Puffball (DVD)
Ausgeliehen habe ich mir diesen Film, weil ich über den Titel gestolpert bin, der – deutsch ausgesprochen – ja gewisse Assoziationen weckt. (Gemeint ist tatsächlich ein runder Pilz, ein Riesenbovist.) Daß es sich um ein neues Werk von Nicolas Roeg handeln würde, war mir nicht bewußt. Es ist mir fast ein bißchen peinlich, aber mir hat der Film gefallen, auch wenn ich vermute, daß er die kommerzielle Attraktivität einer Tüte Mehlwürmer besitzt. Tatsächlich fiele es mir sehr schwer, ihn einzuordnen. Er besitzt Fantasy-Elemente, die man aber auch rational erklären kann, wenn man möchte. Als Spannungskino ist er überhaupt nicht konzipiert, mehr so als... eine Geschichte... tja...
PUFFBALL handelt von einem britischen Paar, Liffey und Richard, die nach Irland ziehen und dort eine abgebrannte Hütte zur Grundlage für ein neues Heim machen wollen. Liffey ist Architektin und hat deshalb bei dem Projekt einen Heidenspaß. Ihre Nachbarn sind eine eigenartige Familie, die Tuckers. Seit Urzeiten in der Region verwurzelt, bestellen sie den Boden und setzen Kinder in die Welt, eins, zwei, drei. Mabs will sogar noch ein viertes, einen Jungen bitte diesmal. Mabs´ Mutter aber (Rita Tushingham), die ein eigenes Kind bei einer Brandkatastrophe verlor, ist entweder wahnsinnig geworden oder eine Hexe. Auf jeden Fall ist sie recht wirr und bastelt aus Pilzen, Sperma und anderen Ingredienzien einen Liebestrank. Dieser Trank funktioniert vorzüglich und führt zu einer außerehelichen Begegnung zwischen Liffey und Tucker. Und schon bald ist Liffey schwanger...
Wer einen Genrefilm erwartet, wird bitterlich stranden bei diesem zwar wunderschön fotografierten, aber doch sehr, sehr gemächlichen Film. Fast jedes Bild hat mit Fruchtbarkeit zu tun, mit all dem, was auf das lustige Rammeln bisweilen folgt. Manchmal ist der Film zart und fast kitschig, aber er handelt auch von den Ängsten, die mit der Schwangerschaft einhergehen. PUFFBALL ist eher ein Frauenfilm, da er Themen anspricht, mit denen Männer gemeinhin nicht viel zu tun haben: Periode, die körperlichen Veränderungen bei Kindersegen, die Angst vor dem Klimakterium. Das distanziert den männlichen Betrachter vermutlich vom Geschehen, genauso wie man zu einem Film über das Älterwerden einen gänzlich anderen Zugang gewinnt, wenn man in den Spiegel kuckt und feststellt, daß die Zeit der großen Bälle eindeutig der Vergangenheit angehört. Das Gegenwartskino handelt ja meistens von Exzessen, von denen die meisten Menschen zum Glück verschont bleiben – explodierende Autos, Hochhausbrände und Zombieattacken. Hier geht es um Dinge, die ganz alltäglich sind und über die man sich trotzdem selten so richtig Gedanken macht. Bei verschiedenen sexuellen Encontres zum Beispiel leistet sich Roeg „cum shots“ der ungewöhnlichen Art. Unter „cum shots“ versteht man ja gemeinhin die Pornotradition, den männlichen Samenerguß als Abschluß einer gelungenen Kopulation ins rechte Bild zu rücken. Das geht dann meistens ins Gesicht oder so. Hier geht es in die Vagina, denn es dreht sich ja um Fruchtbarkeit. Die Schauspieler agieren sehr glaubhaft, sehr nachvollziehbar. Auch die naturmystische Verzücktheit der Tucker-Familie erschien mir – der ich normalerweise an so etwas nicht glaube – als im Rahmen der dargestellten Realität überaus logische Konsequenz aus dem Beieinander von Leben und Sterben, das der Film präsentiert. Selbst die Geschichte mit den Abtreibungen wird von Roeg nicht in konservatives Moralgetue verpackt (á la RE-CYCLE von den Pang Brothers), sondern mit den Fürs und Widers präsentiert, die der Vorgang so mit sich bringt. In der IMDb ist der Film brutal abgewatscht und als Beleg dafür gewertet worden, daß Roegs beste Zeit eindeutig lange vorbei ist. Ich bin mir dessen nicht so sicher, denn ich empfinde PUFFBALLs Mystizismus als eine sinnvolle Weiterentwicklung der Traumrealität, die er bereits in Filmen wie WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN oder DER MANN, DER VOM HIMMEL FIEL zeigte. Sie ist hier aber viel mehr mit den Konkretheiten des Lebens verbunden, mit Lust, mit Schmerzen und eben der Weiterführung des Lebens. Insofern muß sich jeder (und in diesem Fall bevorzugt jede) Interessierte ein eigenes Bild machen. Ich fand ihn hübsch. Vor zehn Jahren hätte ich ihn vielleicht noch langweilig gefunden.