Was haltet ihr eigentlich von Interpretationen, die sich "sprechender Namen" bedienen?
* Zum Beispiel ist Wacker/Ötjens Buch zu David Cronenberg, in dem die Namens-Analyse fast das ausschließliche Werkzeug des Zugangs zu den Filmen darstellt (vor allem Videodrome ist da interessant.)
* Ein weiteres markantes Beispiel: In Analysen zu "Psycho" wird hin und wieder auf die "Vogel-Thematik", die sich in den Namen "Crane" oder "Phoenix" wiederfindet, verwiesen. Hitchcock selbst nennt diese Motivkette in verschiedenen Interviews (Küngst hab ich auch ein Beispiel gefunden, wo aus "Marion Crane" mit "Mary-on" - das Bedürfnis einer Hochzeit herausgelesen wird).
* Zuguterletzt bin ich gestern noch auf einen Fall in der Literaturwissenschaft gestoßen: Karl Roßmann aus Kafkas "Der Verschollene" wird als Doppelfigur zwischen "Ross" und "Mann" gelesen, worin sich seine Zerrissenheit zwischen natürlicher und kultureller Existenz andeutet (die Analyse verfährt so, dass die Figur als psychoanalytischer Archetypus aufgegriffen wird und anderen Figuren - dem Heizer, dem Onkel, Brunelda, ... -, die jeweils andere Archetypen abbilden, gegeünber gestellt wird).
Die Frage ist nun, ob sich eine solche Analyse nicht zu sehr auf die Intentionen des Autors beruft. Diese Gefahr sehe ich zwar von Beispiel 1 zu Beispiel 3 abnehmen, aber die Frage, auf welche Methodik ein solcher Zugang zum Verständnis eines Kunstwerks beruht, scheint mir noch offen.
Kennt ihr ähnliche Beispiele oder Texte, die sich der Thematik widmen?
Sprechende Namen
Erstellt von Hick, 19.09.2005, 10:27
5 Antworten in diesem Thema
#1
Geschrieben 19. September 2005, 10:27
#2
Geschrieben 19. September 2005, 10:54
Sehr interessant. Ein Festspiel "sprechender Namen" liefert ja Kubrick ab. Einige Beispiele:
1. Bowman ... Bogenmann (Mann benutzt Werkzeug)
2. Major Kong (Affenintellekt, folgt niederen Instinkten, Schutz der eigenen Rasse)
3. Brig. Gen. Jack D. Ripper (Massenmörder)
4. Dimitri Kissov ("Kiss Off")
5. Alexander de Large (hält sich für den "Größten")
6. Nick Nightingale (Nachtigal als Sinnbild für "Ankündigung")
7. Dr. Strangelove ("merkwürdige Liebe" zu whatever)
1. Bowman ... Bogenmann (Mann benutzt Werkzeug)
2. Major Kong (Affenintellekt, folgt niederen Instinkten, Schutz der eigenen Rasse)
3. Brig. Gen. Jack D. Ripper (Massenmörder)
4. Dimitri Kissov ("Kiss Off")
5. Alexander de Large (hält sich für den "Größten")
6. Nick Nightingale (Nachtigal als Sinnbild für "Ankündigung")
7. Dr. Strangelove ("merkwürdige Liebe" zu whatever)
Bearbeitet von Swinglargo, 19. September 2005, 10:55.
#4
Geschrieben 19. September 2005, 13:50
Problematik "Intentionen des Autors" - grundsätzlich befasst man sich ja immer mit dessen Intentionen. Die Gesamtheit des Films mit allen Verweisen, Indizien, Hints und Cues, mit all seinen ästhetischen und motivischen Implikationen ist ja letzten Endes immer ein intentionales Produkt eines "Autors" (sei dieser nun 1 Person, das dialektische Verhältnis von Differenz und Wiederholung, aus dem heraus eine Kulturindustrie ihre Produkte bildet, oder aber ein Geflecht an Diskursen, das sich an einem Punkt, dem Werk, verdichtet). Der grundsätzliche Informationsgehalt eines Films (über Kamerafahrten, Darstellerausdruch, Ausstattungsästhetik, Montagekonzept bis hin zu homophonen oder synonymen Namen, Bezeichnungen, Lokalitäten, etc.) ist gegeben und stellt das Objekt der Auseinandersetzung. Aus dieser Fülle an Details schöpft man schließlich seine relevanten Inhalte und verdichtet diese zur Einsortierung und Exegese des Werks (ist dabei aber eben immer auch von den Folgen der Intentionen des Autors abhängig, denn nur diesen entspringt ja der primäre Sinnesreiz). Problematisch wird das meiner Meinung nach nur dann, wenn eben die grundlegende Intention des Autors als einzig gültige Lesart angesehen wird. Dies spricht meiner Mienung nach allerdings noch nicht gegen ein Heranziehen von "sprechenden Namen", sofern es die Interpretation zu Gute kommt. Man sollte nur deren Relevanz für diese abwägen können: "Sprechende Namen" kommen imho über den Status von "Hinweisen" nicht hinaus, können eine Interpretation also zusätzlich grundieren. Problematisch wird es IMHO wenn die gesamte Interpretation von den "Sprechenden Namen" abgeleitet wird: Dann muss man sich die Frage gefallen lassen, ob man nicht einfach nur auf Wortspiele reinfällt und die ästhetischen/motivischen/etc. Implikationen eines Films nicht außer Acht gelassen hat. Fernerhin muss sich auch der "Urheber" dieser sprechenden Namen wohl gefallen lassen, dass ein Rückgriff auf solche Mittel eigentlich recht plump ist und fernerhin auch von einem etwas übersteigerten Wunsch nach Deutungshoheit über den Film als Ganzes zeugt (interessantes Detail vielleicht, dass im Vorspann von SE7EN das Wort "GOD" im ihn begleiteten Song just in dem Moment gesungen wird, als David Finchers Name im Credit auftaucht
).
#5
Geschrieben 21. September 2005, 00:17
Weil ich es gestern wieder in Händen hatte: In David Lodges "Die Kunst des Erzählens" gibt es einen Abschnitt dazu. Ich zitiere jetzt mal nichts draus, weil bald jeder Satz sich dafür anbietet. Vom Standpunkt der Autorintention ist dann interessant, wie er die eigene Arbeit als Beispiel heranzieht (vor allem, wie sich im Entstehungsprozess anhand der Namen Handlungselemente oder Intertextualitäten erst 'wie von selbst' herausbilden) – das scheint auch dazu der letzte Schluss zu sein: das Unbewusste von Autor und Leser.
Wenn Lodge dann auf einen anderen Autoren zu sprechen kommt, Paul Auster, landet er bei der Arbitrarität der Zeichen und dem literarischen, (selbst)reflexiven Spiel damit.
Wenn Lodge dann auf einen anderen Autoren zu sprechen kommt, Paul Auster, landet er bei der Arbitrarität der Zeichen und dem literarischen, (selbst)reflexiven Spiel damit.
#6
Geschrieben 18. Oktober 2005, 09:44
The Butterfly Effect- Evan Treborn ( wurde ersetzt durch den im ursprünglichen Script vorgesehenen Namen Chris Treborn)
Weiter interessant, dass ja dort auch Se7en neben Dumb & Dumber im Kino läuft und Evan sich für Se7en entscheidet.
Teilweise in diese Kerbe schlägt auch Hellbound:Hellraiser 2.
Immer wenn Leviathan zu sehen ist, wird dieses von der Tonspur mit akustischen Intervallen untermalt, die nach dem Morsealphabet G-O-D ständig wiederholen
Weiter interessant, dass ja dort auch Se7en neben Dumb & Dumber im Kino läuft und Evan sich für Se7en entscheidet.
Teilweise in diese Kerbe schlägt auch Hellbound:Hellraiser 2.
Immer wenn Leviathan zu sehen ist, wird dieses von der Tonspur mit akustischen Intervallen untermalt, die nach dem Morsealphabet G-O-D ständig wiederholen
Kommentare zum Gefabse? Mach!
Erfinder des mehrflächigen Quadrats!

Si corpus meum in locum illum trahitis,numquid et animum et oculos meos in illa spectacula potestis intendere?
PERSONA NON GRATA 73: Fabse & Wladimir Kaminer im Rotary Club
Paddy Rock Radio regelt!
Waschbären ohne Ende!
"Ich wirke nun mal mit meinem schmalen Gesicht und der Hakennase auf den ersten Blick streng."(Katharina Saalfrank)
Erfinder des mehrflächigen Quadrats!

Si corpus meum in locum illum trahitis,numquid et animum et oculos meos in illa spectacula potestis intendere?
PERSONA NON GRATA 73: Fabse & Wladimir Kaminer im Rotary Club
Paddy Rock Radio regelt!
Waschbären ohne Ende!
"Ich wirke nun mal mit meinem schmalen Gesicht und der Hakennase auf den ersten Blick streng."(Katharina Saalfrank)
Besucher die dieses Thema lesen: 1
Mitglieder: 0, Gäste: 1, unsichtbare Mitglieder: 0



















