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Gernguckers Filmtagebuch





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Das Leben gehört uns



Das Leben gehört uns
La Guerre Est Declaree
(Valerie Donzelli)

Nach dem kanadischen Wunderknaben Xavier Dolan offenbaren sich hier Valerie Donzelli & Jeremie Elkaim ebenfalls als sehr popmoderne Filmemacher mit einem aufregenden visuellen und akkustischen Inszenierungsstil. Ihre autobiographische Geschichte verfilmen sie als emotionalen Tanz auf dem Vulkan, sie spielen sich selbst als Eltern eines mit einem Gehirntumor geborenen Sohnes, der sie fortan auf einen spannungsvollen und nervenaufreibenden Gang von Arzt zu Arzt führt. Ihre Geschichte löst sich immer wieder von den tragischen Fesseln der Narration, schwingt sich auf als bewegendes lebenfrohes Beziehungsmärchen der Moderne, um dann wieder auf die Boden der Tatsachen zurückzusinken. Das spannungsreiche Innenleben der jungen Eltern ist für den Film stets wichtiger als das Befinden/Leiden des kranken Kindes (was man ihm durchaus ankreiden könnte). Romeo und Julia taumeln in Sorge um das Wohl des Kindes auf und ab und stoßen an ihre Grenzen, wie wilde Raubtiere gefangen im Käfig. Dem Film fehlt ein einheitlicher, durchgängiger Inszenierungsstil. Er ist abwechslungsreich wie das Leben, und überhöht über dem Erdboden schwebend. Er stellt unterschiedliche Kameraführungen und Musiken gleichberechtigt nebeneinander. Das kann man mögen, muss es aber nicht. Ich konnte dem Film meine Sympathie nicht entziehen. Denn er bewegt an den richtigen Stellen.





Die Geräusche des CT Scans, die in Techno-Musik übergehen und bei Juliette Erinnerungen an das Kennenlernen mit Romeo im Nachtclub auslösen. Der Match Cut zwischen Flucht aus dem Nachtclub und dem Joggen durch Paris. Die Verwendung der gleichen barocken Musik beim Zeigen des unbeschwerten Verliebtseins und dem Schock über die üblen ärztlichen Nachrichten.
Die inszenatorischen Mittel des Films sind aus meiner Sicht zum Teil sehr stark und ausdrucksvoll, zum Teil aber leider diskutabel. So fand ich manche Spielereien auf der Tonspur arg deplaziert (die Mutter weint im Hip Hop-Scratchrythmus, what the fuck, lan, sonst alles sauber bei den Filmmachern, oda was?).
Sehr gut gefallen hat mir aber z.B. der trügerische Freuden-Ausbruch der gesamten Sippschaft nach der "geglückten" OP.

Aus meiner Sicht gibt Dein Text den Film gut wieder: LA GUERRE EST DECLAREE berührt tatsächlich, macht die Gefühlswelt der Eltern plastisch. Gut gefallen hat mir dass - neben all der Verzweiflung - auch (Galgen)Humor und das Verlangen nach Ablenkung/Eskapismus der Eltern eine Rolle spielt (Kuss-Party, etc.).
Gerade das Pendeln zwischen Tragik und märchenhaftem Surrealismus (gesangliches Double Solo der Beiden in den Autos, etc.) macht den Film aus meiner Sicht sehr stark, weil er harte Realität und emotionale Überforderung mit heilen Beziehungs-Idealen gegenüber stellt.

Ich bin also angetan und emotional getroffen von dem Film. Denn er beleuchtet viele Facetten davon, was es für Eltern heißen muss, ein krebskrankes Kind zu haben. Dass es dabei nicht immer realistisch sondern bisweilen märchenhaft zugeht, finde ich gut.

Dass der Film rein aus der Sicht der Eltern gehalten ist, kreide ich ihm nicht an. Wie will man den Film aus der Sicht so eines kleinen Kindes erzählen, das noch nicht mal sprechen kann? Nun, man könnte das vielleicht. Aber das wäre dann ein sehr spezieller Film, der nicht für die breite Masse geeignet ist. Ich finde es legitim, sich auf die Leiden der Eltern zu konzentrieren. Vermutlich haben sich die Filmmacher gefragt: Wie würde ich reagieren, wenn? :)

P.S.: Den Titel LA GUERRE EST DECLAREE aus einer Paralellisierung des Irak-Kriegs mit dem Kampf der Eltern herzuleiten, ist aus meiner Sicht aber ein mächtiger Griff ins Klo. :bart:
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Ubaldo Terzani sagte am 03. Mai 2012, 00:11:

Dass der Film rein aus der Sicht der Eltern gehalten ist, kreide ich ihm nicht an. Wie will man den Film aus der Sicht so eines kleinen Kindes erzählen, das noch nicht mal sprechen kann? Nun, man könnte das vielleicht. Aber das wäre dann ein sehr spezieller Film, der nicht für die breite Masse geeignet ist. Ich finde es legitim, sich auf die Leiden der Eltern zu konzentrieren. Vermutlich haben sich die Filmmacher gefragt: Wie würde ich reagieren, wenn? :)

Soweit hatte ich gar nicht gedacht. Aber Du hast recht, ein Film zu diesem Thema aus der Sicht des Kindes ist nahezu unmöglich.
Ich wollte eigentlich nur ausdrücken, dass der Film häufiger und über längere Zeit das Kind ganz aus der Erzählung herauslässt. Es ist zwar immer gedanklich präsent, aber die Erzählung kommt auch gut damit aus, das Kind nicht immer zu zeigen. Und vor allem: wir sehen nie, wenn es ihm schlecht geht. Nicht einmal das Übergeben wird gezeigt. Die Kamera ist erst zur Stelle, wenn das Maleur vorbei ist.

Ubaldo Terzani sagte am 03. Mai 2012, 00:11:

P.S.: Den Titel LA GUERRE EST DECLAREE aus einer Paralellisierung des Irak-Kriegs mit dem Kampf der Eltern herzuleiten, ist aus meiner Sicht aber ein mächtiger Griff ins Klo. :bart:

Ich gebe zu. Ich habe soeben erst den Originaltitel in die Google Übersetzungsmaschine geworfen. Das Ergebnis finde ich auch nicht sehr passend.
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Gerngucker sagte am 03. Mai 2012, 20:02:

.Ich wollte eigentlich nur ausdrücken, dass der Film häufiger und über längere Zeit das Kind ganz aus der Erzählung herauslässt. Es ist zwar immer gedanklich präsent, aber die Erzählung kommt auch gut damit aus, das Kind nicht immer zu zeigen. Und vor allem: wir sehen nie, wenn es ihm schlecht geht. Nicht einmal das Übergeben wird gezeigt. Die Kamera ist erst zur Stelle, wenn das Maleur vorbei ist.

Ich stimme Dir völlig zu. Aber vielleicht wäre die explizite Darstellung der Leiden eines Kleinkindes zu starker Tobak für einen Mainstreamfilm (und das ist de facto ein Mainstreamfilm)? Keine Ahnung.
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