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Herr Settembrini schaltet das Licht an

Oberlehrerhafte Ergüsse eines selbsternannten Filmpädagogen




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The Tree of Life



Terrence Malicks Filme sind vom (besonders in Hollywood) gängigen, narrativen Kino weit entfernt, sondern eher Bildergedichte, die zugleich aber auch eine Verwandtschaft mit der literarischen Erzähltechnik des Bewußtseinsstroms aufweisen (denn die für Malick typischen Off-Stimmen sind ja stets auch innere Monologe), und vermutlich ist Malick auch der einzige Regisseur, der ein so unverfilmbares Buch wie Die Wellen verfilmen könnte, ohne daß totaler Unsinn dabei herauskäme.
The Tree of Life ist stilistisch der wohl radikalste, am wenigsten narrative Film Malicks. Der Titel läßt einen natürlich erst einmal einen religiösen Erbauungsquark der schlimmsten Sorte befürchten, doch ein solcher ist der Film dann, trotz gelegentlich leicht aufdringlicher sakraler Töne und seinen (übrigens nicht uninteressanten) Bezügen zum Buch Hiob keineswegs, und einem christlichen Fundamentalisten dürfte er wohl kaum gefallen (da Malick doch einiges an Erdgeschichte zeigt, inklusive Dinosauriern, obwohl jeder anständige Fundamentalist doch weiß, daß die Erde erst 6000 Jahre als ist und der HErr die Dinosaurierskelette nur verbuddelt hat, um zu prüfen, wie es um die Festigkeit des Glaubens der Christen bestellt ist).
Tatsächlich "erzählt" The Tree of Life zum einen die Geschichte einer Familie aus Texas in den 50er Jahren, setzt sich zum anderen aber mit der Grundfrage nach dem Sinn des Lebens und mit der Unausweichlichkeit des Todes auseinander - und schafft es (wenn auch manchmal mit etwas Mühe), dies unter einen Hut zu bringen.
Besonders profitiert der Film von den großartigen Bildern Emmanuel Lubezkis, der wohl ohnehin einer der besten Kameramänner unserer Zeit ist; aber gerade der lange, in Texas spielende Hauptteil des Films gewinnt auch durch die Darstellerleistungen seine Eindringlichkeit. Für einen Filmstar ist ein Malick-Film sicher ein schwieriges Terrain, da bei Malick die Kamera der Star ist, während die Schauspieler sich einem audiovisuellen Gesamtkonzept (mehr oder weniger) unterordnen müssen. Brad Pitt hat das akzeptiert und zeigt als extrem autoritärer Vater, der aber eigentlich eine gescheiterte Existenz ist (was er dann am Ende auch selbst erkennt), eine der besten Leistungen seiner Karriere. Und Pitt muß auch so gut sein, um neben seinen unglaublich natürlich agierenden Filmsöhnen Laramie Eppler, Tye Sheridan und dem besonders bemerkenswerten Hunter McCracken bestehen zu können.
Am Ende steht dann, nach der kosmischen und geologischen Entwicklungsgeschichte und dem texanischen Familiendrama, eine Art Jenseitsvision am Strand, die wohl den wenigsten Zuschauern gefallen hat: ich muß aber zugeben, auch diesen Teil zu mögen, vielleicht wegen der dantesken Purgatoriostimmung, die ich zumindest bei dieser Szene verspüre.
Was also ist The Tree of Life? Eine Meditation über das Leben, das Universum und den ganzen Rest? Gewiß. Ein religiöser Film? Vielleicht, aber dann im weitesten Sinne - ich halte es für sinnvoller, von einem spirituellen Film zu sprechen. Auf alle Fälle aber ist The Tree of Life ein vielleicht nicht vollkommen makelloses, aber trotzdem kraftvolles und höchst faszinierendes Stück Kinokunst.




Habe mir fest vorgenommen, den dieses Jahr nochmals zu sehen. Zusammen mit To the Wonder und bin schon sehr gespannt drauf. Damals bin ich nur kopfschüttelnd mit einem Freund aus dem Kino getreten und der leidende Sean Penn hat mir dann tatsächlich den Rest gegeben. Das war mir dann doch ein zu großer Holzhammer zuviel.
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To the Wonder wiederum ist nun der erste Malick-Film gewesen, der mich nicht erreichen konnte - und ich kann noch nicht mal richtig erklären, warum nicht, denn die Stilmittel Malicks sind die altbekannten. Insofern ist es dann schon spannend, was bei Deinem geplanten Double Feature herauskommen wird...
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