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Incendies - Die Frau die singt



Incendies - Die Frau die singt (Kanada/Frankreich, 2010)

Eingefügtes Bild

Inhalt: Nach dem Tod Ihrer aus Nah-Osten-stammenden Mutter Nawal (Lubna Azabal) erfahren die Geschwister Jeanne (Mélissa Désormeaux-Poulin) und Simon (Maxim Gaudette) bei dem befreundeten Notar Jean Lebel, bei dem Nawal gearbeitet hatte, daß ihr Vater noch lebt und sie noch einen Bruder haben. Nawals letzter Wille ist, daß die Geschwister ihren Vater und ihren Bruder ausfindig machen, um ihnen jeweils einen Abschiedsbrief von Nawal zu übergeben. Während Simon gar nichts unternehmen möchte, will Jeane unbedingt nach Nah Osten reisen, damit sie den Vater kennenlernt und den Mutters letzten Wille erfüllt … In dem Herkunftsland ihrer Mutter angekommen, wird sie mit der traurigen Vergangenheit ihrer Mutter und mit dem Grauen des zwei Jahrzehnt zurückliegenden Bürgerkrieges konfrontiert …

In dem Antikriegsdrama "Incendies" werden am Beispiel eines Frauenschicksals die langfristigen Auswirkungen eines menschenverachtenden Krieges aufgezeigt. Auch wenn kein konkretes Land genannt wird, man weiß um welches Land und um welchen Krieg es hier geht: Es geht um den Bürgerkrieg in Libanon von 1975 bis 1990. Dabei haben u.a. christliche Milizeinheiten Muslims massakriert. Nawal stammte aus einem christlichen Dorf in Südlibanon, verliebte sich verbotenerweise in einen Muslim. Und ab da fängt ihr erbarmungsloses Schicksal an. Der Film zeigt ziemlich glaubhaft den dummen Hass zwischen den bewaffneten Volksgruppen und wie daraus ein unerbittlicher Bürgerkrieg entstehen kann. Die Schauspieler, allen voran die beiden Schauspielerinnen Lubna Azabal und Mélissa Désormeaux-Poulin imponieren mit ihrem leisen Spiel. Rémy Girard, den ich noch in "7 Days" kritisiert habe, konnte hier mich in der Nebenrolle als Notar überzeugen. Auch wenn der Oscar-nominierte Film sowohl von den Kritikern als auch vom Publikum überall hochgelobt wurde, halte ich ihn für kein Meisterwerk.

Zum Einen versucht der Regisseur Denis Villeneuve das Friedvolle, die Stille und die Schönheit der öden Landschaft als Kontrast zum grauenhaft lauten Krieg zu setzen, um die Wirkung der Schreie der Gefolterten und des Sounds der Sturmgewehre zu verstärken, die das Leid der Opfer dem Zuschauer spürbar machen. Dies gelingt dem Regisseur nur bedingt. Wenn ich an die Filme von z.B. iranischen Regisseuren (Abbas Kiarostami, Bahman Ghobadi, Majid Majidi …) denke, in denen die Landschaftsbilder höchst poetisch, paradiesisch und harmonisch anmuten, dann weiß ich was in "Incendies" suboptimal inszeniert wurde: Denis Villeneuve verpasst es, mit langer Einstellungen die Schönheit des Landes Libanon geziemend zu illustrieren. Statt minutenlangen Aufnahmen von Landstraßen und von kargen Landstrichen mit Sonnenuntergang (zum Beispiel aus dem Busfenster gefilmt) oder auch von den traurigen aber würdevollen Gesichtern der einfachen Bürger, zeigt "Incendies" nur in kürzen Einstellungen (unter einer Minute) ein paar Mal die Land/Dorf-Straßen. Das ist zu wenig für so einen Film. Im Zuschauer baut sich kein echtes positives Gefühl zum Land auf, sondern nur zu den Hauptcharakteren. Das Land wird relativ vereinfacht und klischeehaft dargestellt: korrupt, gewaltfördernd in seinem Kultur, arm, bedingt gastfreundlich.

Zum Anderen ist das Ende des Filmes arg konstruiert. Diese Konstruktion soll die Tragik der Geschichte unterstreichen, läßt aber die Zuschauer statt traurig oder wütend eher fragend und verwirrt zurück. Was in dem satirischen, brutalen, in seiner Überdrehtheit schockierenden Film "A Serbian Film" auf Ablehnung der meisten Kritiker und Zuschauer stößt, wird erstaunlicherweise hier von keinem Kritiker bemängelt, denn hier werden keine präzise Bilder gezeigt. Beide Filme behandeln die Folgen eines Bürgerkrieges auf die Menschen. Der eine ist ein grotesker Horrorfilm, der sich mit der Manipulierbarkeit und der Verfügbarkeit der Menschen beschäftigt, die zu Bestien werden, der andere ist ein tragisches Drama, das die Gnade und die Vergebung als einzige Ausstiegsmöglichkeit aus dem Teufelskreis des Hasses offenbart. Beide Filme sind trotz ihrer Schwächen und Unzulänglichkeiten in Ihrer Relevanz nicht zu ignorieren.

Fazit: tragisches Antikriegsdrama, das zwar die Zuschauer zutiefst bewegt jedoch in seiner Inszenierung nicht vollends überzeugt. Die christliche Botschaft von Liebe und Vergebung wurde selten so wahrhaftig, ehrlich und eindringlich vermittelt. Ein Film, der Mut macht, in einer trostlosen Welt. 7,5/10 Punkte

PS: Bitte keine Trailer oder andere Werbesendungen zum Film anschauen, denn nach den Spoilern in diesen Sendungen, der Film nicht mehr so bewegend wirkt!

Denis Villeneuve 2010 Antikriegsdrama Kanada Frankreich



Das Ende ließ mich im Gegensatz zu Dir nicht verwirrt und fragend zurück, sondern wütend und augenrollend.
Generell finde ich es eine Unsitte dass Dramen oftmals mit solchen dramatischen oder melodramatischen Zuspitzungen enden, die zu sehr als Drehbuch-Konstrukt, als Reißbrett-Entwurf ersichtlich sind, so dass sie nicht berühren können, weil sie nicht wahrhaftig/natürlich, sondern eben konstruiert wirken.

Der großartige "Haevnen" von S. Bier, der mich zwei Drittel seiner Laufzeit absolut gefesselt hat, gefiel mir im letzten Drittel plötzlich weitaus weniger, als angefangen wurde, die üblichen Drama-Konventionen zu bedienen.

Aber das ist ja noch gar nichts im Vergleich zum Finale von "Incendies". Welcher normal denkende Mensch ersinnt so einen weit hergeholten Käse und erwartet dass der Zuschauer davon schockiert oder emotional berührt wird?!? Hülfe.

Dennoch fand ich "Incendies", wie Du weißt, bemerkenswert. Der Film ist über weite Strecken so toll dass ich über die letzte Viertelstunde gerade noch hinwegsehen kann.


text nix korrekturgelesen. yadda yadda yadda...
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Zitat

Aber das ist ja noch gar nichts im Vergleich zum Finale von "Incendies". Welcher normal denkende Mensch ersinnt so einen weit hergeholten Käse und erwartet dass der Zuschauer davon schockiert oder emotional berührt wird?!? Hülfe.

Vollste Zustimmung.
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ich stimme auch dir zu. Nur ich weiß nicht, inwieweit die Filmemacher an dem "Reißbrett-Entwurf" Schuld sind, denn der Film basiert auf dem Theaterstück "Incendies" von Wajdi Mouawad. Ob das Ende für den Film geändert wurde?
mit fragend meinte ich, ob sowas überhaupt zeitlich/rechnerisch möglich ist:

/SPOILER: Die Frau kriegt mit etwa 18 ein Kind, Anfangs 20 ins Gefängnis, 15-20 Jahre im Gefängnis ... Frauen kriegen i.d.R nur bis zum 40.Lebensjahr Kinder und der Vergewaltiger sollte mind. 20 Jahre alt sein und die Geschwister in Kanada waren auch ende 20 (27-28 Jahre alt) ...SPOILER ENDE/

Aber es konnte alles zeitlich knapp passen.
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Die Filmemacher hätten sich ja von der Vorlage lösen können, wie auch immer die aussieht. Oder gab es da einen Knebelvertrag? Kann ich mir nicht vorstellen.
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...zumal der Film nicht wie eine typische, stark Dialog-basierte Theaterstück-Verfilmung a la "Closer" oder "(wie hieß noch mal der Film mit Amy Adams und M. Streep als Nonnen)" rüberkommt:

So viel wie "Incendies" nonverbal/visuell kommuniziert, so viele wortlose Momente wie er hat, *müssen* sich die Filmemacher ja von der Bühnendrama-Vorlage ein Stück weit entfernt haben, finde ich. Da bin ich mir relativ sicher, ohne dass ich das zugrunde liegende Bühnendrama kennen würde.
Deshalb stimme ich Bastros Einschätzung zu dass man das Ende ruhig hätte ändern können. Das wäre der Vorlage vielleicht nicht gerecht, aber: Nicht alles, was im Roman oder im Bühnendrama funktioniert, muss auch im Film funktionieren - und umgekehrt.

Ob das arg konstruierte dramatische Finale von "Incendies" auf der Theaterbühne funktioniert, kann ich nicht beurteilen. Es könnte funktionieren, denn Theater und Film sind gänzlich unterschiedliche Medien.
Im Film jedenfalls funktioniert das Finale in meinen Augen überhaupt nicht, und ich hätte mir gewünscht dass der Film am Ende kleinere Brötchen backt und ruhig/nachdenklich endet, anstatt zum Schluss so einen lauten und grellen Vorschlaghammer zu servieren.
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