Ich habe dir niemals einen Hasenbraten versprochen
#98
Geschrieben 16. Juni 2004, 14:14
So, jetzt habe ich mir auch den zweiten Teil des latent homoerotischen Miteinanders von Mike & Marcus angesehen und mich erneut köstlich amüsiert. Diesmal geht es um schwunghaften Ekstase-Handel. Die blauen Pillen werden von Jordi Mollà und Peter Stormare verwaltet, die ihre Sache beide sehr gut machen. Martin Lawrence und Will Smith geben erneut alles. Die Actionszenen kippen noch einige Schaufeln drauf. In Miami möchte ich definitiv nicht meine nächsten Ferien verbringen. Der Schluß verlagert die Handlung nach Kuba, was man daran merkt, daß der Bad Guy seinen Gästen Cohíbas anbietet. Mit Gabrielle Union wird auch den heterosexuellen Zuschauern männlichen Geschlechts ein neuer Augenfang geboten. Henry Rollins hat seinen Gastauftritt. Meine Lieblings-Actionszene ist die Autoverfolgungsjagd, in deren Verlauf mit Autos geworfen wird. Ich könnte mich täuschen, aber das sollte man sich vielleicht besser im Kino anschauen. Bei einer späteren Crashfahrt wird dann mit Leichen geschmissen, wobei wir auch schon beim besten Gag des Filmes wären – die Kino-Freigabe ab 16. Die FSK scheint da noch mehr Koks eingeworfen zu haben als die gesamte Filmcrew zusammengenommen, denn daß die Freigabe für die Video-Auswertung auf 18 hochgesetzt wurde, kann ich gut nachvollziehen. Teilweise geht da ziemlich die Luzie ab, und harmloser als der erste Teil ist die Fortsetzung nicht wirklich...
Jordi Mollà: „Models are feeelthy creatures!“
Martin Lawrence: „There's a poppa rat humpin´ the shit outa this momma rat!“
Peter Stormare: „The Russian Grim Reaper is here!“
Liebe und Respekt ebnen den Weg zu einer besseren Welt!
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#99
Geschrieben 19. Juni 2004, 01:02
Diesen Film über das Leben und Scheitern des Mittelgewichts-Champions Jake La Motta (Robert de Niro) halte ich nach wie vor für einen von Martin Scorseses besten. Meine neue Fühlungnahme erfolgte in Form einer qualitativ brillanten, aber lausig untertitelten englischen Sprachfassung. Zu Beginn etwa meint de Niro etwas in der Richtung: "I ain't no Olivier." Übersetzt wird das mit "Ich bin kein Oliver." Ungelogen. Geil, wa? Auch sehr schön die Stelle, an der jemand vom Film FATHER OF THE BRIDE erzählt. Da könnte man als Übersetzer - so man den Film nicht kennt - ja mal ein Nachschlagewerk zur Hand nehmen. Selbst meine Mama und mein Papa wissen, daß der Film auf deutsch VATER DER BRAUT heißt. Im Film heißt das dann "Der Brautvater"... Meine absolute Lieblingsstelle kommt aber am Schluß, wenn de Niro meint, er hätte ein "one-way ticket to Palookaville". Wie heißt das in den Untertiteln? "Ich habe eine Fahrkarte nach Gurkendorf." Ich binde Euch keinen Bären auf - das steht da!
Ansonsten blieb der Film ein hochgradig gelungener Boxer-Film von einem erklärten Nicht-Box-Fan. Scorsese konzentriert sich auf das innewohnende Drama eines schimmerlosen Proleten, dessen Leben von den Primärinstinkten diktiert wird. Er nimmt sich das, was er will. Da er dicke Muckis hat, bekommt er es meistens auch. Lediglich, wenn die Sache mal nicht nach seinen Vorstellungen verläuft, springt der Wagen von der Schiene: Er schreit, verprügelt seine Frauen oder andere, zerbricht das Glashaus, in dem er selber sitzt. Daß seine Figur trotz der vielen eigentlich abstoßenden Eigenschaften tragisch wird und man mit dem in die Gosse Fallenden mitfühlt, liegt an dem Umstand, daß er selber keine Möglichkeit hat, zu begreifen, was mit ihm geschieht. Seine Welt ist klein und überschaubar. Es gibt nur Gewinner und Verlierer. Am Schluß ist er fett, schmierig und führt mit schmierigen Zoten in Strip-Shows ein. (Also in etwa das, was ich im Filmclub mache, hihi, kleiner Privatscherz...)
Es ist schon genug über den Film geschrieben worden. Mir ist aufgefallen, daß die beiden minderjährigen Mädels, die am Schluß de Niro (der sich zig Kilo angefuttert hat für die Rahmenhandlung) küssen dürfen, eigentlich auch tragisch sind. Beide können von sich behaupten, de Niro geküßt zu haben, aber nur den fetten! Ansonsten finde ich die Szene unglaublich, in der La Motta wegen Verführung Minderjähriger in den Knast geworfen wird. Er boxt die Wand, donnert sich fast eine Minute lang die Knöchel zu Brei und heult verzweifelt immer wieder: "Warum bin ich nur so dumm?" Er kann sich nicht gegen seine Natur wehren. Er kann sie nicht einmal begreifen. Alles, was er weiß, ist, daß er eine Fahrkarte nach Gurkendorf besitzt. Vielleicht ist die Untertitelung doch nicht so schlecht...
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#100
Geschrieben 02. Juli 2004, 00:26
Ich hätte nicht zu hoffen gewagt, diesen famosen Film noch einmal in ansprechender Qualität zu sehen bekommen. Da der Bezug von „Blue Underground“-DVDs über CD-Wow aber recht preisgünstig ist, wurden Onkel Bills Label und ich uns handelseinig!
Wo beginnen? Tony Lo Bianco spielt den New Yorker Bullen Peter Nicholas, der mit einer Häufung von Amokläufen konfrontiert wird, bei dem die Täter nach ihrer Festnahme stets nur eines zu sagen haben: „Gott hat es mir befohlen!“ Nun ist das für einen geisteskranken Mörder, der etwas auf sich hält, ja gewissermaßen ein Standardsatz, doch dreimal hintereinander in einer Woche? Das kann auch einen hartgesottenen Detective ziemlich mißtrauisch werden lassen. Und bei Peter wird sogar eine besondere Saite angerissen, da er von Kindesbeinen an erzkatholisch ist. Obwohl er tief im Herzen an Gott glaubt, fährt er in Anbetracht seines prosaischen Jobs einen fortwährenden Crashkurs mit der Religion. Diese Zerrissenheit äußert sich auch in seinem Privatleben, da seine Freundin eine aufgeschlossene junge Frau von heute ist, während die Ex (von der er nicht lassen kann) seinen Katholizismus teilt. Mit einer Besessenheit, die ihm selbst unheimlich ist, krallt sich Peter hinter den Fall. Wie es scheint, hat ein Hippie namens Bernard Phillips etwas mit der Sache zu tun. Niemand kennt sein Gesicht oder weiß Genaueres über seine Herkunft. Doch je tiefer der Polizist in das Gewirr widersprüchlicher Fakten hineintaucht, umso mehr spürt er, daß er selbst untrennbar mit der Auflösung des Falles verbunden ist...
Und wißt Ihr was? Der Schurke dieses Films ist in gewisser Weise Jesus Christus! Und nicht nur das: Er wird auch noch als außerirdischer Zwitter dargestellt, der eine Vagina in der Hüftgegend besitzt!!! Die Szene, in der Richard Lynch sein Jesus-Gewand hochhebt, um seine anatomische Spezialausstattung zu demonstrieren, ist wirklich Ober-Hammer und wäre ansonsten wohl nur noch von einem Cronenberg- oder Lynch-Film zu erwarten gewesen... Bei Larry Cohen – einem der Könige des amerikanischen Exploitation-Movies – stellt das nur eine überaus bizarre Zutat in einem ansonsten konventionell und spannend erzählten Polizeifilm dar, der sich den Luxus leistet, immer mehr ins Übernatürliche abzudriften. Dabei beißt er manchmal mehr Philosophie ab, als das Drehbuch bewältigen kann, aber immerhin wird eine Menge hineingepackt, was des Nachdenkens wert ist. Im Grunde genommen geht es bei dem Film um seinen Protagonisten, dessen Natur im ständigen Widerstreit zwischen Gut und Böse liegt. Dieser Widerstreit fand bisher seinen Ausdruck im verzweifelten Ringen mit dem Glauben, aber die neuen Erkenntnisse liefern mit dem „Killer“ Philipps eine Art „bösen Zwilling“, der als Projektionsfläche herhalten muß. Daß auch diese Annahme aber sehr illusionär ist, sieht man an einer Szene gegen Ende des Films, die mit einem schwarzen Loddel zu tun hat. Beschreiben darf ich das jetzt nicht, denn sonst verrate ich zuviel. In jedem Fall hatte Cohen eine gewaltige Chuzpe, solch einen Film zu machen, und während die meisten anderen Filme des Regisseurs (besonders in späteren Tagen) viele Humorzutaten besitzen, so ist dieser Film auf fast unheimliche Weise streng und düster. Wer sich für bizarre Horrorfilme mit christlichem Bezug interessiert, kommt an diesem Film und an William Peter Blattys THE NINTH CONFIGURATION (ebenfalls mit Lynch) nicht vorbei. Erwähnt sei noch die hervorragende Musik von Frank Cordell, der den verstorbenen Bernard Herrmann ersetzen mußte, und tatsächlich schwingt eine Menge Herrmann in der Komposition mit. Die DVD hat eine ansprechende Qualität und verfügt über einen Audiokommentar von Larry Cohen. GOD TOLD ME TO gehört neben Jamaa Fanakas SOUL VENGEANCE (wo ein Gangster seine Feinde mittels eines durch Voodoo auf Meterlänge gewachsenen Pimmels erdrosselt!) zu den großen Absonderlichkeiten des US-Kinos der 70er. Da Cohen sein Handwerk versteht, überdies spannende Thrillerkost. Vielleicht mein persönlicher Lieblingsfilm von diesem Regisseur.
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#101
Geschrieben 08. Juli 2004, 15:23
Ein junges amerikanisches Ehepaar zieht nebst Tochter nach Sukiyakiland, damit Männe dort eine Geschichte schreiben kann. Dummerweise beziehen sie dafür ein verhextes Haus, in dem vor 150 Jahren ein Samurai seine Schnalle beim Tehtateht mit ihrem Liebhaber erwischt und entsprechend überreagiert hat. Schon bald beginnen interfamiliäre Spannungen einen Schatten auf den Arbeitsurlaub zu werfen. Daddy sieht andauernd schöne Japanerinnen, wo keine Japanerinnen sind, und Mami nimmt sich den vollschlanken Familienfreund zur Brust. Wer von der Geschichte nicht lernt, ist dazu verdummt, sie zu wiederholen, und itzo geht's in Itzehoe...
Tja, also, wenn man bedenkt, daß der Brite Kevin Connor kurz zuvor den sehenswerten MOTEL HELL fabriziert hat, ist THE HOUSE WHERE EVCHEN DWELLS eine ziemliche Ernüchterung, denn es stimmt bei dem Film hinten und vorne nichts. Das beginnt bei der Besetzung: Edward Albert geht noch so an, auch wenn ihn ein schlimmer Fall von Schnäuzer für die Cruising-Polonaise qualifizieren würde. Susan George ist nicht gut gealtert, hat ein viel zu dunkles Augen-Makeup (Max Goldt schrieb in diesem Zusammenhang von „knefig bepelzten Wimpern“!) und hat einen hellen Lippenstift der Sorte, die jede Blondine unweigerlich in eine Bumsnudel verwandelt. (Das Modell „Polnischer Straßenstrich“ erfordert allerdings noch eine schwarze Umrandung, sonst klappt's nicht.) Ihr andauerndes hysterisches Gegreine & Gekeife gehen bald auf die Nerven, und auch die milden Sexszenen sind da keine Kompensation. Ein langer Weg von STRAW DOGS bis hierher. Für Doug McClure führte der Weg von der Shilo Ranch, und über das Faltblattalter ist auch dieser Schauspieler etwas hinaus. Da ich ja ein Buch über Pornofilme geschrieben habe, möchte ich McClure mit Jerry Butler vergleichen, während die George eine gewisse Ähnlichkeit mit der Pornoaktrice Bunny Bleu nicht verleugnen kann. Gebohnert wird aber nur mit angezogener Handbremse, und das ist wohl auch ganz gut so.
Immerhin ist der Film für Hollywood-Ware ein ziemliches Kuriosum, da er den Pfaden der klassischen japanischen Geistergeschichte folgt, aber um auf diesem Sektor zu begeistern, besitzt er doch zu wenig fernöstliches Flair. Das reißen auch die ektoplasmischen Riesenkrebse nicht heraus, die das Töchterlein ins Hospital bringen. Die Premiere-World-Fassung ist übrigens – anders als die frühere Verleihkassette von Warner – komplett ungeschnitten. Konkret heißt das „Arm ab“, „Kopf ab“ und nochmal „Kopf ab“. Trotzdem ist das Betrachten des Filmes aber höchstens solchen anzuraten, die sich mit dem Eindringen japanischer Kultur ins Hollywood-Kino der frühen 80er beschäftigen wollen, und da ist John Frankenheimers THE CHALLENGE sicherlich die unterhaltsamere Alternative...
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#102
Geschrieben 20. Juli 2004, 14:14
Gestern gesehen und für gut befunden! Spaß gehabt! Dabei geknuddelt! Böse Popcorn-Monster tapfer ignoriert! Ein schöner Sonntagabend...
So klasse wie den ersten Teil fand ich ihn allerdings nicht. Ein paar Längen kamen schon zusammen, und während ich für gewöhnlich Vertiefungen von Charakteren durchaus nicht abhold bin, empfand ich SPIDEY 2 als Spätstarter. Das Techtelmechtel zwischen Peter Parker und Kirsten Dunst (Cora: "Die Frau sieht genauso aus, wie sie heißt!") interessierte mich zugegebenermaßen weniger als die Spektakelwerte. Aber auch jenen wird dann ja zum Glück viel Platz eingeräumt, und wenn Spidey am Schluß von neuer Leichtigkeit beseelt zwischen den Wolkenkratzern herumturnt ("Juchhuuuuu..."), dann geht einem einfach das Herz auf! Alfred Molina kommt sehr gut als zwischen Gut und Böse schwankender Wissenschaftler. Ganz besonders hübsch fand ich an der Konzeption seiner Rolle die Fangarme, die gelegentlich die Funktion seiner Füße übernehmen und ihn in der Gegend herumtragen - so etwas hätte ich auch gerne! Ansonsten halte ich Sam Raimi nach wie vor für eine glänzende Wahl als Regisseur und harre mit hoher Erwartungshaltung den Umtrieben des Kobolds im nächsten Teil...
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#103
Geschrieben 21. Juli 2004, 18:02
Ein junges Paar - sie: Kinderbuchillustratorin, er: Fotograf - bezieht ein paradiesisches Loft-Apartment. Natürlich ist da der Wurm drin. Ein perverser Mörder hat hier einst gewütet, und die ektoplasmischen Formen seines Wirkens lassen der Nachwelt keine Ruhe.
Produziert von Stuart Gordon. Der Film mit dem verzauberten Bett. Tja, das vierte Werk von Danny Draven, und in mancherlei Hinsicht scheint das sein ambitioniertester Film zu sein, denn er ist als psychologisches Geisterdrama angelegt. Dabei funktioniert allerdings nicht viel, denn das Drehbuch setzt mehr auf sattsam wiederholte Schwarzweiß-Schockszenen, die den kontaktlinsenbewehrten Mörder dabei zeigen, wie er eine gefesselte Fetisch-Schlampe stranguliert (die nicht wirklich in die 1920er paßt) und dabei hechelt & sabbert. Die beiden Hauptdarsteller sind laaangweilig. Als Killer hat man sich immerhin einen bemerkenswert weirden Heinzelmann ausgesucht. Und als komisches Element am Rande taucht noch Martin Sheens Bruder auf, der aussieht wie eine Mischung aus Martin Sheen und Michael Palin. Hum-ta-hum-ta-hum. Die Musik setzt auf synthetische Retro-Mucke und stört nicht weiter. Ich habe schon bedeutend Schlimmeres gesehen, aber als Geisterfilm saugt DEATH BED ziemlich. Vielleicht macht man aus derselben Prämisse noch mal einen Sexfilm. Wie wäre es mit dem Titel BEDTIME FOR BIMBOS? Sei's drum - mein Bett ist auch verzaubert, und es macht wesentlich mehr Spaß!
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#104
Geschrieben 22. Juli 2004, 20:36
...und noch ein Teenie-Horrorfilm, der zeigt, daß man nicht unbedingt eine 35mm-Kamera besitzen muß, um beherzt draufloszukurbeln: Ein halbes Dutzend Teenager begibt sich nach einem gemeinsamen Tanzbeinschwingen mit einem Trailer in die Wüste, um dort Dope zu kaufen. Leider gibt die Karre ihren Geist auf (stöhn!), so daß eine Horde degenerierter Kannibalen leichtes Spiel mit den Dumpfbacken hat!
Tja, wer Wes Cravens THE HILLS HAVE EYES nicht mochte, hat keinen Grund, sich diesen Film zuzuführen, denn er ist natürlich gnadenlos abgekupfert. Dabei fehlt den Psychos jedes Flair, das Jupiter und seine Kollegen durchaus noch ausgezeichnet hatte. Immerhin bekommt man wirklich brechreizerregende Teenies geboten, die sich alle in einer Art MTV-Spezialsprache unterhalten. Über meinem Kopf erschien schon bald ein großes Fragezeichen, denn ich verstand nur Bahnhof. Besonders igitt war ein kleiner Hanswurst namens Loopz, der etwa einhundertmal das Wort "Yo" benutzt und bei allen Miezen abblitzt. Auf Raststätten hat er reichhaltig Gelegenheit, sich einen von der Palme zu wedeln. Auch schlimm ein "Goth Chick", das eher aussieht wie eine juvenile Bumsnudel von der Sexseite "Selbstmordmädchen". Getreu der TCM-2-Attitüde, daß die Teenager nicht mehr Identifikationsfiguren zu sein haben, sondern als Kanonenfutter der Lächerlichkeit preisgegeben werden dürfen, gibt HELL'S HIGHWAY in den ersten 40 Minuten Vollgas und entwirft wahrhaft furchterregende MTV-Clowns. Wenn dann die psychopathischen Hillbillys auftauchen, sind sie tatsächlich wesentlich weniger gruselig als der Mutantenstadl, der ihnen voranging. THE HILLS HAVE EYES wird zumindest in einer Hinsicht übertroffen - das Blut fließt in Strömen, aber ich bin schon lange aus dem Alter raus, wo ich das noch spannend gefunden hätte...
Zu Anfang dachte ich noch, der Film könne richtig gut werden: Alberne Pipimädchen mit grellfarbenen Bodies und Retro-Perücken, die slanggefärbte Bemerkungen über ihre Hinterteile machen. "Boah, was für Fotzen, ich liebe den Film!" war mein erster Eindruck. Dieser fiel dann aber zunehmend der Einsicht zum Opfer, daß man - wie die Engländer sagen - seinen Kuchen nicht gleichzeitig haben und essen kann: Entweder man schafft zünftige Identifikationsfiguren, mit denen der Zuschauer mitfiebern kann, oder aber man betritt selbstbewußt das bunte Reich der Parodie und punktet dort. Hier waltete aber nur unorigineller Stumpfsinn. In den Staaten wurde der Film als DETOUR herausgebracht - ein Titel, mit dem ich auch weiterhin den schönen "Film Noir" von Edgar G. Ulmer verbinden werde, nicht diesen "straight-to-video"-Murks.
Wesentlich netter als der Film sind übrigens die Extras, namentlich das nette "Making Of" und die Casting-Gespräche, die wirklich drollig sind. Ansonsten gibt es von hier den goldenen Lippenfurz!
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#105
Geschrieben 23. Juli 2004, 15:55
In der Oscar-Nacht sah Bill Murray aus, wie er auf dem Plakat zum Film aussieht – nicht sehr fröhlich. Warum das so war, kann ich erst jetzt ermessen, nachdem ich den Film gesehen habe.
Murray spielt einen amerikanischen Schauspieler, der in Japan einen Werbespot drehen soll und dabei verschiedene andere Verpflichtungen zu absolvieren hat. In der Metropole, in der kaum jemand seine Sprache spricht, fühlt er sich allein. Die einzigen anderen Amerikaner sind aufdringliche Fans oder VIPs, die ihn mit ihrem hohlen Geschwätz bald anöden. Da lernt er die 20-jährige Charlotte (Scarlett Johansson) kennen, die, ähnlich wie er, am Rande dieser für sie unverständlichen Gesellschaft steht. Gemeinsam entfliehen sie dem verordneten Stumpfsinn und erkunden gemeinsam das Nachtleben. Dabei verliebt sich Murray in die junge Frau. Das Verhältnis bleibt platonisch, aber es fällt ihm zunehmend schwerer, seine Gefühle für sich zu behalten. Schließlich muß er erkennen, daß das Ziel, auf das ihn seine Jahre zugeführt haben, vielleicht doch nur eine Illusion war und er noch eine ganze Menge zu lernen und zu erleben hat...
Der Film beginnt als eine Reihe von Episoden, die Murray zeigen, wie er mit seiner kompletten Beziehungslosigkeit zur Umgebung umzugehen versucht. Das ist nicht als Sketchparade inszeniert, wird aber selbstverständlich durch seine bloße Anwesenheit komisch. Groß finde ich etwa die Szene, in der er für einen Whiskey-Werbespot Modell sitzen soll und die japanisch gekläfften Regieanweisungen des Regisseurs von der Dolmetscherin nur sehr unzureichend übersetzt werden. Sofia Coppola inszeniert das sehr trocken, angenehm unpointiert, läßt den Zuschauer in die Situation Murrays hineinrutschen, der sich zunehmend ungemütlich fühlt. Überhaupt gefiel mir die Ziellosigkeit des Anfangs. Während andere Filme ihre Themen mit einer plakativen „Hau´-den-Lukas“-Mentalität nachgerade in den Boden rammen, läßt die Coppola einfach mal laufen. Einen Reim kann man sich später machen.
Als Murray dann die junge Frau kennenlernt (gut gespielt von der allerdings auch hinreißend hübschen Frau Johansson), kommt dann das konventionelle Motiv der komplizierten Liebesgeschichte hinzu. Der Film macht daraus ein sensibles Herantast-Spielchen: Man weiß natürlich sofort, daß der midlifekriselnde Murray sich in das junge Ding verkuckt hat, aber er mag es sich nicht wirklich eingestehen. Er hat eine Menge Spaß (mehr Spaß – so spürt man – als in den vergangenen Jahren), aber etwas fehlt irgendwie. In einer sehr schönen Szene liegen die beiden angezogen auf dem Bett, Charlotte schläft ein, und Murray greift instinktiv nach ihrem Fuß und hält ihn etwas ratlos, bevor die Szene abblendet. Murrays Ehe hat sich nach der Geburt seiner Kinder immer mehr von ihren Ursprüngen entfernt. Die Abenteuer, die er jetzt mit Charlotte erleben kann, sind lange aus der Beziehung gewichen und haben der sinntötenden Routine Platz gemacht. Hier lernt er zum ersten Mal seit langer Zeit wieder etwas Neues über sich selbst. Er findet Dinge wieder, die er schon lange vergessen, aber immer vermißt hat.
Für Komiker – die ja häufig grundernste Menschen sind – muß es einen großen Reiz darstellen, sich in „straighten“ Rollen zu beweisen. Man denke an Robin Williams´ hervorragende Darstellungen in ONE HOUR PHOTO und INSOMNIA. Murray hatte früher einmal dazu Gelegenheit in der leider etwas fehlgeschlagenen Maugham-Verfilmung AUF MESSERS SCHNEIDE. Ansonsten tauchte er gerne auch mal in Nebenrollen auf, in denen er gegen den Strich spielte, wie in THE ROYAL TENENBAUMS. Mit LOST IN TRANSLATION hat er eine Rolle, die ihm vermutlich das gegeben hat, was er sich sehr gewünscht hat, und er hat Erfolg in jeder Hinsicht. Obwohl sein Part ernsthaft angelegt ist, finde ich ihn an einzelnen Stellen komisch wie selten. Meine Lieblingsszene ist jene, in der er mit Charlotte und einigen japanischen Kiddies Karaoke singt – ganz großes Tennis! Ich habe den Film auf englisch gekuckt, aber meine Stichproben in die deutsche Fassung haben bei mir den Eindruck erweckt, daß sie wohl gut geraten ist. Murrays typischer Sprecher Arne Elsholtz hat sich ziemlich reingekniet und strapaziert den Komikmodus nicht über.
Frau Coppolas Regiedebüt – THE VIRGIN SUICIDES – fand ich nett und hübsch, aber mehr nicht. LOST IN TRANSLATION ist ein sensibler, wunderschöner Film geworden, der mich sehr bewegt hat. Und – das sollte nicht unerwähnt bleiben – er beweist auch guten Geschmack bei der Auswahl der Musikstücke. Je länger er lief, desto schöner fand ich ihn. Eine DVD, die ich mir definitiv besorgen werde.
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#106
Geschrieben 24. Juli 2004, 00:55
Dies ist der Film mit der verzauberten Mumu!
Ich hatte eigentlich nur einen 08/15-Sexthriller erwartet, aber was ich dann sah, verblüffte mich zutiefst und erschütterte mich in den Grundfesten meines Wesens. Der Film verdient einen Preis, welchen auch immer. Gut ist er nicht wirklich, aber er ist in der gegenwärtigen Filmlandschaft zumindest – äh, erstaunlich!
Die junge Helen hat ein kleines Problem: Ihre Vagina verschluckt Männer! Dies nicht nur im übertragenen Sinne – die Leute dringen ein, haben Spaß und werden dann verschluckt, lassen stets säuberlich gebündelt ihre Klamotten zurück. Allein schon die Anfangsszene ist das Entleihgeld wert: Helen wird von dem unsäglich langweiligen Dennis bedrängt, der mächtig verliebt in sie ist, aber nicht die Traute besitzt, mal klar Schiff zu machen. Auf einmal erscheint ein Sportwagen, an dessen Steuer Londons Hinterhoflude Nummer Eins sitzt und dumme Sprüche abläßt. Helen ahnt, daß dieser Schmierofatz weiß, wo Bartel den Most holt, und schwingt sich auf den Beifahrersitz. Der Schmierofatz hat zwei Karten für das Oasis-Konzert, will aber, daß Helen ihm dafür ordentlich die Nille verzinkt. Die junge Disco-Trine ist aber noch Jungfrau und arg schüchtern. Schließlich klemmt er ihren Kopf im Seitenfenster ein (!) und vergewaltigt sie. Auf dem Höhepunkt verschwindet er dann ganz einfach, hatte aber wohl noch eine schöne Zeit.
Als Resultat dieser unschönen Erfahrung geht Helen zum Frauenarzt. Dieser ist aber ein weiterer Sleazer der Güteklasse 1a, spreizt ihre Beine und meint: „Einfach relaxen, okay?“ Dann pullert er ihr eine Spritze rein. Nachts erwacht Helen und findet die Kleider des Arztes und ein gefülltes Kondom zwischen ihren Beinen.
Daheim hat Helen Träume aus den Alpen: Schwarzweiß kündigt sich die traumatische Ursache für ihr Ungemach an, kindheitsbezogen, versteht sich. Sie erwacht schweißgebadet und hört auf einmal ihre Muschi. Ihre Muschi kann nämlich sprechen. „Feed me!“ meint der kleine Brausespatz zwischen ihren Schenkeln. Daraufhin läuft Helen zum Kühlschrank und schickt sich an, sich eine Bockwurst in ihren Geburtskanal zu schieben. Hier schluckte ich zum ersten Mal ernstlich und dachte mir: „Das ist nicht ganz das, was Dr. Alexander Kluge gemeint hat!“ Sofort erscheint im Rollstuhl der Stiefvater und verdirbt die Deutschländer-Party. Der Steifvater ist natürlich ein weiterer Sauhund und fummelt lüstern an seinem Mündel herum. Helen haut ihm kommentarlos die Bratpfanne über den Schädel.
Das ist nur der Anfang des Filmes.
Helen wird dann gewerbsmäßige Hure und verzuppelt Freier, denn ihre Schamspalte hat Hunger. Zur selben Zeit treibt sich auch der überaus langweilige Dennis im Revier herum. Seine erste Eroberung sind siamesische Zwillinge. Er verliebt sich in eine Hälfte davon, die mit ihm einen ungarisch-russischen Film besucht, während ihre notgeile Schwester (die garantiert in „Happy Weekend“ inseriert!) beleidigt grummelt. Es kommt dann zu einem Blutbad und einer versuchten Teilung des siamesischen Geschwisterpaktes via Tranchiermesser. Dennis kostet das fast den Verstand. Er kommt mächtig auf den Hund und verliebt sich in eine Table-Dancerin, mit der er Banküberfälle und Morde begeht. Das Schicksal führt ihn aber wieder mit seiner einstigen Liebe zusammen...
Ja, was ist das denn? Diesen Film als Sleaze zu bezeichnen, ist eigentlich milde ausgedrückt. Der Regisseur hat offensichtlich versucht, so ziemlich jede Abnormität, die ihm in den Sinn kam, in die Geschichte zu packen. Zugutehalten sollte man ihm dabei, daß es offensichtlich nicht ernst gemeint ist. Der Geschmacklosigkeits-Overkill ist dermaßen komplett, daß von Vorsatz ausgegangen werden kann. Wer einen normalen Thriller sehen möchte, wird rettungslos aufgeschmissen sein. Man wird konfrontiert mit einem Cunnilingus, bei dem die Zunge des Triebtäters fast auf Meterlänge gedehnt wird. Man bekommt einen Sonnenbrand an Dennis´ Schwanz mit großer Lust am Detail vorgeführt. Was die teilweise recht vergnügliche Fäkalsprache („Wir sind jetzt verfickt scheißreich!“) und diverse knallharte Sexismen angeht, so wird der Rahmen des Üblichen dramatisch verlassen. Was mich an dem Film wirklich fasziniert hat, ist seine Konsequenz: Es handelt sich hier nicht um Homemade-Trash oder um poetischen Schocker-Underground à la NEKROMANTIK (dessen Uwe Bohrer den Film fotografiert hat), sondern um knallederben Mainstream-Sex-Sleaze, wie ich ihn in dieser Form noch nicht gesehen habe. In der jüngeren deutschen Filmgeschichte gibt es ja einige wenige Beispiele für provokanten Sleaze (z.B. Ralf Huettners prätentiösen BABYLON oder Eckhard Schmidts megaderben LOFT), aber so extrem ist das wirklich einzigartig. Als guten Film möchte ich PENETRATION ANGST nicht bezeichnen. Das Drehbuch ist knalledoof, die Darsteller strunzschlecht (wenngleich sehr entkleidungswütig), die deutsche Nachvertonung auf dem Niveau von ZOMBIE 90: EXTREME PESTILENZ. („Kreatur der Nacht – wie schöne Beine du hast!“) Einen brauchbaren Spannungsbogen kriegt der Film nicht zustande. Aber was da an Abstrusitäten wohnt, ist wirklich sagenhaft. Ich bin sehr gespannt auf die „film-dienst“-Kritik!
Inszeniert wurde der Film von Wolfgang Büld, der einst begann mit diversen Punk-Dokus. Dann hatte er mit Kommerzfilmen der „Neuen Deutschen Welle“ zu tun, etwa GIB´ GAS, ICH WILL SPASS mit Nena und Markus. (Tom Dokoupil von „The Wirtschaftswunder“ zeichnet verantwortlich für einen Teil der Musik und ist – glaube ich – in dem „ungarisch-russischen“ TSCHERWONEZ kurz zu sehen...) In Bülds gerade auf DVD veröffentlichtem Neuling wollen sich Frauen Bockwürste in die Muschi schieben - dunnerlittchen, Herr Kapitän! Ich bin sprachlos und empfehle den Film jedem, der sich mit deutschem Sleaze befassen will. Es sind wirklich einige Sachen enthalten, wo mein Standardsatz zutrifft: „Das sieht man nicht alle Tage!“
Und woher stammt der Herr Büld? Aus Lüdenscheid! Aaaalles klaaaah...
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#107
Geschrieben 27. Juli 2004, 01:21
Clint-Eastwood-Filme sind ein Fall für sich. In der Regel kann man sich auf sie in ähnlicher Weise verlassen wie auf Werke von Woody Allen – einen gewissen Qualitätsstandard verlassen die Filme nie. Na ja, fast nie. HEARTBREAK RIDGE war zum Beispiel eine Granate von einigen Gnaden, besitzt aber noch hohen Unterhaltungswert und den Charme nicht ernstzunehmender patriotischer Grenzdebilität. Bei ROOKIE war dieser Charme dramatisch abwesend. Auch Eastwoods letzter Film, BLOOD WORK, präsentierte ein höchst enttäuschendes Gemisch aus mäßigem Kriminalfilm und einem mittlerweile VIEL zu alten Protagonisten. (Na ja, auch das verbindet ihn mit Woody Allen, dem die ganz jungen Frauen nur so in die Arme fliegen...) An seinen Fehlschlägen sollte man Eastwood aber nicht messen: Als Regisseur hat er auch Hervorragendes zustandegebracht, das in punkto Subversivität viel von seinem Lehrmeister Don Siegel bezog. Es ist keine modische Subversivität, sondern ein trockener und häufig gewaltsamer Kommentar auf hohlen Pathos, der aber stets begleitet wird von der Sehnsucht nach dem heilen Ideal.
In MYSTIC RIVER kehrt Eastwood zu seinen besseren Filmen zurück. Zwar handelt es sich nicht um einen lupenreinen Diamanten, aber man spürt schon, daß er mit seiner Malpaso-Company inzwischen einen so unangreifbaren Status hat, daß er wirklich genau die Filme machen kann, die ihm vorschweben. Das wirkt dann manchmal etwas altmodisch (negativ ausgedrückt: hausbacken), aber sympathisch ehrlich. Eastwood mag diese Art, Filme zu machen, und das tut er hoffentlich noch sehr lange!
Der Film beginnt mit drei kleinen Springinsfelds, die auf der Straße spielen. Dabei kommen sie auf den hervorragenden Gedanken, ihre Namen in den frischen Zement einer Baustelle zu kratzen. Ein Wagen hält neben ihnen, ein dicker, ernster Mann mit heraushängenden Handschellen redet ihnen ins Gewissen und kassiert einen der Jungen ein. Unglücklicherweise handelt es sich nicht um einen echten Polizisten, sondern um einen echten Kinderschänder, der zusammen mit seinem Partner den kleinen Dave vier Tage lang mißbraucht. Dave entkommt. Die Verbrecher werden ihrer Strafe zugeführt.
Viele Jahre später. Die Jungen sind inzwischen zu Männern mittleren Alters herangewachsen. Ihre Wege haben sich getrennt. Dave (Tim Robbins) hat geheiratet, einen Jungen gezeugt und lebt mit seiner Familie gerade oberhalb des „White Trash“-Niveaus. Jimmy (Sean Penn) ist auf die schiefe Bahn geraten, hat zwei Jahre gesessen und ist ebenfalls verheiratet. Sean (Kevin Bacon) ist Polizist geworden, hat eine kaputte Beziehung am Gehen und stürzt sich knietief in die Arbeit. Diese wird richtig eklig, als Jimmys 19-jährige Tochter Opfer eines Mordes wird. Unter diesen erschütternden Umständen werden die einstigen Freunde wieder zusammengeführt...
Eastwood inszeniert den Film weniger als Kriminalstück, denn als naturalistisches Personendrama. Es ist weniger spannend, wer tatsächlich den Mord begangen hat, als die merkwürdige Chemie zwischen den erwachsen gewordenen Kindern. Man verfolgt die unterschiedlichen Lebensgeschichten, betrachtet die Wunden und merkt, daß da einiges schiefgelaufen ist im amerikanischen Traum. Gerechtigkeit splittet sich auf in den Haß des Vaters, der sein Kind verloren hat, die angeblich so unbestechliche Klugheit des Gesetzes und das Drama der verlorenen Kindheit. Eastwood streift dabei manchmal die Grenze zum Pathos und drückt für meinen Geschmack etwas zu sehr auf die Tube. Man hängt aber trotzdem bis zum Schluß vor dem Bildschirm und harrt aus, was für schicksalshafte Verwicklungen sich da noch ergeben. Mit Penn, Robbins und Bacon hat Eastwood natürlich einige große Kaliber am Start, und als Schauspielerregisseur hat der „Fremde ohne Namen“ sich ja schon einige Meriten gesammelt. Die Selbstjustizmoral seiner „Dirty Harry“-Filme wird eindrucksvoll kommentiert, und die realistischen Dialoge führen dazu, daß man die Vorgänge uneingeschränkt ernstnehmen kann. Kritisieren kann man dabei so manches, etwa, daß der Film etwas zu dialoglastig ist und gelegentlich die Vorgänge unangemessen überhöht (was soll der Kram mit dem „Mystic River“?), aber mir erging es einmal mehr so, daß mir die kleinen Defizite wurschtegal waren, da mir der Film so sympathisch war. In Ekstase geriet ich ob der Vorgänge nicht, aber warum sollte das auch so sein? Spannende Kinounterhaltung, gutes Personendrama, exzellente Handarbeit – mir fällt jetzt nichts ein, was einen vom Betrachten des Filmes abhalten sollte!
P.S.: Eli Wallach hat einen Gastauftritt!
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#108
Geschrieben 25. August 2004, 16:13
Ich kann mir nicht helfen: Wann immer ich einen Film von Paul Schrader gesehen habe, fühle ich mich ein wenig, als hätte ich einem christlichen Erbauungsprogramm über Moral und den Lohn der Sünde beigewohnt... In praktisch jedem seiner Filme tauchen bestimmte Themen immer wieder auf: Religion, Männergeschichten, die Unfähigkeit, sich von der Vergangenheit zu lösen, und der komplizierte Sex. Manche seiner Werke finde ich schlichtweg brillant – etwa DER GEJAGTE oder MISHIMA –, während ich bei anderen meine Probleme habe, etwa seiner Bearbeitung des Patty-Hearst-Falles oder seinem Anti-Porno-Thriller HARDCORE.
In AUTO FOCUS befaßt sich Paul Schrader mit der Figur des Schauspielers Bob Crane, der in den 60er Jahren großen Erfolg hatte mit der 2.-Weltkriegs-Comedy-Show „Hogan's Heroes“. Nachdem die Serie durch war, ging seine Karriere den Bach runter. Inwieweit die sehr bunten Einzelheiten, die AUTO FOCUS über Cranes Privatleben verrät, authentisch sind, vermag ich nicht zu sagen, aber letzten Endes kommt es ja gar nicht darauf an. Hauptsache, der Film ist gut. Und der Film IST gut.
Er beginnt mit den Anfängen von Cranes Karriere: Crane (Greg Kinnear) ist ein smarter, gelackter Hanselmann, der seine große Chance erhält, als ihm sein Agent (Ron Leibman – gute Nebenrolle!) von dieser sehr ungewöhnlichen Comedy-Show erzählt. Crane ist sich nicht sicher, ob sich die riskante Grundidee der Sendung nicht als Karrieretod herausstellen könne. Auch seine streng gläubige Ehefrau Anne meldet Bedenken an. Schließlich macht er den Job – ein Schritt, den er nicht zu bereuen hat.
Aber auch vermeintliche Glücksfälle tragen gelegentlich die Saat des Unterganges in sich: Am Set trifft Crane einen weiteren Smoothtalker – John Carpenter (Willem Dafoe), der neben seiner Arbeit für Sony begeistert am Nachtleben von Hollywood partizipiert und die Nähe der Stars sucht. Mit Bob Crane hat er einen passenden Kumpanen gefunden, denn Crane – dessen Ehe falb geworden ist – war schon immer besessen von weiblichen Reizen. Gemeinsam reißt man nun Miezen auf, und da Carpenter auch Zugang zu den Prototypen seiner Firma hat, drehen sie ihre eigenen Porno-Videos. Im Nu hat Crane eine monumentale Abschußliste, und die meisten Starlets von Hollywood finden sich in seinen Videos wieder. Dumm nur, daß Ehefrau Anne die Untreue ihres Mannes spitz kriegt und sich scheiden läßt. Als Nachfolgerin steht Patty bereit, ein Starlet, das er ebenfalls am Set getroffen hat. Patty stößt sich nicht am wilden Leben ihres Mannes, aber auch ihr geht es zunehmend auf die Nerven, daß sie ihren Gatten immer seltener zu sehen bekommt. Und als Crane die Arbeitslosigkeit droht, hängt auch hier der Haussegen bald schief. Crane – einst der aalglatte Spießer in Babylon – merkt, daß er komplett die Kontrolle verloren hat...
Von gewöhnlichen Hollywood-Biopics der Sorte „Aufstieg und Fall“ unterscheidet sich AUTO FOCUS durch die Freiheiten, die sich Schrader mit der Story nimmt. Ihm geht es in erster Linie darum, das Porträt eines Mannes zu zeichnen, der sich dadurch zugrunderichtet, daß er beharrlich die eigene Natur ignoriert. Obwohl Crane alles bumst, was nicht schnell genug auf die Bäume kommt, bekommt er fast einen Kreislaufkoller, als ihm der bisexuelle Carpenter bei einer Orgie an den Arsch greift. Die Homophobie Cranes – auch das macht Schrader klar – ist natürlich nicht sehr stichhaltig, da die Beziehung zwischen ihm und Carpenter weit mehr ist als ein Übereinkommen zwischen Buddies oder „partners-in-crime“: Wenn der nackte Carpenter filmt, wie sich Crane von einer Blondine einen Fellatio angedeihen läßt, wirkt das schon recht morbide. Auch toll die Szene, in der die beiden über Frauen diskutieren und sich dabei vor einem Porno-Video einen von der Palme wedeln...
Der Film beginnt als bunte Retro-Show, mit bonbonfarbenen Klamotten und quietschenden Backfisch-Fans mit bizarren Frisuren. So was finde ich in der Regel bald sehr langweilig. Sobald der „leichte“, komödiantische Ton des Anfangs immer mehr dem Sog des Verhängnisses anheimfällt, wird AUTO FOCUS aber richtig gut. Vielleicht greife ich etwas zu hoch, wenn ich den Film mit Bob Fosses LENNY vergleiche (über den drogensüchtigen Komiker Lenny Bruce), aber wie jener löst sich auch AUTO FOCUS von der reinen Bebilderung einer Epoche und dem damit verbundenen Authentizitätsanspruch – der ja meist eh nicht eingelöst werden kann – und gibt uns die sehr allgemeingültige Verlierergeschichte eines Mannes, dem es nicht möglich ist, sich auf andere Menschen einzulassen. Er benutzt sie als Treibstoff für seine Eitelkeit, er duldet sie als Tableaus für seine eigene Gewinner-Story, aber er geht niemals auf sie ein. Das führt dann schließlich dazu, daß er zum Alkoholiker wird, sich gehen läßt und zynisch in der Gegend herumschnoddert. Aber er beginnt nicht einmal die Suche, die ihn zum zufriedenen Menschen machen könnte. Er kapiert nicht einmal ansatzweise, was zwischen ihm und dem gleichfalls hilflosen Carpenter abgeht bei ihren Trieb-Treffen. Arme Schweine, wohin man kuckt.
Ach ja, und schauspielerisch ist der Film großes Tennis: Willem Dafoe (dessen Garderobe mit Fortschreiten der Handlung immer schmieriger wird) darf Vollgas geben, und auch der mir zuvor unbekannte Greg Kinnear ist wirklich klasse. Daumen aufwärts!
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#109
Geschrieben 25. August 2004, 17:15
Machen wir's kurz: Scheiße mit Reis! Während ich den ersten Teil noch für einen Geniestreich halte und Nakatas eigene Fortsetzung für durchaus gelungen (mit einigen herzfrequenzbedrohenden Schocks), konnte ich mit RING 0 (RINGO - HÖLLENFAHRT NACH SANTA FE?) nicht mehr viel anfangen. Die Figur der Sadako bezog einen Großteil ihrer Wirkung eben aus dem Umstand, daß sie mysteriös blieb und sich somit als Projektionsfläche für Universalängste anbot. RING 0 nullte die von den ersten beiden Teilen entworfene Story mit High-School-Kitsch und Melodram zu, erläuterte das Mysterium komplett auseinander. In dieser Hinsicht fühlte ich mich erinnert an das amerikanische Remake von Gore Verbalinski, der die unterliegenden Motive über Gebühr ans Tageslicht zog. (Und noch ein Kreis, und noch ein Brunnen...) In gewisser Weise demontierte RING 0 die Vorgänger, war aber für sich noch angenehm kuckbar. RING: SPIRAL nun (der den schönen O-Titel RASEN trägt) begeht den Kardinalsfehler, einige Wissenschaftler an dem Mysterium hinter dem tödlichen Videotape herumforschen zu lassen. Zutage gefördert wird dabei hanebüchener Mumpitz über einen TBC-ähnlichen Virus, inklusive ekliger Hautbeschwerden. Schocks und Gruseleffekte bleiben weitgehend aus. Leider auch das Interesse an der Handlung. Meine Augenlider wurden während des Filmes immer schwerer und schwerer. Die Dialogszenen fand ich ermüdend und zu lang, die Charaktere fade und das Ende enttäuschend. Außer RASEN nichts gewasen...
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#110
Geschrieben 25. August 2004, 17:30
Und noch eine Fortsetzung, wenn auch eine gute...
Nachdem die Teile 3 und 4 die Serie endgültig zu einem Zenobiten-Kasperfest gemacht hatten (mit Pinhead als Fetisch-Weißclown), überraschte mich Teil 5 massiv, denn er entwarf eine hübsche und recht spannende Noir-Krimi-Geschichte, die dann mit den gewohnten Protagonisten zusammengeführt wurde. Hat mir so gut gefallen, daß ich sogar die DVD erwarb!
Teil 6 nun orientiert sich zum Glück am gelungenen 5. und begeht einmal mehr Noir-Pfade: Trevor, ein junger Büroarbeiter, hat Kirsty (die Heldin aus Teil 1) geheiratet, ohne etwas von ihrer Vergangenheit zu ahnen. Bei einem Autounfall erleidet er ein schweres Schädeltrauma. Kirsty hingegen bleibt verschollen und wird für tot gehalten. Da Kirsty finanziell gut abgesichert war, gerät Trevor in Verdacht, seine Frau aus dem Wege geräumt zu haben. Mit der Polizei könnte er ja noch einigermaßen umgehen, wären da nicht die merkwürdigen und häufig gewaltsamen Visionen, die ihn peinigen. Er setzt alles daran, das Rätsel um das Verschwinden Kirstys zu lüften. Könnte das geheimnisvolle Würfel-Puzzle, das er ihr zum Hochzeitstag geschenkt hat, etwas mit der Sache zu tun haben?
Johoho! Na ja, und bald darauf steht Pinhead auf der Matte und bringt ein paar Freunde mit... An den 5. Teil kommt HELLSEEKER nicht ganz ran, aber trotzdem handelt es sich um eine lohnende Fortsetzung, da man die Expedition des Helden in seine verschüttete Erinnerung mit Spannung nachvollziehen kann. Der Film strapaziert die Geduld des Zuschauers nicht übermäßig mit knalligen Effekten, sondern verläßt sich auf eine gut konstruierte Handlungsführung. Was da an Krawumm vorhanden ist, ist effektiv und zufriedenstellend realisiert. Ein Meisterwerk ist der Film natürlich nicht, aber für den 6. Teil einer Serie ist das deutlich mehr als akzeptabel...
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#111
Geschrieben 26. August 2004, 03:37
So, jetzt habe ich das Boll-Werk endlich auch gesehen! Und nach all der schlimmen Mundpropaganda muß ich sagen: Es hat mir Spaß gemacht. Militärisch knapp: Drehbuch ist dumm wie Brot, die Kameraarbeit akzeptabel, Schauspielerführung läßt zu wünschen übrig. Ständig fliegen Dinge durch die Gegend. Manchmal Körperteile.
Eine Gruppe von jungen Menschen, denen es viel zu gut geht, wollen eine Insel besuchen, die „Isla del Muerte“, auf der eine Rave-Party stattfindet. Mit Hilfe eines knorrigen Kapitäns und seines debilen Gehilfen gelingt der Coup. Die Party ist aber mittlerweile geschmissen und die Gäste zombifiziert, da ein exkommunizierter spanischer Priester aus dem 17. Jahrhundert sein Unwesen treibt. Dann wird nur noch aus allen Kanonen geballert, was das Zeug hält...
Ein Drehbuch auf einem Computerspiel wie „House of the Dead“ zu begründen, ist ein tollkühner Entschluß. Während vergleichbare Zeitvertreibe mittlerweile über durchaus ansehnliche Narrativen verfügen – vgl. etwa das von mir sehr geliebte „Max Payne 2“ –, geht es in „House“ mehr um das stumpfe Geballere. Soll man da einen Plot erfinden, der nach dem Sinn des Lebens forscht und das Streicheldefizit im Videozeitalter hinterfragt? Man soll wohl nicht. Viel näher liegt es da, einige Pappkameraden zu entwerfen, die an Doofheit und Sinnlosigkeit den Protagonisten der „Deinhardt“-Werbung das Wasser reichen können. Ob die Dialoge so gemeint sind, wie sie herüberkommen, weiß ich nicht, aber sie klingen etwa so: „Das sieht aus wie aus'm letzten Millennium...“ – „Jahrhundert heißt das!“ Ganz groß ist auch: „Los, kommen Sie, Kasper, wir suchen nach Kirk!“ Denn die Buben und Mädels treffen auf der Todesinsel eine Frau von der Küstenwache, die Kasper heißt (oder so ähnlich). Und der Charakter, den Jürgen Prochnow spielt, heißt Captain Kirk. Das könnt Ihr mir schon glauben!
Ja, der Jürgen Prochnow... Ich habe ihn vor kurzem noch in Wolfgang Petersens tollem EINER VON UNS BEIDEN gesehen, und nicht minder hervorragend war er in dem Gefängnisdrama DIE VERROHUNG DES FRANZ BLUM. In HOUSE OF THE DEAD spielt er einen Seebären, und er sieht hundertprozentig so aus wie Clint Eastwood mit einer Kapitänsmütze! Als lustigen Gesellen hat er Ron Howards Bruder Clint an der Seite, der einmal mehr einen Exzentriker spielt, und diesmal trägt er über die gesamte Laufzeit einen quietschgelben Ostfriesennerz...
Den einen großen Vorwurf, den ich Uwe Boll machen würde, sind die völlig sinnlosen Einsprengsel aus dem Sega-Computerspiel, die einen ständig aus der Handlung herausreißen. Das wächst sich insbesondere während der Actionszenen zu einem Ärgernis aus. Und die Actionszenen sind auch wieder ein Fall für sich, denn sie wirken wie eine bislang nicht für möglich gehaltene Mischung aus DIE RÜCKKEHR DER ZOMBIES und MATRIX. Unglaublich, muß man gesehen haben. Insgesamt hat mich der Film inhaltlich wie atmosphärisch stark an Claudio Fragassos AFTER DEATH erinnert, und wer jenen Film zu schätzen weiß, wird auch mit HOUSE OF THE DEAD sein Auskommen haben.
In den Foren wurde der Film mit Spott und Hohn bedacht, aber ich muß zugeben, daß ich mich blendend amüsiert habe. Eigentlich finde ich den Film wesentlich lohnender als das Remake von DAWN OF THE DEAD, das ein paar Mark mehr gekostet haben wird. Dumm wie Brot, make no mistake, aber ausgesprochen unterhaltsam. Hat Sack Schneiders DAWN Jürgen Prochnow mit einer Kapitänsmütze und Zigarre im Maul? Doch wohl nicht. HOUSE OF THE DEAD ist ein veritabler Partyfilm, wenn man in der richtigen Gemütsverfassung ist. Der Genuß hochgeistiger Getränke kann da durchaus hilfreich sein. Und Bergman hat ja wohl niemand erwartet, oder wie sehe ich das?
Der gebürtige Wermelskirchener Uwe Boll soll ja angeblich als nächstes für eine filmische Umsetzung des Ego-Shooters „Far Cry“ verpflichtet worden sein. Auf meinem Rechner läuft das famose Spiel leider nicht, da er zu langsam ist. Die Verfilmung wird aber definitiv bei mir laufen, wobei ich dringend empfehle, Jürgen Prochnow mit seiner Kapitänsmütze mit einzubauen, denn mit so einer feschen Kappe gefällt mir der gediente Mime sogar noch besser als mit der lustigen Perücke aus dem Carpenter-Film...
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#112
Geschrieben 31. August 2004, 11:39
Da dies hier ja ein Tagebuch ist, kann ich es mir leisten, ganz & gar unsachlich zu sein. Wenn man sich Filme betrachtet, so ist dies eine sehr persönliche Angelegenheit. Manche Faktoren lassen sich schwer ausklammern, etwa die Erwartungshaltung, persönliche Tagesform, hat die Gattin einen nicht rangelassen etc. Man kann auch Filme zum gänzlich falschen Zeitpunkt betrachten. Wenn man eine schwere Depression hat, weil man z.B. in einen Hundehaufen getreten ist („Warum ich?“), so empfiehlt es sich nicht, eine seichte amerikanische Komödie einzulegen. Auch Cartoons von Walt Disney sind da möglicherweise an einen verschwendet. In Festtagslaune hingegen sollte man sich nicht mit den Filmen von Ingmar Bergman befassen. Sollte man meinen.
Mich ritt heute, just den Federn entsprungen, die Grille, ein Werk des schwedischen Meisters zu betrachten. Im Halbschlaf und über eine Tasse tiefschwarzen Kaffees gebeugt, tat ich das dann. In HERBSTSONATE geht es um ein sehr langweiliges und sehr religiöses Ehepaar, Eva (Liv Ullmann) und Viktor. Beide machen den Eindruck, als seien sie nicht glücklich miteinander und hätten keinen Sex. Er nuckelt milde paternalistisch an seiner Pfeife und kuckt gütig. Sie schaut... na, wie Liv Ullmann eben kuckt! Ich kann mir nicht helfen – Liv Ullmann ist für mich die Hanna Schygulla des Nordens! Mag sein, daß es an der Rolle liegt, die sie in diesem Film innehat, aber ich wollte sie schlagen. Treten. Beißen. Sie wirkt wie die Verkörperung des Opferschutzes. Man möchte ihr einen weißen Ring schenken. „Liebes Tagebuch. Heute, auf dem Wege zum Blumenmarkt, ist Liv Ullmann an mir vorbeigeschritten. Sie nimmt ihr Schicksal gelassen. Was für eine tapfere Frau usw.“ Ich habe während der ersten 30 Minuten von HERBSTSONATE einige sehr gemeine Bemerkungen gemacht. Jetzt habe ich sogar noch welche aufgeschrieben. Schlimm ist das. Liegt es nur daran, daß sie eine gute Schauspielerin ist? Oder sind mir herumschreiende Sizilianerinnen lieber? Ich finde, sie sieht aus wie eine tapfere Kindergärtnerin.
Aber lösen wir uns von der Ullmann. Eva und Viktor wollen ihr Elend etwas aufhellen und haben die brillante Idee, dafür die Schwiegermutter einzuladen. Deren Mann ist gerade gestorben. (Stöhn.) Das alles wäre ja noch relativ heiter, läge nicht im oberen Stockwerk noch die geistig zurückgebliebene zweite Tochter, Helena, herum. Die Mundwinkel gehen ganz weit nach unten.
Und die gehen auch nicht wieder hoch, denn Mama wird gespielt von Ingrid Bergman, und wer bis jetzt Probleme damit hatte, Ingrid und Ingmar auseinanderzuhalten, der hat hier Gelegenheit, dazuzulernen. Mama fängt sofort an zu reden und hört nicht wieder auf. Unsäglich seichtes Geplapper. Dazwischen kommen dann innere Monologe von Eva und vorgelesene Briefe von Viktor. Wenn Mama alleine ist, redet sie zu sich selbst. Sie fühlt sich schuldig. Das glaube ich gern.
Die einzige Szene, die mir bis zu diesem Zeitpunkt gefallen hatte, war jene, in der Ingrid Bergman am Klavier sitzt und ein Präludium intoniert. Wahrscheinlich, weil sie dabei nicht redet. Auch diese einminütige Einstellung – in der Mutter und Tochter gemeinsam im Bild zu sehen sind – wurde mir von meiner Sektlaune zunichte gemacht, da ich auf einmal daran denken mußte, daß die Eva gar nicht sinnierend ihre Mutter betrachtet, sondern der Bergman auf die Nase schaut... (Das hat mich etwas an den Woody-Allen-Film erinnert, in dem er seinen Bergman-Flash bekommt: „Weizen, Weizen, überall Weizen! Blauer Weizen, grüner Weizen – Weizen...“)
Wo in Hollywood-Produkten jetzt ein religiös angehauchtes Psychocouch-Gewitter losbrechen würde, das in allgemeiner Vergebung gipfelt, setzt Bergman (=der Regisseur) die Daumenschrauben an: Nach maßvollem Alkoholgenuß reden Mutter und Tochter auf einmal Tacheles. Das beginnt ganz harmlos, man merkt, daß da erst einmal Jahrzehnte des Nichtkommunizierens aufgebrochen werden müssen. Dann aber fliegt die Scheiße durch die Küche – und zwar gewaltig! Das ist nicht auf der Psychocouch, das ist UNTER der Psychocouch.
Man muß der Ullmann zugestehen: Sie ist tatsächlich verdammt gut in der Rolle, auch wenn sie in dem Film echte Gewaltphantasien in mir freigesetzt hat. Alle durch erlebte Pein „gewachsene“ Frauen, die mich jemals in meinem Leben durch ihren mitleidig lächelnden und nichts verstehenden „Du weißt es halt nicht besser“-Dulderblick reduziert haben, kamen in mir zum Vorschein und forderten Maulschelle satt! Der Film wäre auch schier unerträglich, wäre er nicht so intelligent. Die Figuren werden seziert bis über die Schmerzgrenze hinaus. Am Schluß schließen die aufgebrochenen Wunden sich wieder, und es ist zu erwarten, daß der ganze Krempel so weitergehen wird wie gehabt. Ich habe niemals eine Biographie von Bergman gelesen, aber wie stark seine Bindung zur Religion auch immer sein mag – an Vergebung und Gnade glaubt er nicht wirklich. Vielmehr sind seine Charaktere von der Privatgeschichte in ihre Bahnen gesetzt worden, und sich von jenen zu lösen, ist fast unmöglich. Kitsch im Sinne Hollywoods wird da komplett vermieden. Ich kenne wohl keinen Filmemacher, der sich so intensiv und tiefgehend mit den Menschen auseinandergesetzt hat. Vielleicht ist er deswegen depressiv. Na ja, ich wünsche ihm, er möge an einem besonders netten Fjord sitzen, die Sonne genießen und ein Glas kalten Orangensaft trinken. Eine Auszeit braucht jeder.
Tja, da hat mir der Bergman doch glatt die Sektlaune verdorben. Alter Schwede!
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#113
Geschrieben 31. August 2004, 17:38
Die Fortsetzung zu Robert Rodriguez´ Western-Zirkus DESPERADO. Na ja, El Mariachi - die schmalzgewordene Legende - wird diesmal von einem CIA-Hansel angeheuert: Er soll General Marquez erledigen, der seinerseits den Auftrag hat, einen den Amerikanern mißliebigen Präsidenten zu liquidieren. Da Marquez die Frau und die Tochter des Helden auf dem Gewissen hat, ist es dem Gitarrenspieler ein Freudenfest. Er ballert und klampft sich quer durch die innere Mongolei...
Mit Tarantinos Epigonen kann ich meistenteils nix anfangen. Rodriguez bildet da keine Ausnahme: Während sein Mentor durchaus in der Lage ist, aus liebgewonnenen Standards neue Aufläufe zu mixen, gab es bei RR schon immer nur die eingleisige Schiene - viel pompöse (und blutrünstige) Baller-Action, halbherzig ironisiert. Alles glänzt und glitzert, daß es nur so eine Pracht ist. Hanswursten schillert die Story in all ihrer Tumbheit, aber - zwinker, zwinker! - ist ja alles nur Spiel, wir meinen das gar nicht so... Alle Melodramatik ist völlig aufgesetzt und zielt ins Leere, anders als der Mariachi - der trifft immer. Antonio Banderas gibt erneut eine Mischung aus Superman, James Bond und Don Schmalzlocke. Ich finde den Mann ölig, sorry. Angesehen habe ich mir das Spektakel auch eher wegen Johnny Depp, der den fiesen CIA-Mann Sands spielt. Dieser hat die Sympathien des Publikums auf seiner Seite, schießt aber auch schon mal völlig grundlos Chili-Köche über den Haufen. Killen ist halt cool. Immerhin gehört Johnny der mit Abstand beste Gag des Filmes: Bei einer Corrida trägt er ein wunderschönes T-Shirt mit einem riesigen "C.I.A."-Aufdruck vorne drauf... Auch ansonsten gibt es viel Prominenz zu bewundern: Salami Hayek ist Mariachis Freundin, Willem Dafoe ein eitler Drogenboß und Mickey Rourke ein texanischer Gangster, der sich nach Mexiko abgesetzt hat. Als einer von Banderas´ Handlagern taucht noch Julio Iglesias´ Sohn Enrique auf. Langweilig wird der Film natürlich nie - gut allerdings auch nicht.
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#114
Geschrieben 02. September 2004, 16:25
Der Anfang des Filmes zeigt einen Trompetenspieler, der eine traurige Melodie spielt, während um ihn herum ein Zimmer in Flammen steht. Der Erzähler gibt einige schicksalshafte Weisheiten zum Besten. Überall flattern brennende Geldscheine herum. Ich dachte nur: Uff - da kommt sich irgendein Werbefilmregisseur mächtig noirisch vor...
Doch zu Unrecht dachte ich dies, denn der Film gewann mein Vertrauen Stück für Stück zurück, zum Glück. Val Kilmer spielt einen Drogensüchtigen namens Danny Parker, dessen Leben anscheinend aus einer unablässigen Folge sorgsam kalkulierter Abstürze besteht. Weniger sorgsam gehen dabei seine (teilweise ziemlich kaputten) Kollegen vor, die kaum zu der Sorte Mitmensch gehören, denen man gerne sein Auto anvertrauen würde, und sei es von Matchbox. Parker betätigt sich nebenbei als Singvogel für zwei besonders assige Bullen, die ihn von Herzen verachten und ausquetschen wie eine Zitrone. Parker drücken keine Gewissensbisse, was ihn eigentlich zu einem sehr erbärmlichen Judas macht, aber er hat einen Hintergedanken. Worin dieser Hintergedanke besteht, kann ich hier leider nicht verraten, denn das würde den Film kaputtmachen. Nur soviel sei verraten: Es geht um Familie, um Himmel & Hölle, um Schuld & Sühne. Und um Drogen. Ja, um die geht es auch...
Der sonstige Fernsehregisseur D.J. Caruso (Supername!) hat wirklich gute Arbeit geleistet bei THE SALTON SEA, auch wenn er es hier und da mit der Offensichtlichkeit etwas übertreibt. Die Erzählstruktur verwirrt durch zahlreiche Rückblenden, die aber vom Drehbuch zufriedenstellend und überschaubar in den Handlungsablauf integriert werden. Sein Schauspielerensemble hat Caruso gut in der Hand, und auch Kilmer - auf dem die Hypothek des gruseligen TOP GUN lastet - wirkt sehr überzeugend als Racheengel/Judas. An die Wand gespielt wird aber jeder in der Besetzungsliste von Vincent d'Onofrio, der einen komplett geistesgestörten Dealer namens Pooh-Bear spielt. Pooh-Bear hat sich soviel Dreck in die Nase gezogen, daß sie ihm irgendwann amputiert werden mußte. (In einer besonders ekligen Szene nimmt er seine Plastiknase ab und zeigt das Loch darunter.) D'Onofrio ist mir ohnehin ein Rätsel: In FULL METAL JACKET (Private Paula!) war er noch recht mollig; in THE CELL gar nicht mehr so; in THE SALTON SEA ist er wieder kugelrund - wie macht der Mann das? Sein Pooh-Bear ist irgendwo zwischen Groteske und abgrundtiefer Ruchlosigkeit angelegt - beängstigend ist das Wort dafür. Eine absolute Glanzleistung, die in der Originalfassung wesentlich beeindruckender ist als in der deutschen Synchro. Auch die Nebenrollen sind superlativ besetzt, wobei ich insbesondere die Kanadierin Deborah Kara Unger erwähnen möchte, die mir seit CRASH sehr ans Herz gewachsen ist. Sie wird hier von ihrem Lover Luis Guzman regelmäßig verdroschen und wendet sich Kilmer zu, der sie lieben könnte, wäre da nicht...
Insgesamt pendelt der Film etwas unentschlossen zwischen Charakterdrama und bizarren Drogenszenen à la TRAINSPOTTING, die teilweise lustig, teilweise extrem unerquicklich sind. Ich hatte zeitweise die Befürchtung, daß er sich in einer Abfolge wohlfeiler Exzesse erschöpfen würde. Schließlich entwickelt sich der Film aber zum lupenreinen Rachedrama, und spannend ist's, man kann es nicht anders sagen. Wenn man einen Geniestreich erwartet, wird man möglicherweise enttäuscht. Meine Erwartungen waren nicht sehr hoch, und unterm Strich war ich ausgesprochen zufrieden.
P.S.: Erwähnen muß ich noch die Szene, in der einer von Kilmers Drogen-Buddies auf die glorreiche Idee kommt, eine Stuhlprobe von Bob Hope zu klauen, um sie dann auf eBay zu verscheuern - darauf muß man erst einmal kommen!
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#115
Geschrieben 03. September 2004, 16:41
Von diesem Film habe ich genau gar nichts erwartet. Zu Anfang dachte ich auch, daß ich nicht enttäuscht werde. Aber dann wuchs die Enttäuschung doch noch, denn ich fand det Dingen recht spannend.
Eins vorweg: Die Story ist hanebüchen. Da sind soviele Klöpse drin, daß man eine ganze Kompanie der Bundeswehr davon sattkriegen würde. Ich habe richtig gejault...
August Diehl spielt einen jungen Polizisten namens Schrader, der ein mildes Drogenproblem hat. Als ihn ein Hauptkommissar Minks (Christian Redl) damit erpreßt und ihn zu seinem unfreiwilligen Partner macht, hält Schrader seinen Vorgesetzten für ein riesengroßes Arschloch. Erst später wird dem Jungbullen klar, daß Minks in Wirklichkeit ein armes Schwein ist: Ein Unfall mit Fahrerflucht raubte ihm einst die Frau, seine Tochter haute bald darauf ab. Das ist auch der Grund dafür, daß sich Minks in seinen neuen Fall so intensiv verbeißt: Ein Geisteskranker schlachtet tätowierte Frauen ab und zieht ihnen das Fell über die Ohren. Bei ihren Ermittlungen stoßen die Polizisten auf einen dubiosen Untergrund von Hauthändlern, die einen höchst abartigen Kreis von Sammlern bedienen. Die Methoden der Hautbeschaffung sind manchmal sehr direkt...
Tja, selten so viel Haut in einem Horrorfilm gesehen! Um es kurz zu machen: Klischees sind dem Film kein Fremdwort. Es setzt gleich zu Beginn eine Razzia in einer Trend-Disco, bei der die Kamera matrixig herumkreist. Eine Vereidigung von Polizisten sieht aus, als habe Leni Riefenstahl Hand angelegt, und die Herren Beamten sehen auch alle ganz grimmig aus. Tätowierte sind faszinierend, aber auch dubios, mit der Unterwelt verwoben. Manch einer dreht Pornos und schlachtet Frauen. Tätowierer zählen selbstredend auch Kinder zu ihren Kunden. Kamerad Künzel - Hauptverdächtiger - wohnt in einem Kabuff, das sich als Haus an der Friedhofsmauer gut machen würde. Inhaltlich hat man sich stark bedient bei SEVEN, nur ohne die Sophie, die Philosophie. Eher erinnert TATTOO an 8MM, der vom gleichen Drehbuchautor stammte wie SEVEN und seine düstere, zivilisationspessimistische Geschichte als Oberflächenspiel abhandelte. 8MM machte aus der Pornoszene einen Sumpf der Devianz, die schlüpfrige Unterseite einer von innen verfaulten Gesellschaft. Das war ästhetisch ganz reizvoll, war allerdings eben so realitätsbezogen wie SCHNEEWITTCHEN UND DIE SIEBEN ZWERGE.
Auch optisch hat Robert Schwentke sein Kino-Langfilmdebüt stark an SEVEN angelehnt: Es dominieren graue, metallische Farben, bei denen die Rottöne nur dann einbrechen, wenn geschnetzelt wird. Die gute Kameraarbeit von Jan Fehse läßt fast alle Interieurs erscheinen wie leblose Zwingburgen, in denen warme Gefühle kaum vorstellbar sind. Kein Wunder, daß Kommissar Minks´ Familie auseinandergebrochen ist - das hält ja keine Sau aus! Christian Redl ist als Minks übrigens ausgesprochen gut, wirkt ein bißchen wie Jean Reno, der Polizeibär aus DIE PURPURNEN FÜSSE. Eigentlich wäre der eine Traumbesetzung für Luigi Mackeroni, den Kommissar aus den Ralf-König-Comics... Auch August Diehl als Jungspund ist eigentlich sehr in Ordnung.
Insgesamt halte ich die Story für bizarren Mumpitz, aber wenn man über diesen Umstand hinwegblicken kann, ist der Film immerhin hübsch spannend, gerade zum Schluß hin. Wäre natürlich schöner gewesen, wenn die Story da hätte mithalten können. DAS EXPERIMENT, z.B., spielt in einer ganz anderen Liga. TATTOO ordne ich eher bei ANATOMIE ein - spannend, durchaus unterhaltsam, inhaltlich Kokolores vom Feinsten.
Wenn ich mir mal ein Tattoo machen lasse, dann kommt das auf meinen Rücken: die sieben Zwerge, wie sie singend und pfeifend ins Bergwerk marschieren...
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#116
Geschrieben 10. September 2004, 16:11
In einer Kriegssituation habe ich mich – so direkt – noch nie befunden. Diesen Umstand habe ich mit unseren Soldaten gemeinsam, was den meisten wohl auch sehr recht sein dürfte. Wer sich dennoch einen Einsatz in einer Krisenregion wünscht, um dort mal richtig auf die Kacke zu hauen, der sehe sich Walter Hills hervorragenden SOUTHERN COMFORT (1981) an.
Ein knappes Dutzend Uniformträger begibt sich zu Übungszwecken in die undurchdringlichen Sümpfe von Louisiana. Als ein nicht in der Karte eingezeichneter Strom den Fortgang der Mission hemmt, requiriert man kurzerhand die Boote eines dort ansässigen Cajuns. Kaum auf der Mitte des Flusses angelangt, erscheinen am Ufer die Beklauten. Einer der Soldaten hält sich für extrem lustig und ballert einige Runden Übungsmunition auf die Cajuns ab. Diese ballern zurück. Scharf. Der Einsatzleiter des grünen Grüppchens stirbt. Panik allenthalben. Die Wochenendsoldaten merken, daß sie mehr abgebissen haben, als sie schlucken können...
Es stimmt alles an Walter Hills Film. Gleich in den ersten Szenen bekommt man von den großmäuligen G.I.´s mehr sexualkomplexkompensatorische Machoscheiße geboten, als man auf nüchternen Magen verpacken kann. Man bekommt sehr bald spitz, was von den einzelnen Bestandteilen der Gruppe zu halten ist: Keith Carradine und Powers Boothe sind die einigermaßen intelligenten Leute, während andere dumm sind wie Brot. Nach dem „Unfall“ wird erst einmal nach dem Schuldigen gefahndet, Alibibehauptungen werden zusammengezimmert. Dann geht es bequemerweise nur noch um das nackte Überleben. Auch dieses wird aber von den zu erwartenden Faktoren in Frage gestellt: Nicht in der Lage, die Krisensituation vernünftig zu bewältigen, beginnen die Soldaten mit den üblichen Kompetenzstreitigkeiten, Hahnenkämpfen, Gockelgemockel. Man merkt rasch, daß die Soldaten trotz ihres intensiven Trainings kaum eine Chance haben gegen die Cajun-Indianer, die ihr Leben in der Region verbracht haben, als Jäger, um zu überleben. „Unsere Jungs“ haben dem nichts entgegenzusetzen. Aus dem einstigen Gefühl der Überlegenheit wird alsbald nackte Angst und Zähneklappern...
Untermalt von Ry Cooders unsäglich schöner Slide Guitar und der pittoresken Sumpflandschaft, spielt sich in SOUTHERN COMFORT ein intensives und hochspannendes Überlebensdrama ab. Hill klammert allen überflüssigen Schnickschnack aus und serviert uns das „Zehn kleine Negerlein“-Spektakel als kammerspielartig reduziertes Actiondrama, in dem trügerisch ruhige Passagen von intensiven Gewaltausbrüchen beantwortet werden. Seiner Vorliebe für Peckinpah (dessen THE GETAWAY er geskriptet hat) frönt er dabei des öfteren, vor allem im legendären Finale im Cajun-Dorf: Die schöne Hinterwäldler-Party wird kontrastiert mit den überlebenden Soldaten, denen allmählich schwant, daß sie in die Wurst kommen sollen. Passend dazu werden auch Bilder einer Schweineschlachtung eingemischt, bei denen man – auch wenn man's möchte – nicht wegschauen kann. Komplette Meisterleistung, dieses Finale!
Die DVD-Veröffentlichung ist ordentlich, auch wenn man auf Stereoton leider verzichten muß, den ich insbesondere dem Soundtrack schon gewünscht hätte. Aber jo mei – ist gut, bleibt gut, sollte genossen werden!
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#117
Geschrieben 11. September 2004, 19:38
Einem guten Freund von mir hat Steven Spielbergs SCHINDLERS LISTE dermaßen mißfallen, daß er zu mir sagte: Wenn mir Spielberg über den Weg läuft, bekommt er eine saftige Ohrfeige. Besagter Freund ist nun jemand, dem man nicht nachsagen kann, den Genozid am jüdischen Volk übermäßig leicht zu nehmen. Ich war gespannt auf das Seherlebnis. Lange Jahre habe ich es vor mir hergeschoben, da ich mich insgeheim davor fürchtete. Das Thema ist ja nun wirklich keine leichte Kost, und da ich mit Spielbergs Kino eh im Dauerclinch liege, rechnete ich mit Kitsch in Hülle und Fülle. Der Regisseur des rassistischen INDIANA JONES UND DER TEMPEL DES TODES macht einen Film über den Holocaust? Derselbe Steven Spielberg, der die Bücherverbrennung der Nazis im Jahre 1938 stattfinden läßt in INDIANA JONES UND DER LETZTE KREUZZUG? Der sich nicht entblödet hat, eine Musical-Trällerei in die Verfilmung von Alice Walkers DIE FARBE LILA einzubauen?
Die Überschrift der ersten Leserkritik, die dem Film in der Internet Movie Database gewidmet ist, offenbart bereits mein persönliches Problem mit dem Werk: „Ein wunderschöner Film über die Schrecken des Holocaust“! Wie gewohnt, sieht bei Spielberg alles picobello aus. Kaminski leistet die gewohnte brillante Kameraarbeit. Das ändert sich auch nicht, wenn die Handlung ins KZ wechselt. Alle Bilder sind sorgsam komponiert, auf den maximalen Effekt hin ausgerichtet. Und Spielberg schenkt seinem Publikum gar nichts: Wenn ein kleiner Junge dem Abtransport durch die KZ-Schergen entgehen will und dazu in eine Latrine klettert, bekommen wir in kristallener Klarheit das kotbeschmierte Gesicht des hübschen kleinen Jungen gezeigt, wie es in die Ferne schaut. Alles ist durchkalkuliert auf den maximalen Oberflächeneffekt hin. Kaum jemand beherrscht die Gesetze des Unterhaltungskinos so perfekt wie Spielberg, und er scheut vor keinen dramaturgischen Klischees zurück. Das Problem ist nur, daß diese Klischees – die in anderem Zusammenhang vielleicht ein wohliges Gefühl im Bauch des Zuschauers entstehen lassen würden – hier grausig deplaziert und teilweise sogar geschmacklos wirken. Tiefpunkt in dieser Hinsicht ist fraglos die Duschszene: Hunderte von Frauen, die aufgrund eines Registraturfehlers nicht in Schindlers Fabrik, sondern in Auschwitz gelandet sind, werden zu den Duschen geleitet. Hier findet eine Wiederaufnahme statt, da in einer Szene im Anfangsdrittel des Filmes bereits eine Lagerinsassin von den Duschen berichtet, was ihr zu jenem Zeitpunkt niemand glauben will. Ich für meinen Teil hätte nicht geglaubt, daß Spielberg jene Szene zur Vorbereitung einer später eingebauten Suspense-Szene verwenden würde. Falsch gedacht: Die Frauen begeben sich in den Duschsaal, die Duschköpfe werden gezeigt, die angsterfüllten Gesichter. Durch gezieltes An- und Ausschalten der Beleuchtung erzielen die Nazis Panik unter den Frauen. Schließlich hört man, wie etwas aus den Duschen kommt. Es ist... Wasser! Erleichtertes Aufatmen bei den Frauen, erleichtertes Aufatmen im Publikum. Von der Leserschaft der „Cinema“ ist der Film zum „Besten Film aller Zeiten“ gewählt worden. Als was geht diese Szene durch? Als „Der Gag mit der Dusche“? Bodenlos – meine Meinung.
So detailbesessen die Ausstattung ist, so unglaubhaft ist der Authentizitätsanspruch des Filmes. Es wird stilisiert ohne Ende, es wird jedes Register des Emotionskinos gezogen. Szenen wie jene, in der Ralph Fiennes als sadistischer Lagerkommandant Göth mit nacktem Oberkörper auf dem Balkon steht und – quasi zum Frühstück – willkürlich ein paar Juden erschießt, wirken nicht mehr und nicht weniger authentisch als vergleichbare Szenen in italienischen Filmen, etwa Viscontis DIE VERDAMMTEN oder – ganz knüppeldick! – Brass´ SALON KITTY. Im Unterschied zu SCHINDLERS LISTE erheben jene aber auch nicht den Anspruch, die Wahrheit abzubilden, sondern bieten dem Betrachter einen mehr oder weniger ästhetisch aufgepeppten Katalog an Monstrositäten und menschlicher Niedertracht, der die dem Nazismus unterliegende sexualpathologische Komponente aufzeigen soll. Spielberg liegt nichts ferner als das: Er zeigt zu Beginn des Filmes die trinkfreudigen, großmäuligen Feiernazis, wie sie einem aus dem Hollywood-Kino vertraut sind, arbeitet sich dann zu den sadistischen, kläffenden SS-Schergen vor und landet schließlich – und das ist die eine Leistung des Filmes, die ich anerkenne – bei den korrupten Bürokraten, die die jüdischen Gefangenen als billige Arbeitskraft an deutsche Betriebe (z.B. IG Farben) verschachert haben. Das alles wird aber in einer endlosen Folge melodramatischer Szenen geschildert, die mir teilweise sehr redundant erschienen sind. Ralph Fiennes ist sicherlich beeindruckend in seiner Rolle, aber wenn Kommandant Göth z.B. vom Cäsarenwahn gepackt wird und – zumindest kurzfristig – die hohe Kunst der Vergebung verfolgen will, so wirken seine Spiegelansprachen einfach nur lächerlich. Wäre es darum gegangen, den Charakter als die armselige Wurst zu präsentieren, die er ist, wäre das akzeptabel gewesen, aber Spielberg etabliert Göth nur als üblen Butzemann, dem ein Menschenleben nichts bedeutet. Auch seine Balzversuche bei der jüdischen Magd sind völlig überinszeniert und vorhersehbar. Man bekommt exakt das, was man erwartet. Die wenigen Ausnahmen – vgl. das Kind im roten Kleid, das auf einmal aus dem Schwarzweiß des Filmes hervorsticht – sind meinem Empfinden nach nicht kitschnah, sondern jenseits der Schmerzgrenze.
Am eindrucksvollsten und emotional am bewegendsten war für mich die Vertreibung der Juden aus Krakau, da in diesen Szenen nicht geredet wird. Man nimmt unmittelbar am grausigen Geschehen teil. Das hat mich stark an den Anfang von DER SOLDAT RYAN erinnert, dessen kaum erträgliche, aber hochgradig realistische Kriegssequenzen dann abgelöst werden von patriotischem Schmonzes und einer scheinheiligen Antikriegsgeste. Auch in SCHINDLERS LISTE verkorkst Spielberg die Wirkung des dargestellten Grauens durch sein Beharren auf Stilisierung, indem er einen Nazi ans Klavier setzt. Dessen Mozart-Geklimper untermalt dann einen Teil des folgenden Mordens. Tja, hat mich schwer an Bruno Mattei erinnert, so leid mir das tut!
Wie hätte man den Film meiner Meinung nach drehen sollen? Zuerst einmal hätte man ihn mit lebenden Menschen drehen sollen, nicht mit klischeeumwucherten Quäl-und-Dulder-Charakteren. Man hätte mehr von der Schönheit der jüdischen Kultur zeigen sollen als die paar religiösen Rituale und die musikalischen Referenzen, die John Williams in seinen Score geschmuggelt hat. Man hätte den Hollywood-Bombast radikal rauskürzen sollen und stattdessen eine simple Bildführung mit langen Einstellungen wählen sollen, die nicht andauernd die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die eigenen manipulativen Mechanismen lenkt. Man hätte Szenen im Shtetl zeigen können, wo die Schauspieler improvisieren und somit echt wirken. Doch dieser Pasolini-Ansatz hätte natürlich angesichts des Hollywood-Humtatas keine Chance gehabt. Statt Pasolini oder Rossellini bekommt man halt Mel Gibsons DIE PASSION CHRISTI, statt Chris Menges´ hervorragendem Anti-Apartheid-Film ZWEI WELTEN bekommt man den dröhnenden SCHREI NACH FREIHEIT, feat. Peter Gabriels Biko-Song...
Ich halte den Film für komplett mißlungen, sorry. Ich hätte mehr Spaß an einer Travestie gehabt, in der Göth von Dolph Lundgren, Schindler von Chuck Norris und Stern von Rick Moranis gespielt worden wäre. Eine Ohrfeige würde ich Spielberg nicht geben wollen, denn er hat es sicherlich gut gemeint. Das Ergebnis ist nur leider von jener plumpen Pracht, die auch leicht ins Gegenteil umgebogen werden kann. Die Emotionen der Menschen sind leicht zu manipulieren. Das Grauen des Holocaust kann man wahrscheinlich nicht einmal annähernd einfangen, wenngleich es bezeichnenderweise gerade die komödiantischen Versuche waren (Chaplin, Lubitsch, Benigni), denen es noch am besten gelungen ist. Vielleicht sollte man sich eher mit der Verherrlichung der Schönheit beschäftigen, die mit der jüdischen Kultur verbunden werden darf. Mit dem jüdischen Humor, der dem Großteil des Hollywood-Humors zugrundeliegt. Das wäre verdienstvoll. Aber solche pathetischen Rührstücke werden ihrem Gegenstand niemals gerecht. Ich fühle mich von Spielberg für dumm verkauft.
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#118
Geschrieben 13. September 2004, 14:54
Also, was für Filme habe ich erkannt? Der neurotische Schriftsteller und seine nervige Frau aus THE SHINING, das lebendige Foto aus PHANTASM, ein Fast-Luftröhrenschnitt aus Peter Straubs JULIA, ein Splitter plus Möbelpacker aus HELLRAISER, eine wiederkehrende Töle aus FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE, ein Massengrab und ein flackernder Fernsehbildschirm aus POLTERGEIST, Kellerzombies aus GEISTERSTADT und das Gesicht vom Amanda Plummer aus den Cartoons von Loriot. Ächz!
P.S.: Ebenfalls auf der DVD enthalten ist der deutlich bessere Kurzfilm VERFOLGER, bei dem sich Regisseur Niemann nicht mit einem tumben Drehbuch herumschlagen mußte. Eine Grundidee, eine Pointe - funktioniert.
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#119
Geschrieben 13. September 2004, 14:56
Hach, was habe ich diesen Kinobesuch genossen! Zuerst einmal: Ich habe hohe Erwartungen an den Film geknüpft. Zwar konnte ich mit SIGNS nicht allzuviel anfangen, aber THE SIXTH SENSE und UNBREAKABLE haben mich ziemlich umgehauen, und auch SIGNS muß ich wohl noch einmal eine Chance geben, denn mittlerweile ist mir klar, daß man bei M. Night Himalaya auf ALLES gefaßt sein muß...
Wovon genau THE VILLAGE handeln würde, war mir unklar, da ich mir Inhaltsangaben sehr selten im Vorfeld durchlese. Ich möchte einen Film gerne auf mich wirken lassen, ohne allzu konkrete Vorstellungen von seinem Inhalt zu haben. Der Trailer war ziemlich brillant, ließ aber kaum etwas über die Story durchblicken. Tatsächlich handelt der Film von einer Siedlung irgendwo in der Pampa, deren Bewohner einen gesunden und erbaulichen Lebensstil pflegen und am ehesten an das amerikanische Hinterland des 19. Jahrhunderts gemahnen. Es fallen einem sofort zahlreiche märchenhafte Elemente auf. So gilt z.B. im Dorf die eherne Regel, den angrenzenden Wald nicht zu betreten. Im finstern Tann lauern nämlich die „Unaussprechlichen“, seltsame Wesen mit langen Krallen und blutroter Gewandung. Mit dieser Limitierung haben sich die Dörfler abgefunden. Zwar mündet die örtliche auch in eine geistige Beschränktheit, aber niemand hat ein Problem damit, denn allen geht es gut. Problematisch wird es, als einem der jungen Männer des Dorfes ein Messer in den Bauch gerammt wird. Ohne Hilfe aus der „Stadt“ – die jenseits des Waldes gelegen ist – wird der junge Mann sterben. Ein Mädchen, das unsterblich in ihn verliebt ist, will es wagen, den Wald zu durchqueren. Doch da lauert das Grauen...
Das Schlimme an THE VILLAGE ist, daß ich wirklich nicht zuviel verraten darf, denn einen schönen Film soll man nicht kaputtreden. Ich will es dabei bewenden lassen, anzudeuten, daß ich nach etwa zwei Dritteln des Filmes ein ganz langes Gesicht machte vor Enttäuschung, fühlte ich mich doch vom Film düpiert. Ich dachte: Was soll das denn jetzt bitte? Nach erfolgreicher Absolvierung des letzten Drittels war ich mit dem Film versöhnt, denn die Grundidee gefällt mir kolossal. Shyamalan erzählt erneut eine Geschichte über das Gute und das Böse in der Welt, wie die Menschen mit ihren moralischen Empfindungen umgehen und was für Irrtümer das gebieren kann. Es gibt zahlreiche unheimliche Stellen, und doch ist der Film kein Thriller. Es gibt zahlreiche märchenhafte Momente (die mich etwas an BIG FISH erinnert haben), und trotzdem hat man es nicht mit Fantasy zu tun. Ich würde mal sagen, daß dies einer jener Filme ist, die einen im ersten Moment etwas ratlos zurücklassen, da die Auflösung wirkt wie ein schaler Scherz, aber er wächst sofort nach Verlassen des Filmtheaters!
Restlos überzeugt hat mich dann die Reaktion des Publikums. Da der Film von Pro 7 und ähnlichen Sendern gehypt wurde, als gäbe es kein Morgen, fand sich nämlich eine zumeist jugendliche Zuschauerschaft zusammen, der es sichtlich (na, vor allen Dingen hörbar!) schwerfiel, die nötige Geduld für die vielen ruhigen Momente aufzubringen – es wurde geknistert und geknickert zum Gottserbarmen. Die Masse der (recht zahlreichen) Zuschauer erwartete scheinbar ein Thriller- oder Monsterspektakel und wäre im vorher beworbenen ALIEN VS. PÄDERATOR mit Sicherheit eher auf ihre Kosten gekommen. Als der Film vorbei war, hörte ich neben mir lauter Kommentare wie „So ein Schwachsinn!“ und „Verdammte Scheiße!“ – ungewöhnlich aggressive Reaktionen auf diesen ruhigen Film. Das sprach aber mitnichten gegen den Film, sondern zeigte nur auf, daß man ihn nicht in eine bestimmte Schablone hineinpressen kann. Wer in der Lage ist, sich 105 Minuten hinzusetzen und den Shyamalan einfach mal machen zu lassen, der kriegt einen höchst merkwürdigen und denkwürdigen Film geboten. Shyamalan wußte genau, was er mit diesem Film machen wollte, das ist klar, und deshalb werde ich mir auch SIGNS noch einmal ansehen, bei dem ich eben diesen Eindruck nicht hatte. Mal schauen. Mir hat THE VILLAGE jedenfalls ausgesprochen gut gefallen! Und daß der Regisseur inszenieren kann, steht ja ohnehin außer Frage...
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#120
Geschrieben 15. September 2004, 17:57
Wußte gar nicht, daß in Schottland auch Käse hergestellt wird...
Endlich habe ich sie auch mal gesehen – Mel Gibsons Vorskizze zu seinem DIE PASSION CHRISTI! Was in BRAVEHEART mit dem farbigen Banner historischen Schlachtengewimmels geschmückt wird, sollte später seine wahre Gestalt erhalten im prunkvollen Glaubenstaumel. Dieser besagt bei Gibson bekanntlich, daß weltliches Tun nichtig ist im Vergleich zur religiösen Entsagung. Daß man dabei allerdings ordentlich auf die Kacke hauen soll, versteht sich von selbst – Askese Blankenese!
BRAVEHEART beginnt schauderhaft: Schottischer Mut und schottisches Leid, eingebunden in eine Ästhetik, die mehr an „Irischer Frühling“ erinnert als alles andere. William Wallace (Mel Gibson) erlebt, wie sein mutiger Vater gegen die Schergen des britischen Königs Edward I. ins Feld zieht und getötet wird. Viele Jahre später ist aus ihm ein munterer Haudrauf geworden, der nicht nur einen Rock trägt, sondern auch eine Perücke, die ihn sofort als Chippendale-Tänzer qualifizieren würde. Als eine Kindheitsliebe (falb und devot) von sadistischen Briten gemeuchelt wird, ist das der Stoß ins Horn des Freiheitskampfes: William Wallace macht sich zu Lebzeiten zur Legende, indem er mutig der Übermacht der Briten die Stirn bietet.
Auch dieser Film ist an Blödheit kaum zu überbieten. Wer einen Beweis braucht, sollte sich einfach nur Wallaces Freiheitsansprache vor der Schlacht von Stirling auf der Zunge zergehen lassen, die an hohlem Pathos sogar noch die Präsidentenrede aus INDEPENDENCE DAY übertrumpft. In diesem Film geht es um Mut, Mut und noch mehr Mut. Und natürlich um den Glauben, der hier einige Male in sinnfälliger Weise über die Vernunft gestellt wird. Das Mirakulöse an Gibsons/Wallaces Methode ist – es klappt! Alle gröhlen „Joooaaah!“ und stürzen sich munter in die Schlacht. Es ist viel von Liebe die Rede, wobei die Liebe zur anämischen Idealtrulla deutlich hinter jener zum Vaterland zurückstecken muß. Frauen spielen in diesem Jungsgerangel kaum eine Rolle. Neben dem falben Maria-Ersatz gibt es eigentlich nur noch Sophie Marceau als schöne Prinzessin, die sofort dem urwüchsigen Charme des historischen Hooligans verfällt und haucht: „Und er kämpft, um eine Frau zu rächen?“ Hach! Schön auch, wenn Wallace später feierlich über seine gemetzelte Moosrose vermeldet: „Sie war mein Eheweib!“
Die Bösen sind durchweg als solche gekennzeichnet. Pat McGoohan spielt einen schön tuberkulösen Edward, dessen Sohn eine degenerierte Schwuchtel ist. Robert the Bruces Vater, der seine Schotten aus taktischen Gründen an die Briten verraten will, leidet genehmerweise an Lepra. Und die Guten werden wohl noch am ehesten vom wie immer knuddeligen Buffbär Brendan Gleeson repräsentiert. Die Helden sind heldenhaft und schreien nach Freiheit. Viele Geblöke im Staate Schottland.
Das einzige, weswegen man sich Mel Gibsons kitschgetränkten Trachtenzirkus anschauen kann, sind die Schlachten von Stirling und Falkirk, die rasant, blutig und atemberaubend sind. (Wenngleich mir Freunde berichtet haben, daß die Ausstattung in punkto Authentizität ziemlicher Mumpitz sein soll. Wen wundert's.) Ansonsten besteht der Film aus Schwulst, Pathos und einigen eher belustigenden Beispielen klischeehaften Hollywood-Heldentums, aufgeblasen bis zum Gehtnichtmehr. Und am Ende setzt es noch das volle Jesus-Programm, inklusive angedeuteter Kreuzigung. Au Backe!
Das Ganze ist eine Selbstinszenierung von einigen Gnaden, bei der einmal mehr auffällt, daß Mel Gibson kein guter Schauspieler ist. Da es so wirkt, als habe sich hier jemand seinen privaten Jugendtraum verwirklicht, mischen sich auch peinliche Untertöne in das Spektakel ein, die später in der PASSION auf das Eindrucksvollste bestätigt wurden.
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#121
Geschrieben 16. September 2004, 20:34
Ob dieser Film nun eine Comic-Strip-Verfilmung war, habe ich nicht herausbekommen, aber er unterscheidet sich nicht wesentlich von vergleichbaren Werken der letzten Jahre: Fetzige Action, grelle Bilder, Stakkatoschnitt. Wäre er eine Comic-Verfilmung, könnte ich nur mutmaßen, ob er Kennern der Vorlage gefällt. Mir gefiel er auf jeden Fall nicht...
Zusammenfassen könnte man den Film in etwa so: Werwölfe und Vampire hauen einander auf die Mütze in einem Neun-Inch-Nagel-Rockvideo. Die anämischen Bleichgesichter verbindet mit den Lykanern (wie sie hier genannt werden) eine seit Jahrhunderten andauernde Feindschaft. Der lykanische Historienheld Lucian ist einst mit der Tochter vom Vampirgrafen Victor („Wo ist der Vektor, Victor?“) durchgebrannt, was in Tod und Mordschlag resultierte. Irgendwie gerät ein Mensch namens Michael in diesen Zwist hinein. Eine bleiche Vampirtussi verliebt sich in ihn. Dann werden alle gebissen, von Vampiren, von Werwölfen, vom wilden Affen...
Bereits beim matrixigen Anfang ächzte ich laut und vernehmlich, denn ich ahnte, daß mich der Film intellektuell überfordern würde. Durch die Handlung hindurchzukommen, war angesichts des visuellen Overkills ein fast aussichtsloses Unterfangen, zumal mir die Charaktere komplett am Po vorbeigingen. Bestimmt gibt es viele Gruftinen im gerade gebärfähigen Alter, die aussehen wollen wie Kate Beckinsale in diesem Film, aufgezottelt als Gothic-Hascherl aus dem Versandhauskatalog, feat. geile Lackweste, die tierisch unbequem aussieht. Darstellerisch ist das ohnehin eher „Geht so“, aber was an Dialogen gereicht wird, ist sehr schlicht. Der einzige Satz, der mir im Gedächtnis haften geblieben ist, stammt vom frisch wiedererweckten Victor: „Was ist das für ein Radau?“ Korrekt, denn selbst die kleinste Handbewegung wird mit posigen Geräuscheffekten versehen, die den Film insgesamt eher wie ein Videospiel wirken lassen.
Obendrein völlig humorlos, das Ganze. Für mich war der Film 2 Stunden zu lang. Gotische Entengrütze.
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#122
Geschrieben 24. September 2004, 13:31
Es ist sehr lange her, seit ich Philip Ridleys Debüt THE REFLECTING SKIN (SCHREI IN DER STILLE) gesehen habe. So ist es mir leider nicht möglich, seinen 1995 entstandenen Nachfolger THE PASSION OF DARKLY NOON mit ihm zu vergleichen. Schade eigentlich, denn der Brite Philip Ridley - seines Zeichens erfolgreicher Autor von Romanen, Theaterstücken und Kinderbüchern - nimmt seine Geschichte sehr ernst. Vieles wirkt persönlich und tief empfunden, und wenn auch für mich nicht alles den richtigen Ton getroffen hat, so bin ich doch einigermaßen beeindruckt. Erwartet habe ich ein ziemliches Disaster, da THE PASSION OF DARKLY NOON nach dem vielfach beachteten Erstling von der Kritik unbarmherzig behandelt wurde. Aber man muß ja nicht alles glauben, was da so geschrieben steht...
Die Geschichte handelt von einem zerfleddert aussehenden jungen Mann, der eines Tages auf einer Waldstraße aufgelesen wird. Bei der Familie von Callie und ihrem stummen Gatten Clay, die hier fernab des Stadtgedrängels leben, findet er ein neues Zuhause. Wie sich erweist, ist Darkly Noon - so der ungewöhnliche Name des jungen Mannes - von religiösen Fundamentalisten erzogen worden, die ihn konsequent von der sündigen Welt abgeschottet haben. Nach der Ermordung seiner Eltern ist er nun ganz allein und kann die Quasi-Adoption durch Callie und Clay gut gebrauchen. Leider gefällt ihm Callie ein bißchen zu gut, und was sich da an Lust, Angst und Aggression entwickelt, begehrt schließlich um Auslaß...
THE PASSION OF DARKLY NOON ist ein sehr ruhig erzähltes Personendrama, das einen zutiefst gestörten Menschen mit einem jungen Paar zusammenwürfelt, das einige düstere Episoden überwunden hat, um sich schließlich mit dem Leben zu arrangieren. Das menschliche Problemgeflecht, das sich aus dem Eintreffen des "Fremdkörpers" ergibt, findet statt vor dem Hintergrund der bukolischen Natur, und da der Film deutsch koproduziert wurde, kriegen wir sächsische Wälder satt zu sehen... Zum Glück verkneift sich Ridley den naheliegenden Ansatz, Darkly Noon (gut gespielt von einem sehr jungen Brendan Fraser) als einen der üblichen augenrollenden Psychodeppen zu etablieren, die einem in schlechten Filmen gerne als religiöse Spinner offeriert werden. Vielmehr ist der junge Mann praktisch ein Kind, unschuldig, unbeleckt von der Welt, und sein gehemmtes Gestammele weckt bei Callie mütterliche Gefühle. Hatte es mir bei Mark Romaneks ONE-HOUR PHOTO so gut gefallen, daß der Film eben nicht die Route des STEPFATHER-Horrorthrillers einschlug, so arbeitet DARKLY NOON auf ähnliche Weise. Die einzige Ausnahme ist der zu erwartende grausige Höhepunkt, aber auch hier hält sich Ridley vergleichsweise zurück. Ob man den poetischen Motiven, mit denen er die tragischen Ereignisse illustriert, etwas abgewinnen kann, ist sicherlich Ansichtssache, aber mir hat's gefallen.
Fazit: Bitte keinen Thriller erwarten! Wer sich für Kammerspiele um Sex und religiösen Wahn begeistern kann, darf aber durchaus ein sündiges Auge riskieren...
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#123
Geschrieben 28. September 2004, 16:06
Diesen Film habe ich mir wider besseres Wissen ausgeliehen, da eine ordentliche Besetzung lockte.
Ein junges Pärchen (fade, aber nett) zieht in ein Haus in der Vorstadt. Alles ist sauber, brav und anständig. Nur der Nachbar nebenan macht Mucken.
James Russo: Redneck from hell, Waffennarr, Frauenschläger, in krumme Geschäfte verwickelt. Mag bei Weibern keine Fisimatenten. Hat gute Freunde in einflußreichen Positionen. Russo ist der einzige, der noch einigermaßen gut wegkommt, da die Psycho-Bösewichter ja immer dankbare Rollen sind. Schade nur, daß Russo seit EXTREMITIES auf diese Sparte festgelegt ist. Ausnahmen wie Buddy Giovinazzos hervorragender UNTER BRÜDERN sind leider viel zu selten. Hier sieht er aus wie James Ellroy, schiebt sein Gesicht unzählige Male drohend ins Bild und kuckt grimmig. Im Grunde genommen wird er herzhaft verschwendet.
Theresa Russell: Unterwürfiges Weibchen, seine Stella für die ENDSTATION SEHNSUCHT-Routine. Hübsche Frau; wird auch mit 60 noch sehr attraktiv aussehen. Ihre Rolle ist - wie alle Rollen im Film - komplett von der Stange und eindimensional.
Sean Young: Komplett sinnlose Nebenrolle - was macht die da eigentlich?
Frederic Forrest: Spielt den Bullenfreund von Russo und sieht aus wie ein Hausmeister an einer Gesamtschule.
Fazit: Ich breche Filme selten vorher ab, aber bei diesem flachen und komplett vorhersehbaren Thrillerdrama war mir meine Zeit irgendwann zu schade. Ach ja: Der Regisseur ist Joey Travolta, ein Sproß der großen Travolta-Familie...
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#124
Geschrieben 28. September 2004, 16:24
Warum nicht gleich "Wenn der Glöckner zweimal bimmelt"?
Unspektakulärer, aber spannender und exzellent fotografierter Thriller mit Horrortouch, in dem es um einen jungen Bildhauer geht, der ungewollt in die Fußstapfen seines Vaters treten muß. Während es normalerweise immer eine arge Belastung darstellt, wenn Kinder berühmter Eltern mit der Reputation ihrer Erzeuger in Wettstreit treten, so liegt der Fall hier noch komplizierter: Jacobos Vater war zwar genial, aber ein brutaler und selbstsüchtiger Patron. In einer schicksalsschweren Nacht greift Mama zur Waffe, bläst dem fiesen Pappich den Bregen raus und fällt selbst in geistige Umnachtung. Nach 15 Jahren kehrt der Sohnematz an die Stätte der Familientragödie zurück. Natürlich dauert es keine 5 Sekunden, und der Geist des Vaters steht parat: Jacobo soll sein Werk weiterführen...
Xavier Villaverde hat den Film sehr gemächlich aufgebaut. Freunde blitzender Messer und explodierender Autos kommen sicherlich nicht auf ihre Kosten. Ein Vergleich mit LA CASA DALLE FINESTRE CHE RIDONO fällt natürlich auch ungünstig aus. Trotzdem, ich habe TRECE CAMPANADAS direkt nach dem seichten Ami-Müll aus dem vorherigen Eintrag gekuckt und dachte mir: Siehste, so werden nämlich Filme gemacht! Die Story stellt an sich nicht gerade die große Überraschung des Theatersommers dar, aber trotzdem ist der Film so ansprechend gestaltet, daß man den Vorgängen bis zum Ende folgt, und Spannung ist durchaus vorhanden. Die Schauspieler machen ihre Sache sehr ordentlich, wobei besondere Erwähnung verdient, daß der Darsteller des geisterhaften Vaters aussieht wie eine spanische Version von John Malkovich. Gesprochen wird er in der deutschen Fassung zudem von Manfred Lehmann, und das ist natürlich bereits die halbe Miete!
Nach THE NAMELESS schon der zweite gute spanische Horrorfilm des Monats für mich - bueno!
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#125
Geschrieben 29. September 2004, 03:01
Wer üppig budgetierte Filme sehen möchte, in denen hochklassige Schauspieler in mondäner Umgebung schillernde Dialogzeilen im Munde führen, die den begabten Händen literarisch beleckter Drehbuchschreiber entsprungen sind, war bei Andrea Bianchi noch niemals an der richtigen Adresse. Viel eher werden bei Nennung seines Namens die Augen feucht bei Liebhabern des italienischen Exploitationfilmes, ist er doch für so manchen Schwartenkracher aus dem Reich des finstersten Sleazes verantwortlich. Sein Meisterwerk ist und bleibt vermutlich DIE RACHE DES PATEN (QUELLI CHE CONTANO): Profikiller Henry Silva, der seinen Beruf so liebt, daß er nach erfolgreicher Füsilierung einiger Unglücklicher in eine Dampfwalze steigt und noch mal über die Leichname drüberbügelt; Barbara Bouchet, die sich in einer komplett sinnlosen Szene Milch über die nackten Brüste gießt und später von Silva in eine aufgehängte Rinderhälfte hineingepimpert wird; der aufsehenerregende Beginn mit dem appen Kopf - so was sieht man nicht alle Tage! Der bekannteste Film von Bianchi bleibt sicherlich der berüchtigte DIE RÜCKKEHR DER ZOMBIES, dessen Schebbigkeit ebenfalls schwer zu übertreffen ist, wenn es sich dabei auch um den m.E. langweiligsten Zombiefilm seit Erfindung der Filmspule handelt. Wer kennt und liebt nicht MALABIMBA (KOMM UND MACH'S MIT MIR), dem klassenkämpferischen Traktat, in dem der Geist von Lucrezia Borgia in den Schoß einer minderjährigen Adeligen fährt? Wer war glücklich genug, den Porno-Giallo MORBOSAMENTE VOSTRA zu verpassen, der Karin Schubert in das Pornoland einführte und bei uns von der beliebten polnischen Entertainerin Teresa Orlowski herausgebracht wurde?
Weniger bekannt, aber mitnichten weniger brisant war da Andreas Giallo NUDE PER L'ASSASSINO, der einstmals bei uns als DER GEHEIMNISVOLLE KILLER auf Video erschien. Als ich den Film auf italienisch sah, fiel mir bereits die Kinnlade herunter. Meine Güte - ist das ein Schmuddel! Tatsächlich könnte es sich hier um einen der sleazigsten Gialli handeln, die ich jemals erblickt habe. Der Film beginnt bereits eminent schmierig: In irgendeiner miesen Abtreibungsstube liegt eine nackte Frau - Kamera gerade außerhalb der Vaginalansicht -, die bei einem unsachgemäß ausgeführten Abort den Löffel gereicht hat. Weder der Arzt noch seine Gehilfen fühlen sich an den Eid des Hippokrates gebunden und verwischen alle Spuren auf die Untat... Einige Zeit später: In einem Fotostudio räkeln sich dralle Schönheiten vor der permanent beschlagenen Linse halbseidener Fotografen. Einen davon lernen wir sofort kennen: Kantengesicht Nino Castelnuovo (aus DER ENGLISCHE PATIENT!) reißt in einer Badeanstalt eine bikinibewehrte Schönheit auf und nötigt sie unter den fadenscheinigsten Kommentaren, die man sich vorstellen kann, zum Beischlaf! Ha, was für eine Macho-Sau, möchte man ausrufen, aber dann merkt man - die sind ja alle so in dem Film...
Aber auch die anderen sind nicht von Pappe: Es gibt die übliche fiese Lesbe als Chefin (nur echt mit Lesbentaille!); es gibt ihren grotesk fetten Ehemann, der so gerne einmal Sex mit einer Frau haben möchte (Argento-Freund Franco Diogene in einer unsäglich diffamierenden Rolle); es gibt einen der fast schon liebgewonnenen tuckigen Make-Up-Artisten (der gar nichts ist gegen den lieben Silvio Laurenzi - der ist am Set von FATAL FRAMES fast davongeflogen!); und die üblichen Knallchargen im Umfeld. Und Nino hat ja noch seine Freundin, die Chef-Fotografin: Edwige Fenech! Und abgesehen davon, daß Edwige allen Grund hätte, sämtliche Schönheiten des Foto-Studios in Grund und Boden zu metzeln (schließlich schläft ihr Männe mit allem, was nicht schnell genug auf die Bäume kommt!), beweist sie auch noch vorzüglichen Sportsgeist, indem sie sich mehrfach auszieht und ihren Alabasterkörper der gaffenden Zurschauerschaft darbietet. Was will man mehr?
Man will Morde! Und die sind blutig und stilvoll in Szene gesetzt vom Fachmann Ihres Vertrauens, Andrea B.! Untermalt von der Musik von Berto Pisano (der auch Joe d'Amatos MÖRDER-BESTIEN einheizte), wird hier ausgelassen mit phallischen Instrumenten penetriert, was den sexuellen Unzulänglichkeiten von uns Zuschauern Rechnung tragen soll, aber wir Zuschauer sind mal nicht so... Im psychologischen Sinne geht das hier volle Kanne gegen die "Vagina Dentata", gegen die "Femme Castratrice". Die Angst vor der Aufbrechung des ödipalen Konfliktes wird mit Stahl aus Solingen geschlichtet. Im selben Maße, wie die Fetischisierung des weiblichen Körpers in erotischen Filmen einer finster vor sich hinbubbernden unreifen Männerschaft zur Konfliktbewältigung gereicht, steigt der Adrenalinpegel in schwindelerregende Höhen. Hier wird mit infantiler Ausgelassenheit eine Reduktion der Frau betrieben, während als Alibi eine Knechtung des männlichen Chauvinismus vorgegaukelt wird. Und wenn dann noch eine Schier-Synchro angeboten wird, die auch schon DAS GRAUEN KOMMT NACHTS zu einem der wahren Highlights der Italo-Subkultur gemacht hat ("Ich habe einen instinktiven Verdacht metaphysischen Charakters!") - sollen wir das gut finden?
Also, ob Ihr das gut findet, weiß ich ja nicht, aber ich finde das GEIL!!!
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#126
Geschrieben 30. September 2004, 15:51
Ich bin ja offenbar latent maso: Immer leihe ich mir diese Filme aus, bei denen ich mir im Grunde genommen bereits vorher sicher sein kann, daß sie mir mißfallen. Das Genre des Neo-Slashers, das von Wes Cravens SCREAM begründet wurde, gehört zu den ganz düsteren Kapiteln des Horrorkinos: Was da an handwerklicher Inkompetenz und storytechnischer Dummbatzigkeit zusammengekaspert wurde und wird, spottet wirklich jeder Beschreibung. Ob die Filme nun ICH WEISS WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST, SCHREI WENN DU STIRBST oder DÜSTERE LEGENDEN heißen - einer wie der andere blanker Abfall. Die ehemals vorhandene politische Unkorrektheit dieser Filme, die sich hinter der politischen Korrektheit des Mörders verbarg, wird von den neuen Produkten durch Trendhörigkeit und Schlaumeierei ersetzt. Für mich sind diese Neo-Slasher - bei aller zur Schau getragenen Ironie - wesentlich konservativer als die alten Kamellen. Ich fühle mich an den komplett grauenerregenden THE BREAKFAST CLUB erinnert, der sich auch schon gesellschaftskritisch und nonkonformistisch gab, die Teenie-Charaktere letztlich aber in genau jene Schubladen einordnete, die zu kritisieren er vorgab.
CHERRY FALLS (SEX ODER STIRB!) ist eine Überraschung! Zu Beginn dachte ich noch, daß es sich um den größten Dreck seit Erschaffung der Filmspule handeln würde (Klischee reiht sich an Klischee), aber je länger es dauerte, umso sympathischer wurde mir der australische Regisseur Geoffrey ROMPER STOMPER Wright...
Die Handlung dreht sich um die Verkehrung des traditionellen Slasher-Motivs "Wer fickt, wird bestraft." Bei CHERRY FALLS (wie der Titel bereits sehr indezent andeutet!) geht es um einen Mörder, der sich Jungfrauen als Opfer auskuckt. Die Folgen für das Highschool-Umfeld sind selbstverständlich eindringlich: Die Defloration wird zur Rettung vor der Auslöschung. Eine große Sexwelle erschüttert die Schule...
"Love conquers all", wie es der Regisseur im Interview so schön zusammenfaßt! Die Protagonistin ist eine sehr hübsche Dunkelhaarige, die ihren Freund nach einem Jahr (!) noch nicht rangelassen hat. Kein Wunder, ist sie doch die Tochter des Sheriffs. Zu Anfang des Filmes (als ich noch geneigt war, ihn ernstzunehmen) geht sie mit einer Mickymausmütze zur Schule. "Die Heldin trägt eine Mickymausmütze!" wiederholte ich immer nur wieder wie gebannt. In einer besonders gelungenen Szene ist sie außerdem Fixpunkt der einzigen mir bekannten Zehnuckelszene des Slasher-Genres. Was gibt's noch zu bemerken? Der Schulrektor äußert Bedenken, als es darum geht, den Modus Operandi des Killers zu offenbaren: „Wenn die Kinder rausfinden, daß hier irgendjemand Jungfrauen ermordet, haben wir doch im Handumdrehen ein Riesen-Fickfest am Hals!“ - „Immer noch besser als ein Haufen toter Teenager!“ versetzt der Sheriff und hat damit nicht ganz unrecht.
CHERRY FALLS erhielt sagenhaft schlechte Kritiken, weil die meisten Zuschauer ihn scheinbar ernstnahmen. Ich sah den Film als trockene Komödie und hatte meinen Spaß. Abgesehen davon, daß die Prämisse für einen Pornofilm glänzend geeignet wäre, hat man es bei dem Ding natürlich nicht mit einem Klassiker zu tun, aber für einige Unterhaltung ist allemal gesorgt. Wie heißt es bei Shakespeare so schön? "Auf daß Hymens Fackel euch zu Bette leuchtet!" Wohlan...
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#127
Geschrieben 06. Oktober 2004, 15:07
Damit ich trotz meiner schweren Erkältung noch etwas Kreatives leiste, hier ein paar Worte über einen neuen Horrorfilm, den ich mir ohne Vorwarnung auslieh. Er stellte sich als britisch-kanadisch-südafrikanische Gemeinschaftsproduktion heraus, was ja schon mal interessant klingt.
Tatsächlich beginnt der Film sogar ganz manierlich: Ein junger Systemanalytiker („famous first“ im Genre: Held ist Systemanalytiker!) wird dazu gezwungen, sich ins Hinterland zu begeben, um dort für das ominöse „C-Team“ irgendwas zu organisieren. Da er vorher das Trinkwassersystem der dort ansässigen Arbeiter analysiert hat und diese nun ihre eigene Pisse trinken dürfen, trifft er nicht nur Freunde. Das ist aber noch gar nichts, verglichen mit dem Gruselmonster, das auf einmal herumturnt und abgenagte Skelette hinterläßt! Nach erfolgter Ausweidung kehrt der Unhold regelmäßig zurück und klaut sich die Knochen. Da zu der Gruppe von Männern und Frauen, die zusammen mit dem System-Nerd in der Wüste stranden, auch ein Eingeborener gehört, wissen wir gleich, daß es sich um ein klassisches namibianisches Monster handelt, das so ähnlich klingt wie „easy culo“. Ameisen haben auch etwas mit der Angelegenheit zu tun, aber ich hülle mich in Schweigen.
Tja, zuerst einmal finde ich es prinzipiell ganz reizvoll, wenn die klassischen Horrormotive in ihr Gegenteil verkehrt werden: Statt klaustrophobischer Korridore oder Gäßchen, in denen Vampire und Bohrmaschinenkiller ihr Unwesen treiben, ist es hier die blütenweiße heiße Wüste, in deren Grenzenlosigkeit die Menschen fast verlorengehen und mit dem Grauen konfrontiert werden. Dumm nur, daß der Film nicht viel damit anzufangen weiß. Er bemüht sich redlich um einen sorgfältigen Aufbau, führt die Charaktere behutsam ein und ist angenehm entspannt. Im Vergleich etwa zum modisch überdröhnten und verfuchtelten PITCH BLACK kam mir der gänzlich unhektische Grundtenor von THE BONE SNATCHER wie ein Labsal vor. Gut fotografiert ist er auch. Leider reden die Charaktere sehr viel, und sie reden sich schnell ins Abseits, denn Friedrich Dürrenmatt war es nicht, der hier schrub. Es gibt viele klischeehafte Zutaten, wie z.B. die Liebesgeschichte Nerd vs. Heldin, deren ehemaliger Freund mitfährt und natürlich ein militärisches Rauhbein ist. Der Nerd ist dann halt der Wissenschaftler, der den „easy culo“ mit dem Schädelgesicht am Leben lassen will, damit die Menschheit von ihm lerne. Es gibt eine Kraftfahrerin, die den Typus „Ruppige Mannfrau mit dem Herzen aus Gold“ gibt. Nach einigen extrem törichten Drehbuchentwicklungen (die Auflösung ist nicht sehr befriedigend!) mündet dann alles in eine ALIENS-Monsterhatz mit Puff und Päng, die der milde originellen Prämisse restlos den Saft abdreht. Zieht man sich einen veritablen Klassiker wie PHASE 4 heran, kann man erfahren, was alles möglich ist, wenn man es schafft, an einem so untypischen Schauplatz eine beklemmende Atmosphäre zu entwickeln. Und auch mit Ameisen!
Ansonsten hätte ich gerne eine Pornoversion namens THE SNATCH BONER. Die kann dann auch gerne mit Ameisen zu tun haben...
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