Ray Pye ist ein Muster ohne Wert, und fast jeder in dem Kleinstadtmilieu, in dem er aufwächst, weiß das. Obwohl er Schlag bei Frauen hat, hängt er meistens mit seiner Schnalle Jennifer und Kumpel Tim ab. Eines Abends kommt es zur Katastrophe, als Ray aus heiterem Himmel auf die Idee kommt, zwei Frauen umzubringen, die ihnen an einem See über den Weg laufen. Nach erfolgter Tat verwischt Ray die Spuren, und tatsächlich kommen die „Thrill Killer“ ungeschoren davon. Doch vier Jahre später zeigt es sich, daß Ray noch viel mehr auf dem Kasten hat...
Diese Verfilmung von Jack Ketchums gleichnamigem Roman ist mehr oder weniger das gemeinsame Kind von Lucky McKee (MAY, THE WOODS) und seinem Freund Chris Sivertson. Sehr ausführlich schildern sie das Privatleben eines gerade erwachsen gewordenen Psychopathen, seine Versuche, die gewalttätigen Impulse unter Kontrolle zu halten und sein letztendliches Scheitern. Der relativ preisgünstig produzierte Film profitiert von den guten Schauspielern, allen voran Marc Senter, der Ray Pye als einen gemeingefährlichen Kasper anlegt. Ray ist jugendlicher Narzißmus pur. In seiner schwarzen Lederkluft und seinen zurückgegelten Haaren wirkt er wie ein drolliger Anachronismus, eine Art 50er-Jahre-„Juvenile Delinquent“, nur daß der Halbstarke längst vergessen hat, wo seine selbstgewählte Rolle enden muß. Obwohl das Publikum dank des grausamen Anfangs weiß, wozu Ray fähig ist, wird der Film eine ganze Zeit lang entwickelt wie ein handelsüblicher Jugendfilm: Man bekommt sein ziemlich lächerliches, aber bemerkenswert erfolgreiches Balzverhalten mit (na ja, Kleinstadt!), seine Probleme mit den Kumpels, sein eigenwilliges Verhältnis zur Mutter, einer Hotelbesitzerin. Es gibt Drogenparties, renitente Polizisten und Herzeleid. Ray schnupft reichlich Koks und benimmt sich entsprechend überdreht und dummdreist. Wann immer seine Masche nicht verfängt, reagiert er hektisch, fast panisch, wie ein Kind, das nicht bekommt, was es haben will. Seine Sexualität ist mindestens ambivalent, aber Frauen dienen ihm eben dazu, sein Ego zu streicheln, und gewalttätige Ausbrüche sind niemals weit weg. Ich habe Ketchums Vorlage nicht gelesen, aber was ich gelesen habe, läßt vermuten, daß die psychologische Gestaltung des Protagonisten wohl auch im Zentrum des Romans gestanden haben wird. Sivertson schildert die Vorgänge einigermaßen zurückhaltend, läßt die Schauspieler in langen Einstellungen ganz einfach mal machen, immer eine Ahnung von schwarzer Komödie im Handgepäck. So richtig über Bord geht diese Tendenz am Schluß, als sich Ray sein ganz persönliches Heldenfinale bastelt, halt gesehen durch die Augen eines unter Drogen stehenden Psychopathen. Da wird grimassiert bis zum Abwinken, aber da der Schluß richtig biestig grausam wird, hat man nicht mehr wirklich Gelegenheit dazu, sich über ihn lustig zu machen. Ray Pye besitzt keine wie auch immer geartete tragische Dimension, keinen erzieherischen Nährwert – er ist einfach nur ein gemeines Stück Dreck, eine deformierte Kreatur ohne Herz, ein amoralischer Kasper, der sich seiner eigenen Lächerlichkeit vage bewußt ist, aber umso maßloser reagiert, wenn er sich angegriffen wähnt. Ein böses Kind. THE LOST ist verstörend, aber durchweg intelligent gemacht und ansprechend gespielt. Zudem ist die Soundtrackmusik exzellent ausgewählt. Ein Film, der beißt.
Bearbeitet von Cjamango, 17. März 2009, 22:02.
















