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Herr Settembrini schaltet das Licht an

Oberlehrerhafte Ergüsse eines selbsternannten Filmpädagogen




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Die Nibelungen



Von den großen Dichtungen des Mittelalters ist mir das Nibelungenlied wohl innerlich am fremdesten, weil ich vor allem mit den Figuren nur wenig anfangen kann: die eher berüchtigte als berühmte "Nibelungentreue" ist mir suspekt (wobei es natürlich einiges über den Charakter der deutschen Nation aussagt, daß sich die Mehrzahl der Deutschen, allen voran der unsägliche Kaiser Wilhelm II. mit Begeisterung auf diese Nibelungentreue beriefen, als sie - wohl mehr als jedes andere Land - maßgeblich zur Entfesselung des Ersten Weltkriegs beitrugen, während der Dichter des Nibelungenlieds solche Ehrbegriffe wohl eher skeptisch zu sehen scheint, wie das Blutbad am Ende zeigt; wobei auch dieses wieder schaurige Parallelen zur deutschen Geschichte aufweist, wenn man vor allem an das Ende des Zweiten - ebenfalls und noch viel eindeutiger von den Deutschen entfesselten - Weltkrieges denkt), und dann dürfte es wohl in kaum einem anderen großen Werk der Weltliteratur eine so unglaubliche Ansammlung von Trotteln geben wie gerade im Nibelungenlied: Siegfried ist ein ausgemachter Hohlkopf, seine Frau Kriemheld mindestens ebenso dämlich, wenn auch später maßlos rachsüchtig, und Gunther ist eigentlich nur ein Wicht, geradezu eine Schießbudenfigur.
Insofern dürfte es wohl nicht erstaunen, daß auch Fritz Langs monumentaler und überlanger Viereinhalb-Stunden-Stummfilm mir innerlich ähnlich fremd geblieben ist wie eben schon die Dichtung selbst. Trotzdem ist mir nicht entgangen, daß vieles an dem Film bemerkenswert und beeindruckend ist.
Besonders die erste Hälfte, der Siegfried-Teil, zeichnet sich durch großen Formwillen und Formstrenge aus: die Kamera bewegt sich so gut wie gar nicht, und wie in vielen Stummfilmen Langs spielt die Ausstattung die eigentliche Hauptrolle: die Menschen werden von riesigen Bauten beherrscht, und wo immer möglich hat Lang irgendwelche Muster und Ornamente untergebracht: auf den Kleidern, auf Vorhängen, an den Wänden. Eine für die Entstehungszeit des Films mehr als beachtliche Leistung ist der Auftritt des Drachen.
Der zweite Teil ("Kriemhilds Rache") ist unruhiger, mehr durch die Bewegung vor der Kamera, vor allem in den zahlreichen Massenszenen, als durch Bewegung der Kamera selbst. Visuell stark ist dabei, wie Kriemheld immer wieder, auch inmitten des bewegtesten Geschehens, als ruhende oder vielmehr erstarrte, vor Haß fast versteinerte Gestalt gezeigt wird.
Leider muß ich anmerken, daß Lang bei diesem Film offenbar so sehr in rein visuellen Kategorien gedacht hat, daß er sich nicht besonders um die Schauspielerführung gekümmert zu haben scheint. Denn die darstellerischen Leistungen zeichnen sich durch jede Menge Pathos, dramatische Gesten und Blicke aus - da gab es auch 1924 schon wesentlich subtilere und überzeugendere Darbietungen. Und ob das abschließende Gemetzel nun wirklich eine Dreiviertelstunde dauern mußte, muß zu fragen ebenfalls erlaubt sein. Mir hätte da die halbe Zeit jedenfalls auch gereicht.
Sicherlich also ein bemerkenswerter und wohl auch großer Film (wobei die Nazis übrigens den Siegfried-Teil instrumentalisierten, indem eine Tonfassung mit Kommentar und Wagner-Musik angefertigt wurde), der mir persönlich aber letztlich ähnlich fremd blieb wie schon das Nibelungenlied selbst.




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