Ich habe dir niemals einen Hasenbraten versprochen
#706
Geschrieben 08. Juli 2009, 12:33
Jessie, ihr Bruder Alan und Eddy sind drei Proletarier, die dem Pleitegeier ein Schnippchen schlagen wollen. Um dies zu erreichen, entführen sie die junge Candy, von deren Vater – einem Juwelier – sie Geld erpressen wollen. Da es sich zumindest beim Geschwisterpaar um waschechte Soziopathen handelt, gestaltet sich die Durchführung zu einem Inferno an Mißgeschicken. Zudem ist dem Vater gar nicht so sehr daran gelegen, daß seine Tochter wieder auftaucht...
Eine richtig angenehme Überraschung! THE CANDY SNATCHERS ist ein ungewöhnlich spannender Entführungsthriller, der exemplarisch aufzeigt, wie man mit wenig Geld und einigen guten Einfällen aus einer alten Prämisse einen interessanten Film basteln kann. Hauptverantwortlich hierfür ist das Drehbuch, das selbst Nebenfiguren gut motiviert und von einem Pessimismus in bezug auf die Menschheit durchzogen wird, der schon atemberaubend ist. Eine Nebenfigur etwa ist ein kleiner autistischer Junge (gespielt vom Sohnemann des Regisseurs!), der zwar den Ort herausbekommt, wo die Asis ihr Opfer vergraben haben (mit sehr begrenztem Luftvorrat), aber mit der Information nicht viel anfangen kann, da er halt ein besonderes Kind ist. Seine Mutter ist zudem eine selbstmitleidige Hysterikerin, die ihren Jungen mit Downern abfüllt und ihm sogar androht, ihn endgültig ruhigzustellen... Die Darstellerleistungen sind für ein Autokinoprodukt seiner Zeit ungewöhnlich gut. Gekannt habe ich nur Tiffany Bolling, die die Playmate-Soziopathin spielt. Die Musik erinnert stark an TV-Krimiserien der 70er, doch das Drehbuch versieht die durchweg fesselnde Handlung mit einigen TV-inkompatiblen Härten, die aber niemals eine gewisse Grenze überschreiten und den Film auf den Level von Gewalt-Exploitation absacken lassen. Der Schluß ist ein völliger Kracher! Regisseur Guerdon Trueblood verdingte sich später als Drehbuchschreiber für zahlreiche TV-Projekte. THE CANDY SNATCHERS bleibt seine einzige Regiearbeit für die große Leinwand. Die spanische DVD enthält die englische Tonspur und ist von höchstens mittlerer Qualität. Angemerkt sei, daß sie biegsam ist wie ein Bierfilz – so eine DVD habe ich noch niemals in Händen gehalten... Für Fans solcher Filme eine lohnende Anschaffung!
P.S.: Im Schlußakt gibt es einen unglaublichen Anschlußfehler, was aber kaum eine Rolle spielt. War nur lustig...
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#707
Geschrieben 09. Juli 2009, 17:43
Ray und Ken sind zwei irische Profikiller, die nach einem Job von ihrem Auftraggeber nach Brügge geschickt werden. Während sich der junge Ray schwer langweilt und der Meinung ist, daß es in Belgien nur Pommes und Kinderschänder gibt, genießt der etwas erfahrenere Ray die baulichen Schönheiten der verkannten Weltstadt. Es könnte ein wunderschöner Erholungsurlaub für die beiden sein, wäre da nicht ein neuer Auftrag: Ken soll ausgerechnet seinen Kumpel auspusten. Das wird aber reichlich kompliziert...
Da mich bereits das Kinoplakat angesprochen hatte, wagte ich mal einen Blindkauf, und selten habe ich einen so guten Riecher gehabt: IN BRUGES ist ein extrem elegant geskripteter und inszenierter Film, der den Unterschied zwischen hektischer Effekthascherei und wirklichem Stil glänzend aufzeigt. Das eigentümliche Verhältnis der beiden Hauptfiguren – erstklassig gespielt von Colin Farrell und Brendan Gleeson – wird ebenso interessant wie facettenreich entwickelt. Obwohl der Film als sehr schwarze Komödie angelegt ist, nimmt er seine Protagonisten sehr ernst und gibt den Schauspielern einiges, um ihre Qualitäten aufzuzeigen. Die ruhige Stadt Brügge als ebenso pittoresker wie provinzieller Hintergrund ist ein an sich bereits ironischer Kommentar auf die mondänen Schlagetotbemühungen, die man für gewöhnlich in heutigen Gangster- und Agentenfilmen aufgetischt bekommt. Ray und Ken bekommen in der Auszeit ihres Urlaubes mal so richtig Gelegenheit, nach innen zu schauen und nach all den Dingen zu kucken, die sie ihr aufregender und moralisch nicht unkomplizierter Beruf für gewöhnlich ignorieren läßt. Das Resultat ist eine unterhaltsame Schlingerfahrt auf einen sehr aufregenden Showdown zu, den auch noch Ralph Fiennes als reichgewordener Prollgangster mitbestreitet – ebenfalls grandios. Hervorzuheben wäre auch noch die tolle Musik von Carter Burwell. Es gibt rein gar nichts, was an dem Film auszusetzen wäre – ein richtiger Kracher!
Bearbeitet von Cjamango, 09. Juli 2009, 17:46.
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#708
Geschrieben 10. Juli 2009, 17:39
Ben (Robert de Niro) ist Filmproduzent und als solcher Schausteller auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Zumindest auf dem Papier, denn Bens Job beinhaltet immer das Risiko, vom einen Moment auf den anderen zum Schiffsschaukelbremser degradiert zu werden. So muß er sich mit einem deutlich an Abel Ferrara angelehnten Kunstregisseur herumschlagen, der einen hanebüchenen Actionfilm mit Sean Penn fertigstellen muß. Er muß Bruce Willis dazu kriegen, daß er seinen Bart abrasiert, mit dem er aussieht wie der verdammte Weihnachtsmann. Er steht in Verhandlungen über ein undankbares Projekt, in dem Brad Pitt einen Floristen spielen soll. So gesehen ist auch der Job des Zuckerwatteverkäufers eine Option...
INSIDE HOLLYWOOD habe ich mir auch mal auf gut Glück mitgenommen. Bei der Besetzung konnte eigentlich nicht viel schiefgehen. Das angepeilte Ziel – die Robert-Altman-Liga – verfehlt er etwas, und so gut wie Levinsons eigener WAG THE DOG ist er auch nicht, weil er etwas zu sehr in der Gegend herummäandert. (Lustiges Wort, nicht?) Aber er ist geistreich geschrieben, hat das Herz auf dem rechten Fleck und ist durchweg amüsant. Einige Male habe ich schallend gelacht. Erwachsene Männer weinen zu sehen, weil jemand seinen Bart abrasiert oder auch nicht – das gibt es wohl nur in Hollywood! (Und ja, Willis sieht aus wie Friedrich Engels, Karl Marx und Siggi Freud in Personalunion...) Die Botschaft des Filmes ist nicht neu: Um in Hollywood zu bestehen, muß man aufhören, ein Mensch zu sein und Vollprofi werden – ein erfolgreicher Profi, ein erfolgloser Profi, aber eben kein Mensch mehr. Menschliche Züge werden mit dem Ratzefummel ausradiert, und wenn wo was zwackt, hagelt es Amphetamine und andere Leckerli aus Doctor Feelgoods Bauchladen. Robert de Niro beweist erneut, daß er „es“ hat. Der kann 100 Jahre alt werden und wird immer noch beeindruckend aussehen. Selbst als Rumpelstilzchen wäre er noch imposant. Neben Willis und Penn sind auch noch John Turturro und Stanley Tucci dabei. Besonders gut gefiel mit Catherine Keener (die böse Mutter aus AN AMERICAN CRIME) als völlig skrupellose Karrierefrau. INSIDE HOLLYWOOD ist in jeder Beziehung ein Selbstläufer und eine jener kleinen selbstbezogenen Maso-Übungen, die sich Hollywood beizeiten leistet. Ben/de Niro, auf dem Gipfel der lebensanschaulichen Verwirrung: „Im Grunde genommen ist das Leben schön.“
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#709
Geschrieben 11. Juli 2009, 17:45
In einem einsam gelegenen Wachtposten an der Grenze zu Nordkorea kommt es zu einem blutigen Massaker. Wie es scheint, hat ein Offizier seine gesamte Mannschaft umgebracht. Ein weiterer Offizier soll nun herausfinden, was zu der Katastrophe geführt hat. Dabei findet er heraus, daß das Blutbad nur der Auftakt war für eine Entwicklung, die auch ihn mit einschließt...
Nach dem ordentlichen Kriegs-Geisterfilm R-POINT der zweite Grusler des Südkoreaners Kong Su-chang, und trotz einiger Schwächen ist er ihm deutlich besser geraten. Die Stärken des Filmes liegen im geschickten Aufbau einer paranoiden und klaustrophobischen Atmosphäre. Während es draußen in Strömen gießt, greift in den grauen, schmuddeligen Korridoren des Militärbaus der Wahnsinn um sich. Man weiß nicht, wen es als nächsten erwischt. Die Story ist schwerlich neu, aber sie funktioniert ziemlich gut, zumal die Zusammenballung männlicher Neurosen, die bei einem Militärschauplatz nun mal naheliegt, ein fruchtbarer Nährboden ist für latente Aggressivität und rote Sturzbäche, wenn diese schließlich ausbricht. Allerdings wäre ich in diesem einen Fall durchaus dankbar für eine amerikanische Neuverfilmung, zumal es mir zunehmend schwer fiel, die Figuren auseinanderzuhalten. Das liegt wohl teilweise an meinen westlichen Kuckgewohnheiten, die mich sehr abhängig machen von besonders ins Auge stechenden Unterschieden in Physiognomie oder Kleidung. Aber teilweise war es auch die etwas verwirrende Rückblendentechnik des Filmes, die mir den Zugang erschwert hat. Auch so fand ich THE GUARD POST aber rattenspannend. Nach dem spanischen [REC] ein weiterer nervenstrapazierender Klaustrophobieschocker, und daß die Sabberköpfe hier bis an die Zähne bewaffnet sind, macht sie nicht eben ungefährlicher...
Bearbeitet von Cjamango, 11. Juli 2009, 17:47.
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#710
Geschrieben 15. Juli 2009, 14:38
Roy Earle (Humphrey Bogart) hat 8 Jahre wegen Banküberfalls eingesessen. Nach seiner Entlassung hat er sofort wieder ein heißes Eisen im Feuer: Ein Hotel in einem schwerreichen Kurort soll um den Inhalt seines Safes erleichtert werden. Schon die Vorbereitungen erweisen sich als kompliziert, da nicht alle Mitstreiter so professionell sind wie Earle. Außerdem ist da noch die schöne Marie (Ida Lupino), an der sich die Gemüter erhitzen. Bei der Durchführung des Plans klappt auch nicht alles so, wie sich die Gangster das gewünscht hätten. Doch die wahre Feuertaufe erfolgt erst, als die Polizei Earle aufspürt. Sein Fluchtweg führt ihn ins Gebirge, in die Sierras...
HIGH SIERRA stellt so etwas wie ein Verbindungsglied zwischen dem ruppigen Gangsterfilm der 30er Jahre und der „Film Noir“-Tradition des darauffolgenden Jahrzehnts dar. Der rauhe Glanz, den Schauspieler wie James Cagney oder George Raft ihren Ganoven verliehen, wich spürbar einer psychologischen Betrachtungsweise, die sich nicht so sehr am von der Wirtschaftskrise angeknacksten Wunschdenken der amerikanischen Zuschauer orientierte, sondern an der Einsicht in die irrationale Natur des Menschen, die sich gerade im Zweiten Weltkrieg austobte. Die Figuren des Filmes sind Leute, deren Wunderland ein für allemal abgebrannt ist, die nur noch raus wollen aus ihren beklemmenden Verhältnissen. Das erstklassige Drehbuch von John Huston handelt fast nur von solchen Menschen: Roy Earle ist ein professioneller Krimineller, der fast gar keine Eigenschaften hat, die ihn rehabilitieren könnten. Man bekommt aber zunehmend mit, wie sehr er sich im Grunde nach einem Ausweg sehnt. Als er die verkrüppelte Farmerstochter Velma kennenlernt, spendiert er ihr die Operation, die ihr wieder ein unbeschwertes Leben ermöglicht. Sein Hintergedanke dabei ist natürlich, daß er sie heiraten und sich zur Ruhe setzen möchte – ein Stück Unschuld in einem Leben voller Mist. Doch ist dieser Wunsch zum Scheitern verurteilt. Sein Schicksal ist Marie, die ihrerseits eine miese Vergangenheit hatte und sich jetzt freistrampeln will. Man merkt ihrem Charakter an, daß sie es durchaus ehrlich meint – innerhalb gewisser Grenzen. Sie ist loyal, aber sie greift natürlich nach jedem Strohhalm. Auch ihr Traum ist ein unrealistisches Konstrukt, das im aufwühlenden Finale in sich zusammenbrechen muß. (Stichwort: Hund des Todes!) Sieht man einmal von Willie Bests üblichem Spaßauftritt als Neger vom Dienst ab (der dem Zeitgeschmack entsprach), ist HIGH SIERRA bemerkenswert gut gealtert und reißt auch heute noch jeden Schneemann vom Schlitten. Einer der ganz großen Filme Raoul Walshs, der als Spezialist für actionzentrierte Filme über Männer in widrigen Umständen galt. Außerdem der Film, der Humphrey Bogart die Rollen schenkte, für die man sich an ihn bis zum heutigen Tag erinnert. Ein Meisterwerk!
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#711
Geschrieben 16. Juli 2009, 13:15
Louise Howell (Joan Crawford) ist eine ebenso leidenschaftliche wie leidensfähige Frau. Beruflich arbeitet sie als Privatkrankenschwester und kümmert sich um die gemütskranke Frau von Dean Graham (Raymond Massey). Privat aber hat sie sich mit Haut und Haaren in den jungen Architekten David Sutton (Van Heflin) verliebt. Diese Liebesbeziehung hat sich zu einer Form von Hörigkeit entwickelt: Je mehr der egozentrische Lebemann sich von ihr abgrenzt, umso mehr klammert sie sich an ihn und scheut keine Demütigung. Daß David diese Situation sogar zu genießen scheint, ist ungünstig, vor allem, nachdem Grahams Frau scheinbar Selbstmord begangen hat und Louise aus Verzweiflung den älteren Mann heiratet. Und schon bald wird auf dem Triangel der Trauermarsch gespielt...
POSSESSED ist ein gut gemachtes Produkt jener Tage, in denen die Psychoanalyse Einzug in das Hollywoodkino hielt. Neben deutlichen Anklägen an Hitchcocks REBECCA ist es vor allem SPELLBOUND, dessen sehr pittoreske Auslegung von Freuds Lehren sich in der Gefühlssuppe wiederfindet, in der die Protagonisten hier waten. Der Gefahr, zu einer kitschigen Seifenoper zu degenerieren, entgeht POSSESSED durch die sehr präzise Regie des in Worms geborenen Curtis Bernhardt, den das Nazi-Regime aus seinem Heimatland vertrieb. (Tatsächlich war Bernhardt bereits von der Gestapo verhaftet worden. Es gelang ihm aber die Flucht.) Im Mittelpunkt seiner Inszenierung stehen die Schauspielerleistungen, die eingerahmt werden von sorgsam ausgeleuchteten Noir-Bildern, von Innenräumen, an deren Wänden sich die Seelenbewegungen der Figuren widerspiegeln. Joan Crawford muß ihre Rolle sehr genossen haben, denn sie spielt Louise mit furchterregender Intensität. Man kann sich sehr gut vorstellen, daß es nicht ratsam war, sich mit der Schauspielerin anzulegen. Van Heflin ist ein gewissenloser Hajupei, dem man zu Anfang noch zugutehalten kann, daß er einfach andere Bedürfnisse hat als seine Geliebte, aber sein Verhalten riecht dann doch zunehmend nach Vorsatz – er genießt die Abhängigkeit der Frau und ihr langsames Stromern in die Psychose. Raymond Massey – ein vorzüglicher Schauspieler – hat den sympathischsten, wenngleich traurigsten Part, da er einsam ist und eigentlich nur einen Menschen an seiner Seite möchte, und das ist sowohl bei der Tochter wie bei der alten wie der neuen Gattin nicht vom Glück bestrahlt. Insgesamt solide, wenngleich der Schwerpunkt eher auf gotischem Psychodrama als auf Thriller liegt.
P.S.: Die alte TV-Sychro entzückte mich mit dem Satz „Das sind die Pläne einer neuen Crack-Anlage, die Mr. Sutton für mich baut!“ Nein, Crack möchte man Louise nicht auch noch geben... Ich baue nur sehr ungern Fotos in meine Reviews ein, aber hier kann ich nicht anders:
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#712
Geschrieben 16. Juli 2009, 20:13
Jeff Warren (Glenn Ford) ist gerade aus dem Koreakrieg zurückgekommen und tritt in seiner Heimatstadt den alten Job als Eisenbahner wieder an. Ein Zufall führt ihn Vicki Buckley in die Arme, die gerade Ärger mit ihrem Ehemann Carl hat. Carl ist auch bei der Eisenbahn, aber im Gegensatz zu Jeff ist er alt, fett und Alkoholiker. Außerdem ist er rasend eifersüchtig und hat gerade einen Liebhaber von Vicki umgebracht. Ein belastender Brief kettet Vicki nun an ihren ekligen Gemahl. Da kommt Jeff gerade recht, der zu ihr in stürmischer Liebe entbrennt. Immer mehr jedoch gewinnt er den Eindruck, sie wolle ihn benutzen, und zu was, sollte bei dieser Sorte von Film klar sein...
HUMAN DESIRE basiert auf Zolas „La bête humaine“ und entstand kurz nach HEISSES EISEN und GARDENIA, zwei exzellenten Noir-Filmen von Fritz Lang. Ich bin um dümmliche Wortspiele ja niemals verlegen und würde am liebsten sagen, der Film wäre nur zolala, aber mal halb Lang. Daß der Film was reißt, liegt schon mal an der Besetzung: Glenn Ford war nach HEISSES EISEN und Premingers GILDA auf Noir-Filme abonniert, was sicherlich auch an seinem samtenen Dackelblick liegt. Man nimmt ihm den gutaussehenden Everyman, der sich in eine mysteriöse „femme fatale“ verliebt, nur zu gern ab. Gloria Grahame hingegen war genau die Art von spröder Schönheit, der man die kompromittierte Heldin abnimmt. Und natürlich ist sie manipulativ bis zum Gottserbarmen, wenngleich man sich niemals ganz sicher ist, ob sie das auch so sieht. Es entspricht ihrem Naturell, nach jedem Strohhalm zu greifen, und sie zieht wahrlich alle Register. Man füge noch Broderick Crawford als simpel gestrickten Brutalo hinzu, lasse das Ganze kurz aufkochen, dann hat man eine nicht überragende, recht schlichte, aber zwingend konstruierte Noir-Mordstory im Fahrwasser von FRAU OHNE GEWISSEN und all den anderen Thrillern der Periode, in denen Dackelblickbesitzer auf gefährliche Frauen reinfallen. Was soll ich sagen – so was gefällt mir besser als DER TIGER VON ESCHNAPUR...
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#713
Geschrieben 16. Juli 2009, 23:11
Meine z.Zt. 176 Myspace-Freunde können froh sein, diesen Film nicht in meiner Gesellschaft gekuckt zu haben, denn dann wären sie von einer ununterbrochenen Flut von böswilligen Kommentaren genervt worden. Ich habe mich gefragt, wie man eine schwachbrüstige Vorlage wie FRIDAY THE 13TH verhunzen kann. Das ist gar nicht so leicht. Bei Lichte besehen war auch Sean S. Cunninghams Film bereits sehr langweilig, da er eine komplette Reduktion auf Hampelmänner und Hampelfrauen darstellte, die durch den dunklen Tann laufen, um dort fachgerecht zerhäckselt zu werden. Abgesehen davon, daß der alte Film bei mir einen gewissen Nostalgiebonus besitzt, hat er die Finesse einer Abrißbirne und zwischen den Schlachtungen immens viel Leerlauf. Von Nispels Remake habe ich nun erwartet, daß statt der unartigen Pfadfinder des Originals eine ganze Horde von Daytona-Beach-Asis aufläuft, die die ganze Zeit über völligen Tönjes reden und dazwischen kiffen, saufen und poppen. Das faßt das Remake tatsächlich recht gut zusammen, wenn man mal davon absieht, daß es auch hier eine Menge Leerlauf gibt, vor allem zum Anfang hin. Nach einem etwa 20-minütigen Aufwärmer wird Frischfleisch herangekarrt, und dann passiert erst einmal gar nichts. Bei einem Drehbuch mit richtigen Charakteren könnte man von einer verzögerten Exposition reden. Hier aber hat man es eher mit klassischer Langeweile zu tun, trotz all des Radaus und Nispelgeknispels. Am Regisseur liegt es nicht wirklich. Nispel – gelernter Musikvideoregisseur – versteht sein Handwerk. Technisch ist an dem Werk nichts auszusetzen. Woran es fehlt, ist eine Seele. FRIDAY THE 13TH wirkt einfach wie ein alter FRIDAY, nur mit draufgekübelten Millionen im Budgetköfferlein. Der Reiz der alten Freitage lag an ihrer atemberaubenden Schäbigkeit. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mir beim dritten Teil im Kino immer die 3-D-Brille vor die Nase gehalten habe. Das hatte noch einen gewissen subversiven Schmiercharme, so als würde man bei einer Party im Armenhaus mit Zylinder und Monokel antanzen. Ich fragte mich auch, warum mich Carpenters HALLOWEEN – dessen inhaltliche Originalität ja auch eher fragwürdig ist – mich so über alle Maßen verjagt hatte, während mich der neue Freitag völlig kalt ließ. Ich mutmaße, daß es gerade die aus Geldmangel geborene Stilisiertheit war, die den Schockeffekten ihre Wirkung verlieh. Wenn in einer Michael-Bay-Produktion Leute an die Wand genagelt werden, wirkt das fast wie ein Antiklimax zum andauernden Hardware-Getöse, zum „Höher, schneller, weiter“ der Hochleistungsoptik, inklusive wummerndem Soundtrack (der sich reichhaltig bei HALLOWEEN 2 bedient). Die Flitzpiepen aus dem Carpenter oder meinetwegen den alten Freitagen boten sich eher zur Identifikation an als die ebenso schalen Nullen des neuen Freitags, die von der Bacardi-Werbung-Ästhetik zusätzlich umschmeichelt werden wie Paris Hiltons Teddybär. Was die gegenwärtigen Neuverfilmungen meines Erachtens auch killt, ist ihre Neigung zu völlig unwesentlichen Erweiterungen der Originale. Das hatte mich bereits an Scorseses CAPE FEAR-Neuverfilmung genervt. Und bei FREITAG... Wen interessiert es, wo Jason wohnt? Wen interessieren die genauen familiären Verästelungen der TEXAS CHAINSAW-Brut? Die archetypische Qualität, die solche Alptraumszenarien haben, leidet unter solchen Details. Hört Ihr die Qualität schreien? Ich höre sie schreien! Unterm Strich ist FREITAG nur ein weiterer Neo-Slasher, und selbst WRONG TURN 2 hat mir mehr Spaß gemacht, da dort wenigstens der olle Henry Rollins herumgurkt. Für das nächste Bay-produzierte Remake empfehle ich Bruno Matteis THE RIFFS 3 – DIE RATTEN VON MANHATTAN, denn da krauchen die Figuren auch die ganze Zeit über in der Pampa herum und labern Tünselkram...
Bearbeitet von Cjamango, 16. Juli 2009, 23:12.
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#714
Geschrieben 22. Juli 2009, 16:56
Drei Schwestern begeben sich nach New York, um der Testamentseröffnung ihres Vaters beizuwohnen. Im Anwesen ihrer Familie finden sie einige Exzentriker vor, mit Buckel und ohne.
Andy Milligan besaß ein Kleidungsgeschäft in Staten Island, aber seine wahre Liebe gehörte dem Kintopp. Mit dem Mut des Verzweifelten und einer 16mm-Kamera drehte er eine Vielzahl von Filmen, die für Autokinos oder die Schrabbelbuden der weniger betuchten Bezirke New Yorks gedacht waren. THE GHASTLY ONES ist ein ausgesprochen repräsentatives Werk und verbindet Enthusiasmus, Improvisationskunst und Chuzpe auf eine Art, die einen schon sehr an die Werke eines Ed Wood erinnert. Normalen Kinogängern und speziell Horrorfilmfans müssen Milligans Erzeugnisse vorkommen wie Kasperletheater: Die Hampeleien der Schauspieler decken alle Farben des Hysteriespektrums ab, die Kamera kurbelt wie besessen in der Gegend herum, und zu allem nudelt verbissen das musikalische Archivmaterial. Da Milligan sich auf Kleider verstand, gestaltete er seine Filme häufig als „period pieces“, als Kostümschinken also. THE GHASTLY ONES zum Beispiel enthält aufwendig kostümierte Knallchargen, deren Gewandung irgendwo zwischen spätviktorianischem Kindergeburtstag und Trümmertuntenball liegt. Milligan war nicht nur Armeeveteran, sondern obendrein knackeschwul, was auch für viele der Darsteller gilt, die sich in seinen Leinwandwundern die Türklinke und noch ganz andere Sachen in die Hand gaben. Zu den Akteuren gehören persönliche Freunde des Regisseurs, aber auch Briefträger, Türsteher und Strichjungen waren nicht selten in Chez Milligan zu Gast. Im Zentrum von THE GHASTLY ONES stehen allerdings die drei oder vier soliden Splattermomente, die in ihrer Arglosig- und Planschwütigkeit sehr an die Tradition des Grand-Guignol-Theaters erinnern. In der Pre-Credit-Sequenz beispielsweise sieht man ein junges Pärchen, das mit einem grotesken Riesenschirm durch die Heide latscht und romantischen Tönjes quatscht. Auf einmal kommt ein debiler Buckliger mit Hasenzähnen aus dem Busch gesprungen und reißt dem Burschen ein Auge heraus bzw. ein hartgekochtes Hühnerei! (Im Hintergund hört man die Regieanweisungen Milligans: „Cutting away, pull!“) Der jungen Dame wird die Gummihand abgehackt, bevor der Bucklige dann wie ein Besengter auf die Beine einer Schaufensterpuppe einschnetzelt... Das Meisterstück allerdings ist sicherlich die Szene, in der einer der Helden auf einen Tisch geschnallt wird: Der Mörder hackt erst auf eine Bauchprothese ein und fängt dann an, mit einer Handsäge den Bauch aufzusägen! (Auf dem launigen Audiokommentar, der von Frank Henenlotter und dem Darsteller des Buckligen bestritten wird, erfährt man, daß der Bauchprothesenträger einen mörderischen Schwanz hatte, der stets aus seinen Shorts herauslugte, was ihm bei seiner Tätigkeit als Callboy auch zugutekam...) Das kostbare Stück Zelluloid läuft auf der DVD 72 Minuten und wird ergänzt von einem der vielen anderen Filme, die Milligan zu jener Zeit machte – dem bislang verschollen geglaubten SEEDS OF EVIL. Ich finde den Film toll! Man sollte allerdings keine allzu hohen Ansprüche an Audio- und Bildqualität stellen, zumal die Filme für den Kinoeinsatz von 16mm auf 35mm Millimeter aufgeblasen wurden, so daß sie schließlich nicht viel glorreicher als Super-8-Produktionen aussahen. Eine angemessene Restaurierung der Schätzchen hat niemand angestrebt. (Was kostet nochmal eine Schachtel Streichhölzer?) Wer aber die Filme von Doris Wishman schätzt, sollte auch bei Milligans Kabinettstückchen sein Auskommen haben. Die Effekte sind im übrigen blutig wie Sau, wirken aber wegen ihrer entschiedenen Low-Budget-Beschaffenheit nicht wesentlich anstößiger als die Augsburger Puppenkiste. Andere Meisterwerke Milligans sind die Grand-Guignol-Schocker BLOODTHIRSTY BUTCHERS (Sweeney Todd!) und TORTURE DUNGEON, die erneut in der viktorianischen bzw. der elisabethanischen Zeit spielen. Habe ich von der Szene erzählt, in der der bucklige Depp einem lebenden weißen Hasen in den Bauch beißt?
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#715
Geschrieben 24. Juli 2009, 22:12
Boah, ich habe besseren Film auf Zähnen gesehen...
Ich bin ja ein großer Fan der „Something Weird“-Doppelprogramme, die auf DVD in der Regel noch mit viel sehenswerten Leckereien angefüllt sind. Gestern habe ich mir Leonard Kirtmans CARNIVAL OF BLOOD angesehen, der zwar rabenschlecht gemacht ist, aber viele kleine Details hat, die das Ansehen lohnen. Da wäre zum einen der frühe Auftritt des später sehr bekannt gewordenen Charakterdarstellers Burt Young, dessen geistig zurückgebliebener Buckliger schon was fürs Schatzkästchen ist. Dann wäre da ein fröhlich drauflosimprovisierender Schauspieler, der zu Anfang einen unter dem Pantoffel stehenden Ehemann gibt. Es gibt viele hübsche Szenen vom Jahrmarkt in Coney Island. Eine unglaublich unangenehme Rummelplatz-Schreckschraube läuft herum, die Al Bundy in den lallenden Wahnsinn getrieben hätte. Ein Teddybär, der mit Eingeweiden gefüllt ist, sorgt für Irritation. Und einige Splattermorde gibt es auch.
Den Regisseur des Werkes, Leonard Kirtman, kenne ich eigentlich als Sexfilm- und Pornoproduzenten, zuerst in New York, später auch an der Westküste. Er firmierte unter Pseudonymen wie „Leo the Lion“ oder „Leon Gucci“. Irgendwann Anfang bis Mitte der 70er ging er nach Los Angeles, weil er „richtige“ Filme produzieren wollte. Ein Projekt von ihm hatte etwas mit einem Wunderpudel zu tun (oder so). Schon bald machte er aber wieder Filme mit Titten und Schwänzen, und die waren alle, alle besser als CURSE OF THE HEADLESS HORSEMAN, der den zweiten Film des Doppelprogramms stellt!
Der Film handelt von einem Hippie namens Mark, der zusammen mit Freundin Brenda und seinen Hippie-/Beatnik-Freunden eine Ranch besucht, die er von einem Onkel geerbt hat. Er soll die Ranch auf Vordermann bringen, sonst erbt er nüschte – so will es das Testament. Ein grotesk verunstalteter Cowboy mit eingegrauten Haaren (der aussieht, als habe man ihm Pferdescheiße ins Gesicht geschmiert!) taucht auf und salbadert von einem kopflosen Reiter, der angeblich herumreiten soll und Rache nehmen für irgendwas. Der alte Furz ist schwer zu verstehen. Und dann beißen einige der Hippies ins Gras. Aber nicht annähernd genug...
Dies könnte einer der dilettantischsten Horrorfilme sein, die ich jemals gesehen habe – un-glaub-lich! Der dezente Underground-Ansatz, den CARNIVAL OF BLOOD aufwies, verwandelt sich hier in absolute Formlosigkeit. Die Hippies machen Unfug, kratzen sich am Bart, rauchen, essen und labern dumm rum. Zwischendurch gibt es mal eine völlig unlustige und unmotivierte Komikerszene auf der Saloon-Bühne, und ein alter Cowboy singt sein Lied, das Lied der verdienten Einsamkeit. Der erste Mord geschieht nach ungefähr 50 Minuten (!), und es sind lange Minuten, von denen hier die Rede ist. Das Warhol-Protegé Ultra Violet kommt mal kurz vorbei und macht sich zum Vollhorst. (Immerhin stellt sie sich mit ihrem richtigen Namen vor!) Dinge geschehen. Mal ist es Tag, mal ist es Nacht. Man kann das meistens gar nicht unterscheiden, zumal der entsprechende Filter gelegentlich einfach vergessen wird. Faustregel: Wenn die Zikaden zirpen, ist es Nacht! Unerträgliche Hippiemusik nudelt herum und macht jede Atmosphäre zunichte. Wenn es spannend werden soll, ertönt auf einmal elektronisches Gefiepe. Der Showdown ist an Absurdität kaum zu übertreffen. In einer tollen Rückblende, die die wohl undynamischste Schießerei aller Zeiten zeigt, sieht man in mehreren Einstellungen deutlich die Drähte, mit denen die Blutpäckchen der Cowboys verkabelt sind, lustig im Winde flattern. Da stimmt wirklich gar nichts...
Ich habe von dem Mann sogar noch einen Schwulenporno herumfliegen, der heißt THE ADVENTURES OF SURELICK HOLMES! Den habe ich noch nicht gesehen, aber er ist mit Sicherheit besser als diese Stümperei.
Bearbeitet von Cjamango, 24. Juli 2009, 22:16.
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#716
Geschrieben 27. Juli 2009, 17:40
Ein junger Nachwuchsregisseur hat gerade einen Horrorschocker abgedreht und setzt sich mit seinen Crewmitgliedern und Schauspielern zusammen, um die Rohfassung zu begutachten. Dabei fällt den Kuckern auf, daß Szenen kommen, die niemals gedreht worden sein können. Und was noch schlimmer ist – wenn auf dem Bildschirm jemand stirbt, so geschieht dies auch in der Realität...
Was kann man von einem Film erwarten, dessen Produktionsfirma „Rostock Films“ heißt, dessen ausführender Produzent ein gewisser Diego Sandmann ist und dessen Regisseur auf den schönen Namen Findling hört? Bei argentinischen Filmen werde ich in nächster Zeit ein wenig vorsichtiger sein, denn die für diesen Mist zuständigen Nullen waren auch schon an dem lausigen DEATH KNOWS NO NAME beteiligt. DIRECTOR'S CUT besitzt eine mäßig begeisternde „Twilight Zone“-Grundidee, die dann hübsch zu Tode geritten wird. Am Schluß unterhalten sich die in Not geratenen Schauspieler mit ihren Leinwand- bzw. Bildschirm-Entsprechungen, was auch noch zumindest nett ist. Man hätte vielleicht etwas daraus machen können, handelte es sich bei den Machern nicht um absolut unbegabte Flitzpiepen, die jede noch so simple Szene vergurken. Größter Wermutstropfen dabei ist der Umstand, daß die Bilder des „Film im Film“ manchmal als grob gerasterte Fernsehbilder, manchmal als Realbilder zu sehen sind, was die Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion sehr anstrengend macht. Das ist schon recht verwirrend. Die Inszenierung erinnert an deutsche Amateurfilme, die Goreeffekte sind lausig, die darstellerischen Leistungen erbärmlich, die Synchro paßt sich der Qualität des Werkes an. Ach ja: Die Erklärung, die für den Spuk angeboten wird, ist hanebüchen. Dies ist einer jener Filme, bei denen man nach spätestens 5 Minuten weiß, daß hier kein Blumentopf zu gewinnen ist. Trottel wie mich, die sich den Schlonz bis zum bitteren Ende anschauen, bestraft das Leben.
Bemerkenswerterweise scheint der Film übrigens auf Englisch gedreht worden zu sein, da man wohl auf eine internationale Vermarktung Wert legte. Wenn es auf der Welt mit rechten Dingen zugehen würde, käme solch ein Murks nicht mal aus Castrop-Rauxel heraus. Zuviele Konjunktive für einen einzigen Film!
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#717
Geschrieben 27. Juli 2009, 21:33
Jacques Renard (Christophe Lambert) war Beamter bei der französischen Polizei gewesen, bis ihn eine persönliche Tragödie zum Selbstmordkandidaten machte. Nach seiner Suspendierung hängt er immer noch gerne bei seinen Kollegen von einst rum, auch wenn ihn einige für einen Verrückten halten, der Gespenster sieht. Als ihn eine hinreißend schöne Frau, Lucie (Sophie Marceau), aufsucht, wird er Bestandteil eines aktuellen Falls: Ein wohlhabender Hotelier (Robert Hossein) ist spurlos verschwunden. Eine vor vielen Jahren bei einem Unfall verstorbene Schauspielerin hat mit der Sache zu tun. Bei seinen Privatermittlungen wandelt Jacques auf dem schmalen Grad zwischen intuitiver Kriminalistik und Klapsmühle...
Ein recht gut gemachter französischer Krimi von Sophie Marceau, der gerade mal die zweite abendfüllende Regiearbeit der Schauspielerin darstellt und definitiv zu jenen Filmen gehört, deren Bewertung in der IMDb zu niedrig ausgefallen ist. ZIMMER 401 erzählt die Geschichte von mehreren kaputten Familien, und erneut spiegelt sich die Tragik im Leben des ermittelnden Polizisten in einem Kriminalfall, der tief in den Schoß der Bourgeoisie führt und dunkle Sünden und eine waschechte „amour fou“ verbirgt. Es geht um verzehrende Leidenschaft, die den Tod überdauert; es geht um die Unfähigkeit, loslassen zu können; und es geht um die Verfolgung des Weges, den der Bauch vorgibt, wenngleich der Kopf etwas anderes sagt. Jacques ist ein impulsiver Polizist, der die Arbeit mit seiner persönlichen Befindlichkeit verknüpft. Das kommt nicht überall gut an, und all jenen, die ihn für einen Vollirren halten, gibt er durch exzentrisches Betragen stets neue Nahrung. Während ich früher mit Christophe Lambert nicht zuletzt aufgrund seines patentierten Rehkitzblickes meine Probleme hatte, muß ich zugeben, daß ihm das Älterwerden gut bekommt. Sein neurotischer Lieutenant ist wohl die beste Rolle, in der ich ihn bislang gesehen habe. Der Film hat auch ein paar Unebenheiten, ist nicht so gelungen wie Claude Millers großartiger DAS AUGE mit Michel Serrault, an den er mich zuweilen erinnert hat – abzüglich der ironischen Brechungen –, aber er ist wesentlich besser gewesen, als ich das erwartet hätte. Ich werde ihn wohl in meiner DVD-Sammlung willkommenheißen...
Bearbeitet von Cjamango, 27. Juli 2009, 21:33.
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#718
Geschrieben 03. August 2009, 18:27
Glaubt man der medialen Darstellung der 80er Jahre, sind damals nur Hardbodybesitzer mit textmarkerfarbenen Schweißbändern und lustigen Langhaarfrisuren durch die Gegend gelaufen. Und was soll ich sagen – das war auch so! Der ansonsten völlig unbemerkenswerte Slasher AEROBICIDE erhält seine Qualitäten als Zeitdokument durch die schonungslose Offenlegung eines grausigen Irrtums.
In Rhondas Work-Out-Schuppen geht der Schrecken um: Immer mehr Hupfdohlen und Steroidhansel treten den endgültigen Rechtsweg an, ermordet von einer überdimensionalen Sicherheitsnadel! Der bullige Bulle Morgan untersucht den Fall und stößt auf Abgründe menschlicher Niedertracht. Und nicht zuletzt die Abgründe seiner eigenen Seele sind es, in die die Reise ihn führt...
Der ehemalige Tänzer und Meisterproduzent David Winters (LOVE TO KILL) legte mit diesem Meierwerk den wohl ultimativen Kommentar zum grassierenden Schönheitswahn vor. Abgesehen davon, daß mir dieser als Thriller völlig langweilige und absurde Film erneut vor Augen führte, wie unsagbar häßlich die damalige Kleider- und Frisurenmode war, teilen sich alle Figuren zusammen ein Gehirn, und es ist nicht sonderlich klug, dieses Gehirn. Sämtliche Darstellerinnen sind sonnengebräunte Prollmöpse mit überdimensionalen Spezialausstattungen, die wohl nur teilweise aufgemoppelt sind. Als Held steht neben dem vorzüglichen Polizisten – der Absolvent der Steven-Seagal-Schule für entfesselte Mimik ist – der Bruder des Regisseurs zur Seite, Ted Prior. Mit Buder David sollte Ted eine Vielzahl von Videopremieren schaffen, in denen er als schmächtiger Protagonist tonnenweise Russen und sonstige Bösewichte in ihre Schranken verwies. An spezielle Titel kann ich mich nicht mehr erinnern, aber sie hießen alle so ähnlich wie KICKBOX-ARSCHBOMBE 23. Es gibt eine unglaublich dicke Muskelbulette, die von Beginn an als Verdächtiger aufgebaut wird und genausogut ein Schild um den Hals tragen könnte, auf dem steht: „Ich bin nicht der Mörder, ich bin nur verdächtig!“ Oder auch: „Ich bin blöd, bitte hau´ mich!“ Abgesehen vom tatsächlich überraschenden Ende folgt das Drehbuch gnadenlos allen Klischees, die man von diesen Filmen so gewohnt ist und verkorkst auf durchaus bemerkenswerte Weise einfachste Szenen. Splatterfreaks werden nicht auf ihre Kosten kommen, doch der unwiderstehliche Zeitkolorit sichert dem Film einen gewissen Unterhaltungswert. Wer abscheulichen 80er-Jahre-Discorock mag (Synthesizer, hochgejubelte E-Gitarren und jammernde Sänger), wird ebenfalls sein Auskommen haben. Was bin ich froh, in den Nullern zu leben!
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#719
Geschrieben 03. August 2009, 23:33
Judith Fontaine (Regina Carrol), eine tingelnde und tangelnde Sängerin, sucht ihre Schwester Jodie, die unter unbekannten Umständen versumpft ist. Wie es scheint, hat sie sich mit langhaarigen Hippies herumgetrieben, und da sich Jodie – wie ein Althippie Judith steckt – rätselhafterweise selber für eine „Mißgeburt“ hielt, trieb sie sich mit besonderer Vorliebe im Abnormitätenkabinett auf dem Rummel rum. Da es sich bei Dr. Duryea (J. Carrol Naish) um einen Nachfahren von Frankenstein handelt, hat dieser nicht nur Jodie gekidnappt, sondern bastelt auch an unheiligen Experimenten herum, die niemand so recht erklären kann, am wenigsten der Drehbuchautor! Immerhin erfährt man, daß bei den Experimenten immerhin schon der grimmige Zwerg Grazbo und der debile Riese Groton entstanden sind. Als dann auch noch Graf Dracula vorbeischaut, laufen die Ereignisse richtig aus dem Ruder...
Vergeßt CITIZEN KANE: Dies ist Al Adamsons mit Abstand unterhaltsamster Film. Ihn als seinen besten zu bezeichnen, wäre vielleicht etwas dicke, denn DRACULA VS. FRANKENSTEIN (auch der deutsche DVD-Titel!) ist fraglos ein zelluloidgewordener Schrotthaufen. Auch Gerümpel hat für manche aber einen rätselhaften Charme, solange er einem nicht auf den Kopf fällt. Neben den üblichen Adamson-Weggefährten gibt es diesmal den verdienten Hollywood-Charaktermimen J. Carrol Naish zu besichtigen, der mir am besten in dem tollen alten WHISTLER-Film gefallen hat (sogar von William Castle, meine ich), in dem er einen Profikiller mit Todesphobie spielt. DRACULAS BLUTHOCHZEIT hätte er sich eigentlich nicht mehr antun sollen, denn bei seinem im Rollstuhl sitzenden Mummelschurken fragt man sich die ganze Zeit über nur, ob ihm seine dritten Zähne nicht doch noch herausfallen. Seine Monologe sind auch etwas für die Schraubenfabrik. Lon Chaney jr. absolviert hier die letzte Rolle, die ihm jemals zugetragen wurde, und auch er hat schon würdevollere Termine erlebt: Als hünenhafter Spaddel hat er keine Dialoge, aber ein liebes Hündchen, an dem er andauernd herumknetet. Er wirkt wie ein alkoholischer Teddybär. (Chaney, nicht der Hund.) Graf Dracula sieht aus wie ein Rummelplatzstecher bzw. Schiffsschaukelbremser, war im tatsächlichen Leben aber Börsenmakler. Damit das nicht so auffällt, verpaßte ihm Horrorfan Nummer Eins, der große Forrest J. Ackerman, das Pseudonym „Zandor Vorkov“. („Zander Jerkoff“ hätte besser gepaßt...) Der grimmige Zwerg wird von Angelo Rossitto gespielt, der mit seiner 60-jährigen Hollywoodkarriere der vermutlich ausdauerndste, Achtung, Kleindarsteller gewesen ist, der sich jemals eine Nische in Hollywood geschaffen hat. (Es war eine sehr kleine Nische!) Wer ist noch dabei? Anthony Eisley, bestens bekannt aus THE MIGHTY GORGA, ist der Althippie und trägt eine lustige Zahnkette zur Schau. Die hochtoupierte Heldin ist das blonde Gift Regina Carrol, Tänzerin und Ehefrau des Regisseurs, der sich höchstselbst ihren Bühnenauftritt zu Anfang des Filmes ankuckt. Greydon Clark – der später so schöne Filme inszenierte wie BLACK SHAMPOO, DAS GEHEIMNIS DER FLIEGENDEN TEUFEL und DIE VIDIOTEN – taucht auf als Hippie mit albernem Poncho. Das Ackermonster hat einen Gastauftritt als Doktor, der vom Frankenstein-Ungetüm zersetzt wird. Und als Polizist wollte man eigentlich Broderick Crawford, bekam aber nur Jim Davis, der wenige Jahre darauf als Jock Ewing zu einem beliebten Fernseh-Patriarchen heranreifen sollte. Oh, und Russ Tamblyn spielt einen Biker, da ihm seine Rolle in Adamsons DIE SADISTEN SATANS offenbar Spaß gemacht hat! (Wem nicht?) Das Frankenstein-Monster sieht übrigens aus wie der Tippelbruder, der ein Wespennest auf den Kopf bekommen hat und sich zur Linderung der Schmerzen ranzig gewordenen Gurkenmus ins Gesicht geschmiert hat. Das Positivste, was ich über DRACULAS BLUTHOCHZEIT MIT FRANKENSTEIN sagen kann, ist, daß er seinem Titel vollauf gerecht wird. Und das ist doch was! Die DVD habe ich für 3 Euro bekommen, und mehr war sie auch nicht wert, denn die Bildqualität ist lausig. Auch der deutsche Ton besticht durch intensives Geknackse, während der Originalton durch Abwesenheit glänzt. Verwirrenderweise wurde der Audiokommentar von Produzent Sam Sherman draufbehalten, wie auch das nette Intro, in dem er einiges zum Film erzählt. Also, für wenig Geld ist der Film eine Pflichtanschaffung für Trashfans, denn solch eine Gurkenparade wird einem nicht alle Tage geboten. Und, na ja, eigentlich paßt die ranzige Quali auch ganz gut zum Film... Wow!
Bearbeitet von Cjamango, 03. August 2009, 23:39.
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#720
Geschrieben 05. August 2009, 14:01
In einer amerikanischen Kleinstadt kriecht das Grauen um: Kleine, schwarze, würstchenförmige Gesellen üben den Aufstand und verwandeln vormals gesunde Mitbürger in blutbesudelte Biologieskelette! Nur ein einsamer Kämpfer vom Hygieneamt ahnt von der Bedrohung und stellt sich ihr mit aller Kraft entgegen. Doch der Widerstand, den er auf dem Wege zur Rettung der Menschheit überwinden muß, ist massiv und gibt ihm manch harte Nuß zu knacken...
Auf einen Tierhorrorfilm, in dem die Bedrohung von Nacktmullen gestellt wird, muß die Menschheit leider noch warten, aber Nacktschnecken werden schon einmal von SLUGS (aka SLUGS – THE MOVIE) abgedeckt! Der Spanier Juan Piquer Simón - dessen größter internationaler Hit der auf vergnügliche Weise absurde Splatterfilm PIECES war – orientiert sich formal an den Monsterfilmen der 50er Jahre, und während gegenwärtige Übungen auf diesem Gebiet (z.B. der ungleich teurere SLITHER) ihr Heil meistens in der Verwendung von Computeranimationen suchen, ist SLUGS noch der wahre Jakob: Echte Schleimerzeuger und ihre Plastikdoubles sind die Hauptdarsteller dieses zwar ekligen, aber liebenswerten Filmes! Die DVD enthält unter den Extras ein etwa halbstündiges TV-Special, in dem sich eine Fernsehmoderatorin mit dem sympathischen Regisseur unterhält. Piquer Simón weiß muntere Schnurren über die Dreharbeiten in einer amerikanischen Kleinstadt zu berichten, aber auch zoologische Beobachtungen über Nacktschnecken finden ihren Platz. So muß es wohl immens kompliziert gewesen sein, die kleinen Lieblinge zu transportieren, zumal sie sich in den Kisten massenweise gegenseitig vergifteten mit ätzendem Schleim. Eines ist sicher: In der Schneckenpopulation ist Piquer Simón ein rotes Tuch! Das Drehbuch von SLUGS quillt über vor tumben Figuren, die rätselhafte Dinge tun, was im Rahmen eines solchen Partyfilmes aber eher zum generellen Kuckspaß beiträgt. Für einen Tierhorrfilm ist SLUGS zudem ungewöhnlich eklig und schlägt in dieser Hinsicht noch Jeff Liebermans besser gemachten SQUIRM. Eine Szene, in der Jess-Franco-Veteran Emilio Linder ein unschönes Erlebnis in einem italienischen Restaurant hat, schlägt in dieser Hinsicht dem Faß die Krone ins Gesicht! Die Szene des Films ist aber fraglos der kostbare Moment mit der Schnecke, die „Haps!“ macht – jeder, der den Film kennt, weiß, welche Szene ich meine. Ich halte SLUGS für ungleich unterhaltsamer als PIECES und mit Sicherheit für gelungener als Piquer Simóns nachfolgenden CTHULHU MANSION. Die DVD sollte mittlerweile auch für wenig Geld zu haben sein, und wenn man sich für solche Werke begeistern kann, führt da eigentlich kein Weg dran vorbei. Um es mit den Worten der Schnecke, auf die ich neulich getreten bin, zu sagen: „Smotsch!“
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#721
Geschrieben 06. August 2009, 13:42
Die Geschichte eines menschenfressenden Bettes, erzählt in drei Episoden – „Frühstück“, „Mittagessen“ und „Abendbrot“ – sowie einer Coda, „Nachtisch“...
Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann mich zum letzten Mal eine amerikanische Independent-Produktion aus den 70ern dermaßen beeindruckt hätte! Für Regisseur George Barry und seine Mitstreiter – größtenteils Kumpels aus Michigan – war das damals eine Extravaganz gewesen, die alle Beteiligten schon lange vergessen hatten. Irgendwann surfte Herr Barry im Internet und stieß auf Leute, die seinen Film tatsächlich kannten, was umso bemerkenswerter war, als er sich niemals irgendwohin verkauft hatte! Anfang der achtziger Jahre war in Großbritannien ein Bootleg auf Video erschienen, von dem ich sogar eine Kopie besaß. Mir war damals die Kassette aber abhanden gekommen, bevor ich eine Chance hatte, einen genauen Blick auf das Werk zu werfen. Ich hatte nur noch im Hinterkopf, daß das Ding äußerst obskur war, zumal es keine Credits gab. Nicht einmal der Regisseur war angegeben gewesen.
DEATH BED klingt – rein nach Prämisse und der humorigen Struktur beurteilt – wie eine schwarze Komödie. Tatsächlich entwickelt der Film die Story sehr geradlinig und unironisch. Die Narrative ist gemächlich, nicht suspenseorientiert. Im wesentlichen geht es um drei Mädchen, die aus weitgehend unbeleuchtet bleibenden Gründen eine Nacht im Haus mit dem Bett verbringen und dabei schlimme Dinge erleben. Die Historie des Bettes wird im Laufe des Filmes aufgerollt, bleibt aber in Andeutungen stecken. Es hat alles mit einem Dämon zu tun, der in ein menschliches Mädchen verliebt war. Erzählt wird die Geschichte von einem toten Mann, der in der Wand wohnt. Die Mixtur aus bizarrer Soundkulisse, gotischen Bildern, Erotizismus und mildem Splatter hat mich am ehesten an die frühen Werke von Jean Rollin erinnert, die ebenfalls eine traditionelle Narrative zugunsten poetischer Tableaus und einer Hommage an die Trivialkultur preisgaben. Mit Sicherheit war sich Barry 1972, als er den Film zu drehen begann, dieser Parallele nicht bewußt gewesen. Es wird sich um einen weiteren Fall handeln, wo sich dieselben Dinge zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten entwickeln, weil es irgendwie in der Luft liegt.
Wer sich einen traditionellen Horrorreißer ansehen will, wird sich bei DEATH BED zu Tode langweilen. Viel eher sollten sich jene Zuschauer um den Film bemühen, die sich für einen zumindest im amerikanischen Kontext völlig einzigartigen, semiprofessionellen Kunsthorrorfilm erwärmen können. Es gibt diverse Dinge zu erleben, die man so mit Sicherheit noch nicht gesehen hat. So werden Menschen in dieses Bett hineingesaugt, verschlungen von einer Art braunem Sprühschaum, um dann in einer gelben Suppe langsam zersetzt zu werden. Eindrucksvoll ist auch eine Sequenz, in der eine nackte Hippie-Schönheit von ihrer Halskette quasi enthauptet wird, was auf eine putzige Weise eingefangen wird, die sogar an Trickfilme von Svankmajer erinnert. Eine Traumsequenz zeigt eine Protagonistin, die von einer verstorbenen Freundin ein Totenbuch überreicht bekommt, in dem nur leere Seiten zu finden sind. Auf einmal schlagen Flammen aus dem Buch. Sie schließt es, und als sie es wieder aufklappt, bestehen alle Seiten aus Silberpapier, in dem sich die Gesichter der Leser spiegeln. Kurzum, der Film hat mich wirklich weggeblasen! Die amerikanische DVD enthält neue Abspanncredits mit Musik von Coils Stephen Thrower, der auch maßgeblich war für die Wiederentdeckung des Filmes. Ein Intro zeigt den Regisseur bei sich zu Hause, wie er von seinem Erstaunen berichtet, im Internet auf seinen längst vergessenen Griff nach den Sternen zu stoßen. Wer mehr darüber lesen will, findet einen ausführlichen Text in Stephen Throwers brillantem Buch „Nightmare U.S.A.“, das sich mit obskurem Horror aus den Vereinigten Staaten befaßt.
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#722
Geschrieben 06. August 2009, 18:47
„Till Death“ wäre eigentlich ein hübscher Künstlername für den Sänger einer Band, die sich mit der noch zu erfindenden Musikgattung „Gothic Polka“ befaßt. Tatsächlich handelt es sich aber um einen netten, kleinen, morbiden Grusler, der die einzige Regiearbeit des Schauspielers Walter Stocker (THEY SAVED HITLER'S BRAIN) darstellt. Es geht um ein junges Paar, Paul und Ann, das gerade geheiratet hat und auf dem Weg zu den Großeltern ist. Ein Unfall zerstört das junge Glück jäh bzw. „jäh, jäh, jäh“, wie das bei den Beatles heißt. (Tschuldigung, ich leide gerade unter einem hitzebedingten Flachwitzanfall!) Paul landet auf der Intensivstation, ist aber nach einigen Wochen wiederhergestellt, während Ann jetzt ein Mausoleum bewohnt. Als er sie besucht, verliert er vor Gram das Bewußtsein. Dummerweise schließt man ihn während seines Dämmers in der Gruft ein. Und schon bald hört er eine vertraute Stimme...
Der gerade mal 70 Minuten lange Film gehört zu den ganz obskuren Horrorfilmen. Genaugenommen hatte ich von ihm noch nicht einmal gelesen. In der IMDb ist er mit 1978 veranschlagt, als er wohl eine knappe Kinoauswertung erfuhr, doch wurde er bereits 4 Jahre vorher gedreht und dürfte eine der ersten Arbeiten der späteren Joe-Dante-Aktrice Belinda Balaski sein. TILL DEATH ist angelegt als bizarrer Liebesfilm, der von der Unfähigkeit handelt, loszulassen. Er geht dabei recht behutsam vor und zerstört seine nekrophile Grundstimmung nicht durch überdeutliche Geschmacklosigkeiten. Daß er formal eher an einen Fernsehfilm erinnert (einschließlich einer grausigen Country-and-Western-Schnulze als Titelstück!), erweist sich dabei als eine Tugend, da er wie ein aus den Fugen geratener Schnulzenfilm wirkt. Inhaltlich ähnelt er ein wenig Jean Rollins Friedhofspoem LA ROSE DE FER, geht aber nach einem unheimlichen Auftakt (ein Alptraum des werdenden Bräutigams, der sich später auf verhängnisvolle Weise bewahrheiten soll) konventionellere Wege. Sicherlich hätte ihm ein Beharren auf simple Schocktaktiken eine bessere Vermarktung beschert, aber in der vorliegenden Form überzeugt er durchaus als angenehm deviante Schnulze im Friedhofsmilieu. Till Death hätte sicherlich bittere Tränen vergossen... Die DVD beruht, denke ich mal, auf einem Videomaster, ist aber angenehm kuckbar, was ja durchaus nicht auf alle Ami-Discs zutrifft.
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#723
Geschrieben 10. August 2009, 15:43
Dr. David Franks (Stephen Baldwin), ein Dozent und Archäologe, reist nach Venedig, um dort das Hinscheiden seines Vaters zu untersuchen, der angeblich in eine Schiffsschraube geraten sein soll. Wie es scheint, suchte der Zerhäckselte nach einem Kreuzfahrerschatz der Medici. Bei seinen Untersuchungen stößt David auf eine Mauer des Schweigens. Die Polizei stellt sich ihm in den Weg. Finstere Mafiahandlanger in schwarzen Anzügen trachten ihm nach dem Leben. Und wie kommen die verdammten Haie in die Lagune?
Ich weiß nicht, wer auf den deutschen Titel gekommen ist, aber ihm gebührt ein Preis! Anders als im Falle von FRANKENFISH, hinter dem sich ein wirklich brauchbarer Tierhorrorfilm verbirgt, entpuppt sich DER WEISSE HAI VON VENEDIG als launige Räuberpistole, in denen die Haie eine ähnliche Gaststarrolle innehaben wie die Piranhas in Margheritis KILLERFISCH. Wie man allerdings darauf kommen kann, die Meerschrecken ausgerechnet nach Venedig zu verfrachten (Süßwasser?), das sprengt meine Vorstellungskraft – genial! Die netten Israelis von „Nu Image“ haben es sich offenbar zum Ziel gemacht, die Tradition italienischer Exploitationfilme der 70er in die heutige DVD-Zeit zu transponieren. Im Falle von DWHIV gelingt das mühelos: Man nehme eine komplett stulleske Prämisse, man nehme einen abgehalfterten amerikanischen Semi-Star (remember Joey Travolta?) und kloppe zahlreiche Actionszenen zusammen, die einen höchstens ideellen Bezug zur Handlung aufweisen müssen. Die sogenannten Mafiosi werden größtenteils von Russen gespielt, abgesehen von Don Clemenza, der aussieht wie eine Breitmaulfroschversion von Toni Maroni und ein ganz unglaubliches Grinsen hat. Stephen Baldwin ist der dickste der Baldwin-Brüder und wirkt den ganzen Film über so, als sei er schwer angetütert. Trotzdem reißen sich die Frauen um ihn, was uns allen wieder Mut macht. Hoffentlich auch ihm, denn er hat vor ein paar Monaten gerade Bankrott angemeldet. Außerdem wurde der Schauspieler nach dem 11. September zum Wiedertäufer und unterstützte Bush nach Leibeskräften. In seiner Heimatstadt zog er mit anderen frommen Mitbürgern eine Kampagne auf, um einen Pornoladen dichtzumachen. Na ja, vielleicht haben die da lieber Gewaltfilme wie seinen KING OF THE ANTS, hihi... Der Schatz besteht übrigens aus einigen Plastikschilden vom Kinderfasching, die eine barmherzige Seele mit Goldbronze angestrichen hat. Trotzdem erschallen Himmelschöre auf dem Soundtrack, wenn er zum ersten Mal stolz präsentiert wird. Auf dem Schiff der Kreuzfahrer, das offensichtlich mitten in Venedig untergegangen ist, steht eine lateinische Inschrift, die einige Male übersetzt wird von den Wissenschaftlern als „Hier spaziert der Tod“! Die Haie lassen sich im übrigen nicht lumpen und greifen sich einige Touristen und Gondolieri, springen dafür sogar meterhoch aus dem Wasser, was aber putzigerweise keine Panik auszulösen scheint... Kurzum, man hat es hier mit einem großen Schlockfest zu tun, das ich verwandten Szenen durchaus empfehlen kann. Auf DVD gibt es eine Menge Schlonz, der einfach nur schlecht ist. Bei DER WEISSE HAI IN VENEDIG habe ich sehr häufig gejohlt, also hat er mir wohl Spaß gemacht. Und wenn mal bei Euch eine Pornovideothek aufmacht, dann wendet Euch vertrauensvoll an Stephen Baldwin! Aber macht ihm was Leckeres zu essen, denn das hat er gern...
Bearbeitet von Cjamango, 10. August 2009, 15:47.
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#724
Geschrieben 12. August 2009, 14:46
Der Heimatfilm ist eines der letzten Genres, das mir bis heute verschlossen geblieben ist. BRAUN IST DIE HEIDE, IM WEISSEN RASSL, DIE FASCHISTEL VON DER POST – da bin ich nie hintergestiegen! Vielleicht liegt's auch einfach an meiner nichtbayrischen Abkunft, daß ich dem Treiben der Süddeutschen und Nichtpreißen weitgehend indifferent gegenüberstehe. Der einzige Bayer, mit dem ich einen Vertrag habe, ist Herbert Achternbusch, und dessen mundartlichen Verdrechselungen sorgen wohl auch im bajuwarischen Revier für Verwirrung.
Martin Sperrs Theaterstück JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN habe ich mal als fesches Knaberl gelesen und fand es sehr erhellend. Die Filmversion von Peter Fleischmann ist intensiv und präsentiert den Autor der Vorlage in der Hauptrolle: Abram nämlich kommt ins Dorf seiner Kindheit zurück. Er ist wohl irgendwie im Knast gewesen, aber keiner weiß wieso. Der Dorftratsch weiß aber schon bald zu berichten, daß sich Abram mit andern Männern herumgetrieben haben soll, so andersherumnen. Für die Dörfler sind solcherlei Sauerein viel weniger tragbar als zum Beispiel ein ehrlicher Mord. Als dann auch noch die Dorfhur Hannelore (eine sehr hübsche Angela Winkler) hinzukommt, deren juveniles Experimentieren mit ihrem Geschlechtsteil ihr einen Bankert eingetragen hat, ist das Faß voll: Oizapft is', die Sauhatz geht los...
Fleischmann realisiert den Film entgegen der damals obwaltenden Heimatfilmtradition in feierlichem Schwarzweiß, verweigert den Vorgängen jede Form von Überhöhung. Stattdessen folgt er dem Dorftrara mit fast schon dokumentarischer Detailtreue, nimmt die alltäglichen Beschäftigungen und Quasseleien mit als ewig wiederkehrende Sinnstifter im Leben weitab der Stadt. Was der Bauer nicht kennt, das frißt er nicht, und was in harmlosen Frotzeleien seinen Anfang nimmt, entwickelt sich schließlich zu Mord und Totschlag. Daß es so weit kommt, stellt der Film dar als Resultat unterdrückter Haßgefühle, Demütigungen, Frustrationen, die sich – angemessen hochgebrutzelt – gegen das richten, was anders ist als man selbst. Wichtig ist, daß das System funktioniert, und daß dabei viel Ungerechtigkeit und Heuchelei mit in Kauf genommen wird, dauert zwar den Einzelnen, aber nicht die Gemeinschaft. Meine Lieblingsszene ist die Sauschlachtung, bei der die Laiendarsteller die Wutz nach allen Regeln der Kunst kaltmachen und zu Würstchengirlanden verarbeiten, dabei aber ungerührt über die Sauereien des Abram ablästern. Die Schlußbilder des Filmes sind dann übrigens wieder echtes Heimatkino, nur halt in Schwarzweiß. Der beste Film, den ich bisher von Fleischmann gesehen habe. Auf DVD isser noch nicht raus.
Bearbeitet von Cjamango, 12. August 2009, 14:49.
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#725
Geschrieben 13. August 2009, 13:31
Peter und Carla sind ein nicht mehr ganz junges Paar, das sich in die australische Wildnis stürzt, um ein erholsames Wochenende an einem einsamen Strand zu verleben. Obendrein wollen sie dort auch ihre Ehe kitten, über die sich nach 10 Jahren nicht mehr die Feen gebeugt haben. Schon bald aber geschehen merkwürdige Dinge, die sich zum handfesten Desaster auswachsen...
Australien scheint Jamie Banks gut zu bekommen. Jener begann seine Karriere einst in Hollywood mit den beiden schwachen Neo-Slashern DÜSTERE LEGENDEN und SCHREI WENN DU KANNST. Einen Achtungserfolg konnte er mit dem in Australien entstandenen Backwoods-Schocker STORM WARNING verbuchen, vor allen Dingen bei der deutschen Staatsanwaltschaft. Nach diesem blutrünstigen Opus führte ihn seine nächste Arbeit erneut mit Everett De Roche zusammen, der einige der bekannteren Beispiele australischen Genrekinos geskriptet hat: PATRICK, HARLEQUIN, TRUCK DRIVER, RAZORBACK und eben auch LONG WEEKEND, einen recht mysteriösen, aber gut gemachten Öko-Schocker. Da ich das Original zum letzten Mal als Teenager gesehen habe, kann ich mich daran nicht mehr gut erinnern, weiß nur noch, daß es mir ziemlich gut gefiel. Das Remake führt zwei in jeder Hinsicht überforderte Stadtfräcke zusammen, deren Einstellung zur Natur bestenfalls ausbeuterisch ist. Tatsächlich hatte ich zu Beginn des Filmes große Probleme damit, daß mir die Protagonisten so massiv unsympathisch waren. Ist aber Absicht! Jim Catweazle hat seinen Jesusbart abgeschoren und spielt hier einen selbstgefälligen, in die Jahre gekommenen Surferboy, der meint, mit seinem Grinsen lassen sich alle Probleme beseitigen. Die in Australien sehr populäre Claudia Karvan ist eine ebenfalls stramm auf die 40 zugehende Schönheit, die ganz offensichtlich Schwierigkeiten mit ihrer tickenden Uhr hat. In ihr wabert wohl Kinderwunsch, aber sie traut sich nicht so recht, gibt der Natur die Schuld. Deshalb ist ihr das ganze Unternehmen mit der unbefleckten Wildnis sofort suspekt. Nach 10 Jahren haben sich zudem massive Aggressionen angestaut, die die Ehepartner nur mühsam unterdrücken. Die kleinen Sticheleien werden aber schon bald zum flächendeckenden Bombardement, als die Natur um sie herum querzuschießen beginnt. Anders als in vergleichbaren Tierhorrorfilmen sind die Aktionen der Naturteilnehmer unspektakulär, funktionieren eher wie ein guter Psychologe: Sie kitzeln all das, was in den Menschen wohnt, unbarmherzig heraus. Gemessen an dem gut gemachten, aber nicht eben subtilen STORM WARNING (der zu Anfang kurz zitiert wird) ist es schon erstaunlich, wie behutsam Blanks hier bei seinem Öko-Paranoia-Terrorspektakel vorgeht. Mir persönlich drückt er dabei am Ende etwas zu sehr auf die Tube, aber insgesamt werte ich den Film als eine überaus angenehme Überraschung, viel, viel besser gemacht als das Gros neuerer Horrorfilme. Seine Subtilität wird hier eindeutig zu einem Plus. (Ich empfehle, auf die brennende Zigarette zu achten, die Peter am Anfang aus dem Autofenster schmeißt...) Wer Schwierigkeiten mit den Protagonisten hat – sich selbst überschätzender Naturbursche à la DELIVERANCE und eine unter dem Sternzeichen des „Wäwäwäwäwäwä“ geborene Meckerliese –, der darf sich auf den Rest des Filmes freuen, denn die bekommen mal so richtig ihr Fett!
P.S.: Den mittlerweile leider verstorbenen Regisseur des Originals, Colin Eggleston, verewigte De Roche, indem er im Remake ein Hotel nach ihm benannte...
Bearbeitet von Cjamango, 13. August 2009, 13:31.
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#726
Geschrieben 14. August 2009, 14:14
SNUFF ist zugleich ein Dokumentarfilm wie auch ein Pseudo-Dokumentarfilm über die Dreharbeiten zu einem wohl authentischen Sexfilmprojekt, das eine moderne Version der „Lysistrata“ versuchte. Sämtliche Beteiligten bis hin zum Beleuchter werden vor die Kamera gezerrt, ihnen Informationen über ihr Privatleben und ihre Beteiligung an solch einem anrüchigen Film entlockt, die entweder gestellt oder zutreffend sein mögen. Dazwischen gibt sich Linkskatholik Carl Amery die Ehre und salbadert über den „seelischen Tod“, den solche Filme an jenen, die an ihnen teilhaben, verursachen. Nicht zuletzt seinem Erscheinen in diesem Werk ist es wohl zu verdanken, daß SNUFF seinerzeit einigermaßen berüchtigt war und auch heute noch bei seltenen Aufführungen als schonungsloser Dokumentarfilm gehandelt wird. (Bis vor einigen Jahren soll er sogar in einer gekürzten Fassung als Unterrichtsmaterial an Schulen Verwendung gefunden haben!) Tatsächlich ist SNUFF faszinierend zu betrachten, doch stellt seine vorgebliche Polemik gegen die unmenschlichen Praktiken der Sexfilmindustrie eine Mogelnummer von einigen Gnaden dar. Der im Film als Regisseur des „Film im Film“ genannte Robert Furch war tatsächlich Partner des Regisseurs von SNUFF, Richard Rimmel. Gemeinsam drehten sie vorher TEENAGER-REPORT – DIE GANZ JUNGEN MÄDCHEN (hust!) Anzunehmen, es handele sich hier um die Selbstkasteiung von Schmuddelfilmern (was auch irgendwie ganz niedlich wäre!), fällt heuer aber flach. Tatsächlich war es wohl so, daß das „Lysistrata“-Projekt keine Freigabe erhielt. Der Selbstmord der Hauptdarstellerin Claudia Fielers bot die Möglichkeit, das gedrehte Material doch noch zu verwerten, verbunden mit einer flammenden Anti-Porno-Attitüde, die wohl auch den schimmerlosen Herrn Amery an Bord lockte... Es bleibt somit ein besonders geschmackloses Stück Exploitation, das aber in geradezu lehrstückhafter Manier die Praktiken der Industrie demonstriert. Unzählige Zeitgenossen gingen den Machern auf den Leim und nahmen den Film für bare Münze, und um bare Münzen ging es wohl auch bei der ganzen Übung. Einige der Interviewpassagen sind vermutlich recht authentisch. So streitet sich Furch in einer Passage mit einer seiner Schauspielerinnen, die zeitgleich für Kroetz auf der Bühne stand, über den Unterschied zwischen Kunst und Pornographie. Die Lebensumstände der Schauspieler, die sich vor dem Mikro äußern, dürften wohl ebenfalls der Wirklichkeit entsprochen haben. SNUFF ist keine Fake-Dokumentation, da die Verhältnisse, die er vorführt, größtenteils zutreffend gewesen sein werden. Er stellt eine seltene Verbindung von Dokumentation und kommerziellem Kalkül dar, hat somit einiges mit den weniger intellektuellen Vertretern des „Mondo“-Genres gemein. Seine Grundausrichtung ist zynisch, aber wem dieser Zynismus verwerflich dünkt (was er wohl auch ist), sollte zur Kenntnis nehmen, daß er nur den Zwiespalt zwischen Kunst und Kommerz auf die Spitze treibt, der seit Erfindung der Filmspule gang und gäbe ist und der gern heuchlerisch mit moralischem Geklappere übertüncht wird. Kino war immer ein kommerzielles Betätigungsfeld – ohne Knete keine Grete. SNUFF spricht in all seiner Unaufrichtigkeit die lautere Wahrheit. Die Verwurstung von Menschen, die er anzuprangern vorgibt, praktiziert er freilich selbst, und zwar mit Paukenknall. Sehr faszinierend, das Ganze, aber man möchte nach Betrachten des Filmes ein Bad nehmen...
P.S.: Der IMDb-Eintrag bezieht sich auf die amerikanische Fassung, in der dem Vernehmen nach noch Outtakes von Wes Cravens LAST HOUSE ON THE LEFT eingefügt wurden.
Bearbeitet von Cjamango, 14. August 2009, 14:22.
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#727
Geschrieben 14. August 2009, 22:26
Das ist doch mal originell: Einige junge Menschen setzen sich in ein Auto und fahren in den Wald. Geile Prämisse, wa? Im Wald sind leider nicht die Räuber, sondern ein krähendes, mähendes, spähendes Etwas, das vom Drehbuch etwa eine Stunde lang nicht näher lokalisiert wird. Genaugenommen passiert während der ersten Stunde auch sonst nicht viel. Die jungen Leute finden eine hübsche Chinesin, die ihren Freund verloren hat und die ganze Nacht durch den Wald gelaufen ist. Anstatt zur Polizei zu gehen, wollen sie selber nach dem Verschwundenen suchen, aber völlig sinnloserweise baden sie erst mal eine Runde, weil sie an einen See kommen. Es hat tatsächlich drei Regisseure gebraucht, um diese Grütze anzurühren. Sieht man einmal von den Speerspitzen des neuen britischen Horrorkinos ab (so was wie EDEN LAKE oder THE DESCENT, die zumindest noch recht spannend sind), produzieren die Insulaner in letzter Zeit eigentlich nur Dung. Den Machern von DEAD WOOD hätte man verraten sollen, daß – wenn man schon kein Monster oder eine handfeste Bedrohung parat hat – man zumindest mit interessanten Figuren oder einer beklemmenden Atmosphäre aufwarten können sollte, ansonsten erlahmt auch des Gutwilligsten Interesse. DEAD WOOD hingegen serviert banale Charaktere, die sich höchst rätselhaft verhalten, trotz einer eigentlich sehr simplen Grundkonstellation wird die Geschichte verworren und unübersichtlich erzählt, und was am Schluß als Auflösung gereicht wird, ist schlicht eine Frechheit. Es gab ja viele, die THE BLAIR WITCH PROJECT damals enttäuscht hat, aber jener Film besaß einigermaßen glaubhafte Figuren, einige recht einfallsreiche Ideen und Momente, an die man sich im Nachhinein erinnert.DEAD WOOD hat nichts von alledem. Ich fand ihn sogar noch schlechter als den Mist von diesem Ehepaar, das BROKEN, DEVIL'S CHAIR und dergleichen verbrochen hat, denn da passiert wenigstens etwas, wenn auch eben nur Mist. DEAD WOOD kann man getrost stehen lassen. Ein Langeweiler erster Güte.
Bearbeitet von Cjamango, 14. August 2009, 22:28.
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#728
Geschrieben 15. August 2009, 00:40
Hmmh. Eine junge Dame namens Casey Beldon hat Träume aus den Alpen, die mit einem Hund mit Maske und einem verbuddelten Baby zu tun haben. Bei einem Freundschaftsdienst als Babysitter gerät sie an ein ungewöhnlich renitentes Kleinkind, das ihr mit einer Scherbe fast ein Auge herausholt. Zu allem Überfluß färbt sich auch noch ihre eine Iris bräunlich. Verdammt. Was könnte da los sein? Könnte es vielleicht mit dem Selbstmord ihrer Mutter zu tun haben? Oder, genauer, mit dem...
...und das wäre denn auch schon die erste abenteuerliche Wendung, die ich hier nicht verraten möchte! Um es vorwegzunehmen: THE UNBORN ist ein danebengegangener Film, aber immerhin ein auf vergnügliche Weise danebengegangener, und nach dem Langeweiler, den ich davor gekuckt hatte, war ich schon sehr dankbar. Man merkt, daß Regisseur David Goyer von Haus aus Drehbuchautor ist, denn mit Ideen geizt THE UNBORN (abgesehen von dem einfallslosen Titel!) nicht wirklich. Tatsächlich ist der Film auf kuriose Weise überladen mit lauter Dingen, die Goyer noch irgendwie hineinbringen wollte: Da sind Geburtsfehler, eine Nazirückblende mit einem Josef-Mengele-Verschnitt, ein Exorzismus, ein Geisterkind, alte Leute, die finstere Geheimnisse im knitterigen Busen halten, eine bizarre Neuauflage des „spider walk“ aus THE EXORCIST und Gary Oldman als Rabbi! I SHIT YOU NOT – Gary Oldman spielt einen Rabbi, und er gibt wirklich alles! Ich hätte eigentlich sehr enttäuscht sein müssen, da der Film sich selbst nach einigen durchaus ziemlich unheimlichen Szenen und diversen hübschen Einfällen plottechnisch der Absurdität preisgibt, aber ich habe mich ziemlich gut unterhalten, und wieviele neuere Horrorfilme gibt es schon, die mit einem waschechten Dybbuk prahlen können? (Bitte nachgoogeln...) Tatsächlich hat mich MIRRORS z.B. wesentlich mehr gedownt, da er trotz eines hübschen Anfanges nur noch Computerschnickschnack und halbgaren Mumpitz aufkellt. Hier war ich schon einmal dankbar für Schangel, in diesem Fall Schalom-Schangel, und am Schluß hätte ich fast noch „Hawa Nagila“ gesungen... Morgen führe ich das Ding Freunden vor – mal sehen, ob die mein Wohlwollen teilen können! Und Gary Oldman als Rabbi, ja leck´ mich doch am Arsch, do...
Bearbeitet von Cjamango, 15. August 2009, 00:41.
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#729
Geschrieben 16. August 2009, 23:35
Roy und Jessie haben im Dienste einer karitativen Einrichtung eine längere Zeit in China zugebracht. Der Transsibirien-Expreß soll sie schlappe 8000 km nach Moskau bringen. Damit die Fahrt nicht langweilig wird, schließen sie Bekanntschaft mit einem Rucksackpärchen, Carlos und Abby. Doch plötzlich ist Roy verschwunden. Und das ist nur der Anfang der Probleme für die beiden Amerikaner...
Der neue Thriller von Brad Anderson (SESSION 9, THE MACHINIST) ist in vielerlei Hinsicht eine klassische Angelegenheit, wenngleich mit einigen wohligen Irritationen. Die Prämisse erinnert mehr als nur ein wenig an Hitchcocks EINE DAME VERSCHWINDET. Hier verschwindet eben ein Roy, und da der Blick des Betrachters bereits für das mangelnde Fingerspitzengefühl der russischen Drogenpolizei geschärft worden ist, ergeben sich zahllose Möglichkeiten, von denen eine unerquicklicher ist als die andere. TRANSSIBERIAN ist exzellent gefilmt und profitiert erneut von der Fähigkeit Andersons, eine Geschichte lässig und praktisch ohne Effekthascherei zu erzählen. Auch die späteren Verwicklungen im Plot (die ich hier nicht vom Zaun blasen möchte!) werden nicht von formalem Schangel erschlagen, sondern recht elegant umgesetzt. Wie weit man bereit ist, den Vorgängen glauben zu schenken, hängt sicherlich davon ab, ob man sich mit den beiden blauäugigen Protagonisten identifizieren mag. Sie stammen aus einem religiösen Wunderland und haben einige Jahre im Reich des Helfenwollens verbracht. Nun stolpern sie unversehens in eine Welt, die von Mord und Schlimmerem bestimmt wird. Das ist recht reizvoll anzusehen, wenngleich man allerdings in der Lage sein sollte, einige Stereotypen über die Verhältnisse in Rußland zu schlucken. Ich für meinen Teil habe jetzt aber so vielen Hitchcock- und James-Bond-Filmen ihre chauvinistischen Klunkern nachgesehen, daß ich bei TRANSSIBERIAN keine Probleme damit hatte und habe mich einfach auf die spannende Geschichte konzentriert. Woody Harrelson und Emily Mortimer spielen ein leicht karikiertes Gutmenschenpaar, Ben Kingsley brilliert als eminent wandlungsfähiger Drogenkommissar Grinko, und sogar Thomas Kretschmann hat einen drolligen Kurzauftritt als fieser Russe. Am gelungensten fand ich die Passage mit den Babuschka-Puppen (oder wie die Dinger heißen) – da dringt Anderson wirklich in die Hitchcock-Liga vor. Mein Lieblingsfilm von ihm ist und bleibt allerdings sein Geisterfilm SESSION 9, bei dem ich wirklich eine Gänsehaut nach der anderen bekam...
(Übrigens: Seine „Masters Of Horror“-Episode SOUNDS LIKE gehört zu den besten der zweiten Staffel!)
Bearbeitet von Cjamango, 16. August 2009, 23:36.
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#730
Geschrieben 17. August 2009, 19:25
Leben und Tod des homosexuellen Bürgerrechtlers und Politikers Harvey Milk, der 1978 von einem vergrämten Konkurrenten erschossen wurde.
Den berühmten Dokumentarfilm THE TIMES OF HARVEY MILK von Rob Epstein habe ich leider noch nicht gesehen, also muß Gus Van Sants Filmbiographie jetzt erst mal reichen. MILK schildert die Entwicklung von Harvey Milk von einem typischen San-Francisco-Freak zu einer politischen Reizfigur in unerwartet zurückhaltender Weise. Ich hatte etwas Angst, daß Van Sant die Story zu einer tränendrüsenlastigen Reise in die Gefilde des liberalen Hollywood nutzen würde, wo man Schwule und Bimbos bekanntlich immer sehr lieb hat, es sei denn, sie ziehen ins Nachbarhaus. Angesichts der bisherigen Leistungen des Regisseurs hätte ich es besser wissen müssen, denn seit MALA NOCHE gefielen mir eigentlich nahezu alle Filme Van Sants gut bis prima. MILK versucht, die Person Harvey Milks nachvollziehbar zu gestalten, seine politische Motivation aus der privaten Entwicklung heraus zu erklären. Milk ist alles andere als ein Unfehlbarkeitshappen, muß – nachdem der Sprung in den Stadtrat gelungen ist – auch charakterlich einigen Tribut zollen an den politischen Professionalismus. Neben seiner eminent wichtigen Rolle in der Geschichte der Schwulenbewegung wird Milks Engagement als Stellvertreter gesehen für die Selbstheilungskräfte einer ständig von Pilzbefall bedrohten Demokratie. Dabei ähnelt Van Sants Ansatz freilich eher dem markig-psychologischen Ansatz eines Oliver Stone als dem enthusiastischen Wunschdenken eines Frank Capra: Was die Menschen sind, erklärt sich aus ihrer persönlichen Historie. Das gilt auch für den Mörder Milks, Dan White, der jede Art von sexueller und sonstiger Freiheit zugunsten eines traditionellen Ehebundes aufgegeben hat und daran heftig zu knacken scheint. Sean Penns Darstellung als Milk ist herausragend. Schauspielerische Leistungen beurteile ich immer an den kleinen Details, ob die Schauspieler in der Lage sind, die Illusion auch jenseits der Exzesse aufrechtzuerhalten. Penns Darstellung lebt, und wenn man im Abspann den realen Harvey Milk sieht, so ist die Ähnlichkeit schon verblüffend. Keine Kunststückchen, sondern Kunst. Josh Brolin (als Milks Konkurrent Dan White) hat offenbar ein gutes Händchen, was seine Rollenwahl angeht, denn während sein Vater eher als kantiger TV-Sympath in die Geschichte Hollywoods einging, so bemüht er sich um Schattierungen innerhalb seiner Karriere und hatte ja gerade in Oliver Stones W. einen ähnlichen Job zu erledigen wie Penn mit Harvey Milk. Wie gut Van Sant als Regisseur ist, merkt man vor allem daran, daß er in einigen Szenen bedenklich nahe an der Grenze zur Seife wandelt und trotzdem immer die Kurve kriegt. Mit der „Tosca“ am Schluß wären minderbegabte Filmemacher nicht davongekommen, behaupte ich mal... Wenn man nun noch hinzunimmt, daß der Film eine Menge Wissen über die Geschichte San Franciscos als Sammelbecken nonkonformistischer Menschen vermittelt, hat man einen ziemlich gelungenen Film am Start, der dem Zuschauer begreiflich macht, wie unschön es sein kann, von der Masse abzuweichen. Manch einer zerbricht daran oder nutzt die Sonderrolle als Alibi für narzißtische und in die Grütze führende Egozentrik. Manch einer gewinnt aus dem Abweichlertum aber auch Lust auf kreativen Widerstand. Und das beschränkt sich eben nicht nur auf die sexuelle Identität. MILK handelt das im Rahmen großen Hollywood-Kinos ab, aber er tut dies auf ehrenhafte und die Intelligenz seines Publikums nicht unterfordernde Weise. Wird gekauft.
P.S.: Gerade gesehen: Schang Peng feiert heute seinen 49. Geburtstag - happy birthday, altes Haus!
Bearbeitet von Cjamango, 17. August 2009, 20:20.
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#731
Geschrieben 23. August 2009, 11:48
Zu THE INGLORIOUS BASTERDS was zu schreiben, fällt mir sehr schwer, denn eigentlich möchte ich mir mein gestriges Kinoerlebnis nicht zerplappern. Schon direkt nach dem Anschauen hatte ich Probleme damit, mich mit meinen Mitkuckern auszutauschen. Eine Freundin drückte es so aus: Sie fühle sich, als habe sie sich komplett überfressen, habe aber kein Bauchweh oder irgendwelche anderen unangenehmen Effekte. In allen Augen herrschte nur ein inniges Leuchten. Gefallen hat er uns allen.
Wie immer hatte ich keine vorbereitenden Berichte gelesen und wußte somit kaum, was mich erwarten würde. Ich leide für gewöhnlich, wenn ich Filme über den Zweiten Weltkrieg sehe, zumal ich seit ca. 20 Jahren der Auffassung bin, daß der Zuschauer entweder voll einen vor die Glocke bekommen oder mit etwas Irritierendem und Verstörendem konfrontiert werden sollte, das ihm einen nachhaltigen Schluckauf verursacht und ihn dazu zwingt, vorgefaßte und zum Holzblock geronnene Ansichten zu revidieren. In der Regel bekommt man stattdessen gutgemeinte und halbherzige Geschichtsstunden serviert, die an niemandes Tür kratzen und kein Denken in Gang setzen. Es setzt dann der RAIN MAN-Effekt ein: Viele Leute zerdrücken ein Tränchen, der arme Dustin Hoffman, aber für Autisten interessiert sich im Nachhinein keine Sau.
THE INGLORIOUS BASTERDS tritt Ärsche vom Anfang bis zum Ende. Er ist grandios in seiner Respektlosigkeit, erzeugt widersprüchlichste Gefühle, demontiert Mythen und ballert aus allen Rohren. Der Anfang zitiert SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD und liefert einen ellenlangen Prolog, der schon einmal jeden Liebhaber klassischen Spannungskinos auf den Folterstuhl setzt. Christoph Waltz hat seine erste große Szene, und was er da abzieht, war wirklich nicht von dieser Welt. Merke: Filme, die über gute Schurken verfügen, können gar nicht mehr danebengehen! Waltz ist ein glorreicher Schurke, er schleimt, charmiert, droht, wirkt galant, gewandt und verstört durch bizarre Gefühlsausbrüche, die immer andeuten, daß unter seiner Fassade ein psychopathisches Gemüt wohnt. Latte bis ans Kinn! Gebt dem Mann keine Axt – gebt ihm einen Oscar! Dann kommen die „Basterds“ – eine Gruppe jüdisch-amerikanischer Soldaten, die hinter den feindlichen Linien operiert und nur ein Ziel kennt: Nazis killen! Und zwar nicht nur killen, sondern nach Möglichkeit auch noch skalpieren und ausweiden! Ihre Taten sollen die Nazis bis ins Unterbewußte verfolgen und mit Angst erfüllen. Zu den „Basterds“ gehören neben Brad Pitt (der in einigen Szenen Grimassen schneidet, die ihn wie eine Kreuzung aus Mario Adorf und Helge Schneider aussehen lassen!) auch Eli Roth (der „Bärenjude“ mit dem Baseballschläger!), Til Schweiger und Gedeon Burkhard. Was die deutschen Schauspieler angeht, so hat sich Tarantino bei der Créme bedient. Was August Diehl als Gestapo-Offizier abzieht, ist auch etwas fürs Schatzkästchen. Daniel Brühl ist unglaublich schmierig als Kriegsheld und Filmstar. Sylvester Groth als Goebbels ist famos, Martin Wuttke als Hitler unglaublich. Auch in Nebenrollen sind zahlreiche Bekannte zu entdecken. Wußte z.B. gar nicht, daß Freund Bela einen Auftritt hat, bei dem er allerdings nur zwei Sekunden zu sehen ist, hihi...
Von Enzo G. Castellaris Original sind nur gewisse Grundzüge übriggeblieben. Daraus hat Tarantino eine schwarze Komödie gebastelt, bei der man sich niemals auf sicherem Boden wähnen kann. Alles kann passieren. In gewisser Weise hat er mit INGLORIOUS BASTERDS seinen bisher reifsten Film abgeliefert, da hier nicht die kalkulierte Formlosigkeit regiert, sondern alles vorbildlich zusammenläuft und das Bild einer wahnsinnig gewordenen Welt erzeugt, in der es kaum Konstanten gibt, vom Nazikillen mal abgesehen. Tarantino verwendet Szene für Szene B-Film-Standards, sabotiert sie dann selber, zerstört damit jede Sicherheit, in der sich der Zuschauer wiegen kann. Meine Lieblingsszene findet im Wirtshauskeller statt, in der eine unglaublich intensive Unterhaltung, die gut 15 Minuten dauert, durch einen plötzlich losbrechenden Gewaltsturm abgebrochen wird, der mich nur noch japsend im Kinosessel zurückließ. („Sag deinen Nazi-Eiern Auf Wiedersehen, Arschloch!“) Männerfilme, Kriegsfilme – nichts wird mehr so sein, wie es mal gewesen ist. Mehr möchte ich gar nicht verraten – anschauen! Genießen!
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#732
Geschrieben 28. August 2009, 15:23
Die Abenteuer einiger junger Männer im New Yorker Bezirk Little Italy.
Als ich gerade das Computerspiel „Der Gottvater“ (Titel verändert, da indiziert!) gespielt habe, sprach ich den Namen des Stadtteils immer „Liddeliddeli“ aus. Es dauerte nicht lange, und ich hatte den Stadtteil unter Kontrolle. Martin Scorseses Karriere begann in Liddeliddeli, und er hat jetzt die ganze Welt unter Kontrolle! Daß dies auch seine Richtigkeit hat, demonstriert dieses Frühwerk, das als eine Art Studentenprojekt begann und über einen Zeitraum von drei oder vier Jahren hinweg kontinuierlich weiterentwickelt wurde. Das fertige Resultat weist sicherlich Unebenheiten auf, die auf die Guerillataktik zurückzuführen sind, nach der der Film entstand. Für ein Erstlingsprodukt ist er aber reinstes Zauberwerk, und wer näher mit den Arbeiten des Regisseurs vertraut ist, findet hier bereits viele thematische Fixierungen, die Scorsese in späteren Jahren noch ausbauen sollte. WHO'S THAT KNOCKING ist ein Film über die Entwicklung von Männern, die eigentlich entwicklungsresistent sind. Sie sind hineingeboren worden in ein Milieu, das seinen Einwohnern klare Maßgaben mit auf den Weg gibt. Anhand der Hauptfigur (ein blutjunger Harvey Keitel) zeigt er, wie schwer es für die Partizipanten ist, aus diesem Geflecht auszubrechen, zumal sie das in der Regel ja auch nicht wollen. Das Tolle an diesem Debüt ist, daß es aus unzähligen Szenen besteht, in denen eigentlich fast gar nichts geschieht. Trotzdem besitzen sie alle eine interne Spannung, die von realistischen, improvisiert wirkenden, tatsächlich aber fast vollständig geskripteten Dialogen getragen wird. Wie auch in späteren Scorseses hat Sprache eine milieubestimmende Funktion. Die jungen Männer plappern ohne Unterlaß, meistens über Dinge, die komplett nebensächlich sind. (Hat mich an den Anfang von RESERVOIR DOGS erinnert...) Sie definieren durch das fortwährende Gerede ihre Beziehung zueinander, unausgesprochen auf Dauerflucht vor ihren Privatdämonen. Für den Keitel-Charakter treten diese Dämonen in den Vordergrund, als er sich in eine junge Frau verliebt und keine Ahnung hat, wie er sich ihr gegenüber positionieren soll, kommt es bei Liebe doch auf ganz andere Dinge an als auf Gerede. Die Dialoge sind ungemein dynamisch, werden von Scorsese unauffällig, aber enorm effektiv arrangiert, wobei schon auffällt, daß ihm bereits zu diesem frühen Zeitpunkt seine Cutterin Thelma Schoonmaker zur Verfügung stand. Bei minderbegabten Regisseuren hätten die Szenen, aus denen der Film besteht, langweilig oder aufgeblasen gewirkt. Scorsese hingegen trifft niemals einen falschen Ton. Man merkt dem Film an, daß der junge Regisseur haargenau gewußt hat, was er erreichen wollte. Das Resultat ist locker, fließend, niemals banal, erzählt viel über das Miteinander von Menschen und ihren Grenzen. Die DVD enthält neben einem Audiokommentar von Scorsese und seinem Assistenten eine vorzügliche Featurette, die die Entstehungsgeschichte des Filmes erläutert. Es spricht viel dafür, Martin Scorsese zu seinen Lieblingsregisseuren zu zählen. Bei mir ist das ganz sicher der Fall. In meiner Privatretrospektive widme ich mich jetzt erst einmal den frühen Kurzfilmen, von denen ich die meisten noch gar nicht kenne...
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#733
Geschrieben 31. August 2009, 19:24
Martin Scorseses früher Studentenfilm hat mich ziemlich aus dem Sessel geblasen, zumal er wie eine Vorstudie zu des Regisseurs späteren Mafiafilmen wirkt. Erzählt wird die Geschichte des „made man“ Murray, der uns von seinem guten Freund Joe erzählt, dem er seinen kometenhaften Aufstieg zu verdanken hat. Murray bedient sich bei seiner Version der Geschichte einer guten Portion Westentaschen-Grandezza, mit der er die schmuddelige Wirklichkeit zu einer echten amerikanischen Erfolgsgeschichte umdefiniert. Regisseur Scorsese bedient sich – abgesehen natürlich von dem, gelinde gesagt, mäßig verläßlichen Erzähler – einer ironisierenden Verwendung von populärer Musik, sehr trockenen Humors und genüßlich schmieriger Figuren, die uns ihren Honig um den Bart schmieren wollen. Man merkt dem Film an, daß Scorsese noch ganz jung und hungrig war und allen zeigen wollte, was er kann. Es setzt Multi-Screen-Effekte, tolle Schnittmontagen, ein fellinieskes Ende und sogar eine Revueszene! Was für ein Studentenfilm... Wer sich das Werk zu Gemüte führen will, kann das hier tun:
http://www.hollywood...castEP36-3.html
Ist das "Casino" als Kurzfilm, oder ist das nicht "Casino" als Kurzfilm?!?
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#734
Geschrieben 04. September 2009, 12:23
Das Leben ist kein Zuckerschlecken für Ian und Terry. So unterschiedlich die beiden Brüder auch sind – der eine intelligent und ambitioniert, der andere eher schlicht, aber gutmütig –, so gleichen sich die beiden in ihrem Bestreben, der häuslichen Enge zu entfliehen und sich eine gesicherte Existenz auf die Beine zu stellen. Dabei halten sie zusammen wie Pech und Schwefel, denn Familie ist Familie. Dies betont auch Onkel Howard, der in die USA gegangen ist und als die große Erfolgsgeschichte der Familie gilt. Howard steckt nämlich in geballten Schwierigkeiten. Das Lügengebäude, auf dem er seinen „Erfolg“ konstruiert hat, steht kurz vorm Einsturz. Nun, da ihm das Wasser bis zum Halse steht, wendet er sich an seine Neffen: Sie sollen einen Belastungszeugen aus dem Weg räumen. Obwohl sie zunächst entsetzt ablehnen, befassen sie sich dann doch ernsthaft mit dem Angebot. Doch sie müssen erkennen: Wenn man einmal eine Grenze überschritten hat, gibt es kein Zurück...
CASSANDRA'S DREAM ist der dritte Film in Folge, den Woody Allen in Großbritannien gedreht hat, und wüßte man nicht, daß der New Yorker Neurosenpapst hinter dem Werk steht, würde man es kaum erraten. Tatsächlich ist die Story reinster Woody Allen, handelt von Schuld und Sühne, von den unentrinnbaren Folgen, die die Entscheidungen der Menschen nach sich ziehen. Sowohl dieser Film als auch MATCH POINT wurden als Thriller vermarktet, was sie – trotz einiger sehr spannender Szenen – nicht sind. Eher ähneln sie den naturalistischen Dramen, mit denen Allen in den 70ern und 80ern Bergman Konkurrenz gemacht hat, mit dem Unterschied allerdings, daß die neuen Filme lange nicht so hermetisch geraten sind. (Wiglaf Droste bezeichnete die älteren Allen-Bergmänner mal als „Langeweile auf hohem Niveau“...) Von den beiden neuen Filmen ist MATCH POINT der elegantere, erzählt seine im britischen Oberklassen-Milieu spielende Geschichte mit großer Raffinesse und einer Doppelportion Dostojewsky im Handgepäck. CASSANDRA'S DREAM ist der zugänglichere der beiden, aber auch der düsterere, denn für die Arbeiterhelden des Filmes (Ewan McGregor und Colin Farrell: erste Sahne!) macht der Autor Allen nicht viel Hoffnung aus. Beide Hauptfiguren haben Träume, die mehr oder weniger unrealistisch sind. Wie auch MATCH POINT befaßt sich der Film mit der Rolle des Zufalls, des Glücks, die den vorsichtig kalkulierten Plänen der Protagonisten immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Man kann das Glück bis zu einem gewissen Punkt erzwingen, ergibt sich doch viel aus der individuellen psychologischen Zusammensetzung der Figuren, aber ob der Ball auf der einen oder der anderen Seite des Netzes landet, hängt meistens von Faktoren ab, die niemand kontrollieren kann. Auch CASSANDRA'S DREAM handelt in seinen entscheidenden Passagen von eben diesen goldenen Momenten, die über Sieg oder Niederlage entscheiden. Ich finde es wirklich toll, daß Allen auf seine alten Tage auch mal mit neuen Formaten experimentiert, die im Zusammenhang mit seinen angestammten Themen ganz prima funktionieren: CASSANDRA'S DREAM ist ein aufwühlendes, sehr emotionales Kriminaldrama, getragen von hervorragenden Schauspielern und einem ebenfalls überraschenden Score von Philip Glass. Wer für gewöhnlich mit Allens Filmen nicht so viel anfangen kann, sollte hier mal reinschauen. Wer sich eher dem lustigen Allen verpflichtet fühlt, kann sich ja mit SCOOP befassen, dem mittleren Film der Briten-Trilogie, der Erinnerungen weckt an Sachen wie BROADWAY DANNY ROSE oder MANHATTAN MURDER MYSTERY.
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#735
Geschrieben 04. September 2009, 17:43
Lylah Clare war einst ein großer Filmstar, und auch nach ihrem tragischen Unfalltod bewegt sie die Gemüter ihrer Fangemeinde. Als dem Regisseur Lewis Zarken angetragen wird, das Leben der Schauspielerin zu verfilmen, lehnt er kategorisch ab. Erst als ihm eine unbekannte Aktrice präsentiert wird, die der Verstorbenen auf geradezu unheimliche Weise ähnelt, leckt er Blut. Das Filmprojekt kommt in Gang, doch immer mehr wird klar, daß die Ereignisse sich auf verhängnisvolle Weise zu wiederholen scheinen...
Na, da hat Robert Aldrich mal wieder richtig zugelangt: Neben John Schlesingers DER TAG DER HEUSCHRECKE ist THE LEGEND OF LYLAH CLARE einer der bösartigsten Filme über Hollywood, die jemals gedreht wurden, hergestellt zu einer Zeit, als sich in der Traumfabrik eine Tendenz zur Selbstgeißelung zu etablieren begann. LYLAH CLARE macht keine Gefangenen und serviert ein Sortiment von grimmigen Karikaturen, die Aldrichs schäumenden Ekel vor der Heuchelei des Kunstbetriebes verraten. Aldrich deutet an, daß das Filmgeschäft von ebensolchen Karikaturen am Laufen gehalten wird, von Menschendarstellern, deren Lüge für sie selbst schon lange Wahrheit geworden ist. Ihr Job ist der der Legendenbildung, bei der sie selber den großen Zampano markieren, tatsächlich aber völlig hilflos verstrickt sind in ihre eigenen Obsessionen. Künstler erscheinen bei Aldrich entweder als unschuldiges Rohmaterial, das geformt und dadurch zerstört werden soll, oder als impotente und egozentrische Clowns, deren Selbstverachtung sich in Menschenverachtung gewandelt hat. Peter Finch ist brillant als ehemaliger Regiestar, der nach dem Tod seiner Muse Lylah Clare nichts mehr auf die Reihe bekommen hat. Die „Wiedergeburt“ seines Stars gibt ihm die Gelegenheit, die Vergangenheit neu zu durchleben und – vielleicht – zu ändern. Kim Novak habe ich niemals so gut gesehen. Als zweitklassige Schauspielerin Elsa ist sie gezwungen, in die Haut einer toten Frau zu schlüpfen und stellt fest, daß die Legende der Toten (all das, was die Umwelt in sie hineinprojiziert hat) viel mächtiger ist als ihr eigenes unsicheres Ego. Die graduelle Verwandlung von Elsa in Lylah ist erschütternd und wird von Aldrich in gewohnt unbarmherziger Weise eingefangen. Was bei der alten Bette Davis in BABY JANE und vor allem in WIEGENLIED FÜR EINE LEICHE an Faszination am Verfall mitschwang, wird hier noch intensiviert durch knallige Farben und grelle Beleuchtung. Durch diese Form des überhöhten Realismus wird aber keine fellinieske Verklärung erreicht, sondern eine schonungslose Enttarnung der Lügen, aus denen die Welt der Figuren besteht. Ernest Borgnine hat eine schöne Rolle als geldscheffelnder Produzent, und da der Film in Italien spielt, gibt es auch noch eindrucksvolle Auftritte von Rossella Falk, Valentina Cortese und Gabriele Tinti.
Die handelnden Figuren in Lylah Clare sind alle gefangen in ihrer eigenen Welt des Wunschdenkens, der sie sich ergeben haben aus Angst vor dem wirklichen Leben. Sie zitieren Filme, sie zitieren vergangene Situationen, alles andere wird von ihnen verlacht oder wütend bekämpft. Was immer sie bewegt in ihrer Versteinerung, riecht streng nach Sadomasochismus, Täter und Opfer rund um die Uhr. Das Hollywood, das der Film präsentiert, ist stolz auf seine Narben und Verstümmelungen und zeigt sie vor, ans Licht gezerrt von den Marktschreiern und Gebrauchtwagenverkäufern. LYLAH CLARE endet mit einer Hundefutterreklame und läßt keine Fragen offen.
Außer dieser: Warum gibt es den Film eigentlich noch nicht auf DVD?
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