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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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BREAKHEART PASS (Tom Gries/USA 1975)


"There's more ways to pacify Indians than shootin' holes in them."

Breakheart Pass ~ USA 1975
Directed By: Tom Gries

Ein Militärzug ist auf dem Weg nach Fort Humboldt, um die dort durch eine grassierende Diphterie dezimierte Besatzung wieder aufzufüllen und Hilfsgüter mitzubringen. Im Zug befindet sich außerdem der Gouverneur Fairchild (Richard Crenna). An einem unterwegs liegenden Bahnhof steigen noch Marshal Nathan Pearce (Ben Johnson) und der soeben von ihm verhaftete Falschsspieler John Deakins (Charles Bronson) zu. Zwei Offiziere verschwinden indes spurlos. Bei der Weiterfahrt ereignet sich noch eine ganze Kette von vorgeblichen Unglücksfällen, die sich bald darauf als gezielte Anschläge herausstellen. Fürderhin ist Deakins mitnichten der Gauner, der er zu sein vorgibt, sondern ein verdeckt ermittelnder Secret-Service-Agent auf der Spur eines verschwundenen Waffenarsenals. Und in Fort Humboldt wartet keinesfalls die Diphterie, sondern der berüchtigte Killer Levi Calhoun (Robert Tessier) mitsamt seinen indianischen Verbündeten.

Schnörkellos guter Western-Krimi nach einem Roman und Script des ehedem beliebten Herrenromanautoren Alistair MacLean. Für Jill Ireland ergab sich mit der Rolle einer unschuldigen Offizierstochter eine weitere Gelegenheit zum Spiel an der Seite ihres Göttergatten, und auch sonst beherbergt "Breakheart Pass" eine bemerkenswerte Phalanx an Charakterköpfen, die noch heute als vorrangige Leinwandrepräsentanten jener Tage in den Köpfen präsent sind: Ed Lauter, Charles Durning, David Huddleston, Bill McKinney. Lauter spielt hier allerdings ausnahmsweise mal keinen Unsympathen, sondern den Sidekick des Helden. Was "Breakheart Pass" sonst noch von seinen Artgenosdsen abhebt, ist der konzentrierte, gleichfalls ungewöhnliche Handlungsschauplatz: Ein Zug auf dem Weg durch die gebirgige, verschneite Ödenei der Rockies, nur selten durchbrochen von inhaltlichen Schwenks zum von Unholden (Tessier mit dickem Rauschebart ist eine echte Schau!) besetzten Fort Humboldt. Ähnlich wie in Lumets meisterhafter Star-Menagerie "Murder On The Orient Express" gilt es hier, mittels detektivischen Geschicks auf jenem räumlich stark beschränkten Terrain einen oder mehrere Mörder dingfest zu machen. Be- und untermalt wird das Ganze durch die pointierte Fotografie Lucien Ballards sowie von einem herorragenden Goldsmith-Score und ist handwerklich durchweg unprätentiös gearbeitet, wie ein stabiler Eichentisch vom Schreiner nebenan. Ich bin mir übrigens zu neunundneunzig Prozent sicher, dass der ziemlich zu Beginn von Tessier per Kopfschuss erledigte Soldat am Telegraphen der junge Sam Elliott ist. Leider ließ sich dies nicht eindeutig verifizieren.

8/10

Tom Gries Nevada Idaho Gebirge Zug Indianer Verschwörung Alistair MacLean undercover


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DIRTY DINGUS MAGEE (Burt Kennedy/USA 1970)


"It's the Code of the West."

Dirty Dingus Magee (Der schärfste aller Banditen) ~ USA 1970
Directed By: Burt Kennedy

Nachdem der lustige Gauner Dingus Magee (Frank Sinatra) seinen alten, etwas langsamen Kumpel Hoke (George Kennedy) wiedergetroffen und ausgeraubt hat, will dieser Genugtuung. Von der Puffmutter Belle (Anne Jackson) lässt sich Hoke kurzerhand zum Sheriff machen und versucht, Dingus mit allerlei legalen und illegalen Methoden hiner Schloss und Riegel zu bringen. Dieser hat jedoch noch weitaus größere Probleme, da sich die schnieke Häuptlingstochter Anna (Michele Carey) in ihn verguckt hat und ihr Papa Verrückter Mokassin (Paul Fix) sie flugs unter der Haube und außerdem Dingus' Flinte zum Tausch haben will. Allerlei turbulente Verwicklungen, in die sogar der gesuchte Bandit John Wesley Hardin (Jack Elam) gezogen wird, sind die Folge.

Wie ausgebrannt einstmals gut beschäftigte Filmemacher wie Burt Kennedy um das Jahr 1970 waren, als New Hollywood voll im Kommen begriffen und die alten Routiniers sich abgeschrieben fanden, demonstrieren wenige Filme so eindringlich wie die flaue Parodie "Dirty Dingus Magee". Nachdem Kennedy seine größten Erfolge als Scriptautor für Budd Boetticher feiern konnte, fing er Mitte der Sechziger irgendwann selbst an, Western zu inszenieren. Diese standen meist in einem betont komischen Kontext und ließen von der einstigen Grandezza des Genres kaum mehr etwas durchblicken; dennoch war brauchbarer Stoff wie "The Rounders" oder "The War Wagon" darunter, für den ihm zumeist noch mittlerweile angegraute Altstars beisprangen. "Dirty Dingus Magee" jedoch bildet einen Tiefpunkt: Frank Sinatra in der Titelrolle ist ein übler Witz - so übel, dass er danach erstmal für zehn Jahre von der Leinwand verschwand. Er wird über seine alberne Vorstellung und vor allem die oberbescheuerte Perücke hinreichend entsetzt gewesen sein. Doch ist Ol' Blue Eyes nicht der einzige Faux-pas des Films: Kennedys Regie ist uninspiriert, gelangweilt, klamaukig und schlicht mies. Der Film hat so gut wie keinen Stil und setzt auf Zoten statt auf Humor. Westernfreunde mögen sich wahlweise an den Auftritten vormaliger standards wie Harry Carey jr., Albert Dehner, Paul Fix oder Jack Elam erfreuen - oder sich auch ebensogut entsetzt abwenden. Mit Ausnahme seiner mageren filmhistorischen Relevanz erscheint "Dirty Dingus Magee" jedenfalls noch heute als eine einzige ärgerliche und weithin verzichtbare Peinlichkeit.

3/10

Burt Kennedy Parodie Bordell Kavallerie Duell Indianer New Mexico


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ACROSS THE WIDE MISSOURI (William A. Wellman/USA 1951)


"They lived hard and they played hard."

Across The Wide Missouri (Colorado) ~ USA 1951
Directed By: William A. Wellman

Colorado in den 1830ern: Der Trapper Flint Mitchell (Clark Gable) lernt beim jährlichen Treffen der 'mountain men' zum 4. Juli die schöne Kamiah (María Elena Márques), Tochter eines Schwarzfuß-Häuptlings (Nipo T. Strongheart), kennen und verspricht sich von der umgehend stattfindenden Hochzeit mit ihr einige Vorteile bei der im folgenden Jahr geplanten Biberjagd im Indianergebiet. Bald schon lernt Mitchell das mutige Mädchen, das ihn und viele seiner Freunde sicher über die Gebirgspässe in die Jagdgründe ihres Großvaters Bear Ghost (Jack Holt) geleitet, jedoch aufrichtig und von Herzen lieben. Dem alle Weißen hassenden Ironshirt (Ricardo Montalban) ist die häusliche Niederlassung der Trapper in seinem Gebiet derweil ein Dorn im Auge, Konflikte sind vorprogrammiert. Als Bear Ghost stirbt, wird Ironshirt zum neuen Häuptling und führt hernach einen noch unerbittlicheren Krieg gegen die weißen Eindringlinge.

Wenn dieses Meisterwerk wie berichtet lediglich das Fragment eines größeren Ganzen darstellt, welch astronomischer Film blieb uns dann vorenthalten?
Western über Trapper gibt es einige, aber Wellmans "Across The Wide Missouri" dürfte selbst in dieser angeblichen Rumpfform noch immer der ausbalancierteste und schönste unter ihnen sein. Gleich zu Beginn wird man umgehend mit dem seltsamen, leicht verrückt wirkenden Milieu der mountain men konfrontiert; todesmutige Kerle in Lederkluft und mit Pelzmützen, mit ungepflegten, verfilzten Bärten und von den langen Phasen der Einsamkeit leicht sonderbar geworden. Einige Franzosen sind darunter, zwei Schotten und eben der typische Angloamerikaner Flint Mitchell, dem ein zünftiges Besäufnis unter guten Kumpels anfänglich noch weit wichtiger ist als irgendeine romantische Hochzeitsnacht mit einer Squaw. Doch angesichts María Elena Márques' zauberhaftem Spiel nimmt man Clark Gable seine flotte Domestizierung gern ab. Nach der Figureneinführung geht der Film dann ins Universale: Gewaltige Landschaftsaufnahmen der Gebirgswelt und satter grüner Täler gibt es zu sehen; ein Areal, das sich nicht um seine paar kleinen Menschlein und deren Nöte schert. So lässt die Blutfehde nicht lange auf sich warten, und sie nimmt sich im Finale wenig versöhnlich aus. Wie schon Daves' ein Jahr älterer "Broken Arrow" hält Wellmans Film für die gemischtfarbige Beziehung von Rot und Weiß kein glückliches Ende bereit und erzielt damit eine recht bittere Konsequenz: Dieses uralte, in Fels und Stein gehauene Land ist noch nicht reif für ein vorurteilsfreies Miteinander.
Wellmans unbd Talbot Jennings' Urfassung wurde von der MGM-Chefetage übel mitgespielt - vieles wurde weggekürzt und zusammengestrichen sowie, des angeblich besseren Verständnisses wegen, durch den jetzt hörbaren Off-Kommentar von Mitchells erwachsenem Filmsohn mit der Stimme von Howard Keel ergänzt. Wellman soll die Betrachtung dieses Gerippes das Herz gebrochen und er sich in der Folge von dem Film distanziert haben. Dennoch ist das, was "Across The Wide Missouri" bis heute darstellt und symbolisiert, eines der vorrangigen Genrewerke und von herzensbrecherischer Bittersüße.
Daher trotz aller Vorbehalte neben "Westward The Women" Wellmans Schaffens-Nonplusultra, sozusagen mein persönliches Fait accompli.

9/10

William A. Wellman Colorado Indianer Trapper Belagerung period piece


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SHENANDOAH (Andrew V. McLaglen/USA 1965)


"If we don't try we don't do. And if we don't do, why are we here on this Earth?"

Shenandoah (Der Mann vom großen Fluss) ~ USA 1965
Directed By: Andrew V. McLaglen

Virginia, 1864: Der verwitwete Famer Charlie Anderson (James Stewart), Vater von sechs Söhnen und einer Tochter, hält aus Prinzip keine Sklaven und sich und seine Familie stoisch aus dem Kriegsgeschehen heraus. Wenngleich er von der konföderierten Armee und seinen Nachbarn misstrauisch beäugt wird, entpuppt sich seine kriegsfeindliche Haltung als äußerst bodenständig und weithin effektiv. Zumindest hat Anderson nicht den Verlust eines oder mehrerer Söhne zu beklagen. Als jedoch sein in einer Soldatenuniform spielender Jüngster Boy (Phillip Alford) von Unionssoldaten gefangen genommen und verschleppt wird, sieht sich Anderson gezwungen, zum Teil des Bruderkriegs zu werden. Zusammen mit vieren seiner Söhne und seiner Tochter Jennie (Rosemary Forsyth) zieht er los, um Boy zurückzuholen. Diese Aktion wird ihn viele Verluste und viel Schmerz kosten.

"Shenandoah" ist einer von McLaglens wichtigsten und schönsten Filmen, dessen Geist und Bedeutungskraft weit über das übliche inszenatorische Routinement des Regisseurs hinausragen. Nicht nur als Western, sondern auch als Antikriegsfilm und als Charakterporträt eines verzweifelt Strampelnden funktioniert "Shenandoah" ganz ausgezeichnet. Dies wird besonders gegen Ende deutlich, als ein desillusionierter Familienvater am Grab seiner Frau, zweier verlorener Söhne und einer Schwiegertochter einsehen muss, dass die Gewalt über die Geschicke einer Familie längst nicht bei ihrem Patriarchen verbleiben kann. Stewart musste in vielen seiner dramatischen Rollen ein entsetztes, geschocktes und trauriges Gesicht aufsetzen - hier jedoch rollen Tränen. Besonders bitter erscheint die Sequenz, dass der komplette, grundsätzlich durchaus positiv zu wertende Aktionismus, den Anderson im Laufe der Geschichte an den Tag legt, völlig nutzlos und ineffektiv bleibt. Gerade das aber verleiht "Shenandoah" zugleich eine Lebensweisheit, die man nur äußerst selten im Hollywoodkino, und gerade im Western findet. "The Wild Geese" ist und bleibt mein Lieblingsfilm von McLaglen, aber mit dieser jüngsten von mittlerweile sehr vielen Sichtungen rückt "Shenandoah" ein gutes Stück auf.

9/10

Andrew V. McLaglen Virginia Sezessionskrieg Familie Farm


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DESTRY RIDES AGAIN (George Marshall/USA 1939)


"All I want is to be a cowboy and to wear my own pants!"

Destry Rides Again (Der große Bluff) ~ USA 1939
Directed By: George Marshall

Da der krumme Saloonbesitzer Kent (Brian Donlevy) den vormaligen Sheriff des lockerlebigen Städtchens Bottleneck kurzerhand beseitigen ließ, wird der alte Säufer Washington "Wash" Dimsdale (Charles Winninger) zum neuen Amtsinhaber gekürt. Dieser lässt fortan den Schnaps Schnaps sein und besorgt sich mit dem jungen Tom Destry (James Stewart) erstmal einen "in Aufräumarbeiten erfahrenen" Assistenten. Umso größer Washs Enttäuschung und die allgemeine Belustigung, als Destry auftaucht und nichtmal einen Revolver trägt. Die Tingeltangelsängerin Frenchy (Marlene Dietrich) wirft dennoch ein interessiertes Auge auf den durch nichts aus der Ruhe zu bringenden Destry...

"Destry Rides Again" ist innerhalb von nur sieben Jahren bereits die zweite Adaption der Geschichte um den unkonventionellen Gesetzeshüter Tom Destry, der in der Erstverfilmung von Tom Mix gespielt wurde. Später gab es dann noch eine Variation mit Audie Murphy. George Marshalls Version mit der Dietrich und Jimmy Stewart gilt gemeinhin als die beste und schönste und liefert einen weiteren elementaren Beitrag zum Western-Superjahr 1939, in dem fast jedes der großen Studios mindestens einen maßgeblichen Genrebeitrag ins Rennen warf. "Destry Rides Again" quillt über vor Glamour und Eleganz (die er vornehmlich der selten schöneren Marlene Dietrich verdankt) und läuft trotz seines Status als "Westernkomödie" niemals Gefahr, albern zu werden (im Grunde enthält er auch nicht mehr comic relief als jeder Errol-Flynn-Western). Im Gegenteil ist er ein Musterbeispiel an dialogischer Coolness - wie "die Luft da oben" sei fragt die angesichts Stewarts Größe sichtlich beeindruckte Dietrich ihn bei der ersten Begegnung und entgegnet ihm später, als er sagt, er wolle sie nicht beim Abendessen stören, dies sei ihr Frühstück. Natürlich war Hollywoods decency damals noch nicht ganz reif für soviel nachtschwärmerisches Selbstbewusstsein und ebensowenig durfte der Charakter der Frenchy mit ihren einmal begangenen Sünden davonkommen - wenngleich man sie am Ende zwangsläufig lieben muss. Also stirbt sie den (angemessen flamboyant inszenierten) Heldentod und Jimmy heiratet ein spießiges Bürgermädchen. Kinorealität anno 39, nichtsdestotrotz hochklassig.

9/10

George Marshall Poker Saloon


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THE MAN FROM THE ALAMO (Budd Boetticher/USA 1953)


"That's the answer you're going to get."

The Man From The Alamo (Der Mann aus Alamo) ~ USA 1953
Directed By: Budd Boetticher

Texas, 1836: In Fort Alamo stehen die letzten Überlebenden gegen die Truppen General Santa Annas. Um den Farmen und Familien der Milizkämpfer weiter nördlich gegen den drohenden mexikanischen Ansturm zu beschützen, wird John Stroud (Glenn Ford) per Losverfahren ausersehen, Alamo zu verlassen und in der Heimat nach dem Rechten zu sehen. Dort angelangt, muss Stroud feststellen, dass sämtliche Farmen dem Erdboden gleichgemacht und ihre Bewohner wurden - von amerikanischen Banditen in mexikanischer Kleidung, wie er von dem Waisenjungen Carlos (Marc cavell) erfährt. Im benachbarten Städtchen Franklin machen sich die Bewohner derweil soeben auf, vor den Mexikanern zu fliehen - Alamo ist gefallen. Als bekannt wird, dass Stroud kurz zuvor von dort weggeritten ist, wird er als Feigling und Deserteur gebrandmarkt. Doch er kann fliehen, die verhassten Gangster aufspüren und seine ehrliche Gesinnung beweisen.

Das Boetticher immer wieder begegnende Thema des loners, der seine Frau oder seine Familie an skrupellose Bösewichte verloren hat und sich nun auf einen blutigen Rachefeldzug begibt, findet auch in "The Man From The Alamo" seinen Platz. Ein harter, gänzlich humorfreier Western ist dieser geworden, zwar eher routiniert und noch nicht ganz so formvollendet wie die späteren Filme mit Randolph Scott, aber doch von einiger Qualität. Nicht nur um Rache, Schuld und Sühne geht es allerdings bei Boetticher, auch um die Reinwaschung des guten Namens des Helden - oftmals befindet sich dieser nämlich in einer schicksalhaften, prekären Situation, die ihn in einem völlig falschen Licht dastehen lässt, das erst wieder zurecht gerückt werden will - so auch in "The Man From The Alamo", in dem es um Feigheit vor dem Feinde und damit auch gegenüber der Heimatflagge geht. John Stroud ist allerdings viel zu stolz, um gegen die populistische Dummheit seiner Widersprecher anzugehen sowie, erschüttert über den Verlust seiner Familie und seines KJampfes, schon bereit, sein Verleumdungs-Schicksal anzunehmen. Schließlich bestimmt aber doch der Wunsch nach Gerechtigkeit sein Wirken. Glenn Ford, eher der hausmännliche, bürgerliche Typ, war nie ganz der große Star wie seine Kollegen, dennoch zählen viele seiner Western zu den bemerkenswertesten Genrebeiträgen. Warum das so ist, demonstriert Boettichers Film wieder einmal zur Genüge.

7/10

Budd Boetticher Alamo Texas Rache


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¡MÁTALO! (Cesare Canevari/E, I 1970)


Zitat entfällt.

¡Mátalo! (Willkommen in der Hölle) ~ E/I 1970
Directed By: Cesare Canevari

Drei ruchlose Desperados (Corrado Pani, Antonio Salines, Luis Dávila) und ihr Gangsterliebchen (Claudia Gravy) verstecken sich mit ihrem aus einem Postkutschenraub stammenden Gold in einer staubigen Geisterstadt. Dort lebt nurmehr eine schrullige Alte (Ana María Noé) im verblassenden Glanz ihrer früheren Tage, die schnell überwätigt ist. Als zwei Fremde, der umherziehende Ray (Lou Castel) und die verlassene Bridget (Ana María Mendoza) in die Stadt kommen, freut sich das bösartige Quartett zunächst, dass es was zum Demütigen hat. Dann jedoch kann sich Ray befreien und seine Peiniger zum Teufel jagen.

"¡Mátalo!" hat es als jenes delirierende Stück Film, das es letzten Endes geworden ist, bis heute schwer, willfährige Abnehmer zu finden. Allzu sperrig und eigenbrötlerisch gestaltet sich Canevaris sehr eigenwilliger Genrebeitrag, ist dabei weder außerordentlich blutig, noch sonderlich stringent erzählt. Der Plot bildet lediglich ein in variierter Form bereits tausendmal durchexerziertes, substanzloses Nichts und somit keine rechte Wirbelsäule - nur die Form gestaltet sich letztlich als aufsehenerregend, dies jedoch auf bizarre Art und Weise. Vermutlich hätte an Canevaris wilden, dialogarmen Bildern auch Jodorowsky seine Freude gehabt; die Musik peitscht mittels psychdelischer Rockgitarren durch den Staub, das Bild friert für Sekunden ein, immer wieder wird für ein, zwei Frames ein quietschendes Auge ins Geschehen geschnitten. Und am Ende fliegen dann die Bumerangs. Vermutlich will "¡Mátalo!" gar nicht gesehen, sondern erfahren werden. Halluzinogene und/oder andere Rauschmittel als Impressionsverstärker möchten an dieser Stelle zwar nicht ausdrücklich empfohlen, aber doch optional suggeriert werden. Huiuiui.

7/10

Cesare Canevari Geisterstadt Italowestern


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LAWMAN (Michael Winner/USA 1971)


"Did you feel the world turn beneath your feet?"

Lawman ~ USA 1971
Directed By: Michael Winner

Marshal Maddox (Burt Lancaster) kommt nach Sabbath, um fünf Mordverdächtige festzunehmen, die in seiner Stadt Bannock in volltrunkenem Übermut einen alten Mann getötet haben. Die fünf Männer, allesamt beim Großrancher Bronson (Lee J. Cobb) angestellt bzw. mit ihm verwandt, weigern sich, sich einer ordnungsgemäßen Verhandlung zu stellen und versuchen sich der Festnahme durch Maddox per Flucht oder Gegenwehr zu entziehen. Doch der Marshal ist unerbittlich in seinem Vorgehen.

Es ist, wie es ist. Gesetze gibt es, um Ordnung im Chaos zu schaffen und wer sich nicht an sie halten mag, muss mit den Konsequenzen leben. Oder mit ihnen sterben. Eine recht einfache Formel, die Michael Winners ersten von nur zweien (und damit grundsätzlich deutlich zu wenigen) Western jedoch ganz gut subsummiert. Gerald Maddox ist viel zu alt und viel zu abgeklärt, um seine Vorgehensweise noch moralischen Reflexionen zu unterziehen und als er es am Ende, in einem winzigen Augenblick der läuternden Hoffnung, doch mal kurz probiert, straft ihn die Realität auf der staubigen Straße prompt Lügen. Völlig erbost über jene brutale Antwort des Schicksals erschießt Maddox kaltblütig einen flüchtenden, unbewaffneten Feigling von hinten. Damit hat er endgültig jedwede Chance auf Erlösung verwirkt und die bereits zuvor akut drohende Versteinerung seines Wesens dürfte perfekt sein.
"Lawman" ist, wie "Chato's Land", ein tiefschwarzer und knüppelharter Gattungsbeitrag, dem der distanzierte Blickwinkel des britischen Filmemachers nur guttut. Die frühen Siebziger waren bekanntlich eine gute Zeit für Genreabgesänge und Requiems und "Lawman", als Kühlerfigur einer ohnehin großartigen Besetzung einen alternden, abgeklärten Burt Lancaster vorweisend, dessen letztes, zähnebleckendes Lächeln bereits vor vielen Jahren gelächelt wurde, ist einer der wegweisendsten unter ihnen.

9/10

Michael Winner Ranch


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RUN OF THE ARROW (Samuel Fuller/USA 1957)


"I got no stomach for politics."

Run Of The Arrow (Hölle der tausend Martern) ~ USA 1957
Directed By: Samuel Fuller

Der Konförderierten-Private O'Meara (Rod Steiger) erlangt traurige Berühmtheit als der die letzte Kugel des Bürgerkriegs abfeuernde Soldat von Appomatox. Sein Opfer Lieutenant Driscoll (Ralph Meeker) überlebt den Anschlag jedoch schwer verletzt und wird von O'Meara eigens zum nächsten Lazarett gebracht. Schwer frustriert über Lees Kapitulation dreht O'Meara seiner Heimat den Rücken und zieht als Abenteurer gen Westen, wo er dem alten, vormals als Scout beschäftigten Ogalala-Sioux Walking Coyote (Jay C. Flippen) begegnet, der zu seinem Volk zurückkehren möchte. Als O'Meara und Walking Coyote schließlich dem Sioux Crazy Wolf (H.M. Wynant) begegnen, wird ihr Leben der Prüfung des "Laufs des Pfeils" überantwortet: Das Opfer bekommt eine Pfeilschusslänge Vorsprung und muss dann barfuß vor seinen Häschern fliehen. Wird es erreicht, obliegt sein Leben den Verfolgern. Walking Coyote überlebt die Prüfung nicht, O'Meara wird von der Indianerin Yellow Moccasin (Sarita Montiel) in Obhut genommen. Als erster die Prüfung überlebender Mann wünscht sich O'Meara als Yellow Moccasins Gatte in den Stamm der Sioux aufgenommen zu werden, was ihm der kluge Häuptling Blue Buffalo (Charles Bronson) gewährt. Bald darauf zieht eine Kavallerieabteilung durch das Land, der auch der mittlerweile genesene Lieutenant Driscoll angehört und von der O'Meara sich als Scout anheuern lässt. Als dieser nach dem Tode des Kommandanten (Brian Keith) ranghöchster Offizier des Bataillons wird, begeht er einige folgenschwere militärische Fehler, die einen Krieg mit Blue Buffalo heraufbeschwören. O'Meara muss sich nunmehr für eine Seite entscheiden.

Für einen der schönsten und wichtigsten Western seiner Dekade ist es eine Schande, dass Fullers Meisterwerk "Run Of The Arrow" bis heute keine adäquate Veröffentlichung erfahren hat. Die kürzlich bei uns erschienene DVD jedenfalls macht ihm alles andere als seine verdiente Ehre und auch sonst gibt es weltweit bislang keine ernsthafte Alternative. Man kann nur hoffen, dass sich irgendwann ein renommiertes Label wie Criterion oder Eureka dieses großartigen Films annimmt und ihm ein gebührliches Release spendiert.
"Run Of The Arrow" ist ein Film über Lektionen und Identitätssuche, über Schuld, Sühne und charakterliche Borniertheit. Die das komplette Werk durchziehende Unkonventionalität beginnt bereits mit der Wahl des Protagonisten: Der zu einer strahlenden Heldenfigur sowieso wenig taugliche, weil im klassischen Sinne hässliche Rod Steiger spielt mit der ihm eigenen professionellen Brillanz einen unverbesserlichen, intellektuell schlicht gestrickten Kommisskopf, der große Mühe hat, die Zeichen der Zeit anzuerkennen, geschweige denn zu akzeptieren, und der mit seiner nach dem Krieg übrigbleibenden Missgunst gegenüber der nationalen Situation nicht fertig wird. Seine zuletzt abgefeuerte Kugel, mit der er jenen (instinktiv zu Recht) verhassten Nordstaaten-Offizier verwundete, behält er als eine Art Tailsman, der am Ende dann doch noch, als Akt der Gnade freilich, seiner ursprünglichen Determination zugeführt werden kann.
Dann ist da die Annäherung zwischen Weiß und Rot. Da wir es mit einem Fuller-Film zu tun haben, kann grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass "schmalzige Romantik", wie der Regisseur sie vermutlich im thematisch ähnlich gestrickten "Broken Arrow" von Delmer Daves ausgemacht haben wird, großräumig zu umschiffen ist; ein Maximum an narrativen Wendlungen wird in ein relatives Minimum an Erzählzeit gepresst. Dennoch wirkt sein Film niemals gehetzt, bleibt im Gegenteil stets vollends schlüssig, konzentriert und pointiert. Und trotz jener oberflächlich ausbleibenden Emotionalität gibt es herzzereißende Szenen: Ein Kavalleriesoldat bezahlt die Rettung eines stummen Indianerkindes (Billy Miller) aus Treibsand mit dem eigenen Leben; für O'Meara ein Anlass, seine misanthropische Haltung gegenüber den verhassten Nordstaatlern vielleicht doch noch einmal zu überdenken. Ebenso wie die sich behutsam aufbauende Freundschaft zu dem Regimentskommandaten Clark (Keith), der als ebenso geduldiger wie deutlich intellektuellerer Diskussionspartner dem sturen O'Meara einige neue Perspektiven zu eröffnen weiß. "Run Of The Arrow" feiert auch die Individualität. Ihm geht es nicht um Nationen, Stämme, Rassen oder verfeindete Armeen, sondern um Menschen; er reduziert das Wesen der Zwischenmenschlichkeit sozusagen auf seinen kleinsten gemeinsamen Nenner. Darüberhinaus wartet seine Inszenierung mit immens unbequemem Naturalismus auf. Unter anderem dürfte "Run Of The Arrow" einen der ersten Kopfschüsse in Großaufnahme zeigen - ein regelrechter visual shock.

10/10

Samuel Fuller Indianer Sezessionskrieg Kavallerie Militär


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CATTLE QUEEN OF MONTANA (Allan Dwan/USA 1954)


"New job, new gun."

Cattle Queen Of Montana (Königin der Berge) ~ USA 1954
Directed By: Allan Dwan

Kaum an ihrem neu erworbenen Stück Land in Montana angelangt, werden Pop Jones (Morris Ankrum) und seine Tochter Sierra (Barbara Stanwyck) von dem abtrünnigen Blackfoot Natchakoa (Anthony Caruso) und seinen Männern überfallen. Der Indianer tötet den alten Jones nebst fast aller seiner Mitarbeiter und stiehlt die gesamte mitgebrachte Viehherde. Als der wohlerzogene Häuptlingssohn Colorados (Lance Fuller) Sierra und den alten Nat (Chubby Johnson) findet, nimmt er sie mit und pflegt sie gesund. Sierra muss lernen, dass Indianer nicht gleich Indianer ist, zumal der längst dem Feuerwasser verfallene Natchakoa nur im Auftrag des gierigen Ranchers McCord (Gene Evans) handelt. In Colorados und dem verdeckt ermittelnden Agenten Farrell (Ronald Reagan) findet Sierra treue Gefährten im Kampf gegen McCord und Natchakoa.

Naiver Klischeewestern, der seinen weiblichen Star und Titelhelden, die damals immerhin 46-jährige Stanwyck, als junges Gör zu verkaufen sucht und seinem bildungsfernen Publikum einige erleuchtende Weisheiten über die natives mitgibt: Richtig böse war nämlich eigentlich keiner von denen, nur der ihnen vom weißen Mann verabreichte Whiskey hat das Monster in ihnen hervorgelockt. Dann gab es noch die, die eine weiße Edukation genießen durften, wie den braven Colorados, dessen Lieblingssatz denn auch der folgende ist: "Mein Herz ist schwer". Solche domestizierten Insmen sind uns und dem Film natürlich am liebsten. Der als Schauspieler immerhin noch mittelmäßig talentierte Reagan sorgt für einige Twists in der mauen Geschichte. Man ahnt gleich bei seinem ersten Auftritt, dass der Kerl eigentlich ganz okay sein muss, später gibt er sich dann undurchsichtig, bis der erlösende Knutscher von Barbara alle Zweifel beseitigt.
"Cattle Queen" ist, um mich nochmals fazitär zu wiederholen, ein - bis auf seine schönen Farbkompositionen - ziemlich einfältiger, kleiner Film, der Liberalität heuchelt, in Wahrheit jedoch erzkonservativ daherkommt und dem immerhin die Krautwestern der Sechziger viel Fleisch für ihrer Illustration des "edlen Wilden" verdanken.

5/10

Allan Dwan Montana Indianer





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