Luis Trenker war für mich, als ich die Volljährigkeit noch nicht erreicht hatte, ein rotes Tuch, symbolisierte er für mich doch all das, was ich an Heimatfilmen schon immer als Panoptikum des Grauens empfand. Tatsächlich ist Sulz wie WETTERLEUCHTEN UM MARIA nach wie vor eine harte Packung und enthält so gar nichts, was meinen Kopf zu beifälligem Nicken bewegen könnte. Anders verhält es sich da mit seinen Frühwerken, die die Handschrift eines eigenständigen Künstlers verraten. Tatsächlich erwähnte Roberto Rossellini einmal seinen Film DER VERLORENE SOHN als einflußreich für die neorealistische Bewegung. Häufig wird Trenker auch mit den Nazis in Zusammenhang gebracht, nicht ohne Grund. Während Filme wie DER REBELL bei Hitler und Goebbels auf Begeisterung stießen, wurde Trenker ob seiner rustikalen Direktheit aber schon bald zur „persona non grata“, vielfach denunziert und mit Berufsverbot belegt. Versuche, sich bei den Machthabern anzubiedern, waren nur kurzfristig erfolgreich. An den politischen Zielen des NS-Regimes war Trenker wohl recht wenig gelegen. Immerhin konnte er von sich behaupten, daß sich gleich zwei faschistische Diktatoren um seine Gunst bemühten, denn auch Mussolini wollte den Südtiroler für sich vereinnahmen.
Betrachtet man die frühen Filme von Trenker, so weichen sie auf interessante Weise vom Werk Arnold Fancks ab, sehr im Gegensatz zu Leni Riefenstahl, die ihre Ästhetik dem Pionier des Bergfilmes verdankt. Vor kurzem habe ich gerade Fancks Stummfilm DER HEILIGE BERG gesehen und war ziemlich baff. Fanck folgte einer Vorstellung von Poesie, die ihr Ziel in der Erhöhung von vermeintlich Verherrlichenswertem sieht, das Morbide und Düstere ausklammernd. Bei Fanck gehen die Blicke der Akteure immer steil nach oben. Genaugenommen sieht man Trenker & Co. in den Einstellungen, die ich immer als Fanck-Einstellungen bezeichne, wie sie im Halbprofil 45 Grad in die Höhe schauen, dicht an der Kamera vorbei, so als ob dem Kabelträger gerade der Schwanz aus der Hose gerutscht ist. Dieser Blick ins göttliche Nichts findet seine Entsprechung in der Bezwingung der Naturgewalten durch den Menschen, wie sie etwa der Anfang von DER HEILIGE BERG demonstriert: Leni Riefenstahl führt einige Minuten lang einen Ausdruckstanz vor, bei dem sie der sprühenden Gischt des Meeres „gebietet“. Während Frau Riefenstahl diese Tendenz zur Überhöhung (und Hybris) kultivierte und u.a. auf marschierende Nazis und Eingeborene mit dicken Dödeln anwendete, so findet sich bei Trenker diese Ästhetik am ehesten noch in den alpinen Szenen wieder, wenn man z.B. Skifahrer einen raffiniert ausgeleuchteten Steilhang runterbrettern sieht. Die Schauspieler hingegen erfahren eine andere Behandlung: Die von ihnen dargestellten Figuren benehmen sich hochgradig realistisch, häufig ohne musikalischen Kommentar. Trenker erweist sich hier als Feind des Faxentums. BERGE IN FLAMMEN war einer seiner ersten Filme als Regisseur und dokumentiert die Aktivität von Tiroler „Kaiserjägern“, die sich während des Ersten Weltkrieges (nach dem Beitritt Italiens zum Kampf gegen die Mittelmächte) auf den Gipfeln Galiziens verschanzten. Diese historische Nachstellung ist autobiographisch, zumal Trenker das selbst miterlebt hatte, und so hat man es entweder mit den Fakten oder aber mit einer nachträglichen Verklärung zu tun. In jedem Fall arrangiert der Regisseur die Szenen sehr glaubhaft, fast schon mit den Mitteln des Dokumentarkinos. Die Situation der eingekesselten Soldaten wird nicht beschönigt – trotz des sie umgebenden Schnees stecken alle im Dreck. Als die Soldaten sich darüber beklagen, daß sie keine Post von daheim bekommen, meint Trenker: „Ihr macht's eure Rechnung ohne die Zensur! Schreiben unsere Leut', daß es ihnen schlecht geht, dann verbrennen die Italiener die Post. Schreiben sie, daß es ihnen guat geht, dann verbrennt unser Zensor die Brief'. Wir werden nie a Post kriegen von dahoam, solang der Saukrieg dauert...“ Das klingt doch etwas anders als Harlan... Die milden dramatischen Beigaben bestehen in erster Linie aus der heroischen Einzelleistung Trenkers, der die feindlichen Linien durchbricht, um wichtige Informationen abzustauben. Insgesamt beeindruckt BERGE IN FLAMMEN gerade durch seine ausgesprochene Nüchternheit, die auch Trenkers folgende Filme prägen sollte. Sein Amerika-Drama DER VERLORENE SOHN wurde nach dem Krieg übrigens in Westdeutschland zunächst verboten, da man ihn für antiamerikanisch hielt, während er in Ostdeutschland verboten wurde, da man ihn als Werbung für den „American way of life“ empfand.
Anmerkung zu Komponist Giuseppe Becce, der einer der ersten bekannten italienischen Filmmusikschöpfer war und seit den Zehner Jahren unzählige Filme musikalisch kommentierte: In dem 1913 gedrehten RICHARD WAGNER kann man ihn sogar vor der Kamera erleben, als Wagner höchstselbst.
Bearbeitet von Cjamango, 24. September 2008, 11:55.
















