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Herr Settembrini schaltet das Licht an

Oberlehrerhafte Ergüsse eines selbsternannten Filmpädagogen




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Rosemaries Baby



Ein Meisterstück des Grauens: in Roman Polanskis Rosemaries Baby gibt es kein nebelumwabertes Spukschloß und keine kettenrasselnden Geister, auch keine schwarzen Katzen oder regennasse dunkle Gassen, und es wird auch nicht hektoliterweise Filmblut verschüttet; und trotzdem ist dieser vielleicht subtilste Horrorfilm aller Zeiten einer der beängstigendsten, die es gibt. Und selbstverständlich auch einer der besten.
Rosemary Woodhouse und ihr Mann Guy beziehen eine als schön erscheinende und geräumige Wohnung in einem New Yorker Hochhaus, das allerdings eine recht dunkle Geschichte hat. Besonders Rosemary wünscht sich Kinder, während Guy in seinen Gedanken stets auch mit seiner bislang wenig erfolgreichen Karriere als Schauspieler (er hat nur in zwei Theaterstücken und Werbespots mitgespielt) beschäftigt ist. Bald lernt das junge Ehepaar seine schrecklich netten Nachbarn kennen: das schon alte Ehepaar Castavet. Guy freundet sich mit den neuen Nachbarn an, während Rosemary von der aufdringlichen Hilfsbereitschaft insbesondere Minnie Castavets sehr schnell genug hat, sich dieser aber kaum noch erwehren kann. Wenig später bekommt Guys Karriere dadurch Auftrieb, daß ein Darsteller, der ihm bei der Vergabe einer attraktiven Rolle vorgezogen wurde, plötzlich erblindet ist, und als Rosemary (freilich nach einem wilden Alptraum, in dem sie vom Teufel vergewaltigt wird) schwanger wird, scheinen sich alle Wünsche des Ehepaars Woodhouse zu erfüllen. Doch mit der Schwangerschaft beginnt der eigentliche Alptraum für Rosemary erst: zunächst muß sie wochenlang Schmerzen durchstehen, die den (natürlich von den Castavets empfohlenen) Arzt völlig unbeeindruckt lassen, und schließlich wird ihre Befürchtung, daß Satanisten es auf ihr Baby abgesehen haben, immer konkreter...
Der Film hat eine sehr ausgedehnte Exposition, die aber trotzdem nicht langweilig wird, denn schon von Beginn an streut Polanski immer wieder leicht irritierende Details (wenn man etwa erfährt, daß die Vormieterin nach wochenlanger Bewußtlosigkeit gestorben ist und Rosemary auf einem Zettel den Satz "Ich halte es nicht mehr aus" geschrieben findet) oder auch wirklich verstörende Momente (wenn die junge Frau, die Rosemary in der Waschküche kennengelernt hat, wenig später nach ihrem Selbstmord zerschmettert auf der Straße liegt) ein. So vergeht bis zu der großen Traumsequenz, in der das Genre dann voll zu seinem Recht kommt, etwas mehr als eine halbe Filmstunde, ohne daß man irgend etwas davon missen möchte.
Sehr zum Reiz des Films trägt bei, daß Polanski sehr lange offen läßt, ob tatsächlich teuflische Handlungen im Gange sind oder ob Rosemarie sich in einem Zustand zunehmender und wahnhafter Hysterie befindet. Dabei fesselt Polanski den Zuschauer durch zahlreiche großartige Suspense-Szenen (etwa, wenn Mia Farrow in der Telefonzelle ist), wie sie selbst Hitchcock nur in seinen besten Filmen gelungen sind; die beunruhigende Nähe des gezeigten Geschehens zum Alltag läßt den Alptraum, zu dem der Film sich zunehmend entwickelt, umso beklemmender erscheinen. Sehr reizvoll lotet der Film die Abgründe von nachbarschaftlicher Hilfe aus, läßt aber auch die "höheren Kreise" der Gesellschaft (in denen der Arzt Sapirstein offenkundig verkehrt) und nicht zuletzt die gesellschaftliche Institution der Ehe in keinem besonders guten Licht erscheinen; beim gestrigen Sehen kam ich sogar zum Eindruck, daß der opportunistische Guy vielleicht die schlimmste Figur ist, die man im Verlauf des Films kennenlernt.
Nicht nur inszenatorisch ist der Film herausragend, auch seine Darsteller sind es: Mia Farrow stattet ihre Rosemary mit genau der richtigen Portion Hysterie aus, auch John Cassavetes wirkt überzeugend (obwohl Polanski wohl unzufrieden mit seiner Leistung war), und zu besonderer Hochform läuft Ruth Gordon auf (die wenig später noch eine weitere Glanzrolle in Harold und Maude spielte): für ihre Darstellung der aufdringlichen, auf etwas vulgäre Weise überschminkten und gerade in ihrer falschen Freundlichkeit bedrohlichen Minnie Castavet wurde sie sehr zu Recht mit einem Oscar ausgezeichnet.
Innerhalb von Polanskis Gesamtwerk weist der Film besonders viele Ähnlichkeiten mit Ekel und Der Mieter auf (weshalb auch alle drei Filme zusammen bisweilen als eine Art Trilogie betrachtet werden): in allen drei Filmen sind Wohnungen zentrale Schauplätze; in allen Filmen taucht das akustische Motiv des Weckertickens auf, und allen Filmen gemeinsam ist auch das Thema des Individuums, dessen Versuche zur Selbstbehauptung von einer gleichgültigen oder sogar feindseligen Umgebung erstickt werden. Auch bestimmte Details unterstreichen die Verwandtschaft, wie etwa der Beginn und das Ende von Rosemaries Baby zeigen: ähnlich wie in Der Mieter folgt auf die Titelsequenz die Besichtigung einer Wohnung, die dann zum Schauplatz des Schreckens wird, und ähnlich wie Ekel wird auch Rosemaries Baby zu einem (in Resignation) geschlossenen Kreis, indem die Schlußeinstellung jenen Blick auf New York wiederholt, mit dem der Film auch begonnen hat. Dabei halte ich persönlich Rosemaries Baby für den eindrucksvollsten der drei Filme; ich möchte sogar behaupten, daß Roman Polanski mit diesem Film sein absolutes Meisterwerk gelungen ist.


(Mit Polanski hat meine kleine und recht eigenwillige Horrorreihe begonnen, mit Polanski endet sie jetzt auch, und da mich die ausführlichen Besprechungen der letzten Zeit ziemlich erschöpft haben, kann es sein, daß in der nächsten Zeit erst mal wieder Kurzkommentare angesagt sind.)




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