Zum Inhalt wechseln


Untergetaucht im Spinnwebwald


Foto

Magical History Tour: Love Letter / Rabu Reta (Seijun Suzuki, Japan 1959)


Ein leider recht unbekannter, früher Film von Seijun Suzuki, der zur Abwechslung mal keine ruppige Gangster-Eskapade ist, sondern eine waschechte Romanze. Ein Nachtclubbesitzer ist in seine Pianistin verliebt, diese aber in ihren Boifrendo, welcher als Mountain Ranger in einem Gebirg die ganze Zeit auf Jagd ist (und Tieren das Leben nimmt). Nach getaner Arbeit: Alkohol. Dort hat er sich recht eindeutig von den menschlichen Sozialübereinkünften losgesagt. Als sie ihn überraschend besucht, macht sie dann eine unangeneheme Entdeckung. Er wiederum fällt mir nichts dir nichts ausgerechnet den Baum, in den sie vor Jahren ihr Liebesherz eingeschnitzt haben. Sie weint, er schaut wie versteinert. Wieder in Tokyo kann der Nachtclubmann sie aber trotzdem nicht becircen, auch wenn er eine Schnulze anstimmt. Und so geht es dann weiter. Hübscher Film, für den meines Wissens nur als Kinokopie Untertitel vorliegen. Hier könnte sich also jemand mit ausreichend Japanischkenntnissen noch für eine bessere Gesellschaft einsetzen.

Eingefügtes Bild

Magical History Tour Nachtclub Whisky Jäger Liebe Birke Kyosuke Mashida Japan


Foto

Fantasy Filmfest 2014: CANÍBAL (Manuel Martín Cuenca, Spanien 2013)


CANNIBAL ist ein extrem durchdacht gefilmter Horror-Kunst-Film, der eher im Arthousedrama verortet ist, als in der Midnight-Schiene. Das beginnt schon mit einer statischen Einstellung aus der Ferne auf eine nächtliche Tankstelle, die wie völlig isoliert vielleicht in der spanischen Hochebene steht. Es ist stockdunkel, Figuren gehen umher, tanken, rauchen, bezahlen, fahren los. Das Auto fährt auf die Kamera zu und vorbei - plötzlich fährt die Kamera ebenfalls los, dreht, dem Wagen hinterher. Überaschung: es war die subjektive Perspektive des Verfolgers, die man als stylische Kadrageneskapade missdeutete.

Auch im Folgenden bleibt sich der Film seiner großartigen Bilder treu, schlichte Kompositionen, durchströmt von einer ruhigen Weltferne, die in krassem Kontrast steht zur blutigen Handlung eines Schneidermeisters, der allzugerne junge Damen verzehrt. Ein Connaisseur wie Hannibal, von Mads Mikkelsen verkörpert, distinguiert und immer: feine Manieren. Mir hat der Film ausgezeichnet gefallen, wenngleich man hört, er sei vielen zu öde. Ich finde, er fliegt vorüber.

FFF Fantasy Filmfest Blut und Brüste Andalusien


Foto

Magical History Tour: Wind, Woman, and Road / Kaze to onna to tabigarasu (Tai Katô, Japan 1958)


Relativ rarer und unbekannter Jidaigeki-Film von Tai Katô, der in späteren Jahren vor allem durch seine Yakuza-Streifen bekannt geworden ist. Das hier ist sein erster größerer Erfolg, der von zwei Ganoven erzählt, die aufgrund eines Missverständnisses - weil sie sich mit den Schwertern schlagen wollen sehen sie aus wie Banditen, die einen Goldtransport überfallen - plötzlich reich sind. Der ältere der beiden (Sentaro) zwingt den Jüngeren (Ginji) aber dann dazu, das Gold den Dorfbewohnern zurückzugeben. Nun ist es aber ausgerechnet dasjenige Dorf, das damals Ginji verbannt hatte - da ist also noch eine Rechnung offen. Bald kreuzt auch der Oberganove "Hanzo The Snake" auf, ein dicker Rüpel mit scharfem Blick, der es freilich auf die Kiste mit den leuchtenden Ryo abgesehen hat. Sentaro wird dann beim Händel von einem Gewehr angeschossen, was zum klassischen Ronin-Film auch noch die bekannte Thematik von Tradition vs. Moderne hinzufügt.

Ordentlicher Film, etwas dialoglastig und wohl fast komplett im Studio entstanden, kann er den Samuraifilm-Anhänger durchaus beglücken. Etwas Herausragendes hat er zwar nicht zu bieten, abgesehen von der manchmal schrägen Tonspur vielleicht, aber er ist ein solider Entertainer. Für einen gemütlichen Abend durchaus geeignet, und pasheko würde ihm vermutlich das Adjektiv "hübsch" angedeihen lassen. Soviel.

Eingefügtes Bild

Samurai Ronin weinende Frauen Hanzo Japan schwarz-weiß Kinnsuke Nakamura Rentaro Mikuni


Foto

Magical History Tour: The Tin Star (Anthony Mann, USA 1957)


Der ältere Mann, Lehrer des jüngeren, findet zu seiner Bestimmung zurück, der jüngere, der Schüler, findet überhaupt zum erstenmal zu ihr. Konsolidierung der Ordnung, positiver Ausblick, Hinwendung zur Zivilisiertheit und Zivilisation wie man sie als Rechtssytem heute kennt. Die Außenseiter und Querdenker sind es, die die Gesellschaft voranbringen; dies vielleicht die schönste Moral des Films. Ein vielschichtiger Western, wunderbar gedreht, der seine Moral nicht vor sich her trägt, immer fein ausbalanciert und keine Minute zu lang. Henry Fonda und Anthony Perkins machen ihre Sache - wie Bösewicht Neville Brand - toll. Den Film hatte ich immer irgendwie übersehen, die Frage ist, warum. Sehr schön.

Magical History Tour Western Gesetzlose Lynchmob


Foto

Magical History Tour: Storm Center (Daniel Taradash, USA 1956)


Politisch motiviertes und anti-McCarthy-positioniertes Gesellschaftsdrama, in dem die Leiterin einer Stadtbibliothek (Bette Davis) auf Drängen der Stadträte das Entfernen eines Buches mit dem Titel The Communist Wave ablehnt. Sie setzt darauf, dass sich das Buch - wie Mein Kampf - selbst entlarvt. Doch soviel will man den Leuten nicht zutrauen, außerdem versucht einer der Herren einen Skandal zu inszenieren, den er als Sprungbrett für seine Kampagne missbrauchen will - er möchte gerne Bürgermeister werden. Die sympathische Bibliothekarin bleibt dabei auf der Strecke.

Der Film würde sehr gut zu einem Double-Feature mit Truffauts dystopischem Fahrenheit 451 passen, wenngleich die US-Produktion weniger subtil vorgeht und am Ende unnötig moralisch belehrend endet. Hier hätte man seinem Zuschauer auch etwas mehr zutrauen können. Dennoch sehenswert.

Wenn Bücher für Kinder zum Alptraum werden:

Eingefügtes Bild

Magical History Tour McCarthy Bibliothek Bücher Columbia


Foto

Magical History Tour: Kiss Me Deadly / Rattennest (Robert Aldrich, 1955)


Mike Hammer, Privatdetektiv, versucht nach einem Anschlag auf sein Leben das Mysterium um Christina zu lösen, eine junge Frau, die ihm - aus dem Irrenhaus flüchted - nachts vor den Wagen gerannt war. Bei seinen Nachforschungen stößt er auf ein Rattennest an Gangstern, die es ebenfalls auf Christinas Vermächtnis abgesehen haben. Und keiner weiß so richtig, was das überhaupt ist. Aber eines ist klar: es ist ist ungemein wertvoll.

Mickey Spillane, von dem die Story stammt, ist einer jener berühmten amerikanischen Pulp Crime - Writer ab Ende der 40er, die ihre Hard Boiled-Helden als Sympathiefiguren dem Untergang weihen. Mike Hammer ist ein Raubein, das zuschlägt, schreit, Leute fertig macht, säuft, herumhurt und im Zweifel auch Gegner erschießt. Kein Wunder hasst ihn der Polizeikommandant. Die Pulp Novels gingen in die Geschichte ein für ihren sensationalistischen Inhalt, für die sexuelle Explizitheit und ihre extreme Gewalt. Ein Autor wie James Ellroy steht ganz klar in dieser Nachfolge. Die Titel der Mike Hammer-Serie haben denn auch sprechende Titel: I, THE JURY, MY GUN IS QUICK, THE BIG KILL, oder eben: KISS ME DEADLY.

Während die drei vorherigen Mike Hammer-Verfilmungen ziemlich gerdeaus waren, kann man dies beim besten Willen von KISS ME DEADLY nicht behaupten. Der Plot mäandert - manchmal geradezu verwirrend - durch den Film, Anschlüsse können verpasst, Handlungsfolgen übersehen werden. Ereignisse, die übrigens sich gut zusammenfügen, bei mehrfacher Sichtung (dies meine dritte). Die durchaus zähe Ermittlungsphase wird dabei immer wieder von Actionhandlung unterbrochen, die dann gegen Ende zunimmt, wenn sich die Auflösung langsam zuspitzt. Dennoch ist KISS ME DEADLY meines Erachtens kein einfacher Film "für zwischendurch".

Neben der komplexen Handlung gibt es aber vor allem die tolle Kamerführung von Ernest Laszlo zu bewundern, die an den Film Noir erinnert. KISS ME DEADLY ist schwarzweiß, spielt häufig nachts, in seedy Bars, mit Jazzmusik und whiskygeschwängerter Atmosphäre. Die Barmänner fragen in diesen Filmen nie nach den Sorgen der Gäste. Da wird einfach die Flasche abgestellt. Wer sich in Robert Aldrichs Werk und Biographie besser auskennt als ich, wird vermutlich auch die Frage beantworten können, warum er nach seinen beiden erfolgreichen Technicolor-Filmen (APACHE und VERA CRUZ) nun ausgerechnet so einen Low Budget-Film gedreht hat. On Location, übrigens. Das sieht man ihm an, und macht auch ein Stück weit seinen Charme aus. Seine Stylishness und seine immer wieder auftauchenden literarischen Verweise, gepaart mit der Genre-Gangstergeschichte, müssen auch die Elemente gewesen sein, die die europäische Nouvelle Vague an Aldrich interessiert haben muss. Es ist ein Film, von dem viele Verzweigungen abgehen, und der wohl bis heute wirkt... vermutlich bis hin zu Quentin Tarantino.

Genrefilm Gangster Film Noir Hard Boiled Pulp


Foto

Magical History Tour: Inauguration of the Pleasure Dome (Kenneth Anger, 1954)


Bildgewaltige Phantasmagorie nach dem Verzehr von zuviel Edelsteinen. Großes Theater!

Eingefügtes Bild

Kunstfilm Hexensabbat Aleister Crowley Transgender Transgression Art Cinema Avantgarde Mitternachtskino


Foto

Magical History Tour: The Hitch-hiker (Ida Lupino, USA 1953)


So schwül wie heute war es schon lange nicht mehr. Und auf der Poppelsorfer Caféhaus-Meile haben sich bereits die ganzen Deutschland-Trikots versammelt, um einem desolat aufspielenden Team, ja was...?, die Treue zu halten? Recht so, jeder macht halt seinen eigenen Schmarrn.

Ich war heute in der Wüste mit Ida Lupinos Film Noir-Terror-Film, in dem zwei Angler von einem sich durch Kalifornien mordenden Anhalter, weil zu gutmütig, terrorisieren lassen. Der Mann hat schon so einige Leichen auf dem Kerbholz. Er ist bereits in den Medien, doch keiner weiß, wohin oder warum. Er weiß das selbst auch nicht, glaube ich. Er ist ein Drifter. Auf nach Mexiko! ist also die Devise, dort kommt dann schon irgendwas, und so sind die drei eingesperrt in ein kochend heißes Auto oder in eine kochend heiße Wüste und dazu verdammt, irgendwie auszukommen. Und ständig den Revolver im Genick, den Tod vor Augen. In den rotgeränderten Augen des Wahnsinnigen.

Nachher endet alles sehr unspektakulär mit einem kleinen Polizeieinsatz, das ist schon fast beschämend. Das passt aber zum Film in dem ein weiterer Mord, eine weitere Leiche eben auch nur ein sehr zu vernachlässigendes Ereignis in dieser urweltlichen Landschaft wäre, die viel mehr Macht hat, als die Menschen, die sich in ihr bewegen. Tagheller Kriminalfilm mit schwarzdunkler Psyche vereint, ein kleiner, viel zu selten diskutierter Klassiker des amerikanischen Genrefilms.

Kalifornien Film Noir Kammerpiel


Foto

Magical History Tour: The Thief (Russell Rouse, USA 1952)


The Thief ist ein hochspannender Spionage-Film Noir, in dem ein Atomphysiker für einen im Fim nicht genannten, aber vermutlich russischen, Geheimdienst Top Secret - Dokumente seiner Arbeit und seines Instituts stiehlt und diesem die Informationen über ein kompliziertes Netzwerk an Kurieren zukommen lässt. Freilich geht dann irgendwann etwas schief, und das FBI kommt ihm auf die Spur.

Ray Milland spielt den sich in die Panik hineinsteigernden Wissenschaftler großartig, distinguiert, menschlich, eher zurückhaltend. Das herausragende Element und Filmexperiment zugleich, das The Thief darstellt, liegt aber in der Tatsache begründet, dass im gesamten Film kein Dialog, kein einzige Sprechzeile vorkommt. Was ihn keinesfalls langweilig macht, sondern viel eher bedrückend, wie unter STrom stehend - alles ist hier geheim und unausgesprochen.

Von Washington aus verschlägt es Milland bald nach New York, wo sich eine brisante Verfolgung zu Fuß ereignet: Der Protagonist flüchtet sich ins Empire State Building, wo es schließlich zum Finale kommt. Immer höher hinauf (dem Spannungsbogen des Films folgend), endlose Treppenfluchten hoch bis über die letzte Plattform hinauf - wo aus dem Wissenschaftler vielleicht sogar - aus Angst - ein Mörder werden könnte. Das möchte ich aber nicht verraten, genausowenig wie die ausserirdrische Erscheinung der Femme Fatale beschreiben, die den eigentlich nüchternen Mann für Momente zu mesmerisieren weiß.

Dass der Film trotz seiner vermeintlich sprachlosen Stille dennoch häufig anschwillt zu einer Kakophonie der Schreckens, liegt am Aufbrausen der Filmmusik, wie auch dem starken Gebrauch der Umgebungsgeräusche der Großstadt, was die subjektive Verwirrung und Panik des Anti-Helden verdeutlicht. Die Bilder von Sam Leavitt, der für Otto Preminger (mehrfach), George Cukor, Stanley Kramer, Sam Peckinpah und J. Lee Thompson gearbeitet hat, sind über jeden Zweifel erhaben. Auch diesen Film möchte ich gerne empfehlen.

Magical History Tour Film Noir Ray Milland Femme Fatale Ich bin ein Atomspion cold war kalter Krieg


Foto

Magical History Tour: The River / Le Fleuve (Jean Renoir, Indien/Frankreich/USA 1951)


An den Ufern des mächtigen Ganges in Bengalen hat sich eine britische Unternehmerfamilie der Oberschicht in einem opulenten Herrenhaus eingerichtet: die vielköpfige Familie allerdings hat engen Kontakt mit allem Indischen, denn seit Jahren lebt man harmonisch in und mit der fremden Gesellschaft. Insbesondere der Vater ist enorm an der fremden Kultur interessiert, die Kinder, ein Sohn und drei Töchter wachsen mit den Nachbarsbuben auf, und scheren sich sowieso nicht um irgendwelche kulturellen Differenzen. Mit der Schwester Melanie, die Halb-Inderin ist und in einem christlichen Konvent aufwuchs, finden sich die nur scheinbaren Gegensätze harmonisch vereint. Das Leben der Familie gerät in Aufruhr, als bei den Nachbarn der attraktive Capt. John zu Besuch kommt, ein Soldat, der im Krieg ein Bein verloren hat. Dennoch erwachen in den jungen Mädchen nun die adoleszenten Gefühle, und plötzlich werden die Geschwister zu Rivalinnen. Ihr Bruder hingegen hat sich dem Schlangenbeschören verschrieben und treibt hier ein unschuldiges, jedoch gefährliches Spiel.

Dieser Film vom großen Renoir ist vor allen eines: wunderschön. Das Technicolor ist eine Wucht, die Kamera eine elegische Huldigung an die Schönheit der Menschen und der mythisch aufgeladenen Landschaft. Es wird eine beinah unbeschwerte Zeit eines langen Sommers evoziert, in der alle Figuren, trotz ihrer individuellen Leidensgeschichten, zu einem harmonischen Leben streben. Sinnbild hierfür ist das Motiv des Kreises, mit dem der Film beginnt: mit einer Malerei auf dem lehmigen Boden, später ein Hochzeitsmotiv. Das Kreismotiv wird immer wieder im Film aufgenommen und in verschiedenen, auch subtilen Momenten, durchgespielt. Obwohl LE FLEUVE sehr einfach und geradlinig wirkt, ist es ein Film der berstenden Fülle, an dem man sich kaum sattsehen kann. Die Erzählerin, das Mädchen Harriett, die auf ihre Jugend zurückblickt, ist der unzuverlässige Erzähler dieser Geschichte des erotischen Erwachens, die zugleich in die Vielgestaltheit der hinduistischen Kultur einführt.

Ein schöner Text zur weiteren, ersten und fundierteren Beschäftigung findet sich hier. Bei einer ersten Betrachtung kann man sich, wenn man ein Mensch ist, beinahe nur der überwältigenden Macht des Erzählapparats Kino/Film hingeben und vor Ergebenheit verstummen. Großartig!

Indien Buddhismus Hinduismus Kolonialismus Technicolor Satyajit Ray Literaturverfilmung Bengal Bangla Martin Scorsese Claude Renoir