outsider | Panelkapcsolat - The Prefab People



FESTIVALFILME 2013 & PREVIEWS 2014

Starke Eindrücke, mit zeitlichem Abstand Gewachsenes, formal Bestaunenswertes, lobenswert Gewagtes, im Festivalstress Festgebissenes, Sympathisches, …

Warm up:
  • Chemi sabnis naketsi - A Fold in my Blanket (Zaza Rusadze, Georgien)
  • Geograf globus propil - Der Geograf, der den Globus austrank (Aleksandr Veledinsky, Russland)
  • Imagine (Andrzej Jakimowski, Polen)
  • Jin (Reha Erdem, Türkei)
  • Mandariinid - Mandarinen (Zaza Urushadze, Georgien/Estland)
  • Soguk - Cold (Ugur Yücel, Türkei)
Die Warm Ups ließen sich noch um einige weitere von mir sehenswert eingeschätzte Filme erweitern, müssen an dieser Stelle aber genügen, um die Aufzählung nicht beliebig lang werden zu lassen. Festivalfilme, die 2013 auch einen offiziellen deutschen Kinostart hatten, finden sich hier nicht wieder, sondern in der Rubrik „Kinostarts“. Über die Platzierungen in der Top 10 bin ich mir noch nicht ganz sicher, sollte aber den aktuellen Moment gut genug widerspiegeln. Der Platz 1 steht recht sicher, das „Kätzchen“ habe ich im Anflug einer noch recht nachhaltigen Sympathie gerade bis auf die 2 vorgeschoben, „Fynbos“ aus den Warm ups hervorgeholt und gegen den guten aber noch recht frischen Eindruck von „Imagine“ getauscht.

10. Fynbos (Harry Patramanis, Südafrika)
09. El Ultimo Elvis (Armando Bo, Argentinien)
08. Soshite chichi ni naru - Like Father, Like Son (Hirokazu Kore-eda, Japan)
07. Kinderwald (Lise Raven, USA)
06. Papusza (Joanna Kos-Krauze, Polen)
05. Tian zhu ding - A Touch of Sin (Jia Zhang-Ke, China/Japan)
04. Salvo (Fabio Grassadonia, Italien)
03. Uroki Garmonii - Harmony Lessons (Emir Baigazin, Kasachstan/BRD)
02. Das merkwürdige Kätzchen (Ramon Zürcher, BRD)
01. W Imie ... - Im Namen des (Malgorzata Szumowska, Polen)



KINOSTARTS 2013

Warm up:
  • La Grande Bellezza (Paolo Sorrentino, Italien)
  • Gravity (Alfonso Cuaron, USA)
  • Io sono Li - Venezianische Freundschaft (Andrea Serge, Italien)
  • Shadow Dancer (James Marsh, Großbritannien/Irland)
  • Sightseers (Ben Wheatley, Großbritannien)
  • La vie d’Adèle - Blau ist eine warme Farbe (Abdellatif Kechiche, Frankreich)
Ich bin positiv von „La Grande Bellezza“ und „Gravity“ überrascht worden. Hätte letzterer die selbstgefällige Quasselstrippe George Cloney eher rausgekickt, hätte der Top10-Potential. „Sightseers“ besitzt den größten Sympathie-Bonus, ich fand den ungemein schön böse und musste den einfach unter den Warm ups würdigen. „La vie d’Adèle“ könnte auf lange Sicht noch am meisten wachsen, im Vergleich fand ich Kechiches „Couscous mit Fisch“ noch stärker, der damals zudem das Kunststück vollbracht hatte, mich in einen Film dermaßen stark zu involvieren, bei dem ich nach einem Drittel Spielzeit schon beinahe entnervt gegangen wäre. Das deutsche Kino findet sich dieses Jahr nicht wieder, sehr gefallen haben mir aber Thalheims „Eltern“ oder auch „Finsterworld“.

10. The Broken Circle Breakdown (Felix van Groeningen, Belgien)
09. Pozitia copilului - Mutter und Sohn (Calin Peter Netzer, Rumänien)
08. Dupa dealuri - Jenseits der Hügel (Cristian Mungiu, Rumänien)
07. Csak a szél - Just the Wind (Benedek Fliegauf, Ungarn)
06. Take this Waltz (Sarah Polley, Kanada)
05. Blancanieves (Pablo Berger, Spanien)
04. Alois Nebel (Tomas Lunak, Tschechien/BRD)
03. The Congress (Ari Folman, Israel)
02. Laurence Anyways (Xavier Dolan, Kanada)
01. Paradies: Liebe, Glaube, Hoffnung (Ulrich Seidl, Österreich)

Größtes Highlight 2013 war für mich Ulrich Seidls „Paradies“-Trilogie als Gesamtwerk, als Einzelfilm gefiel mit der eröffnende „Liebe“ am meisten, gefolgt von „Hoffnung“ und mit etwas Abstand dann „Glaube“. Ich habe Ulrichs demontierenden, schonungslosen Blick auf eine Art Menschenzoo sehr fasziniert verfolgt. Als Einzelfilme betrachtet hätten sie sich nicht ganz an der Spitze wiedergefunden.
Da wäre dann „Laurence Anyways“ mein Jahresfavorit geworden - ein großer Film über eine große Beziehung. Zwei unglaublich gute Darsteller (großartig: Melvil Poupaud, noch großartiger: Suzanne Clement) ringen mit- und umeinander. Intensität die schmerzt, oder in unvergessliche Szenen gipfelt (Stichwort: Filmball). Xavier Dolan feiert das Kino, wie nur wenige es dieses Jahr zu feiern wussten. Er ist Epigone von Pedro Almodovar und Wong Kar-Wai zugleich.
„The Congress“ ist nicht ganz so stark wie „Waltz with Bashir“, aber mich hat der anregende kreative Trip sehr berührt, so dass mir das mitunter bemängelte Zuviel an Spielerei nicht negativ auffiel. Ausgehend von einer wehmütig stimmenden Betrachtung über den Niedergang der Filmindustrie, in der echte Darsteller und echtes Handwerk durch die Digitalisierung ersetzt werden, weitet Folman den Blick auf die Gegenwart/Zukunft der Menschheit, die immer fremdgesteuerter irgendwelchen flüchtigen Idealen folgt und das reale Umfeld weder wahrnehmen noch werten kann/will. Wie schon in „Waltz with Bashir“ ist der Wechsel von Real- und Animationsszenen sehr gelungen kombiniert und eröffnet eine weitere Ebene für den Film.
„Alois Nebel“ war im vergangenen Jahr mein Festival-Favorit, den ich vor wenigen Tag noch gleich zwei weitere Male im Kino sah. Der per Rotoskopie-Verfahren entstandene kontrastreiche Schwarzweiß-Animationsfilm faszinierte mich jedes Mal aufs Neue mit seinen kleinen nicht „drüberanimierten“ sondern kaum wahrnehmbaren noch realen Details.
Die kleine Renaissance des Stummfilmes geht mit dem bezaubernden „Blancanieves“ weiter, eine spanische Schneewittchen-Hommage, die ihre Heldin in der Stierkampfarena der bösen Stiefmutter aussetzt. Ich habe dieses ironiebewusste Spielen mit dem Grimmschen Märchenstoff sehr in seiner Erzählung als auch seiner Form sehr genossen.
Sehr gemocht habe ich auch Sarah Polleys zweiten Film „Take this Waltz“, erneut ein sehr reifes Werk mit viel Gespür für Rhythmus, Musik und Gefühle, ein bittersüßer melancholischer Liebesfilm, sehr fein in warmen und lichtdurchfluteten Bildern und mit einem starken Soundtrack eingefangen. Michelle Williams ist wieder einmal richtig großartig.


Abschließend meine FLOPS 2013:
05. Der Schaum der Tage
04. Papadopoulos & Söhne
03. Der Tag wird kommen
02. Nachtzug nach Lissabon
01. Fliegende Liebende (Ohje, Pedro!)


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Halbzeit 2013 plus Filmfest München


Mein letzter Eintrag liegt schon eine ganze Weile zurück. Verschiedene Faktoren (gute ausgefüllte Zeit, fehlende Motiviation, etc.) haben mich vom Schreiben weiterer FTB-Beiträge abgehalten, was nicht heißt, dass ich in den letzten Wochen und Monaten keine Filme gesehen hätte.
Ich nutze die Gelegenheit, um hier kurz über mein erstes Halbjahr 2013 zurückzublicken.

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Im regulären Kinoprogramm gab es wenige Highlights. Am meisten ragt da derzeit für mich die „Paradies“-Trilogie von Ulrich Seidl heraus. Ich habe da alle drei Teile sehr gemocht und Ulrichs demontierenden, schonungslosen Blick auf eine Art Menschenzoo sehr fasziniert verfolgt. Während die Mutter in Kenia grotesk Zuneigung zu erzwingen versucht und die Tante auf ihrem Glaubenskreuzzug verbitterte Fronten schafft und beide in ihrem Sein unrettbar festgefahren scheinen und sich nicht mehr selbst reflektieren können, ist es die Tochter in ihrem Diätcamp, die sich ihrer absurden Situation bewusst ist, sich als ganz normal pubertierende Jugendliche erweist und Hoffnung auf Veränderung hinterlässt.
Neben dieser Trilogie gab es nur wenig richtig Überzeugendes. Dazu gehört unbedingt der Berlinale-Sieger „Mutter und Sohn“, ein Blick auf die moderne kapitalistische Gesellschaft Rumäniens, ein Porträt einer selbstbewussten Frau, die einen Niedergang im positiven Sinne erlebt, und die Selbstbefreiung eines erwachsenen Sohnes von seiner Übermutter. Sehr gemocht habe ich auch Sarah Polleys zweiten Film „Take this Waltz“, erneut ein sehr reifes Werk mit viel Gespür für Rhythmus, Musik und Gefühle, ein bittersüßer melancholischer Liebesfilm, sehr fein in warmen und lichtdurchfluteten Bildern und mit einem starken Soundtrack eingefangen. Michelle Williams ist wieder einmal richtig großartig. Auf Polleys autobiographisch veranlasste Dokumentation „Stories we tell“ bin ich schon sehr neugierig.
Zwei weitere große Liebesgeschichten runden meine bisher vorzeigbare Kinoausbeute des ersten Halbjahres ab: „Der Geschmack von Rost und Knochen“ mit seinen mit großem Körpereinsatz kollidierenden Liebenden und der hemmungslos bewegende „The Broken Circle“.
Abgesehen von diesen Filmen gab es natürlich noch einige weitere recht sehenswerte Filme wie „Sightseers“, „Die Jagd“, „Lincoln“, „I, Anna“ oder „Stoker“. Aber auch viele sehr enttäuschende Filme, zu denen „Mitternachtskinder“, „Nachtzug nach Lissabon“, „Der Tag wird kommen“, „Papadopoulos und Söhne“, „Der große Gatsby“, „The Place beyond the Pines“ oder „Promised Land“ gehören.

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Abseits vom Kino habe ich meinen stärksten Filmeindruck des Jahres gewonnen, als ich in einer Freundesrunde endlich Fritz Langs monumentalen Zweiteiler „Die Nibelungen“ gesehen habe, den ich schon eine ganze Zeit vor mir hergeschoben hatte. Ich war von der Erhabenheit und epischen Größe dieses Stummfilmes echt geplättet. Die Inszenierung und die Filmmusik waren sehr sehr stark. Sehr schön waren auch die kleinen Trickeffekte anzuschauen und die Perfektion bis hin zur Ausgestaltung der Initialen der Zwischentitel.
Im Heimkino habe ich mich mit Sichtung von 5 Langfilmen an den geheimnisvollen Magier Apichatpong Weerasethakul und seine meditativen Erzählungen, Geister und Seelenwanderungen näher herangetastet und vor allem „Tropical Maladay“ und „Uncle Boonmee“ gemocht.
Mein größtes diesjähriges Erforschungsobjekt ist aber niemand geringeres als Alfred Hitchcock. Momentan habe ich seine britische Phase abgeschlossen. Von seinen 10 Stummfilmen, meist noch nicht die für ihn typischen Suspense-Stoffe, kenne ich nun 7 Werke und schätze da vor allem „The Ring“, „The Lodger“ und „Blackmail“. Letzteren rechne ich persönlich noch den Stummfilmen zu (ich habe auch zuerst die Stummfilmfassung geschaut), Truffaut zählt ihn bereits zu den Tonfilmen, da Hitchcock durch den Nachdreh einiger Szenen ein zweite Fassung mit Ton schuf. Bei den Tonfilmen aus Hitchcocks britischem Schaffen kenne ich nun 9 von 13 Filmen und meine Favoriten sind da „Eine Dame verschwindet“, „Mord – Sir John greift ein“ und „Jung und unschuldig“. In der zweiten Jahreshälfte werde ich bald mit „Rebecca“ starten, um meine Kenntnis über Hitchcocks amerikanische Produktionen zu vervollständigen und zu intensivieren.

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Von der diesjährigen Berlinale hatte ich schon separat und ausführlich berichtet. Meine Festivallieblinge waren dort „Gloria“ (im August im Kino!), „W Imie … - In the Name of“, „Das merkwürdige Kätzchen“, „Fynbos“, „Uroki Garmonii“, „Oben ist es still“, „Soguk“ und „Before Midnight“, mit dem Linklater, Delpy und Hawke eine sehr wunderbare Trilogie beschlossen haben, mit der so keiner je gerechnet hatte.

Kürzlich weilte ich auch auf dem Filmfest München. Einen direkten Überflieger gab es auch hier wieder nicht, aber meine größten Sympathien gehörten letztlich jenem Film, den ich zuvor auch mit den größten Erwartungen auf meine Agenda setzte: „Blancanieves“ (Pablo Berger) eine spanische Schneewittchen-Hommage in Form eines Stummfilmes, der seine Heldin in der Stierkampfarena der bösen Stiefmutter aussetzt. Ich habe dieses ironiebewusste Spielen mit dem Grimmschen Märchenstoff sehr in seiner Erzählung als auch seiner Form sehr genossen.
Sehr stark hat mir auch „Salvo“ (Fabio Grassadonia, Antonio Piazza) gefallen, in dem ein Mafiakiller auf eine blinde Frau trifft und ihr buchstäblich die Augen öffnet. Die Annäherung (vor allem die erste halbe Stunde) ist großes Spannungskino a la Leone, so wie der Film selbst nach Motiven eines Western funktioniert.
Die größten Überraschungen für mich selbst waren zwei Filme, die ich anfangs etwas skeptisch in meine Planung aufnahm, die aber dann formal sehr überzeugend waren: „Museum Hours“ (Jem Cohen) und „Only God Forgives“ (Nicolas Winding Refn). Ersterer schärft zunächst in einem Museum den Blick des Zuschauers für Details, Kompositionen und Blickführung und entlässt diesen bewussteren Blick dann in eine Außenwelt. Die neue Zusammenarbeit von Winding Refn und Gosling ist in seiner Gestaltung noch stylischer und aufreibender als „Drive“ es schon war, hält jedoch auch deutlich mehr Szenen von Gewalt bereit. Als weiterer sehr gut gestalteter Film sei noch „Good Luck, Sweetheart“ (Daniel Aragao) genannt, der in eindrucksvollen und mitunter sehr bedächtigen Schwarzweiß-Bildern von der modernen brasilianischen Großstadt aufs Land und damit zu den Wurzeln seiner Figuren zurückblendet.
Drei weitere Lieblinge von mir sind „El Ultimo Elvis“ (Armando Bo), der den Spuren eines Elvis-Imitators beim bedingungslosen Nacheifern seines Idols folgt, „Kinderwald“ (Lise Raven), der eine deutsche Einwandererfamilie begleitet, deren Kinder in den Wäldern von Pennsylvania verschwinden, und „Kapringen“ (Tobias Lindholm) über ein von Piraten gekapertes Schiff sowohl aus dem Blickwinkel der Geißeln als auch der Verhandlungspartner in der Heimat.
Dies soll als Aufzählung von Filmen genügen. Ich habe noch einige weitere gute Filme sehen können, erfreulich viel mehr gute als schlechte. Als große leere Blase entpuppte sich am Ende leider „Soldate Jeanette“ (Daniel Hoesl), der mich aufgrund seines Trailers sehr neugierig gemacht hatte. Und mit dem Alterswerk von Alejandro Jodorowsky „La Danza de la Realidad“ konnte ich auch nur wenig anfangen, zu unentschlossen und abgehoben pendelte der mir zwischen Vater- und Sohn-Perspektive und durch persönliche Auftritte des Regisseurs in seinem Film fühlte ich mich mitunter peinlich bedrängt.
Zum Schluss sei hier nur noch eine der wunderbarsten Szene vom Filmfest gefeiert: ein Vater schaut ein Aufklärungsvideo von Rosa von Praunheim mit sich selbst darin. Regisseur Axel Ranisch („Dicke Mädchen“), die neue Independent-Ikone Heiko Pinkowski und Entdeckung Frithjof Gawenda machen „Ich fühl mich Disco“ zu einem herrlich ungebändigten Kinostück zwischen all den schweren Festival-Stoffen.


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Berlinale 2013


Meine bislang umfangreichste Berlinale soll hier zumindest mit ein paar kurzen Gedanken bedacht werden. Einen echten Überflieger gab es dieses Jahr für mich nicht.

Mein prominentester Film war sicher Linklaters „Before Midnight“, das nunmehr dritte und vermutlich letzte Treffen mit Julie Delpy und Ethan Hawke als Celine und Jesse. Nach den zeitlich eng abgesteckten magischen Begegnungen in Wien und Paris wandeln sie nun unter griechischer Sonne und philosophieren erneut über das Leben und die Liebe und reflektieren ihr Leben und ihre Entscheidungen. Die Dialoge sind wieder ebenso treffsicher und flüssig, wie die Darsteller überzeugend in ihren selbst geschriebenen Rollen agieren. Nur der Zauber des flüchtigen Momentes, der die Vorgängerfilme so beflügelte, fehlt hier etwas und es dauert bis zur letzten Einstellung, bis sich diese Magie samt einem wunderbaren Schlusssatz einstellt.
Auch andere Filme widmeten sich dem Ausloten von Beziehungen. In „Ayer no termina nunca“ lässt Isabel Coixet ein Ex-Paar sich sehr ausgedehnt in ihrem Leid suhlen und den Tod des gemeinsamen Sohnes und das Ende ihrer Beziehung bedauern. Eine echte Geduldsprobe. Dem gegenüber stellt die Spanierin eine interessante Bildebene. Das Geschehen spielt sich in einer modernen Investruine ab, aus der sich kalte graublaue Bilder ergeben, die den Niedergang des Landes und der Gesellschaft nachzeichnen. Gedanken und Erinnerungen der beiden Trauerfiguren werden als schwarzweiße Szenen wie aus einem Zwischenreich einmontiert und erst ganz am Ende gibt es eine Rückblende mit angenehm freundlich wirkenden Farben.
Spielerisch und verträumt widmet sich „Nugu-ui Ttal-do Anin Haewon“ einer jungen Südkoreanerin, die durch das Chaos ihrer Gefühle und Beziehungen stolpert. Der leicht schwebende Film lebt von den Begegnungen von Haewon mit Fremden und Freunden, sowie alten, aktuellen und eventuell zukünftigen Liebhabern, erzählt von den kleinen Geheimnissen, die keine sind, von Haewons Trinkfreudigkeit und ihrer Unentschlossenheit in der Liebe. Kleines charmantes Kino für den Augenblick, das die Zeit langsamer verrinnen lässt.
Ein großes Drama in Cinemascope-Bildern entführt in „Soguk“ in eine archaische Schneelandschaft in den türkischen Bergen. Herr dieser unwirtlichen Region ist ein Gleiswärter, der sogar Züge zum Stoppen zwingen kann. Er gerät in ein moralisches Dilemma, als er sich in eine russische Prostituierte verliebt, jedoch auch seine mit dem dritten Kind hochschwangere Frau nicht verlassen will. Ugur Yücel gestaltet daraus ein beeindruckendes Drama gleich einer antiken Tragödie, fast eine Spur zuviel Inszenierung. Mir hat die emotionale Wucht jedoch gefallen.

Die großartige Landschaftskulisse hat „Soguk“ mit dem russischen Wettbewerbsfilm „Dolgaya Schastlivaya Zhizn“ gemein. Der spielt auf der Halbinsel Kola, ein kleines Dörfchen an einem reißenden Fluss inmitten unendlicher grün-gelber malerischer Wälder. Hier wehrt sich der junge Anführer einer Gemeinschaft von Bauern gegen den Verkauf seines Landes. Er ist ein Mann mit Visionen, bereit dafür zu kämpfen: ein Last Man Standing in einer Art russischem Western, ein Kampf David gegen Goliath in einer Zeit, in der der kleine Mann nicht mehr dauerhaft gewinnen kann.

Thomas Arslan hat bereits mit „Im Schatten“ das Manko des deutschen Genrefilmes durchbrochen und auch mit seinem authentisch anmutenden Goldgräber-Western „Gold“ sammelt er meinen Respekt ein. Eine Gruppe deutscher Auswanderer schickt er 1898 auf eine entbehrungsreiche Reise durch die nordamerikanische Wildnis. Das Gold bleibt ein Mythos der Ferne, Arslan begleitet seine Protagonisten auf einem Weg voller Strapazen, Vertrauen und Misstrauen, körperlicher und psychischer Belastungen, durch die raue Natur und Unbilden des Wetters. Jede Figur stattet er gerade mit so viel Hintergrund aus, um sie für den Film interessant und verständlich zu machen. Ironischerweise stellt „Gold“ im Kampf um einen Bären genau die gleiche Art von unberechenbarer Falle auf, wie auch der kanadische Wettbewerbsfilm „Vic + Flo“, eine Verbindung im Geiste wie sie sich letztes Jahr ähnlich zwischen „Holy Motors“ und „Cosmopolis“ ergab. „Vic + Flo“ ist ein schwer fassbarer und einzuordnender Film, der sich einem konkreten Genre entzieht und lieber mit verschiedensten und immer wieder neu überraschenden Zutaten etwas eigenes kreiert. Eine Frauenbeziehung in einer abgelegenen und grotesk angereicherten Waldgegend, die mir zu unausgegoren blieb aber letztlich durch sein überrumpelndes und gut gestaltetes Ende aufgewertet wurde.

Neben „Gold“ sah ich noch einen weiteren deutschen Film, den Geheimtipp in Insiderkreisen: „Das merkwürdige Kätzchen“, eine spielerisch komponierte und konzentriert verdichtete Choreografie von Banalitäten des Alltages einer Großfamilie im Verlauf eines Tages. Das absolut gelungene Experiment besitzt keine eigene Geschichte sondern beobachtet und belauscht aufmerksam und mit einem fesselnden und humorvollen Gespür für Details das Treiben in einer Wohnung. Tolles gestaltungsbewusstes Kino und eine reife Leistung für einen Noch-nicht-mal-Abschlussfilm des Studenten Ramon Zürcher. Noch experimenteller zeigte sich nur noch „Le Meteore“, eine Art filmische und nicht uninteressante Kunstinstallation, die die Ebenen Geschichte, Dialoge, Figuren und Bilder voneinander löst. Die sich nur allmählich verkettenden Gedanken von fünf (?) Figuren werden durch Offstimmen eingesprochen, dazu sind meditative und für sich sehr schöne Bilder von Landschaften, Natur, Sonne, Mond zu sehen. Nur ab und an mal eine in sich versunkene Person, jedoch nie jene, die gerade spricht. Für mich ein anstrengend zusammenzusetzender Film, bei dem mir viele Details und sicher auch ein wenig Verständnis entgangen sind.

Ein mehrfach wiederkehrendes Thema war das Coming Out von Figuren in unterschiedlichst ausgelebter Offenheit bzw. zumindest eine homosexuell angeregte Initiation. Malgoska Szumowksa, die letztes Jahr mit „Elles“ bereits die geheimen Sehnsüchte einer Journalistin erkundete und nach außen kehrte, wendet sich mit „W Imie …“ dem brisanten Thema eines katholischen Priesters in Polen zu, der insgeheim Männer liebt, dies aber nicht ausleben darf. Das bildstarke Drama zeigt den wie ein wildes Tier in seiner Haut gefangenen Mann, der gegen die Konventionen, sein Verlangen, seine Einsamkeit und misstrauische Blicke ankämpft, und das sich über drei immer kraftvoller werdende Musikszenen hindurch zu einem intensiven Stück Kino steigert und die Verzweiflung des Protagonisten erfahrbar macht. Ähnlich spannungsvoll und aufreibend erzählt, aber mit stilleren Bildern ausgestattet, ist „Boven is het stil“ von Nanouk Leopold, die damit nicht ganz an die große Klasse ihres „Brownian Movement“ anknüpfen kann aber dennoch einen überzeugenden, atmosphärischen Film abliefert. Auch ihr Protagonist ist heimlich schwul und vermag dies weder sich noch anderen einzugestehen, obwohl er sich an einem Wendepunkt in seinem Leben befinden könnte. Der eigene Schatten scheint unüberwindbar. Wo der polnische Pfarrer nach Alternativen für einen befreienden Ausbruch sucht, bleibt der alleinstehende Milchbauer in sich gekehrt aber nicht minder angespannt, geht den um ihn werbenden Menschen seines Umfelds ängstlich aus dem Weg.
Im fernen Argentinien von „Deshora“ bringt ein junger Mann auf Besuch das eingeschlafene Liebesleben eines Ehepaares neu in Schwung. Als Fremdkörper bringt er Spannung in das abgelegene Haus inmitten einer weiten Naturlandschaft, wirbt ganz ungeniert selbst um die Frau und kommt auch bei der Körperlichkeit des Alltages dem Mann irritierend nahe. Wie in einem Hahnenkampf verteidigt der Ältere sein Revier gegenüber dem Eindringling. „Deshora“ ist ein archaisch anmutendes Dreiecksdrama, in dem es trotz seiner landschaftlichen Weite nur Platz für zwei gibt.
In Georgien, wo Homosexualität weitestgehend noch tabuisiert ist, wird wie in „Chemi sabnis naketsi“ ein Coming Out noch sehr stark codiert gezeigt, hier geheimnisvoll inszenierte Bilder von einem Abstieg in eine Höhle zu einer verborgenen Tür. Der Filmemacher Rusadze eifert mit diesem Film seinen großen Vorbildern Hitchcock und Lynch nach und schafft einen spannungsreichen, leicht mysteriös gehaltenen Thriller mit offensichtlichen Referenzen, der einige seiner Geheimnisse für sich behält. Und hat mir dadurch sehr gut gefallen. Vordergründig erzählt er von einer russischen Familie, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Georgien verblieben ist, und vom Aufbruch eines jungen Mannes in sein eigenes Leben.

Viele Filme, nicht nur aus der Generation-Sektion, widmeten sich kindlichen bzw. jugendlichen Protagonisten. Im sehr guten, formal streng gestalteten „Uroki Garmonii“ aus Kasachstan muss ein stiller 13jähriger Schüler gegen die Demütigungen seiner Mitschüler und die mafiaartige Machtstruktur an seiner Schule ankämpfen und wächst unheimlich über sich hinaus. Respekteinflößend. Ebenso wie auch „Jin“ von Reha Erdem, der seine 17jährige kurdische Heldin auf eine bedrückende Odyssee durch ein kriegsgebeuteltes gefährliches Bergland schickt. Das Mädchen verbündet sich mit der Natur, um die Gefahren der Zivilisation zu überleben. Leider stolpert der atmosphärisch stark aufgeladene Film dann auf der Zielgeraden und hinterlässt einen etwas ernüchternden Nachgeschmack eines sonst sehr guten Filmes. Eine andere 17jährige Protagonistin durchlebt im polnischen „Baby Blues“ mehrfach abrupt wechselnd das Glück und das Leid einer Teenagermutter. Die Figuren sind sehr authentisch eingefangen, jedoch die Inszenierung war mir ein wenig zu überambitioniert, sowohl was formale Gestaltung (Schwarzblenden, Farbsättigung der Bilder) als auch erzählerische Haken betrifft. Das Bemühen um eine ihrer flatterhaften Antiheldin angemessenen Gestaltung wirkte mir etwas zu aufgesetzt. Noch einmal Georgien: im Tbilissi von 1992 in „Grzeli nateli Dgeebi“ werden zwei 14jährige Mädchen mit den alten Traditionen und der noch jungen Geschichte des wieder eigenständigen Landes vernetzt, wodurch sich spannungsvolle Geschichten und Schicksale entspinnen. Das Coming of Age der beiden mündet direkt und für ihr Alter zu früh im ernsten Erwachsensein. Der Film bietet viele dramatische Höhepunkte, die er nur sehr zurückhaltend zur Katharsis nutzt und lieber offen endet. Nebenbei lässt sich der Film als Zustandsbeschreibung des jungen Landes lesen. Noch jünger sind die beiden Schwestern in „Princesas Rojas“, die die ernste Lage ihrer aus Nicaragua geflüchteten und politisch aktiven Eltern gar nicht fassen können. Die unzertrennlichen Mädchen leben in ihrer eigenen aufregenden Welt und sehnen sich nach mehr Normalität und Bodenständigkeit. Der Film blendet sämtliche gesellschaftlichen Hintergründe aus, sondern übernimmt die Sichtweise der Mädchen. Ein kleiner Film mit großem Herzen. Mit einem überirdisch schön gestalteten Vorspann startet „The Weight of Elephants“, der zugleich angenehm leicht an sein ernstes Thema der Kindesentführung heranführt. Zu solch lyrischen Momenten findet er später kaum noch zurück, konzentriert sich ganz auf die Erzählung über einen verträumten Jungen, der in der Schule gegen seinen Außenseiterstatus ankämpft und durch neue Kinder in der Nachbarschaft seinen Mut herausgefordert sieht.

Das ehemalige Jugoslawien wie der Balkan überhaupt ist seit längerem ein mich interessierendes Beschäftigungsfeld im Kino. Eine gute Erzählung und Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte war „Krugovi“, eine Koproduktion vieler ex-jugoslawischer Teilstaaten. Den Rahmen bildet eine Begebenheit von 1993, die das Geschehen im 12 Jahre danach spielenden Kernstück des Filmes beeinflusst, dessen Spannung aus nationalen und religiösen Differenzen sowie erlittenem Verlust entsteht, und das in seinem Wesen um eine Versöhnung zwischen den ehemaligen Bürgerkriegsgegnern bemüht ist. Vielleicht ein bißchen zu brav erzählt, zu eindringlich inszeniert, aber dennoch packendes Kino und durch seine unterbrochene Rahmenhandlung interessant aufgebaut.
Ein klein wenig zu theatralisch empfand ich dagegen „Obrana i Zastita“, ein im Dogmastil mit nervöser Handkamera geführtes groteskes Alltagsdrama, über einen Mann in der geteilten Stadt Mostar. Das interessanteste und herausforderndste am Film war seine Gestaltung, die voreiligen Schnitte vor dem gefühlten Ende einer Szene, die langen Einstellungen des Wartens und Zweifelns, die Störungselemente im Film, der dann darüber hinweg normal weitergeht.
Viele Filme im Forum vermischten Elemente von Spiel- und Dokumentarfilm. Ähnlich auch der Wettbewerbsbeitrag „Epizoda u zivotu beraca zeljeza“, in dem Danis Tanovic eine Romafamilie in der bosnischen Provinz ihre eigene Geschichte nachspielen lässt, ein verzweifeltes Ringen um dringende medizinische Versorgung, die sich die Familie eines Schrottsammlers finanziell nicht leisten kann. Ein sozialkritisches Dokument, eine nüchterne Alltagsstudie, die mit einem kleinen Moment flüchtigen Glücks endet. Ein wichtiger Film in der Tat, aber ein Wettbewerbsfilm? Besonders der Bär an seinen Laiendarsteller als besten Schauspieler ist angesichts der Konkurrenz aus z.B. „W Imie …“ meines Erachtens etwas übertrieben in der Wertschätzung.
Das junge griechische Kino, das letztes Jahr so für internationales Aufsehen sorgte, steuerte mit „I aionia epistrofi tou Antoni Paraskeua“ einen sehr zweifelhaften Film bei. Eine Allegorie auf die aktuelle Situation Griechenlands? Könnte man mit viel Phantasie sicher so sehen. Aber unterm Strich blieben bei mir lediglich ein recht originelles erstes Drittel und zwei lahme und unverständliche weitere Drittel zurück. Ein TV-Star, der sein eigenes Verschwinden vortäuscht und in einem leerstehenden Luxushotel verweilt, und der dann bei seiner groß angekündigten Rückkehr in die Gesellschaft in das Leben eines Obdachlosen flüchtet? Die Groteske wurde für mich immer mehr zur Geduldsprobe. Schade.

Ein anderer Brennpunkt und Ursprung guter filmischer Verarbeitungen bleibt der nahe Osten.
„Lamma Shoftak“ beginnt 1967 in einem Flüchtlingslager in Jordanien. Dort warten Frauen und Kinder auf ihre Männer und die Rückkehr nach Palästina. Ein Junge durchbricht ungeduldig die Last des tatenlosen Ausharrens und fordert seine Mutter zum Handeln und allmählichem Umdenken auf. Ein wenig zu naiv ruht sich das Drama mit seinem kindlichen Protagonisten auf der Faszination von Campabenteuer und Lagerfeuerromantik aus, trennt das Leben des Jungen von der gefährlichen Kriegssituation. Zum Glück erfüllte mir der Film letztlich den Wunsch nach einem offenen Ende.
Der nächste Streifen, 1989 im Gaza-Streifen: „Rock the Casbah“. Ein kraftvolles Statement gegen die sinnlose Auge-um-Auge Kriegsantreiberei zwischen Israelis und Palästinensern. So grotesk auch die Ausgangssituation ist, ein israelischer Soldat wird von einer vom Dach gestoßenen Waschmaschine erschlagen, so bitterernst und aufreibend sind die daraus resultierenden Hetzjagden durch die palästinensischen Viertel, das Wacheschieben auf dem Dach und das Auflehnen der Bewohner gegen die Besatzer inszeniert. In einer denkwürdigen Szene auf dem Dach träumt einer der jungen israelischen Soldaten von seiner Zukunft im Frieden und macht sie somit zum Herzen des Filmes.
Zu einer Enttäuschung wurde für mich die israelische Farce „Youth“, die Geschichte der Entführung eines Mädchens aus wohlhabendem Haus, mittels der zwei Brüder ihre eigene Familie und ihren depressiven Vater retten wollen. Der Film endet wie die Entführung, im nichts.

Zu meiner eigenen Überraschung habe ich letztlich gleich drei afrikanische Filme gesehen.
„A Batalha de Tabato“ ist in feinen, streng komponierten schwarzweiß-Bildern gefilmt, in die sich am Ende meinem Empfinden nach unnötige Rotbilder einmischen. Das evozierte bei mir eine zu aufgesetzte Bedeutungshaftigkeit. Die Geschichte ist klein und ein wenig folkloristisch angehaucht, relativ spannungsfrei in einer Art Parallelerzählung vorgetragen. Dabei werden das Kriegstraumata eines alten Mannes, mit der bevorstehenden aber letztlich ausfallenden Hochzeit eines jungen Paares verknüpft und Tabato als ein Dorf vorgestellt, in dem alle Menschen Musik machen und dies ihr Kampf für den Frieden ist. In Details blieb mir der Film sehr unverständlich und fremd, was sicher auch an meinen mangelnden Vorkenntnissen zur Geschichte von Guinea Bissau lag.
Der südafrikanische Film „Edelwani“ führt eine moderne junge Frau zurück in ihr Elterndorf, wo sie wieder mit den uralten Traditionen ihres Volkes der Venda in Berührung kommt, die große Opfer von ihr fordern. Es folgt eine unerwartete Initiation, eine Wiederaufnahme in einen alten Kulturkreis, die selbstbewusst exotisch erzählt und ausgestaltet wird. An einigen Stellen wird das existentialistische und geheimnisvoll bleibende Kulturdrama ein wenig mystisch aufgewertet aber zum Glück nie überladen.
Den Reichen und Weißen in Südafrika widmet sich der verstörende Thriller „Fynbos“, der dem mysteriösen Verschwinden einer Frau auf einem Luxusanwesen nachspürt. Rational lässt sich der Film kaum beschreiben oder zusammenfassen, denn er verweigert Erklärungen. Er lebt von einer unheimlichen Spannung, seiner Stille und dem beeindruckenden Setting. Schauplatz ist ein riesiges, vom Rest der Welt abgesperrtes Anwesen, auf dem ein architektonisch extravagantes Haus prangt. Die atmosphärische Inszenierung des Filmes hat mich sehr beeindruckt.

Mein letzter Film auf der Berlinale war gleichzeitig mein Sieger des Herzens. „Gloria“ aus Chile landet zwar letztlich etwas neben meinen Erwartungen aufgrund der Kurzbeschreibung (Verknüpfungen zur Geschichte des Landes fehlten), aber er zeichnet ein starkes und sympathisches Porträt einer alleinstehenden aber lebenshungrigen Frau Ende 50, die sich nach dem demütigenden Ende einer viel versprochenen Beziehung wieder aufzurichten weiß. Der tragikomische Film feiert diese beherzte Frau, die sich nicht unterkriegen lassen will, und führt sie zu Umberto Tozzis Hymne zurück ins Leben, zurück auf Anfang. Vom Publikum gab es verdienten Szenenapplaus.



I aionia epistrofi tou Antoni Paraskeua - The eternal return of Antonis Paraskevas (Elina Psykou, Griechenland)
Ayer no termina nunca - Yesterday never ends (Isabel Coixet, Spanien)
Baby Blues (Katarzyna Roslaniec, Polen)
A Batalha de Tabato - The Battle of Tabato (Joao Viana, Guinea Bissau/Portugal)
Before Midnight (Richard Linklater, USA/Griechenland)
Boven is het stil - Oben ist es still (Nanouk Leopold, Niederlande/Deutschland)
Chemi sabnis naketsi - A Fold in my Blanket (Zaza Rusadze, Georgien)
Deshora – Belated (Barbara Sarasola-Day, Argentinien/etc.)
Dolgaya Schastlivaya Zhizn - A long and happy Life (Boris Khlebnikow, Russland)
Elelwani (Ntshavheni Wa Luruli, Südafrika)
Epizoda u zivotu Beraca Zeljeza - An Episode in the Life of an Iron Picker (Danis Tanovic, Bosnien/etc.)
Fynbos (Harry Patramanis, Südafrika/Griechenland)
Gloria (Sebastian Lelio, Chile/Spanien)
Gold (Thomas Arslan, Deutschland)
Grzeli nateli Dgeebi - In Bloom (Nana Ekvtimishvili, Simon Groß, Georgien/etc.)
Jin (Reha Erdem, Türkei)
Krugovi – Circles (Srdan Colubovic, Serbien/etc.)
Lamma Shoftak - When I saw you (Annemarie Jacir, Palästina/etc.)
Das merkwürdige Kätzchen (Ramon Zürcher, Deutschland)
Le Meteore - The Meteor (Francois Delisle, Kanada)
Nugu-Ui Ttal-Do Anin Haewon - Nobodys Daughter Haewon (Hong Sangsoo, Südkorea)
Obrana i Zastita - A Stranger (Bobo Jelcic, Kroatien/Bosnien)
Princesas Rojas - Red Princesses (Laura Astorga Carrera, CostaRica/Venezuela)
Rock the Casbah (Yariv Horowitz, Israel/Frankeich)
Soguk – Cold (Ugur Yücel, Türkei)
Uroki Garmonii - Harmony Lessons (Emir Baigazin, Kasachstan/Deutschland)
Vic+Flo ont vu un ours - Vic+Flo haben einen Bären gesehen (Denis Cote, Kanada)
The Weight of Elephants (Daniel Joseph Borgman, Neuseeland/etc.)
W Imie ... - In the Name of (Malgorzata Szumowska, Polen)
Youth (Tom Shoval, Israel/Deutschland)


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Jahresrückblick 2012


Jahresrückblick 2012:
Im Rampenlicht von “The Artist”

Anfang 2012 verzauberte mich eine kleine Hommage an die Stummfilmära: “The Artist”, selbst schwarzweiß, im Bildformat 4:3, nahezu stumm, mit Zwischentiteln und begleitender Musik und von einem Wandel im Kino erzählend. Ganz klar stellte er sich auf die Seite des zu Ende gehenden Stummfilmzeitalters, das vom Tonfilm bedroht wurde. Nostalgie statt Fortschritt. “The Artist” gewann damit nicht nur meine Sympathien und viele Auszeichnungen sondern sollte auch das nunmehr zurückliegende Kinojahr prägen. Jetzt zum Jahreswechsel 2012/2013 hört und liest man viel über das atemberaubende 3D von “Life of Pi” und die doppelte Bildanzahl beim “Hobbit” für noch schärfere Bilder und dergleichen. Wir sind erneut mitten drin in einer technischen Revolution im Kino. Ob wir das brauchen, sei dahin gestellt.

Ungeachtet dessen hat sich das Kinojahr 2012 wohl so häufig wie nie zuvor auf seine alten Zeiten besonnen. Unglaublich viele schwarzweiße, reduziert erzählte, stumme bis wortkarge Filme kamen ins Kino und wussten sich eindrucksvoll zu behaupten. Bela Tarrs große Handwerkskunst “Das Turiner Pferd” hat zum Glück noch seinen deutschen Kinostart bekommen: radikaler konnte er seinen letzten Film nicht machen und nicht nur mit der Welt des Kinos abrechnen. Miguel Gomes’ “Tabu” nähert sich noch mehr den alten Gestaltungsmitteln an. Er erinnert unter Umkehrung der Kapitel an Murnaus “Tabu”, und Gomes’ Rückkehr ins Paradies wird zu einem wundervollen kommentierten Stummfilm. “Tabu” hatte bereits zur Berlinale meinen Respekt errungen, aber erst jetzt nach der zweiten entspannteren Sichtung im Kino offenbarte sich meine ganze Verehrung für diese aus der Zeit gefallene Filmkunstperle. Das Schwarzweiß nahmen auch andere Filmemacher auf: “Sudoeste – Southwest”, ein extrem breitwandiges Monochrom-Panorama über einen mythischen Kreislauf des Lebens, die mit wenigen Graustufen arbeitende Adaption der Graphic Novel von “Alois Nebel”, das aufregend verzahnte Gegenwartsdrama “Tungsten” im aktuellen Griechenland auch der Energiekrise, der brasilianische “Rat Fever”, der trotz des Verzichtes auf Farbe die Leinwand ungeheuer vital aufzuladen weiß, oder ganz andersartig der leichtfüßige und charmante Hauptstadtfilm “Oh Boy”. Auch der Verzicht auf Sprache inspirierte dieses Jahr die Filmemacher: aus “Holidays on the sea” und “Die Fee” wurden originelle und kurzweilige kleine Filme, die an Tati und Keaton erinnerten. Andere Filmemacher wählten einen Weg der Reduktion: z.B. “Martha Marcy May Marlene” besitzt die Optik eines leicht verblichenen Diafilmes, “Small Town Murder Songs” ordnet sich ganz der unspektakulären Welt seiner Mennonitengemeine unter, Haneke formt seinen “Liebe” nach einem letzten Ausbruch zum stillen Kammerspiel. Und selbst Sam Mendes schickt in “Skyfall” den berühmtesten Agenten des Kinos zu seinen Wurzeln zurück und besinnt sich wieder auf die zuletzt arg vernachlässigten Figuren an der Seite des verletzbaren James Bond.
Das Kino hat sich also auch ohne den unaufhaltsamen technischen Fortschritt sehr reich an Gestaltungswillen präsentiert.


K I N O S T A R T S . 2 0 1 2

01. Das Turiner Pferd – A Torinoi Lo (Bela Tarr, Ungarn)
02. Tabu – Eine Geschichte von Liebe und Schuld (Miguel Gomes, Portugal)
03. We need to talk about Kevin (Lynne Ramsay, UK)
04. Martha Marcy May Marlene (Sean Durkin, USA)
05. Im Nebel – V tumane (Sergej Loznitsa, Russland/Ukraine/Weißrussland/Deutschland)
06. Moonrise Kingdom (Wes Anderson, USA)
07. Barbara (Christian Petzold, Deutschland)
08. Amour – Liebe (Michael Haneke, Frankreich/Österreich)
09. Das Leben gehört uns – La guerre est déclarée (Valerie Donzelli, Frankreich)
10. Shame (Steve McQueen, UK)

Runners up: Miss Bala (Gerardo Naranjo, Mexiko), Drive (Nicolas Winding Refn, USA), Attenberg (Athina Rachel Tsangari, Griechenland), Dame, König, As, Spion (Tomas Alfredson, UK), King of Devils Island (Marius Holst, Norwegen), Small Town Murder Songs (Ed Gass-Donnelly, Kanada)


F E S T I F A L F I L M E . 2 0 1 2

01. Alois Nebel (Tomas Lunak, Tschechien)
02. Czak a szel – Just the Wind (Benedek Fliegauf, Ungarn)
03. Terraferma (Emanuele Crialese, Italien)
04. Sudoeste – Southwest (Eduardo Nunes, Brasilien)
05. Tungsten (Yorgos Georgopoulos, Griechenland)
06. Dupa dealuri – Jenseits der Hügel (Cristian Mungiu, Rumänien)
07. Tepenin Ardi – Beyond the Hill (Emin Alper, Türkei/Griechenland)
08. Ete Bolory – Wenn doch nur jedermann (Natalya Belyauskene, Armenien/Russland)
09. Meteora (Spiros Stathoulopoulos, Griechenland)
10. Avalon (Axel Petersen, Schweden)


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Tom Tykwer


Tom Tykwer

In vorfreudiger Erwartung der Verfilmung von “Cloud Atlas” habe ich mir alle bisherigen Filme des großen Cineasten Tom Tykwer noch einmal angesehen.
Grundsätzlich gliedert sich sein Werk in zwei Arten von Filme: seine kleineren und persönlicheren Filme (sein Frühwerk von “Die tödliche Maria” bis “Der Krieger und die Kaiserin”, “Heaven” und “Drei”) und seine großen aufregend gestalteten Kinophantasien (“Das Parfum”, “The International” und “Cloud Atlas").
Besonders die Filme der ersten Gruppe sind es, die Tykwer als Filmemacher und Erzähler charakterisieren. Grundsätzlich schafft Tom Tykwer immer sehr atmosphärisch dichte Filme aus Raum, Zeit, Geräuschen und Farben und entwickelt einen kaum zu entrinnenden Sog, der (meist) tief unter die Oberfläche der Figuren geht und wiederkehrende Themen aufdeckt. Der Beweis von Liebe und der Ausbruch aus einem alten Leben, die schicksalhafte Verknüpfung von Menschen, die z.T. auf einer metaphysischen Ebene miteinander verbunden sind (räumlich getrenntes aber gleichzeitiges Erleben), die Macht des Zufalls und die gegenseitige Beeinflussung von Figuren und Geschichten, die Kollision mit Unfällen und Gesetzesübertretungen, aus denen die Figuren gestärkt hervorgehen, die geschlossenen Welten, die überwunden werden müssen, die Vollendung von Kreisläufen usw. Als großer Verehrer von Kieslowski hat er nicht nur dessen Drehbuch zu “Heaven” verfilmt, sondern aus dem Vorbild von “Der Zufall möglicherweise” sein Kurzfilmdebüt “Because” und natürlich seine atemberaubende “Lola rennt” erschaffen mit Schleifen, Wiederholungen, Rückkehr zum Anfang, dem Durchspielen mehrerer leicht veränderter Durchläufe. Tykwers Figuren sind anfangs häufig schwach, verletzt oder in sich gekehrt und müssen Ängste überwinden, aus sich herauskommen und andere Figuren retten.
Besonders auf der technischen Seite der Filmherstellung hat Tykwer sich seine Filmfamilie zusammengestellt, mit der er sehr vertrauensvoll und mit ähnlichen Intentionen zusammenarbeitet: Frank Griebe (Kamera), Matthias Lempert (Ton), Mathilde Bonnefoy (Schnitt), Uli Hanisch (Szenenbild), Stefan Arndt (Produktion) sowie Tykwer gemeinsam mit Reinhold Heil und Johnny Klimek (Musik).

Prinzipiell mag ich alle Filme von Tykwer. Gerade zwischen meinen Lieblingen “Winterschläfer” und “Lola rennt” kann ich mich nur schwer entscheiden. “Winterschläfer” ist der intimere, emotionalere Liebling, vor “Lola rennt” verneige ich mich tief bezüglich Kreativität, Tempo, Visionen, Spielfertigkeit.


Langfilme:

(01) Winterschläfer (1997)
(02) Lola rennt (1998)
(03) Der Krieger und die Kaiserin (2000)
(04) Die tödliche Maria (1993)
(05) Heaven (2002)
(06) Drei (2010)
(07) Das Parfum (2006)
(08) Cloud Atlas (2012)
(09) The International (2009)


Kurzfilme:

(01) True (2004)
(02) Epilog (1992)
(03) Because (1990)
(04) Feierlich reist (2009)


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November/Dezember 2012: “Oh Boy” und mehr


Zeitbedingt bin ich schon lange nicht mehr dazugekommen, mein FTB aktuell zu halten. Deshalb hat sich einiges angesammelt.


“Oh Boy” (Jan Ole Gerster)
Ganz wunderbar leichtes und elegantes Gegenwartskino: ein deutscher Debütfilm mit Format, Drive und Charme, ein Berlinfilm in schwarzweiß. Darin stolpert Tom Schilling wie Alice im Wunderland durch einen seiner typischen hindernisreichen Tage zwischen geschmissenem Studium und den großen Visionen seines Lebens, die ihm buchstäblich in der Hand zerrinnen. Er ist ein moderner Träumer und Antiheld, der gern sein Glück fest packen würde, wenn er nur könnte. Darauf einen Kaffee!

“Dicke Mädchen” (Axel Ranisch)
Ein noch wagemutigeres Debüt im aktuellen Kino. Für sage und schreibe nur wenig mehr als 500 Euro gedreht, geniert sich der kauzige Film kein bißchen vor seiner Homevideo-Qualität und gestellt wirkenden Inszenierung. Seine Geschichte lebt nur für den Augenblick, verausgabt sich zusammen mit seinen drei sympathischen Protagonisten in drei, vier urkomischen und toll gespielten Szenen und winkt gegenüber einer tiefgründigeren Dramaturgie oder Figurenzeichnung lässig ab. Die gibt’s nur im Fördermittelkino und die “Dicken Mädchen” sind weit davon entfernt. Aber der Film ist einfach für knapp anderthalb Stunden ein gelungener Kinogaudi.

“Miss Bala” (Gerardo Naranjo)
Eine junge Frau auf dem Weg zur lokalen Schönheitskönigin gerät in den Strudel der mexikanischen Mafia und durchläuft eine gefahrvolle Odyssee durch organisiertes Verbrechen, Drogenkriminalität, Korruption, Bandenkrieg und Prostitution, die ihr zwar die Krone der Misswahl einbringt aber sie in einen Abgrund aus Erniedrigung und Selbstaufgabe treibt. Die packende Inszenierung ihres entbehrungsreichen Weges kehrt ihren großen Traum in einen Albtraum um. Überraschend imponierend erzähltes und gestaltetes Kino.

“Cloud Atlas” (Tom Tykwer, Warchowski-Geschwister)
Die herausfordernde Verfilmung eines herausfordernden Romanes, die zwar die Erzählverschachtelung entscheidend verändert und die literarischen Eigenheiten aufweicht, aber das Konzept des komplexen Stoffes mit filmischen Mitteln fortführt, indem die gleichen Schauspieler (durch eine sensationelle Maske mitunter kaum wiederzuerkennen) Rollen in allen Episoden übernehmen, sich ähnelnde Kulissen und Bauten wiederkehren und durch die Parallelität der Erzählung visuelle und inhaltliche Verknüpfungen aufgezeigt werden.

“3/Tres” (Pablo Stoll)
Stiller, beobachtender Gegenwartsfilm über eine auseinandergedriftete Familie, der seinen Figuren allen Platz einräumt, um den langen Weg einer seltsamen Wiederannäherung erfahrbar zu machen.

“Winterdieb” (Ursula Meier)
In einem noblen Winterurlaubsort sichert sich ein Junge seinen Lebensunterhalt, in dem er als neuzeitlicher Robin Hood den Reichtum von oben nach unten verteilt. Ursula Meier begleitet ihn beim Wechsel zwischen den hermetisch voneinander abgetrennten Welten und Gesellschaftsschichten und verfolgt seine Sehnsucht nach Nähe zu seiner “Schwester”, mit der er in einem seltsam distanzierten Verhältnis in einer Wohnung lebt und für deren Auskommen er als Mann in der Familie sorgt.

“Parked" – Gestrandet” (Darragh Byrne)
Eine “Ken Loach”-ähnliche Geschichte, die respektvoll und ruhig auf Augenhöhe seines Protagonisten erzählt wird und fast ein wenig zu märchenhaft endet.

“Huacho” (Alejandro Fernandez Almendras)
Der Alltag einer einfachen Familie wird aus dem Blickwinkel seiner Mitglieder erzählt. Viermal erleben wir den gleichen Tag, der sich vom gemeinsamen Frühstückstisch in die Wege von Großvater, Großmutter, Tochter und Enkel auftrennt. Alle Protagonisten müssen sich gegen ihren sozialen Stand, Demütigungen, ihre Armut und finanziellen Abhängigkeiten zur Wehr setzen und nur einer dieser Personen gelingt es am Ende, dem erniedrigenden Alltag gerissen genug zu begegnen, um sich nicht als Verlierer zu fühlen. Ein gut gestalteter und breit gefasster Streifzug durch die arme Bevölkerung von Chile.

“Der Hobbit” (Peter Jackson)
Das einbändige Kinderbuch Tolkiens, ausgewalzt zu einem 3-Teile-Filmepos, das sich aus idiotischen kommerziellen Überlegungen heraus anschickt größer als “Der Herr der Ringe” werden zu wollen. Die arg gestreckte Geschichte wird von Beginn an mit viel Action, Monstern und dunkler Bedrohung angereichert und damit dem Ton der liebevoll und kurzweilig geschriebenen Vorlage nicht gerecht. Schade, dass Tolkiens märchenhafte Welt nun derlei technischen Schnickschnack wie 3D oder höherer Bildrate braucht. Schon allein dadurch geht Mittelerde nun zu grunde.

“In ihrem Haus” (Francois Ozon)
Trotz der Vielseitigkeit des Filmemachers in Themen und Genres kann man “In ihrem Haus” als typischen (und sehr guten) Ozon-Film ansehen, der wie schon in anderen Filmen zuvor von der Brüchigkeit zwischen Sein und Schein erzählt. Hier geht es um den Prozess des Erzählens selbst, um die Veränderung der Geschichte währenddessen, um die trügerische Vermischung von Wahrheit und Fiktion und um das spannungsvolle Verhältnis einer Lehrer-Schüler-Beziehung.

“Beasts of the Southern Wild” (Benh Zeitlin)
Phantasiegetränktes Ökomärchen aus dem Blickwinkel eines 6jährigen Mädchens erzählt, das vom Vater auf ihr Überleben vorbereitet wird. Ambitioniertes Independentkino, deutlich in den Jahren nach “Katrina” angesiedelt, das kurzzeitig märchenhaft abhebt, aber letztlich hart an der häßlichen Oberfläche seiner kaputten Welt haften bleibt.

“Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger” (Ang Lee)
Ich fand die Umsetzung des Buches sehr gut gelungen, auch wenn ich mir nur die 2D-Variante von Ang Lees prächtiger Bebilderung eines der phantastischsten Abenteuer des Kinojahres angesehen habe. Schön anzusehender Film zum Jahresausklang. Nicht mehr und nicht weniger.


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Filmfest Cottbus 2012


Filmfest Cottbus 2012

Auch in diesem Jahr gab es in Cottbus wieder ein recht lohnenswertes und schönes Filmfestival des osteuropäischen Kinos. Zwar ohne einen richtigen Überflieger, aber mit sehr vielen guten Filmen. Die Erinnerungen sind noch sehr frisch und teils noch gar nicht vollends verarbeitet. 15 Filme in 4 Tagen. Bin nun ein wenig filmmüde, will aber meine Eindrücke hier kurz zusammenfassen, bevor andere Dinge sich wieder in den Vordergrund drängen.


Djeca – Kinder von Sarajevo (Aida Begic; Bosnien und Herzegowina / Deutschland / Frankreich / Türkei)
Halimin Put – Halimas Weg (Arsen Anton Ostojic; Kroatien / Bosnien und Herzegowina / Slowenien)
Ustanicka Ulica – Straße der Erlösung (Miroslav Terzic; Serbien / Slowenien)
Die ehemaligen jugoslawischen Teilstaaten verbinden ihre Gegenwartsgeschichten häufig mit einer rückblickenden Aufarbeitung ihrer Bürgerkriege, die tiefe persönliche Wunden hinterlassen haben. Aida Begic (die Regisseurin des sehr tollen “Snow” 2008) fängt in einer stilsicheren Inszenierung von “Djeca” ein verwaistes Geschwisterpaar ein, die wie Satelliten umeinander kreisen und sich zu verlieren drohen, und ihr gelingt es, in einer aufgrund der vielfältigen gesellschaftlichen Spannungen unfertigen Erzählung zumindest diese beiden wieder enger zusammenzurücken. “Halimas Weg” hat eine der stärksten Geschichten zu bieten, gewiss ein wenig konstruiert wirkend, aber im Ansatz auf wahren Begebenheiten beruhend und damit sehr intensiv, glaubhaft und bewegend. Der Film konzentriert sich ganz auf die Story, lenkt durch keine allzu dramatisierende Regie ab und wartet stattdessen geduldig, bis sich die ganze Tragweite dieser Variation einer griechischen Tragödie entfaltet. “Straße der Erlösung” ist dagegen als spannender Genrefilm inszeniert, eine thrillerhafte Aufdeckung von Kriegsverbrechen, die Suche nach unerkannt lebenden Hintermännern und ehemaligen aber nach wie vor mächtigen Befehlsgebern im Krieg.

Archeo (Jan Cvitkovic; Slowenien)
Ein Experiment ohne narrativen Hintergrund: In dem dialogfreien 70-Minüter fallen buchstäblich ein Mann, eine Frau und ein Kind wie aus dem Nichts auf eine befremdlich verlassene Erde, reagieren zunächst auf Instinkte und stehen sich einander konträr gegenüber, bis am Ende aus ihnen eine familienartige Gemeinschaft geworden ist. Eine tolle meditative Kamera fängt exotische Schauplätze ein, in denen die Figuren und die großartige Natur miteinander verschmelzen. Science Fiction, Drama, Ethnoabenteuer, Postapokalypse, Robinsonade?

Kronike Shqiptare – Eine albanische Chronik (Artan Minarolli, Ylljet Alicka; Albanien / Frankreich / Italien / Griechenland)
Herausfordernder Sichtungsumstand: gezeigt wurde die albanische Originalfassung ohne UT, wobei zwei Filmakte miteinander vertauscht abgespielt wurden, so dass nicht nur mein Verständnis sondern auch der Simultandolmetscher zweimal ins Stocken geriet (der offensichtlich die Texttafeln in der richtigen Reihenfolge vor sich hatte). “Eine albanische Chronik” ist ein kauziger Blick auf ein kleines albanisches Dorf, in dem Muslime und Christen sich gegenseitig belauern, miteinander streiten aber auch trinken. Eine junge ungestüme Liebe, die die religiösen Vorbehalte sprengt und die Einwohner herausfordert, setzt eine Kettenreaktion in Gang. Ganz nett mit vielen skurrilen Details.

O Luna In Thailanda – Ein Monat in Thailand (Paul Negoescu; Rumänien)
Ein weiteres Mal vermag mich in diesem Jahr das rumänische Kino nicht vollends zu überzeugen. “Ein Monat Thailand” ist dabei keineswegs ein schlechter Film. Hier ist es Gegenwartskino, das Debüt eines jungen Filmemachers über die eigene Generation um die 30, die sich verunsichert um sich selbst dreht und der plötzlich eine abgestreifte Vergangenheit wieder begehrenswert erscheint. Ein männlicher Protagonist begibt sich in der Silvesternacht auf eine Odyssee durch das pulsierende Bukarest und sucht nach der Liebe. Eine unglaublich stimmungsvolle Partyszene mit einem modernen Remix des ebenfalls fast 30 Jahre alten Jennifer Rush-Hits “The Power of Love” vermochte mich dann doch nach zwei Dritteln Spielzeit und bis dato steigenden Desinteresses wieder einzufangen und mich mit dem Film letztlich versöhnlich zu stimmen.

Dupa Dealuri – Jenseits der Hügel (Cristian Mungiu; Rumänien / Frankreich / Belgien)
Ein abgelegenes Haus in den Hügeln – ein mehrfach verwendetes Motiv in der diesjährigen Filmauswahl. Hier ist es ein Kloster, in dem zwei innig verbundene junge Frauen nach langer Zeit der Trennung wieder zusammen kommen. Wer weggeht ist nicht mehr der selbe, wenn er wiederkommt. Aber auch wer zurückbleibt, verändert sich. Unter diesen Vorzeichen treffen die weltliche Alina und die zu Gott gefundene Voichita sich wieder. Die eine möchte die alte Freundin mit hinaus in die Welt nehmen, die andere möchte, dass sie gemeinsam in der Geborgenheit des Glaubens leben. Beide kämpfen füreinander, aber jede mit eigenem Ziel, bis ein rebellisches Aufbegehren unumkehrbar eskaliert. Das Haus in den Hügeln ist Fluchtmöglichkeit und Gefängnis zugleich. Ein stilles eindringliches Drama, das keinen Ausweg offen lässt.

Dom – Eine Russische Familie (Oleg Pogodin; Russland)
Bei Pogodin ist das einsame Haus in den Hügeln einer endlosen russischen Steppe die Heimat einer Großfamilie, die sich anlässlich des 100. Geburtstag des eher toten als lebendigen Großvaters zusammenfindet. Der Vater regiert im Haus mit harter Hand auch unter seinen sechs längst erwachsenen Kindern. Den Spuren des ältesten, kriminell verflochtenen Sohn folgen Killer zum Haus – ein spannungsvoller und am Ende sehr blutiger “russischer Western” nimmt seinen Lauf, in dem bis zum letzten Schuss das bestehende Patriarchat des Hauses demontiert wird. Anklänge bei Leone, den Coens und Tarantino inklusive. Ein rauer Film, nichts für zarte Gemüter.

Koktemnin Birinshi Zhanbyry – Erster Regen im Frühling (Erlan Nurmuhambetov, Sano Shinju; Kasachstan / Japan)
Das Haus einer kasachischen Familie liegt ebenso abgeschieden in einer urtümlichen Landschaft. Als die im Haus lebende Schamanin ihren Tod und Wiedergeburt ankündigt, bringt ein Ehepaar ihren Leichnam an einen heiligen Ort, während die Kinder der Familie allein im Haus bleiben, aber ganz selbstverständlich den Alltag und die Arbeit fortführen. Ein russisches Mädchen und ihr Vater stranden für wenige Stunden in ihrem Haus und werden für den ältesten Sohn zum Keim seiner künftigen Erweckung aus seinem vermeintlich vorbestimmten Leben. In Kasachstan vollzieht sich auch im Kino eine Rückkehr zu den Naturreligionen, die sich als Gegenentwurf zu einem modernen Leben aufzeigt. In sich ruhendes Kino, das sich der Natur und seinen Menschen unterordnet.

Kokoko (Avotya Smirnova; Russland)
Eine unglaubliche Frauenfreundschaft beginnt in einem Zugabteil und setzt sich in der Atelierswohnung einer St. Petersburger Museumsmitarbeiterin fort: die gediegene und gebildete Lisa trifft auf die lebensfrohe und einfache Vika – ein Gegensatz, der anfänglich zum Scheitern verurteilt scheint, aber der beide Frauen gegenseitig befruchtet. “Kokoko” ist eine schwungvolle und mit kräftiger Musik unterlegte Komödie, die ihre Figuren im Gleichschritt vereint und sie aus ihrem Trott ausbrechen lässt. Der Anfang vom (Film-)Ende kommt ein wenig drastisch und aufgesetzt daher, aber das Ende vom (Film-)Ende passt dann wieder sehr gut als Schlusseinstellung. “Kokoko” zu schauen, hat Spaß gemacht.

Ya Budu Ryadom – Ich werde da sein (Pavel Ruminov; Russland)
Man könnte “Ich werde da sein” als russisches “Mein Leben ohne mich” beschreiben, doch der Vergleich würde emotional zu kurz greifen. Denn Pavel Ruminov lässt seine einst lebensfrohe alleinerziehende Mutter eines 6jährigen Sohnes mit einem tödlichen Tumor im Kopf nicht ihre letzten Tage mit ihren geheimsten Wünschen verbringen, sondern sie konzentriert sich ganz auf die Zukunft des Jungen. Sie muss neue Eltern für ihn finden. Eine authentische, selbst etwas wacklige Kamera bleibt dabei intensiv nah dran an ihr, ihrem Kampf gegen die Schmerzen, Vergesslichkeit und schwindenden Kräfte und letztlich ihrem langsamen und unausweichlichen Tod, den sie vor ihrem Kind nicht einzugestehen vermag, das aber ahnt, dass eine große Veränderung bevorsteht. Die Bilder sind ungeschminkt, ungefiltert bricht sich häufig das Licht in sie hinein. Das sehr bewegende Drama war mein emotionaler Höhepunkt des Festivals.

V Tumane – Im Nebel (Sergej Loznitsa; Deutschland / Russland / Lettland / Niederlande / Weißrussland)
“Im Nebel”, der dieser Tage auch einen zumindest kleinen bundesdeutschen Kinostart hat, erzählt in langen, eindringlichen Einstellungen eine moralisch herausfordernde wie ausweglose Kriegsgeschichte aus dem Jahr 1942 in Weißrussland. Die Tatsache, dass ein ehrbarer Arbeiter von den Deutschen freigelassen wird, während seine anderen Mitgefangenen getötet werden, macht ihn in den Augen seiner Mitmenschen zum Verräter. Die anderen glauben nicht dem, den sie seit Jahren kennen, sondern dem, was sie (zu) sehen (glauben). Aus dieser aufreibenden Ausgangssituation entspinnt sich ein bedrohliches Drama dreier Männer im Wald mit dem Tod im Nacken, auf der Suche nach einem letzten Zipfel Menschlichkeit im Gegenüber. Ich war sehr beeindruckt.

Dom Bashenko – Haus mit Türmchen (Eva Neymann; Ukraine)
Auch die Ukrainerin Neymann drehte ein unspektakuläres, humanistisches Kriegsdrama, hier aus der Sicht eines kleinen Jungen, der seine Mutter verloren hat. Der Film spart dabei Bilder des Krieges komplett aus, fängt jedoch mit sehr “fotografischen” schwarzweißen Aufnahmen die trostlose Kulisse des letzten Kriegswinters ein, durch die der Junge nun irrt. Mitunter erinnern die Bilder ein wenig an Tarkowskis Filme, ohne aber dessen große Bildgewalt zu imitieren noch zu erreichen.

Ete Bolory – Wenn doch nur jedermann (Natalja Belyauskene; Armenien / Russland)
“Wenn doch nur jedermann” ist das eindrucksvolle Regiedebüt einer russischen Filmemacherin bei einer armenischen Produktion. Eine junge Russin will einen Baum auf dem Grab ihres Vaters pflanzen und sucht in Armenien dessen alten Kriegsgefährten auf. Es entspinnt sich ein sehr schönes Roadmovie durch Armenien, das sich für seine Menschen, Landschaften und Traditionen interessiert. Unterbrochen wird die episodenhafte Reise durch die Aufenthalte bei weiteren Männern, die mit ihrem Vater gekämpft haben. Durch die Figur der nahezu magischen jungen Frau kommt eine angenehme Leichtigkeit in die im Grunde nachdenklich stimmende Geschichte, die immer weiter in die jüngere dunkle Vergangenheit und an innere wie äußere Grenzen stößt. Der Film findet zu einem versöhnlichen Ende, welches der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidshan leider noch immer nicht kennt.

Chaika (Miguel Angel Jimenez; Spanien / Georgien / Frankreich / Russland)
Eine internationale Co-Produktion verhilft einer auf den ersten Blick recht neugierig machenden Geschichte auf die Leinwand, aber beim Sehen stellt sich der Film als sehr unausgegorenes Kino mit vielen Ungereimtheiten heraus. Die Inszenierung ruht sich zu lange auf den wirklich guten Landschaftsaufnahmen Sibiriens aus, verlässt sich auf ein eingangs angedeutetes Gleichnis der Protagonistin im Film (eine schwangere Prostituierte, deren sich ein Seemann annimmt und die er in seine Heimat führt) mit der ersten Frau im All (Tereschkowa 1963, genannt “Tschaika – Möwe”) und vergisst dabei, die Geschichte glaubhaft zu unterfüttern und zu erzählen. Mir ist unklar, was der Film wollte, außer eine Frau als gefangenen Vogel anzudeuten, der seinen Käfig verlassen muss, um nicht zu ersticken.


Zusammenfassend will ich die Filme “Wenn doch nur jedermann”, “Ich werde da sein”, “Im Nebel” und “Jenseits der Hügel” als jene hervorheben, die mir persönlich am besten und momentan am nachhaltigsten gefallen haben. Grundsätzlich abraten würde ich nur von “Chaika”.


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Oktober 2012: “A Simple Life” und mehr


“A Simple Life” (Ann Hui)
Ein sehr berührender und feinfühliger Film über eine einfache, genügsame Frau am Lebensabend, die ihr ganzes Leben lang für andere Menschen da war und nun fernab von ihrer eigenen Familie selbst Hilfe, Pflege und Gesellschaft braucht. Deanie Ip schenkt ihrer Figur dabei alle erdenkliche Würde, verankert sie als ruhenden und disziplinierten Pol im schnellen Leben einer Großstadt und Ann Hui überträgt deren Wesen auf die Inszenierung als unaufgeregtes und humanes Drama.


“3 Zimmer/Küche/Bad” (Dietrich Brüggemann)
Stimmiges Porträt einer Generation im Aufbruch in die Zukunft und der Suche nach dem Platz im Leben und nach der Liebe. Unterhaltsam, humorvoll, nachvollziehbar und authentisch beobachtet. Die Konstruktion des Drehbuches wird dank den vielfältigen Details und Verflechtungen angenehm aufgebrochen.

“Ein griechischer Sommer” (Olivier Horlait)
Allzu simples Familienkino, das zudem einen ernstzunehmenden aktuellen Griechenlandbezug verweigert.

“Guilty of Romance”(Sion Sono)
Unbekümmert heftiges und deftiges Kino, klug verschachtelt erzähltes Porträt dreier unterschiedlicher Frauen über deren verborgenen Sehnsüchte miteinander verbunden. “Love Exposure” gefiel mir von der Trilogie dennoch am besten.

“Gnade” (Matthias Glasner)
Durch die Ausweitung ähnlicher moralischer Herausforderungen auf alle Mitglieder einer dreiköpfigen Familie tritt die Konstruktion der Geschichte ein wenig zu deutlich hervor. Zwei tolle Darsteller (Minichmaier und Vogel) spielen souverän dagegen an, unterstützt von der grandiosen Natur und Lichtstimmung Nordnorwegens.

“UFO in her Eyes” (Xiaolu Guo)
Aus deutlich westlicher Perspektive beobachtet die Autorin und Regisseurin ein chinesisches Dorf im globalen Wandel. Ein vermeintliches UFO ist Auslöser des einbrechenden Turbokapitalismus und Aufbruch in die Moderne, der die Traditionen und Lebensgrundlage der Bauern bedroht. Eine tragikomische Geschichte und formal sehr vielfältig gestaltetes Experiment, das etwas überambitioniert nur in kleineren Details stolpert.

“Robot & Frank” (Jake Schreier)
Gewitzte kleine und charmante Geschichte. Im gewissen Sinne ein sehr bedächtiger ScienceFiction, der vor zunehmender Technisierung und Verlust traditioneller Werte warnt. Eine wunderbare Susan Sarandon in der Nebenrolle.

“Das verborgene Gesicht” (Andres Baiz)
Hui! Da glaubte ich, im Trailer wäre schon der ganze Film verraten, und dann entpuppt sich das thrillerhafte Drama als durchweg hochspannendes Kinostück, das mit der Ahnung des Zuschauers spielt. Die Inszenierung ist einen Tick zu sehr aufgetragen (Donner, Licht), aber die Wirkung des klaustrophobischen Alptraumes ging bei mir letztlich sehr gut auf.

“Sushi in Suhl”(Carsten Fiebeler)
Die tragikomische historische Geschichte bleibt hinter ihrem Potential zurück, bleibt zu flach und uninteressant, gerät auch als Unterhaltungsfilm zu sehr ins Stocken und stellt seine Figuren unnötig heraus (besonders die Nebenrollen sind nah dran an peinlichen Karikaturen).

“Angels Share” (Ken Loach)
Eine der leichteren und humorbewussten Arbeiten von Ken Loach, der dennoch “seinen” Figuren der unteren sozialen Schichten treu bleibt und ihnen hier ein nahezu märchenhaftes Abenteuer gönnt.

“Skyfall” (Sam Mendes)
Bin mit relativ wenigen Erwartungen in das aktuelle James Bond Abenteuer gegangen und war von diesem für mich eher seltenen Ausflug ins Unterhaltungskino zumindest recht angetan. “Skyfall” war für mich ein angenehmer Spagat zwischen moderner und alter Welt oder besser 21. und 20. Jahrhundert, der mit einem Bein im Heute und einem im Gestern seine Standfestigkeit und gleichzeitig die Werte der Kinoreihe Bond beweist. Den wieder verstärkten Fokus auf M, Q und Moneypenny im Wandel der Zeiten fand ich sehr angenehm.


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Francois Truffaut


Francois Truffaut

Im Laufe des Sommers habe ich alle 21 Langfilme von Truffaut sowie die beiden Kurzfilme “Die Unverschämten” und “Antoine und Collette” gesehen und konnte somit einen umfangreichen Überblick über das Schaffen des französischen Filmemachers gewinnen, sieht man mal von seinen reinen Drehbucharbeiten ab. Viele von den Filmen habe ich erstmals gesehen und war häufig überrascht, wie breit und unterschiedlich sein Werk doch ausfällt. Ich musste schon genauer hinschauen und suchen, um Gemeinsamkeiten von Francois Truffauts Filmen zu finden, vom lockeren Schwarzweißfilm über Sciencefiction, Historienkino und Krimi zum großen Drama und Reflexion übers Filmemachen.
Auf den ersten Blick bilden nur die Filme um Antoine Doinel (“Sie küssten und sie schlugen ihn”, “Antoine und Collette”, “Geraubte Küsse”, “Tisch und Bett” und “Liebe auf der Flucht”) eine Einheit und wiederkehrende Figuren und eine über mehrere Stufen fortführende (Entwicklungs-)Geschichte.
Darüber hinaus wird sein Werk eher von einzelnen Elementen zusammengehalten. Als großer Hitchcockverehrer zeichnet sich auch sein Werk durch Anleihen beim großen Meister aus: Momente voller Suspense, Geheimnisse und falsche Identitäten. Die wechselvollen Beziehungen zwischen Männern und Frauen, Affären, Ehebrüche und Dreiecksbeziehungen kehren in seinen Filmen immer wieder. Stilistisch setzte Truffaut häufig eine Lochblende ein, stoppte den Bilderfluss zu einem Standbild. Immer wieder kehren Literatur (besonders Balzac) und Musik (häufig in Form von Schallplatten) in seine Filme ein. Als er sich mit seinen ersten Farbfilmen versuchte, spielte er auch beiläufig mit Dekors: weiß-blaue Muster in Stoffen, Porzellan etc. verbinden die fünf Männer auf der Todesliste seiner schwarzen “Braut”, und die gleichen Muster kehren auch in seinen unmittelbar darauffolgenden Filmen wieder. Ein Detail, das erst durch konzentrierte chronologische Betrachtung offenkundig wird.

Es fällt mir schwer, eine Lieblingsliste aus Truffauts Werk zu bilden, denn bis auf den spröden-antiquierten “Zwei Mädchen aus Wales...” mochte ich seine Filme eigentlich alle. Hier ein Versuch, die mir 10 liebsten Filme von Francois Truffaut zu benennen:

(01) Fahrenheit 451 (1966)
(02) Die Braut trug schwarz (1967)
(03) Die amerikanische Nacht (1973)
(04) Die süße Haut (1964)
(05) Der Wolfsjunge (1970)
(06) Sie küssten und sie schlugen ihn (1959)
(07) Auf Liebe und Tod (1983)
(08) Die letzte Metro (1980)
(09) Taschengeld (1976)
(10) Die Frau nebenan (1981)

Bei der Beschränkung auf 10 Filme fällt z.B. schon der wunderbare “Geraubte Küsse” heraus. Zumindest in der jetzigen Momentaufnahme meiner längst nicht in Stein gemeißelten Liste ...


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September '12: "Liebe" und mehr


Eine insgesamt recht interessante und lohnenswerte Kinoausbeute im September:


"Liebe" (Michael Haneke) überträgt die Provokationen und Herausforderungen von Haneke so emotional und bedrückend wie noch nie. Zwei Menschen (wie immer in seinen eigenen Drehbüchern: Georges & Anne) am Abend ihres Lebens, in Liebe und trauter Zweisamkeit vereint. Haneke weiß, dass sich diesem Thema niemand entziehen kann, vor dem Alter bleibt niemand gefeit. Er bleibt so schonungslos nah dran an seinen Figuren wie gewohnt, wodurch auch ihre Geschichte von Treue und Aufopferung sich nur schwer durchstehen lässt. Bis auf eine Ausnahme bleibt das bewegende menschliche Drama ein Kammerspiel, bleibt hinter verschlossenen Türen für "die anderen" verborgen, ein absolut intimes letztes Zeugnis von Liebe. In der einzigen “Aussenszene” lässt uns Haneke übrigens nach seinen Figuren in der Masse fischen, wie bereits im Schlussbild von "Cache". Damals entließ er eine Söhnegeneration in ein neues hoffnungsvolles Nebeneinander, hier in "Liebe" sammelt er seine Protagonisten vom letzten Ausflug in das gesellschaftliche Leben ein.


"Herr Wichmann aus der dritten Reihe" (Andreas Dresen) macht den bodenständigen Lokalpolitiker aus Brandenburg echt sympathisch. Ein moderner Don Quixotte im Kampf mit den unglaublichsten Alltagsproblemen seiner Bürger, für die er so empfänglich bereitsteht. Eine politische Bestandsaufnahme an der schmerzhaft wahren Basis ohne "Parteinahme".

"Holy Motors" (Leos Carax) mit seinem labyrinthischen Aufbau und Metamorphosen könnte man als Hommage an das Kino, wo alles möglich, nichts real ist, deuten. Eine Hommage an die Fiktion auf der Leinwand, überbordend und grenzenlos, ein Zappen von Film zu Film, ein magischer Ort der Verwandlung, eine tolle Spielwiese für Maske, Kostüme und Kulissen. Oder ein verschlungener Traum, ein verästeltes, an den Rändern offenes Gedankenkonstrukt, ein Dutzend im Kopf herumspukender Ideen nicht realisierter Projekte. Oder ...

"The Exchange" (Eran Kolirin) verfolgt den Ausbruch eines jungen Uniprofessors aus seinen gewohnten Bahnen, der plötzlich sein Leben mit dem Blick eines Außenstehenden sieht. Ein ganzes Stück weit interessant, nachvollziehbar, herausfordernd und unbedingt diskussionsanregend, denn an einigen Stellen ist mir persönlich das Verständnis für den Protagonisten abhanden gekommen und hat sich regelrecht umgekehrt. Der Film ist ähnlich wie bereits "Die Band von nebenan" sehr ruhig und beobachtend gestaltet.

"Was bleibt" (Hans Christian Schmid) rückt eine Frau in seinen Mittelpunkt, die an Depressionen leidet (litt), die selbst unsichtbar bleiben und nur über das Verhalten der Familienmitglieder und den Verweis auf früher angedeutet werden. Das Familiendrama rüttelt am Beziehungsgefüge, offenbart allmählich die vorhandenen Risse im Vertrauensverhältnis der Familie, dem sich die Frau auf ihre Weise entzieht.

"Die Fee" (Dominique Abel & Co.) ist eine ganz wunderbar-schräge Groteske von den Machern von "Rumba", die sich in ähnlichem Stil erneut hoffnungslos für einzelne ganz urkomische Szenen verausgaben und dafür in Kauf nehmen, dass ihre kleine sympathische und mitunter sehr artistisch wirkende Aufheiterung keinen nennenswerten dramaturgischen oder erzählerischen Zielen folgt. Hab den Film trotzdem gemocht.

"To Rome with Love" (Woody Allen) dekliniert auf der nächsten Station von Woodys Europareise auf gewohnt witzig und charmante Weise Rom für die Leinwand durch (Liebe, Temperament, Architektur, Kunst, Familie, Touristen, Kochen & Essen, Cafes & Nebenstraßen, Medien & Kunst). Kurzweilig und unterhaltsam wie immer. Für mich leider kein so bleibender Film wie "Midnight in Paris".

"Suicide Room" (Jan Komasa) ist ein toller zeitgemäßer Jugendfilm der Generation Internet. Geschichte und Form gehen hier sehr gut zusammen und offenbaren ein sehr bewegendes und lebendiges Porträt auf Augenhöhe seines Protagonisten.

"Der Fluß war einst ein Mensch" (Jan Zabeil) ist ein bemerkenswertes deutsches Regiedebüt, das ohne Drehbuch als echtes Abenteuer in Afrika entstand, weniger ein Film statt einem todestraumwandlerischen(?) wie entbehrungsreichen Erfahrungstrip, den ein junger Deutscher in Afrika erlebt.





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Gerngucker
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