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Ich habe dir niemals einen Hasenbraten versprochen - Filmforen.de - Seite 21,5

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Ich habe dir niemals einen Hasenbraten versprochen


776 Antworten in diesem Thema

#616 Cjamango

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Geschrieben 09. Januar 2009, 16:57

The Crime Of Dr. Crespi (TV)

Manchmal trifft man auf Filme, denen man beim besten Willen nicht nachsagen kann, sie wären gut gemacht, aber aus irgendeinem Grund schließt man sie sofort ins Herz. THE CRIME OF DR. CRESPI ist solch ein Film!

Die Story bedient sich eines ähnlichen Aufhängers wie Universals im selben Jahre hergestellter THE RAVEN: Als ein namhafter Arzt bei einem schlimmen Autounfall schwer verletzt wird, bittet dessen Frau den Chefchirurgen André Crespi (Erich von Stroheim) um seine Mithilfe, da nur er ihren Gemahl retten kann. Crespi ziert sich ein wenig, da ihm der verunglückte Dr. Ross einst die Geliebte stahl, bevor er schließlich einwilligt. Tatsächlich trägt der nach außen hin gutherzige Crespi einen finsteren Plan in seinem Busen: Er injiziert Ross eine jener in Horrorfilmen dieser Art so populären Wunderdrogen, die den gehaßten Konkurrenten in einen todesähnlichen Zustand versetzt. Wie er dem stocksteifen Ross in einer wundervollen Szene diabolisch gackernd mitteilt, wird dieser seine eigene Beerdigung miterleben und schließlich im Sarg die Kontrolle über seinen Körper wiedererlangen. Aber nicht alles läuft wie geplant...

Das erste Drittel von THE CRIME OF DR. CRESPI spielt fast vollständig in Crespis Büro. Später dann kommen noch einige Studiokorridore und diverse angedeutete Fahrstühle etc. dazu. Der Film hätte um meinethalben aber auch vollständig an der Wirkungsstätte des brillanten Mediziners spielen können, denn was Erich von Stroheim hier abzieht, ist schlicht unbegreiflich! Der bedeutende Regisseur wird seine Rolle kaum ernstgenommen haben, denn was ist schon ein „poverty row“-Schmalspurhorror im Vergleich zu seinen eigenen kastrierten Meisterwerken wie GREED oder QUEEN KELLY? Während der Großteil von DR. CRESPI sich irgendwie selbst inszeniert zu haben scheint – es gibt genau zwei ordentlich gestaltete Sequenzen, nämlich Crespis höhnische Ansprache an die „Leiche“ und später die Beerdigung –, so muß Regisseur Auer bei den Sequenzen mit seinem Star das Studio verlassen haben, um sich eine Stulle zu schmieren, denn Regieanweisungen wird „Von“ keine erhalten haben. Während sich Bela Lugosis bevorzugte Form des Schmierens meistens in süffisant ausgekosteten Dialogzeilen darstellte, gelingt es von Stroheim mit einer geradezu an Bill Murray erinnernden Genialität, selbst dialogfreie Passagen zu Sternstunden des Kinos zu machen. Unterstützt wird er dabei von einem sagenhaft bizarren Timing, das nicht nur ihn, sondern auch seine Nebendarsteller gelegentlich völlig im Raum hängen und völlig sinnfreie Sachen erledigen läßt, die auch vom völligen Verzicht des Filmes auf eine Hintergrundmusik in ihrer Merkwürdigkeit noch verstärkt werden. So erhält Crespi einen alarmierenden Anruf in bezug auf Dr. Ross, was Erich dazu veranlaßt, sich erst einmal ausgiebig an der Nase rumzufummeln. (Macht er öfter!) Mit großartiger Geste zündet er sich ausführlichst eine der vielen Zigaretten an, die er in dem Film raucht. Dann grimassiert er ein wenig und schreibt eine halbe Minute lang irgendwas auf ein Blatt Papier. Ich habe heulend und winselnd vor dem Fernseher gekniet – großartig! Auch hat Dr. Crespi den guten Geschmack, als Dekoration ein Baby- oder Zwergenskelett auf einem Schrank aufzubewahren, das häufig ins Bild gerückt und in einer besonders hübschen Einstellung von Crespi jovial angestupst wird. Von Stroheims Diktion ist – anders als bei Lugosi – extrem zurückgenommen und ruhig, was seine gelegentlichen cholerischen Anfälle noch brachialer erscheinen läßt. In einer Szene drischt er dem unglücklichen Dwight Frye voll eine ins Gesicht, was ziemlich echt ausschaut. Seine Augen blicken meist traurig drein wie ein Bassett, der seinen Gummiknochen verloren hat. Mit kleinsten Bewegungen sorgt der Mann für Panik, wenn er zum Beispiel väterlich der Krankenschwester seine Hand auf die Schulter legt. Eine unglaublich intensive Darstellung. So etwa muß es sich anfühlen, wenn einem Udo Kier die Hand aufs Knie legt und einem direkt in die Augen schaut. (Ist einem Freund von mir passiert!) Kurzum, der Film steht und fällt mit Erich von Stroheim, der demonstriert, was passieren kann, wenn man einen Schauspieler einfach mal so machen läßt. Ich finde den Film großartig!

Bearbeitet von Cjamango, 09. Januar 2009, 17:01.

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#617 Cjamango

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Geschrieben 12. Januar 2009, 21:00

Broken Blossoms (US-DVD)

Und wieder was über Kino gelernt...

Im Londoner Limehouse-Distrikt lebt ein Chinese („The Yellow Man“, wie ihn der Untertitel nennt), der ein bescheidenes Dasein fristet als Krämer. Fern von der Heimat, kennt er fast niemanden und führt ein liebloses Leben zwischen Kaufmannsladen und Opiumhöhle. Als eines Tages die junge Lucy bei ihm völlig entkräftet auf der Türschwelle zusammenbricht, nimmt er sie auf und pflegt sie gesund. Er ist nämlich schon seit längerem stumm in das arme Mädchen verliebt, die ihr ganzes Leben lang nur herumgeschubst wurde. Ihr Vater, Battling Burrows, ist Boxer und ein Untier von Mann, der sie regelmäßig verdrischt und hält wie ein Tier. Beim Chinamann wird Lucy zum ersten Mal Zärtlichkeit und Wärme zuteil, während sie für Cheng Huan eine weiße Blüte der Schönheit in einem trostlosen Leben darstellt. Doch was schön ist, muß enden: Boxer Burrows bekommt spitz, wo seine Tochter steckt, und die Weichen zur Katastrophe sind gestellt...

BROKEN BLOSSOMS gehört zu den wichtigsten Werken des Kinopioniers David Wark Griffith, der in den Jahren von 1908 bis 1914 buchstäblich Hunderte von Ein- und Zweiaktern drehte und im Laufe der Jahre zahlreiche bis zum heutigen Tag gültige Filmtechniken entwickelte. Seine Filmsprache brachte er ein in seine beiden Epen THE BIRTH OF A NATION und INTOLERANCE, die beide gerade in vorzüglichen Fassungen auf DVD veröffentlicht worden sind und einen guten Eindruck vermitteln von den lichten wie den düsteren Seiten des Genies. Griffith war nämlich ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler, der seine sehr eigene Sicht der Dinge ungefiltert auf die Leinwand brachte. So stellte THE BIRTH OF A NATION eine Darstellung des Amerikanischen Bürgerkrieges dar, die Historikern bis heute Kopfzerbrechen bereit, gerade was die Rolle der Sklavenhaltung angeht. Betrachtet man den Film aus heutiger Sicht, so sorgt etwa die Präsentation des Ku-Klux-Klans als heldenhafte Rebellengruppe für einen ziemlichen Schluckauf, wie auch das Miteinander von glücklichen Sklaven und mörderischen Vergewaltigern mit Migrationshintergrund (hust!) recht gschmackig anmutet. INTOLERANCE kübelt den Betrachter mit bibelfester Sittlichkeit zu. Moral gibt es bei Griffith immer fingerdick, und auch dem Kitsch ging der Mann nicht aus dem Wege. Im Falle des Chinesendramas BROKEN BLOSSOMS ist anzumerken, daß die Darstellung des Protagonisten ungewöhnlich mitfühlend ist, wenngleich man den Eindruck nicht los wird, daß Südstaatler Griffith zwar ein Herz für fremde Kulturen hatte und durchaus gegen Rassismus war, jedoch eine sehr paternalistische und somit herablassende Attitüde gegenüber den „Fremdarbeitern“ besaß. Na ja, in BROKEN BLOSSOMS ist der „Chink“ auf jeden Fall der Nette, schüchtern, sensibel und ehrlich verliebt. Richard Barthelmess (der damals das neue Griffith-Protegé war) spielt ihn auch wirklich anrührend, während Lillian Gish wie gewohnt die geknickte Unschuld unter widrigen Umständen gibt. Die Zwischentitel dürften einem heutigen Publikum nicht selten zur Erheiterung gereichen, da gekitscht wird, bis der Arzt kommt. Auch sind die mimischen Verrenkungen des verdienten Charakterdarstellers Donald Crisp (in sehr jungen Jahren) als böser Unmensch ebenfalls sehr unmißverständlich. Gelernt habe ich beim Betrachten des Filmes aber (wieder einmal), daß Kino eine Parallelwelt entstehen läßt. Man kann diese Parallelwelt von außen betrachten und sich über die zeitbezogenen Unterschiede in Stil und Wertebild mokieren oder erheitern oder aber sich für die Dauer des Spektakels mal so richtig satt hineinsacken lassen. Bei BROKEN BLOSSOMS gelang mir das ganz gut. Ein 1919er Publikum ist ohne Frage aus dem Schneuzen nicht mehr herausgekommen. Der Schluß gibt in sentimentaler Hinsicht so Vollgas, daß die Zuschauer ohne Zweifel auf einer Woge aus Tränen aus dem Kinosaal geschwappt sind. Und auch ich habe einige Male recht herzlich geschnieft. Ist ja auch irgendwie traurig! Der arme Chinese...
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#618 Cjamango

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Geschrieben 12. Januar 2009, 21:05

The Bat (1926) (in Notenpapier eingewickelt durch Scheibe geworfen worden)

Lange Zeit als verschollen galt diese Thrillerkomödie von Roland West, die als Prototyp für dieses in den späten 20ern/30ern ausgesprochen beliebte Subgenre angenommen wurde. Das Ton-Remake, das West höchstselbst 4 Jahre später drehte (THE BAT WHISPERS), liegt auf DVD vor, und das 1959er Remake mit Vincent Price wird dieser Tage bei uns auf DVD erscheinen – sogar mit der alten Synchro!

Wie immer kommen verschiedene Exzentriker in einem alten Gruselhaus zusammen, wie immer setzt es ruchlose Morde, wehende Vorhänge und quietschende Türen. Im Mittelpunkt stehen diesmal die Raubzüge eines genialen Verbrechers namens „The Bat“, der zu jenen Langfingern gehört, die über eine Menge Stil verfügen. So gehören akrobatische Einlagen ebenso zu seinen Markenzeichen wie eine lustige Fledermaus-Verkleidung, fledermausförmige Schatten, die mit Scheinwerfern an Wände projiziert werden, und derlei fröhlicher Kram. Um an das Geld zu gelangen, das gerade aus der Oakdale-Bank entwendet worden ist, begibt er sich zum Anwesen des verstorbenen Bankchefs. Hier residiert derzeit eine alte Dame namens Cornelia Van Gorder, die sich mit ihrer Nichte und der überdrehten Dienstmagd Lizzie eine ruhige Zeit verspricht. Daß diese Ruhe nicht eintritt, versteht sich von selbst, und schon bald laufen dort mehr Leute herum als am Kölner Hauptbahnhof zur Stoßzeit...

THE BAT hat die Zeit ungewöhnlich gut überstanden und serviert seine Story mit viel Stil und Aufwand. Die weitläufigen Sets (sehr im Gegensatz zur klaustrophobischen Enge von Kollegen wie THE CAT AND THE CANARY oder THE LAST WARNING) haben einen faszinierend modernistischen Anstrich. Designer William Cameron Menzies sollte später als Regisseur einige Science-Fiction-Filme machen, z.B. die H.G.-Wells-Bearbeitung THINGS TO COME oder den deutlich preisgünstigeren Reißer INVADERS FROM MARS. Der „Comic Relief“ ist etwas weniger störend, als dies bei anderen Thrillerkomödien jener Tage der Fall zu sein pflegt, was daran liegt, daß die damals sehr populäre Louise Fazenda (als Hausmädchen Lizzie) in ihrer ausgedehnten Willie-Best-Rolle eine ziemlich gute Show abzieht. Einen trotteligen Privatdetektiv gibt es auch, der aber weniger nervt als etwa die Ritz Brothers in dem ähnlich gelagerten THE GORILLA. Der Großteil des Filmes wird angenehm geradlinig und ernsthaft absolviert, so daß es auch einige milde gruselige Szenen zu bestaunen gibt. Keine Ahnung, wo auf einmal das Filmmaterial hergekommen ist, aber schön, daß der Film wieder zur Verfügung steht!

P.S.: Einziger Wermutstropfen ist wieder einmal die lausige Synthie-Musikbegleitung, die mich heute auch schon bei dem 1926er DER STUDENT VON PRAG genervt hatte. Langweiliges Gepfriemel, das sich eigentlich eher wie ein milde variierter Endlos-Loop anhört. Eine bessere Begleitung hätte ich furzen können. Schade, daß man sich manchmal so wenig Mühe mit der Veredelung alter Schätzchen gibt...

Bearbeitet von Cjamango, 12. Januar 2009, 21:07.

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#619 Cjamango

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Geschrieben 13. Januar 2009, 11:47

Traum ohne Ende (DVD)

Britischer Episodengrusler der Ealing Studios, die in erster Linie für ihre eleganten Gesellschaftskomödien geschätzt wurden, von denen die hierzulande bekannteste sicherlich der schwarzhumorige ADEL VERPFLICHTET ist. DEAD OF NIGHT entstand zu einer Zeit, als der Horrorfilm als Mainstream-Ware weitgehend ausgedient hatte und sein Dasein in den Niederungen des Billigkinos fristete. Die wenigen Ausnahmen – etwa Lewis Allens vorzüglicher THE UNINVITED (DER UNGEBETENE GAST) – fielen umso mehr ins Auge. DEAD OF NIGHT gilt bis zum heutigen Tage als einer der raffiniertesten Horrorfilme aller Zeiten, und tatsächlich ist er überaus gekonnt realisiert, wenngleich ich ihn in erster Linie als einen Triumph der Eleganz bezeichnen würde. Verglichen mit den zirzensischen Episodenfilmen, die Amicus zwei Jahrzehnte später herstellte, besticht DEAD OF NIGHT durch seine exquisiten Dialoge, die den Film als Widerstreit zwischen Aberglauben und psychologischer Exegese anlegen. Unter den Gästen, die sich im Anwesen der Rahmenhandlung einfinden, befindet sich mit dem Psychologen ein waschechter Skeptiker, der alle Erscheinungen, von denen die Geschichten handeln, wegzurationalisieren versucht. Die Episoden besitzen alle ihre Reize. Von den Nachschlagewerken wird gemeinhin die Spiegel-Episode als beste angenommen: Ein junges Pärchen, das kurz vor der Hochzeit steht, erwirbt einen alten Spiegel, in dem der Mann ein altes Zimmer zu erblicken meint. Wie sich herausstellt, hat der Spiegel eine mörderische Historie, die den Mann mehr und mehr zu ihrem Bestandteil macht. Am besten die Zeit überdauert hat aber für mein Empfinden die abschließende Erzählung, die von einem Bauchredner handelt, der eine sehr unnatürliche Beziehung zu seiner Puppe Hugo pflegt. Während die meisten Geschichten eher sanften Grusel vermitteln, betritt diese Episode eindeutig das Reich des Unangenehmen, was vor allem der exzellenten schauspielerischen Leistung von Michael Redgrave zu verdanken ist. William Goldmans „Magic“ arbeitete die Grundsituation später zu einem Bestseller um, der dann mit Anthony Hopkins als Bauchredner recht ordentlich verfilmt wurde. Trotz größerer Neigung zur Hysterie geht dem neuen Film aber die unangenehme Wirkung der kurzen Episode von DEAD OF NIGHT ab, was möglicherweise auch am Zusammenspiel der einzelnen Geschichten und ihren unterschiedlichen „Temperamenten“ liegt. Ich war überaus froh, festzustellen, daß der Film jetzt auf DVD vorliegt. Die deutsche Tonspur ist neu (die alte Kinosynchro dürfte verloren sein), entspricht dem Charakter des Filmes aber in sehr befriedigender Weise. Wer den Film noch nicht kennt, sollte zuschlagen. Und wer ihn kennt, wird ihn sich sowieso holen. Das Ende übrigens war damals ein echter Erstling und wurde später häufig kopiert.

P.S.: Ich fände es toll, wenn auch THE UNINVITED mal herausgebracht werden würde und winke diesbezüglich mit dem Zaunpfahl.
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#620 Cjamango

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Geschrieben 19. Januar 2009, 16:27

Murders In The Rue Morgue (1932) (US-DVD)

In diesem verwirrenden, aber auf rätselhafte Weise faszinierenden Grusler geht es um einen gewissen Dr. Mirakel (Bela Lugosi), der auf einem Pariser Rummelplatz seine bahnbrechenden Evolutionstheorien veräußert. Als publikumswirksames Element hat er auch noch Erik dabei, einen Gorilla. Medizinstudent Pierre argwöhnt, der theatralische Doktor könne etwas mit den Frauenleichen zu tun haben, die aus der Seine gefischt worden sind. Und tatsächlich führt Dr. Mirakel widernatürliche Experimente durch, bei denen er Sexbomben Affenblut injiziert, warum auch immer. Sind immer Sexbomben, auch gerne Prostituierte. Alte Vetteln funktionieren nicht. Als Pierres Verlobte Camille in die Fänge des Affen gerät, wird ihm die Sache zu bunt...

Vor kurzem ist ja bei uns eine vorzügliche Karloff-Lugosi-Box erschienen, die rundum empfehlenswert ist. Leider hat man bei der deutschen Ausgabe auf zwei Filme verzichtet. Um THE CLIMAX ist es wohl nicht wirklich schade, aber MURDERS IN THE RUE MORGUE hätte man doch hinüberretten können, zumal es sich um einen von Universals bizarrsten Horrorfilmen überhaupt handelt, vergleichbar höchstens noch mit Edgar G. Ulmers abenteuerlichem THE BLACK CAT. Und während ich etwas davor zurückscheue, MURDERS als einen guten Film zu bezeichnen, so hält er das Interesse des Publikums doch bis zum finalen Affentanz aufrecht. Für Regisseur Robert Florey war der Film angeblich so etwas wie ein „Sorry“, weil FRANKENSTEIN schließlich dem Briten Whale zugeteilt wurde. Florey war vorher Autor einiger surrealer Kurzfilme, von denen ich nur den vergnüglichen THE LIFE AND DEATH OF 9413, A HOLLYWOOD EXTRA kenne. Während sein späterer THE BEAST WITH FIVE FINGERS eher konventionelle Pfade beschreitet, ist diese (sehr freie) Poe-Adaption eigentümlich von Anfang bis Ende. Lugosis Dr. Mirakel rangiert irgendwo zwischen popanzig und bedrohlich. In einer relativ grausamen Szene unterhält er sich mit einer an ein Kreuz gefesselten, halbnackten Schönheit, der er etwas Haut abschabt. Die ungewöhnlich schönen Sets sind sehr deutlich vom deutschen Expressionismus beeinflußt und passen exzellent zur abstrusen Storyline und zum artifiziellen Grundton des Filmes. Eine fröhliche Gesangsszene und eine amüsante komische Einlage mit einem Deutschen, einem Italiener und einem Dänen tragen nur noch mehr dazu bei, daß man aus dem faszinierten Kopfschütteln nicht mehr raus kommt. Ein eindrucksvoller Film, der nicht jedem gefallen wird, aber eine Kuriosität darstellt im Kanon des klassischen Horrorkinos.

P.S.: An den Dialogen arbeitete John Huston mit - einer seiner ersten Jobs in Hollywood!
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#621 Cjamango

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Geschrieben 20. Januar 2009, 16:02

W. (DVD)

Eigentlich wollte ich mir ja den Film GANGBANG AUDITIONS 2 anschauen, aber ich konnte die Kassette nicht finden. Als Ersatz diente mir Oliver Stones neueste Interpretation der jüngeren amerikanischen Geschichte.

W. erzählt die Geschichte des kleinen George, der gerne Präsident werden möchte, da er das Gefühl hat, sein Vater liebe Bruder Jeb mehr als ihn. Nach einer langen Odyssee des Irrens, Suchens und Saufens findet er seine Heimat bei den wiedergeborenen Christen und schließlich im Weißen Haus. Er schreibt eine Operette mit dem Titel „Weapons Of Mass Destruction“, findet aber keinen geeigneten Interpreten für die Hauptrolle. Schließlich wendet er sich resigniert dem Baseball zu, doch wo ist der Ball?

Nachdem mir Stones 9/11-Film ziemlich mißfallen hatte, fühlte ich mich bei W. doch wieder wohl. Interessant fand ich, daß Stone für seinen Film über den heute scheidenden US-Präsidenten das Format einer Satire wählte. Nach dem zwar lustigen, aber irgendwann auch ermüdenden BEING W. nun schon die zweite Bush-Satire. Im TV gab es auch mal so eine Serie, wenn ich mich recht entsinne. Anscheinend fehlt der Geschichte des George Walker Bush jr. jegliche Tauglichkeit zum Drama oder gar zur Tragödie. Im Falle von Oliver Stone führe ich das auch darauf zurück, daß Kennedy und Nixon Ikonen aus Stones eigener Jugend gewesen sind, im Guten wie im Bösen. Die Aktivitäten des Dubya verfolgte Stone als gereifter Mann. Es dringt einiges an Kopfschütteln aus dem Film, auch das Verstehenwollen eines sprachlich nicht übermäßig begabten Präsidenten, der sein Amt auch deshalb erreichte, weil er den Wunschvorstellungen vieler Amerikaner entsprach. Der Film zeichnet ihn als einen Bauchmenschen, der die Strategie gerne den Intellektuellen in seinem Generalstab überläßt. Er selbst muß die eingeschlagene Richtung der Weltöffentlichkeit verkaufen, was sich nicht immer als einfach erweist. Ich bin mir nicht sicher, ob viele Amerikaner den Film als Satire auffassen werden, aber tatsächlich wird fast jede Szene mit dramatischem Potential ironisch kommentiert, sei es durch die Wahl der Hintergrundmusik oder durch den Einsatz entlarvender Kamerapositionen. Es gibt einige hervorragende Szenen ohne jede Ironie (z.B. der Herzanfall beim Joggen), aber sie sind rar gesät. Was mich an W. am meisten beeindruckt hat, ist in der Tat der fühlbare Wunsch von Stone, seinen Ex-Präsidenten zu verstehen, aber es endet nur in Entgeisterung. Ich bin gespannt, wie ich über den Film in ein paar Jahren denke. Im Moment muß ich ihn erst einmal sacken lassen. Am Freitag läuft er übrigens im Fernsehen.
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#622 Cjamango

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Geschrieben 20. Januar 2009, 21:15

Abgedreht (DVD)

GANGBANG AUDITIONS 2 immer noch nicht entdeckt.

Jack Black und Mos Def spielen Jerry und Mike, die in der Abwesenheit von Danny Glover auf dessen hoffnungslos veralteten Videoladen aufpassen sollen. Als Jerry bei einem mißglückten Sabotageakt auf ein E-Werk einen kleinen Unfall hat und zum lebenden Hochleistungsmagneten wird, geschieht das Unfaßbare: Sämtliche Videobänder aus Glovers Laden werden gelöscht! Not macht aber erfinderisch, und so beschließen die beiden, die gelöschten Filme einfach selber nachzudrehen. Allerdings entwickelt sich die neue Technik des „Schwedens“ von bekannten Filmen (wie sie das nennen) zum unerwarteten Renner, so daß sie mit der Lieferung kaum hinterherkommen...

Was ist das denn für ein fertiger Film? Zu Anfang saß ich völlig ratlos vor dem Werk und dachte mir, daß hier wohl einmal nicht Koks, sondern eher Hasch (und zwar kistenweise!) bei der Erstellung des Drehbuches mitgeholfen hat. Die Einfälle sind lieb, aber kaum komödienkompatibel. Schon bald wird aber deutlich, daß Michel Gondry BE KIND REWIND als eine Art Hollywoodfilm gegen Hollywoodfilme konzipiert hat. Sobald nämlich die Gemeinschaft Feuer fängt für den besonderen Charme der mit fröhlichem Dilettantismus hergestellten Kleinkunstwerke (2001: A SPACE ODYSSEY – kreisch!), können die teuer produzierten, aber charmelosen Big-Budget-Schinken einpacken. Wenn man sich erst einmal an den Gedanken gewöhnt hat, daß man es hier nicht mit einer simplen Brüllwitz-Hochleistungskanonade zu tun hat, sondern mit einem sehr gutherzigen Märchen mit ein wenig eingestreuter Capra-Sozialromantik, wird der Film sogar richtig anrührend. Die Drehtermine von Jerry und Mikes Guerilla-Filmereien sind echte Heuler – ich habe vor dem Fernseher gekniet! Also: Sicherlich nicht für jeden Zuschauer geeignet, aber ich finde BE KIND REWIND hat das Herz auf dem rechten Fleck und macht eigentlich alles richtig. Man muß ihm nur erst einmal eine Chance geben. Den „geschwedeten“ RUSH HOUR 2 würde ich mir auch sofort ausleihen...

Bearbeitet von Cjamango, 20. Januar 2009, 21:17.

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Geschrieben 22. Januar 2009, 16:21

Hintertreppe (Kopie einer Kopie einer Kopie)

HINTERTREPPE ist ein wenig bekanntes Stummfilmdrama, das die einzige Kinoarbeit des legendären Theaterregisseur Leopold Jessner darstellt. Inoffiziell assistierte ihm dabei der einschlägig bekannte Paul Leni, welcher auch für die Bauten verantwortlich zeichnete. Der Film steht in der Tradition der „Straßenfilme“. In den 20er Jahren gab es nämlich neben den phantastisch akzentuierten expressionistischen Werken auch solche, die die Zeit der Weimarer Republik und die ihr unterliegenden menschlichen Konflikte abzubilden versuchten. Diese sehr sachlichen Arbeiten befaßten sich stets mit Ereignissen im Leben von vermeintlich unbedeutenden Menschen, z.B. Arbeitern oder bestenfalls Kleinbürgern. Es sind die kleinen Dinge des Alltages, die in diesen Filmen in den Mittelpunkt gerückt werden und durch die sich das Leben der Protagonisten definiert. Das Leben erscheint als auferlegt, von fremden Einflüssen gesteuert, gegen die sich aufzulehnen in der Regel vergebliche Liebesmüh ist. Zwischentitel sind in diesen Werken rar gesät und beschränken sich auf die elementarsten Informationen. DER LETZTE MANN von Murnau wäre ein schönes Beispiel. Worte bedeuten ohnehin sehr wenig im Leben der Figuren, da sie selten mit dem goldenen Löffel im Mund geboren worden sind und sich eher über körperliche Reaktionen ausdrücken.

Der gerade mal 40 Minuten lange Film (50, wenn er in der richtigen Geschwindigkeit abgespielt wird, nämlich 18 Bilder pro Minute, äh, Sekunde!) handelt von einem Stubenmädchen (Stummfilmstar Henny Porten), das in einen jungen Mann verliebt ist. Als jener ausbleibt, gestalten sich ihre Tage zunehmend peinvoller. Ängstlich fiebert sie alltäglich dem Postboten entgegen, der vielleicht ja ein neues Briefchen für die schlichte Dame bereithält. Jener Postbote aber (Fritz Kortner!) ist seinerseits in Henny verliebt, aber zu schüchtern ihr seine Liebe zu gestehen. Als er es doch tut, steuert die Geschichte auf eine Tragödie zu...

Fritze Kortner kennt man ja eigentlich eher als Schauspieler, der zu überlebensgroßen, leidenschaftlichen Charakteren neigt. Hier spielt er einen einsamen Mann, der so schüchtern ist, daß er es kaum schafft, seiner Angebeteten ins Gesicht zu schauen. Er wendet sich ab, versteckt schamhaft seine mißgestaltete Hand, blickt stumm zu Boden. Henny Porten (die erste bekannte Filmschauspielerin Deutschlands) spielt ein sehr unspektakuläres Persönchen, unscheinbar und brav, ganz Spielball ihrer romantischen Gefühle, die der einzige Ausweg für sie sind aus dem Diensteinerlei. Sie ist gerührt, als sie von der Zuneigung des Postboten erfährt, und ist sogar geneigt dazu, sie zu erwidern, da sie vor allem nicht allein in der Welt stehen möchte. All dies erfährt man nicht aus Zwischentiteln, sondern aus dem expressiven Spiel der Darsteller, die aus dem kleinen Inferno, das in den Hauptfiguren tobt, fast ein Ballett machen. Wo keine Worte sind, da bricht's aus dem Körper heraus, und das nicht selten explosiv. Vielen Zuschauern wird HINTERTREPPE zu ereignisarm sein, doch mir gehen gerade solche schlichten Geschichten sehr ans Herz. Der schön gestaltete Film sagt eigentlich alles aus, was es zum Thema „Unglückliche Liebe“ zu sagen gibt. Und er endet mit einem Paukenschlag, der so sicherlich nicht zu erwarten gewesen wäre...

Die mir vorliegende Fassung war leider lausig und basiert vermutlich auf einer amerikanischen 16mm-Kopie. Den hätte ich gerne restauriert und mit einer zünftigen Klavierbegleitung. Da leidet es sich doch gleich doppelt so anmutig!
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Geschrieben 22. Januar 2009, 16:22

Felon (DVD)

Wade Porter (Stephen Dorff) hat sich als Ergebnis jahrelanger Arbeit eine eigene Baufirma zusammengespart, mit der er seine kleine Familie (Frau & Kind) über Wasser halten möchte. Eines Nachts steigt ein Einbrecher in die Wohnung der Eheleute ein. Wade dreht durch und zieht dem Eindringling einen Baseballschläger über den Schädel. Da der Einbrecher bedauerlicherweise bereits das Haus verlassen hatte, wird dies Wade als fahrlässige Tötung ausgelegt, und so muß die anstehende Hochzeit erst einmal um drei Jahre verschoben werden. Wade spekuliert darauf, wegen guter Führung die Hälfte der Strafe erlassen zu bekommen. Daß Luftschlösser manchmal Luftschlösser bleiben, findet er auf die harte Tour heraus: Er wird in eine „Hinrichtung“ unter Knackis hineingezogen und landet auf einmal im Hochsicherheitstrakt. Und die Grütze, in der er sich befindet, steigt ihm sehr bald über den Hals...

Ric Roman Waugh (früher Stuntman) liefert mit FELON einen solide gezimmerten Vertreter des von mir sehr geschätzten Genres des Gefängnisfilms. Wie immer wird der zivilisierten Gesellschaft ein drastischer Gegenentwurf präsentiert, in dem die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen komplett außer Kraft gesetzt sind. Wade bekommt sehr bald spitz, daß er sich „Beschützer“ wird suchen müssen, und da bieten sich die „Arier“ durchaus an, die den weißen Klüngel innerhalb des ethnischen Mixes anführen. Sämtliche Klischees dieses Genres werden angetastet: Es gibt die aufsehenerregenden Schaukämpfe im Innenhof; es gibt die Problematik, die auf sich gestellte Familie „draußen“ vor dem Untergang zu bewahren; und es gibt sadistische Wärter, die sich einen Spaß daraus machen, Gefangene zu schikanieren und ihre eigenen familiären Probleme auf gewaltsame, aber legale Weise zu kompensieren. Die Verrohung, die Wade dabei zwangsläufig mitmacht, entspricht voll und ganz der Verrohung der Wärter, die ebenso außerhalb der Gesellschaft stehen wie ihre „Schützlinge“, für deren Wohlergehen sich niemand interessiert. Obwohl das Ende etwas nach Walt Disney riecht, macht sich FELON durchaus die Mühe, die Reduzierung des Menschen auf Primatenstatus konsequent durchzuziehen. Es gibt kaum Trost in dieser Welt, eine Resozialisierung wird gar nicht erst angestrebt – die zwangsläufige Folge eines Systems, das sich damit begnügt, straffällig gewordene Menschen einfach wegzusperren. Grundsätzlich nur ein gut gemachtes (und trotz seiner 16er-Freigabe knochenhartes) Actiondrama, verfügt FELON über gute schauspielerische Leistungen: Dorff; ein nicht wiederzuerkennender Val Kilmer, der einen intelligenten, aber auf tragische Weise gescheiterten Lebenslänglichen spielt; und Harold Perrineau als Wades schwarze Nemesis an der Wärterfront. Wer solche Filme mag, wird bestens bedient.
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#625 Cjamango

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Geschrieben 23. Januar 2009, 11:50

Street Kings (DVD)

Sie betreten jetzt James Ellroy County. Das ist ein Land, in dem Männer böse Dinge mit Männern tun, weil sie es tun müssen. Sie haben keine Wahl. Aber sie haben Handfeuerwaffen. Und Stichwaffen. Und Schaufeln.

Detective Tom Ludlow (Reeves) hat vor einiger Zeit seine Frau verloren und wird von riesigen Schuldgefühlen geplagt. Im Rahmen seiner langjährigen Polizeiarbeit hat er auch einige Male saftig das Gesetz übertreten. Nun wollen böse Menschen von der Dienstaufsicht an seiner Pension sägen, und sein ehemaliger Partner Washington will ihnen dabei helfen. Als Ludlow ihm deshalb die Schnauze polieren will, rasselt er in einen Raubüberfall mit Todesfolge hinein. Der Ladenbesitzer wird von Geschoßgarben zersägt; Washington endet als Schweizer Käse. Ludlows Anwesenheit ist natürlich extrem ungünstig, aber sein Chef (Forest Whitaker) will das wieder hinbiegen. Doch mehr und mehr weist darauf hin, daß die Auftraggeber für den Überfall/Mord im Department zu suchen sind. Seinem toten Ex-Partner und seiner toten Frau ist Ludlow schuldig, daß er am Ball bleibt. Doch beißt er sich dabei mehr ab, als ein einzelner Mann schlucken kann...

Ellroy verfaßte den ersten Entwurf des Drehbuches Mitte der 90er, unter dem Einfluß des O.J.-Simpson-Prozesses. Bevor Regisseur David Ayer fast 15 Jahre später mit dem Resultat rüberkam, wurde das Drehbuch noch von mehreren Leuten überarbeitet, darunter EQUILIBRIUMs Kurt Wimmer. Möglicherweise hat Ellroy genausowenig Ahnung vom Slang afroamerikanischer Drogenhändler wie ich, und ich werde meinem Bekanntenkreis keine afroamerikanischen Drogenhändler hinzufügen, um überprüfen zu können, ob die neuen Drehbuchautoren diesbezüglich über Insiderkenntnisse verfügen. Fest steht, daß die Handlungsmotive von STREET KINGS reinster Ellroy sind. Es geht um Schuld und vergebliche Versuche, diese zu tilgen. Es geht um Gesetzeshüter, deren Vorstellung von Gerechtigkeit sich vornehmlich an ihren eigenen Bedürfnissen orientiert und somit sehr flexibel ist. Die Unterschiede zu den Gangstern sind weitgehend sozialer oder ethnischer Natur. Tom Ludlow zum Beispiel hat jede Schönheit in seinem Leben verloren und zwingt sich nun auf Autopilot durch jeden Tag. Als Wegmarkierungen dienen ihm dabei allenfalls gewisse Standardwerte (z.B. man verpfeift keine Kollegen) und all das, was ihm hilft, durch den Tag zu kommen. Als sein Partner umgelegt wird, verändert sich das aber: Er gewinnt eine Vorstellung von Gerechtigkeit zurück, die er nicht nur an sich selbst festmacht, sondern auch an den Bedürfnissen anderer. Dabei spielt das Strafgesetzbuch immer noch keine große Rolle, sondern eher der Gerechtigkeitsethos eines Mike Hammer, und wie auch jener Heros des „hardboiled“-Krimis drischt Ludlow mit dem Schädel durch jede Wand, die sich ihm in den Weg stellt. In DARK BLUE wurden die typischen Ellroy-Fallstudien bereits in Gegenwartsnähe gerückt (Rodney King!) In STREET KINGS sind seine kompromittierten Mannsbilder endgültig in der Jetztzeit angekommen. Das tut der Story nicht immer gut, zumal sich das Format weitgehend an gängigen Actionkloppern orientiert und die schicke Oberfläche den pessimistischen Gehalt bisweilen dominiert, aber vielleicht bringt diese Herangehensweise Ellroy auch mal jener Zuschauerschaft nahe, die von den nostalgischen Jugendträumen des Schriftstellers eher unberührt blieben. Keanu Reeves gefiel mir in dieser Rolle mal ziemlich gut, und Forest Whitaker als sein dubioser Boß ist auch eine ziemliche Marke. (Hier empfiehlt sich der Originalton.) Aufgrund seines hohen Gewaltpegels ist STREET KINGS für Kindergeburtstage der herkömmlichen Art denkbar ungeeignet.

Jetzt müßte ich eigentlich GANGBANG AUDITIONS 2 kucken...
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Geschrieben 23. Januar 2009, 11:56

Tropic Thunder (DVD)

Ben Stiller ist Tugg Speadman, ein ehemals hochdotierter Actionstar, der mittlerweile als Kassengift gilt und sich sein eigenes Grab geschaufelt hat mit dem Tränendrüsendrücker „Simple Jack“, in dem er einen geistig Zurückgebliebenen spielt. Nun kann er seine Karriere wiederbeleben, und zwar mit einem großen Vietnamdrama. Bedauerlicherweise handelt es sich bei dem Regisseur um einen britischen Arthouse-Fuzzy, der von echten Männerfilmen keine Ahnung hat. Als letzte Rettung werden alle Hauptdarsteller in den Dschungel von Myanmar geschickt, um dort unter realistischen Bedingungen nachzudrehen. Dabei geraten sie mit überaus echten Drogenbanditen aneinander...

In den ersten Minuten dieser Farce, die von Ben Stiller höchstselbst inszeniert wurde, befürchtete ich schon, es könne sich um ein echtes Disaster handeln, aber tatsächlich wird der Film ziemlich komisch. Furzkomisch sogar, wenn man sich in der richtigen Laune befindet. Habe ich vor kurzem noch eine Hasch-Komödie gesehen, handelt es sich hier zweifellos um eine Koks-Komödie, was dazu führt, daß viele der Gags etwas eigentümlich anmuten, aber mit großem Enthusiasmus vorgetragen werden. Nicht alles haut hin, aber was hinhaut, ist wirklich super. So werden selbstredend alle Klischees zum Thema „Vietnamkrieg im Kino“ von starken Männerarmen geliebkost, und auch Hollywood wird mit Knüffen & Püffen bedacht, daß es nur so eine Art hat. Besonders derb trifft es Stillers eigenen Job als Schauspieler: Tugg Speadman will eigentlich ernsthafte Rollen spielen, ist dafür aber einfach nicht gut genug. Am Schluß verwandelt er sich in Colonel Kurtz aus APOCALYPSE NOW - die Stanislawski-Variante. Robert Downey jr. hat seine beste Rolle seit langem als australischer Schmierentragöde, der sich sogar die Haut hat umpigmentieren lassen, um einen möglichst authentischen Neger darzustellen. Die echten schwarzen Crewmitglieder treibt er mit seinem Bimbogetue auf die Palme, aber heulen kann er gut. Jack Black ist ein drogensüchtiger Pausenclown, der schmalen Ruhm mit unterirdischen Furzkomödien erlangt hat und eigentlich nur Drogen und noch mehr Drogen möchte. Und was, ahem, Tom Cruise angeht, so trägt er als schebbiger Hollywood-Minimogul eine unglaubliche Maske, in der man ihn nicht mehr erkennt, und er bekommt einige der schmutzigsten Dialogzeilen seit SCARFACE verpaßt! Habe sehr gelacht. Perfekter Partyfilm.
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#627 Cjamango

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Geschrieben 25. Januar 2009, 17:43

Söldner des Todes (DVD)

Stuart Whitman, Edmund Purdom und Woody Strode in einem Film – kann das gutgehen? Das aufwühlende Experiment, das dieser Frage nachgeht, nennt sich SÖLDNER DES TODES und ist ein Frühwerk des britischen Filmemachers Alan Birkinshaw.

Ein sehr geschwätziger Erzähler unterrichtet uns darüber, daß im Jahre 1945 japanische Soldaten während der Besetzung der Philippinen einen Goldschatz transportiert haben. Da auf einmal von allen Seiten blutdürstige Eingeborene über die armen Faschisten herfallen, muß der Schatz zurückgelassen werden. 36 Jahre später (!) kommt man auf einmal auf den Einfall, den Schatz zu bergen. Verantwortlich hierfür ist Larsen, ein echter C-Wolf (wuhaha!), der nacheinander alle drei Überlebenden des Transportes aufsucht. Nummer Eins weigert sich und wird erschossen; Nummer 2 weigert sich auch und begeht (warum auch immer) Harakiri mit einer Art Machete; Nummer 3 ist Harold Sakata, der dicke Koreaner aus GOLDFINGER, und kommt sofort mit. Als Geldgeber fungiert eine Flitzpiepe namens Jefferson. Der Darsteller sieht aus wie eine Parodie auf George Sanders und schmiert nach Kräften. Mit in den Dschungel kommt Jeffersons Tochter Janice: blond, kulleräugig, grenzdebil. Jefferson stellt Larsen eine Bedingung: Die Expedition muß geleitet werden von Larsens Todfeind, dem Abenteurer Mark Forrester (Stuart Whitman). Warum Jefferson darauf besteht, ist komplett unklar, zumal Forrester ein versoffenes Wrack ist. Halt der einzige Mann, der das Kind schaukeln kann. Dann geht's in den Dschungel, der auch schon mal besser ausgesehen hat. Ich tippe auf den Safaripark Hodenhagen. Und die grüne Hölle fordert einen hohen Blutzoll...

„Von den nahen Ufern wehte der Atem der Jahrtausende. Verwesung, süßlicher Modergeruch. Kloake der Natur.“ Mit solchen und ähnlichen Weisheiten erfreut uns der von Klaus Kindler (=Clint Eastwood) gesprochene Erzählertext, dessen inflationäre Verwendung von Adjektiven und Adverbien ein wenig an Poesieversuche von minderbegabten Zehnjährigen erinnert. Bunt schillert der Urwald, und mitten in der Unermeßlichkeit des Dschungels lauern „unsichtbare Eingeborene“. (Cool, unsichtbare Eingeborene. Wundert mich nicht, daß man die noch nicht entdeckt hat. Sind ja unsichtbar.) Zu Anfang nervt der Erzähler einfach nur, aber je länger der Film dauert, umso mehr gewinnt man ihn lieb, da Birkinshaw als Regisseur eine völlige Niete ist und das Ausbleiben von interessanten Aktionen stets aufgeblasen wird von erzählerischer Hyperbole. („Dann wuchs der Dschungel von beiden Seiten zusammen und bildete ein festes Dach.“) Manchmal werden auch Sachen erzählt, die gar nicht stimmen. Toll etwa die Szene, in der ein Träger von einem Archivkrokodil vernascht wird. Birkinshaw verwendet für den Überfall völlig unmotiviert wirres Super-8-Material, dem dann eine lange Halbtotale folgt, in der man Forrester und Jefferson einfach nur dumm rumstehen sieht. Jefferson meint, völlig gelangweilt: „Oh, mein Gott. Das Wasser ist rot von Blut.“ Wovon natürlich keine Rede sein kann. Lediglich der Hut liegt am Ufer rum. Ansonsten ist gar nichts zu sehen. Das Zelt der Expedition sieht übrigens aus wie das, in dem der Zirkus Roncalli seine Wahrsagerin untergebracht hat. Als Blickfang hat man Laura Gemser eingebaut (der Film ist italienisch koproduziert), die Whitmans Ex-Geliebte spielt und zusammen mit dem kulleräugigen Bimbo dem alten Säufer den Hof macht. („Wir lebten zusammen, wie Mann und Frau zusammen leben...“) Daß Whitman übrigens so aussieht, als hätte er die ganze Zeit über eine halbleere Flasche Jack Daniels in der Tasche, muß wohl nicht erwähnt werden. Er erwischt es aber noch relativ gut verglichen mit Edmund Purdom (als Larsen), der aussieht wie seine eigene Wachsfigur. Tatsache, der könnte gleich morgen bei Madame Tussaud's anfangen! Bzw. das kann er natürlich nicht, denn er ist ja vor kurzem verstorben, obwohl dieser Film eigentlich nahelegt, daß er schon wesentlich früher verstorben sein muß, so Ende der 70er. Er sieht aus wie Gregory Pecks Leiche mit Magersucht – schlimm. Woody Strode rundet die Rentnergarde ab. Alle könnten mühelos in der beliebten TV-Serie "Reich ins Heim" den zurückgebliebenen Hausmeister mimen. Die deutsche Billig-DVD ist ganz manierlich und scheint trotz einer 16er-Freigabe die ungeschnittene Fassung zu enthalten, so daß es noch ein paar schlechte Splattereffekte als Dreingabe gibt. Ein unglaublicher Schmodder - toll!

Bearbeitet von Cjamango, 25. Januar 2009, 17:45.

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Geschrieben 26. Januar 2009, 12:19

Supernatural (Video)

Cristina Galbó spielt eine junge Frau, die jahrelang von ihrem grausamen Gatten drangsaliert worden ist. Nun hat er herausgefunden, wohin sie geflohen ist und will sie wiederholen. Doch auf dem Wege dorthin hat er einen tödlichen Autounfall. Das Leben könnte so schön sein, zumal Cristina sich einen neuen Galan angelacht hat, der jünger ist, besser aussieht und noch nicht tot ist. Aber da sie hat die Rechnung ohne die Schattenwelt gemacht, die auf einmal mit skelettierten Fingern nach ihr greift...

So etwas wie der übernatürliche Schwanengesang von Eugenio Martin, der innerhalb des spanischen Unterhaltungskinos etwa drei Jahrzehnte lang ordentliche Filme gemacht hat. Einen richtigen Rohrkrepierer findet man darunter eigentlich nicht. Sein bester Film bleibt wohl der zwar kuriose, aber fantasievolle und unterhaltsame HORROR EXPRESS. SOBRENATURAL erzählt eine simple Geistergeschichte, die sich stark von THE ENTITY und ähnlichen parapsychologischen Schockern beeinflußt zeigt. Erneut scheut Martin keine Absurditäten und bastelt Kirlian-Fotografie, Schrödinger und Heisenberg in die Geschichte hinein. Alle Verweise auf Quantenphysik und Antimaterie ändern freilich nichts daran, daß man es unterm Strich mit drolligen Unsichtbarer-Mann-Effekten („Ich wette, du hast nicht nie ein Hemd telefonieren sehen, huhuuuh...“) und ähnlichem Schmonzes zu tun hat, und wenn am Schluß auch noch Dr. Mumie herumläuft, wird das schon dem einen oder anderen ein Lächeln entlocken. Trotzdem, ich mag so etwas irgendwie. Heutzutage würde man eine solche Geschichte mit viel neunmalkluger Ironie präsentieren. Das hier ist noch die alte Garde von Gruselgeschichtenerzählern, feierlich und ohne Furcht vor Fettnäpfchen. Naiv, aber nett. Und die optischen Britzel- und Sprotzel-Effekte sind auch niedlich.
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Geschrieben 26. Januar 2009, 22:04

Brain Of Blood (Video)

Nachdem ich mir heute bereits Al Adamsons THE FEMALE BUNCH angesehen hatte (=recht ordentlicher Fetisch-Actioner mit dämonischen Frauen und den Überresten von Lon Chaney jr.), kam als nächstes BRAIN OF BLOOD an die Reihe. Handwerklich gesehen ist dieses Elaborat selbst für Al Adamsons Verhältnisse eher sehr schlecht, aber vielleicht kann man wenigstens nett drüber schreiben. Ich versuch's mal.

Also: Amir, der Chef und Hoffnungsträger eines arabischen Staates namens Khalid, liegt im Sterben. Da ihm sein Leben lieb ist und er zudem befürchtet, sein Tod könne Khalid in Krieg und Terror stürzen, beauftragt er einen gewissen Dr. Trenton damit, sein Gehirn in einen neuen Körper zu verpflanzen. Das ist ja nun keine Operation, die man mal zwischen Tür und Angel macht, und die Krankenkasse zahlt das meines Wissens auch nicht. Aber Dr. Trenton ist auch kein gewöhnlicher Arzt, sondern ein wegen seiner unorthodoxen Experimentiermethoden geschaßter Mediziner, der obendrein aussieht wie ein abgehalfterter Semi-Star, wie sie Al Adamson gerne verpflichtete. (Kent Taylor war mal in den 40ern eine mittelgroße Nummer.) Ihm zur Seite steht nicht nur Al Adamsons blondmähnige Ehefrau Regina (die früher Schönheitstänzerin war und sicherlich einen gewissen Hottehüh-Effekt auf die Intimregionen von Zuschauern ausüben dürfte, die sich immer diese Hardrock-Kalender kaufen, in denen sich nackte Frauen auf Harleys herumräkeln), sondern auch Grant Williams, dessen eine große Rolle in THE INCREDIBLE SHRINKING MAN stattfand. (Das war auch schon wieder 14 Jahre und unzählige Whiskeybuddeln her.) Das Laboratorium sieht aus wie eine Küche der Heilsarmee, in der man diverse sinnfreie Schalttafeln mit Blinkelementen angebracht hat. Auch ein Tonbandgerät steht da rum. (Etwas irritierend allerdings sind die Zwinger mit Ratten, die sich direkt neben dem Operationstisch befinden. Also, mein Tätowierer ist da hygienebewußter!) Wie jeder gute Mediziner verfügt Dr. Trenton noch über einen Zwerg (Angelo Rossitto, seit FREAKS Hollywoods Lieblingszwerg), der die im Keller angeketteten halbnackten Frauen gelegentlich hämisch quält, wenn er ihnen nicht gerade Blut absaugt. Und dann ist da auch noch Gor, ein geistig zurückgebliebener Zweimetermann, dem böse Menschen einst die Säure einer Autobatterie über das Gesicht geschüttet haben. Gors Makeup ist einfach spitze: Von der Seite sieht das so aus, als habe man ihm eine halbe Melone auf den Kopf gesetzt und eine Gummiglatze drübergezogen! Den Rest erledigt roter Glibber im Gesicht. Wenn Dick Smith gerade nicht zur Hand ist, muß man sich halt anders behelfen... Sei's drum: Die Operation (blutig) ist ein voller Erfolg. Da Gor dem intendierten Wirtskörper für Amirs Gehirn leider alle Knochen gebrochen hat, wird der Bregen kurzerhand in seinen eigenen denkbar unansehnlichen Schädel hineingedübelt. Ganz klar – ein geisteskranker Riese ist eine ideale Wahl. (Theoretisch hätte man Amirs Gehirn ja auch in den ca. 60 cm großen Zwerg umtopfen können. Das wäre mal eine Überraschung für sein Volk geworden!) Es kommt, wie es kommen muß: Der Gigant dreht durch, haut einigen Leuten die Holzwolle raus und flüchtet in die kalifornischen Berge. Bis zum verblüffenden Finale vergeht viel Zeit, die Adamson in bester Krauchfilm-Manier mit endlosen Szenen füllt, in denen Menschen auf immer neue Weise durch die Gegend latschen. Bemerkenswert, wie man so viel Langeweile in so wenig Film bekommt! Insgesamt ist der Film deutlich schwächer als der zur selben Zeit gedrehte DRACULAS BLUTHOCHZEIT MIT FRANKENSTEIN (keuch!), und wißt Ihr, was? Den sehe ich mir jetzt auch noch an! Drei Adamsons an einem Tag – danach habe ich bestimmt Dünnpfiff...
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Geschrieben 27. Januar 2009, 16:43

Shopping (Video)

Au Mann, was ist nur passiert?

Das Regiedebüt von Paul W.S. Anderson, der später nach Hollywood ging, um Computerspiele zu verfilmen. Ein sehr junger Jude Law spielt den jugendlichen Raufbold Billy, der gerade aus dem Knast kommt und es gar nicht abwarten kann, sich sofort wieder in die Sülze zu setzen. Autoklauen und das Leben an der Grenze sind für ihn alles. Ohne den schnellen Glanz kann er nicht existieren. Daß er sich mit seinem Lebensstil um den Job des Schaffners im Zug nach Nirgendwo bewirbt, bleibt auch seiner Freundin Jo (Sadie Frost, Laws Ehegattin für einige Jahre) nicht verborgen. Als sich Billy mit seinem Konkurrenten Tommy (Sean Pertwee) anlegt, weiß er nicht, was er sich da eingebrockt hat...

Eine Art Jugenddrama aus dem britischen Arbeiterklassemilieu, angereichert mit einer Menge „punk chic“ und Action. Um was für eine Stadt es sich handelt, habe ich nicht herausbekommen, aber der Schauplatz steht wohl eher allegorisch für das britische Subproletariat, das unter Thatcher und Major ziemlich an die Kante gefahren worden ist. Die jungen Leute (einige sind noch nicht einmal 15) sind absolute Profis in allem, was gefährlich und illegal ist. Respekt vor dem Eigentum oder der Unversehrtheit anderer existiert praktisch nicht. Kommissar Jonathan Pryce steht dem wilden Treiben gleichzeitig wütend als auch traurig gegenüber. Die Kids stammen alle aus desolaten Elternhäusern, verfügen über wenig bis gar keine Schulbildung und sind das Horrorbild einer jeden Gesellschaft, die sich nur um jene kümmert, um die man sich nicht zu kümmern braucht. Für den Durchschnittsbürger – das wissen sie sehr genau – sind sie der letzte Dreck, und deshalb zählt für sie einzig und allein, innerhalb „der Gruppe“ etwas zu bedeuten. Anderson setzt das um, indem er Schmutz zu Gold werden läßt in einer sehr artifiziellen Inszenierung, die etwas an die französischen Neonsachen der 80er erinnert: nasse Straßen in der Nacht, Scherben, grellbunte Beleuchtung, zerborstenes Metall. Das paßt exzellent, zumal es exakt dieser trügerische Glanz ist, der die unausweichliche Niederlage der Protagonisten ummantelt und den einzigen Antrieb für ihr Leben darstellt. Dabei läßt Anderson der Gewalt (meistens gegen Dinge, manchmal gegen Menschen) eine gewisse Attraktivität à la UHRWERK ORANGE angedeihen, was in Großbritannien auch zu Kontroversen führte. Tatsächlich lebt der Film aber auch von dem alten Rebellentraum, statt ein Leben in Bedeutungslosigkeit zu führen, zumindest für eine kurze Zeit als Held dazustehen, als König für einen Tag. Dieses Sternschnuppendasein führt freilich zur Ernüchterung, und so umweht den Film etwa ab der Hälfte der Hauch des Verhängnisses. Es gibt einige sehr lustige Szenen, etwa jene, in der Billy und Jo sich eine Autobahntunnel-Verfolgungsjagd mit der Polizei liefern (in einem geklauten BMW) und ihre Verfolger mit Dire-Straits- und Billy-Joel-Kassetten beschmeißen. (Uäärrrchz!) SHOPPING ist exzellent inszeniert und besitzt einen tollen Showdown. Ein ähnlich fulminantes Debüt wie Neil Jordans ANGEL. Kaum zu glauben, daß der Regisseur später Sondermüll wie RESIDENT EVIL oder ALIEN VS. PREDATOR drehte. Dieser Film hatte noch richtig Charakter. Da hat er vermutlich genau das gemacht, was er machen wollte, ohne ein Konsortium an Produzenten und Drehbuchautoren an den Hacken. Bin beeindruckt. Wäre ein prima Doppelprogramm mit Verhoevens SPETTERS.
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Geschrieben 06. Februar 2009, 17:41

Cleaner (DVD)

Tom Cutler (Samuel L. Jackson) war früher einmal Polizist. Nach dem gewaltsamen Tod seiner Frau hat er sich aus dem aktiven Dienst zurückgezogen und ein Geschäft als „Cleaner“ aufgezogen. „Cleaner“ haben den unappetitlichen Job, Tatorte zu säubern, wenn die Angehörigen keine Lust haben, den ganzen Schmatter selber aufzufeudeln. Eines Tages bekommt er einen Job, der ihn in ein stattliches Anwesen führt, wo Blut und Gewebe dem Wohnzimmer einen unansehnlichen Anstrich verleihen. Dummerweise vergißt er etwas und kehrt am Tage darauf zur Stätte seines Wirkens zurück. Doch die Familie, die dort wohnt, scheint überhaupt keine Ahnung zu haben, um was es geht. Ohne es zu merken, ist Tom mitten in eine üble Mordaffäre hineingeschlittert...

Ein überraschend guter Thriller von Renny Harlin, dessen Trumpfkarte – neben einer überdurchschnittlichen Besetzung – ein ausgesprochen geschickt strukturiertes Drehbuch ist. Harlin gehört zu den typischen Mainstream-Hollywood-Regisseuren, bei denen man immer davon ausgehen kann, daß – egal, womit er arbeitet – das fertige Produkt sauber und attraktiv ausschaut. Eine persönliche Note oder gar Kunst sucht man bei ihm vergebens. CLEANER ist ein typischer „Familienfilm“, in dem die Sünden der Vergangenheit mehrere dysfunktionale Familien zusammenschweißen. Statt eines Familientherapeuten setzt es hier aber Mord und Totschlag, was von Harlin in angemessen zurückgenommener Manier präsentiert wird. Jackson spielt einen Ex-Polizisten, der in seiner aktiven Phase reichlich Dreck am Stecken angesammelt hat, nicht nur durch eigenes Verschulden. In seinem neuen Job versucht er, mit dem Schmutz aufzuräumen und Ordnung zu schaffen, wo keine Ordnung existiert. Dabei übersieht er aber, daß es nicht reicht, einfach wegzukucken – der Morast holt einen irgendwann ein. Es gibt einige korrupte Gesetzeshüter, angeführt vom wie üblich verläßlichen Luis Guzman. Ed Harris spielt Jacksons ehemaligen Partner, der darunter leidet, daß ihn Cutler aus seinem Leben ausgeblendet hat, um die Geister zum Schweigen zu bringen. Eva Mendes ist die geheimnisvolle Frau, die von einer Bluttat weiß, aber möglicherweise mehr, als es zunächst den Anschein hat. Kurzum, kein übermäßig originelles Konzept, aber mit einigen durchaus originellen Zutaten. Insgesamt ein spannender und relativ bescheiden gemachter Film – vielleicht inszenatorisch die beste Leistung, die ich bisher von Harlin gesehen habe. (DIE HARD 2 oder CLIFFHANGER knallen natürlich auch, aber solche Sachen sehe ich eher als hardwarezentrierte Kaputtmachorgien, für die es keinen sensiblen Filmemacher erfordert, sondern eher einen fähigen Raubtierdompteur...)
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Geschrieben 09. Februar 2009, 18:06

Amok - He Was A Quiet Man (DVD)

Bob Maconel (Christian Slater) ist ein unscheinbarer Mann in einer großen Firma, der von seinen Kollegen gerne als Fußabtreter benutzt wird. In seinem ebenfalls unscheinbaren Eigenheim unterhält er sich mit seinen Zierfischen. Er ist der Durchschnitt, für den sich der Durchschnitt schämt. Was seine Kollegen aber nicht wissen: Bob hat einen Revolver, und er träumt davon, ihn einmal sinnvoll zu benutzen. Jeden Morgen bringt er ihn mit ins Büro und lädt ihn rituell durch. Es gibt kein Haßobjekt, das er nicht schon einmal erschossen hätte. In seinen Gedanken. Das alles ändert sich, als ihm ein besonders nerdiger Kollege zuvorkommt und Massenmord begeht. Bob ist zugegen, aber der Amokläufer läßt ihn leben, weil Bob noch jämmerlicher aussieht als er selber. Bob wird zum Helden wider Willen. Doch seine Probleme sollen damit erst begonnen haben...

Christian Slater habe ich ja schon in einigen Gurkenfilmen gesehen (zuletzt in ALONE IN THE DARK). Umso überraschter war ich von dieser gut geskripteten und einfühlsamen schwarzen Komödie, die man auch als extravagante Liebesgeschichte bezeichnen kann. Slaters Bob ist ein emotional kastrierter und ausgebombter Mann, der den Ansprüchen, die seine korrupte und heuchlerische Umgebung an ihn stellt, nicht gewachsen ist und sich deshalb in einen selbstbezogenen Kokon zurückgezogen hat. Er ist komplett auf sich selbst zurückgeworfen und redet nur mit sich selbst bzw. mit seinem Fisch. Insgeheim verachtet er die Menschen, weil er sich selbst verachtet und als Verlierer bewertet. Slater sieht in diesem Film aus wie Harvey Steinfarfel, hat Stirnglatze, verheerende Zähne und eine häßliche Brille. Würde er nicht so einen verdammt guten Job erledigen, wäre die Rolle in einer typischen Nerd-Karikatur geendet. Tatsächlich schafft er es aber, Bob als tragische Figur fühlbar zu machen, deren Soziopathie die logische Folge eines perversen Systems ist, das hier von der Arbeitswelt symbolisiert wird. Als er die vom Amoklauf querschnittsgelähmte Vanessa (auch gut: Elisha „Kim Bauer“ Cuthbert) kennenlernt, kriegt er eine andere Seite des Lebens mit – wie es nämlich ist, Verantwortung für einen anderen Menschen als sich selbst übernehmen zu müssen. Gerade diese Liebespassagen hätten sentimental und kitschig werden können, aber Regisseur Frank A. Cappello (AMERICAN YAKUZA!) geht allen diesbezüglich Gefahren auf ungewöhnlich geschickte Weise aus dem Wege. AMOK ist – trotz des reißerischen deutschen Titels – keine wohlfeilen Zynismus versprühende Krachklamotte, sondern ein seine Charaktere ernstnehmender Film über das Abfeiern von Sekundärtugenden und was es aus den Menschen macht. Ein grandioser, bescheidener Film. Geheimtip.

Bearbeitet von Cjamango, 09. Februar 2009, 18:07.

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Geschrieben 10. Februar 2009, 15:12

Stuck (DVD)

Brandi Boski arbeitet in einem Altenheim und steht gerade vor einer Beförderung. Außerdem ist sie hübsch und hat einen lustigen Ethno-Haarschnitt. Man fängt schon an, die junge Dame richtig knuffig zu finden, da schlägt das Schicksal zu: Unter Einfluß einer Ekstasetablette fährt sie Auto und nimmt einen zufällig vorbeischlurfenden Penner (Stephen Rea) voll auf die Motorhaube. Genaugenommen landet er nicht auf der Haube, sondern steckt mitten in ihrer Windschutzscheibe! Da sie immer noch unter Drogeneinfluß steht, traut sie sich nicht, den Schwerverletzten bei der Notaufnahme abzuliefern, sondern nimmt ihn erst einmal schön mit nach Hause, wo sie ihn – immer noch in der Scheibe steckend – in der Garage deponiert. Am nächsten Morgen ist ein neuer Tag, aber der unverwüstliche Arbeitslose steckt immer noch in der Scheibe. Was tun? Am besten den muskelbepackten Gangstarapper Rashid fragen, von dem auch die Drogen kommen. Der gibt doch immer wie ein Sack Mücken damit an, daß er schon unzählige Leute umgelegt habe. Rashid erweist sich aber auch als keine große Hilfe. Und der Mann in der Scheibe stirbt und stirbt nicht...

STUCK macht sich einen bösen Spaß daraus, das Idealbild des gewissenhaften Bürgers in sein Gegenteil zu verkehren. Die Protagonistin, die zunächst noch ganz sympathisch daherkommt und sich sogar um alte Menschen kümmert, die sonst niemanden haben, erweist sich als verantwortungslose, hysterische Schnepfe, die das selbstverschuldete Unheil mit andauerndem Gejammer und Gezeter kommentiert und nichts, aber auch rein gar nichts richtig macht. Sie biegt sich alles hübsch zurecht – Stephen Rea hat natürlich selber Schuld daran, daß sie ihn umgefahren hat. „Wäwäwäwäwä“ als Lebenseinstellung. Man wünscht ihr Menstruation den ganzen Monat lang. Ihr drogenkundiger Big Jim aus dem HipHop-Lager erweist sich als völlige Flachpfeife und fängt fast zu heulen an, als er mit der neuen Kühlerfigur konfrontiert wird. STUCK ist mit Leichtigkeit der beste Film von Stuart Gordon, den ich bisher gesehen habe. Allerdings leidet er wieder einmal unter der Neigung des Regisseurs, pubertäre Geschmacklosigkeiten einzustreuen. Die Szene, in der das Schoßhündchen eines (na klar) schwulen Nachbarn an Stephen Reas offenem Bruch leckt, hätte man sich z.B. verkneifen können, und auch einige andere Splattereinlagen lenken eher von der Geschichte ab. Zugute kommt dem Film – neben der wirklich originellen Storyidee –, daß Gordon das Ungemach des ohnehin ökonomisch gebeutelten Rea in minutiöser Weise schildert. Dies macht die Sache ziemlich spannend, sorgt aber auch für unerquickliche Einzelheiten, die sanfteren Gemütern sauer aufstoßen werden. Ich hätte es vorgezogen, wenn man die Story geradlinig durchgezogen hätte, ohne die schwarzkomödiantischen Akzente, aber auch so handelt es sich immerhin um einen preisgünstig hergestellten Film, der das Interesse des Zuschauers mit seiner packenden Geschichte wachhält. Und daß Rea etwa die Hälfte seiner Rolle in einer Windschutzscheibe festsitzt, ist sicherlich ein Novum in der Filmgeschichte...
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#634 Cjamango

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Geschrieben 11. Februar 2009, 14:39

La llorona (1933) (von einer geflügelten Schlange aufs Dach geworfen)

Einer der frühesten mexikanischen Horrorfilme, der sich der Legende der „weinenden Frau“ (la llorona) annimmt. In der Rahmenhandlung geht es um den Arzt Ricardo (ständig lächelnd, dem Kinohelden Gilbert Roland nicht unähnlich), dessen kleiner Sohn Juanito gerade seinen vierten Geburtstag feiert. Schwiegervater Don Fernando ist beunruhigt, da auf seiner Familie ein Fluch lastet, der jeden Erstgeborenen ereilt, wenn er sein fünftes Lebensjahr erreicht hat. Zur Bekräftigung liest er eine Geschichte aus einem alten Buch vor, die als ausgedehnte Rückblende präsentiert wird: Zwei Männer – ein Edelmann und ein Soldat – lernen einander kennen. Der Soldat verliebt sich in die Frau des anderen. Der Konflikt wird gelöst, als sich Don Rodrigo (ein Vorfahre der vermaledeiten Familie) verehelichen will und der Soldat auf der Hochzeit mit Frau und Kind des Bigamisten erscheint. Die unglückliche Gattin ersticht daraufhin das vierjährige Kind und nimmt sich selbst das Leben. Als der Soldat und Don Rodrigo einander duellieren, erscheint auf einmal der Geist der Frau auf dem Balkon, stößt einen langanhaltenden Klagelaut aus und fliegt davon. Eine spätere Rückblende führt sogar noch weiter in die Vergangenheit der Familie zurück, als der Eroberer Cortes einer Indianerin namens La Malincha ihr Kind raubt, um es als spanischen Edelmann aufzuziehen. Dieser Pervertierung der Herkunft ihres Volkes begegnet La Malincha ebenfalls mit Suizid, doch ihr Geist lebt fort...

Die Rahmenhandlung bindet diese Geschichten ein in eine gegenwärtige Wiederholung der Vorgänge, nur daß sich der vermummte Täter als Mensch/Dämon entpuppt, der die Legende der weinenden Frau weiterträgt. Faszinierend an diesem sehr schönen Film ist vor allen Dingen die Einbeziehung der Geschichte des mexianischen Volkes. Während angelsächsische Geisterfilme meistens von den Sünden einer Vergangenheit leben, die auf individuelle Missetaten zurückzuführen sind, ist es hier die Unmenschlichkeit der „Eroberer“, die dem indianischen Volk ihre Identität rauben wollten. Symbolisiert wird das durch den Aztekenring, den sowohl die Frauen in den alten Geschichten tragen als auch der Mörder in der Rahmenhandlung. Die übernatürlichen Elemente beschränken sich auf drei Szenen, die aber alle sehr hübsch realisiert sind, wie man auch insgesamt feststellen muß, daß der Film – abgesehen von den deutlich eingeschränkten Sets – filmtechnisch den Vergleich mit Hollywood nicht zu scheuen braucht. Anders als dort wird die tragische Geschichte zudem mit feierlichem Ernst erzählt, der auch heute noch beeindruckt. Die Legende der „Llorona“ wurde auch von vielen anderen Filmen erzählt, bis zum heutigen Tag.

P.S.: Meine Kopie dieses sehr alten Filmes war leider defekt und ließ Bild- und Tonspur ständig weiter auseinanderdriften, was wohl auf eine unsachgemäße Verwandlung in das DivX-Format zurückzuführen ist. Auch so behielt der Film aber seinen Zauber. Ich hoffe mal, daß bald eine bessere Kopie zur Verfügung steht.
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#635 Cjamango

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Geschrieben 11. Februar 2009, 17:14

Queen Of Black Magic (Video)

Da ich mir in letzter Zeit eindeutig zu viele amerikanische Filme angeschaut habe, ist etwas Entgiftung vonnöten. Dem Mexikaner folgt ein Indonesier. Beginnt auch schon richtig toll: Allerlei bunter Schangel, da ein junger Mann namens Kohar die Tochter des Dorfhäuptlings heiraten will. Als böse Geister die Feier stören und ein Schamane von bösen Geistern aus dem Westen schwafelt, ist für Kohar der Fall klar: Murni steckt dahinter! Murni, ein unschuldiges Mädchen, hatte ihm einst ihre Unschuld geopfert, da sie auf seine Plüschaugen reinfiel. Flugs stellt Kohar einen fackeltragenden Lynchmob zusammen, der Murnis Muddi abfackelt und die junge Dame den Abhang hinunterwirft. Dort wird sie von einem Kräuterhugo entdeckt, der sie gesundpflegt und ihr schwarze Magie nahelegt, um sich an den Dörflern zu rächen. Gesägt, tun getan – Murni sieht rot und zieht ausgewählten Dörflern die rote Gummiglatze vom Kopf. Nachdem sie auch Kohar gerichtet hat, will sie ablassen vom unfrommen Tun, doch der Kräuterhugo verfolgt eigene Ziele, wurde er doch einst vom Dorf nicht zum Häuptling gewählt. So ist es denn an einem heiligen Mann, der zufällig durch den Dschungel reist, das böse Treiben von Murni und ihrem Hugo zu beenden...

Abgesehen davon, daß ich es toll finde, daß die Heldin Murni heißt (bestimmt ist auch F.W. Murnau von seinen Knäblein so genannt worden!), verströmt der Film den überbordenden Enthusiasmus eines außer Rand und Band geratenen Kindergeburtstages. Murni (die von einer Darstellerin mit dem schönen Namen Suzzanna gegeben wird) kennt keine Gnade und läßt Gegenstände durch die Luft fliegen, Bauern zerplatzen und badet auch schon mal nackt, was freilich mit einem die interessanten Körperteile verdeckenden Nebelschleier einhergeht. Die Splattereffekte sind auf unschuldige Weise explosiv und erinnern etwas an die Wasserbomben meiner Kindheit – das Finale von SCANNERS meets Augsburger Puppenkiste. Einmal mehr fällt auf, daß Hexen im südostasiatischen Bereich gerne herbeigeholt wurden, um die böse Männerwelt zu bestrafen. Das bedient zum einen die Angst vor Frauen, die vielen Männern zu eigen ist, und andererseits läßt es einigen besonders widerwärtigen Exemplaren meines Geschlechtes Recht zukommen, so daß man obendrein das Feigenblatt der Ausgewogenheit vor den Schniedel halten kann. Von einer feministischen Ausrichtung zu sprechen, ginge da fraglos zu weit, aber Filme wie dieser oder LADY TERMINATOR besitzen ihre eigenen Reize. Ein überaus schmackhafter Ingwerkeks mit Sättigungsgarantie, der meines Wissens auch gerade in Amiland als DVD erschienen ist oder es bald tut.
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#636 Cjamango

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Geschrieben 11. Februar 2009, 19:47

The Mansion Of The Ghost Cat (JP-DVD)

Dr. Kuzumi begibt sich mit seiner Frau aufs Land, da jene an Tuberkolose leidet. Im Dorf ihrer Kindheit beziehen sie ein altes Haus, das vor Ort als nicht ganz geheuer verschrien ist. Sofort beginnt seine Frau Yoriko, unheimliche Dinge zu erblicken: Eine alte Frau schleicht gebückt um das Anwesen; eine Katze folgt den Städtern auf Schritt und Tritt. Da auch dem Arzt allmählich mulmig wird, konsultiert er einen ortsansässigen Priester, der ihm die Geschichte des Hauses auseinanderlegt. Es ist eine Geschichte voller Blut, Ausbeutung, Unrecht und Rache...

Nobuo Nakagawa gilt als einer der angesehensten Regisseure von „kaidan eiga“, von Geistergeschichten. Daß sich japanische Geistergeschichten sehr von ihren europäischen Kollegen unterscheiden, macht sie aus der hiesigen Sicht sehr faszinierend und sehr pittoresk. Es finden sich viele Verweise auf die Historie des Landes wieder, finsteres Karma führt zur Wiederkehr einstiger Untaten, und es erfordert schon drastische Maßnahmen (z.B. die Auslöschung ganzer Familien), um die unruhigen Geister zu besänftigen. Die moralischen Wurzeln der spezifisch japanischen Art des Geisterfilmes arbeitete Nakagawa in seinem wohl bekanntesten Film aus, dem Höllendrama JIGOKU. Die Visualisierung des geisterhaften Treibens enthält sich weitgehend der Schreckeffekte Hollywoods. Die Gespenster laufen durch die Gegend wie normale Menschen, was ihnen aber eigentümlicherweise nichts an Bedrohlichkeit nimmt – weit gefehlt. Japanische Geister besitzen unerhört viel Stil. Sie erzeugen Schrecken durch vermeintlich unwichtig erscheinende Details. So verbergen sie gerne ihr Gesicht (vgl. Sadako in RINGU) oder bedienen sich ausgesprochen unnatürlicher Bewegungsabläufe (vgl. ebenfalls Sadako oder die Mutter in JU-ON). MANSION OF THE GHOST CAT nun ist ein Vertreter einer Untergattung der „kaidan eiga“, der „bakeneko mono“, die sich mit geisterhaften Katzen beschäftigt. Hier ist es eine Katze, die das Blut (und somit den Haß) einer Frau aufleckt, deren einziger Sohn brutal ermordet wurde. Während der Mittelteil des Filmes den Ursprung des Fluches schildert und in leuchtenden Farben zu sehen ist, findet die Rahmenhandlung in blaugetöntem Schwarzweiß statt. Das Auftauchen der Geisterfrau wird durch das Wissen um den Hintergrund noch unangenehmer. In einer der eindrucksvollsten Szenen wird eine Angestellte des herrschaftlichen Haushaltes Zeuge, wie sich die dämonisierte Mutter des Bösewichtes nach Katzenart die „Pfoten“ ableckt. Da das Mädchen zu Recht um ihr Leben fürchtet, versucht sie, der mittlerweile mit einer langen, weißen Mähne und Katzenohren ausgestatteten Frau zu entkommen, doch der Schattenriß der sich bizarr verrenkenden Greisin zwingt sie zurück in das Haus, selber dabei ballettartige Bewegungen ausführend, einen Tanz in das Verderben. Diese Szene hätte leicht lächerlich wirken können, aber ich saß nur mit offenem Mund da und staunte. Nakagawas Filme sind wirklich allesamt Kunstwerke, die mit ruhiger, teilweise statischer Bildführung Geschichten erzählen, die vom unentrinnbaren Schicksal handeln, in das sich die hektisch agierenden Figuren verheddern, bis sie rettungslos Bestandteil der Geschichte sind. Großes Kino. Die japanischen DVDs sind leider sauteuer, aber sie lohnen sich und sind freundlicherweise sauber untertitelt.

Bearbeitet von Cjamango, 11. Februar 2009, 19:54.

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Geschrieben 13. Februar 2009, 15:06

Island Of Lost Souls (US-Video)

Ein Schiffbrüchiger namens Parker wird von einem Handelsschiff an Bord genommen, das lebende Fracht zur Insel des Dr. Moreau bringen soll. Dr. Moreau (Charles Laughton) hat einen Ruf wie Donnerhall, soll er sich doch mit widernatürlichen Experimenten befassen. Da Parker mit dem Käpt'n Streit anfängt, schmeißt ihn dieser auf der Insel kurzentschlossen über Bord. Als unfreiwilliger Gast des unorthodoxen Mediziners bekommt Parker schon bald spitz, worum et jeht: Moreau schlägt der Evolution ein Schnippchen und kreuzt Mensch mit Tier, dabei merkwürdige Mischformen erzeugend, die im Wald als Eingeborene gehalten werden und einer von Dr. Moreau implementierten Religion folgen. Doch das Tier läßt sich nicht auf ewig verleugnen...

Ein wahrhaft haarsträubender Film, der auf dem berühmten Roman „Die Insel des Dr. Moreau“ von H.G. Wells beruht. Daß H.G. Wells sich seinerzeit sehr abfällig über ISLAND OF LOST SOULS geäußert haben soll, ist wohl dem Umstand zu verdanken, daß sich Erle C. Kentons Bearbeitung im wesentlichen auf die Horrorelemente konzentriert. In Großbritannien war der Film auch bis 1958 verboten, und selbst für heutige Zuschauer ist die Story starker Tobak. Was sind das eigentlich genau für Experimente, die Dr. Moreau da ausführt? Man möchte das nicht so genau wissen. Die mehr oder weniger fehlgeschlagenen Resultate, die Bestie zu zivilisieren, laufen im Dschungel herum und würden jeder Freakshow zur Ehre gereichen. Im Vergleich zum zur selben Zeit entstandenen FREAKS schlägt ISLAND einen ungleich harscheren Ton an. Zwar wird schon klar, daß die Zivilisation – repräsentiert u.a. durch den dicken Doktor – ihre Schattenseiten besitzt, denn Dr. Moreau ist ein völliger Menschenverächter. Speziell mit Frauen hat er es nicht so. (Hier zahlt sich Laughtons sehr feminine Diktion aus.) Doch die humanistische Gesinnung, die das Rückgrat von FREAKS bildet, fehlt hier fast völlig, so daß ISLAND eher Niedergeschlagenheit und das Gefühl völliger sittlicher Verwahrlosung erzeugt. (Klingt toll, was?) Der Schluß – die grausame Vivisektion Dr. Moreaus durch seine Bestien, die sich am Skalpellschrank verlustiert haben – ist die folgerichtige Entwicklung – man kann das Tier nicht aus dem Menschen herauszivilisieren, wie auch gegensätzliche Bemühungen zum Scheitern verurteilt sind. Es gibt zahlreiche großartige Szenen. Bela Lugosi hat einen tollen Auftritt als Verkünder von Dr. Moreaus Gesetz, „The Law“, wenn er den anderen Halbmenschen im besten Devo-Stil skandiert: „Are we not men?“ Laughton ist einfach unbezahlbar, wenn er mit leuchtenden Augen von seinen Evolutions-Devolutions-Experimenten berichtet. Unter den Tiermenschen befinden sich angeblich auch Randolph Scott, Alan Ladd und Buster „Flash Gordon“ Crabbe. Da es sich um einen sehr frühen Tonfilm handelt, gibt es kaum Hintergrundmusik, was die frösteln machende Qualität des Werkes noch unterstützt. Mit Sicherheit einer der interessantesten und grausamsten Horrorfilme jener Tage, der meines Wissens noch keine adäquate Veröffentlichung auf DVD erfahren hat. Wäre ein prima Doppelprogramm mit GRAF ZAROFF, GENIE DES BÖSEN. („Was ist das Gesetz?“ – „Nicht auf allen Vieren gehen, das ist das Gesetz. Sind wir nicht Menschen?“)
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Geschrieben 13. Februar 2009, 18:08

El fantasma del convento (von Mönch durchs Fenster geworfen)

Cristina, ihr Ehemann Eduardo und der gemeinsame Freund Alfonso unternehmen eine Landpartie, die sie ins Gebirge führt. Dabei verlaufen sie sich, und da es im Gebirge nachts recht kalt wird, suchen sie nach einem Unterschlupf. Ihr Weg führt sie zu einem alten Kloster, in dem die Mönche noch ein Schweigegelübde befolgen. Man gewährt ihnen Unterkunft für die Nacht. Allerdings haben sie sich dabei den Gepflogenheiten des Klosters zu unterwerfen. So muß jeder von ihnen eine separate Zelle bewohnen, was besonders Cristina und Alfonso schwerfällt, zumal beide kurz davor stehen, Eduardo Hörner aufzusetzen. Neben einigen unheimlichen Zwischenfällen irritiert sie besonders die Mönchszelle von Bruder Rodrigo, der einst in sündiger Liebe zur Frau eines Freundes entbrannte. Sein Vergehen ließ ihn auch nach seinem Tode ruhelos umherwandeln. So verschloß man die Zelle mit einem Holzkreuz, das mittlerweile fast völlig verrottet ist. Doch merkwürdige Laute dringen aus dem Raum. Und als Alfonso selbst unschlüssig durch den Korridor schleicht, öffnet sich die Tür...

Eine weitere klassische Geistergeschichte aus Mexiko, die zwar eher im Gewand eines Melodrams daherkommt, dabei aber einige übernatürliche Akzente in die moralische Geschichte hineinwebt. Das Tempo, das der Film dabei anschlägt, ist sehr gemächlich – Schocks und Suspense sind nicht das Ziel des Regisseurs. Stattdessen profitiert der Film von dem Umstand, daß offensichtlich in einem echten alten Kloster gefilmt werden konnte, in das die schweigenden Brüder auch prima hineinpassen. Eigentlich sehen sie aus, als würden sie für den ersten „Reitende Leichen“-Film üben, aber das war ja noch fast 40 Jahre hin. Ein ausgesprochen schön gemachter Film, der erneut beweist, daß die Filmtechnik in Mexiko bereits weit fortgeschritten war. Dies hing wohl auch damit zusammen, daß viele der dort tätigen Fachleute ihr Handwerk in Hollywood gelernt hatten und es in den Dienst einer sehr eigenen, ernsthaften, bisweilen feierlichen Erzählweise stellten. Es wäre interessant gewesen, was Luis Bunuel aus dem Stoff gemacht hätte, aber der dressierte zu jener Zeit ja noch andalusische Hunde... Toll! Würde ich gerne mal untertitelt erleben.
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Geschrieben 15. Februar 2009, 18:33

Song At Midnight (in Glückskeks gefunden)

Diese frühe chinesische Version von Gaston Leroux´ „Das Phantom del Opel“ ist ohne Frage die traurigste Fassung, die ich jemals von diesem Werk gesehen habe. Gleichzeitig stieß sie mich dramatisch auf die Grenzen meines Kulturverständnisses, was u.a. daran gelegen haben mag, daß die von mir gesichtete Kopie keine Untertitel besaß und mein Mandarin gewissermaßen etwas eingerostet ist...

SONG AT MIDNIGHT erzählt von einer Theatertruppe, die in einem heruntergekommenen, einstmals großen Theater ein Stück einproben will. Früher war dies die Wirkungsstätte des großen Schauspielers und Sängers Sing Dangping (prchchch...), der unter geheimnisvollen Umständen verschwand. Der junge Sänger Sun kommt mit seinem Part nicht klar, erhält aber Hilfe von einer mysteriösen Stimme, die ihm den Weg zum Starruhm weist. Das Stück wird ein voller Erfolg, und Sun möchte sich bei seinem Gönner bedanken. Jener zeigt sich ihm schließlich, verhüllt von einer Kapuze. Natürlich ist es Sing Dangping, der einst in die Tochter eines skrupellosen Händlers verliebt war und mit ihr durchbrennen wollte. Der Vater und der zukünftige Ehemann des Mädchens lassen Sing fangen (Sing Fangping?) und ordentlich durchpeitschen. Außerdem bekommt er noch Säure in die Visage geschüttet und ist somit gesellschaftlich untragbar. Das Mädchen wird daraufhin wahnsinnig. Pingpong Sack will Rache...

Der fast zwei Stunden lange Film enthält zahlreiche Gesangsszenen, die für hiesige Geschmäcker etwas verwirrend anmuten und die Handlung zudem solide ausbremsen. (Vgl. auch die entsprechenden Darbietungen in indischen Horrorfilmen.) Die diversen Arien klingen zudem alle etwas wie Knödel-Schlager à la „Volare“. Das Lied, das Sing Dangping für seine Angebetete geschrieben hat, ähnelt dem berühmten Gassenhauer „Ich bin der japanische Sandmann“. Außerdem irritiert, daß die Männer alle ganz hohe Stimmen haben, etwa wie europäische Frauen, während die Frauen mit Mickymausstimmen herumpiepsen (etwa wie Beaker aus der „Muppet-Show“!), was ihre erotische Ausstrahlung – zumindest für mich – deutlich schmälert. Neben den Arien verwendet Regisseur Maxu Weibang einige klassische Musikstücke (z.B. Mussorgskys „Nacht auf dem kahlen Berge“ und „Bilder einer Ausstellung“, sowie George Gershwins „Rhapsodie In Blue“, merkwürdigerweise aber meistens in doppelter Geschwindigkeit!) Das ist schon recht wild. Der traurige Sänger Sing Dangping hat es wirklich nicht gut getroffen, denn er sieht aus, als wäre er in die Moulinette geraten. Der Weg zu seiner Liebsten ist ihm für immer versperrt, was ihn in einigen Szenen zu ausgedehntem Leiden veranlaßt. Zwar ist der Film offensichtlich als Gruselfilm nach westlichem Vorbild angelegt (es gibt sogar fackelschwingende Dörfler à la Universal), doch hat mir das „Phantom“ in erster Linie leid getan. Wenn ich die Dialoge verstanden hätte, wären meine Augen bestimmt feucht geworden. Auch so war die Sichtung aber sehr eindrucksvoll, wenngleich ich mich häufig gefragt habe, was das eigentlich für Menschen sind, die Chinesen. Aber man muß ja nicht alles verstehen. In seinem Heimatland führte SONG AT MIDNIGHT jedenfalls zu einer direkten Fortsetzung und diversen Neubearbeitungen.

Der japanische Sandmann (trad.):

Riesele so vor mich hin
Das Rieseln ist mein Hauptgewinn
Bin leichter als die Wolke
Und weißer als die Molke

Ich bin der japanische Sandmann
Und hege keinen Arg
Wer sich mir in den Weg stellt,
Den packe ich in den Sarg

Segenspendend klingt mein Lied
Formvollendet schwingt mein Glied
Harmlos, leidlos, Schwerenot
Der Morgen kommt, und du bist tot

Ich bin der japanische Sandmann
Und meine es nur gut
Bestelle meine Felder
Ernähre mich von Blut

So preiset mich nach Kräften
Und legt euch für mich hin
Bereitet mir die Lagestatt
Und lutscht an meinem Pinn

Ich bin der japanische Sandmann
Die Nacht ist längst vorbei
Mein Vater hieß Heinz-Jürgen
Und hatte nur ein Ei

(Aus dem Chinesischen von Inge Müller-Kampe)
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Geschrieben 24. Februar 2009, 23:32

While She Was Out (DVD)

Kim Basinger spielt eine Mutter und Hausfrau, die von ihrem aggressiven Börsen-Arschloch-Ehemann diskriminiert wird. Nach einer weihnachtlichen Auseinandersetzung fährt sie zum Einkaufszentrum, wo sie auf äußerst dumme (und unwahrscheinliche) Weise mit einer Jugendgang (besser gesagt: Spätzwanziger-Gang!) aneinandergerät. Ein Wachmann interveniert und kassiert eine Kugel in den Kopf. Nun sind die Spätzwanziger hinter Kim her und wollen sie killen.

Wo ist er nur, der einsamste Ort, an den man sich zusammen mit den entmenschten Asozialen verziehen kann? Dies ist nun mal wirklich der dümmste Film, den ich seit langer Zeit gesehen habe. Schade eigentlich, denn handwerklich kann man ihm nichts Schlechtes nachsagen. Inhaltlich aber biegen sich die Balken. Spätestens ab jenem Zeitpunkt, an dem sich Frau Basinger – mit einem annehmbaren Vorsprung auf der Habenseite – vor dem fiesen Jungvolk verdrückt und sich dafür ausgerechnet eine abgelegene Baustelle (am letzten Weihnachtseinkaufstag!) aussucht, war ich nur noch am Jaulen. Der Film ist zwar von einer Frau inszeniert worden, aber sie scheint Frauen nicht sonderlich zu mögen. Frau Basinger benimmt sich närrisch hoch zehn. Die ist so blond, daß sie sogar geduldig auf das Eintreffen der eiskalten Killer wartet und nicht etwa die Beine in die Hand nimmt, als ihr Auto abkrekelt. Meine erste Reaktion wäre: verpissen, verstecken, Waffe organisieren. Sie fummelt erst einmal stundenlang am Motor rum und haut dann, als die Schurken fast schon vor ihr stehen, mit einem roten Werkzeugkasten ab. Groß, leuchtend, unhandlich. Topp, die Watte quillt! Sie jammert und ramentert, macht auf jede denkbare Weise auf sich aufmerksam und entwickelt dann, wenn's drauf ankommt, völlig unerwartete Killerinstinkte. Dann wird wieder gejammert. Au Mann. Ein Wunder, daß Jodie Foster nicht mitspielt, denn nach FLIGHTPLAN und DIE FREMDE IN MIR hat jene sich immer mehr zur Spezialistin für dümmlich geskriptete Hochglanzware entwickelt. WHILE SHE WAS OUT ist leider nur ein mittelmäßig spannender, völlig unlogischer, erzkonservativer Murks, der eine Gruppe von ethnisch bedenklichen Außenseitern (Poor White Trash, Schwarzer, Latino und Vietnamese) als Bürgerschrecks anbietet, damit sie dann abgemetzelt werden können. Das Ganze versteckt sich dann (=Ehegeschichte Basinger) auch noch hinter jämmerlichen pseudopsychologischen Mätzchen. PARTY DES GRAUENS z.B. war schmierig, schmierig, schmierig, und das ist wenigstens ehrlich. Dieser Film hier hat fast gar nichts, verbockt das wenige, das er hat, und tut sich auch noch groß damit. Ein Gnadenpunkt für die Verwendung von Roxy Musics „In Every Dream Home A Heartache“ im Abspann, aber selbst der Song bekommt noch einen unangenehmen Beigeschmack. Murks!

P.S.: Vor einiger Zeit gesichtet, aber ungleich besser: die Parkhaus-Nervenmühle P2. Der hatte zwar inhaltlich auch nicht viel auf Lager, leistete sich aber eine Heldin, die sich in der Stunde der Not wenigstens mal einigermaßen smart verhält. Man möchte die Menschen ja bewundern. Und einen Schockeffekt hatte der in petto, den ich heute noch nicht verwunden habe...

Bearbeitet von Cjamango, 24. Februar 2009, 23:40.

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Geschrieben 05. März 2009, 16:12

Der Baader-Meinhof-Komplex (DVD)

Am BAADER-MEINHOF-KOMPLEX habe ich mich bisher vorbeigemogelt, da ich nach dem ONTERGANG Finsteres erwartete. In meiner Generation gibt es bemerkenswert viele Leute, die dem Phänomen RAF mit einer gewissen Sympathie gegenüberstehen – zu Studentenzeiten noch unverhohlen, jetzt – mit einem gutbürgerlichen Job und Familienpuschen im Handgepäck – eher verklausuliert und abwägend. Das führt zu so manchem belustigendem Widerspruch, da man versuchen möchte, Unvereinbares (Herz und Hirn?) miteinander zu versöhnen. Für mich war das niemals ein Problem, da ich der RAF gegenüber schon immer uneingeschränkte Abneigung empfand. Ebenso, wie bei mir jedesmal Untertitel mitlaufen, wenn ich einen Politiker im Fernsehen lügen sehe, empfinde ich solche Hanswursten als sogar noch widerwärtiger als Nazis und Nazis im Geiste, da jene ihre niederen Absichten wenigstens nicht mit einem Heiligenschein umkränzen und keine grundsätzlich unterstützenswerte Anliegen diskreditieren. Vielleicht liegt es aber auch daran, daß zu meiner Studentenzeit nur noch ein anachronistischer Nachklapp namens „Marxistische Gruppe“ herumgurkte, der dann irgendwann stumm entschlief. Die Lücke, die sie hinterließ, ersetzte sie vollkommen. Ich erwartete also Arges und machte mich darauf gefaßt, die ganze Zeit über die Stirn zu runzeln und „Ich zünde meine Nase an und nenn´ es Widerstand...“ zu singen.

So kam es aber nicht. Nicht ganz. Tatsächlich fand ich den Film sogar recht interessant, wenngleich zumindest zwiespältig. Beginnen wir mal mit der "Ästhetik des Widerstands“. Am Anfang von BMK steht der Schah-Besuch und die Geschichte mit Ohnesorg und Kurras. Uli Edel verwendet ein am gegenwärtigen Hollywood-Kino orientiertes Actionformat, das ein wenig an EIN MANN SIEHT ROT erinnert, nur mit knüppelnden Bullen anstelle von asozialen ethnischen Randgruppen mit Vergewaltigungswunsch. Das wirkt fast wie ein leidenschaftlicher Aufruf zur Gegengewalt. Dieser Ästhetik bleibt der Film auch im weiteren Verlauf treu, somit den Heldenmythos RAF solide unterfütternd mit aufpeitschenden Spannungsszenen, in denen man Baader, Ensslin und Konsorten fast schon die Daumen drückt. („Vorsicht, Kasper, das Krokodil bzw. die Mehlmützen!“) Die „behind the scenes“-Footage der RAF fällt allerdings schon bedeutend ernüchternder aus, da sich die zu Anfang noch idealistischen Widerständler mehr und mehr in einem aufgesetzt wirkenden, gläubischen Politphrasen-Kauderwelsch verstricken, der deutlich im Widerspruch steht zu ihren gruppendynamischen Schwierigkeiten. Der innere RAF-Kader wird als eine hochgradig patriarchalisch strukturierte Hackordnung dargestellt, wie sie auch meinen eigenen Erfahrungen im Zusammenhang mit sich selbst als unabhängig und rebellisch empfindenden Gruppierungen entspricht. Baader dröhnt andauernd „Fotze“ durch die Gegend, die Mädels stören sich nicht daran, und man darf dann seine eigenen Schlußfolgerungen ziehen. Besonders gefallen hat mir der Ausflug ins PLO-Ausbildungslager, wo Baader und Konsorten sich aufführen wie ein Kindergarten und sich glücklich schätzen dürfen, von den Islamisten nicht einfach umgelegt zu werden. (Gudrun E.: „Fucking and shooting are the same!“)

BMK serviert einen großzügig budgetierten und brillant inszenierten Reigen an Klischees, deren Holzschnittartigkeit durchaus dem revolutionären Impetus der dargestellten Herr- und Damschaften entspricht. Die Staatsmacht (Polizisten, Politiker, Bürgerschweine) werden weitgehend als Steigbügelhalter des herrschenden Systems dargestellt, ohne sie weiter zu vertiefen. In gewisser Weise ist BMK also der Film zum Mythos, der sich aber selbst entblättert und zur „self-fulfilling prophecy“ wird. Ob einem die Herangehensweise von Edels/Eichingers Film schmeckt, ist sicherlich Ansichtssache, aber ich finde sie faszinierend, zumal sie es dem Zuschauer recht leicht macht, sich diffamiert vorzukommen, egal welchem Lager man auch angehört. Vergleicht man BMK mit Christopher Roths ziemlich gutem BAADER, so fällt auf, daß Edels Film sich eher mit dem Mythos als mit den Menschen und ihren Motivationen auseinandersetzt. Roth spendiert Baader ja den kitschigen Heldentod, den sich dieser in seinen Macho-Fantasien gewünscht haben mag. (Wo bleibt eine Hollywood-RAF-Bearbeitung mit Billy Zane als Baader? Oder gleich Chuck Norris?) Edel präsentiert den „Befreiungskampf“ als ungemein hübsch anzusehenden und exzellent ausgestatteten Reißer, als Gefühlskino sozusagen, das den Widerstandskitsch von einst mit den Mitteln der gegenwärtigen Ästhetik darstellt – des Kaisers neue Kleider. Damit zeigt er die Wohlfeilheit von politischer Ästhetik ebenso auf wie die Analogie von alter und neuer Heldenverehrung, welche immer dort ihre Löcher aufweist, wo sie mit menschlichen Wesen zu tun hat. Dieses Bekenntnis zum publikumswirksamen Spektakel führt leider auch dazu, daß neben (beträchtlicher) Spannung auch eine Menge Tönjes produziert wird. Stellvertretend dafür erwähne ich mal die Sache mit dem Hungerstreik: Holger Meins wird zu Jesus, bekommt eine letzte Zigarette, die Polizisten grinsen nur schmallippig und höhnisch, der Anwalt weint – weia. BMK ist manipulatives Kino der Meisterklasse, dem man – trotz der öffentlichen Kontroverse – nicht wirklich vorwerfen kann, den Standpunkt der Terroristen einzunehmen, auch wenn er damit kokettiert. Er nimmt eigentlich gar keinen Standpunkt ein, sondern dokumentiert die damalige Zeit. Und als Zeitdokument kann man ihn aufgrund seines hohen Schangelfaktors nicht wirklich ernstnehmen. So bleibt denn allenfalls die Sekundärtugend der Unterhaltsamkeit. Für Kino reicht das, aber dem Thema angemessen ist es nicht wirklich.

Wie schreit Baader so schön: „Stadtguerilla operiert in dem Riß zwischen Staat und Masse!“ Den Riß gibt es sicherlich auch heute noch, aber der Film kippt Zuckerguß hinein. Wie bereits erwähnt: Zwiespältig.

Bearbeitet von Cjamango, 05. März 2009, 16:15.

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Geschrieben 09. März 2009, 22:21

Eden Log (DVD)

Ein Mann erwacht in einer schlammigen Höhle. Er weiß nicht, wer er ist oder wo er ist. Eine Aufzeichnung, die ihn am Ende der Höhle erwartet, klärt ihn darüber auf, daß er sich im vierten Untergeschoß einer Installation namens „Eden Log“ befindet, die der krisengeschüttelten Menschheit der Zukunft alternative Lebensmöglichkeiten anzubieten scheint. Der Weg zur Oberfläche erweist sich als steinig: Nur wenige Menschen kreuzen seinen Weg, dafür umso mehr bestialische Mutanten. Das Geheimnis seiner Existenz erwartet ihn am Schluß...

EDEN LOG ist ein ziemlich bizarres Ding, das wie ein Rückfall in die 70er-Jahre-Intellektuellen-Science Fiction á la ZARDOZ, PHASE 4 etc. anmutet, allerdings erzählt mit der grotesken Bilderwelt von Jeunet und Caro. Zu Anfang dachte ich noch, ich würde den Film nicht durchhalten, aber dann gefiel er mir immer besser, zumal Regisseur Franck Vestiel seine Marschroute bis zum Schluß konsequent beibehält. Wer sich ironisch gebrochene Mainstream-Action erhofft, ist bei EDEN LOG denkbar fehl am Platze, da die sehr pessimistische und düstere Endzeitgeschichte mit feierlichem Ernst erzählt wird. Zudem muß Vestiel ein Budget zur Verfügung gehabt haben, daß jenes von Wenzel Storchs Filmen nur unwesentlich überstiegen haben wird. Gemessen an den geringen Mitteln ist es schon erstaunlich, was Vestiel und seine Bühnenbildner da zusammengebastelt haben. Wenn man mit den ersten 20 Minuten des Filmes etwas anfangen kann, wird einem der Rest auch munden. Ist definitiv nicht für jeden Zuschauer geeignet, aber ich bin schon sehr dankbar, wenn ich von Filmen überrascht werde und nicht immer alles schon vorausahne, weil der Regisseur den Weg des geringsten Widerstands gegangen ist. EDEN LOG ist keine leichte Kost, zeigt aber, wie man mit wenig Geld gutes Kino zaubern kann. Hat mir gefallen.
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Geschrieben 13. März 2009, 20:11

I Walked With A Zombie (US-DVD)

Eines der wenigen echten Meisterwerke des Horrorkinos stellt I WALKED WITH A ZOMBIE dar, der wohl beste der kleinen Reihe von billig produzierten Horrorfilmen, die Produzent Val Lewton für die R.K.O. drehte. In ihm geht es um die Krankenschwester Betsy, deren neuer Arbeitsplatz auf einer westindischen Insel gelegen ist, San Sebastian. Dort soll sie auf Jessica Holland aufpassen, die eine mysteriöse Krankheit zu einem willenlos herumwandelnden Geschöpf gemacht hat. Ihre Arbeit wird nicht gerade erleichtert durch den Ingrimm, der zwischen den Brüdern Paul – Ehemann von Jessica – und Wesley herrscht. Schon bald hat sich Betsy an das schwüle Arbeitsklima gewöhnt und entwickelt zudem tiefe Gefühle für Paul, einen zynischen Melancholiker. Er scheint von einem Geheimnis umwittert zu sein, und je mehr sich Betsy ihm und seiner Familiengeschichte nähert, umso angstvoller zieht er sich vor ihr zurück. Betsy muß feststellen, daß der Aberglauben der Eingeborenen eine Grundlage besitzt, die sie ihre medizinische Schulweisheit nicht hätte träumen lassen...

Jacques Tourneur, Sohn des berühmten Stummfilmregisseurs Maurice Tourneur, hatte mit CAT PEOPLE bereits den ersten Film der kleinen Reihe inszeniert. Seine ungemein subtile Regie – elegant, aber niemals die Aufmerksamkeit auf sich lenkend – paßte wie angegossen zum intelligenten Drehbuch, das auf eine für diese frühe Hollywood-Periode durchaus reife Weise Psychoanalyse und Aberglauben zusammenführte. (Man vergleiche etwa den pittoresken, aber doch ziemlich absurden Ansatz, den der 3 Jahre später erschienene SPELLBOUND von Alfred Hitchcock wählte: Ich Freud – du Jane bzw. Dali klick.) Die Möglichkeit einer psychologischen Erklärung macht auch den Reiz von I WALKED WITH A ZOMBIE aus, dessen Handlung Spuren von Charlotte Brontes Debütwerk „Jane Eyre“ und Hitchcocks REBECCA aufweist, unter deutlicher Beeinflussung der damals populären Film-Noir-Ästhetik. Der düstere Romantizismus von Hitchcocks Meisterwerk findet seine Entsprechung in der verhängnisvollen Zuneigung, die sich zwischen Betsy und ihrem neuen Arbeitgeber entwickelt. Paul wird getrieben von immensen Schuldgefühlen, die für ihn ein Schicksal konstruieren, dem er sich nicht entziehen kann (oder auch möchte). Er ist so etwas wie ein Erbe des Kolonialismus, dessen Lebensform sich überholt hat und jetzt von Neurosen und der Vitalität der einstmaligen Sklaven dahingerafft wird. Und was die Eingeborenen angeht, so fällt auf, daß sie deutlich mehr sind als die bösen Uga-Uga-Neger aus vergleichbaren Filmen jener Zeit. Auch wenn ihre Rituale durchaus erschreckend erscheinen, so sind es doch die Schwarzen, die am ehesten mit Leben konnotiert werden. Die Neurosen, die Zombiefizierung als Resultat einer kaputten Ehe, gehören den Herrenmenschen von einst. Während ehrbare Rollen für afroamerikanische Schauspieler in jenen Tagen noch eine Seltenheit darstellten, so besitzen sie hier eine gewisse Art von Würde, z.B. in Gestalt der überaus sympathischen Hausangestellten Alma, dargestellt von Theresa Harris, welche bereits in CAT PEOPLE eine einnehmende Gastrolle hatte. Man vergleiche etwa diesen Film mit dem 20 Jahre später hergestellten CURSE OF THE VOODOO, der sich wirklich in dummen Rassismen ergeht und die Schwatten als exotische, sinnliche, aber eben auch grausame und unheilbringende Naturwesen darstellt. I WALKED WITH A ZOMBIE hingegen ist ein intelligent konstruierter, poetischer und trotz seiner Zurückhaltung spannender Film, bei dem mein Horrorfanherz einfach nur gejuchzt hat – wegen solchen tollen Werken bin ich dem Genre seit all den Jahren zugetan! In den Staaten sind alle Val-Lewton-Filme in einer hervorragenden DVD-Box herausgekommen. Ich bezweifele, daß eine deutsche Veröffentlichung zu erwarten ist. Wenn man zumindest den einen oder anderen der Filme herausbringen möchte, so hoffe ich, daß dieses makellose Juwel dazugehört.

Bearbeitet von Cjamango, 13. März 2009, 20:14.

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Geschrieben 16. März 2009, 16:40

War, Inc. (DVD)

Brand Hauser (John Cusack) ist, wie sein Name bereits andeutet, eine Marke: Ehemals CIA-Agent, hat er sich nunmehr in den Dienst der freien Marktwirtschaft gestellt und vertritt die Interessen des Großkonzerns Tamerlane im Ausland. Sein neuester Job führt ihn in das kriegsgeschüttelte Turakistan, wo windige Geschäftemacher versuchen, eine Demokratie nach westlichem Vorbild zu errichten. Heraus kommt dabei vorerst nur eine große Absahne, aber immerhin funktioniert sie vorzüglich. Zumindest solange, bis Hauser seine Moral wiederentdeckt...

Ein eigenartiger Film, ein bißchen wie Robert Altman auf Speed. War Ben Stillers TROPICAL THUNDER so etwas wie eine Genreparodie auf Brüllwitzniveau (allerdings eine gute), so ist WAR, INC. ein extrem bösartiger Abstecher Hollywoods in den Bereich der Satire – normalerweise nicht gerade das starke Gewand Tinseltowns, wo institutionalisierte Selbstironie mittlerweile fast auf Knopfdruck funktioniert. Der vormalige Dokumentarfilmer Joshua Seftel präsentiert eine Welt, in der fast alle Menschen zu professionellen Menschendarstellern geworden sind. Was verlangt wird, wird gesagt, manchmal sogar gemacht. Persönliche Moral wird entweder umgebogen oder komplett weggesperrt. Gefühle werden kanalisiert, ausgebeutet und die Reste als Dünger verwendet für noch mehr Wachstum. Trotz des Staraufgebotes ist WAR, INC. alles andere als ein massenkompatibler Film, auch wenn es zahlreiche Kalauer im Handgepäck gibt. (Z.B. die sich auf eine Enthauptung vorbereitenden Gotteskrieger, die gerade ein Steven-Seagal-Video kucken und bemerken, daß Steven ziemlich fett geworden ist...) Sympathieträger gibt es eigentlich keine, sieht man einmal davon ab, daß man John Cusack eigentlich immer mögen muß, selbst wenn er Iwan den Schrecklichen spielt. Schwester Joan ist auch dabei und sieht mittlerweile ziemlich wie Desiree Nick aus. Hilary Duff glänzt als hohlköpfiger Popstar der Region, die „Britney Spears des Nahen Ostens“, die sich längst damit zufriedengegeben hat, nur eine Profithure zu sein, deren Marktwert sich nach ihrer Tauglichkeit als Sexobjekt richtet – das hat sie der echten Britney voraus. In gewisser Weise erinnert mich der Film etwas an meinen Lieblingsschriftsteller Kurt Vonnegut, nur halt auf den neuesten Stand gebracht. Wenn man eine Haha-Komödie kucken will, ist der Film sicherlich nicht die richtige Wahl, aber als kolossaler Arschtritt funktioniert er prächtig. In das „E-Z-Launch Pimp-Me-Up“-Raketenleitsystem, das auf der turakischen Expo angeboten wird, habe ich mich richtig verliebt...

Hauser, als er die im TV übertragene Hinrichtung eines Sittlichkeitsverbrechers organisieren soll: „Marsha, holen Sie mir Katie Couric, Al Jazeera und zweitausend Liter Schafscheiße!“
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Geschrieben 17. März 2009, 00:06

Eden Lake (DVD)

Jenny und Steve sind ein junges Pärchen aus Großbritannien, das einen kleinen Campingtrip an einem gefluteten Steinbruch machen möchte. Der Eden Lake erweist sich als idyllisch, aber schon die ersten Eindrücke werden empfindlich getrübt von einer Bande jugendlicher Unholde, die sich denselben Platz zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit ausgesucht haben. Eine Kette von unerfreulichen Umständen führt dann dazu, daß der Trip für Jenny und Steve zu einem Urlaub in der Hölle wird...

Kotztüten mitbringen! EDEN LAKE beginnt einigermaßen verhalten, entwickelt sich dann aber schon bald zu einem Magenhammer, der den Vergleich mit LAST HOUSE ON THE LEFT nicht zu scheuen braucht. Die deutsche Fassung scheint sogar ungeschnitten zu sein – die Wunder werden nicht alle. Während die Killer aus LAST HOUSE aber lustvoll überzeichnete Butzemänner sind, die mit echten Straftätern etwa so viel zu tun haben wie Lex Luthor, wird der schwere Seegang in EDEN LAKE von einer Horde cockneyquatschender Minderjähriger bereitet, die recht glaubhaft gezeichnet und gut gespielt sind. Aus irgendeinem Grund hat mir das aber den Spaß am Film geraubt, denn das schmierige Vergnügen, das mir Backwoods-Slasher seit jeher bereitet haben, hat eben auch mit der Überzeichnung zu tun, die aus den puritanischen Reinigungs-Riten von Jason & Co. einen launigen Zirkus gemacht haben. EDEN LAKE hingegen serviert erzkonservative Angstfantasien, die die englische Unterschicht offensichtlich mit sadistischen Hooligans gleichsetzen soll, die vor absolut gar nichts zurückschrecken. (Bumsende sadistische Hooligans sogar: Die Swinger-Party am Schluß – ach du liiiebe Güte...) Dem Film gelingt es aufgrund seines guten Handwerks durchaus, Angst & Schrecken zu erzeugen. Eventuelle Vorbehalte, einem Kind den Schädel zu spalten, werden kompetent beseitigt. Die Drangsal der beiden Helden wird in allen Einzelheiten geschildert, wobei das Bemühen des Drehbuchautors (MY LITTLE EYE, GONE), alles so widerwärtig wie möglich geraten zu lassen, jederzeit spürbar ist. Der Film macht wirklich keine Gefangenen. Zunge mit Universalmesser zerschneiden tut weh. Der Schluß ist eine echte Überraschung. Davon abgesehen bringt der Film aber wirklich nicht viel mehr zustande als 90 Minuten Hochoktan-Generve, das alle Klischees über mißratene Kinder und die Unterschicht zusammensucht, und zwar nicht in subversiver Absicht, sondern zur Bestätigung einer „moralischen Mehrheit“, der zumindest ich nicht angehören möchte. Ich fand den Film hochgradig unsympathisch, möchte aber einräumen, daß andere Zuschauer das anders empfinden werden. Soll sich also jeder sein Urteil selber bilden. You have been warned. Für mich ist EDEN LAKE gut gemachter Mist.
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