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Antoine Doinels Filmtagebuch





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Magical History Tour: The 39 Steps



The 39 Steps Alfred Hitchcock SW 1935

Richard Hannay, ein Kanadier in London, lernt unter turbulenten Umständen in einer Music Hall,
der britischen Variante des Varietetheaters, eine attraktive Frau kennen. Sie bittet ihn, sie
mit nach Hause zu nehmen. Dort angekommen, faselt sie etwas von einer brandgefährlichen
Spionageorganisation namens 39 Steps, die dabei ist für GB lebenswichtige Militärgeheimnisse
aus dem Land zu schmuggeln, und dass deren diabolischer Chef im schottischen Hochland zu
finden ist. Schließlich landet sie doch noch in Hannays Bett, leider mit einem Messer im Rücken.
Womit Hannay aus seiner bürgerlichen Existenz gerissen wird, von der Polizei als Mörder
gesucht, verfolgt von den Agenten der 39 Steps, macht er sich auf den Weg nach Schottland, um
diese wiederzuerlangen.

Ich habe vor nicht all zu langer Zeit, den gleichnamigen Roman von John Buchan auf den
der Film äußerst lose (sehr zum Ärger des Autors) basiert, quergelesen. Es handelt sich dabei
um einen ziemlich trivialen und antiquiert wirkenden Abenteuerroman.

Dies alles trifft sich auf den Film nicht zu. Er ist ein fast abstraktes ja surreales und
filmtechnich innovatives Werk der
Angstlust, in dem der Held im atemberaubenden Tempo gefährliche, lustige
und auch erotische Episoden erlebt. Drei Frauen begegnet er dabei. Die erste ist bald
tot, und für sein Schlamassel verantwortlich. Die zweite rettet ihn vor der Polizei, und
auch unbewusst sein Leben. Die dritte schließlich, eine kühle Blonde, wie es sich
für Hitchcock gehört, kann er erobern.

So nebenbei gelingt Hitchcock in einer Episode auch ein geradezu herzzerreissndes Portrait
einer jungen lebenshungrigen Frau, die von ihrem weit älteren Mann schwerstens
unterdrückt wird. Ob da Alma Reville ihre Hände im Spiel hatte?
Und die absurde Episode, in der Hannay, gerade von der Polizei entkommen, in seiner
Verzweilung eine flammende, mit Begeisterung aufgenommene, Wahlrede halten muss,
die aber nur aus nichtssagenden Floskeln besteht, erinnert mich an die zeitgenössischen
Politik.

Am Ende geht es wieder nach London, und die 39 Steps und das Geheimnis, dass sie
außer Landes bringen wollen, entpuppen sich als das, was sie immer waren. Nur ein
Vorwand, ein McGuffin, um Hitchcock die Möglichkeit zu geben, mit sadistischer Lust
einem Mann die bürgerliche Existenz und die damit verbundenen Konventionen zu
rauben, und zu schaun was dann passiert.

Der Film war ungeheuer erfolgreich. Er ist auch der älteste Hitchcock den ich kenne, zählt
aber zu meinen (vielen) Lieblingsfilmen Hitchcocks. Er selbst hat später noch zwei weitere
Varianten dieses Grundschemas gedreht, Saboteur und North by Northwest.

Magical History Tour Alfred Hitchcock



Der war auch im engeren Kreis auf meiner ´35 Liste. Einer meiner top-5 Hitchcocks!

Die simple Idee, den Protagonisten immer dann, wenn er die Wahrheit sagt anrennen zu lassen, ihn aber die absurdesten Situationen bestehen zu lassen wenn er lügt, ist großartig umgesetzt.
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Schöne Besprechung, die einige der stärksten Momente dieses großartigen Films (den ich aber schon viele Jahre nicht mehr gesehen habe) ins Gedächtnis ruft. Vermutlich mein persönlicher Favorit unter den britischen Filmen Hitchcocks, die ich kenne; und fraglos nimmt der Film unter seinen britischen Filmen eine ähnliche Stellung ein wie "North by Northwest" (den Du ja auch sehr zu Recht hier erwähnst) unter den amerikanischen.
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Neruberuto, ich muss gestehen, dass ich auf diese Idee noch gar nicht gekommen bin. Aber sie ist nicht von der Hand zu weisen, wenn man etwa an die Geschichte mit dem Milchmann denkt.

Settembrini, ich kenne neben den 39 Steps nur wenige britische Filme Hitchcocks,(Sabotage, Young and Innocent, The Lady vanishes) die noch dazu alle drei nach the 39 Steps entstanden sind. Aber es wird schon so sein, dass der Film eine Art best of
seiner vorherigen Filme ist, wie dies bei North by Northwest klar der Fall ist. North by Northwest ist sicherlich der noch ausgereiftere Film waehrend 39 Steps durch seine jugendliche Frische glaenzt. Und er ist, beabsichtigt oder unbeabsichtigt
so etwas wie der Abschluss einer Werksphase, denn danach
hat er sich mit Psycho, the Birds und auch Marnie zu neuen aufregenden Ufern aufgemacht, bis ihn daraufhin ein wenig der Saft ausging.
Bei 39 Steps hat er dieses best of wohl eher dazu genutzt um auf ein hoeheres Level zu gelangen, seinen Stil zu finden, mit der
Einschraenkung natuerlich, dass ich die vorherigen Filme gar nicht kenne. Aber er ist aus meiner Sicht der mit Abstand beste
Brithitch, und zaehlt zu meinen Top 10 der Hitchparade.

Aber auch Saboteur, den ich vor wenigen Monaten erstmals gesehen habe, kann ich einiges abgewinnen, obwohl er mit den
beiden anderen Filmen dieser ja Trilogie nicht ganz mithalten
kann.
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Von den britischen Filmen kenne ich neben den vier, die Du auch gesehen hast, noch den ersten Hitchcock-Film überhaupt "The Pleasure Garden", ein Melodram, in dem es nicht allzuviel interessantes zu entdecken gibt, dann "The Lodger", den ich ganz im Gegensatz dazu schon als ein frühes Meisterwerk betrachte, und die erste Fassung von "The Man Who Knew Too Much". Was den Aufbau des Drehbuchs und die Feinheiten der Inszenierung betrifft, ist der amerikanische Film deutlich reifer, dafür hat der britische Film Peter Lorre als Schurken zu bieten.
"Die 39 Stufen" halte ich letztlich auch für den stärksten der britischen Filme, aber "Eine Dame verschwindet" kommt schon recht dahinter.
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The 39 Steps gibt es seit einigen Jahren auch als Theaterstück.
Dieses war am Broadway recht erfolgreich, und lief auch schon
in Wien, allerdings in einem eher kleineren Theater. Es bezieht
sich eindeutig auf Hitchcocks Film, wie auch das Plakat, das mich auf das Stück aufmerksam machte zeigte.

The Lady vanishes ist sicherlich ein rundum geglückter Film,
und vielleicht der lustigste Hitchcocks. Daher ist er auch für
mich sein zweitbester britischer Film.
Obwohl Sabotage sicherlich viele Schwächen besitzt und dadurch recht unrund und unausgereift wirkt, mag ich ihn wegen
seiner gleichzeitig vorhandenen Stärken recht gerne.
Nur zu Young and Innocent fällt mir wenig positives ein. Obwohl
auch er einige starke Szenen besitzt, ist er mir in Summe zu klamaukhaft.
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Also ich mag "Young and Innocent"...
"The Lady vanishes" ist sicherlich recht witzig, aber der amüsanteste Hitchcock-Film ist (für mich zumindest) doch recht eindeutig "The trouble with Harry", der ja nun eine mustergültige schwarze Komödie ist. Und ein wenig auch die Selbstparodie des Meisters.
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Rebecca, auch ein interessanter "früher" Hitchcock. Lief heute wieder mal im TV. Den mochte der Maestro selbst aber rückblickend nicht so sehr. Ein sehr eigentümlicher Film, aber durchaus mit starken Momenten. Und The trouble with Harry ist allein schon wegen der Herbstfarben wunderbar.
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