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Ich habe dir niemals einen Hasenbraten versprochen - Filmforen.de - Seite 18,5

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Ich habe dir niemals einen Hasenbraten versprochen


776 Antworten in diesem Thema

#526 Cjamango

    Pauschalterrorist

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Geschrieben 26. Januar 2008, 01:37

Tödliche Versprechen (Schauburg, Gelsenkirchen-Buer)

Bei Filmen von David Cronenberg tue ich mich immer etwas schwer. Der Mann ist einer meiner Lieblingsregisseure, und wann immer ein neuer Film von ihm herauskommt, peitscht mich immer die Angst, er könne mir nicht gefallen. Man wird so ungern enttäuscht. Schier ins Unerträgliche gepeitscht wird diese Angst vom Umstand, daß mich Cronenberg eigentlich noch nie enttäuscht hat. Irgendwann, so rumpelt es in mir, muß das erste Mal doch kommen.

Es läßt weiter auf sich warten. Ich habe bei EASTERN PROMISES mit offenem Mund im Kino gesessen und war begeistert. Stumm begeistert, sehr im Unterschied zu den Prollos, die sich wie üblich um uns herumgesellt hatten und auf platzende Köpfe warteten. Auf der Leinwand wurde das Schicksal einer jungen Krankenschwester in London geschildert, die den letzten Stunden einer Frau beiwohnen muß. Schwanger und verzweifelt übergibt sie sich der Hilfsbereitschaft ihrer Mitmenschen, von der sie bis zur Stunde offenbar noch nicht viel Positives mitbekommen hat. Ihr Kind wird geboren, die Mutter stirbt. Die Krankenschwester, Anna, versucht nun, Näheres über die Identität von Mutter und Kind herauszubringen. Wie sie selber stammte die Verstorbene aus Rußland und ist in schlechten Kreisen gelandet. In ihrer Hinterlassenschaft findet sich ein Tagebuch, das Anna aber nicht übersetzen kann, da sie die Sprache ihrer Herkunft nicht mehr versteht. Ihr Onkel und ihre Tante helfen ihr beim Übersetzen. Es ist eine Geschichte von Elend und Vergewaltigung, die das kleine Buch enthält, und wie sich herausstellt, hat Annas neuer Freund Nikolai sehr viel mit der Geschichte zu tun. Und mit dem organisierten Verbrechertum...

EASTERN PROMISES ist größtenteils ein ruhiger und unspektakulärer Film. Er liefert ganz zu Beginn die blutige Exekution eines Gangsters und am Schluß einen sehr ungewöhnlichen Nacktkampf in einem türkischen Bad, der mit einem Schockeffekt endet, der mich laut hat aufkeuchen lassen. Die Darstellung der verschiedenen ethnischen Gruppen in dem Film ist sehr eindimensional – eben so eindimensional, wie sich die dargestellten Segmente dieser Gruppen selber präsentieren. Von manchen Zuschauern wurde dem Film diese Reduzierung verargt, was mich doch sehr stark an William Friedkins deutlich schlichteren CRUISING erinnert hat. Damals waren die Lederschwulen sauer, daß sie von dem Film als eitle, flanierende Abziehbilder gezeigt wurden. Mich hatte schon damals gewundert, ob die Kritiker jemals in ihrem Leben in einer Disco zugegen gewesen waren, wo Unsicherheit und Geltungsbedürfnis erfahrungsgemäß Stammgäste sind – der Fleischmarkt läuft eben so, egal ob gay oder hetero. EASTERN PROMISES hat zwar eine weibliche Protagonistin, handelt aber mindestens ebenso ausführlich von den männlichen Figuren, die alle hart zu sein versuchen in einer Welt, die nun mal nicht nach ihren Regeln tanzt. Man kann so hart und brutal sein, wie man möchte – das Leben ist trotzdem härter und putzt einen weg, wenn man seine eigenen Gesetze schmiedet. Es findet sich immer jemand, der den Selbstbetrug aufdeckt. Nikolai, zum Beispiel, ist nur der Chauffeur von Russenmafiosi, will aber ein Kingpin werden und hat seine eigenen Geheimnisse im Busen. Sein Gesicht – brillante Leistung von Viggo Mortensen, der nicht zu Unrecht für den Oscar nominiert wurde – ist eine stählerne Maske, aber man muß nur einmal den Russenboß (gespielt von Armin Müller-Stahl) sehen, mit all seiner trügerischen Großvater-Freundlichkeit, um zu merken, daß nur komplette Unmenschlichkeit in diesem Haifischbecken was reißt. Der Sohn von Müller-Stahl, Vincent Cassel, ist offensichtlich latent homosexuell, haßt Schwule und leidet darunter, daß sein Vater ihn nicht für voll nimmt. Er steht drauf, die ukrainischen Schlampen richtig derbe ranzunehmen und als Fickgemüse zu benutzen. Anna will nur dem Baby eine Familie verschaffen, doch die wohnt weit entfernt in Rußland, und der Vater ist Schmutz und Dreck.

Cronenbergs Filme haben immer die Eigenschaft gehabt, einem roten Faden zu folgen. EASTERN PROMISES handelt nicht von den Monstern und Mutanten des phantastischen Kinos, sondern von ihren realen Entsprechungen: Menschen, die ihre Identität verloren haben, sich ihre Identität simulieren, und für die Wahrung des Scheins zum Äußersten bereit sind. Wie üblich holt Cronenberg aus seinen Schauspielern alles heraus. Mortensen, Naomi Watts und Cassel sind exzellent. Im Original standen den Schauspielern angeblich auch Sprachtrainer zur Verfügung, die ihnen die dialektalen Feinheiten verschiedener russischer Volksgruppen nahebrachten. Die deutsche Synchro ist ebenfalls ungewöhnlich gut geraten und läßt den Film funktionieren. Ich brauche noch eine Zeit lang, um den Film richtig zu verdauen, aber toll finde ich ihn schon jetzt – da gibt es kein Vertun.
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#527 Cjamango

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Geschrieben 29. Januar 2008, 14:08

The Touch Of Her Flesh (DVD)

Die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts erlebten den Aufstieg des sogenannten „nudie cuties“ und eine Fülle von Filmen, in denen weibliche wie männliche Nacktheit als zuschauerziehende Attraktion angeboten wurde. Gleichzeitig mußte sich die Prüderie der Zensurbestrebungen einiger Bundesstaaten mehr und mehr in die Ecke drängen lassen. Zunächst geschah dies noch auf der Grundlage eines amüsanten Etikettenschwindels: Filme, die etwa von den Geschehnissen in sogenannten Nudistencamps handelten, gaben vor, lediglich Natürlichkeit und ein soziologisch bedeutsames Alternativmodell zu gängigen gesellschaftlichen Prinzipien zu dokumentieren. Mit Sex hatte das alles angeblich gar nichts zu tun. In Wirklichkeit war es freilich nur die Aussicht auf entblößte Brüste in Leinwandgröße, die die Leute in Scharen in die Kinos trieb. Nach einigen Gerichtsprozessen durfte dann das Feigenblatt fallen – Sex wurde zum Thema der Filme. Und da der Anreiz, den nackte Menschen darstellten, bald zu verblassen begann, wurden auch andere Sensationen in die Lichtspiele eingebracht, namentlich eine Verflechtung von Sex & Crime. Die „Roughies“ waren geboren.

Daß ich von Filmemacher Michael Findlay bis jetzt nur seinen berüchtigten Horrorfilm SNUFF und den auf charmante Weise unterproduzierten Bigfoot-Schocker SHRIEK OF THE MUTILATED gesehen hatte, lag vor allen Dingen daran, daß es sehr schwierig ist, seine Filme aufzutreiben. Bei seiner Ehefrau Roberta hat man es da schon leichter, da ihre Horror- und Pornofilme sich einer mehr oder weniger berechtigten Popularität erfreuen. Nun hatte ich endlich mal die Gelegenheit, Michaels 1967 bis 1968 produzierte Roughie-Trilogie zu sehen, die mit THE TOUCH OF HER FLESH begann, und was soll ich sagen – Hammer!

Der stilvolle Schwarzweißfilm, der die Serie einläutete, erzählt die Geschichte von Richard Jennings, gespielt von Findlay höchstselbst. Jennings hat ein Buch über Waffen geschrieben, das ihn auf Waffenkongressen überall in den Staaten zum begehrten Redner macht. Seiner Frau Claudia ist das sehr recht, denn sie hat einen Liebhaber, Steve. Doch der Kater kehrt überraschend nach Hause zurück und ertappt die Mäuse beim Tanzen. Entsetzt flüchtet er auf die Straße und läuft direkt vor ein heranpreschendes Auto. Bei dem Unfall verliert er ein Auge und landet im Rollstuhl. Verbittert, entmannt und voller Haß und Selbstverachtung zieht er sich in den Schmollwinkel zurück. Er wird zum aktiven Frauenfeind, und als er seinen ersten Mord begeht, merkt er, daß er seine Berufung entdeckt hat: Er will die Welt von Schmutz & Übel befreien. Und natürlich konzentriert sich seine neugewonnene Misogynie erst einmal auf die Frau, die ihm die Ehre geraubt hat...

TOUCH OF HER FLESH quillt über vor exzentrischen Bildern, macht die ganze Welt (von New York City und Umgebung) zu einem Noir-Panoptikum, in dem sich Menschen tummeln, die vergeblich versuchen, ihr großes Glück zusammenzubauen. Jennings wirkt da wie ein Kastenteufel, der den Leuten das gibt, was sie sich im Grunde ersehnen. Wäre die Trilogie nicht von einem schelmischen Humor durchzogen und einer durchaus beabsichtigt wirkenden grotesken Note, müßte man sich um Herrn Findlay direkt Sorgen machen. In der vorliegenden Form aber handelt es sich bei TOUCH um ein hochgradig delektables und – gemessen am niedrigen Budget und dem ästhetischen Standard damaliger Autokinoware – ausgesprochen ansehnliches Gespinst aus Fetisch-Sexszenen und augenrollendem „crazy man act“. Findlay wirkt dabei ausgesprochen überzeugend und mal so richtig verbiestert. Die Gewaltdarstellungen sind sehr artifiziell und in ihrer offensichtlichen Harmlosigkeit eher belustigend. Daß jemand den Sadismus dieser Filme als anstößig empfindet, halte ich für unwahrscheinlich. In den Folgeteilen, THE CURSE OF HER FLESH und THE KISS OF HER FLESH, hat Jennings seinen Rollstuhl mit einem coolen Gehstock vertauscht und rückt der sündigen Weiberwelt u.a. mit vergiftetem Sperma zuleibe. Auch bemerkenswert eine Szene, in der sich ein vormaliges Opfer an ihm rächen will und mit Hilfe eines Bindfadens eine sinnvolle Verbindung zwischen seinem Dödel und einer Schrotflinte herstellt. Die daraus resultierende Sexszene bezieht ihren Reiz daraus, daß Jennings nicht „reagieren“ darf, weil ihm ansonsten die Männlichkeit stiften geht – ätschebätsch! Sehr innovativ fand ich den Vorspann von CURSE, der auf die Wand eines Kneipenklos geschmiert ist, inmitten anderer eindeutiger Botschaften...

Kurz und gut: Lustvoller Sleaze, dessen mögliche Widerlichkeit von einem ausgeprägten Sinn für das Spielerische abgemildert und für Fans solcher Filme genießbar gemacht wird. Wer alte Doris-Wishman-Filme wie BAD GIRLS GO TO HELL mag, wird bei der FLESH-Trilogie sein Halleluja finden, und auch im Zusammenspiel mit den „Coffin Joe“-Filmen von José Mojica Marins kann ich mir die Aktivitäten von Mr. Jennings sehr gut vorstellen. In den Filmen gibt es ein Wiedersehen und vor allen Dingen -hören mit Frau Roberta, und auch John Amero von den Amero-Brüdern taucht auf, mit denen das Ehepaar noch des öfteren zusammenarbeiten sollte. Der New Yorker Exploitation-Underground war wirklich eine sehr faszinierende Angelegenheit. Michael drehte noch eine ganze Reihe anderer Sexploiter sowie einige Pornos (einer davon in 3-D!), bevor er 1977 bei einem tragischen Helikopterunfall auf dem Dach des PanAm-Gebäudes ums Leben kam. Da war es dann leider endgültig vorbei mit Richard Jennings, Frauenfeind und Berater in Fragen des stilvollen Meuchelns...

Bearbeitet von Cjamango, 29. Januar 2008, 14:12.

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#528 Cjamango

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Geschrieben 29. Januar 2008, 14:40

Evil Come, Evil Go (DVD)

Ein früher Westküsten-Sexploitation-Veteran war Walt Davis, unbesungen, aber immer noch in Gestalt von diversen „crotch operas“ der siebziger Jahre nachvollziehbar. Seine Aktivitäten erstreckten sich von Softcore-Streifen à la THE DICKTATORS bis zu vorsätzlicher Ferkelware, die er gelegentlich sogar selbst in Szene setzte. Die Liste seiner Teilnahmen an abendfüllenden Filmen wie auch kurzen „Loops“ dürfte noch bedeutend länger sein, als dies die IMDb vermuten läßt. Die von ihm selbstinszenierten Filme verfügen meistens über einen leichten, unbeschwerten Grundton, mit Ausnahme selbstverständlich des berüchtigten Splatterpornos SEX PSYCHO, in dem er sogar homosexuellen Sex praktiziert. (Letzteres eine ausgeprochene Seltenheit in den heterosexuell orientierten Werken jener Tage.)

Aber auch Davis hatte augenscheinlich Lust darauf, mal einen „normalen“ Film zu drehen. Er tat sich mit „Johnny Wadd“-Erfinder Bob Chinn zusammen und drehte EVIL COME, EVIL GO, einen reizvoll aus der Art geschlagenen Hybriden irgendwo zwischen Serienmörder-Psychothriller und Sexploitation.

EVIL COME: Schwester Sarah Jane ist vom Geist des Herrn beseelt und will mit dem Flammenschwert ihrer Mumu ihr ganz privates Gospel unter die Menschheit tragen. Zu fröhlicher Country-Musik (Eigenkompositionen für den Film!) wird klargestellt, wie das geht: Sie greift sich in Autobahnraststätten oder Schmuddelbars Herren der Schöpfung ab, spitzt sie an bis zum Gottserbarmen und weidet sie dann fachgerecht aus. Das macht sie aber nur nachts. Tagsüber stellt sie sich in einer Art Heilsarmee-Gewand an die Straßenecke und dudelt auf ihrem Akkordeon. Dabei lernt sie die vollschlanke Penny kennen, die ebenfalls schwer einen an der Murmel hat. Da Penny keine Männer mag und leicht beeinflußbar ist, sucht sie ein Alphaweibchen und meint, dies in Schwester Sarah Jane entdeckt zu haben. Gemeinsam macht man sich auf, die Männerwelt letal abzurocken. Doch nichts ist von Dauer...

EVIL GO: Man kann kaum sagen, der Film wäre ein verschollener Klassiker des Horrorgenres. Wohl aber weiß er zu gefallen durch seine Exzentrizität. Einige drastische Sexszenen mit nicht immer attraktiven Akteuren weisen darauf hin, daß die Macher von Haus aus pornogestählt sind, aber gleichsam merkt man dem Film an, daß es den Crewmitgliedern sehr gefallen hat, mal „was anderes“ zu machen. EVIL EVIL geht splattermäßig in den wenigen Mordszenen in die Vollen, gibt sich ansonsten aber redlich Mühe, seine Hauptfigur glaubhaft zu gestalten. Schwester Sarah Jane wirkt wie eine psychopathische Extremversion der Sektenprediger, die die Vereinigten Staaten bereits seit Beginn ihres Bestehens durchstreift haben. Wie grotesk ihre „holy roller“-Attitüde auch wirken mag – solche Leute gibt es, und zwar beunruhigend viele davon! Daß ausgerechnet Pornofilmemacher sich mit diesem Thema befassen, leuchtet ein, da moralische Heuchelei und andauernde Drangsalierungen in der P-Industrie der 70er an der Tagesordnung waren. Der Film offeriert ein buntes Potpourri aus christlichem Liedgut, darunter „Glory Glory Hallelujah“. Schwester Sarah Jane singt halt gerne. Heutigen Horrorfilmfans dürfte das Tempo, das der Film anschlägt, zu gemächlich sein, aber wer Lust hat auf einen morbiden und teilweise hübsch riskanten Horror-Roadmovie, kann sich mal mit der DVD befassen, die den Film in ordentlicher Qualität präsentiert. Ich habe ja ein ausgeprochenes Faible für Seventies-Horror...

Bearbeitet von Cjamango, 29. Januar 2008, 14:44.

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#529 Cjamango

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Geschrieben 06. Februar 2008, 11:54

Prey (2007) (DVD)

Familie Newman macht Urlaub in Afrika, genießt die warme Sonne und die drolligen Tiere, die überall am Wegesrand stehen. Bei einer Privatexkursion versucht Stiefmutter Amy, das Herz ihrer renitenten Stieftochter Jessica zu gewinnen, die ihren Daddy nicht verlieren will. Bevor sich zwischen den beiden Frauen etwas Sinnvolles herausmendeln kann, kommt es zu einem Eclair, als der kleine David pinkeln muß: Ein Löwe greift an und verwandelt den Reiseführer in kleine Schnipsel. Die kleine Familie (minus Papa) sitzt nun fest, umgeben von hungrigen Raubkatzen. Was tun? Sich fressen lassen?

Das wäre eigentlich eine gute Idee gewesen, denn PREY leidet im wesentlichen darunter, daß man den Löwen bei der Verrichtung ihrer Arbeit alles Gute wünscht. Die Löwen: prachtvolle, elegante Tiere, die nichts anderes machen, als den Gesetzen der freien Wildbahn zu ihrem Recht zu verhelfen. Gesetzeshüter im Naturpelz – wo gibt es das schon? Die Menschen: deplazierte Ruhestörer, die keinen Tacken Respekt vor der Natur haben und sich in ihrer Schimmerlosigkeit als Herren ihres Geschicks wähnen. Tatsächlich nicht einmal dazu in der Lage, simple zwischenmenschliche Unstimmigkeiten zu lösen. Diesen Unstimmigkeiten räumt PREY viel Zeit ein, und ich befürchte, daß die Figuren dem Zuschauer sympathisch sein sollen. Sind sie aber nicht. Tochter Jessica ist blond, für ihr Alter ziemlich doof und quengelt andauernd herum. Ganz schlimm wird das, als die Situation haarig, um nicht zu sagen: pelzig wird. Ich hätte dem halslosen Zwerg links und rechts eine gescheuert. Die Löwen hätten diese Situation schnell bereinigt. Als Problemlöser sind sie sozusagen naturbegabt, und die Hyänen und später die Bakterien hätten dann den Rest besorgt. Da der südafrikanische Regisseur Roodt offenbar keinen brauchbaren Drehbuchautor am Start hatte, benehmen sich die Charaktere wie die Narren und scheinen wie versessen darauf zu sein, sich in lebensbedrohliche Situationen zu bringen. Das nimmt teilweise den Charakter einer unfreiwilligen Komödie an. Wie blöd kann man sein? Als „Monster“ kann man den (etwa drei) Löwen attestieren, daß sie hübsch aussehen. Sie wirken nur nicht wirklich bedrohlich. Wie üblich dürfen sie herhalten als potentiell bedrohliche Geschöpfe, denen der simple Umstand, daß sie einen Menschen bei Bedarf ratzfatz aufreißen können, zum schwarzen Peter gemacht wird. Dabei sind sie so schön und anmutig! Und sie sind hungrig. Ich habe mit den Löwen gelitten, denn sie haben ihr Festtagsmahl direkt vor der Schnauze, kommen aber nicht ran, weil es eingebüchst ist, und kein Büchsenöffner in der Nähe. Wie gemein und selbstsüchtig. Da Roodt schon in früheren Filmen bewiesen hat, daß er ein Apartheid-Gegner ist, werden die wenigen Schwarzen, die mal vorbeischauen, wenigstens nicht als Bösewichte, sondern lediglich als genehme Zwischenmahlzeit dargestellt. Das ist aber schon der einzige Pluspunkt, den der Film anzubieten hat. Wer sich PREY dennoch ausleiht, kann sich ja mal den Spaß machen, alle Dinge aufzuzählen, die die Protagonisten verkehrt machen. Mein persönlicher Favorit ist: Wenn man denn schon einmal den Schlüssel für den Jeep wiedergefunden hat, ohne Bremse wie ein Besengter durch die Serengeti preschen, bis man zweihundert Meter weiter in eine Böschung fährt und hängenbleibt. Da habe ich lauter gebrüllt als die Löwen. Erneut: Wie blöd kann man sein? Dieser Film geht der Frage nach.
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#530 Cjamango

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Geschrieben 06. Februar 2008, 12:22

Der Nebel (Multiplex, Gelsenkirchen)

Die Kombination von Stephen King und Frank Darabont hat ja schon im Falle von DIE VERURTEILTEN und THE GREEN MILE für gute Kinounterhaltung gesorgt. DER NEBEL setzt diese schöne Tradition jetzt fort: Ein junger Vater, der mit seiner Familie nach Neuengland gezogen ist, besucht mit seinem kleinen Sohnemann einen ländlichen Supermarkt. Plötzlich zieht der titelgebende Nebel auf. Irgendetwas ist in diesem Nebel. Es ist nicht nett. Es ist sogar absolut tödlich. Was tun?

Das ist die simple Ausgangssituation von THE MIST, der seine Stärke dadurch erhält, daß er sich sehr lange Zeit läßt, bevor die Bedrohung konkret wird. Wenn sie den Eingeschlossenen immer unmißverständlicher bewußt gemacht wird, besitzt der Film die Schlauheit, den Zuschauer wie die Protagonisten immer noch in kompletter Unklarheit zu lassen, was da eigentlich vor sich geht. Riesige Tentakel, merkwürdige Tiere – what the...? Das Augenmerk der Narrative liegt auf den Bemühungen der Menschen, ihre Situation irgendwie zu meistern. Das wird auch recht glaubhaft und sinnvoll entwickelt, wie auch das langsame Aufwallen von Panik und Gruppenbildung sehr nachvollziehbar geschildert wird. Das Drehbuch enthält einige schöne misanthropische Dialogzeilen, die die gruppendynamischen Entwicklungen angemessen kommentieren. Nicht alle Menschen verhalten sich edel. Genaugenommen verhält sich kaum jemand edel, sondern versucht im Moment der Gefahr nur, seine eigene Haut zu retten. Und wenn keine Hoffnung mehr da zu sein scheint, wendet man sich dem gläubischen Schnickschnack zu. Marcia Gay Harden glänzt als religiös fanatisches Dorforiginal, das am Anfang noch jedermanns Lachnummer ist, aber mehr und mehr zum Alphaweibchen mutiert. Auch ansonsten ist der Film ansprechend besetzt, ruhig und unaufdringlich inszeniert und verbreitet mit den spärlichen Monsterauftritten genau das richtige Maß an Bedrohlichkeit, das man braucht, um die menschliche Story des Filmes packend zu halten. Insgesamt ein Film, der bei mir während des Ansehens gewachsen ist. Zu Beginn hielt ich ihn noch für nette, ansprechende Feierabendunterhaltung. Dann wurde er zunehmend richtig spannend. Und das Ende ist ein völliger Mund-offen-vor-Staunen-Kracher, ein Klassiker im Horrorgenre. Kurz und gut, bei THE MIST kann man wirklich nicht viel verkehrt machen. Und das Kinopublikum war endlich einmal wieder richtig still und gesittet – toll!

Bearbeitet von Cjamango, 06. Februar 2008, 12:24.

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#531 Cjamango

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Geschrieben 11. Februar 2008, 12:38

Blood Moon (Video)

Mein übernächster SI-Artikel wird von Actionfilmen handeln, die ich aus der 99-Cent-Grabbelkiste meiner bevorzugten Videothek geborgen habe. Auch einige Horrorfilme sind mir dabei in die Hände gefallen, darunter BLOOD MOON, ein schönes Beispiel für End-80er-Ranz.

Britt Ekland war eine sehr hübsche Schwedin, die dem Agenten mit der Doppelnull begegnete und einem fiesen Zwerg. Jetzt sitzt sie im Gefängnis, brabbelt Unverständliches und bringt den Originaltitel des Filmes – MOON IN SCORPIO – bereits dreimal unter, bevor überhaupt der Vorspann läuft. Nachdem der Anfang des Filmes den Zuschauer in durchaus unheilsame narrative Wirrnis gestürzt hat, erzählt Britt dem Direktor eines Sanatoriums von ihrem frischgebackenen Ehemann Alan (John Philip Law), der von Erinnerungen an seine Vergangenheit als professioneller Schlagetot in Vietnam gebeutelt wird. Es setzt ausgesprochen drollige Vietnam-Flashbacks, bei denen einige der bekannteren Archivmaterial-Vietnamschnipsel mit Szenen aneinandermontiert werden, in denen kostümierte Laien versuchen, durch den Bürgerpark zu laufen, ohne sich auf die Nase zu legen. Das ist nicht leicht, da die gesamte Umgebung mit Trockeneisnebel zugepöllert ist – der Krieg war die Hölle. Alan und seine Kriegskumpel werden uns von Britt der Reihe nach vorgestellt, was sehr lustig ist, da das Drehbuch von dem bekannten Autorenteam Dürr'n'Matt stammt: „Burt, der geborene Soldat, immer in Bewegung. Und Alan, ein Mann voller Zweifel – ein Philosoph!“ Der Philosoph, John Philip Law, leidet obendrein an Schmierchargitis, die Krankheit, bei der man sich vor laufender Kamera in ein Stück Holz verwandelt. Law war mal der Engel in dem tollen BARBARELLA und durfte sein hübsches Gesicht durch eine Reihe von Italowestern tragen, bevor er zum Stammgast in zumeist actionlastigen Videopremieren wurde. Hier wird er Zeuge grauenhafter Kriegsverbrechen (eine vietnamesische Frau wird von Burt umgeschossen und klammert sich sterbend an Laws Bein fest), fällt dann in einen Tümpel und kämpft mit einem Skelett aus Gummi. Auch geht ganz in der Nähe eine Brandbombe los. It's Trauma-time, baby! Natürlich trägt Law einen schweren Rappel davon und bekommt jedesmal Zuckungen, wenn er Wasser sieht. Seine Grimassen sind possierlich anzuschauen und eine Mahnung an die Schrecken des Krieges. Egal, er und Britt heiraten. Bereits auf der Heimfahrt von der Kapelle eröffnet er seiner Ehefrau, daß er die Flitterwochen mit einer Segeltörn einläuten will – nur er, Britt, seine beiden Kriegskumpel und deren Gattinnen. Verständlicherweise hat Britt etwas dagegen, erklärt sich aber schließlich dazu bereit, den Quatsch mitzumachen. Als sie an Bord kommen, werden sie von Burt empfangen, der von William Smith gespielt wird, einem Action-Urgestein. Hier sieht er aus wie der Mann, der in der Grundschule die Milchtüten in die Automaten stellt, und es gibt keinen schmutzigen Witz, den er nicht kennt. Seine Freundin ist eine blonde Schnatze mit einem fürchterlichen Frisurenproblem, das sie gekonnt mit Alkohol bekämpft. Als Law und Britt an Bord kommen, liegt sie barbusig auf dem Deck und redet Unfug. Britts Erzählerstimme kommentiert das überraschenderweise mit: „Es war ein wunderbares Boot, und alle schienen sehr nett zu sein.“ Kumpel Mark sieht aus wie ein kokainsüchtiger Pornoproduzent; seine Freundin Isabel benimmt sich wie ein notgeiles Luder und baggert alle an, sogar den heruntergekommenen Burt. Gespielt wird sie von Playboy-Playmate April Wayne, die in der IMDb zitiert wird mit den Worten: „I have no regrets about any of the work I've done. You have to live life. God gave me a great body and I'm not ashamed of it. It's perfect.“ Ich hoffe, daß auch Robert Quarry so denkt, der einstmals von „American International Pictures“ zum neuen Horrorstar aufgebaut werden und Vincent Price ersetzen sollte. In seinen späteren Jahren ging er gut in die Breite und entwickelte sich zu einem angemessenen Ersatz für Cameron Mitchell, wenn dieser mal keine Lust hatte, in Filmen wie DER BOHRMASCHINEN-KILLER aufzutreten. (Was selten der Fall war.) In BLOOD MOON sitzt er die ganze Zeit über an einem Tisch und läßt sich von Britt ihre Geschichte erzählen. Dazwischen tauscht er sich mit einer Krankenschwester aus: „Was dieser Vietnamkrieg uns schon Patienten beschert hat...“ – „Wo ist der Unterschied? Wenn es nicht der Krieg ist, dann ist es eben das Wettrüsten, die atomare Verseuchung. Es gibt immer etwas, das die Menschen in den Wahn treibt.“ – „Wir müssen es nehmen, wie es ist...“ Es kommt, wie es kommen muß: Ein geheimnisvoller Unhold schnetzelt die Schiffsbesatzung zu Tode. Wer ist der Mörder?

Wen kümmert's? BLOOD MOON ist ein typisches Dumm-Dumm-Geschoß seiner Zeit, das man sich als 99-Cent-Partytape durchaus zu Gemüte führen kann. Qualitativ ist das unterste Kajüte, aber mit Herrn Zion werde ich bei diesem Werk viel Spaß haben – ich muß da mal was anleiern... Abgesehen davon, daß das Drehbuch in punkto Charaktermotivation etwa den Standard von Pixie-Büchern erreicht, liefert es eine befriedigende Anzahl von Trash-Zeilen, bei denen man schon einmal herzhaft aufjault. Regisseur Gary Graver war früher Kameramann im Al-Adamson-Umfeld und durfte auch zweimal mit Orson Welles zusammenarbeiten. Mit seinen Ausflügen ins Pornogenre (für die er das Pseudonym Robert McCallum verwendete) wurde er nur sehr ungern assoziiert, was schade ist, da er dort einige sehr bemerkenswerte Leistungen zustandebrachte, u.a. den netten Porno-Krimi AMANDA BY NIGHT. Seine Ehefrau Jill spielte auch in diversen seiner „trockenen“ Filme mit. In BLOOD MOON ist sie die trunksüchtige Ehefrau von William Smith. Ich weiß nicht, wie ich den Text beenden soll. Deshalb zitiere ich noch einmal Britt Ekland: „Es war ein wunderbares Boot, und alle schienen sehr nett zu sein.“ Wie schon gesagt: 99 Cent.

Bearbeitet von Cjamango, 11. Februar 2008, 12:39.

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Geschrieben 09. März 2008, 13:05

30 Days Of Night (DVD)

In Alaska gehen für einen Monat die Lichter aus. Ein letztes Mal über schneebedeckter Kruste mit der Liebsten den Sonnenuntergang bewundern. Danach dann entweder die Bettdecke über den Kopf ziehen und Winterschlaf halten oder im Dunkeln munkeln. Das kann sehr romantisch sein. Wenn nun aber grauenerregende Kreaturen kommen, die die ganze Ortschaft, in der man wohnt, auslöschen wollen, kann Dauerfinsternis zu einer erheblichen seelischen Belastung führen. Das erlebt Dorfsheriff Eben Oleson (Josh Hartnett), der eigentlich vor hat, über den Finstermonat eine ruhige Kugel zu schieben und so nebenbei seine Ex-Freundin wiederzugewinnen. Stattdessen: Vampire, Vampire, Vampire. Man kennt das ja. Und was die Viecher nerven...

Tja, 30 DAYS OF NIGHT macht klar Schiff im Land der Eisheiligen. Die Vorlage – eine „graphic novel“ – kenne ich wieder einmal nicht, aber man muß dem Film schon lassen, daß er es geschafft hat, mich und meine Freundin richtig zu verjagen. Ironie und sonstiger relativierender Klimbim liegt dem Film fern. Ist man zu Anfang noch versucht, sich über die Blixa-Bargeld-Schreie der bösen Kreaturen und ihr Pancake-Makeup lustig zu machen, so gefriert der Spott sehr bald, denn die grimmigen Besucher sind übel, übel, übel. Die machen keine Gefangenen und sind mal so richtig gefährlich. Wirken Vampire in neueren Horrorschockern (vgl. etwa KÖNIGIN DER VERDUMMTEN, Uncle Ben's Anne Rice) meistens wie unselbstbewußte Schockrocker mit starkem Hang zur Selbstinszenierung, verschwindet die Affinität zur letzten Gothic-Nacht sehr rasch hinter dem hungrigen, gierigen Drang der Invasoren zur völligen Vernichtung allen Lebens – was nicht schnell genug auf den Bäumen ist, wird gerissen. Dabei wirken sie wie eine Mischung aus Vampiren und den aus unzähligen DVD-Premieren sattsam bekannten Zombies, denn vernichtet werden können sie nur mit Kopf-ab. Der häufig eingesetzte „Shutter-Effekt“ (=wildes Gewackel, scharfe Kontraste, metallische Farben) erinnert an 28 DAYS LATER, und ähnlich bedrohlich kommen die überzeugten Nicht-Vegetarier auch rüber. Neu ist die recht effektive gutturale Fremdsprache, mit der die Wesen sich unterhalten – das klingt ein wenig so, als würden die Worte nicht aus dem Mund gedrückt, sondern eher in ihn hineingesaugt. Im Unterschied zu ähnlich gelagerten Filmen aus der jüngeren Zeit durfte ich das Ungemach der Helden jedenfalls wieder richtig Ernst nehmen, und das liegt auch an der recht kompetenten Inszenierung. Regisseur David Slade hat vorher nicht nur diverse Aphex-Twin-Videos gemacht, sondern auch den nervenzerrüttenden Psychothriller HARD CANDY. In 30 DAYS OF NIGHT wird die begrenzte Lokalität der von Schneemassen eingeschlossenen Ortschaft und die prekären Lichtverhältnisse auf ausgesprochen wirkungsvolle Weise genutzt. Es gibt einige formale Leckerli, unter anderem eine tolle Über-Kopf-Kamerafahrt, die die Verheerungen protokolliert, die die Ortschaft ertragen muß – Gemetzel aus 100 Meter Höhe ist keine Actionnummer mehr, sondern nur noch beklemmend. Also: Keine Kasperei, sondern schockgefrosteter Horror, bei dem einem das Blut in den Adern rasch unter Null gerät. Nichts für zarte Nerven. Cooler Film. Wird gekauft.
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#533 Cjamango

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Geschrieben 09. März 2008, 13:38

Sunshine (DVD)

Nein, es handelt sich nicht um eine Wiederbelebung der alten „Like ice in the sunshine“-Reklame! Wegen des zahmen Titels und der „Ab 12“-Freigabe bin ich an diesem SF-Thriller eher mißtrauisch vorübergegangen, aber der Name Danny Boyle hat mich dann doch dazu bewogen, dem Film mal eine Chance zu geben. Und zu recht, denn während man es sicherlich nicht mit einem Klassiker des SF-Kinos zu tun hat, handelt es sich doch um eine dezent nostalgische und teilweise recht spannende Angelegenheit aus dem Land der Raumschiffe und der dem Untergang geweihten Erdkugeln.

Die Hitze der Sonne geht nämlich zur Neige. Damit man auch in Zukunft noch „Good Day Sunshine“ singen kann, wird eine 8-köpfige Raumschiffcrew ins All geschickt, um den glimmenden Bullerball mit einigen strategisch günstig plazierten Sprengungen wieder auf Vordermann zu bringen. Wie immer in solchen Fällen erweisen sich die seelischen Belastungen einer jahrelangen Reise als idealer Nährboden für psychosoziale Spannungen. Auch sind diverse Faktoren falsch kalkuliert worden, was zusätzlich für Unbilden sorgt. Und dann kommt noch ein ALIENeskes Notsignal hinzu, das von einer vor Jahren entsandten und totgeglaubten Expedition stammt...

SUNSHINE funktioniert ein wenig wie die naiven Öko-SF-Thriller aus den 70er Jahren, etwa SILENT RUNNING. Die einigermaßen realistische Schilderung der Befindlichkeit der Schiffsbesatzung geht dann mehr in Richtung ALIEN, während die musikalische Berieselung in die 80er Jahre weist – Boyle halt. Und einige Elemente des Filmes gehören dann eher in die Liga der klassischen „space operas“, so Richtung „Blinder Passagier, und der Luftvorrat geht allmählich zur Neige“. Das alles funktioniert ausgesprochen gut und ist dank guter Schauspieler auch recht ernstnehmbar. Was den Hang des Filmes zum Philosophieren angeht (die Sonne als transzendentaler Fokus für Menschen, denen alles Transzendentale angesichts völliger Technisierung abhanden gekommen ist), so stört das nicht, sondern erinnert ebenfalls an idealistische 70er-Jahre-Sci-Fi. Als milde störend empfand ich lediglich das etwas konfuse Finale. Ich weiß, wenn ich mir einen Film ansehe, ja ganz gerne, was gerade vor sich geht. (Vielleicht war ich auch nur zu angeschickert, kicher.) Auch hätte man sich das Auftauchen eines Schrumpelmonsters im Schlußakt eigentlich knicken können. Das wirkte so, als hätten die Produzenten kalte Füße bekommen und auf einem traditionellen Butzemann bestanden. Aber gemessen an meinem Mißtrauen, mit dem ich an den Film herangegangen bin, wurde ich angenehm überrascht von einem kurzweiligen und auf angenehme Weise anachronistisch wirkenden Weltall-Thriller. Sehr okay.
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Geschrieben 25. März 2008, 11:16

American Gangster (DVD)

Aufstieg und Niedergang von Frank Lucas, Drogenhandel-Kingpin und Menschenfreund.

Gangster-Epen mag ich an und für sich total gerne. Es ist ja nicht uninteressant, warum einige Mitmenschen – anstatt etwa Klavierstimmer oder Brezelbäcker zu werden – „auf die schiefe Bahn geraten“ und sich für ein Leben der Brutalität und des Verbrechens entscheiden. Der Frage, warum das so ist, geht AMERICAN GANGSTER leider nicht hinreichend nach und entscheidet sich stattdessen für einen dekorativen Bilderbogen, und da als Regisseur dieses üppig budgetierten Werkes Ridley Scott verantwortlich zeichnet, sieht der Bilderbogen natürlich auch sehr schniek aus. „Gefällig“ ist das Wort. Trotzdem fühlte ich mich beim Betrachten merkwürdig uninvolviert, war mir der Werdegang des Protagonisten doch abseits der sensationalistischen Details – Sex & Crime – relativ egal. Es wird angedeutet, daß Lucas – der aus einer armen schwarzen Familie in North Carolina stammt – einen merkwürdigen Mix aus Überlebenswut und kaufmännischem Gebahren beigebracht bekam, letzteres von seinem Mentor, einem mittelgroßen Gangster namens „Bumpy“. Er ist zielstrebig, familienbewußt und diszipliniert. Teilweise wirkt er sogar recht sympathisch, wenn er nicht gerade jemanden auf offener Straße mit einem Schuß in den Kopf exekutiert. Doch fällt es schwer, Verständnis für den erfolgreichen Herren aufzubringen, und Denzel Washington bekommt eigentlich nicht viel zu tun. Vielleicht rächt sich hier ein klein wenig die ambitionierte Zweiteilung der Erzähllinie, da neben der Gangstergeschichte auch die Geschichte der Gesetzeshüter dargereicht wird am Beispiel des ehrlichen Cops Richie Roberts (Russell Crowe mit gruseliger Frisur). Auch über Roberts wird während der immensen Laufzeit des Filmes eine Menge an Randdetails ausgeschüttet. So erfährt er Probleme damit, daß er 1 Million Dollar Verbrechergeld gefunden hat, diese dann aber auch tatsächlich abgeliefert hat, anstatt sich die Sonne Hawaiis auf den Bauch brennen zu lassen. (Das war der für mich einzige wirklich originelle Faktor der Geschichte: Ein Cop, der seinen Außenseiterstatus dadurch verdient, daß er ehrlich ist...) Seine Ehe ist auch schon den Bach runtergegangen, und man darf dem Sorgerechtstreit um den gemeinsamen Sohn beiwohnen. Hmmh. In einem dicken James-Ellroy-Roman funktioniert so was immer – warum hier nicht? In gewisser Weise erinnerte mich der Film an ein Fußballspiel zweier überaus begabter Mannschaften, die sich gegenseitig neutralisieren und bei denen man dann das Gefühl hat, man könne noch eine Stunde weiterspielen – es würde doch nichts dabei rumkommen. AMERICAN GANGSTER klotzt ran mit attraktiven Details – so kennen wir die 70er – und will doch mehr sein als nur ein Post-Blaxploitation-Actionfilm. Es hätte ihm aber m.E. gut zu Gesichte gestanden, genau das sein zu wollen, denn die wahre Geschichte des realexistierenden Frank Lucas läßt sich vermutlich nicht angemessen in einen glitzernden Hollywoodfilm hineinpacken. Brian de Palmas SCARFACE erzählt zum Beispiel zweieinhalb Stunden lang knalligen Hokomoko mit höchstens ideellem Realitätsbezug, funktioniert aber glänzend. AMERICAN GANGSTER fummelt unsäglich lange mit der Exposition seiner Hauptfiguren herum und kommt dann erst in der letzten Stunde etwas in Fahrt. Da hilft es auch nichts mehr, wenn der historische Hintergrund (Vietnamkrieg, Nixon) noch eingestreut wird, denn er wirkt mehr wie all das lokalkoloritische Zierat, aus dem der Film zum größten Teil besteht. Die dramatische Wucht eines DER PATE erreicht der Film in keinem Moment. Weswegen ich auch eingestandenermaßen enttäuscht bin, denn erwartet hatte ich nach dem Trailer eine ganze Menge. Gut anzuschauen ist der Film in jedem Fall, keine Frage, und eine mit COTTON CLUB vergleichbare Katastrophe findet hier auch nicht statt, aber er hätte halt das Zeug dazu gehabt, einer von meinen Lieblingsfilmen zu werden, und sehr viel mehr als hübsche Inzidenzien habe ich hier nicht gesehen. Vielleicht war meine Erwartungshaltung auch zu hoch – na ja.
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#535 Cjamango

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Geschrieben 25. März 2008, 11:19

Until Death (DVD)

Komisch, aber dieser „Direct to DVD“-Quatsch mit Jean-Claude Van Damme hat mir deutlich mehr Spaß bereitet als AMERICAN GANGSTER. Woran liegt das?

Erst mal zur Handlung: Anthony Stowe (VD) ist Drogenbulle, und dies in mehr als einer Hinsicht, denn die Nadel steckt dem Mann bei der Ausübung seiner Dienstpflichten regelmäßig im Arm. Der große Affe auf der Schulter gehört aber noch zu seinen geringsten Problemen, denn obendrein ist seine Ehe am Kollabieren, er hat es sich mit so ziemlich allen Kollegen verdorben, und sein Erzfeind ist sein ehemaliger Partner Callahan (Stephen Rea), und der ist ihm stets eine Nasenlänge voraus. Zu allem Überfluß wird ihm auch noch eine Kugel verpaßt, und zwar direkt unters Kinn, Austritt oben auf der Schädelkapsel. Doch Stowe ist nicht kaputtzukriegen und kommt langsam wieder auf die Beine. Wird er seinen Showdown bekommen? You bet, sailor!

UNTIL DEATH ist eine vergleichbar kleine Produktion, die sich lustige Kapriolen leistet, die nicht alle funktionieren, aber immerhin für ein ungewöhnliches Seherlebnis sorgen. Zuerst einmal wird Star Van Damme sorgsam gegen den Strich besetzt und so demontiert, daß man den arroganten Dressman-Athleten von einst fast schon bedauert. Es ist wirklich nicht Stowes Tag (Monat, Jahr). Damit wir uns recht verstehen: Van Damme ist natürlich nicht Robert de Niro, aber er macht seine Sache ausgesprochen gut, vergleichbar etwa mit dem ebenfalls überdurchschnittlichen IN HELL, wo er nie für möglich gehaltenes Schauspieltalent bewies. Als Stowe wirkt er bis zu seiner Wiedergeburt als Cop etwa so, als habe er mindestens drei Nächte auf Speed durchgemacht. Der Mann ist ein Wrack, und er besitzt wirklich ein ausgesprochenes Talent dafür, sich in die Sülze zu reiten. Das Gimmick mit dem Koma verleitet den Betrachter zu Spekulationen darüber, ob so etwas in der Realität denn vorstellbar wäre: Eine Kugel quer durch den Schädel, an den Sehnerven vorbei, vermutlich durch die Zunge – kann man so etwas denn einigermaßen schadlos überstehen? Die Antwort kann nur lauten: Fuck die Realität – Van Damme kann! Regisseur Simon Fellows hatte vorher mit VD den von mir eher wohlgelittenen SECOND IN COMMAND gemacht, der mir mit seinen Krisengebietskamera-Faxen irgendwann sehr auf den Geist ging. In UNTIL DEATH macht er eigentlich das meiste richtig und verkneift sich formale Spielereien, konzentriert sich auf die Handlung des ordentlichen Drehbuchs. Für mich funktionierte die Übung. Das ist die Art von Film, von der Steven Seagal im Moment nur träumen kann. Actionfans müssen nicht träumen – sie können in die Videothek gehen und sich den Film ausleihen. Was ich auch nachdrücklich empfehle. Der kann was.
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Geschrieben 25. März 2008, 15:36

Diamond Dogs (DVD)

Ach, du meine Güte. What happened?

Ein schwedischer Star in einer in der inneren Mongolei gedrehten kanadisch-chinesischen Koproduktion mit einem rumänischen Regisseur. Why not?

That's why: Xander Ronson (Dolph Lundgren) ist ein Mann von ungewisser Abkunft, der nach dem ganz großen Job sucht. Aus irgendeinem Grund ist er dafür in die Mongolei gefahren, wo er sich mit Wetten und Schaukämpfen mehr schlecht als recht über Wasser hält. Eines Abends erscheint ein reiches, tuckiges Männlein mit einem Zopf, der einwärts gekrümmt ist und aussieht wie ein Dutt, und bietet ihm eine Menge Geld dafür, daß er ihn auf einer Art Schatzsuche begleitet. Es geht um einen religiösen Wandteppich, einen sogenannten Tanka. Und natürlich gibt es eine Reihe von Finstermännern, die den Lappen ebenfalls haben wollen, darunter einen russischen Schurken mit einem lustigen Kinnbärtchen. Doch der Fluch des Teppichs ereilt (fast) alle...

Au weia. Nach dem überdurchschnittlichen THE MECHANIK kommt der große Schwede hier mit einer Gulliproduktion an, deren Dilettantismus schon erstaunlich ist. Der Regisseur kann nichts, rein gar nichts. Die „Inszenierung“ erscheint rein zufällig und läßt den Film passagenweise wirken wie ein „Making of“. Die Schauspieler sind entweder am Unter- (Lundgren) oder am Überchargieren (alle anderen). Man hätte zumindest den pittoresken Schauplatz auf seine Attraktionen hin abklopfen können, aber bis auf einen Tempel am Schluß des Filmes Fehlanzeige, und der sieht eigentlich auch nicht viel beeindruckender aus als der Märchenpark Walsrode. Ein klein wenig erinnert der Film in seinem Wagemut, auch noch „Indiana Jones“-Elemente in die Vorgänge einzuweben, an die megabilligen Früh-80er-Videopremieren, in denen ja auch ständig Leute auf der Suche nach irgendwas waren (vgl. DAS GEHEIMNIS DES GOLDENEN GNUS), aber dieser Anachronismus trägt natürlich keine 90 Minuten, und so bleibt schließlich nur die Hoffnung auf den nächsten Film. MISSIONARY MAN kann aber nur besser sein. Sage ich mal so.

Bearbeitet von Cjamango, 25. März 2008, 15:39.

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Geschrieben 01. April 2008, 10:40

No Country For Old Men (UCI, Bochum)

Llewelyn Moss (Josh Brolin) wohnt mit seiner jungen Frau in einem Trailer-Park so vor sich hin. Gelegentlich geht er in die Wüste und jagt. Bei einer solchen Aktion stößt er auf die Zeugen eines Gemetzels: tote Mexikaner, zwei tote Managertypen. Auch findet er einen Lastwagen voll mit Heroin und einen Aktenkoffer voller Geld. Das Heroin ist'n bißchen schwer; das kriegt er jetzt nicht so mit. Aber den Aktenkoffer, den läßt er nicht verkommen. Da Moss zwar White Trash ist, aber kein Idiot, ist ihm klar, daß die Besitzer des Geldes vermutlich alle Hebel in Bewegung setzen werden, um an die Sore ranzukommen. Der Hebel heißt in diesem Fall Anton Chigurh (Javier Bardem), ist Psychokiller und hat eine Art portable Druckluftpumpe bei sich, mit der er Leuten Projektile ins Gehirn klopft. Außerdem philosophiert er gern mit seinen Opfern in spe. Und schon bald zeigt sich, daß Moss´ Griff nach dem Goldkessel am Ende des Regenbogens ihn in Teufels Küche bringt...

Tscha, dies ist einer jener Filme, in die ich mit Riesenerwartungen hineingegangen bin, und was soll ich sagen – sie wurden übertroffen! Von den Coen-Brüdern halte ich sowieso eine ganze Menge. Schon ihr Regiedebüt BLOOD SIMPLE war große Klasse und gehört zu den besten neueren Noir-Thrillern, die mir untergekommen sind. Ihre Karriere war – anders als etwa bei Cronenberg, einem weiteren Favoriten von mir – durchaus wechselwarm und enthielt auch mal deutlich schwächere Produktionen, in denen ihre Neigung zur Verspielheit etwas mit ihnen durchging. Filme wie BARTON FINK, THE BIG LEBOWSKI und MILLER'S CROSSING sind aber einfach nur Juwelen, die bei wiederholtem Betrachten immer wieder aufs Neue großen Spaß bereiten. Das wäre wirklich ein Merkmal, das mir bei den Filmen der beiden auffiele – die Sachen tragen kaum ab. NO COUNTRY FOR OLD MEN nun ist für mich ihr bislang bester. Ich habe zwei Stunden lang im Kino gesessen und mich einfach nur gefreut, war baff über die Zielgenauigkeit, mit der die Szenen inszeniert sind. Da gibt es rein gar nichts, was ich mir anders wünschen würde – Maßarbeit von hohen Gnaden. Die Vorlage von Cormac McCarthy kenne ich noch nicht, aber das wird sich sehr bald ändern. NO COUNTRY erzählt seine Geschichte sehr gemächlich und unspektakulär. Wäre der Regisseur ein Stümper, hätte das in sehr langen zwei Stunden resultiert. Tatsächlich aber ist der Film rattenspannend und erzeugt eine Aufmerksamkeit im Betrachter, die ihn fast das Gras wachsen hören läßt. Am deutlichsten gelingt dieser Coup in einer Passage im Mittelteil, als Moss in einem Hotel Unterschlupf gesucht hat und ihm klar wird, daß der Killer ihn aufspüren wird. Fast zwei Minuten lang hört man fast gar nichts, nur leise Hotelgeräusche, Schritte, Quietschen. Dann verändert sich etwas, man *weiß* einfach, daß der Killer kommt. Unglaublich inszeniert; etwas Vergleichbares habe ich, glaube ich, noch niemals gesehen. Die Spannung wird stets begleitet von extrem trockenem und teilweise sehr hartgesottenen Humor, der aber niemals den wohlfeil zynischen Charakter annimmt, der in den Arbeiten der unbegabteren Tarantino-Epigonen vorherrscht. In NO COUNTRY übernimmt der Humor eine kommentierende Funktion und schärft den Blick für die grausige Absurdität der Vorgänge – ein gewaltiges Gehampel um das große Glück. Moss denkt, er habe den Jackpot gelandet, einen Ausgang aus dem trostlosen Leben in einer Wüstenei. Doch das Geld erweist sich zunehmend als Sprengladung, die nicht nur ihn, sondern auch alle Leute in seiner unmittelbaren Umgebung in den Abgrund zu reißen droht. Killer Chigurh (glänzend gespielt von Bardem, der einen unglaublichen Haarschnitt zum Besten trägt) fungiert als eine Art Kastenteufel, der mit seinen Opfern gerne Schicksal spielt. Wenn der Mann eine Münze rausholt, ist das Spiel eigentlich schon fast vorbei. Tommy Lee Jones gibt einen alternden Sheriff, der seinen Posten innehat, seitdem er ein ganz junger Mann war. Er ist in seinem Job alt geworden und versteht die Welt nicht mehr. Früher war das Verbrechen noch eine leicht berechenbare Komponente, die die Normalität eher bestätigte als in Frage stellte. Es *paßte* irgendwie. Jetzt sucht sich das Böse im Menschen irrationale Formen des Ausdrucks, die ihn nur noch verwirren und beängstigen. Er kennt sein Land nicht mehr. Die jungen Männer wollen allen Sätteln gerecht werden und mit Gewieftheit und Kompetenz ihre Chancen wahrnehmen, so sie sich bieten, aber tatsächlich ist es eher der Zufall, der Gewinner und Verlierer bestimmt. NO COUNTRY ist ein Gewinner, und das ist sicherlich kein Zufall, sondern das Werk von Filmemachern, die ganz genau wissen, wie man eine spannende Geschichte optimal erzählt, die überraschen, ohne Kunststückchen auspacken zu müssen. Das ist gar kein Zufall, sondern einfach eine Bombenarbeit. Da fällt mir gar nichts mehr zu ein – ins Kino gehen, anschauen!

Ich ziehe die 10...

Bearbeitet von Cjamango, 01. April 2008, 10:44.

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Geschrieben 06. April 2008, 10:21

Storm Warning (DVD)

Ein junger Anwalt und seine französische Freundin begeben sich in Australien auf eine kleine Schippertörn. Dabei geraten sie in seichtes Gewässer und stranden schließlich mitten im schönsten Unwetter an einer Insel. Bei ihren Erkundungsversuchen werden sie Zeuge eines Mordes. Da sie nicht sonderlich helle sind, suchen sie Zuflucht auf einer kleinen Farm, die auch die einzigen Bewohner der Insel beherbergt – zwei grenzdebile Hillbilly-Brüder und ihr Monster von Vater. In kürzester Zeit machen die beiden Protagonisten eine Wandlung durch vom Yuppie zum Opfer. Der männliche Bestandteil des Paares gerät sogar zum Opfer de luxe, sprich: Opfer mit von Gewehrlauf zerschmettertem Bein. Aber seine französische Freundin ießt niescht auf den Kopf gefallen und holt zum Gegenschlag aus...

Australischer Outback-Schocker, der zwar leidlich ansprechend gestaltet ist – mit Sicherheit besser als die vorangegangenen Filme des Regisseurs, DÜSTERE LEGENDEN und SCHREI, WENN DU KANNST –, aber schon sehr bald in das Fahrwasser bekannterer Filme gerät und dort ähnlich strandet wie seine beiden Helden. Das Drehbuch stammt von Everett de Roche, der so etwas wie der australische Genreveteran ist und drehbuchtechnisch an den meisten dort produzierten Horrorfilmen der „Goldenen 70er“ beteiligt war, z.B. PATRICK, LONG WEEKEND und TRUCK DRIVER. Wie bei Filmen des TCM-Gewerbes üblich, konzentriert sich die Story auf die pittoreske Ausschmückung des Psychopathen-Gegenentwurfes zur grauen Normalität. Hier sind es völlig heruntergekommene Whitetrasher, die in der Abgelegenheit ihrer Insel eine Marihuanaplantage unterhalten und ihre ganze Zeit damit zu verbringen scheinen, Plastikpuppen zu vögeln, Tierpornos zu kucken und sich gegenseitig zu vermöbeln – auch ein Lebensentwurf! Der Patriarch des Clans wird gespielt vom im wirklichen Leben sehr nett ausschauenden John Brumpton, der zu einer Art Alptraum-Version von Tünnes umgestaltet worden ist, dem Typen, der immer am Hauptbahnhof mit der „Racke Rauchzart“-Flasche ringt. Stetige Kindesmißhandlung hat auch seine Brut zu feigen, gemeinen Wieseln mit mangelnder Körperhygiene werden lassen – schlimm! Natürlich gibt es wie immer eine gewisse Grundspannung zu verzeichnen, die sich aus unentwegten Demütigungen und der Androhung von Vergewaltigung resultiert, aber mittlerweile ärgere ich mich eher über solche Strategien, da man als Zuschauer ähnlich mißhandelt wird wie die Protagonisten – wenn man jemandem in den Bauch haut, hat man unweigerlich dessen ungeteilte Aufmerksamkeit. Die tatsächlichen Gewaltakte des Filmes beschränken auf nur wenige Szenen, in denen dann allerdings mal wirklich ganz Feierabend ist. Für die unvermeidliche Vergewaltigung hat sich die „Opferfrau“ etwas zugegebenermaßen äußerst Geschicktes einfallen lassen, was den Schurken zu einem ausgesprochen unglücklichen Schurken werden läßt, aber jo mei. Insgesamt habe ich in letzter Zeit bei weitem Schlechteres gesehen, aber wenn ich mich an den wirklich hervorragenden LONG WEEKEND zurückerinnere, ist das nichts. Und WRONG TURN-Filme gibt es dieser Tage eindeutig zu viele.

Bearbeitet von Cjamango, 06. April 2008, 10:24.

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Geschrieben 06. April 2008, 10:21

Jeder stirbt! (DVD)

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber dies ist der erste Film der DVD-Firma MIB (= „Medienvertrieb in Buchholz“), der mir wirklich gefallen hat. Seit einiger Zeit bemühe ich mich ja um die cineastische Ausschmückung bunter Wochenenden zu viert, bei denen ein gewisser Schwerpunkt auf Horriblem und Gruseligem liegt. Die Videothek ist regelmäßig vollgestopft mit neuen Horrorschockern mit aufregenden Covern, und nach dem Motto „Jung geübt, alt getan“ kucke ich da gerne mal rein und schaue, was Amiland so Neues hervorgebracht hat. Zu etwa 95 Prozent handelt es sich aber um dilettantische Grütze, und Erzeugnisse der Firma MIB umsteuere ich mittlerweile aus Prinzip. Bei JEDER STIRBT machte ich mal eine Ausnahme, da der Regisseur Buddy Giovinazzo heißt und der Hauptdarsteller James Russo. Und was soll ich sagen: Ein guter Entschluß!

Russo spielt einen amerikanischen Schweißer namens Mickey, der in einem Milieu verkehrt, in dem mißliebige Zeitgenossen schon einmal in Plastikplanen eingewickelt in Kofferräume gesteckt werden, um „body dump“-technisch entsorgt zu werden. Unromantisches Gangstertum, fiese Leute, mit denen nicht gut Kirschen essen ist. Da Mickey bei besagten Rauhbeinen mit 90000 Dollar in der Kreide steht, kommt es ihm sehr gelegen, als auf einmal wohlhabende deutsche Kumpels anrufen und ihn zu einem Wiedersehen in Berlin überreden wollen. Mit jenen verbindet ihn eine stürmische Geschichte: Bei einem Besäufnis stürzte der damalige Austauschschüler Mickey nämlich die Treppe herunter und brach sich seinen Arm, was ihn zum Krüppel auf Lebenszeit machte. Seine deutschen Freunde waren daran nicht ganz unschuldig, aber die Sache ist 20 Jahre her und der Drops gelutscht. Man trifft sich und kumpelt ordentlich, reißt sogar eine möglicherweise minderjährige Discobumse auf, die in das todschicke Art-Deco-Eigenbau-Haus der reichen Deutschen gebracht wird. Durch Schnappes und Drogen kommt es zu einem Unfall mit Todesfolge. Die Polizei zu rufen, erscheint allen Beteiligten nicht als die Kaiserlösung. Doch was tun? Und die Nacht wird sehr lang...

Giovinazzo hat einst den Underground-Klassiker COMBAT SHOCK gemacht, der nach wie vor der vermutlich beste Film ist, der jemals von „Troma“ herausgebracht wurde. Es gestaltete sich für Giovinazzo sehr kompliziert, die Finanzierung für weitere Projekte aufzubringen. Auf der Grundlage von Stars wie Russo oder Tim Roth schaffte er es, das düstere und recht hervorragende Gangsterdrama UNTER BRÜDERN (NO WAY HOME) zu realisieren, aber davon abgesehen ergaben sich in New York scheinbar nicht allzuviele Möglichkeiten, so daß er nach Berlin umsiedelte. So kam es, daß er einige Auftragsarbeiten für das deutsche Fernsehen erledigte, z.B. einige Folgen für „Tatort“. Auch fand er einen Verlag, der seine Romanaktivitäten förderte. Sein „Life Is Hot In Cracktown“ wird derzeit verfilmt. JEDER STIRBT nun entstand bereits 1999, und es ist schon recht verwirrend, daß er anscheinend erst jetzt herausgebracht wird, zumal es sich um eine deutsche Koproduktion handelte und Heino Ferch mitspielt. Neben Ferch hatte Giovinazzo noch den vierschrötigen britischen Theaterschauspieler Steven Waddington zur Verfügung. Ornella Muti rundet das verkommene Quartett ab. Worauf sich der Originaltitel THE UNSCARRED („Die Narbenlosen“) bezieht, kann ich nur mutmaßen. Ich denke einmal, daß er auf den Umstand anspielt, daß Mickey zum Krüppel geworden ist, während seine Kumpels von einst in mondänen Wohlstand hineingeschliddert sind, dabei aber alles andere als makellose Existenzen führen. Mickey selbst (Russo, der selbst als „Der große Schlumpf“ noch beeindruckend wäre!) ist alles andere als ein strahlender Held, sondern ein durch und durch existentialistischer Zeitgenosse, der die Realitäten sieht, und die sind alles andere als rosig. Nach etwa 20 Minuten wird der Film mehr oder weniger zu einem Kammerspiel und startet dann richtig durch. Eine ausgesprochen gelungene Low-Budget-Produktion mit guten Schauspielern, die überraschenderweise auch noch gut eingedeutscht wurde – auch nicht gerade ein Erkennungsmerkmal von MIB-Releases. Das Bildformat ist leider nicht das richtige, was aber nicht nachhaltig stört, da der Film eindeutig etwas taugt. Fans düsterer Thrillerdramen dürfen auf jeden Fall beherzt zugreifen.

Bearbeitet von Cjamango, 06. April 2008, 10:28.

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Geschrieben 14. April 2008, 21:06

The Living And The Dead (DVD)

Hier handelt es sich weniger um einen Horrorfilm als um ein Psychodrama, in dessen Mittelpunkt ein geistig zurückgebliebener junger Mann namens James steht, der zusammen mit seiner todkranken Mutter und seinem Vater in einem riesigen Anwesen auf dem Lande wohnt. Die Mutter wird ambulant versorgt, während der Vater versucht, die problemgeschüttelte Familie zusammenzuhalten. Eines Tages jedoch muß er das Haus aus beruflichen Gründen verlassen, und das führt zur Katastrophe...

Wer eine Spaßpackung erwartet, sollte ganz entschieden die Finger von diesem Film lassen. Zu Beginn war ich noch milde degoutiert, zumal ich befürchtete, die Geschichte würde sich zu einem erstklassigen Beispiel von Behindertendiskriminierung entwickeln. Tatsächlich nimmt der britische Regisseur Simon Rumley den Fall sehr ernst. In der IMDb steht, ihm sei die Idee für das Drehbuch gekommen, als er Zeuge des Todes seiner Mutter wurde. THE LIVING AND THE DEAD quillt über vor Schuld, Überforderung und all den Dingen, denen man sich in solchen Situationen ausgesetzt sieht. Der Umstand, daß es sich beim Protagonisten um einen geistig Behinderten handelt, der für seine Taten kaum verantwortlich zu machen ist, spiegelt das Verhängnisvolle einer solchen Situation wider, in der man einfach nur noch komplett hilflos ist, was auch immer für Eindrücke auf einen einschlagen. James kann nicht ermessen, was das Richtige und was das Falsche ist. Er fühlt Liebe, will nicht alleingelassen werden, und auf alles, was die Geborgenheit seiner Ignoranz bedroht, reagiert er mit Gehampel und mit Panik. Die Schauspieler leisten dabei absolut Bemerkenswertes. Ich habe mir den Film im Original angeschaut und kann nicht ermessen, was auf der deutschen Tonspur angestellt worden ist. In der IMDb sind die Zuschauermeinungen, wie zu erwarten, sehr gespalten. Beeindruckt hat mich allerdings die Zuschrift einer ehemaligen Psychiatrieschwester, die dem Film größtmögliche Authentizität zubilligt, ihn allerdings auch für eine harte Packung hält. Exzellent inszeniert, exzellent gespielt. Und der Film ist tatsächlich recht human, da er den geistig Behinderten nicht einfach als Butzemann mißbraucht, sondern ihn glaubhaft und nachvollziehbar macht. (Im Zusammenhang mit dem Schauspieler Leo Bill gab es eine Szene, in der ich sogar wegkucken mußte. Eine Szene mit Spritzenbezug. Spritzen nerven mich normalerweise nicht, auch im wirklichen Leben. Bei dieser Szene werden allerdings die meisten Zuschauer wegkucken, denke ich mal...) Nicht für jedermann, möchte ich mal sagen, aber mich hat der Film außerordentlich beeindruckt.

Als Doppelpack mit dem spanischen TRAS EL CRISTAL gut vorstellbar. Wer jenen Film kennt, weiß, was das heißt.

Bearbeitet von Cjamango, 14. April 2008, 21:06.

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#541 Cjamango

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Geschrieben 20. April 2008, 15:59

Operation Kingdom (DVD)

Jamie Foxx, Chris Cooper und ein paar andere FBI-Männer und –frauen begeben sich nach Riad, nachdem dort ein Anschlag auf eine internationale Wohnanlage verübt worden ist. Gegen den Widerstand von Bürokraten in Djellabas und in den eigenen Reihen untersuchen sie das Verbrechen.

Jack Bauer, bitte melden! Tja, ich hatte eigentlich vor, den Film zu hassen. Bei mir hat sich eine gewisse Frontmüdigkeit eingestellt, was die Behandlung von aktuellen Konflikten in Hollywoodfilmen angeht. Für gewöhnlich läuft das Spiel doch auf immer die gleiche Abfolge von Klischees und Klischeesituationen hinaus, die auch dem Wohlwollendsten irgendwann zu denken gibt. Entweder man taucht gleich richtig in den Morast und sieht sich debile Actionschmonzetten à la NAVY SEALS an (=der erste Golfkrieg, johoho!), oder aber man versucht, sich ernsthaft mit dem behandelten Thema auseinanderzusetzen. Das Problem bei der ernsthaften Behandlung eines Themas wie dem Nahostkonflikt ist natürlich, daß sie zwangsläufig eine Simplifikation der vielen Faktoren darstellen muß, die da hineinspielen, wie lauter auch die eigenen Absichten sind. Ein Film wie SYRIANA bemüht sich redlich, die Gefechtslage unter einen zweieinhalbstündigen Hut zu bringen, aber natürlich bleibt es auch da bei den guten Absichten. Da sind mir politisch unkorrekte Serien wie 24 manchmal fast lieber, da sie die Kompliziertheit zwar abbilden und als ästhetisches Format verwenden, aber kein Problem damit haben, die vorgetäuschten Vertiefungen der Erzeugung von krachender Spannung unterzuordnen. OPERATION KINGDOM funktioniert auf eine ähnliche Weise und ist Zuschauern anzuraten, denen bei SYRIANA zuwenig Sachen explodiert sind. Es gibt zahlreiche Nebenkonflikte, die üblichen halt, die in Hollywoodfilmen aufgefahren werden, wenn eine dramatische Handlung entwickelt wird, aber sie werden von guten Schauspielern mundgerecht aufbereitet und sind als zumindest zeitbefristete „Realität“ akzeptabel. Auch gibt es in Gestalt des muslimischen Polizeihauptmannes Al Ghazi einen kompromißbereiten Araber, der sich mit den forschen Amis zusammenrauft. Wenn man ihn auf seine Bestandteile reduziert, schwimmt der Film sogar in Milch. Er ist von seinem Regisseur Peter VERY BAD THINGS Berg aber hinreichend professionell zusammengekloppt worden, um als Spannungsunterhaltung zu funktionieren, und die Actionsequenzen sind wirklich aufregend. Man fühlt sich wie ein „embedded journalist“, der in den Strudel gewaltsamer Ereignisse hineingerissen und von ihnen geprägt wird. Am Schluß leistet sich der Film einen grandiosen Zirkustrick (Schlußsatz!), der zwar Nachdenklichkeit vortäuscht, die der Film nicht wirklich einlöst, aber er ist glänzend realisiert und nötigt auch diesem nervlich durchgeschüttelten Videothekenkunden ein „Gut gemacht!“ ab. Ist halt'n Zirkustrick, da gibt's kein Vertun. Aber funktioniert. Und mordsspannend ist der Film allemal. 24-Fans, die die nächste Staffel nicht abwarten können, sei er angeraten.

Jack Bauer ins Wokie-Tokie: „Ich geh´ jetzt rein!“
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Geschrieben 21. April 2008, 12:52

Mr. Brooks (DVD)

Mr. Brooks (Kevin Costner) ist ein erfolgreicher Firmenboß, der von der Geschäftswelt gerade zum „Mann des Jahres“ gewählt worden ist. Als echter Familienmensch hat er sich mit einer hübschen Frau und einer hübschen Tochter das amerikanische Ideal realisiert. Nur eine Sache stimmt nicht an dem Bild: Er ist nebenberuflich Serienmörder. Genaugenommen handelt es sich bei ihm um jenen Triebmörder, den die Medien „Daumenabdruck-Killer“ getauft haben, hinterläßt er doch an jedem Tatort einen blutigen Fingerzeig des Mordopfers. Da seine Position in der Gesellschaft und seine geheimen Gelüste sich nicht mehr so ohne weiteres miteinander vereinbaren lassen, hat Mr. Brooks beschlossen, mit dem Morden aufzuhören. Bedauerlicherweise baut er aber ausgerechnet bei seinem letzten Coup Bockmist und läßt die Vorhänge auf, was einen chronischen Masturbator und Hobbyspanner zum Zeugen seiner Untat werden läßt. Es existieren Fotos. Anstatt zur Polizei zu gehen, erpreßt „Mr. Smith“ den prominenten Schlächter – er möchte nämlich selber mal gerne, weiß aber nicht, wie es geht. Auch in der eigenen Familie blühen Mr. Brooks Probleme...

Die Aussicht, Kevin Costner als Triebmörder zu erleben, hieß mich diesen Film ausleihen, und tatsächlich handelt es sich bei MR. BROOKS um eine ganz reizvolle Angelegenheit, die zwar ihr Potential nicht ausreizt, aber immerhin einige böse Spitzen gegen eine zunehmend wertefreie Gesellschaft plaziert. Mr. Brooks ist der quasi in den Adelsstand erhobene Durchschnittsmensch, eine Ikone der Langweiligkeit. Seine Familie, die jeder Seifenoper zur Ehre gereichen würde, gehört zu jener Form von Installation, in der das reibungslose Funktionieren der alltäglichen Abläufe den Erfolg garantiert – Simulation ist alles. Die dunklen Seiten des Mr. Brooks werden auch folglich als Nebenprodukt seiner gewählten Existenz gewertet, wenngleich das Drehbuch im zweiten Teil des Filmes etwas zu sehr die leichte Route wählt und teilweise selbst den Gesetzen des Käses zu verfallen droht. Als Rettung vor dem Absturz fungiert das Format der schwarzen Komödie: William Hurt spielt die böse Seite Mr. Brooks' mit der sich der Protagonist ständig unterhält, selbst in Anwesenheit anderer. Marshall ist spöttisch, durchtrieben und egoistisch, all das halt, was Mr. Brooks nach außen hin unterdrücken muß. Komiker Dane Cook spielt den völlig dilettantischen Mr. Smith, den es aus simpler Verkommenheit zum Morden treibt, der aber weder den Schneid noch die Fachkompetenz besitzt, um seine Potenzprobleme selber zu lösen. Brooks verachtet den Hanswurst, ist aber zu einer Zusammenarbeit gezwungen. Weniger interessant ist der eingewürfelte Subplot um Polizistin Demi Moore und ihre Scheidungsprobleme. Ihr Charakter hat wohl eher den Zweck, ein wenig klassische Krimispannung in die Vorgänge einzuflechten. Als moralischer Gegenentwurf taugt sie nicht wirklich, zumal die Figur des Psychokillers eigentlich wesentlich sympathischer und vielschichtiger erscheint als ihre etwas verkniffene Moralapologetin. Sei's drum, auch wenn der Film ein paar Fehler macht, so hat er das Herz durchaus auf dem rechten Fleck, und die Besetzung von Hollywood-Saubermann Costner in dieser Rolle ist auch ausgesprochen interessant. Insgesamt keine Zigarre, aber gute Unterhaltung mit einigen Untiefen.
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Geschrieben 25. April 2008, 10:36

Die Jäger des Jade-Schatzes (Video)

Was ist da jetzt wieder passiert? Aber mal langsam: Eine gewissenlose Bande von Finstermännern – angeführt von dem mutmaßlichen Ex-Nazi Thomas Speer und einer Sonnenstudioschwulette namens Cooper (mit tuckigem Makeup und Rambo-Stirnband) – entführt hübsche Mädchen und verscherbelt sie an kannibalische Mönche, die auf einer Insel leben und für ihr Leben gerne tote Kung-Fu-Krieger zum Leben erwecken. Warum sie das machen, weiß ich nicht, aber auf einer Insel gibt's sonst halt nicht viel zu tun, und die Mönche können nicht immer nur ihre Kutten waschen und bügeln. Das wird schnell langweilig. Zum Glück hat eine Reederei an der westamerikanischen Küste eine Kreuzfahrt ins südchinesische Meer geplant, auf der nicht nur kistenweise blonde Bimbos mitfahren, sondern auch die Helden des Filmes: Lehrpersonal einer Karateschule aus Los Angeles! Das gibt dann ein mächtiges Durcheinander...

Zombies, Titten, Nazis – solche Filme werden heutzutage nicht mehr gedreht, und ich bedauere das zutiefst! DIE JÄGER DES JADE-SCHATZES trägt zuweilen den Schalk im Nacken, ist aber nicht von dem chronischen Augenzwinkern geprägt, das mir viele der heutigen auf Trash gebürsteten Werke so schwer gangbar macht. Tatsächlich scheint man sich 1981 gedacht zu haben: JÄGER DES VERLORENEN SCHATZES war recht erfolgreich, da kann man doch mal einen schnellen Reibach machen – wieviel Geld haben wir denn gerade in der Kasse unserer Videothek? Und die Jungs aus dem Sportstudio, in dem Manni immer an den Schmetterlingshanteln rumschwitzt, würden doch sicherlich auch gerne alle mal in einem richtigen Film mitspielen. Wir brauchen allerdings einen zugkräftigen Namen. Wie wäre es denn mit Hollywoodstar Cameron Mitchell? Der macht doch mittlerweile in allem mit, sogar in Pornos. Der könnte prima den abgehalfterten Schiffskapitän spielen, der sich immer mit seiner zickigen Geschäftspartnerin herumstreitet. Wir brauchen allerdings einen soliden Schurken, vorzugsweise einen Nazi, Jürgen Goebbels oder so. Dem können wir einen Hitler-Schnurrbart ankleben. Ach, das kann der Manni eigentlich selber machen! Nennen wir ihn als Schauspieler einfach Ralph Lombardi, haha. Wir brauchen einige Tittenmäuse für das Schiff, u.a. Camille Keaton, die einen berühmten Großonkel hat und mit dem Regisseur von ICH SPUCK AUF DEIN GRAB verheiratet ist. Oder Jewel Shepard, die später in RETURN OF THE LIVING DEAD mitspielen und Liebesbriefe vom Unabomber bekommen wird, aber das wissen wir ja noch gar nicht, haha. Und gedreht wird auf den Philippinen, wo die Mädels auch nicht viele Fisimatenten machen, höhö. In der ersten halben Stunde lassen wir's mal ruhig angehen, aber dann wird mächtig auf die Kacke gehauen, wenn das Schiff von Nazi-Rockern überfallen wird und der Großteil der Besatzung massakriert wird. Die Überlebenden erleiden natürlich Schiffbruch und landen auf der Insel der Kannibalen. Für die perversen Mönche suchen wir uns ein paar Filipinos, u.a. den berühmten Vic Diaz, die wir in ausgediente Java-Krieger-Klamotten stecken. Die können dann lüstern die Mädels begrabbeln und dumm rumlachen. In Deutschland werden die natürlich wieder etwas von dem Splatter rausschneiden, aber wir haben ja die frühen Achtziger, da läuft so etwas wie unser Film ja sogar im Kino und kriegt eine lustige Berliner Proll-Synchro verpaßt. Packe mer's?

Ich finde, das haben die Jungs aus der Videothek gut gemacht!

Bearbeitet von Cjamango, 25. April 2008, 10:37.

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Geschrieben 26. April 2008, 12:32

Grotesk (Video)

Linda Blair und Donna Wilkes (ANGEL) spielen zwei pausbäckige Spätteenies (ca. 30 Jahre alt), die fröhlich schnatternd in die Berge fahren. Dort wohnt nämlich Frau Blairs Pappich, der berühmte Horrorfilmregisseur und Spaßvogel Orville Kruger. Gemeinsam verlebt man einige besinnliche Stunden, die nur gelegentlich von den infantilen Streichen des alten Zausels unterbrochen werden. Mitten in der Nacht wird die Familie von einer plötzlich auftauchenden Horde von Kirmespunks überfallen und terrorisiert, junge Menschen, die jede Vorstellung von Anstand gegen einen Mahlstrom bestialischer Grausamkeiten eingetauscht haben. Sie sind aber nicht nur Spezialisten, was das Morden und Vergewaltigen angeht, sondern labern auch noch eine Menge dummes Zeugs dabei. Zum Glück befindet sich auch noch der mißgestaltete Neffe des Hausbesitzers im Anwesen, und so geht das Gemetzel dann fröhlich weiter...

Joe Tornatore – der übrigens nicht mit dem italienischen Regisseur Giuseppe Tornatore zu verwechseln ist – war ursprünglich Schauspieler und wirkte auch in großen Produktionen von Filmemachern wie George Roy Hill oder Franco Zeffirelli mit. Es wäre wirklich interessant gewesen, was Franco Zeffirelli mit diesem Stoff angefangen hätte, aber hier ist eindeutig eine große Chance vertan worden. Die deutsche Videokassette hat an der Seite den Aufdruck GROTESK – KAMPF UMS ÜBERLEBEN, und ein Grotesk-Kampf ist es in der Tat, der den Zuschauer hier erwartet. Der Film beginnt schon mal ganz locker mit einem endlosen und komplett sinnfreien Monolog, den eine alte Frau mit einer langen Zauselperücke hält. Sie möchte offensichtlich von einem Galan bestiegen werden, der eine Mönchskutte und eine Halloweenmaske trägt. Die ganze Sache entpuppt sich als „Film im Film“, und so wären schon mal 5 Minuten rum. Der erste Auftritt der Kirmespunker ist spektakulär und legt beredt Zeugnis ab von dem tiefgreifenden Verständnis der Macher, was Subkulturen der Jugend angeht. Die Haare sind alle mit Zuckerwasser (unwahrscheinlich) oder teuren Haarsprays (wahrscheinlicher) zu Frisuren der Sorte „Paradoxe Vogelkunde“ aufgetürmt. Grimassiert wird bis zum Gottserbarmen, wobei sich alle an den darstellerischen Leistungen des Komikers Bob POLICE ACADEMY Goldthwait zu orientieren scheinen. Die Synchro befindet sich auf schlechtem Porno-Niveau und liefert zahlreiche Karfunkelsteine der grammatischen Unzulänglichkeiten, vorgetragen von Nullen, die sehr schlecht ablesen können. Was diese Außenseiter der Gesellschaft ausgerechnet in dieser öden Gebirgsgegend wollen, wird vom Drehbuch (von Tornatore und Exploitation-Urgestein Mikel LOVE BUTCHER Angel) nicht näher erläutert. Nach diesem teenieklamottenkompatiblen Auftakt verwandelt sich GROTESK auf einmal in ein brutales Selbstjustiz-Szenario, wobei anzumerken ist, daß Charles Bronson sich niemals eine lächerliche Gummimaske aufgesetzt hat. Butzemann Patrick sieht wirklich aus wie das Kind, das keiner haben will. Nach erfolgreicher Schlachtung der meisten jugendlichen Problemfälle kommt dann auf einmal Tab Hunter aus dem Busch, der Rache will. Tab Hunter war in den 50ern ein beliebter Jugendschwarm à la Peter Kraus, der sich erst 2005 in seiner Autobiographie offiziell „outete“. In GROTESK trägt er ein sehr fragwürdiges Haarteil und chargiert ebenfalls bis zur Besinnungslosigkeit. Der verdiente Schauspieler Guy Stockwell (Bruder von Dean Stockwell) spielt den infantilen Horrorregisseur, der den Eindruck vermittelt, sich freizeits in der U-Bahn zu entblößen. Tornatore und Mikel Angel haben Gastauftritte, und der Deputy-Sheriff wird von Lincoln Tate gegeben, den mancher noch aus Italowestern der niedrigeren Preisklasse kennen wird und der GROTESK mitproduziert hat. Am Schluß begibt sich der Film dann noch auf die Meta-Ebene. Der Abspann spendiert dem Publikum einige Takte aus DER CLOU, in dem Tornatore ebenfalls mitgespielt hat. Ich habe den Film für 50 Cent aus der Grabbelkiste geholt, und das war er denn auch wert. Ein komplettes Tohuwabohu, das wohl so eine Art Liebesarbeit darstellt. Rätselhaft. Als Begleitfilm empfehle ich DIE MÖWE JONATHAN.

Bearbeitet von Cjamango, 26. April 2008, 12:36.

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Geschrieben 05. Mai 2008, 10:14

The Messengers (DVD)

Der erste Hollywood-Film der Pang-Brothers. Etwas von der Stange, aber wenn man den Resttag damit zugebracht hat, sich Bolls SEED und Lommels THE RAVEN anzukucken, ist man für biedere Feierabendunterhaltung schon ganz dankbar.

Also: Mami, Papi, Tochti und ein Säugling ziehen aufs Land, wo das goldene Korn in den blauen Himmel wächst. Ein altes Farmhaus mit Geheimnissen harret ihrer. Zuerst ist es nur der kleine Krabbler, der Visionen von graugesichtigen Geistern hat, doch hemmt ihn die mangelnde Sprachkompetenz an der Weitergabe überlebenswichtiger Informationen. Das problematische Töchterlein kriegt als nächstes spitz, daß etwas faul ist im Landidyll. Und ja, es ist mal etwas Grausliches passiert, was jetzt mit langen Spinnenfingern nach der Gegenwart greift...

Das Drehbuch verdient keinen Originalitätspreis und liefert die bekannten Standards, die mit der von den Pang-Brüdern zu erwartenden handwerklichen Sorgfalt realisiert werden. Manches ist etwas bieder, manches aber auch hübsch unheimlich. Es gibt eine sehr nette Krähenattacke, und was sich im Keller des Hauses zuträgt, sollte wohl auch für Mietminderung sorgen. Mit RE-CYCLE hatten sich die Pangs für meinen Geschmack mehr abgebissen, als sie kauen konnten. Da mündeten die geballten Anstrengungen in einem kitschigen und moralisierenden Finale, das eindeutig von Hirnerweichung befallen war. THE MESSENGERS geht dieses Risiko gar nicht erst ein, sondern liefert das Gewohnte in ansprechender Form. Die Figuren sind leidlich sympathisch, die Technik gekonnt. Wenn man nicht gerade einen Überkracher erwartet, wird man als Geisterfan angemessen bedient. Ansonsten ist es mittlerweile so, daß ich nur noch von wenigen Asiaten wirklich Außergewöhnliches erwarte, etwa Tsukamoto oder Shimizu. Die Pangs sind gute Techniker, die bereitwillig in gutbereistem Terrain stromern. Für einen grusligen Sonntagabend reicht das aber allemal.
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Geschrieben 20. Mai 2008, 21:44

I Am Legend (DVD)

Von I AM LEGEND habe ich eigentlich 'n büschen was erwartet, zumal ich die Vorlage von Richard Matheson wirklich klasse finde und dachte, das könne man eigentlich nicht kaputtbekommen. Tscha...

Also, statt Vincent Price und Charlton Heston stromert hier der eigentlich sehr sympathische, hier so-leid-es-mir-tut aber massiv fehlbesetzte Will Smith durch die Ruinen von New York, wo Mutationen eines Anti-Krebs-Mittels fast die gesamte Bevölkerung zu blutrünstigen Vampirmonstern haben degenerieren lassen. Wissenschaftler Robert Neville hält die Stellung, um ein Gegenmittel zu finden, lediglich assistiert von seiner treuen Freundin Sam, einer Hündin. Der erste Teil des Filmes ist sogar recht gelungen, wenn auch mit seinen diversen Rückblenden etwas unelegant konstruiert. Ein recht guter Einfall ist die durch die soziale Abnabelung erfolgte Debilitierung des Helden, der schon etwas wunderlich und verschroben geworden ist. Wie wenig Gefühl die Macher für die Story gehabt haben, merkt man aber schon hier daran, wie sehr die unbestreitbare Virilität des Hauptdarstellers ins rechte Licht gerückt wird. Sogar ein paar flotte Witzchen darf er machen. Man wollte es sich halt nicht mit dem Teenie-Publikum verscherzen. Warum man darauf bestand, die Monster komplett computerzugenerieren, ist mir schleierhaft, denn die eigenartigen Bewegungen der Viecher wirken eher irritierend denn bedrohlich. Kein Vergleich etwa zu den Vampirzombies in 30 DAYS OF NIGHT. Zu richtigem Murks wird I AM LEGEND, als aus heiterem Himmel eine weitere Überlebende mit ihrem inanen Balg hereinschneit und die Handlung komplett ausbremst. Außerdem erweist sich die Anforderung, nun auch noch Dialoge zu entwerfen, als eine Hürde, der das Drehbuch nicht gewachsen ist. Die Dialoge sind schrecklich, etwa die grausige Bob-Marley-Sache mit Smith oder das christliche Geblubber seiner neuen Freundin. Der plötzlich losbrechende Finalfight entlädt unzählige Zombies auf die gebeutelten Menschlein und wirkt in etwa so, wie sich die Wessis früher Sachsen-Anhalt vorgestellt haben. Der Chefzombie ist besonders schlimm und schaut aus wie eine Mischung aus Laurens Meyer und Onkel Fester. Auf einmal ist der Film zu Ende, nicht ohne noch einen Jauler von Schlußmonolog geliefert zu haben. Der Regisseur hat vorher Rockvideos mit Britney Spears und CONSTANTINE gemacht. Das überrascht mich jetzt nicht. Nein, tut mir leid – netter Anfang, dann immer weiter in die Grube mit der Entengrütze. 28 DAYS LATER und auch dessen Fortsetzung sind um Lichtjahre besser.
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Geschrieben 05. Juni 2008, 21:05

H6 - Tagebuch eines Serienkillers (DVD)

Antonio Frau hat als junger Mann seine Freundin umgebracht, da er sehr eifersüchtig war und über ein sanguinisches Temperament verfügte. Nach seiner Entlassung aus der Herrenduschanstalt findet er tatsächlich eine hübsche Frau, die dumm genug ist, ihn zu heiraten, denn „Menschen verändern sich ja“. Zufällig stirbt obendrein eine Tante, die Herrn Frau eine alte Pension vermacht, die mal Stammhafen für Bordsteinschwalben gewesen und nicht im besten Stadtteil von Madrid gelegen ist. Jung geübt, alt getan – Zimmer 6 färbt sich rot...

Debütfilm eines Spaniers, der hier mehr abbeißt, als er schlucken kann. Abgesehen von den zahlreichen Unglaubwürdigkeiten schlägt das Drehbuch einen irritierend schwarzhumorigen Ton an, der ebenso ziellos wie ineffektiv ist. Schon merkwürdig, wie jemand, der mal eine Frau im Affekt tötete, sich binnen weniger Jahre zu einem methodisch vorgehenden, narzißtischen Serienmörder mausern kann, der den französischen Frauenschinder Landru verehrt und klassische Musik hört, während er ein mit vielen Nietzsche-Hobbyklempner-Schlaumeiereien gespicktes Tagebuch schreibt. Das geht nicht wirklich auf, und auch die widerwärtigen Mordszenen (eigentlich nur zwei) wirken lediglich reißerisch, nicht schockierend. Der hongkongesische DUMPLINGS hat demonstriert, wie man eine sehr grausige Story wirkungsvoll aufbereiten kann, und da geht es immerhin um eine Babymetzgerin! H6 erschöpft sich – trotz durchaus ordentlicher Inszenierung und guter Schauspieler – in einer weitgehend sinnfreien Aneinanderreihung von Genreklischees und geschmäcklerischem Nonsens, mit einigen massiven Ekeleien angereichert. Es wäre interessant gewesen, die Misogynie der folterfreudigen Hauptfigur näher zu erläutern, aber das wird weitgehend verplempert. Wer einen brauchbaren iberischen Serienmörderstreifen schauen möchte, kann sich ja Eloy de la Iglesias morbiden CANNIBAL MAN anschauen. Der rockt.

Bearbeitet von Cjamango, 05. Juni 2008, 21:07.

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Geschrieben 05. Juni 2008, 21:07

An American Crime (DVD)

Ein junges Schausteller-Elternpaar muß für eine Weile verreisen und gibt seine beiden Töchter Sylvia und Jenny in die Obhut einer alleinstehenden Frau, die sich ihr schmales Salär etwas aufbessern will. Gertrude Baniszewski (Catherine Keener) hat bereits einige Kinder am Hacken, seitdem ihr Mann sich aus dem Staub gemacht hat. Sie hat ihr Leben lang hart gearbeitet und Trost im Christentum gefunden. Leider ist sie nicht unbegrenzt belastbar: Unglückliche Umstände führen dazu, daß sie große Schwierigkeiten bekommt, für die sie Sylvia die Schuld gibt. Nun erweist es sich, daß Gastmutter Gertrude sogar einen ausgewachsenen Sockenschuß hat und ihren aufgestauten Frustrationen einen Sündenbock zuweist: Die junge Sylvia wird Gegenstand zahlreicher Abstrafungen, die schließlich dazu führen, daß sie ihm Keller eingesperrt wird. Damit beginnt ein unglaubliches Martyrium...

Auf einem realen Fall basierendes Psychodrama, das aufrüttelnder ist als die meisten Horrorfilme. Kindesmißhandlung ist kein Thema, das von Hollywood häufig behandelt worden ist. AN AMERICAN CRIME macht sich die Mühe, die Entstehung der Gewalt sorgfältig aufzuzeigen. Dabei wandelt sich der Beginn des Filmes – die typische 60er-Jahre-Nostalgia, die man aus Filmen von z.B. Joe Dante kennt – sehr bald zu nacktem Entsetzen, denn sobald man in dieser sauberen Vorstadtwelt erst einmal angefangen hat, Tabus zu brechen, kriegt man die Schleusentore nicht mehr zu. Am entsetzlichsten an der Geschichte ist vor allen Dingen die Bereitwilligkeit, mit der auch Nachbarskinder an der Peinigung der unglücklichen Sylvia teilhaben. Die erwachsenen Nachbarn halten die Schreie der Kleinen nur für die Folgen drastischer Erziehungsmaßnahmen und hören tapfer weg. Es darf alles gar nicht wahr sein. Catherine Keener spielt exzellent und gibt sich nicht damit zufrieden, ihre Figur als eindimensionalen Butzemann anzulegen. Glaubhaft porträtiert sie eine Frau, die in einer prüden Gesellschaft lieblos aufgezogen worden ist und niemals gelernt hat, ihre Gefühle auszudrücken. Was sich angestaut hat, hat ein Monster aus ihr gemacht. Ellen Page (aus HARD CANDY) ist ebenso überzeugend als Sylvia. AN AMERICAN CRIME verzichtet völlig auf selbstzweckhafte Zutaten und erzählt die Geschichte nachfühlbar und überzeugend. Gerade deshalb ist seine Wirkung nicht zu unterschätzen – ich war danach wie durch den Wolf gedreht. Ganz hervorragender Film.
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Geschrieben 07. Juni 2008, 13:33

Blicke aus dem Jenseits (TV)

Juan Garciá ist ein glücklich verheirateter Polizist in Madrid, der mit einem wichtigen Fall betraut wird: Er soll einem vor zwei Jahren verschwundenen Fabrikanten nachspüren. Bei seinen Nachforschungen bekommt er spitz, daß sein Vorgänger, Medina, seinen Sohn umgebracht und dann ins Irrenhaus gekommen ist. Diese unerklärliche Wandlung eines vormals makellosen Gesetzeshüters wird García verständlicher, als ihm klar wird, daß das Verschwinden des reichen Mannes mit unzähligen anderen Vermißtenfällen zusammenhängt. Auch irritieren ihn merkwürdige Erscheinungen – Menschen, wo eigentlich keine Menschen sein dürften. Als er dann schließlich versteht, daß sein Fall mit seiner eigenen Kindheit zusammenhängt, hat das Fundament seiner Existenz bereits zu bröckeln begonnen...

Wenn im ZDF mal ein spanischer Geisterfilm läuft, den ich noch nicht kenne, lasse ich natürlich gerne mitlaufen! NOS MIRAN („Sie sehen uns zu“ bzw. „Sie beobachten uns“) beginnt als simpler Kriminalfilm, wird dann zunehmend mysteriöser und läßt den Zuschauer zusammen mit seinem Protagonisten den Boden unter den Füßen verlieren. Der extrem gemächlich erzählte Film stellt das ausgesprochen geschickt an und verwendet auf intelligente Weise die Strukturen des Paranoia-Kinos, um die Realität des Betrachters aufzuweichen. Schließlich ist überhaupt nicht mehr klar, inwieweit man sich auf seine Wirklichkeitswahrnehmung und die Bewertung der Vergangenheit verlassen kann. Ist der Protagonist ein seelischer Napfkuchen, der immer mehr in den Wahnsinn torkelt? Oder wird die Menschheit wirklich bedroht von unerklärlichen Kräften? Wer einen Gruselfilm mit Geistern erwartet, wird enttäuscht sein, aber mir hat der Film ausgesprochen gut gefallen und wird auf jeden Fall irgendwann noch mal gesichtet werden. Das Drehbuch stammt von Alex de la Iglesias Stammschreiber Jorge Guerricaechevarría, der hier allerdings sehr viel ruhigere Töne anschlägt, als dies bei jenem Regisseur der Fall zu sein pflegt.

Bei der Gelegenheit möchte ich übrigens noch auf de la Iglesias 800 BULLETS hinweisen, der jedem Fan des Italowesternkinos gefallen wird. Auch seine Groteske EIN FERPEKTES VERBRECHEN ist (trotz des beknackten Titels) sehr, sehr lustig.

Bearbeitet von Cjamango, 07. Juni 2008, 13:35.

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Geschrieben 07. Juni 2008, 13:38

Crime Insiders (DVD)

Die Machtkämpfe zwischen verfeindeten Gangstergruppierungen in Paris.

Ein Suchfilm: Wer findet den ersten sympathischen Charakter? Regisseur Frédéric Schoendoerffer (Sohn des bekannten Filmemachers Pierre Schoendoerffer) macht keine Gefangenen und schildert die Umtriebe seiner Charaktere als weitgehend moralfreie Abfolge von Gewalttaten. Im Mittelpunkt steht dabei der schmierige Clubbesitzer Claude Corti (brillant gespielt von Philippe Caubère), der eigentlich ein ganz netter Typ wäre, würde er nicht anderen Leuten mit einem Drillbohrer in den Kniescheiben rumstochern, Augen rausschneiden und ungarische Nutten beim Sex auf dem Abort verdreschen. Dem deutschen Titel entsprechend konzentriert sich der Film voll und ganz auf die Welt der Verbrecher, die aus einem von allen akzeptierten Regelsystem besteht, in dem es in erster Linie darum geht, vor den anderen Männern den dicken Max zu machen. Ich fühlte mich beim Betrachten etwas erinnert an die HipHop-Blagen, die immer „Respekt, Mann!“ einfordern, ohne daß ich eine Vorstellung habe, wofür sie den eigentlich haben wollen. Schoendoerffers Gangster sind mies, mieser, am miesesten, wedeln mit Pumpguns herum, ziehen sich eine Line nach der anderen rein, schanzen sich gegenseitig osteuropäische Fickschlitten zu, kucken sich auf Plasmafernsehern dumme Actionfilme an, ballern mit Kalaschnikows in Parkhäusern herum und besitzen das menschliche Einfühlungsvermögen von Gummibärchen. Zu sagen, diese Leute seien gefährlich, entspräche in etwa der Behauptung, der Mount Everest sei recht hoch. Ob einem der Film gefällt, hängt in erster Linie davon ab, inwieweit der Zuschauer bereit ist, auf Identifikationsfiguren zu verzichten. Der Film beginnt, bewegt sich und ist dann irgendwann zu Ende. Die dargestellten Ereignisse werden genauso weitergehen wie gezeigt. Eine Moral findet nicht statt. CRIME INSIDERS ist ein wenig wie Brian de Palmas SCARFACE, nur ohne jeden Glanz. Schoendoerffer verläßt sich auf erstklassige Darsteller (neben Caubère noch Benoît Magimel als sein Quasi-Sohn) und eine ausgezeichnete Inszenierung, die ohne jeden Firlefanz unschöne Dinge darstellt, die vermutlich in ähnlicher Weise ihre Entsprechung in der Realität haben. Ob man sich das anschauen mag, muß jeder für sich selbst entscheiden. Allzu zimperlich darf man dann aber nicht sein, denn der Film ist knochenhart. Bei der Folterung eines renitenten Drogendealers ist komplett Feierabend – da wäre ich fast aus dem Sessel gefallen. Man möchte diesen Charakteren nicht auf den Fuß treten. Genaugenommen möchte man sie nicht einmal aus dem Augenwinkel vorbeihuschen sehen. Ein recht guter Film, dessen Erfolg in seiner Konsequenz begründet ist. Die Eindeutschung ist gelungen, aber auch hier eine Vorwarnung: Eine vornehme Ausdrucksweise ist nicht das starke Gewand der hier gezeigten Mitmenschen. Voll auf die Zwölf.
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Geschrieben 07. Juni 2008, 13:42

Polizeirevier 21 (TV)

Ein Tag in einem New Yorker Polizeirevier.

Klassiker des amerikanischen „cop movie“, der den Alltag der Beamten als nicht abreißen wollende Folge von moralischen Entscheidungen schildert, die sie nicht zuletzt mit ihren privaten Verhexungen konfrontiert. Im Mittelpunkt steht dabei die Geschichte des moralstrengen Detective McLeod (Kirk Douglas), den eine miese Kindheit zur Polizei geführt hat. Sein Haß auf den Vater hat dazu geführt, daß er an sich selbst wie an seine Mitmenschen hohe Anforderungen stellt. Dabei schießt er des öfteren über das Ziel hinaus, was auch seine Beziehung zu einer sehr netten Frau beeinträchtigt. Sein Geschick steht dabei stellvertretend für die Arbeit von Männern, die „das Gute“ repräsentieren, selber jedoch mit dem Wust an Gewalt und kaputten Menschen, dem sie ständig ausgesetzt sind, fertig werden müssen. Daran zerbrechen manche – eine psychologische Tendenz, die von Hollywood vor allem in den 70er Jahren weiter ausgeführt wurde. POLIZEIREVIER 21 basiert auf einem Theaterstück, und gerade die minutiöse Schilderung der Ereignisse und das dadurch erzeugte Dabeisein-Gefühl führt den Zuschauer an die eigentlich hermetisch abgeriegelten Charaktere heran, die sich selbst in Regeln ergeben haben, die eigentlich nur die Komplementärregeln zu denen der Verbrecher darstellen. Kirk Douglas ist brillant in der Rolle des nach außen hin diamantharten, nach innen aber langsam kollabierenden Gesetzeshüters, der nicht aus seiner Haut kann, da ihm letztendlich der Schneid fehlt. Die anderen Polizisten werden von vertrauten Gesichtern wie William Bendix oder Horace McMahon gegeben, die nicht ohne Grund sehr häufig als Cops besetzt wurden. Lee Grant hat einen sehr schönen frühen Auftritt als Kleptomanin, deren Diebstahl einer 6 Dollar teuren Handtasche gegen die anderen Kriminalfälle ziemlich abstinkt. Craig Hill (der später Italowestern drehen sollte) taucht auf als Jungspund, der aus Liebe eine Unterschlagung getätigt hat. Joseph Wiseman (Dr. No!) hat einen glänzenden Auftritt als italienischer Kleinganove mit Hang zur theaterreifen Grandezza. Veteran William Wyler gehört zu jenen klassischen Hollywoodregisseuren, die sich niemals auf ein Genre festgelegt haben und allen Sätteln gerecht wurden. Erstklassige Arbeit, spannendes Kino. Weit entfernt von euphemistischer „Helft eurer Polizei“-Werbung, wie sie etwa die TV-Serie „Dragnet“ darstellte.
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#552 Cjamango

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Geschrieben 10. Juni 2008, 15:55

The Witch Who Came From The Sea (US-DVD)

Meine Vorliebe für amerikanische Low-Budget-Horrorfilme aus den 70er Jahren ist ja kein Geheimnis. In den Zeiten meiner cineastischen Bewußtwerdung war es zudem mehr Glückssache, welchen Filmen man mal über den Weg laufen würde. Die meisten Autokino-Exploiter liefen kurz in den Schrabbelmühlen und verschwanden dann auf Video oder wurden fortan nie mehr gesehen. Matt Cimbers THE WITCH WHO CAME FROM THE SEA (1976) ist solch ein obskures Teil, das seit seiner Auswertung in den frühen Tagen der Videotheken praktisch verschollen war und jetzt auf DVD wiederveröffentlicht wurde.

Matt Cimber war bekanntlich der letzte Ehemann von Jayne Mansfield. Außerdem schuf er einige Exploiter, von denen manche eher dem Sex, andere der Action zuneigten. Am populärsten war sicherlich sein Noir-Heuler mit Pia Zadora und Orson Welles (!), BUTTERFLY. THE WITCH fällt aus seinem Schaffen etwas heraus, zumal er sensationalistische Zutaten mit einer ernsthaften Psychopathologiestudie mixt und dabei sogar recht erfolgreich abschneidet. Hauptfigur ist eine gewisse Molly (Millie Perkins), die zusammen mit ihrer rundlichen Schwester und deren zwei mißratenen Bälgern an der kalifornischen Westküste lebt. Das Familienidyll ist aber ein trügerisches: Molly hat finstere Visionen, in denen sie Bodybuildern als Femme Fatale erscheint und ihnen die Hoden abschneidet. Als besonders unangenehm erweist es sich, daß besagte Mordtaten sich auch in Wirklichkeit zuzutragen scheinen. Wer daraus messerscharf folgert, daß Molly schwer einen an der Waffel hat, liegt nicht falsch – ein fürchterliches Kindheitstrauma hat sie in den Krallen, und von diesen Krallen tropft Blut...

Cimbers Film basiert auf einem Drehbuch von Frau Perkins´ Ehegatten Robert Thom, und es ist ein gutes Drehbuch, das jenseits der grausigen Ereignisse Verständnis für den aus den Fugen geratenen Verstand der Protagonistin erzeugt. Mitverantwortlich für den Erfolg ist die gute Leistung von Frau Perkins, die 17 Jahre vorher Anne Frank in George Stevens´ berühmter Verfilmung von DAS TAGEBUCH DER ANNE FRANK gewesen war. Sie traut sich hier einiges: Als sie in einer Szene barbusig einen graumelierten Schmierlappen bezirzt und er forsch seine Hose öffnet, um orale Gratifikation zu erlangen, beißt sie ihm volle Kajüte in den Schritt und bricht ihm dann einen Finger! Die Kastrationsfixierung, von der Molly getrieben wird, findet ihre Entsprechung in dem Andersen-Märchen von der Meerjungfrau, die sie sich von einem besonders skurrilen Tätowierer namens Jack Dracula auf den Bauch malen läßt. Auch hat sie farblich verfremdete Visionen von einem Floß mit lauter halbierten Männern drauf. Freud komm´ raus, du bist umzingelt – symbolisiert wird nach Leibeskräften. Da hat Käpt'n Iglo gut lachen. Die DVD enthält eine etwa 35-minütige Featurette, auf der sich Cimber, Frau Perkins und der später zu Ruhm und Oscarnominierungen gekommene Kameramann Dean Cundey über die Produktion auslassen. Der Schluß schafft es sogar, den Geschehnissen einen tragischen Anstrich zu verpassen, doch bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich schon in den Film verliebt. Sehr eigentümlich, sehr lohnend. Ein niedriges Budget war doch manchmal das Beste, was den Leuten passieren konnte. La paloma, oh weh...
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#553 Cjamango

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Geschrieben 10. Juni 2008, 23:19

Lady In A Cage (US-DVD)

Eine wirkliche Kuriosität aus dem Jahre 1964, im Vertrieb der Paramount, und trotzdem ein Sleazebrett von einigen Gnaden. Uffa!

Also los: Olivia de Havilland (noch ein Jahr entfernt von WIEGENLIED FÜR EINE LEICHE) spielt die reiche Dichterin Cornelia Hilyard, die zusammen mit ihrem Sohn in einem großen Anwesen wohnt. Da sie sich vor kurzem die Hüfte verletzt hat, ist sie auf seine Hilfe und einen Behindertenaufzug angewiesen, der wie ein improvisierter Fahrstuhl aussieht. Eines Tages muß der Sohnemann verreisen. Ein Unfall führt zu einem Stromausfall, der Cornelia zum Gefangenen ihres eigenen Fahrstuhls macht. Hilflos baumelt sie im Foyer ihres Anwesens. Der einzige, der ihre verzweifelten Hilferufe hört, ist ein geisteskranker Wermutbruder, den alle nur „Repent“ („Tuet Buße!“) nennen, da er das immer schreit. „Repent“ denkt gar nicht daran, die alte Mamsell zu befreien, sondern will die Weinvorräte ausräumen. Er alarmiert zur Verstärkung die alternde Lebedame Sade (Ann Sothern), die auch gleich mit dem Ausräumen beginnt. Dumm nur, daß auch einige unangepaßte Jugendliche davon Wind bekommen haben – ein Muskelmann, ein debil grinsender Schwachkopf und eine Schlampe. Und da man sich keine Zeugen leisten kann, setzt es bald Mord und Totschlag...

Holla, was ist hier denn passiert? Daß LADY IN A CAGE nicht nach Deutschland gekommen ist, wundert mich kaum, denn er ist merkwürdig, merkwürdig, merkwürdig. Der erste Teil des sehr stark an ein Theaterstück erinnernden Filmes ist sehr überzogen, fast schon ausgelassen. Ich gehe mal davon aus, daß die schwarzkomödiantischen Akzente so geplant gewesen sind, denn ansonsten würden fast alle Schauspieler maßlos überchargieren, inklusive der Frau de Havilland. Der bizarre Eindruck des Filmes wird verstärkt von einigen – allerdings unklugen – Prätentionen: Der gestelzte Dialog macht sich einige Gedanken über den Niedergang der menschlichen Rasse. Als absoluten Tiefpunkt in dieser lebensanschaulichen Hinsicht darf man wohl die Gruppe rund um Muskelmann James Caan annehmen, der hier seinen ersten größeren Filmauftritt und noch viele Haare hatte. Die Jugendbande wirkt wie eine Vorskizze zu UHRWERK ORANGE: Als Alptraum einer verspießten älteren Generation wirbeln sie durch das Anwesen und treiben fröhlich Unfug, die anderen Gäste dabei malträtierend wie sadistische Kinder. Aus dem Spiel wird dann aber auf einmal Ernst, und was der Film in den letzten 20 Minuten anstellt, erinnert in seiner Drastik fast an das Finale von MANDINGO – ein regelrechter „cookout“, bei dem z.B. einem Charakter die Augen ausgestochen werden, was von den anderen mit höhnischem Gelächter quittiert wird, Frau de Havilland wird u.a. mitten ins Gesicht getreten. Da übrigens auch die Figur der Dichterin und Mutter schließlich voll und ganz diskreditiert wird, dürfte der obwaltende Nihilismus mit Sicherheit eine harte Packung für das zeitgenössische Publikum dargestellt haben. Abgerundet wird das Ganze von einem sehr verspielten, schrägen, bisweilen atonalen Soundtrack. Unglaublich...
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#554 Cjamango

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Geschrieben 20. Juni 2008, 13:16

Broken (DVD)

Passend zur Beschlagnahme von HOSTEL 2 ein bezauberndes kleines Filmchen über eine junge Frau, die mitsamt ihrer Tochter von einem geheimnisvollen Mann verschleppt wird und von ihm über einen Zeitraum von etwa 2 Monaten in einem Wald gefangengehalten wird. Damit es nicht langweilig wird, foltert er sie zwischendurch ein bißchen. Wird es ihr gelingen, dem trüben Gesellen zu entfliehen?

Who cares? Ein neues Meierwerk aus dem Wirkungsbereich des britischen Pärchens Adam Mason und Nadja Brand, die seit etwa 10 Jahren die Welt mit ihren Schelmereien beglücken. Gesehen habe ich bislang nur den grenzdebilen DUST, eine Art Mischung aus Backwoods- und Zombiefilm, der es schaffte, in einem eigentlich anspruchslosen Sujet auf die Nase zu fallen. Bei BROKEN liegt der Fall etwas anders, denn er versucht sich als minutiös erzählte Geschichte eines Martyriums, und da hängt das Gelingen der Übung schon sehr davon ab, ob die Charaktere nachvollziehbar gestaltet sind und als Identifikationsfiguren taugen. Der Film greift in seiner Besinnungslosigkeit sehr hoch und liefert gleich zu Beginn ein Zitat, das den Film mit einer S&M-Thematik ausstattet. Außerdem wird man mit der Information versorgt, daß die Story auf realen Begebenheiten basiere. Der Anfang ist extrem widerwärtig: Eine Frau ist an einen Baum gefesselt, Schlinge um den Hals, Füße auf einem wackeligen Haufen aus mehreren Holzblöcken. Sie reißt sich eine notdürftig vernähte Öffnung in ihrer Bauchdecke auf, um ein dort deponiertes Rasiermesser hervorzukramen. Sie schafft es irgendwie, die Schlinge durchzuschneiden, purzelt zu Boden, ein Sammelsurium von Eingeweiden auf den Waldboden ergießend. Betrachter meint: Würg. Kommt die nächste Frau dazu, gespielt von Frau Brand, und was soll ich sagen: Ihr passiert genau dasselbe. Anders als die erste Frau hält sie aber durch und verdient sich damit eine langanhaltende Gefangenschaft. Irgendwann kommt noch eine andere Frau dazu, die sehr viel schreit. Der Killer ist wortkarg und hat ein Outfit, das ihn als „Fields of the Nephilim“-Fan ausweist. Ein wenig hat er auch von Robert Englund. Man erfährt nichts über ihn, aber er scheint ein Problem mit Frauen zu haben. Gleichzeitig scheint er von Todessehnsucht getrieben zu sein. Entweder das, oder er ist reichlich doof. Frau Brand hat jede Menge Gelegenheiten, den Abflug zu machen, verbockt aber eine um die andere. Und da haben wir auch schon das Problem des Filmes: Es kümmert einen eigentlich herzlich wenig, ob sie entkommt oder nicht. Schauspielerisch hat Frau Brand nicht gerade den Zwieback erfunden, nicht mal den Einback, und was sie da an Überlebensstrategien auffährt, entspricht in etwa dem Auftreten der deutschen Nationalmannschaft beim Spiel Deutschland gegen Kroatien. Es gelingt dem Film nicht, die Vorgänge interessant zu gestalten. Damit man nicht einschläft, werden diverse Gorebauern-Einsprengsel dargereicht: Einer Frau wird das Bein entzweigetreten, einer anderen die Zunge herausgerissen. Das ist alles herzlich sinnlos und sieht eher desinteressiert aus. Desinteressiert an den Figuren, desinteressiert an Zuschauern, denen an mehr gelegen ist als einer Parade von Unerquicklichkeiten. Man hätte aus dem Stoff in der Tat eine interessante S&M-Geschichte machen können über die gegenseitige Abhängigkeit von Täter und Opfer, aber was herauskommt, ist Schlonz. Keine Ahnung, was manchen Kritiker dazu bewogen hat, dem Film eine feministische Tendenz zu unterstellen. Ich sehe da eher eine unappetitliche Tendenz in die entgegengesetzte Richtung. Das Ende ist dann ein endgültiger Tritt in den Arsch. Da ist mir jeder Film von Andi Schnaas lieber als dieser sich selbst zu wichtig nehmende Unfug. Ein unsympathisches Gestümpere, langweilend und ärgerlich. Das einzig Schockierende an BROKEN war der Abspann, der ein großartiges Stück von Nick Cave parat hält, das noch aus „Birthday Party“-Zeiten stammt und hier völlig deplaziert ist.

P.S.: Der als BROKEN 2 herausgekommene Film hat mit BROKEN nichts zu tun und ist irgendeine Ami-Produktion namens THE CELLAR DOOR.
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Geschrieben 23. Juni 2008, 09:59

Abend der Gaukler (TV)

Damit ich nicht komplett verpöbele, habe ich mit einer privaten Bergman-Retrospektive angefangen, die mich jetzt schon seit einigen Tagen durch den frühen Bergman führt. („Das ist die Niere, das ist die Milz, und, hallo, wenn das nicht unser alter Freund, der Zwölffingerdarm, ist!“)

ABEND DER GAUKLER hat einen Titel, der den traditionellen Rambo-Fan eher nicht ansprechen wird. Wovon handelt denn der Film? Ein Wanderzirkus, Clowns, Manege... Oh, toll, ich hasse Zirkus! Hereinspaziert!!!

„Cirkus Alberti“ ist nicht zu vergleichen mit Roncalli, Krone oder ähnlichen Panoptiken des Grauens. Nur ein paar abgerissene Gestalten, die durch verregnete und landschaftlich wie herzensmäßig verödete Regionen Schwedens ziehen, um die Leute zum Lachen zu bringen und ihrem tristen Alltag ein paar Glücksmomente abzutrotzen. Die finanziellen Probleme, die die Artisten schieben, sind noch ihre geringsten. Der Anfang präsentiert eine Episode, die Frost, dem offiziellen Clown des Ensembles, widerfahren ist: Als nämlich seine nicht mehr ganz taufrische Gattin (der Erzähler meint: „Ihr Wonnemonat war schon vorbei!“) vor einer Kompanie von Soldaten auftaucht und anfängt, sich nackt auszuziehen, kommt er hinzu und muß mitansehen, wie sein Augapfel sich vor den gröhlenden Totmachern zum Spektakel macht. Natürlich hat er seine Weißclown-Maskerade an, und das daraus resultierende Schauspiel ist dermaßen demütigend und erbärmlich, daß selbst die Soldaten zu lachen aufhören und sich schämen. In einer griechischen Tragödie würde solcherlei Geschehen zum Freitod oder wenigstens zu einem Amoklauf führen, aber in Bergmans Welt ist das gerade mal der Auftakt – das Leben geht weiter, die Figuren schlucken ihren Horror hinunter und vollziehen ihre Sterblichkeit. Der Chef des Ensembles ist der dicke Albert, ein versoffener Lebemann, der seine Frau und seinen Sohn seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat. An seiner Seite hat er die hübsche Anne (Harriet Andersson, aus DIE ZEIT MIT MONIKA), die er irgendwann mal aufgelesen hat. Daß der Zirkus kein Platz ist für solch ein Geschöpf, weiß er selber, und ihm schwant, daß die junge Frau ihn früher oder später verlassen wird. Der Zeitpunkt scheint gekommen, als sie eine städtische Theatertruppe um Kostüme anschnorren und ein gutaussehender Kleindarsteller um die Gunst der Holden buhlt...

Während viele der früheren Bergmänner geprägt waren von einem leichten, häufig aber auch recht korrosiven und pessimistischen Humor, stellt ABEND DER GAUKLER ein Melodram dar, mit starken Tendenzen zur Tragödie. Die Zirkusvagabunden sind Menschen ohne eine Heimat, die nicht aus Berufung ihrem Geschäft nachgehen, sondern weil sie das Leben an den Rand gespült hat. Im Grunde genommen hätten sie alle gern eine bürgerliche Existenz, doch sie haben nur Niederlagen erlitten und glauben nicht mehr daran, daß sie zu einem herkömmlichen Glück fähig sind. Stattdessen ziehen sie Tag um Tag dieselben Routinen ab und spielen den Leuten ein Glück und einen Zauber vor, die für sie selbst in weite Ferne gerückt sind. Die Artisten sind zwar ehrenhaft und gute Menschen, aber auch unsagbar bemitleidenswert, Lebenslängliche mit Schminke im Gesicht. Bei einer Begegnung mit Theaterdirektor Gunnar Björnstrand macht sich dieser schnöselig über sie lustig: „Ihr setzt euer Leben ein, wir nur unsere Eitelkeit. Warum also sollten wir nicht über euch lachen?“ Sie werden verachtet, und sie verachten sich selber. Die Eifersuchtsposse, die zum Fallstrick für den alten Albert wird, ist in ihrer Banalität nur ein Zerrbild des „Glückes“, das ihnen in Form der normalen Bürgerlichkeit versagt bleibt. Während die Theaterleute wenigstens ihren Esprit und ihren Hochmut auffahren können, um sich über den Pöbel zu erheben, bleibt den Zirzensern nur der Alkohol und das kleine Glück im Schoß. Gott, bin ich deprimiert! Ist aber tatsächlich ein ausgesprochen exzellenter Film. Statt der bösen Hinterlistigkeit von DIE ZEIT MIT MONIKA, der nach einer flockigen Aussteiger-Fantasie das Auftrumpfen auf dem Boden der bürgerlichen Realität schildert als unausweichliche Folge des jugendlichen Hochmuts, spielt ABEND DER GAUKLER mit offenen Karten und führt den Zuschauer in den tiefsten Schacht, in dem der Bergman mit den anderen Kohlenkumpeln Karten drischt. Das ist schwerlich partykompatibel, aber menschlich sehr anrührend. Von frühen Meisterwerken wie DAS SIEBENTE SIEGEL und WILDE ERBEEREN war der Regisseur noch ein paar Jahre entfernt, aber wem der seichte Eskapismus Hollywoods auf die Nerven geht, kann sich mal mit dem schwedischen Filmemacher befassen. Da wohnt Wahrheit drin.
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