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Herr Settembrini schaltet das Licht an

Oberlehrerhafte Ergüsse eines selbsternannten Filmpädagogen




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Zeugin der Anklage



Hier noch eine weitere Kritik aus den Zeiten, als ich noch Sam Spade war...


Hinweis: Wer den Film noch nicht kennt, sollte diesen Text lieber nicht lesen!

Hellmuth Karaseks Einschätzung "Witness for the Prosecution ist einer der besten Hitchcock-Filme - nur daß er von Wilder stammt" ist zwar im Grunde genommen total schief, da Wilders Zeugin der Anklage vor allem, aber nicht nur stilistisch doch recht weit vom Hitchcock-Kosmos entfernt ist, aber trotzdem sehr hübsch, da sie der Qualität von Wilders Film durchaus gerecht wird, denn unter den Kriminal- und insbesondere Gerichtsfilmen nimmt Zeugin der Anklage sicher einen der vordersten Plätze ein.
Das ist zum Teil natürlich dem durchaus raffinierten Plot zu verdanken, der auf eine Vorlage Agatha Christies zurückgeht: der herzkranke Anwalt Sir Wilfrid Robarts übernimmt die Verteidigung Leonard Voles, der verdächtigt wird, aus Habgier einen Mord begangen zu haben. Nicht nur zahlreiche Indizien sprechen gegen Vole, sondern zudem wird er auch noch von seiner Frau schwer belastet, doch Sir Wilfrid gelingt es, die Glaubwürdigkeit eben dieser Zeugin aufs gründlichste zu zerstören - um unmittelbar, nachdem er den Prozeß gewonnen hat, erkennen zu müssen, daß er reingelegt worden ist, so wie auch Voles Frau, die sich selbst vor Gericht bloßstellen läßt, um ihren schuldigen Mann zu retten, der aber schon längst seine Augen auf eine andere geworfen hat.
Ein solches Verwirrspiel mit falschen Fährten und einem wirkungsvollen Plottwist am Ende hat fraglos ohnehin schon einen gewissen Reiz, doch zum Meisterstück wird der Film dadurch, was Billy Wilder gemeinsam mit seinen fantastischen Schauspielern aus dieser Vorlage gemacht hat. (Agatha Christie sagte Wilder wohl auch voller Anerkennung, daß er ihr Stück verbessert habe). Da ist zunächst einmal Charles Laughton: ein Ereignis, geradezu eine Naturgewalt als schwerkranker, polterner, misogyner, schlitzoriger und mit allen Wassern gewascherner Anwalt, der trotz seiner Klugheit seiner Intuition folgt und sich so täuschen läßt. Vorzüglich ist auch Tyrone Power, er lange Zeit ehrlich, sympathisch und verzweifelt wirkt, um sich als schließlich als brutal, eiskalt und berechnend herauszustellen. Und dann ist da noch Marlene Dietrich: ihre Rolle ist das vielleicht beste Beispiel dafür, wie Wilder es immer wieder verstanden hat, das Image seiner Stars auszunutzen und es anschließend zu demontieren. Wenn sie erstmals in Erscheinung tritt, scheint sie kalt und unnahbar zu sein, eine femme fatale, aber auch eine unerreichbare Leinwandgöttin. Am Ende stellt sich heraus, daß diese Christine Vole (oder richtiger: Christine Helm) nicht nur eine bedingungslos liebende, zur Selbstaufopferung bereite Frau ist, sondern obendrein noch die Betrogene, die zutiefst verletzt den Mann tötet, den sie gerade erst vor dem Galgen gerettet hat. Wilder hat, wie bereits erwähnt, auch in anderen Filmen Figuren geschaffen, die zunächst dem Image der Stars, von denen sie gespielt werden, zu entsprechen scheinen, um dann auf spannungsreiche Weise andere Facetten sichtbar zu machen, doch in Zeugin der Anklage ist dieses Spiel mit Starmythos und Charakterrolle vielleicht am besten gelungen.
Auch sonst ist alles an dem Film stimmig: er ist temporeich, hat hübsche Einfälle (wie die "Probe" mit dem Monokel) und vorzügliche Dialoge zu bieten, und wenn Sir Wilfrid sich mit seiner Krankenschwester streitet, ergeben sich daraus immer wieder ausgesprochen komische Szenen - Billy Wilder war eben auch einer der besten Komödienregisseure. So tragen das gute Drehbuch, die souveräne Inszenierung und die grandiose Schauspielerriege gleichermaßen dazu bei, dieses spannungsreiche Drama um Schein und Sein zu einem der besten Gerichtsfilme zu machen, den man sich auch immer wieder mit Genuß ansehen kann.

(Zuerst veröffentlicht auf kino.de im Jahr 2009)

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