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Magical History Tour : Wir Kellerkinder (Hans-Joachim Wiedermann) BRD 1960



Wir Kellerkinder


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Die deutsche Vergangenheit ist unbewältigt. Der Innenminister ist sehr unzufrieden mit der deutschen Filmlandschaft und hat es sich in den Kopf gesetzt zur Eröffnung der Berliner Filmfestspiele einen Film über Hakenkreuz Schmierer, die auf frischer Tat ertappt werden, zu zeigen. Leider gibt es solch Material in Westdeutschland nicht. Die "Neue Deutsche Schau" beauftragt Reporter Kemskorn (Eckard Lux) und Kameramann Kenschke (Ralf Wolter) solch Film nachzudrehen, gegen entsprechende Bezahlung. Doch dies führt zu nichts, da niemand auch nicht für Geld ein Hakenkreuz an eine Wand malen will. Abends vor einem Jazzkeller treffen die Reporter dann aber auf Macke Prinz (Wolfgang Neuss) und seine Freunde Artur (Wolfgang Gruner) und Adalbert (Jo Herbst), die just im Keller am jazzen waren und gerade frisch aus der Klapsmühle kommen. Als sie von der Polizei überrascht werden, flüchten sie in den Jazzkeller. An diesem historischen Ort erklärt Macke den Herren von der Presse, warum er bereit war ein Hakenkreuz an die Scheibe zu malen. Eine Geschichte, die 1938 mit ihm als 11jähriger Pimpf im Jungvolk, in diesem Keller begann.

Wir Kellerkinder ist subversives und anarchisches Gold. Neuss reagierte mit diesem Film auf den kurz zuvor entstandenen Wir Wunderkinder von Kurt Hoffmann an dem er, zusammen mit seinem Partner Wolfgang Müller auch maßgeblich beteiligt war und denen es auch zu verdanken ist, dass Hoffmans Film durch die satirische Rahmung nicht vollends in die typischen Klischees deutscher Geschichtsaufarbeitung driftet. Ebenso wie der Hoffmann Film wirft Wir Kellerkinder einen Rückblick in die Jahre des Nationalsozialismus. Zuerst versteckt Macke den Kommunisten Knösel vor den Nazis, später nach dem Krieg versteckt er seinen Vater 4 Jahre lang vor der Entnazifizierung in der selben Kohlenkiste in der Knösel gelegen hat. Später wird er Knösel wiedersehen, wie der mit Büchern über seine Zeit im Osten Kohle macht und zwar im Westen. Im Osten treffen sie auch auf den alten Ortsgruppenleiter, einst ein strammer Nazi, der nun ein sozialistischer Theaterleiter ist und ausgerechnet mit Mackes Schwester verheiratet, die damals engagiertes Jungmädel war. Dazu kommt noch das Adalbert an einem HItler-Komplex leidet, da er durch sein Aussehen immer wieder mit dem Führer verwechselt wird und durch die entgegenkommenden Reaktionen "Damals war ja alles besser" jedesmal anfängt Reichsparteitagreden zu halten.
Neuss teilt hier ordentlich in alle Richtungen aus und zeigt in seiner satirischen und kabarettistischen Art, mit viel Baaliner Schnauze, wie schnell doch Ideologien zu wechseln sind. Angesichts der Tatsache, dass der deutsche Durchschnittsbürger im Grunde immer noch die gleichen Parolen parat hat, wie 20 Jahre vorher, kann man ja auch nur irre werden.

Aber wie sagt Neuss am Ende so schön, als der Kellerkinder-Film fertig ist, ihn aber niemand sehen will :

"Das sind wir Alle. Ein ganzes Volk auf Zelluloid. Ist das nun negativ oder positiv ?"


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9/10

Wolfgang Neuss Satire Nationalsozialismus Wirtschaftswunder DDR Ideologie Verdrängung Bewältigung Jazz Berlin Psychatrie Magical History Tour



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