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Antoine Doinels Filmtagebuch





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4 Filme über das Filmemachen



Es ist kein Zufall, dass alle vier Filme europäische Produktionen sind. Drei, die zur klassischen
Moderne zu zählen sind, und einer, der zur zeitgenössischen Postmoderne gehört. Nicht, dass
es nicht auch amerikanische Filme gibt, in denen es in irgendeiner Form um das Fimemachen geht,
man denke etwa an Singing in the Rain, oder Shadows of the Vampire, der von den Dreharbeiten
zu Murnus Stummfilmklassiker Nosferatu unter der Annahme erzählt, Murnau hätte einen
echten Vampir für die Titelrolle aufgetrieben. Und selbstverständlich fällt mir auch David
Lynchs Meisterwerk Mulholland Dr. ein, in dem Hollywood ein verwunschener Ort ist, der von
dämonischen Kräften gelenkt wird. Doch jene Art der Selbstreflexion, die für die von
mir ausgewählten Filme typisch ist, fehlt in der Regel amerikanischen Filmen zu diesem
Thema. Dies vielleicht auch deswegen, weil das nicht zur Art wie Hollywood erzählt, passt.

Die vier Filme, mit denen ich mich näher befasse sind selbstverständlich auch höchst
unterschiedlich, aber sie haben u. a. gemeinsam, dass ich sie für großartig halte, und
sie zu meinen Lieblingsfilmen zählen.


Otto e Mezzo/Achteinhalb SW Federico Fellini

Guido Anselmi(Marcello Mastroianni) ist ein höchst erfolgreicher Regisseur Mitte 40, der
in eine Lebenskrise geraten ist, und nicht weiß wie es weitergehen soll, in seinem Leben
und mit seinem nächsten Film, für den sein Produzent schon ein sündteures Raumschiff
als Kulisse errichten hat lassen. In einem Spa sucht er Erholung und Inspiration,
doch auch dort wird er von Produzenten und Drehbuchautoren, von Kritikern,
von Stars und Sternchen, von seiner intellektuellen Frau und seiner animalischen
Geliebten heimgesucht.

Der Film verzichtet auf eine klassische Narration, der Übergang zwischen realer Handlung
und Traumsequenzen ist fließend, sondern bietet statt dessen eine
Innenansicht Anselmis. Er zeigt seine Ängste und seine oft egoistischen Sehnsüchte,
und auch seine Kindheitserinnerungen nehmen einen breiten Platz ein.
Beiing Guido Anselmi wäre ein passender Titel dafür, und es macht verdammt viel Spaß
das Innerste dieses Manns kennenzulernen. Daran, dass hinter Anselmi niemand anderer
als Fellini selbst steht, lässt der Film keinen Zweifel.

"Vergiss nie, dass es eine Komödie ist" einen Zettel mit diesem Inhalt soll Fellini am
Set angebracht haben. Und tatsächlich ist er voll heiterer Szenen, die es leicht
machen diesen Film ohne klassischer Handlung zu genießen. Die oppulenten SW-Bilder und
die geniale Musik Nino Rottas tun ihr übriges dazu.
Nicht die handwerkliche Herstellung eines Filmes, sondern die Ambitionen,
Ängste und Sehnsüchte des Regisseurs die in den kreativen Prozess einfließen.stehen
in diesem Meisterwerk im Mittelpunkt.


Le Mepris/die Verachtung Jean-Luc Godard

Der legendäre Regisseur Fritz Lang(er selbst) dreht in Rom eine Odyssee-Adaption.
Der amerikanische Produzent Prokosch (Jack Palance) ist mit dem, was er bis jetzt gesehen
hat überhaupt nicht zufrieden, und engagiert daher Paul Javal(Michel Piccoli) als Skript=
Doktor. Dessen schöne und finanziell anspruchsvolle Frau, Camille (Brigit Bardot) empfindet
ab einem gewissen Zeitpunkt Verachtung für ihren Mann.

Godard zeigt hier wie der Druck der Ökonomie, repräsentiert durch den vulgären Geld=
menschen Prokosch (wenn ich Kunst höre, zücke ich das Scheckbuch) die Filmkunst be=
einträchtigt, und verknüpft dies mit der Liebe, die genauso durch die Ökonomie beein=
flusst wird. So wie Prokosch sich über nackte Frauen in Langs Odyssee-Film (er wurde
von ihm selbst gestaltet, und ist damit seine letzte Regiearbeit) erfreut ist, übten
die realen Produzenten Druck auf Godard aus, Bardot nackt zu zeigen.
Dadurch kam es zu dem Prolog, er zeigt das Ehepaar Javal, sie dabei natürlich nackt.
Eine der erotischten Szenen, die ich kenne.
Was zeigt, dass Produzenteneinfluss nicht immer schlecht sein muss...
Nur ganz am Schluss sehen wir Dreharbeiten. "Herr Lang , wir sind bereit" sagt da
Godard als Langs Regieassistent, ist dieser Film u.v.a. auch eine Hommage an Fritz
Lang.

Le Mepris ist ein Farbrausch in Cinemascope. Der Vorspann, er zeigt Godards Kameramann
Raoul Coutard bei der Arbeit, wobei die Credits gesprochen werden, und mit einem Zitat von
Andre Bazin enden, gehört zu den schönsten der Filmgeschichte. Selbstverständlch wird
wie beim "verkopften" Godard üblich viel gescheites geredet, u.a. über Hölderlin, aber es
sind die sinnlichen Qualitäten durch Bild und Schnitt, die diesen Film zu einem ganz großen
Erlebnis machen.


La nuit americaine/die amerikanische Nacht Francois Truffaut

Regisseur Ferrand(Truffaut selbst) dreht im Studio La Victorine, Nizza, "Je Vous presente
Pamela"(darf ich Ihnen Pamela vorstellen) ein altbackenes Melodram, in dem sich der
Schwiegervater in die Frau seines Sohnes verliebt, was zu einer Tragödie mit tödlichem
Ausgang führt. Von all den Schwierigkeiten, die sich dabei ergeben, erzählt der Film.
"Einen Film zu drehen ist wie die Fahrt in einer Postkutsche. Am Anfang hofft man auf eine
schöne Reise, am Ende ist man froh, lebendig das Ziel zu erreichen", sagt Ferrand/Truffaut.

Oberflächlich betrachtet ist der Film nur eine Hommage an das klassische Studiokino, der uns
Zuschauer erlaubt einen oft amüsanten Blick hinter die Kulissen zu werfen, wo es eine engagierte
Crew aller Widrigkeiten zum Trotz schafft, die Dreharbeiten abzuschließen. So scheint auch
Godard den Film aufgenommen zu haben, überwarf er sich doch deswegen mit Truffaut
(er bezeichnete ihn als Lüge - allein schon die Tatsache, dass der Produzent ein netter
Mann ist, wird ihn gestört haben)

Bei näherer Betrachtung entpuppt sich la nuit americaine jedoch als hochkomplexe Angelegenheit.
Wir sehen eigentlich zwei Filme, einen der zur Tradition der Qualität gehört, und der vom scharf=
züngigen Kritiker Truffaut wohl in der Luft zerrissen worden wäre, und einen der alle Merkmale
der Nouvelle Vague trägt. Die beiden Filmstile werden gegnübergestellt, wobei die Filme
immer mehr ineinander übergehen.Darüber hinaus ist er ein Dankeschön an Truffauts
Mitstreiter und ein Resümee seiner bisherigen Erfahrungen. Ein Film über Schein und Sein,
und wie das eine das andere beeinflusst, und nicht zuletzt ein Film über die Vergänglichkeit aller
menschlichen Beziehungen. Und, und, und...
Und vor allem ist es ein unglaublich großes Vergnügen ihn immer wieder anzuschauen.


Irma Vep Olivier Assayas

Zwei Schauspieler (Jean-Pierre Leaud und Nathalie Baye) aus la nuit americaine sehen wir
hier, 23 Jahre später, wieder. Assayas wiederum schrieb zwischen 80 und 85 für die Cahiers du
Cinema.
In Irma Vep (einem Anagramm von Vampire) soll der abgehalfterte Regisseur Rene Vidal(Leaud)
ein Remake der Stummfilmklassiker "les Vampires", die übrigens keine Blutsauger, sondern
Gangster sind, drehen. Für die Titelrolle hat er sich den Hong Kong Action-Star Maggie Cheung
(sie selbst) von der er fasziniert ist, ausgesucht. Doch die Dreharbeiten, überschattet von
Eifersüchteleien der Crewmitglieder verlaufen chaotisch Und dann gibt es noch die Kostümbildnerin
Zoe (Nathalie Richard), die sich in die schöne Maggie verliebt hat.

Ausgangspunkt war das Thema "ein Ausländer in Paris". Daraus schuf Assayas einen höchst
unterhaltsamen und faszinierenden Film, der es meisterhaft versteht eine Unzahl verschiedenster
Motive harmonisch mitenander zu verknüpfen. Es geht hier neben dem Fremdsein, und den
Dreharbeiten zu dem Remake u. a. auch um einseitiges sexuelles Begehren. Die französische
Filmindustrie wird hier in einer (hoffentlich) satirischen Überzeichnung als streitsüchtig, chaotisch
und chauvinistisch gezeigt. So kommt es vor, dass niemand den ausländischen Star
nach Ende der Dreharbeiten zurück ins Hotel bringt, nur die verliebte Zoe mit ihrem Moped
bietet sich an...

Beim Anschauen der bisherigen Aufnahmen kommt es zum Eklat. Vidal hält alles für missglückt.
"Ein Bild verweist nur auf ein anderes", erklärt er. Und das erscheint mir der Kern des Filmes,
ja der filmisches Ambitionen von Assayas im allgemeinen zu sein. "Wie kann ich altbekannte
Filmmuster neu aufgreifen(was typisch ist für die Postmoderne) und dabei nicht nur wieder
auf einen anderen Film verweisen". Assayas gibt uns darauf zwei verschiedene Antworten.
Die eine, Maggie Cheung in ihrem sexy Latexanzug, die im Hotel von sich aus
als Irma Vep agiert bildet den atemberaubenden Höhepunkt des Filmes, die andere den
überraschenden Schluss.

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Falls du an Ergänzungen zu deiner interessanten Aufzählung interessiert bist:
Auch Wim Wenders hat einen Film über das Filmemachen gedreht. In seinem "Der Stand der Dinge" (Dreharbeiten müssen aufgrund ausbleibenden Geldes vom Produzenten unterbrochen werden) verarbeitet Wim Wenders auch eigene schlechte Erfahrungen, die er beim Dreh von "Hammett" erleben musste.

Auf Truffauts "Die amerikanische Nacht" bin ich schon seit längerer Zeit neugierig. Nun noch ein bißchen mehr.
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Danke für die Info. Hat nicht auch Fassbinder einen Film über das
Filmemachen gedreht?
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Ja, hat er, "Warnung vor einer heiligen Nutte", mit einem ebenso brillanten wie tyrannischen Filmregisseur im Mittelpunkt. Fassbinder selbst spielt den Regieassistenten. Ganz bestimmt nicht mein liebster Fassbinder, aber es gibt auf alle Fälle einige starke Momente.
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Fast noch bemerkenswerter, da so eine Art 8 1/2 Fassbinders, ist seine Selbstanalyse EIN MANN WIE EVA. Fassbinder inszeniert einen Regisseur, der mit Hut, Bart und Lederjacke Fassbinder zum Verwechseln ähnlich sieht, der mit seiner Stock Company (die Fassbinder selbst im großen Stil hatte) in seiner eigenen Villa "Die Kameliendame" inszenieren möchte. Jedoch lässt Fassbinder diesen Regisseur von einer Frau, der Schauspielerin Eva Mattes, spielen. Der Regisseur des Filmes wird zur Symbol der realen Person Fassbinders. Der Vorname der Regisseurfigur ist der Vorname der Schauspielerin, die ihn spielt. Neben der Interdependenz, die sich zwischen den Dimensionen intra- und extradiegetisch ergibt (Eva Mattes ist EVA/Fassbinder, Fassbinder inszeniert Eva Mattes/EVA/Fassbinder), ist dies auch im Hinblick auf einen Transgender-Diskurs interessant, genauer dem Persönlichkeitsprofil Fassbinders, welches er weniger poetisch als Fellini und mehr analytisch-didaktisch offenlegt. Dass der Name EVA im Film sowie Titel immer nur in Versalien geschrieben wird und das es ausgerechnet "Die Kameliendame" ist, welche Fassbinder/EVA/Fassbinder inszenieren möchte, wird noch zusätzliche Interaktionsebenen mit den genannten Dependenzen haben (vielleicht Fassbinders Hang zu gesellschaftlichen Außenseitern), aber darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht.
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@Außebseiter:
mir gefällt "Ein Mann Wie Eva" auch gut, weil er eine ungewöhnliche Hommage an Fassbinder ist ... Du bringt aber leider hier einiges Durcheinander: Fassbinder starb 1982! "Ein Mann Wie Eva" wurde von Radu Gabrea (und nicht von toten Fassbinder!) 1984 inszeniert.
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Tatsache. Liegt schon 22 Jahre zurück und seitdem nicht mehr gesehen. Eine Jugenderinnerung, die ich mir dann fälschlich zu einem Fassbinder-Film zurecht gedeichselt habe. Kommt davon, wenn man aus dem Gedächtnis schreibt und nicht bei der imdb nachschaut. Schade, dann fällt mein ganzer Diskurs über Selbstreferenzialität natürlich vollständig flach.

Danke für die Aufklärung. :cheers:
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