Ich habe dir niemals einen Hasenbraten versprochen
#466
Geschrieben 02. Mai 2007, 11:19
In der IMDb gibt es einige Leserreviews, in denen hervorgehoben wird, wie realistisch THE WILD GEESE in seiner Darstellung des Söldneralltages doch sei. Nun, es wird auch welche geben, die die TV-Serie „Hogan's Heroes“ für eine realistische Darstellung des 2. Weltkrieges halten. THE WILD GEESE ist ein spätkolonialistischer Abenteuerfilm, der – da 1978 entstanden – einige „moralische“ Schlenker enthält, die aber den vorherrschenden Eindruck von alten Männern, die im Drillich durch Transvaal stiefeln und Übungsmunition auf schwarze Statisten versemmeln, nicht wesentlich trüben kann.
Worum geht's? Colonel Faulkner (Richard Burton) ist Söldner und somit quasi von Berufs wegen Materialist. Als er von einem reichen Bankier den Auftrag bekommt, in ein schwarzafrikanisches Land zu reisen und das entmachtete Staatsoberhaupt Limbani aus Schwulitäten zu befreien, interessiert ihn in erster Linie die Kohle. Da er jungen Männern offensichtlich nicht vertraut, baut er auf die Erfahrung des Alters und sucht sich eine Söldnertruppe zusammen, bei der die Ältesten vermutlich noch unter General Gordon bei Khartoum mitgekämpft haben. Diese geriatrische Spezialeinheit wird dann wieder in Form gebracht, was allen gut gefällt, denn das Zivilleben trägt für sie keinen Charme, und man darf ja auch niemanden umlegen. Doch die Durchführung des Auftrages erweist sich als ungewöhnlich schwierig, da die Auftraggeber mit gezinkten Karten spielen, und viele der Senioren bleiben auf der Strecke...
Tja, sollte irgendwann einmal ein Buch über alte Männer in schlechten Filmen gedreht werden, führt an DIE WILDGÄNSE KOMMEN kein Weg vorbei! Bei meiner Neusichtung war ich zunächst einmal erstaunt, warum der Film seinerzeit so massiv erfolgreich war. Abgesehen davon, daß das Drehbuch von ausgesprochener Schlichtheit ist und den Bäddie-Fan mit unzähligen Klunkerzeilen verwöhnt, wirkt er auf verwirrende Weise schäbig und unattraktiv. Der Vorspann stammt von Bond-Mann Maurice Binder und weckt gleich Erwartungen an die handwerklich ja meistens mehr als ordentlichen 007-Filme, aber dann kommt erst einmal ein schwerfälliges Zusammensuchen der Seniorenriege, das auch fast die erste Stunde der Handlung einnimmt. Schon hier fällt auf, daß Regisseur McLaglen (der einige Male mit dem „Duke“ gedreht hat, später aber auch den unsäglichen SAHARA verbrochen hat) auf Schauspielerführung keinen großen Wert gelegt zu haben scheint: Die Akteure schmieren sich quer durch Quebec. Richard Burton soll einmal gesagt haben, daß er vor Auftritten 50 Prozent von dem, was er sich eigentlich vorgenommen hat, weglasse – dann stimme es einigermaßen. Hier scheint er 90 Prozent weggelassen zu haben und wirkt wie ein schwerer Alkoholiker mit Zahnschmerzen. Richard Harris (der den Idealisten der Truppe spielt) sieht aus wie die Oma, die mit ihrem Hinterteil Weinkorken verschießen kann. Roger Moore hat einen ganz undankbaren Job, der im wesentlichen darin besteht, die Vorgänge – wie moralisch bedenklich sie auch immer sein mögen – mit lustigen Bond-Sprüchen zu kommentieren. Hardy Krüger fungiert als so etwas wie das moralische Sicherheitsventil des Filmes: Während überall Krausköpfe entseelt durch die Gegend fliegen, lernt sein erzrassistischer und alle Schwarzen als „Kaffern“ bezeichnender Südafrikaner die Belange der schwarzen Bevölkerung des Kontinents respektieren. Diese relativierende Konzeption ändert trotzdem nichts daran, daß hier einige weiße Massas mit ihren Seniorenstiften wedeln und den Bimbos zeigen, wo der Frosch die Locken hat. Wer ist noch dabei? Stewart Granger versprüht bei seinen wenigen Szenen als der fiese Bankier die volle Pracht der dritten Zähne und erinnert etwas an Ray Milland in FROGS. Sehr nett kommt Jack Watson davon, der majestätischste Unterbiß Großbritanniens, der einen alten Kommißkopp spielt und statt Rosen lieber wieder Soldaten auf Vordermann bringen will. Seine Szenen während des Trainings sind unbezahlbar. Und ja, THE WILD GEESE macht natürlich Spaß, allerdings auf eine ähnliche Weise wie John Waynes Dumm-Dumm-Geschoß DIE GRÜNEN TEUFEL. Wäre THE WILD GEESE besser gemacht, wäre das dem Film nicht gut bekommen. Im vorliegenden Format aber garantiert er vergnügliche Unterhaltung mit alten, alten Kameraden, die gemeinsam der entschwundenen Männlichkeit und dem Glanz des britischen Empire hinterherjagen, untermalt von der marschlastigen Musik Roy Budds. Drehbuchautor Reginald Rose verwöhnte das Publikum später mit ähnlich gelagerten Produktionen wie DIE SEEWÖLFE KOMMEN, DAS KOMMANDO und natürlich DIE WILDGÄNSE KOMMEN 2, in dem die Altherrenriege Rudolf Heß aus Bautzen befreien muß...
Richard Harris: „Ich versuche, mit Anstand alt zu werden. Du glaubst natürlich, daß ich Stuß rede.“
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#467
Geschrieben 07. Mai 2007, 00:32
Verwirrender Film, dessen Macher als nächstes Projekt das Hollywood-Remake von THE EYE besorgen.
Nach einer konventionellen Slasher-Szene (Mutter und Tochter bleiben mit dem Auto liegen und werden von unbekannter Hand plattgemacht) bekommt der Zuschauer das junge Akademikerpärchen Clémentine und Lucas vorgesetzt, die in Rumänien arbeiten und ein abgelegenes und sehr geräumiges Landhaus bewohnen. (Verdient man da als Akademiker so viel? Cool – Ceaucescu, je viens!) Kaum hat man einen kurzen Einblick in ihr Leben gewonnen, liegen die beiden schon im Bett und ratzen. Kurz vor vier Uhr nachts dringen von draußen Geräusche in das Haus. Unbekannte sind in das Anwesen, scheint's, eingedrungen und machen Terz. Die beiden Gastarbeiter erkunden das Terrain und stellen fest, daß mit den Invasoren nicht gut Kirschen essen ist. Was ist geboten – Angriff oder Flucht?
Und damit hat es sich auch schon, was die Handlung angeht. Ob man dem gerade einmal knapp 75 Minuten laufenden THEM etwas abgewinnen kann, hat sehr viel mit der Bereitschaft zu tun, sich auf die minutiös geschilderten Geschehnisse einzulassen. Wenn dies gelingt, hat man es immerhin mit einem semiprofessionellen, aber recht geschickt gemachten Nervbolzen zu tun, der seinen Reiz aus der Vagheit der Ereignisse bezieht. Fast über die gesamte Laufzeit hinweg bekommt man die Angreifer nicht wirklich zu sehen, was das Ausmaß der Gefahr, die den beiden Protagonisten droht, schwer einschätzbar macht. Anders ausgedrückt: Wer weiß, daß vor der Haustür ein drei Meter großes Monster lauert, befindet sich in einer unerquicklichen Situation, aber wenn man sich nicht sicher ist, hat die Bedrohung eben eine völlig andere Qualität. In THEM erweisen sich die Angreifer als omnipräsent und überaus verspielt, terrorisieren ihre Opfer mit Krach und Lichteffekten. Das sorgt – in Anbetracht der recht unheimlichen Tonspur – für einige nervenzerrende Momente. Leider hat der Film im Hinblick auf inhaltliche Logik nicht gerade das Schießpulver erfunden. So erscheint es doch als ziemlich sonderbar, daß die Übeltäter ihr akkustisches und lichttechnisches Feuerwerk so überaus präzise realisieren können. Wenn man es sich einfach machen möchte, kann man sagen, der Film bediene sich der Logik eines Alptraums. Wenn man dem nicht folgen möchte, handelt es sich um hochgradigen Tinnef. Zudem gehen die beiden Regisseure Genreklischees nicht gerade aus dem Wege, so daß man den Film schon wirklich mögen muß, um die erwartungsgemäß eintreffenden Krauch- und Hinfallszenen kommentarlos hinzunehmen. Mir ging das Gehampel irgendwann ziemlich auf den Geist. Auch die schließlich erfolgende Auflösung folgt der berühmten Logik des Alptraums und erfordert eine Menge Gutglauben, den auch das abschließende „Based on real events“ nicht ersetzen kann. THEM wirkt wie ein in die Länge gezogener Kurzfilm, der auf einem Festival möglicherweise ganz gut funktioniert, aber sobald man nicht mehr mitspielen mag, kommt einem vieles doch wie müßiges Gehampel vor. In Anbetracht der geschickt eingesetzten Geräuscheffekte fand ich das etwas schade, aber ich zumindest hatte abschließend den Eindruck, daß hier viel Geschiß um eigentlich recht wenig veranstaltet wird. Eine Fingerübung mit einigen gelungenen Motiven und vielen Klischees, mehr nicht.
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#468
Geschrieben 07. Mai 2007, 23:35
Daniel Ciello (Treat Williams) ist Bulle bei einer Drogenspezialeinheit. Für gewöhnlich ist er ein ordentlicher Cop, läßt bei Junkiekontakten auch mal Fünfe gerade sein, zweigt ihnen gelegentlich etwas Stoff ab, aber eher, weil sie ihm leid tun. Sein Leben ändert sich schlagartig, als auf einmal fixe Jungs von der Staatsanwaltschaft auf ihn zutreten, die im Rahmen eines Untersuchungsausschusses gegen Polizeibeamte ermitteln. Als ihm der Vorschlag, für den Ausschuß tätig zu sein, unterbreitet wird, ist Ciello entsetzt – er soll gegen andere Cops ermitteln? Eine Ratte werden? Unvorstellbar. Und doch läßt er sich schließlich breitschlagen, stellt diese Mitarbeit doch eine Möglichkeit für ihn dar, zu den Ursprüngen seines Polizistendaseins zurückzukehren, mit sich ins Reine zu kommen. Seine einzige Bedingung: Es dürfen keine Partner von ihm kompromittiert werden. Schon bald stellt er fest, daß ihm der neue Job – stets ordentlich verdrahtet und vernetzt – großen Spaß bereitet. Er kommt sich vor wie ein Geheimagent und genießt seinen neuen Sonderstatus immens. Doch die moralischen Implikationen seiner Aktivitäten holen ihn ein und machen auch vor seinem Familienleben nicht halt...
Einer der besten Polizeifilme überhaupt. Anstatt auf den oberflächlichen Charme von Räuberpistolen zu bauen, konstruiert Regisseur Sidney Lumet den Film als intensives Schauspielerkino und baut seine Figuren nach und nach auf. Man kann miterleben, wie der eigentlich sympathische Ciello langsam aber sicher in eine Falle hineintappt und zum Handlanger eines schwer durchschaubaren Systems wird. Die Cops nutzen die Junkies aus, die Staatsanwälte nutzen die Cops aus, und auch die Jurisprudenz gehorcht Gesetzen, deren Moral höchst anfechtbar ist. Die Anwälte Cappalino und Paige haben lautere Absichten und bauen wirklich ein durchaus ehrliches kollegiales Verhältnis zu Ciello auf, wenn ihr Job auch von ihnen verlangt, zur Erreichung eines höheren Zieles Prioritäten zu setzen, die Ciellos Wohlergehen nicht unbedingt mit einschließen. Der Film dauert fast drei Stunden, schafft es durch die nüchterne Glaubwürdigkeit des Drehbuchs und die hervorragende Schauspielerführung aber, keinen Augenblick zu langweilen. Man erträgt es irgendwann kaum noch, Ciello dabei zuzusehen, wie er sich immer mehr in sein Verderben hineinreitet und schließlich dazu gezwungen ist, selbst langjährige Freunde anzuschwärzen. Natürlich sind korrupte Polizisten eine garstige Sache, aber das System, das als Gegenentwurf angeboten wird, überzeugt auch nicht völlig, basiert es doch auf Verrat und der gefühllosen Instrumentalisierung von menschlichen Schicksalen. Was als exotischer Agentenurlaub für Ciello beginnt, mausert sich schon bald zu einer fürchterlichen Belastung, die ihn emotional an seine Grenzen führt und zum paranoiden Wrack macht. Wer Freund und wer Feind ist, wird da immer irrelevanter. Und so beginnt das eben auch bei korrupten Bullen – ein Handgeld hier, eine Sondergratifikation da... Richtig tolles Kino, simpel, effektiv, erschütternd. Und obwohl die Synchro gut ist, empfehle ich die originale Tonspur, da die Schauspieler teilweise unglaublich Gas geben. Mit Sicherheit die beste Darstellung, die ich von Treat Williams gesehen habe, das ist mal sicher.
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#469
Geschrieben 24. Mai 2007, 20:15
TURISTAS hat ziemlich schlechte Kritiken bekommen, was mich etwas verwundert, denn für simpel gestricktes Horrorkino der preisgünstigen Art fand ich ihn akzeptabel, wenn auch in Einzelheiten etwas übermäßig grausam. Die Grundidee ist die erzkonservative Schote von den zivilisierten Reisenden, die in ein armes und vermeintlich unzivilisiertes Land kommen (hier Brasilien), nur um festzustellen, daß dort alle Leute ganz eklig und gemein sind. Zu Hause ist's halt doch am schönsten. Der Vergleich mit HOSTEL führt aber etwas in die Irre, denn während jener ironisch gebrochen war, zieht TURISTAS sein Schreckensszenario sehr straight durch. Die Touristen sind nicht ganz so eklig wie in HOSTEL (oder in WOLF CREEK, was das angeht), aber auch recht herablassend und ignorant. Es gibt einen prüden Ami und seine hübsche Schwester, zwei partygeile Briten, eine Aussie-Frau und zwei Schweden, die aber schon früh fachgerecht entsorgt werden. Nachdem die muntere Truppe unter Drogen gesetzt und ausgeraubt worden ist (haha!), befinden sie sich ohne Moos und ohne Pässe am Arsch der Welt. Kann es noch schlimmer kommen? Wie gefällt Euch illegaler Organhandel? Auf tritt ein entfernter Verwandter von Dr. Moreau, der dem iranischen Ministerpräsidenten vergnüglich ähnlich sieht und auch schon mal grundlos einem seiner Schergen einen Dorn in den Augapfel haut – verheerender Effekt, wenn auch komplett unmotiviert. In der ekligsten Szene des Filmes liefert der Doc einen recht interessanten Monolog, der seinen eigentlich rettungslos bösen Charakter mit einer unerwartet ambivalenten Note versieht. Was er von der Ausbeutung Brasiliens durch den reichen Westen erzählt, stimmt nämlich auffallend. Es gibt am Schluß eine ausgedehnte, aber recht akzeptable Unterwasser-Höhlenjagd, die etwas an THE DESCENT oder THE CAVE erinnert. Und Regisseur John Stockwell (der einst in John Carpenters CHRISTINE den besten Freund von Arnie gespielt hat) hat ganz am Ende noch einen Gastauftritt als Rucksacktourist. Insgesamt durchaus okay, wenn auch nicht gerade originell. Bei all den Gurken, die ich in letzter Zeit gesehen habe, war das aber befriedigend. Erwartet habe ich nämlich nüschte, und dafür war das doch ganz unterhaltsam. Wer übrigens aufgrund der Vorankündigungen ein Blutbad à la HOSTEL oder TCM: THE BEGINNING (unrated – uärchxxx!) erwartet, wird vielleicht etwas enttäuscht sein. „Normalen“ Betrachtern hingegen dürfte manches Detail zu unappetitlich sein. Wenn ich mal irgendwann eine klaffende Kopfwunde habe, will ich jedenfalls nicht, daß sie mit einem handelsüblichen Tacker zugeöckelt wird... Autsch! Bleibe zu Hause und nähre dich redlich.
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#470
Geschrieben 24. Mai 2007, 20:40
BLOOD DIAMOND erzählt vom verbrecherischen Diamantenhandel in Sierra Leone und den Leuten, die daran verdienen. Es wird gezeigt (in für einen Hollywood-Mainstream-Film beeindruckend harscher Weise), wie die armen Bauern von sogenannten Revolutionsarmeen gekidnappt oder massakriert werden. Die Überlebenden (häufig auch Kinder) dürfen dann schuften bis zum Umfallen. Die Klunkern werden verschifft und unter die legalen Edelsteine gemischt, damit man ihre widerliche Herkunft nicht nachvollziehen kann. Leonardo di Caprio spielt den rhodesischen Diamantenschmuggler und Ex-Söldner Archer, den das Schicksal anderer Menschen einen kompletten Dreck interessiert. Als er auf den Ex-Sklaven Solomon stößt, der seine Familie verloren hat und wiederfinden möchte, ist für ihn das Schicksal des Unglücklichen nicht von Belang. Was wichtig ist: Solomon hat einen sensationell großen Diamanten aufgetan und beiseitegeschafft. Für eine Beteiligung verspricht ihm Archer, bei der Suche nach der Familie behilflich zu sein. Was folgt, ist ein einigermaßen kuckbarer Abenteuerfilm, der seinen Fokus und „selling point“ – das in der Tat himmelschreiende Unrecht, das in vielen afrikanischen Staaten vorherrscht und sowohl vom reichen Westen als auch von machtgeilen Afrikanern ausgenützt wird – zunehmend aus den Augen verliert. Der Anfang von BLOOD DIAMOND ist sogar richtig gut und liefert eine erschütternde und glaubhaft wirkende Schilderung des gewalttätigen Alltages in Sierra Leone und der abgrundtiefen Armut, in der die Leute dort dahinvegetieren müssen. Regisseur Edward Zwick wird dann aber zunehmend vom Drehbuchautor besiegt, der sein interessantes Thema mit kitschigen Klischees und christlichem Läuterungskäse aus den Pantinen haut, die auch von James Newton Howards ungewohnt schwachen Ethno-Gedudel (feat. Lisa-Gerrard-Gedächtnis-Gejaule, wie so häufig) unterstrichen werden. Am Schluß wird der Film dann endgültig zu edelstem Edamer. Schade eigentlich – da hätte man sich ein bißchen was trauen müssen. Di Caprio spielt wie üblich gut, wenngleich er mich in Scorseses THE DEPARTED schon mehr begeistert hat; Jennifer Connelly ist eine wackere Krisengebiets-Journalistin, die sich ein Familienleben eigentlich abgeschminkt hat, aber dem netten Lächeln von di Caprio natürlich nicht widerstehen kann (komplett irrelevanter Charakter); Djimon Hounsou macht seine Sache prima als gebeutelter Bauer; und einer meiner Lieblingsbaddies, Arnold Vosloo, taucht auf als di Caprios ehemaliger Söldner-Colonel, eine echte Sau. BLOOD DIAMOND dauert etwa zweieinviertel Stunden. Eine davon ist recht gut. Danach überwiegt die gefällig inszenierte Konvention. LOHN DER ANGST grüßt auf jeden Fall von ganz, ganz weit weg...
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#471
Geschrieben 29. Mai 2007, 14:56
Also, da ist dieser freundliche Indiostamm. Die sind eigentlich ganz harmlos, nur Tiere müssen manchmal dran glauben. Zu Anfang gibt es leckeren Tapir. Mit den Tapirhoden verarscht man den Stammesdeppen, „Von kleinem Geist“, denn er kriegt bei seiner Frau kein Kind zustande. Das liegt auch an der fiesen Schwiegermutter, die wie ein Schloßgeist vor dem Zelt hockt, bis daß Kinderschreien erklingt. Manchmal, wenn er gerade wieder versagt hat, lacht sich der ganze Stamm über ihn kaputt. Darum ist er ja auch der Depp. Er ist auch sehr moppelig, der Depp. Die anderen Krieger des Stammes sind rank & schlank, besonders „Pranke des Jaguars“, der Sohn von Häuptling „Blitzende Birne“. Leider kommen böse Holcane-Krieger daher und schlagen alles kurz und klein. Die wenigen Überlebenden werden in eine Mayastadt gebracht und entweder als Sklaven verkauft oder aber den Blutgöttern geopfert. Doch „Pranke des Jaguars“ hat noch einiges vor in seinem Leben...
Der neueste Lachschlager von Mel Gibson. Im Unterschied zu DIE PASSION KRUSTI ist APOCALYPTO wenigstens unterhaltsam und einigermaßen spannend, aber vor dem Menschenbild Mel Gibsons graut es mir. Der Mann ist sehr schlicht und scheint sich tatsächlich einzubilden, ein Werk von ethnologischer Wahrhaftigkeit geschaffen zu haben. Das hat er auch, aber nur im Hinblick auf seine beschränkte „zivilisierte“ Weltsicht. Obwohl die Indios alle in untertitelter Indianersprache quatschen, benehmen sie sich, als wären sie einem durchschnittlichen Hollywoodfilm entsprungen. Der zotige Anfang mit den Tapirhoden etwa ist dummdreisteste Teenieklamotte, PORKY'S mit Indios halt. Der Unfug mit der Schwiegermutter und dem mißlungenen Liebesakt ist durchaus bundeswehrspindtauglich. Die Kampfhändel dann, in der sich bunt bemalte Mitmenschen mit stumpfen Waffen den Bregen rauskloppen, erinnern an Football – unterlaufen, seitlich abprallen lassen, Touchdown. Die Mayas lieben es, einen Heidenrabatz zu veranstalten, denn sie beten ja die bösen Grimmgötter an. In der Stadt wimmelt es von Sklaven, Müßiggängern und sensationsgeilen Asis, die den Kreuzgang (nein, nicht schon wieder!) der netten naturbelassenen Indios mit fröhlichem Gewieher verfolgen. Es ist bis zum heutigen Tag doch alles gleich geblieben – schon klar, Mel! Damit man auch weiß, daß die Holcanes die Bösen sind, sind alle in die üblichen Figurenmuster eingeordnet. Es gibt ein besonders kräftiges Rauhbein, das den Mord an seinem Sohn rächen muß; es gibt einen Prediger, der alle mit mythischem Firlefanz versorgt und schließlich vom Rauhbein entsorgt wird; und es gibt einen grenzdebilen Sado-Maya, der ein kleines Hufeisen in der Nase hat, das in entfernteren Aufnahmen etwas an einen Hitler-Schnurrbart erinnert. In den Nahaufnahmen sieht es nur so aus, als würden dem Grimmbatz lange, blaue Popel aus der Nase hängen. Da es Gibson in erster Linie um historische Authentizität geht, baut er noch eine ziemlich alberne Liebesgeschichte ein (Häschen in der Grube!) und paßt auch ansonsten alle Aktionen und Reaktionen der Indios den Erwartungen des popcornkauenden Zielpublikums an. Als „Clous“ gibt es eine Sonnenfinsternis (Tim & Struppi!) und „conquistadores ex machina“ – jaul. Toll auch die Unterwassergeburt.
Wäre APOCALYPTO nur ein typischer amerikanischer Actionfilm, wäre das schon in Ordnung, denn er ist exzellent fotografiert und streckenweise durchaus aufregend anzuschauen. Aber er trägt leider das Gewand, das schon dem Erlöser in Gibsons letztem Film nicht gut gestanden hat, und wenn Gibson sich allen Ernstes einbildet, fremde Kulturen (oder überhaupt das Prinzip des Anderen) verstehen zu können, so liegt er leider falsch. Sein Verständnis reicht wirklich nur bis zum Ende seiner höchst beschränkten Auffassung von den Dingen, und die begreift Indios als ein von außen zu betuttelndes Spielzeug, als postkolonialistisches Zierat für die eigene Miefbude. Ein sehr dummer Film, und wenn Dummes hübsch abgefilmt wird, so bleibt es dennoch Dummes.
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#472
Geschrieben 12. Juni 2007, 12:08
Und noch ein Remake.
Kiyoshi Kurosawas Film KAIRO war ein einigermaßen verwirrender, aber auch sehr faszinierender Hybride, dessen anfängliche Bezugnahme auf Geistergeschichten à la RING mehr und mehr der Darstellung einer Apokalypse Platz macht, in der die hoffnungslos unpersönlich gewordene Welt der Lebenden von den Geistern der Verstorbenen okkupiert wird. Leider ist der Reiz des Originals in der deutschen Fassung kaum mehr nachzuvollziehen gewesen, denn die Synchronisation war hier endlich mal so lausig, daß ich irgendwann entnervt abgebrochen habe. In der von Wes Craven geskripteten amerikanischen Fassung hat man die experimentellen Aspekte der Vorlage selbstverständlich etwas geglättet und den Erwartungen des Zielpublikums (=popcornkauende Teenies) angeglichen. Schlecht ist das Ergebnis nicht – in mancherlei Hinsicht ist PULSE der zugänglichere Film –, doch natürlich fordert die Erklärungswut der Amerikaner auch ihre Opfer. Ich habe Kurosawas Film nicht mehr en detail im Hinterkopf, aber mir ist so, als wäre die „mad scientist“-Geschichte etwa, die die Amis rangetackert haben, im Original nicht vorhanden gewesen. Da der amerikanische PULSE eher auf Action und die Oberflächenspannung der einzelnen Situationen setzt, entsteht der etwas eigenartige Eindruck, es werde vieles präziser dargestellt, als dies bei den Japanern der Fall gewesen ist, doch trotzdem bleibt das Konzept vage. Bei einem Experiment mit bislang unbekannten Frequenzen wird die berühmte Tür geöffnet, durch die das Böse in unsere Welt gelangen kann. Das tut es denn auch, in Gestalt britzelnder Aphex-Twin-Monster, die so aussehen wie der Schreihals im „Come To Daddy“-Video. Die Monster saugen den Lebenden den Lebenswillen aus und zersetzen schließlich deren Körper. Man soll halt nicht so lange vor dem Computer sitzen. In manchen Fällen zerfallen die Lebenden zu computergenerierter Asche; in anderen hingegen (Josh) tun sie das offenbar nicht. Wenn man den Vorgängen einen Subtext unterstellen möchte, dann hat er sicherlich damit zu tun, daß die eifrig herumchattende und SMS-hörige Jugend ihren eigenen Untergang zelebriert. Das war im Original ähnlich, wenngleich dort eher die bodenlose Isolation der jungen Leute im Vordergrund stand. Ich erinnere mich daran, daß ich die Selbstmörder-„Webcams“ maximal gruselig fand, eben weil von ihnen auch eine furchtbare Traurigkeit ausging. In der US-Fassung wirken diese Net-Findlinge eher morbide und stellen in erster Linie eine Bedrohung dar, eine Zumutung den Lebenden gegenüber. Das ist durchaus repräsentativ für meinen Gesamteindruck, der kein schlechter ist. Original und Neuverfilmung haben jeweils ihre eigenen Reize. Die Attitüde ist halt eine andere. PULSE profitiert von seinem metallischen HD-Video-Look, der hier mal wirklich passend ist, da es um die zunehmende Entfremdung des Menschen von seiner Natur geht. Eine Welt, in der die Simulation von Nähe und Miteinander ihr echtes Gegenstück ersetzt, muß irgendwann den Bach runtergehen, und das schildert auch PULSE nachfühlbar und spannend. Fand ich sehr okay.
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#473
Geschrieben 13. Juni 2007, 13:27
Lowlife Charlie Burns (Guy Pearce) wird zusammen mit seinem jüngeren Bruder Mikey von Sheriff Stanley (Ray Winstone) hoppgenommen. Stanley hat sich zum Ziel gesetzt, das australische Outback zu „zivilisieren“, auf daß die britische Lebensart überall auf dem Kontinent Fuß fasse. Um das zu erreichen, heuert er Charlie an, dessen Bruder Arthur die Region unsicher macht. Es scheint so, als sei Arthur eine wahre Bestie, die ungehemmt Massaker an der Zivilbevölkerung anstellt. Charlie soll Arthur töten, wenn er verhindern möchte, daß der kleine Mikey am Strick baumelt. Er macht sich auf die Reise...
Der beste Western seit Clint Eastwoods UNFORGIVEN, und während Eastwoods Film sich befaßt mit der Mythisierung der amerikanischen Geschichte im allgemeinen und dem Westerngenre im besonderen, geht es in John Hillcoats australischem „Geschichtsfilm“ um Kolonialismus und das problematische Verhältnis zwischen Natur und dem, was Menschen so unter Zivilisation verstehen. Auf der einen Seite steht Winstones drogensüchtiger, vor Moralwut brummender Gesetzeshüter, der eine recht frustrierende Ehe führt. Seine Frau ist eine urbritische Hausmamsell, die vom Ehemann unbefriedigt ist, da er sich stets in seine Arbeit flüchtet. Tatsächlich hat sie sehr viel mehr mit Sinnlichkeit am Hut als er und wünscht sich nichts sehnlicher als eine kleine Familie. Es gibt eine sehr hübsche Szene, wo der prüde Winstone ins Badezimmer tritt und seine Frau im Waschzuber sieht. Seine erste Reaktion besteht darin, daß er peinlich berührt wegschaut; dann fixiert er wie besessen die Wasserperlen auf ihrer weißen Schulter. Dabei rollen ihm die Tränen über die Wangen. Nächtens dann studiert seine Frau im Bett Kataloge für Kinderkleidung. Da läuft einiges schief. Die andere Familie ist die Familie der Burns-Brüder, der zwar ein gewisser Kain-und-Abel-Konflikt innewohnt, aber im Grunde genommen sind sie Brüder, felsenfest. Da ändert es auch nichts daran, daß Charlie seinen Bruder umbringen muß. Interessant ist dabei, daß selbst dem zu bestialischer Gewalt fähigen Arthur sehr positive Eigenschaften zugeordnet werden. So liebt er Poesie, und nicht nur das – er scheint sie auch zu verstehen. Mit seinem Bruder schaut er in einer anrührenden Szene gemeinsam in den Sonnenuntergang und staunt über die unermeßliche Weite des Lebens, von der er nur einen kleinen Teil zu sehen bekommt. Während der Sheriff krampfhaft versucht, seine eigene kleine Britenwelt dem australischen Wildwuchs aufzuzwingen (und die Aborigine-Ureinwohner werden den ganzen Film über von den Weißen nur mißhandelt), akzeptiert Arthur Burns seine eigene Unwichtigkeit angesichts der Natur. Für ihn gibt es deshalb auch kein Gut oder Böse, keine moralischen Beschränkungen. Was er tut, ist manchmal gräßlich, aber er wirkt trotzdem verwirrend ehrlich, ganz anders als die braven Bürger der Westernstadt, die bei der Auspeitschung von Mikey gerechtigkeitslüstern und gewaltgeil zuschauen und es genießen, daß es einem anderen so richtig dreckig ergeht. Es gibt auch noch einen von John Hurt gespielten Kopfgeldjäger, der ebenfalls einen Sinn für Poesie hat und die Lehren Charles Darwins kennt, sie aber in den Dienst eines ekelhaften Zynismus gestellt hat. Seine Menschenverachtung ist ganz anders als jene von Arthur, der liebt und haßt, wie seine Natur ihm das eben vorgibt. Dem Schluß des Filmes haftet eine gewisse Unausweichlichkeit an, und er ist sehr schön geraten, wie auch der ganze Film. Regisseur Hillcoat hat neben einigen Musikvideos auch den ebenfalls exzellenten GHOSTS OF THE CIVIL DEAD gemacht. Diese neuerliche Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Nick Cave gehört zu den besten Western, die ich je gesehen habe – klasse!
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#474
Geschrieben 14. Juni 2007, 10:34
Der Maskenmann schlägt wieder zu! Ich habe mich damals schon bei Sergio Stivalettis WAX MASK gefragt, zu was der Mann imstande ist, wenn man ihm kein Geld gibt und eine Videokamera in die Hand drückt. I TRE VOLTI DEL TERRORE bzw. THE THREE FECES OF TERROR demonstriert das sehr anschaulich und hat wohl ungefähr soviel gekostet, wie man braucht, um auf dem Bochumer Eierberg eine Prostituierte frischzumachen.
Die Ambitionen des Drehbuches (das Stivaletti zusammen mit dem Filmjournalisten Antonio Tentori verfaßt hat) richten sich auf die alten „Amicus“-Episodengrusler. In der Rahmenhandlung sitzen einige Italiener gelangweilt in einem Zugabteil. Auf einmal geht die Tür auf und John Philip Law kommt herein mit einem ziemlich erbärmlichen falschen Bart. Er spielt Professor Peter Price, Hypnotiseur, und weil er gerne neue Leute kennenlernt, läßt er erst einmal seine Hypnotisierkugel fallen und fängt dann an zu sülzen. Die Synchronisation ist grottenschlecht und erinnert etwas an Lenzis GATES OF HELL. Dieser Vergleich soll einem im weiteren Verlauf des Filmes noch einige Male in den Sinn kommen. Die Gäste dürfen alle in seine Kugel schauen, die ein entfernter Verwandter des HELLRAISER-Würfels ist und sich mechanisch öffnet. Die erste Geschichte handelt von zwei Flitzpiepen, die in einer Hügellandschaft rumkrauchen und dann buddeln. Auf einmal befinden sie sich in einer alten Gruft, die aussieht wie eine schlecht beleuchtete Bedürfnisanstalt an der Stazione Termini von Rom. Die beiden sind beeindruckt von der Kostbarkeit ihrer Umgebung. Tatsächlich liegt da nur Müll herum, und an die Wände haben Stivalettis Kinder irgendwelche Figuren drangepinselt. Auch sind da geheimnisvolle Inschriften zu lesen, die übersetzt in etwa bedeuten: „Oriana Fallaci macht es auch mit dem Mund.“ Eine Papiermaché-Mumie liegt da rum und hat einen Ring am Finger, den sich der eine der beiden Typen einsackt. Gemeinsam begeben sie sich zu ihrem Auftraggeber (John Philip Law mit einem anderen falschen Bart), der mittels eines praktischen Ausgrabungsort-Wörterbuches die Inschriften übersetzt. Oriana Fallacis Ring bringt wohl Unheil. Als erstes bekommt dies der Kumpel des Ringdiebes zu spüren, denn ihm wird mit einer Art Gartenschaufel der halbe Kopf abgeschnitten. Der halbe Kopf blutet aus zwei Öffnungen und sieht aus wie ein kaputter Dorsch. Dann bekommt ein uffjedunsener Claudio Simonetti die Macht des Mumienringes zu spüren, denn der Ringdieb verwandelt sich vor seinen Augen in einen Werwolf! Stivaletti gibt hier spezialeffektetechnisch Vollgas, doch sollte man seine Effekte aus DEMONS schon mögen. Simonetti wird auf jeden Fall nett abgeledert. Dann ist die Episode abrupt zu Ende, und alle schauen betroffen. Kein Wunder.
Nächste Episode. Lamberto Bava spielt sich selbst und dreht gerade DEMONS 7, was man sowohl als selbstreferentiellen Humor verstehen muß als auch als ungewollten Kommentar zum vorliegenden Film. Zwei junge Schauspielerinnen gehen zum Doktor. Sagt die eine: „Herr Doktor, ich möchte gerne so aussehen wie meine Freundin!“ – Sagt der Arzt: „In meinem Gewerbe ist mir nichts Menschliches fremd. Viele Leute kommen zu mir mit einem Modell im Kopf.“ John Philip Law hat seine Darbietung in dieser Episode komödiantisch angelegt, chargiert gewaltig über und sieht aus wie Tante Trude aus Buxtehude, ohne Bart also. Auch in der finalen Geschichte ist er bartlos, trägt dafür ein Fischerkostüm und ein schwarzes Tuch über dem linken Auge. So spielt das Leben. Da geht es um drei Freunde und ein Tiefseemonster. Spätestens beim Tiefseemonster ist mir aufgefallen, daß mir der Film eigentlich doch ganz gut gefällt, denn in einer Zeit, in der die meisten Cheapo-Regisseure auf CGI-Effekte bauen, greift Stivaletti nach den Sternen. Es fehlen eigentlich nur noch Knetgummimännchen. Und am Schluß verblüfft er uns alle und serviert nacheinander alle Enden zu den Episoden. Wenn das Geld fehlt – erzählerischen Wagemut kann man sich immer leisten. Das finde ich wohllöblich. Insgesamt finde ich I TRE VOLTI ganz nüddelig und deutlich sympathischer als den italienischen Billigschrott, der in den letzten Jahren auf den DVD-Markt gewürfelt wurde. Der Film wurde gedreht im Zeichen des Heiligen Bimbam, und er leuchtet im Dunkeln.
„Paolo ist tot. Es hat ihn in Stücke gerissen. Was war das bloß?“ – „Nur ein Monster!“
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#475
Geschrieben 18. Juni 2007, 23:51
Bei einer Tour durch die zerklüftete Felsenlandschaft Sardiniens wird der Sohn eines ansässigen Grundbesitzers von Banditen entführt. Seine Verlobte (Charlotte Rampling) scheut davor zurück, die Polizei zu alarmieren, da ihr jeder – einschließlich des Vaters – dringend davon abrät. Ein guter Freund des Entführten (Franco Nero) unterstützt sie, gerät dabei aber ebenfalls in die Fänge der Banditen. Wer steckt hinter diesen Verbrechen? Und was geht überhaupt in Sardinien vor sich?
Tja, der ultimative Sardinien-Film, und eine in jeder Hinsicht harte Packung! Als er bei „Buio Omega“ lief, war eines klar – ich muß det Dingen sehen, weil ich dazu in diesem Leben vermutlich keine Gelegenheit mehr haben würde. SEQUESTRO DI PERSONA lief damals im Kino, erfuhr aber niemals eine Auswertung auf Video, und auch an eine TV-Ausstrahlung kann ich mich nicht erinnern. Wenn man die recht prominente Besetzung bedenkt (das war einer der ersten Auftritte von Charlotte Rampling!), ist es sehr verwunderlich, daß der Film auch international kaum aufzutreiben ist. Der Regisseur, Gianfranco Mingozzi, war in den sechziger Jahren vorwiegend als Dokumentarfilmer tätig gewesen und hatte vorher gerade mal einen Spielfilm auf dem Kerbholz. Seine späteren Arbeiten zeichnen sich durch einen sehr gewissenhaften Blick auf soziale Mißstände aus, häufig im Gewand von Genrekost. Am bekanntesten dürfte sein wütender „nunsploitation“-Schocker FLAVIA LA MONACA MUSULMANA sein, dem trotz seiner teilweise schwer verdaubaren Härte ein heiliger (bzw. unheiliger) Ernst anhaftet. SEQUESTRO DI PERSONA läßt Sardinien als rückständige Region erscheinen, deren Bewohner dem Althergebrachten anhängen und die soziale Ordnung keine Sekunde hinterfragen. Ist Sardinien wie Zeven? Nun, in Zeven gibt es meines Wissens keine wildgewordenen Schafhirten, die zur Aufbesserung des kärglichen Salärs schon mal mit vorgehaltener Schrotflinte reiche Söhne einsacken. Auch werden dort nicht andauernd Schafherden über die Straßen getrieben. Kommen wir somit zum einzigen Aspekt dieses ansonsten exzellenten Filmes, der mir nicht nur mißfallen, sondern das Seherlebnis ziemlich versaut hat: Gleich zu Beginn donnert ein Sportwagen in eine Schafherde und brettert mindestens zwei von den Tieren über den Haufen. Ich saß da und dachte nur: Das darf jetzt bitte nicht wahr sein! Vielleicht bin ich ja ein Weichei und gehöre eigentlich in den Tierschutzverein, aber dafür hätte ich dem Regisseur schlicht und ergreifend eine Anzeige angehängt. Im Foyer haben wir noch darüber diskutiert, ob das so geplant gewesen sein mag. Vielleicht sollte der Wagen ja vor der Herde abbremsen, und es ist dabei zu einem Unfall gekommen, aber selbst dann finde ich es übel, solch eine Szene einzubauen. Mögen dem Mingozzi die Geister der ermordeten Schafe den Nachtschlaf vergällen – mäh! Nee, im Ernst, Sauerei. Man kann den doofen Hollywood-Produktionen ja vorwerfen, was man will, aber dort ist immer der Tierschutz anwesend. „No animals were harmed...“ Nein, wohl eher: „Made in Sardegna, where sheep are cheap!“ Ich brauchte jedenfalls eine Zeit lang, bis ich das verdaut hatte. Der Rest von MAFIA STORY ist ein mit sehr schlichten, aber wirkungsvollen Mitteln erzähltes Mafiadrama, dessen herb-realistische Gestaltung den ehemaligen Dokumentarfilmer erkennen läßt. Auch Laiendarsteller aus der sardinischen Groteskpassantenvermittlung kommen reichlich zum Einsatz. Das Finale ist ein besonderer Kracher. Meinen nächsten Urlaub verbringe ich bestimmt woanders. Die Schafe hätte man sich trotzdem knicken sollen, und zwar nicht so, wie gezeigt.
Bei „Mäh“ fällt mir übrigens noch der vermutlich dümmste deutsche Titel ein, von dem ich jemals gehört habe. Da gibt es keine Konkurrenz. Gemeint ist der Neo-Blaxploitation-Film MO´ MONEY, dessen Untertitel bei uns wie hieß? Er hieß MEH´ GELD! Drei Schafsköpfe für diese Narretei...
Bearbeitet von Cjamango, 18. Juni 2007, 23:54.
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#476
Geschrieben 19. Juni 2007, 12:31
Endlich auch mal gesehen.
Wer Mr. Vengeance ist, weiß ich nicht. Vielleicht ist es Ryu, dessen Schwester schwer erkrankt ist und eine neue Niere braucht. Nieren sind schwer zu bekommen, wenn man nicht das nötige Kleingeld hat, und Ryu hat leider die falsche Blutgruppe. So wendet er sich an halbseidene Organhändler. Um die Gangster bezahlen zu können, überantwortet er ihnen seine eigene Niere. Außerdem entführt er zusammen mit einer Freundin die kleine Tochter eines reichen Fabrikanten. Die Entführung – wie auch so ziemlich alles andere – geht allerdings auf klangvolle Weise schief, und so gibt es bald verschiedene Leute, die Mr. Vengeance sein könnten...
Ich gehöre ja zu den wenigen Leuten, die OLDBOY noch nicht kennen. Von Chan-wook Park habe ich lediglich die groteske Episode gesehen, die er für den Film THREE...EXTREMES gedreht hat. Dem überdrehten Comic-Strip-Stil jenes Kurzfilmes entsprach MR. VENGEANCE nicht. Stattdessen befindet man sich in einer recht gemächlich erzählten Geschichte, die von Leuten erzählt, deren Geschicke miteinander verwoben sind. Einige davon sind gesellschaftliche Außenseiter, andere schwimmen auf der Schaumkrone der Gesellschaft. Der Vater des kleinen Mädchens zum Beispiel erscheint zunächst als übles Schwein, als Raubtierkapitalist reinsten Wassers, der dann aber gewaltsam in seine Rolle als leidender Vater gezwungen wird. Ryu und sein Anhang sind eigentlich gebeutelte Existenzen, die in erster Linie von ihrer Liebe zueinander geprägt sind, doch die verhängnisvollen Ereignisse führen zu einer Wandlung, der durchaus etwas Monströses anhaftet. Man hat den Eindruck, daß es hier gar nicht um eine moralische Bewertung der Handlungen der Figuren geht, sondern um eine Tragödie reinsten Wassers, bei der die Menschen von Kräften gelenkt werden, die sie nicht unter Kontrolle haben. Chan-wook Park realisiert dieses Sozialdrama im Gewand eines grotesken Realismus, der die Aktionen der Figuren in sehr naturalistischer (und minutiöser) Weise darbietet, aber auch vor surrealen Einsprengseln nicht zurückschreckt, die das chaotische Innenleben der Protagonisten nach außen tragen. Vieles ist auf trockene Weise komisch, vieles aber auch einfach nur noch erschütternd. Ich fand die Herangehensweise des Regisseurs auf erfrischende Weise originell und selbstsicher – endlich mal keiner, der versucht, Tarantino oder Lynch zu imitieren. Die nächsten Filme des Mannes habe ich mir schon vorgemerkt. Klasse.
Bearbeitet von Cjamango, 19. Juni 2007, 12:32.
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#477
Geschrieben 20. Juni 2007, 12:49
Gibt es einen Film, der die Einwanderungsproblematik großstädtischer Problemzonen beleuchtet, den Generationenkonflikt behandelt und dann noch sensible Betrachtungen über das Für und Wider von Gewalt anstellt?
Aber ja: GAME OF SURVIVAL (aka TENEMENT) leistet all dies und noch mehr. Seine oberflächliche Erscheinung – die eines blutrünstigen Sleazeheulers – ist nur Fassade. In der Brust von Regisseurin Roberta Findlay pocht das Herz einer engagierten Soziologin, und was sie uns über die Bestie Mensch verrät, macht schaudern und bibbern.
Es fängt alles ganz harmlos an: In einem New Yorker Apartmenthaus der minderen Preisklasse hat sich eine Jugendbande eingenistet. Sehr zum Leidwesen der dort untergebrachten Minderheitsangehörigen verlustiert sich die Gang in einem nimmermüden Reigen der Gewalt und des Drogenkonsums. Die jungen Leute sind nicht von Natur aus böse – sie sind nur dreckig, dumm und hundsgemein. Ihr Leben ist ein fortwährender Amoklauf. Was Wunder, daß die Normalbürger sich von Herzen freuen, als die Bande von der Polizei eingeknastet wird. Dumm nur, daß sie fast unverzüglich wieder laufengelassen werden. Dumm auch, daß der geisteskranke Boß Chaco Rache schwört und Visionen von Blut hat. Diese Visionen zu grimmiger Realität werden zu lassen, ist für die Bandenmitglieder eine Selbstverständlichkeit, und die Anwohner dürfen sich gratulieren...
Also, spätestens in der Szene, in der eine vergewaltigte Frau einen Besenstiel unten reingesteckt bekommt, dachte ich nur: Das ist ganz eindeutig die Handschrift einer Frau! Du liebe Güte... Roberta Findlay gehört zu den exzentrischeren Bewohnern des Exploitation-Pantheons. Schon als Teenager half sie ihrem zukünftigen Mann Michael dabei, seine FLESH-Trilogie von düsteren Sexploitern fertigzustellen. Ihr Beitrag dazu war nach eigener Aussage aber sehr gering. Als er den Kameramann bei jener argentinischen Horrorprodukion gab, die später zu dem berüchtigten SNUFF wurde, wurde sie zum ersten Mal wirklich aktiv. Michael kam 1977 bei einem fürchterlichen Unglück ums Leben, aber Roberta bastelte weiter an Exploitationfilmen. Ab 1974 wurde sie zu einer der ersten weiblichen Pornoregisseusen. Ihre Produkte zeichneten sich vor allem dadurch aus, daß sie völlig unporneske Handlungsmotive zu brauchbaren Rammelfilmen zusammenschusterte. So gibt es einen Film, in dem die todkranke Georgina Spelvin ihre letzten Tage in einem Strandhaus zubringt und deliriert, während sie dabei Gustav Mahlers „Kindertotenlieder“ hört. Geil, wa? Auch schön der sensible A WOMAN'S TORMENT, in dem es um die Rache einer vergewaltigten Frau an der Männerwelt geht. Ein echter Selbstläufer, wenn es um die Erzeugung von strammen Nudeln geht, möchte man meinen. Die Roberta hatte immer ihren eigenen Kopf. Der gebot ihr auch, sich schön aus dem Dunstkreis der in den 80ern erstarkenden Gemeinde von Exploitation-Aficionados herauszuhalten, denn sie empfand die meisten der Leute, die auf einmal bei ihr anklopften, als ausgesprochene Freaks. Sie selber betrachtet ihre Filme sehr pragmatisch und versteht nicht, daß manche Zeitgenossen sie als Kunst verstehen. Für sie waren es eben Produkte, in die man Geld reinsteckt und aus denen man im Idealfall Geld rausholt. Wenn die Herstellung Spaß gemacht hatte, so war das ein Bonus. Daß sie jetzt auch wieder Interviews gibt, hat einfach damit zu tun, daß ihre alten Sachen jetzt auf DVD verwertet werden und sie Werbung dafür macht.
GAME OF SURVIVAL/TENEMENT war ihr erster Nicht-Porno seit langer Zeit, und sie haut mächtig auf den Pudding. Nicht zu glauben, daß mir der Film bisher immer durch die Lappen gegangen ist, denn für New Yorker Exploitation habe ich eine ausgesprochene Schwäche. Die Filme sind häufig schmuddelig, geprägt von einem kulturellen Mischmasch, der die Schmelztiegel-Natur der Stadt widerspiegelt, und merkwürdige künstlerische Ambitionen machen die Dinger häufig auch zu einer irritierenden Erfahrung. TENEMENT liefert eine Bande von Rockerpunks, die völlig unresozialisierbar ist. Wer fand, daß sich die Gangmitglieder aus DEATH WISH 2 bereits exotisch benahmen, der wird hier eine Steigerung vorfinden. Diese jungen Menschen haben jede Orientierung verloren. Ihr Leben ist der Exzeß, ihre Botschaft heißt Entsetzen. Die Hausbewohner sind eine lustige Zustammenstellung von Typen. Da ist der virile Schwarze, der großmäulige Alkoholiker, eine alte Jüdin, eine alleinerziehende schwarze Mutter, ein Drogie und ein blinder alter Mann mit einem Hund namens Bambo. Alle lernen sie das Fürchten und finden sich in einer Belagerungssituation wieder, die sich gewaschen hat. Gewalttechnisch ist bei TENEMENT teilweise völlig Feierabend. Bei der Szene mit dem Besenstiel ist mir fast das Abendessen hochgekommen. Schön zu beobachten ist aber, daß die sehr intensiven Blutstürze meistens an Orten stattfinden, die sich leicht wieder saubermachen lassen, Badezimmern zum Beispiel. Die Dialoge enthalten einige erhellende Informationen über die Lebenssituation der Einzelnen, die Frau Findlay als Hobbysoziologin ausweisen. In der deutschen Fassung klingt das alles noch markiger (eine schön schmierige 80er-Videosynchro, möglicherweise von Schier), weshalb ich zur deutschen Tonspur rate. Die Figuren des Filmes benehmen sich wie die Narren. So klettert in einer Szene eine Frau an einer Wäscheleine aus dem Fenster, um zu entkommen. Dabei brüllen alle wie die Besengten hinter ihr her, damit die Rocker auch garantiert mitbekommen, was abgeht. Was soll ich sagen: Ich bin ein Sleazefan, und ich hatte eine gute Zeit! Untermalt werden die Vorgänge von einer sehr progressivrockigen Musik, die stark an italienische Filme jener Tage erinnert. Anders als die völlig zusammengestutzte Videofassung von einst ist die DVD natürlich ungeschnitten. Schade nur, daß die Extras der US-DVD (Interview mit Frau Findlay, Audiokommentar) nicht darauf enthalten sind. Dafür gibt es allerdings einige hübsche Trailer. Kurz und gut: Für Fans ein Genuß!
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#478
Geschrieben 21. Juni 2007, 09:06
Also, Horrorfilme müssen wir dann noch ein wenig üben, näch...
Frau Findlays nächster Ausflug ins Reich der Samenlosen schneidet bedeutend weniger erfolgreich ab als GAME OF SURVIVAL, was vor allen Dingen daran liegt, daß es nicht ausreicht, altbewährte Spannungsmomente und übernatürlichen Firlefanz zusammenzuklatschen, um mit einem erstklassigen Grusler aufwarten zu können. Das Resultat der THE ORACLE betreffenden Bemühungen kann zusammengefaßt werden als „Hokus und Pokus treffen einander auf dem Lokus“. Die Protagonistin ist eine gewisse Jennifer, die in das ehemalige Apartment einer Hellseherin eingezogen ist. Besagte Esoterik-Oma war nämlich nach einer Seance einfach verdampft. Von ihr übriggeblieben ist lediglich eine Art Lapislazuli-Ausgabe der betenden Hände von Dürer, in die ein guter Geist eine Schreibfeder reingesteckt hat. Jennifer denkt sich, au fein, da habe ich doch gleich ein nettes Stück Schangel, über das sich mit Freunden traulich tratschen läßt. Was sie aber tatsächlich damit zur Verfügung hat, ist ein Tor ins Reich der Toten, und diese ergreifen schon sehr bald Besitz von ihr. Niemand glaubt ihr, am wenigsten ihr Freund, der an einem schlimmen Fall von Schnurrbart leidet. Das ist aber auch kein Wunder, denn es würde wohl jeder gelinde Zweifel anmelden, wenn ihm seine Lebensgefährtin Sachen sagt wie: „Die Bedienung auf der Party war der Mann in meiner Vision!“ Tatsächlich hat sie merkwürdige Eingebungen, die davon handeln, daß ein unglaublich fetter Transvestit mit Furunkel an der Nase (der in Zivil einen grünen Anorak trägt und von einer Frau gespielt wird) zusammen mit einem weiteren Schnäuzerträger einen wohlhabenden Mann aus dem Wege räumt. Die Frage ist nun, ob es Jennifer gelingt, die Schuldigen ihrer verdienten Strafe zuzuführen. Frau Findlay klatscht aufs Geratewohl alles hinein, was irgendwie gruselig wirken könnte. Funktionieren tut leider nichts, auch nicht die Krallenhände aus Gummi, die aus dem Abfallzerkleinerer greifen und einer Figur einen Kopf aus Knetmasse abreißen. Mein persönlicher Favorit war der griechische Hausmeister, der in einer Szene mit den Seance-Händen spielen will und dabei von diversen Gummimonstern heimgesucht wird, die lustig von Fäden durch die Gegend gezogen werden und sich auf seiner Haut niederlassen. Bei seinen Versuchen, die Viecher mit einem Küchenmesser abzuschneiden, tranchiert er sich auf äußerst blutige Weise selber, was nicht die einzige Szene ist, die in der alten Videofassung geschnitten war. Beibehalten wurde aber die Hamburger Prachtsynchro, die THE ORACLE endgültig den Garaus macht. Besonders gelungen ist die Stimme, die man dem Transvestiten verpaßt hat. Ich kenne sie aus der Sesamstraße, doch in einem ernsthaften Film mitzuerleben, wie dieses eigentlich sehr tiefe Organ als Fistelstimme herausgedrückt wird, ist schon etwas würdelos. Ein Esoterik-Shop-Besitzer wird überraschenderweise von Hans Paetsch gesprochen, der einiges über Geister berichtet. Was soll ich sagen, man wartet nur darauf, daß er loslegt: „Hui-Buh ist ein Gespenst, mit einer rostigen Rasselkette!“
Kurzum, das Klorakel kann man sich schenken. New York, I'm going.
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#479
Geschrieben 01. Juli 2007, 11:03
Everett McGill („Big Ed“ aus TWIN PEAKS) spielt einen fürchterlich entstellten Seemann, der wegen seines bizarren Äußeren von allen nur „Der Leguan“ genannt wird. Eines Tages wird er von seinen Vorgesetzten (darunter Fabio Testi und Jack Taylor) gezüchtigt, was er ihnen verargt. Er sucht das Weite und läßt sich auf einer kleinen Insel nieder, die er nun als sein Eigentum beansprucht. Andere Schiffbrüchige nimmt er in seinen Hofstaat auf, regiert sie aber mit eiserner Hand. Als die schöne Carmen auftaucht, wird der Fall etwas komplizierter...
Monte Hellman ist ein sehr ungewöhnlicher Mann. Seine Karriere begann der freundliche Hippie bei Roger Corman, für den er u.a. den superbilligen BEAST FROM HAUNTED CAVE herstellte. Zu seinen Glanzleistungen gehören die Western RIDE IN THE WHIRLWIND und THE SHOOTING. TWO-LANE BLACKTOP (an anderem Ort besprochen) stellt für mich sogar eines der ungekrönten Meisterwerke des „road movie“ dar. Was ist passiert? Als ich ihn irgendwann mal kennenlernte, präsentierte er auf einem Filmfestival seinen Slasher SLIENT NIGHT DEADLY NIGHT 3, in dem ein Irrer mit einer Art Goldfischglas auf dem Kopf Leute killt. Das Publikum war überfordert und benahm sich recht ungebührlich, wie ich leider sagen muß, denn selbst wenn der Film lutscht, hat man sich einem anwesenden Regisseur gegenüber artig zu verhalten, finde ich mal so. THE IGUANA wird allgemein mit 1988 veranschlagt, wenngleich ich mutmaße, daß er wohl einige Jahre früher entstanden sein muß. Michael Madsen (der eine kleine Nebenrolle hat) sieht noch richtig dünn aus, und RESERVOIR DOGS wäre dann ja nicht wesentlich später entstanden. Auch McGill macht den Eindruck, als sei der Film nicht allzu lange nach AM ANFANG WAR DAS FEUER entstanden. Wann auch immer IGUANA gedreht wurde, er hätte definitiv ein paar Mark mehr vertragen können, denn Hellmans gotisches Melodrama macht den Eindruck von besserem Schülertheater, das nach den Sternen greift. Die Story ist recht interessant und wird mit heiligem Ernst präsentiert. „Der Leguan“ ist ein knallharter Menschenfeind, der wegen seines Aussehens sein Leben lang nur gehänselt worden ist. Er hat am eigenen Leib erfahren, wie grausam und mitleidlos die Menschen sein können. So hat er sich dazu entschlossen, eine Alternativgesellschaft zu gründen, mit sich selbst als unangefochtenem Herrscher. Moralische Werte kümmern ihn einen Dreck. Er will nicht mehr geliebt werden. Was den Zugang zum Film etwas erschwert, ist der Umstand, daß es eigentlich überhaupt keine sympathischen Charaktere gibt. Fabio Testis gutaussehender Schiffskapitän ist sowieso ein Vollasi, aber auch die Opfer vom „Leguan“ werden als sehr ambivalente Figuren gezeichnet. Ein junger Schiffsschreiber etwa, der wohl so etwas wie die Liebe zur Kunst (und somit Moral & Ethik) repräsentieren soll, rasiert seinem besten Freund die Rübe ab, als es hart auf hart kommt. Die schöne Carmen wird vom „Leguan“ brutal vergewaltigt, aber dann gefällt ihr das eigentlich ganz gut, da ihr die „gute“ Gesellschaft auch nichts geben konnte. Damit solche komplizierten Charakterzeichnungen aber funktionieren können, braucht man ein wesentlich besseres Drehbuch und vor allen Dingen mehr Geld. Im vorliegenden Fall wirkt die Vergewaltigungsszene nur schmierig und Carmen nicht wie eine komplexe Figur, sondern wie eine kleine Sau, die es halt mal richtig ruppig will. Nicht sonderlich hilfreich sind diverse Exploitation-Zutaten (Nacktszenen, einige Sadismen), die den Film irgendwo zwischen Sleazer und ernstgemeintem Charakterdrama stromern lassen. Det Janze basiert auf einer Vorlage des spanischen Bestsellerautors Vázquez Figueroa, in dessen Sklavendrama MANAOS Fabio Testi ebenfalls zugegen war. Unterm Strich ist der Film nicht wirklich ernstnehmbar und leidet unter seiner Unausgewogenheit. Für einen richtigen Sleazer hätte man eindeutig mehr Gas geben müssen, und es wird einfach recht langweilig, wenn man pausenlos Leuten in Pluderklamotten dabei zuschaut, wie sie auf dem felsigen Eiland herumkrauchen. An einer Stelle (der völlig unerwarteten Einblendung „Monate später“) habe ich sogar laut gelacht. Daß sich Hellman vom Projekt eindeutig mehr versprochen hatte, belegt schon das tragische Ende, aber funktionieren tut der Film leider hinten und vorne nicht. Schade.
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#480
Geschrieben 03. Juli 2007, 15:10
Endlich auch mal gesehen.
Tja, ich verneige mein Haupt in Demut und verleihe dem Film den Goldenen Ingwerkeks! Das indonesische Kino ist ja schon immer ein nie versiegender Quell der Erbauung gewesen. Während man in Europa selten Dezenz walten ließ, wenn es darum ging, amerikanische Erfolgsmuster nachzuäffen, gewannen die südostasiatischen Übungen in Ripofferitis durch eine freizügige Einbeziehung heimischer Legenden und eine geradezu kindliche Freude an Jux & Dollerei. Dramaturgischer Zusammenhalt und narrative Logik nehmen auf der Hinterbank Platz, wenn es um die Magie des Kinos geht. Film ist ja in erster Linie ein visuelles Medium, das seine Kraft aus dem reichen Schatz der menschlichen Wünsche und Begierden bezieht. Wer sich jemals gewünscht hat, eine Discoschlampe zu sein, die mit einer Uzi wild um sich ballert, der wird bei diesem Film sein Halleluja finden.
Tania Wilson ist eine amerikanische Frau, die in Djakarta (oder, ahem, den Vereinigten Staaten, vielleicht auch Dinkelsbühl...) ihre anthropologischen Studien betreibt. Ein besonderes Interesse legt sie für die Legende der Südseehexe an den Tag, einer überschminkten Schnalle, die Männern mit ihrer Mumu den Pipimann abknipsen kann. Die erste Szene ist so eine Art Prolog, in der man die Hexe bei Freiübungen mit ihrem hundertsten Ehemann erleben kann. Jener aber klaut ihr die Schlange, die ihr unten rauskriecht, was leicht fällt, da sich die Schlange in einen malayischen Kris verwandelt, einem Dolch also. Hexe ist böse und verflucht den weißen Teufel bis ins letzte Glied. Tatsächlich ist Tania nämlich die Großenkelin des bösen Gemahls, und ihr Interesse kommt somit nicht von ungefähr. Und haste nicht gesehen – sie wird vom Geist der Südseehexe besessen, verwüstet ein Hotelzimmer (komplett mit eingebauter Luxusbar – toll, wie Anthropologen so leben!) und schafft sich eine schnieke Ledermontur an. Männer haben fortan nicht gut lachen im Land der Mandelaugen, und auch Frauen geht es an den Dutt. Der Lady-Terminator (hust!) leistet ganze Arbeit...
Die Hauptdarstellerin hat ihren Job auf einer sehr simplen Grundlage bekommen, und den sieht man nur, wenn sie sich auszieht. Als Anthropologin ist sie in etwa so glaubhaft wie Kelly Bundy als Präsidentin der Vereinigten Staaten, aber so wurde Sternenglanz für einen Moment greifbar. Sie schaut auch wirklich fesch aus, wenn sie in schwarzem Leder durch die Innenstadt zieht und wahllos Leute abballert. Die diesbezüglichen Set Pieces sind lang, ausgewalzt und auf eine eher belustigende Weise blutrünstig. Es gibt einen Shootout in einer Disco, wo die gruselig geschminkte und sehr unsympathische Nebenheldin einen lausigen Nachtklubauftritt absolviert. Schon hier muß man darauf hinweisen, daß der Film ein Kind seiner Zeit ist und das modische Grauen der späten 80er kolportiert, nur noch etwas gröber, als man dies aus schrecklichen Zeitdokumenten wie PERFECT mit Jamie Lee Curtis gewohnt ist. In der indonesischen Variante tragen die Aerobic-Schnepfen Schweißbänder von schillernder Farbenpracht, und die Discotrullen haben Fick-mich-Frisuren, deren Haltbarkeit unbestritten ist. Das Make-Up der weiblichen Protagonisten spottet jeder Beschreibung. Wir erinnern uns an die tollen Masken, die bei dortigen Tempeltänzen für Hallo sorgen – na ja, die in einer Sex-Variante eben. Der Held des Filmes ist ein weißer Polizist namens Max McNeal, dessen Büro geräumiger ist als das des Polizeipräsidenten. Seine Kumpels schwafeln die ganze Zeit über Tönjes, was auch von der Synchro unterstützt wird, die sich auf gutem Drittkläßlerniveau bewegt. („All three victims died with their cocks bitten off. Could be a small animal...“) Es wimmelt vor unglaublichen Szenen. Nachdem die Hexe aus dem Meer gestiegen ist, trifft sie am Strand auf zwei betrunkene Schmierbeutel. Der eine ist gerade am Schiffen und pinkelt dabei etwa eine halbe Minute unaufhörlich mitten in die Kamera, einmal sogar – wenn ich richtig gesehen habe – sich selber ins Gesicht! Tom Cruise, übernehmen Sie, haha... Beim Überfall auf das Polizeipräsidium (in dem sich nächtens ungefähr zweihundert Leute herumtreiben) kommt ihr auf einmal ein greiser Honsel in die Quere, der von ihren Großkalibergeschossen nicht getroffen werden kann, da er sich einen grünen Edelstein aus dem Kaugummiautomaten vor die Omme hält. Sie saugt den Stein mit ihren magischen Kräften davon und ballert dem Senioren die Eier weg. Soviel zur Würde des Alters. Der Stein fliegt ihr blöderweise mitten ins Auge, und obwohl das bei ihr scheinbar nur zu einem milden Hautausschlag führt, schneidet sie sich aus lauter Langeweile das Auge raus, hält es kurz unter den Wasserhahn und setzt es wieder ein. Die TERMINATOR-Reminiszenz gewinnt an Reiz durch den Umstand, daß sie sich die ganze Zeit über am linken Auge herumfummelt, den Augapfel in der abschließenden Einstellung aber rechts einsetzt. Was Anschlußfehler angeht, ist das ein ziemlicher Knüller, würde ich mal sagen!
Regisseur H. Tjut Dalil (auch bekannt als „Dalil Jackson“!) zeichnete auch verantwortlich für den recht ungeheuerlichen MYSTICS IN BALI, in dem es u.a. eine Hexe gibt, deren Kopf sich vom Rumpf trennt und dann mit herumschlotternden Eingeweiden unten dran durch die Gegend fliegt. Auch geht ein „Jaka Sembung“-Film mit Barry Prima auf sein Konto. LADY TERMINATOR gehört zu jenen Partyfilmen, deren Charme wohl so ziemlich jedem aufgehen muß, der ihn kuckt, vor allem in gleichgesinnter Gesellschaft. Da kann man der Familie zu Hause was berichten! Ich habe auf jeden Fall Tränen gelacht und andauernd gejohlt, was wohl so eine Art Erfolgsmeldung ist, für den Film zumindest...
Bearbeitet von Cjamango, 03. Juli 2007, 15:14.
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#481
Geschrieben 10. Juli 2007, 18:06
Da ich mir gerade die 190 Minuten von Peter Greenaways Fake-Dokumentation THE FALLS gegeben habe, dachte ich mir, daß der Zeitpunkt gekommen sei, endlich einmal einen näheren Blick auf seine Kurzfilme zu werfen, von denen mir nur einige wenige bisher geläufig waren. Am lohnendsten erschien mir dabei erstmal A WALK THROUGH H, der sich 41 Minuten lang mit einer Sammlung von auf unterschiedlichsten Materialien ausgeführten Karten befaßt, die vom Erzähler (der offensichtlich eine sehr merkwürdige Reise unternimmt) mit überbordender Detailbesessenheit kommentiert werden. Dabei wird berücksichtigt, wo die Karten gefunden wurden, welche Geschichten mit ihnen verknüpft sind, und was für eine Relevanz sie im Hinblick auf die „Reise“ des Erzählers besitzen. Wie im 2 Jahre später gedrehten THE FALLS gefällt es Greenaway, eine Vielzahl verwirrender Randnotizen über den Zuschauer auszuschütten, der – anders als der Erzähler – keine Karte besitzt. Am besten fährt man bei Greenaway immer, wenn man sich vor Betrachten der Filme kein festes Interpretationsschema vornimmt, denn viele der kleinen Bezugnahmen sind natürlich nur spielerisch oder haben einen bestenfalls atmosphärischen Bezug zum Inhalt. Wie in vielen Greenaway-Arbeiten geht es auch hier wieder darum, daß jemand versucht, dem Chaos ein Muster zu verpassen, nach Ordnung zu fahnden. Man sollte diesen Jemand nicht notwendigerweise mit dem Regisseur verwechseln, der sich – so meine ich – einen Heidenspaß aus dem Durcheinander macht. Sehr häufig etwa behauptet der Erzähler etwa eine Eindeutigkeit, die bestimmte Karten besitzen sollen, während andere von großer Ambivalenz seien. Der ironiebefreite Betrachter nun hat mit Sicherheit eine mühsame Zeit, den Kommentarschwall auf der Tonspur mit den abstrakten Formen auf der Leinwand zu verbinden, die von böhmischen Dörfern bis zu einer komplizierten Bedürfnisanstalt so ziemlich alles bezeichnen könnten. Wie immer, wenn der Name Tulse Luper fällt, sind Vögel nicht weit. In welcher Beziehung besagter Herr Luper zum Erzähler steht, kann nur gemutmaßt werden und ist eines der vielen trocken präsentierten Rätsel, die der Film aufgibt. Locker mit den Kartenansichten verwoben sind Bilder von Zugvögeln, die mit all den flotten Gedanken, die sich der Erzähler ebenso wie der Betrachter macht, natürlich nichts am Gefieder haben und auf Autopilot ihre Wege ziehen. In THE FALLS trachten die Filmfiguren danach, sich den Vögeln anzunähern und scheitern dabei auf äußerst pittoreske und vielfältige Weise. A WALK THROUGH H demonstriert nachdrücklich, daß das Wissen um reale oder vermeintliche Geheimnisse den Weg zum Ziel zwar spannend macht, aber auch erheblich kompliziert. Ein sehr hübscher Film, in dem Greenaway auf elegante Weise komplexe narrative Gebilde mit einfachen Bildern untermalt. Ich male mir jetzt erst einmal ein Zielkreuz an den Kühlschrank und studiere dort die geheimnisvollen Wegmuster, die sich auf meinem Abendbrot befinden...
P.S.: Wie bei THE FALLS war ich überaus dankbar für die deutsche Untertitelung, die auf den DVDs der Frühwerke Greenaways zum Glück außerordentlich gelungen ist. Tulse Luper hat übrigens neulich bei mir angerufen und mir etwas über das Rothuhn erzählt, das ja bei den Sumerern als Glücksbote galt, im späten Mittelalter jedoch für Bleichsucht und Unfälle mit Zahnseide stand. Die ausgewachsene Rothenne besitzt genau 92 Federn, die sich alle einzeln bewegen lassen. In der Zeit des Rokoko war man ja der Meinung, daß sich mit ihren Schwanzfedern Liebesgedichte von filigraner Poesie verfassen ließen, während die Schwingenfedern lediglich zum Verfassen von Küchenrezepten taugen sollen. Tulse Luper hat ein Treffen mit mir vereinbart, an dem ihm sehr gelegen schien. Er wirkte gehetzt. Morgen um 12 in der Zoohandlung, direkt neben dem ausgestopften Pinguin. Jetzt erstmal eine Wurststulle!
Bearbeitet von Cjamango, 10. Juli 2007, 18:07.
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#482
Geschrieben 26. Juli 2007, 22:19
Der Film zur Matte. Bei anderen Regisseuren würde ich sagen, daß es sich hier um eine Windbeutelei von einigen Gnaden handelt, um Bedeutungshuberei, deren Unklarheiten von wildester Reizüberflutung unsichtbar gemacht werden sollen. Es handelt sich aber um einen Film von Takashi Miike, der im einen Moment eine ultrabrutale Fortsetzung zu YENTL dreht und im nächsten PIPPI LANGSTRUMPF IM NATURSEKTLAND. Ein zynischer Sinn für Humor und Werteverwirrung ist Miike nicht fremd, und ich glaube nicht einmal, daß er das kontrollierte Chaos seiner Filme übermäßig ernst nimmt. IZO handelt von einer verdammten Seele, die vom Haß regiert wird und sich durch sämtliche Höllen schnetzelt, die auf der Welt wohnen und jenseits. Seine Existenz wird völlig von der Auslöschung alles Existierenden bestimmt. In der filmischen Umsetzung sieht das so aus, daß mehr als 2 Stunden lang Leute in bunten Kostümen mörderisch einen vor die Glocke bekommen. IZO ist ein Gemetzel ohnegleichen, und während sich nach spätestens 20 Minuten erste Abnutzungs- und Verblödungserscheinungen im Zuschauer bemerkbar machen, gewinnt das Non-Stop-Gedresche allmählich den Charakter eines Mantras, das durch seine ständige Wiederholung einfach nur noch sinnfrei wirkt. Miike setzt eine Schockdramaturgie ein, die er durch ihre Überreizung selber ad absurdum führt. Ob sich der Happening-Charakter („Formen und Farben gehaltvollen Dreschens“) beim Zuschauer zündet, kommt sicherlich auf die jeweilige Erwartungshaltung an. Wer eine geschlossene Dramaturgie erwartet, darf sich auf immens blutrünstige Langeweile mit abrupten Szenenwechseln gefaßt machen. Wer sich von dem Zwang zur Ausdeutung befreien kann und – wie ich – den Vorgängen halb amüsiert folgt, verlebt möglicherweise 2 sehr kurzweilige Stunden. Don't say I didn't warn ya!
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#483
Geschrieben 26. Juli 2007, 22:20
Takashi Miikes von unzähligen CGI-Effekten gesäumte Neuverfilmung der alten Daiei-Monsterheuler, deren lustige Kreaturen (vgl. the world-famous Schirm-Monster) von gelegentlichen Gruselmomenten begleitet waren. Gruselatmosphäre sucht man bei Miike vergebens. Dafür setzt es Krach und Reizüberflutung an allen Ecken und Enden. Der kleine Tadashi (bekannt aus der beliebten Serie „Kinder sind zum Verbrennen da“) wird von einem Pappdrachen gebissen und ist auf einmal der Ritter des Kirin. In dieser Rolle muß er nun auf einen Berg steigen und ein heiliges Schwert sicherstellen, mit dem die Erde vor Ungemach gerettet werden soll. Der böse Kato verwandelt nämlich an sich nette Waldgeister in böse Kampfroboter und erweckt ein fürchterliches Müllmonster zu unheiligem Leben. Dabei wird er von der Unterlippentussi aus KILL BILL assistiert, die ihm bedingungslos verfallen ist. Ballerbalg Tadashi wird seinerseits assistiert von unzähligen Geistern, darunter ye olde Schirmgeist, einem Schildkröten-Wasserkobold, einem einbeinigen Geisterschmied, lebendem Papier und sogar einer Monster-Wand! Auch mit dabei ist ein kleiner Puschel namens „Beinreiber“, der so gräßlich niedlich ist, daß Miike das Vieh nicht ernstgemeint haben kann. In einer Szene landet das Viech auch hübsch in einem Mikrowellenmonster. Am Schluß setzt es dann den titelgebenden KRIEG DER DÄMONEN, bei dem es reichlich kracht und zischt. Renitente Nachbarn kann man mit dem Film prima bestrafen. Die Szenen mit dem Müllmonster erinnern gar an meinen Lieblings-Godzilla, FRANKENSTEINS KAMPF GEGEN DIE TEUFELSMONSTER. Insgesamt ist KRIEG DER DÄMONEN ein Kinderfilm, dessen süßliche Passagen zwar mit gänzlich kinderunkompatiblen Horrormomenten abgeschreckt werden, aber ein „Ab 12 Jahre“ hätte wirklich genügt. 16-Jährige schauen sich so etwas nicht an; erst im hohen Alter gewinnt man wieder Geschmack daran. Ich fand ihn ganz drollig.
Miike spinnt.
Bearbeitet von Cjamango, 26. Juli 2007, 22:23.
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#484
Geschrieben 26. Juli 2007, 22:47
Ein ziemlich bekloppter deutscher Titel, alle Achtung.
Harold Crick (Will Ferrell) ist ein sehr unspektakuläres Dutzendgesicht und orientiert sich in seiner trostlosen Existenz als Steuerfahnder an einer alltäglich wiederkehrenden Zahlenfolge, die seine Verrichtungen minutengenau festlegt. Tag für Tag exakt das gleiche – ein Jammermann. Niemand, über den man ein Buch schreiben möchte – das ist mal sicher. Und doch schreibt jemand ein Buch über ihn. Harold bemerkt das daran, daß auf einmal jede seiner Aktionen – so lächerlich und unbedeutend sie auch immer sein mag – von einer Erzählerstimme süffisant kommentiert wird. („Christian Keßler hielt inne, betrachtete den gerade aufs Papier geworfenen Satz und stellte fest, daß er – wie alles, was er in seinem erbarmungswürdigen Leben geschrieben hatte – so egal war wie Schnee auf dem Himalaya.“) Als der Effekt nicht aufhört, wird Harold sehr unruhig. Er geht zum Arzt, aber auch der später hinzugezogene Psychotherapeut kann ihn nur an einen gebenedeiten Literaturwissenschaftler (Dustin Hoffman) verweisen, der ihm helfen soll, Ordnung in seine Prosa, äh, sein Leben zu bekommen. Harold hat keine andere Wahl, als den Schriftsteller zu finden, dessen Imagination er scheinbar entsprungen ist...
Die Komödie STRANGER THAN FICTION hat eine sehr hübsche Ausgangssituation, die mit dem Gedanken, daß Menschen ihr Leben unter der Dauerbeschallung von Kunst und TV-Terror zunehmend als prädestiniertes Schmierentheater begreifen – mit sich selbst in der Hauptrolle –, einige nette Dinge anzufangen weiß. Die Suche Harolds nach seiner „Schöpferin“ ist im Grunde eine verzweifelte, da er ja nicht weiß, ob er in einer Komödie oder einer Tragödie mitspielt. Es gibt eine grandiose Szene, in der er sich komplett verweigert und keine einzige Aktion mehr durchführen will, nur noch als „couch potato“ vor der Glotze hockt – und auf einmal donnert eine riesige Abrißbirne in sein Wohnzimmer! Deus ex machina, anyone? Bei der textimmanenten Analyse seines Lebens entdeckt er auch die Freuden des Regelverstoßes, denn während einem literarischen Werk der Zufall selten frommt – wirkt er doch gar zu unglaubhaft und wohlfeil –, ist er dem wirklichen Leben nicht selten das Salz in der Suppe. Hätte man am Schluß nicht etwas Muffensausen bekommen, wäre sogar ein ganz hervorragender Film bei STRANGER THAN FICTION herausgekommen, aber auch so war er eine angenehme Überraschung. Ganz gescheit soweit, nichts Weltbewegendes, aber sehr unterhaltsam. Doch bin ich ganz entschieden der Meinung von Dustin Hoffman, am Ende.
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#485
Geschrieben 05. August 2007, 00:05
Ein Mann sieht grau.
Alain Delon wollte es 1985 noch einmal wissen und produzierte diesen hübschen Krimi, in dem er den ehemaligen Polizisten Daniel Pratt spielt. Da ihm böse Menschen seine Frau nahmen, zog er sich aus dem aktiven Dienst zurück auf eine Südseeinsel (nennen wir sie Bimbo-Bimbo), auf der er sein eigenes postkolonialistisches Ideal verwirklichen konnte. Schon in der Anfangsszene ist er dabei zu bewundern, wie er einen stattlichen Eingeborenen mit gekonnten Catchergriffen ins gesellschaftliche Abseits befördert. Die anderen Schwarzen (nennen wir sie Neger) sind natürlich für den Weißen und freuen sich einen Ast. Die Eingeborenenkinder klatschen fröhlich in die Hände, wie nur Eingeborenenkinder fröhlich in die Hände klatschen können. Die jungen Frauen finden den grauen Wolf ganz toll und geraten in ein Handgemenge über die Gunst des flotten Fuffzigers, der sich abwendet und lässig in die Kamera grient – so sind sie halt, die Weiber. Ein guter Beginn.
In Frankreich derweil ist nun auch seine Tochter umgebracht worden, was Pratt den Fehdehandschuh wieder aufnehmen läßt. Wie Pritt klebt sich Pratt an die Fersen der Bösewichte, die sich offenbar zum Ziel gesetzt haben, ihr Heimatland von schädlichen Elementen zu reinigen. Sie sehen aus wie rechtsextreme Tuaregs und ballern sehr posig aus allen Rohren. Pratt übertritt so etwa 1000 Gesetze und begeht auch einige Morde. Wird es ihm gelingen, Gerechtigkeit zu schaffen?
DER PANTHER wäre nur halb so gut, hätte Delon in dem damals noch sehr jungen José Pinheiro nicht einen Regisseur gehabt, der sich offenkundig nicht getraut hat, dem Titan Regieanweisungen zu geben. Das Drehbuch von Philippe Setbon (der auch ein bekanntes Buch über Klaus Kinski geschrieben hat) spielt lustvoll mit Harter-Mann-Klischees, aber man gewinnt den Eindruck, als habe Delon den Inhalt für bare Münze genommen. Er spielt sich einen ziemlichen Stiefel zusammen und gerät mit seinem kecken Gefeixe zwischen den Mordaktionen gelegentlich in gefährliche Nähe zum Schmierenchargentum. Auch toll, wie junge Frauen vor seinen prolligen Anmachtouren (unterstützt von der Berliner Plappersynchro, z.B. „Da wir ja ein bißchen Niveau haben, reden wir über uns...“) sämig zerfließen. Fiona Gélin (Tochter von Daniel Gélin) etwa hat mit ihm eine ziemlich peinliche Verführungsszene. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie der Regisseur zu ihr gemeint hat: „Jau, Fienchen, die Motivation in dieser Szene ist ganz einfach die, daß du von Delon um jeden Preis gepimpert werden möchtest, und am Schluß hebst du die Decke hoch, daß alle deine Mumu sehen können.“ Großes Tennis, und ziemlich schmierig. Pinheiro hat sich später als Spezialist für gutaussehende, wenngleich werbefernsehglatte Hochglanzästhetik erwiesen und z.B. den „Skandalfilm“ TÖTE WAS DU LIEBST gedreht, der in fast allen Fassungen (auch ausländischen!) geschnitten ist, bei uns im TV aber ungeschnitten lief. Da sieht man auch Stephane Ferraras Gummipimmel. Ferrara (der ein wenig aussieht, als könne er bei Ralf König in den „Manslip“-Werbungen mitmachen) spielt auch in DER PANTHER mit, und zwar den ersten Unterganoven. Meine Lieblingsszene ist vermutlich jene, in der Delon einen Ladenbesitzer sattmacht, ihm lässig eine fettige Scheibe Mortadella ins Gesicht pappt und dann suggestiv zwei dicke Walnüsse in seinen Fäusten zerbröselt, um sexuelle Folterung anzudeuten. Insgesamt ist Jean-Pierre Melville nicht in Gefahr, aber als angenehm trashiger 80er-Thriller mit ausgedehnten Actionelementen überzeugt der Film, nicht zuletzt aufgrund seines ordentlichen Tempos. Die Härten sind in der deutschen Fassung (wie einst auf Video) leider etwas zurückgenommen worden, aber auch so kommt man auf seine Kosten. Rache, eine einsame Insel und viel Musik – der Mann hat alles, was ich jemals wollte!
P.S.: Merci, Monsieur Aussie!
Bearbeitet von Cjamango, 05. August 2007, 00:20.
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#486
Geschrieben 05. August 2007, 16:15
Eigentlich eine ziemliche Frechheit, dem ebenso intelligenten wie respektvollen THE HOWLING einen solchen Mottenfifi hinterherzuschicken. THE HOWLING 2: STIRBA, WEREWOLF BITCH hat zwar einen drolligen Originaltitel, reitet aber auf ermüdende Weise die Trash-Route und hält dabei gewisse Grundregeln nicht ein. Regel Nr. 1: Einen Schauspieler vom Rang eines Christopher Lee für einen solchen Firlefanz zu mißbrauchen, geht gar nicht. Lees vorzügliche Stimme sorgt zumindest im Original für den einzigen Tupfer von Qualität in einem ansonsten düsteren Spektakel. In einer Szene bekommt er sogar eine Punkbrille aufgesetzt. Ganz furchtbar. Regel Nr. 2: Wenn man einen Werwolf-Film dreht, so hat man eine gewisse tragische Komponente im Auge zu behalten. THE HOWLING gelang das auf beachtliche Weise. THE HOWLING 2 verläßt sich auf dumme Witze, billigen Sex und Goremomente wie den Zwerg mit den explodierenden Augäpfeln. Regel Nr. 3: Selbst als Fan des Horrorgenres und seiner Geschichte sollte man sich für eine Periode entscheiden, die man abkupfern möchte. Eine erbärmliche New-Wave-Band und ihr trostloses Gedudel mit einem scheinbar in der Tschechoslovakei realisierten Transsylvanien zu kontrastieren, das sich am Universal-Paralleleuropa orientiert und ausschaut wie ein drittklassiger Trachtenverein, macht niemanden glücklich. Die einzige Verbindung zum Original ist die Protagonistin des ersten Teils, TV-Journalistin Karen, deren Bruder (Reb YOR Brown!) zusammen mit einer Freundin die Staffel weiterträgt. Auf Karens Beerdigung erscheint Christopher Lee, der den beiden sagt, daß die Dahingeschlichene eine Werwölfin war und einen Dolch aus Silber im Herzen braucht. Ferner salbadert er daher, daß es jetzt auch neue, verbesserte Werwölfe gäbe, die gegen Silber immun sind und nur noch auf Titanium ansprechen – weia! Gemeinsam fahren sie nach Europa und treffen dort mulmige Balkanesen, Zwerge und Sybil Danning, die ihre gewaltigen Möpse in ein Kostüm gezwängt hat, das an Lächerlichkeit demjenigen aus AMAZONEN AUF DEM MOND in nichts nachsteht. Mein persönlicher Lieblingsmoment ist die Entsorgung zweier deutscher Rucksacktouristen, die auf einmal auf der Straße herumspazieren und in gebrochenem Deutsch das beliebte Lied intonieren: „In einer kleinen Konditorei saßen sie zwei und fraßen um drei...“ Bevor sie aber noch weitere Lieder anstimmen können, werden sie von einer Lastwagenladung Werwölfe auf die Ladefläche gezerrt und verspeist. „Schnitzel?“ meint ein Werwolf. – „Bon appetit!“ antwortet der andere. Die Premiere-Fassung dieses Werkes ist leider völlig zersäbelt, so daß der ohnehin schwache Showdown ziemlich unübersichtlich wird. War aber auch im Original – wenn ich mich recht entsinne – keine Goregranate. Ob man dem Film etwas abgewinnen kann, hat wohl sehr viel mit der Erwartungshaltung zu tun. Als Horrorschocker ist er definitiv schlecht wie die Nacht. Als gewollt geschmackloser 80er-Jahre-Horrortrash ist er zumindest spektakulär, aber das ging gerade etwas an mir vorbei. Regisseur Philippe Moras Schaffen setzt sich zusammen aus kompletten Gurken und einigen sehr ordentlichen Filmen, z.B. THE RETURN OF CAPTAIN INVINCIBLE (mit einem singenden Christopher Lee!) und DEATH OF A SOLDIER (mit Reb Brown). THE HOWLING 2 ist eine Gurke, da gibt es kein Vertun. Was sich Gary Brandner dabei gedacht hat, der auch die Vorlage zum ersten Teil verfaßt hatte, bleibt sein Geheimnis.
Bearbeitet von Cjamango, 05. August 2007, 16:17.
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#487
Geschrieben 07. August 2007, 10:21
Jack Mason (Ice-T) gehört nicht nur zum Prekariat, sondern sogar zum Lumpenprekariat, seitdem der Unfalltod seiner Frau und seiner Tochter ihm den Halt geraubt hat. Sein Alltag besteht daraus, sich aus Mülleimern Apfelgriebsche herauszuklauben und sich von grimmigen Polizisten verprügeln zu lassen. Als ihm ein Sozialhelfer unter die Arme greifen möchte, reagiert er skeptisch – warum sollte ausgerechnet ihm jemand einen Job anbieten? Die Frage ist berechtigt, die Antwort sehr häßlich: Er soll zwar einigen Geldsäcken bei ihrer idyllischen Jagdtour assistieren, aber nicht als Fremdenführer, sondern als Wild in einer Graf-Zaroff-Gedächtnis-Safari. Doch die Mieslinge haben die Rechnung ohne den „Cop Killer“ gemacht...
„Awright... let's get the turkey!“ Ich habe mir den Film mal im Originalton angeschaut, und das war eine weise Entscheidung, denn wenngleich man Ice-T unter kiloweise Dreadlocks kaum erkennen kann, so ist seine Stimme doch unverkennbar – Bodycount's in the house! Als der Film damals auf Video herauskam, ist er mir komplett entgangen, was schade ist, denn für Freunde gehobenen Backwoods-Gekloppes ist er in der Tat die richtige Wahl. Zwar ist mit Charles S. Dutton auch ein schwarzer Schauspieler unter den Bösewichten, aber ansonsten wirkt SURVIVING THE GAME wie eine Blaxploitation-Variante der Menschenjagd-Thriller in der Zaroff-Nachfolge. Und was für Bösewichter das sind! Rutger Hauer hat in der Wahl seiner Hollywood-Filme nicht immer ein glückliches Händchen bewiesen, aber dieser Dreschflegel versieht ihn zumindest mit einem selten widerwärtigen Militär-Herrenmenschen, dessen Respekt für Menschenleben auf keiner Landkarte mehr zu finden ist. Zusatzpunkte für den schmierigen Bart. F. Murray Abraham machte einst in New-York-Produktionen den plappernden Taxifahrer, bis er in Milos Formans AMADEUS die oscargekürte Rolle des Salieri bekam. Hier gibt er einen feigen Reiche-Leute-Arzt, der erstmals auch seinen Sohn mit auf die Pirsch nimmt. Sohnemann ist – anders als sein Daddy – kein geisteskranker Perverser, was zu Konflikten im Kuckucksklan führt. John C. McGinley, Oliver Stones Spezialist für koksende Exzentriker, spielt einen verklemmten Puritaner, dessen Mordlust – so erst einmal geweckt – kaum wieder einzudämmen ist. Und abgerundet wird der Klüngel vom CIA-Psychiater (!) Gary Busey, der eine glänzende Szene hat, als er ein Kindheitserlebnis mit einer Bulldogge schildert. Für Regisseur Ernest Dickerson war dies gerade mal der zweite Langfilm, und Oscars lassen sich mit dieser Art von Genrekino sicherlich keine erhaschen, aber der Film liefert seinem Zielpublikum haargenau das, was es haben möchte, und zwar in ordentlicher Qualität. Die wundervolle Landschaft und einige lustig überkandidelte Details (Trophäenraum!) sind dann noch die Schaumkrone, die sich im Verlaufe des Filmes blutrot färbt. Wie ich immer zu sagen pflege: Eine faire Packung! Jägerlatein auf ansprechendem Niveau.
P.S.: Wann veröffentlicht endlich einmal jemand den Backwoods-Sleazer HUNTER'S BLOOD in ungekürzter Fassung? Das wäre mal was...
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#488
Geschrieben 07. August 2007, 10:49
Keiko Kirishima ist eine sehr hübsche junge Polizistin, die sich gerade zur Mordkommission hat versetzen lassen. Dort wird sie konfrontiert mit einer Reihe vermeintlicher Selbstmorde, bei denen sich die Opfer nach besten Kräften zerschnetzelt haben. Während ihre Vorgesetzten sehr daran interessiert sind, die Fälle ad acta zu legen, gibt es doch eine verwirrende Einzelheit, die den Ermittlern zu denken gibt: Alle Opfer haben kurz vor ihrem Abgang auf ihrem Handy ein und dieselbe Nummer angerufen. Da der Film in einem Parallel-Japan spielt, schließen die Behörden auch übersinnliche Ermittlungsstrategien nicht aus. Keiko versichert sich der Dienste eines medial veranlagten jungen Mannes, der die seltene Fähigkeit besitzt, in die Alpträume fremder Menschen hineinzutauchen. Und was er dort findet, ist grauenvoller als alles, was C.G. Jung und seine Kollegen sich hätten träumen lassen...
„Nicht schon wieder Handys!“ war mein erster Gedanke, als der Film begann. Asiatische Grusler besitzen ja eine gewisse Tendenz zur wohlfeilen Wiederholung bekannter Vorbilder. Tatsächlich ist Shinya Tsukamotos neuester Schocker eine vergleichsweise konventionelle Angelegenheit, doch zeigt er den anderen Mitbewerbern immerhin, wie es richtig geht: NIGHTMARE DETECTIVE ist mal wirklich schockierend und sicherlich nichts für zarte Nerven. Der Fun-Faktor amerikanischer Traum-Schocker geht dem Film völlig ab. Stattdessen entführt er den Zuschauer in eine Welt, in der fast alle Menschen die Sehnsucht nach Selbstauslöschung hegen, nach dem leichten Ausweg aus den gnadenlosen Leistungsanforderungen, die das moderne Leben seinen Kindern zumutet. Wie quälend es für den „Nightmare Detective“ auch ist, in die dunklen Kammern fremder Psychen hinabzusteigen – unterm Strich sind es seine eigenen Traumata, mit denen er es ein ums andere Mal zu tun bekommt. Die reale Welt erscheint als eine notdürftig errichtete Fassade, unter der die Menschen in bester TETSUO-Manier groteske Verrenkungen aufführen, gequält von einer Anpassung an eine Natur, die nicht die ihre ist. Die Alpträume zeigen all das, was sich in Wahrheit unter dem schönen Schein abspielt, und es ist hemmungslos und unsagbar garstig. Als Katalysator für die Traummonster fungiert Tsukamoto höchstselbst und beschert sich dabei einige wirklich alptraumhafte Momente. Im Vergleich zu VITAL hat mich NIGHTMARE DETECTIVE ein wenig enttäuscht, aber formal ist der Film wirklich große Klasse und demonstriert anschaulich, was für einen Kinderkram Hollywood aus dem Alptraum-Thema gemacht hat. NIGHTMARE DETECTIVE ist wirklich nichts, was man sich kurz vor dem Schlafengehen anschauen sollte – eine düstere und sehr verunsichernde Reise in die Ecken der Seele, die die Putzfrau aus gutem Grund vernachlässigt hat. Genrekino mit was extra.
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#489
Geschrieben 07. August 2007, 12:00
Was entnimmt man diesem Film? Hundefänger und Zahlenmystik – das geht nicht gut zusammen!
Au Mann. Also, Jim Carrey spielt einen Hundefänger namens Walter Sparrow, der im Kleinstadtumfeld mit den überschaubaren Tücken seines Berufes zu kämpfen hat. Das alles ändert sich, als ihm seine Freundin Virginia Madsen ein Buch zu lesen gibt, in dem es um Zahlen geht und einen Protagonisten namens Fingerling, der sich im Reich einer Glitzer-Noir-Welt von der Zahl 23 in Wahnsinn und Tod treiben läßt. Sparrow ist erstaunt, teilt der Held des Romans doch viele biographische Einzelheiten mit ihm selbst. Außerdem stellt er fest, daß die Zahl 23 wirklich fast überall auftaucht und sein Leben zu bestimmen scheint. Die Beschäftigung mit der Zahl 23 führt sehr bald zu einer paranoiden Besessenheit, die auch Sparrows Leben aus dem Gleichgewicht geraten läßt...
NUMBER 23 beginnt gar nicht schlecht, doch als Problem mendelt sich schon bald heraus, daß man nicht weiß, was man vom Film zu halten hat. Der Anfang legt eine Komödie nahe, denn Carrey (den ich ob seiner Leistungen in DER MONDMANN und VERGISS MEIN NICHT sehr schätze) überdreht dramatisch und gibt seiner Figur die ganze Tristesse eines Hundefängerdaseins mit auf den Weg. Wenn er anfängt, das Buch zu lesen, schaltet auch Regisseur Schumacher in den Overdrive und brennt das ab, was er vermutlich als Feuerwerk empfindet. Mich hat der stilistische Firlefanz sehr bald genervt und mich noch mehr von den schwer zugänglichen Charakteren abgewendet. NUMBER 23 schlägt dann die Marschroute eines ernsthaften Thrillers ein, was bei einem Helden, der ein Hundefänger mit einer grotesken Frisur ist, offensichtlich einen an der Waffel hat und Krimis mit Hauptfiguren liest, die Fingerling heißen, etwas schwierig ist. Seinen restlichen Kredit vergeigte der Film für mich in den letzten 20 Minuten, wo die Auflösung präsentiert wird. Diese ist wenig überraschend, völlig konstruiert, und am Schluß seift der Film voll ab und serviert die Moral knüppeldick. Lose Enden werden auch nicht weiter berücksichtigt. Schade. Nicht mein Ding.
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#490
Geschrieben 07. August 2007, 12:19
Verwirrender Anfang, ruhiges Tempo, schöner Film.
Darren Aronofsky kann, glaube ich, keinen schlechten Film machen. Seine bisherigen Arbeiten hatten immer etwas mit „quests“ zu tun, mit einer Suche nach etwas, das das Leben für die Protagonisten lebenswert macht. Manchmal führt die Suche in die Irre und endet im Chaos. Das Ende von REQUIEM FOR A DREAM kann man nicht wirklich als ermunternd bezeichnen. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mit einem Kumpel den Film kuckte, und nach dem Abspann saßen wir mehrere Minuten völlig geplättet vor dem Bildschirm und konnten überhaupt nichts mehr sagen. THE FOUNTAIN erzählt zwei Geschichten parallel. Geschichte 1 schildert die Suche eines spanischen Konquistadors nach dem Quell des ewigen Lebens, mit dem er seine Königin beglücken will, die sich gegen mächtige Staatsfeinde zur Wehr zu setzen hat. Geschichte 2 erzählt von der Suche des Wissenschaftlers Tom Creo nach einem Mittel gegen Krebs. Seine eigene Lebensgefährtin, Izzi, ist daran erkrankt und wird nur noch kurze Zeit zu leben haben. Es gibt Überschneidungen: Izzi schreibt an einem Buch über spanische Eroberer und die Suche nach dem Quell; beide Geschichten werden von den selben Darstellern dargeboten. Das letzte Kapitel von Izzis Buch ist noch ungeschrieben. Vielleicht bleibt es ihr vorbehalten, das letzte Kapitel zu schreiben, vielleicht auch nicht...
Man kann das Ende von THE FOUNTAIN auf verschiedene Art und Weise deuten. Man mag es kitschig finden, ermutigend oder ernüchternd. Fest steht aber, daß der Film in sehr kunstvoller und schöner Weise eine eigentlich sehr simple Geschichte erzählt, die nahelegt, daß alles Wissen bedeutungslos ist gemessen an dem, was Menschen einander bedeuten. Wie sehr man sich auch abstrampelt, um nach den Sternen zu greifen und Träume wahr werden zu lassen – man muß sehen und verstehen, was einem das diesseitige Leben an realisierbaren Träumen zu bieten hat, dann ist es fast belanglos, wer das letzte Kapitel schreibt. Sinn oder Unsinn des ewigen Lebens sind in der Filmgeschichte einige Male behandelt worden. Nie aber so schön und einfühlsam wie hier. THE FOUNTAIN gibt einem viele religiöse Bezugnahmen, aber ich empfinde ihn nicht als einen religiösen Film, sondern als einen sehr dem Leben zugewandten und letztlich ermutigenden. Trotz einer großen Flut an Farben und Formen, die er über den Zuschauer ausgießt und nicht immer eine Erklärung mitliefert, legt der Film nahe, das Unerklärbare zu akzeptieren und nicht die Freude am Leben durch ständigen inneren Widerstreit zu beschmutzen. Die Suche des Filmes führt nach innen, nicht nach außen. Das ist zumindest meine Deutung. In jedem Fall empfehle ich die Bereitstellung einer ausreichenden Anzahl von Taschentüchern, denn daß man bei dem Film losheult wie ein Schloßhund, halte ich für gut möglich.
Bearbeitet von Cjamango, 07. August 2007, 12:26.
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#491
Geschrieben 12. August 2007, 10:49
Immer mehr Leute stellen die Frage, warum das Kino stürbe. Konjunktive wie „stürbe“ machen mich mürbe, aber es handelt sich ja auch nur um eine Unterstellung. Kinos können ja nicht sterben, es sei denn, jemand käme mit einer Abrißbirne und schüfe Platz für einen neuen Supermarkt oder ein Bordell. Kinos können nicht bei offenem Fenster einschlafen und morgens mit einer doppelseitigen Lungenentzündung aufwachen. Kinos sind ja keine Menschen. Daß immer mehr Leute allerdings verzagen ob der zahlreichen Multiplexe, hat weder etwas mit den Kinos selber zu tun – die sind meistens recht bequem und gemütlich bestuhlt – noch mit der Piraterie. Es fällt einem Filmfan im Zeitalter der DVD nur immer schwerer, den Kinobesuch zu genießen. Geht man in POLICE ACADEMY 6, so ist es Jacke wie Hose, ob das Publikum durch Rülps-, Knister- oder sonstige Störgeräusche auffällt. Lachen ist erwünscht, denn Lachen ist gesund. Doch manche Zeitgenossen sind leider nicht in der Lage, einem ernsthaften Film mit der nötigen sittlichen Reife zu folgen. Fast jeder Kinobesuch ist für mich mittlerweile mit Streß verbunden. Als ich etwa unlängst in den ganz vorzüglichen PAN'S LABYRINTH ging – einer märchenhaften Aufbereitung des spanischen Faschismus –, ging das völlig in die Hose. Die Nervbolzen warten auch in der Regel bis nach Beginn der Vorstellung, um ihr Schreckensregiment zu errichten, und sie setzen sich immer neben mich. Manchmal auch hinter mich. In jenem Fall liefen gerade die ersten Meter von Guillermo del Toros Geniestreich, als die Tür aufging und Echtweltausgaben von Bärbel und Siggi von Eisenpimmel das Kino betraten: „Boah ey, ich bin seit drei Jahren nicht mehr im Kino gewesen!“ ließ Bärbel den Kinosaal an ihren mit schepperndem Organ hervorgebrachten Gedanken teilhaben, während sie ein Tablett mit Knistertüten vor sich her balancierte. „Oh nein!“ dachte ich nur, und selbstredend setzten sich Bärbel und ihr Haussklave direkt hinter mich und meine Begleiterin. Es ist jedem halbwegs sensiblen Menschen klar, daß solche Leute eindeutig in der falschen Vorstellung gelandet sind. Sie könnten anderswo viel mehr Spaß haben, denn sie werden einfach nur auf die Grenzen ihrer Verständnisfähigkeit gestoßen, und das muß ein frustrierendes Erlebnis sein. Aber – verlassen sie den Kinosaal? Oh nein – sie bleiben eisern sitzen und machen ihrer Verbitterung über das sie im Regen stehen lassende Spektakel laut Luft. Sie killen die Kinofreude bei den Umsitzenden. Da hilft auch kein flauschiges Gestühl mehr. Das ist nicht die vielbeschworene Gemütlichkeit des Ruhrgebietes – das ist einfach eine Ungezogenheit, die mit Abzug von Lebensenergiepunkten bestraft gehört!
Mein persönlicher Auftakt zum „Fantasy-Film-Fest“ gestaltete sich durchaus angenehm, da das Publikum in der Lage war, einem Film 2 Stunden lang zu lauschen und dabei weitgehend die Klappe zu halten. Das war vorgestern. Gestern waren wir in Kiyoshi Kurosawas neuestem Streich, THE RETRIBUTION. Für sich betrachtet ist der Film eine recht hübsche Angelegenheit, die von einem Polizisten handelt, der über eine Mordserie mit dem Geist einer Frau konfrontiert wird, die ihm ein Verbrechen zur Last zu legen scheint. Die Geschichte wird mit der von Kurosawa gewohnten Langsamkeit und Vertracktheit entwickelt. Autos explodieren keine, und auch ansonsten gibt es viel Stille zu bewundern. Das gilt für die Leinwand. Gestern aber gab es einen Kinosaal voller geduldiger Menschen und ein oder zwei Hajupeis, die anfingen, bei jeder dritten Einstellung wie bescheuert zu kichern und zu lachen. Zu Anfang dachte ich noch, dies könne an einem grundlegenden Unverständnis des Filmes liegen, denn Japaner sind weitgehend ironieresistent, und mittlerweile vermuten Tarantino-Jünger ja in allem faustdicke Ironie und „with it“-Humor, den man halt kapieren muß. Da war aber kein Humor. Null. Das andauernde Gegacker machte es sämtlichen anderen Leuten im Theater komplett unmöglich, den Film zu genießen. Warum machen Leute so etwas? Es scheint dabei eine Art Verachtung fremder Kulturen mitzuschwingen. Der Film ist zu langsam, die Schauspieler drücken für mein an angelsächsischen Naturalismus gewöhnten Geschmack zu sehr auf die Tube, also ist es schlecht. Diese Unfähigkeit zum Verständnis fremder Lebensanschauungen ist völlig nachvollziehbar und entschuldbar, wenn auch nicht gerade ein Zeichen von überragender Intelligenz. Was aber gar nicht geht, ist, den anderen Besuchern damit den Abend zu versauen. Das ist anmaßend, rücksichtslos und borniert über alle Maßen. Man könnte dann ja einfach den Kinosaal verlassen und nach der eigenen Laune angemessenerem Fun-Splatter fahnden, aber nein, man bleibt lieber sitzen und macht allen anderen den Genuß zunichte durch überhebliches Gekälber. Ich kapier's nicht. Die Menschen beklatschen in der Regel das, was sie bereits kennen. Der wirkliche Reiz von künstlerischen Arbeiten liegt doch aber darin, daß man eben etwas Neues, etwas Unbekanntes kennenlernt. Daß man die Gelegenheit hat, sich mit anderen Sichtweisen und Empfindungen zu konfrontieren. Daß man sich auf etwas Fremdes einläßt. Da habe ich auch nicht immer Lust drauf, aber wenn ich halt Lust dazu habe, möchte ich nach Entrichtung des Eintrittsgeldes auch die Gelegenheit dazu haben. Das gestern war das Extremste, was ich in dieser Hinsicht bisher erlebt habe. Vom Film habe ich nicht allzuviel mitbekommen und werde ihn mir noch einmal anschauen, wenn er auf DVD erscheint.
Bearbeitet von Cjamango, 12. August 2007, 10:53.
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#492
Geschrieben 14. August 2007, 11:15
In einer kanadischen Kleinstadt (die aber sehr wie eine idealisierte Ami-Kleinstadt der fünfziger Jahre ausschaut) hat man nach den großen Zombie-Kriegen das Problem der Wiedergänger in den Griff bekommen. Der Konzern ZomCom verdient ein Schweinegeld mit der wirtschaftlichen Nutzung gezähmter Untoter. Es bedarf nur einer elektronischen Halsfessel, um die Monster ihre Fleischeslust vergessen zu lassen. Dann kann man sie wunderbar einsetzen – als Butler, Schülerlotse, Sexspielzeug, Golfcaddy... Auch in der Familie des kleinen Timmy schreitet die Zombiefizierung voran. Mutter hat es allmählich satt, daß sie die einzigen im Viertel sind, die noch keinen eigenen Zombie haben. Dies liegt vor allen Dingen daran, daß Vater Muffensausen vor den stalksenden Graugesichtern hat. Als Mutter ihm daraufhin einfach einen Zombie schenkt, sind seine Gefühle somit sehr gemischt, aber da er eine Fernbedienung hat, mit der er seinen neuen Diener nach Herzenslust foltern und gängeln kann, gewöhnt er sich an die neue Situation. Klein-Timmy findet den Zombie ganz knuffig und gibt ihm den Namen „Fido“. Fido mag Timmy auch und beschützt ihn vor Raufbolden. Als Fidos Halsfessel einen Wackelkontakt hat, kommt es zu einem bedauerlichen Rückfall – er zerfleischt eine alte Dame –, aber Timmy zeigt sich der Lage gewachsen. Schwierig wird die Situation erst, als Fido Gegenstand einer Hetzkampagne wird, die von Timmys Raufbolden angeregt wird. Und mehr und mehr Leute werden zu Zombies...
Na ja, das waren sie eigentlich schon vorher, und das ist natürlich die Botschaft dieses sehr freundlichen und entzückenden Filmes. Ich habe ihn in einem einigermaßen vollbesetzten Kino auf dem „Fantasy-Film-Fest“ gesehen, und bereits nach dem Anfang – einem Werbefilm für ZomCom – war klar, daß FIDO ein echter Gewinner werden würde. Obwohl hier und da etwas blutig (allerdings klar diesseits von SHAUN OF THE DEAD), paßt der Film gut in jene Riege von nostalgischen Unterhaltungsfilmen wie MATINEE oder PLEASANTVILLE, die die Moralität jener Tage mit gutmütigem Spott überziehen. Okay, es werden Kinder und alte Frauen zerfleischt, aber das geschieht auf sehr liebenswerte Weise. Dabei erweist es sich als sehr hilfreich, daß die Kinderdarsteller nicht eklig sind wie so oft, sondern gut ausgewählt und kompetent. Timmy ist ein schüchterner Schlaukopf, der in seiner Schule Ziel vieler Raufbold-Attacken ist. Seine Eltern (ebenfalls gut: Carrie-Ann Moss und HAPPINESS´ Dylan Baker) sind gräßliche Spießer und lassen ihn mit seinen Problemen hübsch allein. Neben Timmy ist Fido mit Leichtigkeit der sympathischste Charakter des Filmes und wird glänzend gespielt vom schottischen Komiker-As Billy Connolly, den manche noch als alten Haudegen aus DER BLUTIGE PFAD GOTTES kennen dürften. Seine Verwandlung vom gedemütigten Haussklaven zum echten Vollwertmenschen ist höchst vergnüglich zu betrachten, und wenn er mal jemanden zerfleischt, hat der es auch verdient. FIDO soll – anders als in den USA – angeblich eine Kinoauswertung in Deutschland bekommen, und es lohnt sich wirklich. Intelligent, charmant, lustig – der hat richtig Spaß gemacht!
Bearbeitet von Cjamango, 14. August 2007, 11:22.
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#493
Geschrieben 14. August 2007, 13:04
H.P. Lovecrafts Erzählungen haben sich schon immer als harte Nuß für Filmemacher erwiesen. Anders als Edgar Allan Poe, dessen Geschichten meistens von schauerromantischem Zierat durchzogen waren, beziehen Lovecrafts Werke ihren Reiz aus ihrer Vermengung von einer sehr eigenwilligen Bilderwelt mit einer hyperbolischen Schreibe, die Unsagbares, Unaussprechliches und somit auch Unzeigbares zu einem beklemmenden Alpdruck emporpeitscht. „The Colour Out Of Space“ wurde bereits 1965 von Daniel Haller zu einem wenig befriedigenden Film umgeformt, DAS GRAUEN AUF SCHLOSS WITLEY, dessen visuelle Vorzüge letztlich doch nur dazu führen, daß Boris Karloff als lustiges Leuchtemännlein durch die Kemenade hüpft. Im Jahre 1987 gab es dann die Neubearbeitung THE CURSE (in „Fangoria“ damals noch angekündigt als THE FARM), die vom sonstigen Schauspieler David Keith (ein Patrick-Swayze-Lookalike) stammte. Obwohl die Grundsituation der recht morbiden Geschichte beibehalten wurde, gibt es viel irrelevantes Beiwerk, so daß man sich dazu entschloß, die Bezugnahme auf Lovecraft gänzlich fallenzulassen. Nun ja, H.P. hätte sich auch im Grabe herumgedreht. Ich kann mich noch daran erinnern, daß ich THE CURSE damals, als er auf Video herauskam, einen Tacken besser fand als den sonstigen Ausstoß von Empire, aber beim 20-jährigen Jubiläum entpuppt er sich doch als eine etwas schwergängige Angelegenheit. Es geht um eine ländliche Region in Tennessee. Auf der Familienfarm des streng religiösen Nathan Crane geht ein Meteorit runter, was dieser als ein Zeichen des Herrn wertet. Da die Stadthonoratioren – repräsentiert von einer Art Landei-Variante von P.T. Barnum – ein Interesse daran haben, die Sache herunterzuspielen, wird erst einmal nichts unternommen. So kommt es auf der Crane-Farm zu denkwürdigen Veränderungen: Pferde, Hühner und Tomaten greifen die Menschen an; Mutter näht sich eine Socke an die Hand und wird auch sonst reichlich verschroben; alle Familienmitglieder haben einen guten Hautarzt mehr als nötig. THE CURSE legt ein ordentliches Tempo vor, arbeitet aber mit dem Holzhammer und baut weniger auf eine glaubhafte Schilderung der morbiden Veränderungen als auf Ekeleffekte. Die Landeier wirkten eigentlich schon vorher ziemlich crazy, so daß ihre spätere Wandlung in ausgewachsene Axtmörder niemanden wirklich überrascht. David Keith stammt aus Tennessee, so daß er wohl wußte, was er da tat. Als simpler B-Horror-Film ist THE CURSE leidlich unterhaltsam. Man darf nur nicht die erste völlig gelungene Lovecraft-Adaption erwarten. Charakterdarsteller Claude Akins (bekannt aus zahlreichen Western) hat offensichtlich Spaß dabei, den religiösen Fanatiker Crane zu spielen und drückt saftig auf die Tube. Von den anderen Darstellern kann man noch Wil Wheaton kennen, der den jüngsten Crane-Sohn spielt und als einziger merkt, was da Grausiges mit der Familie vor sich geht. Da es sich um eine Produktion des umtriebigen Ovidio G. Assonitis handelt, waren hinter der Kamera auch einige Italiener aktiv: Die Bildführung stammt von der Assonitis-Stammkraft Roberto Forges Davanzati, der dräuende Synthie-Score vom alten Polizeifilm-Veteran Franco Micalizzi. Und, hoho, als „associate producer“ zeichnete sogar Lucio Fulci verantwortlich, dem auch ein Credit für optische Spezialeffekte zugedacht wurde. Eine Szene, in der eine mutierte Kuh aufplatzt und lustige Maden über die Umstehenden verteilt, erinnert auch wirklich etwas an Papa Fulcis Zombiezeiten.
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#494
Geschrieben 21. August 2007, 10:45
Roy Scheider spielt einen wohlhabenden Ingenieur, dessen Gattin Ann-Margaret als Politikerin erfolgreich ist. Das häusliche Glück gerät in Gefahr, weil Scheider mit einem blonden Gift herummacht, das sich auch noch als wenig integer erweist. Eines Tages nämlich stehen ein paar maskierte Männer in der Wohnung, halten Scheider eine Wumme an den Schädel und zeigen ihm ein belastendes Video. Als Scheider nicht spurt, bringen sie das blonde Gift kurzerhand um und schieben die Schuld auf ihr Erpressungsopfer: Sollte er nicht ordentlich blechen, geht das Beweismaterial an die Polizei. Seine Angst treibt Scheider dazu, Privatnachforschungen anzustellen, und diese führen ihn mitten in den Pornodschungel...
Gemessen an John Frankenheimers früheren Filmen (SIEBEN TAGE IM MAI, BOTSCHAFTER DER ANGST, DER MANN, DER ZWEIMAL LEBTE) ist es schon ein wenig schade, in welche Richtung sich seine Karriere bewegt hat. Betrachtet man 52 PICK-UP aber nur als simplen B-Thriller der Firma „Cannon“, macht der Streifen durchaus Laune. Erneut fällt auf, daß die achtziger Jahre in punkto Kleidung und Musikgeschmack zum Himmel stanken. Die gruselige Synthiemucke würde einem Chuck-Norris-Film gut zu Gesichte stehen, aber hier unterstreicht sie nur den selbst für Golan-/Globus-Verhältnisse ungewöhnlich sleazigen Ansatz des Werkes. Der Oberschmierofatz ist natürlich Pornoregisseur, und der häufige Nebendarsteller John Glover gibt wirklich alles – dem rieselt das Koks förmlich aus den Augen! Auch sehr nett der riesige Schwarze Clarence Williams III, der als sein Partner im bösen Spiel den Eindruck einer überdimensionalen Crackpfeife macht und stumpfen Blickes alles wegpustet, was sich ihm in den Weg stellt. Es gibt eine Partyszene, bei der auch einige bekannte Pornodarsteller (darunter Jamie Gillis, Ron Jeremy und Amber Lynn) durchs Bild wackeln. Mich hat es immer erstaunt, wie begierig XXX-Darsteller auf die Teilnahme an solchen „Legit“-Produktionen waren, wird doch immer wieder beklagt, wie unangemessen die Industrie vom großen Bruder Hollywood dargestellt wird. Na ja, Verflechtungen mit dem organisierten Verbrechen gab es und gibt es dort natürlich, wie überall, wo es um Geld geht, aber so comicstrippig wie hier hat man sich das kaum vorzustellen. Das ist 8MM-Territorium. Nimmt man den Film also ernst, ist er ziemlicher Tinnef. Aber da die Darsteller der Bösewichte gut am Augenrollen sind, gibt es in dieser Hinsicht keine Mißverständnisse, und so konnte ich 52 PICK-UP durchaus genießen. Es gibt einige unangenehme Härten, z.B. das Quasi-Snuffvideo der Entführer. Das ehemalige Prince-Protegé Vanity hat eine immens schmierige Stripszene. Die Vorlage zum Film stammt von Kriminalschriftsteller Elmore Leonard (JACKIE BROWN) und wurde 2 Jahre vorher bereits für Rock Hudsons letzten Film verwendet, DER AMBASSADOR. Wann immer „Cannon“ versuchte, etwas einigermaßen Seriöses auf die Beine zu stellen – was also intelligenter sein sollte als AMERICAN NINJA oder INVASION U.S.A.! –, ging das klangvoll in die Hose. 52 PICK-UP ist ein Sleaze-Krimi, da gibt es nix, aber ein zumindest ansprechend gemachter, und spannend ist das Teil auch. Leichter Punktabzug aber für den albernen Showdown feat. John Philip Sousas „Stars & Stripes Forever“.
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#495
Geschrieben 21. August 2007, 16:40
Die Geschichte von Alexander dem Großen, wie Oliver Stone sie sah. Nach der ersten Stunde war ich ziemlich mürbe und befürchtete, es hier mit der ersten veritablen Gurke des Regisseurs zu tun zu haben. „Gurke“ wäre nun doch etwas übertrieben, denn einige Zeugnisse der technischen Fähigkeiten des Regisseurs finden sich hier und da, und erfreulicherweise sieht der Film davon ab, den Heroismus seines Protagonisten gänzlich ungeschoren zu lassen. Trotzdem ist ALEXANDER fraglos der Stone, den ich bislang am schwächsten finde. Die schlechten Kritiken der Zeitungsleute wurden in einigen Zuschauerrezensionen der IMDb mit der Begründung fortgewischt, die Gegner hätten den Film einfach nicht verstanden. Ich wüßte nicht, was es an ALEXANDER nicht zu verstehen gäbe; wenn überhaupt, ist er viel zu direkt, um nicht zu sagen: plump. Der Alexander des Filmes wird von der Ambivalenz angetrieben, die seine ganze Existenz bezeichnet – der Hader zwischen seinen Eltern, die Coming-Out-Probleme, das Rätsel um seine Herkunft, der Herrschaftszwist. Als Meuchelmord die Herrschaftsfrage geklärt hat, begibt sich der Bursch auf eine viele Jahre dauernde Odyssee, die ihm zahlreiche Eroberungen einbringt, aber siehe da: wer weit reist, verliert sich manchmal selbst. (Stöhn.) Daß Homosexualität bei die Mazedoniers nicht wirklich ein Problem war, wird einem mit der Sensibilität eines Preßlufthammers um Augen und Ohren geklatscht. Papa Val Kilmer (kaum wiederzuerkennen!) ist ein Wüterich, Mama Angelina Jolie ein intrigantes Weibsbild. Hinweise auf Ödipus deuten schon an, daß Alex gerne mit Mama pimpern will und seinem Vater an den Dutt. Das Problem wird aber verlagert auf andere Kontinente, und das „Freigegeben ab 12 Jahre“ ist angesichts der Blutbäder schon recht erstaunlich. Bedauerlicherweise ist das Drehbuch zu schwach und verschwafelt, um den Zuschauer über 3 Stunden hinweg zu fesseln, und so wirkt vieles doch wie eine überlange Geschichtsstunde mit Pomp und Ethno-Schangel. Die letzte halbe Stunde hat mir am besten gefallen, abgesehen von Anthony Hopkins´ Gebrabbel am Ende. Colin Farrell macht seine Sache wirklich gut, aber ich warte noch auf einen Film mit ihm, in dem er diesen enervierenden Schmachtblick ablegt. Als Schauspieler hat er einiges auf dem Kasten. Wenn mich jemand so richtig foltern will, kann er mir die Filmmusik auf CD schenken, denn was Vangelis hier abgeliefert haben, ist eine Woge aus Schmalz, die zu den dicksten Minussen zählt, mit denen ALEXANDER zu kämpfen hat. Wie meint Ptolemäus/Hopkins doch so richtig? „Die Wahrheit ist niemals einfach... und dann wieder doch!“ Damit hat er vermutlich recht. Ko-Autorin Kalogridis skriptete danach PATHFINDER, und den kucke ich mir vielleicht gleich als nächstes an...
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