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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0





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DIE BLECHTROMMEL (Volker Schlöndorff/BRD, F, PL, YU 1979)



"Es war einmal ein Land, in dem glaubten die Menschen an den Weihnachtsmann. Doch dieser Weihnachtsmann war in Wirklichkeit... der Gasmann!"

Die Blechtrommel ~ BRD/F/PL/YU 1979
Directed By: Volker Schlöndorff


Wie der kleine Halbkaschube Oskar Matzerath (David Bennent) 1924 das Licht der Danziger Welt in Gestalt einer 60-Watt-Glühbirne erblickt, mit drei Jahren die erste von einer Legion roteiß lackierter Blechtrommeln erhält, sich aufgrund der verlogenen Welt der Großen weigert, weiterzuwachsen, seine spezifische Gabe des Glaszersingens entdeckt, wie er später die Tode seiner Mutter (Agnes Winkler), seines Onkels (Daniel Olbrychski) und später seines nominellen Vaters (Mario Adorf) provoziert, dem Aufmarsch der Nazis entgegentrommelt, mit einer aus Zwergen und Liliputanern bestehenden Fronttheatertruppe der Euthanasie entgeht und später, nach dem Sieg der Alliierten, ins Rheinland vertrieben wird.

"Die Blechtrommel" ist vermutlich eines der hervorstechendsten Beispiele dafür, wie Weltliteratur in Film zu transferieren ist, ohne den Geist der Vorlage zu verkaufen. Für mich, der ich das Glück hatte, Schlöndorffs opus magnum nie als Schulprogramm aufoktroyiert bekommen zu haben, sondern ihn im mittleren Jugendalter selbst entdecken zu können, außerdem einer der mit großem Abschlag besten deutschen Filme. Es ist ja Grass zu verdanken, dass er - übrigens in angemessen knappem zeitlichen Abstand - die Schrecken der Nazidiktatur in eine grimmige Humoreske eingeschlagen und sie durch die Augen eines seltsamen, in gewisser Weise fast unirdischen Kindes sehen und kommentieren zu lassen. Oskar Matzerath, Größenwahnsinniger und zynischer Observierer von diabolischer Vitalität. Da geht es nicht nur um blindes Mitläufertum, auch um Vaterschaftslügen - und in fortgesetzter Generation. Seine drei Eltern werden allesamt bestraft: Zwei für ihren Betrug am Ehevertrag, der letzte dafür, dass er ein Führerporträt dort platzierte, wo zuvor ein Stieler-Gemäldedruck von Beethoven hing.
Auch wenn er sonst nach eigener Aussage mit "Director's Cuts" nichts am Hut hat, fügte Schlöndorff in diesem einen Fall nach sorgfältigem Abwägen verloren scheinende Szenen wieder ein. Dem Film tut es gut; endlich sieht man die Himmelfahrt der abgeschossenen Nonnen von Lisieux am Normandiestrand oder die fehlenden Momente mit dem jüdischen Aufkäufer Fajngold (Wojciech Pszoniak). Auch Matzeraths späte Kleinstrebellion gegen die Partei, die "dat Oskarchen" in eines ihrer speziellen Krankenhäuser verfachten will, kann nunmehr bewundert werden.

10/10

Parabel Director's Cut Zwerg Biopic WWII Volker Schloendorff Nationalsozialismus Skandalfilm Guenter Grass Groteske



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Funxton

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