Ich habe dir niemals einen Hasenbraten versprochen
#68
Geschrieben 04. Mai 2004, 12:43
Oh nein, nicht schon wieder Alpträume!!!
Na ja, ich hätte ja vorher mal ins Netz schauen können. Dann wäre mir aufgefallen, daß das Ding in den USA als WES CRAVEN PRESENTS: THEY herausgebracht wurde, und auch WIXMASTER habe ich damals nach kurzer Zeit abgebrochen, aber die DVD lachte mich im Videoregal halt an. Man konnte nicht genau erkennen, ob es sich um Außerirdische oder Gruselmonster handelt. Rest assured: Es handelt sich um Gruselmonster. Und man kann den Streifen trotzdem getrost im Regal stehen lassen...
Der Anfang belegt, daß Regisseur Robert Harmon (der immerhin mal THE HITCHER gemacht hat!) DARKNESS FALLS gesehen hat. Anders als der Prolog in jenem Film, punktet THEY nicht wirklich in gruseltechnischer Hinsicht. Danach werden ein paar Charaktere vorgestellt: Eine Psychologiestudentin, ihr angegrungeter Freund, ein junger Mann mit schweren paranoiden Wahnvorstellungen. Der Paranoiker erschießt sich, und es kommt heraus, daß die meisten der Charaktere als Kinder unter Alpträumen gelitten haben. Manche haben merkwürdige Läsionen am Körper, die dann aus irgendeinem Grund dazu führen, daß sie von computergenerierten Urmels heimgesucht werden, die sich aufführen wie bei einem Casting zu ALIEN 5. Erklärt wird das alles nicht wirklich, und je länger der Film dauert, um so willkürlicher werden die komplett unspannenden Horrorszenen. Das Ende vermag immerhin zu überraschen, denn es kommt abrupt und gibt nun mal überhaupt keinen Sinn mehr - ich rief laut vor dem Fernsehschirm: "HÄH?!?" Als Bonus wird ein caligareskes Alternativende angeboten, das zwar abgedroschen ist, aber zumindest die Vorgänge erklärt. Man entschloß sich aber, den halbschlaffen Lachs des Betrachters gnadenlos hängenzulassen, und so bleibt immerhin ein klein wenig Bewunderung für die Dreistigkeit der Macher übrig. In der IMDb ist neben Harmon noch ein zweiter Regisseur aufgeführt, was darauf hinzuweisen scheint, daß mit dem Film im Nachhinein herumgedoktort wurde. Der Patient war aber bereits verstorben.
Was hat der Film? Eine hübsche (wenn auch unterernährte) Kanadierin, die auch im deutlich besseren MY LITTLE EYE mitgemacht hat, und eine brünette Polin, die man beide gerne poppen würde. Wie wäre es mit einem guten Drehbuch? Selbst FEARDOTCOM war deutlich besser...
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#69
Geschrieben 05. Mai 2004, 00:35
"Der Mensch hat eine Moral" verkündet der Schluß des Filmes mit bürokratischer Nüchternheit. Gleichzeitig schwingt eine gewisse Bockigkeit mit - da will sich jemand nicht mit der einfachen Route zufriedengeben, sondern verlangt nach dem vollen Programm...
Das volle Programm erwartet den Zuschauer bei dem Film, den Gaspar Noé vor seinem international erfolgreichen IRREVERSIBLE gemacht hat. Es geht um einen Fleischer, der einige Zeit im Knast verbracht hat, weil er eine vermeintliche Vergewaltigung an seiner Tochter rächen wollte. Es traf einen Unschuldigen. Als er wieder auf freien Fuß gesetzt wird, hat er nichts mehr. Um seinen Traum von einer eigenen Metzgerei zu verwirklichen, tut er sich mit einer dicken Schabracke zusammen, die ihn nach Lille mitnimmt. Die Tochter bleibt im Heim, in das sie gesteckt wurde, als Vati den Aufenthalt in der Herrenduschanstalt antrat.
Über die Wiegen der Eheleute haben sich gewissermaßen keine Feen gebeugt. Der Fleischer drischt seiner Lebensgefährtin das Kind aus dem Leibe und verläßt die Stadt. Er will ein neues Leben beginnen. Dies ist aber leichter gesagt als getan, denn die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist lausig. Er sammelt eine Absage nach der nächsten, frißt immer mehr Wut in sich hinein. Aber er hat ja noch eine Faustfeuerwaffe...
Dumme Filme wie BAISE-MOI haben gezeigt, daß man die Wut, die aus sozialer Ungerechtigkeit entsteht, nicht durch eine grelle Abfolge von Schocks allein bewältigen kann. Mit MENSCHENFEIND erzählt Gaspar Noé die Tragödie eines denkbar einfachen Menschen, eines "Everyman", der nicht schlauer oder dümmer, nicht besser und nicht schlechter ist als andere Menschen auch. Der alltägliche Druck macht ihn schließlich zu einem Monster. Der Fleischer (hervorragend gespielt von Noés Stammschauspieler Philippe Nahon) sucht nach einer Richtung, nach einem Sinn. Er möchte gerne ein guter Mensch sein, im Sinne der christlichen Moralvorstellungen, die in seinen Kopf hineingestanzt sind. Diese Suche wird kompromittiert von anderen Faktoren, wie zum Beispiel dem Wunsch nach Gerechtigkeit, den er jeden Tag seines Lebens mit Füßen getreten sieht. Er sieht sich selbst im Zentrum seines Weltbildes („Leben ist ein egozentrischer Akt“) und übersieht, wieviel Ungerechtigkeit er selber verursacht. Tief drinnen ist er sich der Schuld bewußt, die er wegen seiner Tochter auf sich gehäuft hat. Er hat sie allein gelassen, und er ist scharf auf sie, weil sie so ist wie ihre Mutter, und er haßt sie, weil sie so ist wie ihre Mutter. Um so unnachgiebiger schwadroniert er in seinem Inneren über den Zustand der Welt im allgemeinen und seines Heimatlandes im besonderen. Dabei ist die Erzählerstimme des Filmes (=die des Fleischers) zu Beginn noch einigermaßen zusammenhängend. Man akzeptiert ihn als durchaus sympathischen Erzähler, als leidenden Menschen. Je deutlicher sich aber seine aussichtslose Lage vor ihm abzeichnet, desto paranoider werden seine Ideen, desto unlogischer und starrköpfiger sein Gedankengang.
Seine Menschenfeindlichkeit wirkt zu Anfang noch wie etwas, das man auf der Grundlage der dargestellten Umstände nachvollziehen kann. Er philosophiert in seiner einfachen Sprache; selbst im Pornokino hört der kleine Mann im Kopf nicht auf mit der Nerverei. Menschen erscheinen ihm als ausschließlich von niederen Instinkten getrieben. Frauen sind Muschis, Männer sind Schwänze. Alle sind Fleisch. In seiner Bärbeißigkeit bekommt dieser Nihilismus fast etwas Heimeliges. Nur: Man spürt, als ihm das Wasser immer mehr bis zum Halse steht, daß der Nihilismus letztlich nur aufgesetzt und angelernt ist. Seine starre Maske drückt all die Leidenschaft und die Verzweiflung nach unten, da sie nur schmerzt. Auf dem Soundtrack wird das verdeutlicht von den ewig wiederkehrenden Schuß-/Knallgeräuschen, die seine inneren Eruptionen markieren, wenn sich an der Oberfläche seines Körpers nichts zeigen will. Aber diese Technik seiner Selbstbezwingung geht mehr und mehr in die Binsen: Die Stimmen dringen aus ihm heraus, überdecken den Erzähler während des Finales gar. Kein Spoiler an dieser Stelle, denn ich verrate grundsätzlich nicht, wie Filme ausgehen, schon gar nicht ein so toller wie dieser hier...
Über IRREVERSIBLE habe ich schon einiges geschrieben. Tatsächlich verbindet die Filme so manches, etwa das grundlegende Thema von Moral in einer unmoralischen Welt, der Unwiderrufbarkeit des eigenen Handelns, die vermeintliche Sinnlosigkeit, sich von den Fesseln der Natur lösen zu wollen. Was IRREVERSIBLE Beethovens Siebente ist, ist dem MENSCHENFEIND ein Stück von Henry Purcell. Formal wie inhaltlich geht der spätere Film einige Schritte weiter und lädt auch weniger zur kritischen Distanz ein (MENSCHENFEIND ist formal deutlich verspielter), aber beide Filme spiegeln äußerst vehement und wirkungsvoll die Weltsicht von Gaspar Noé wider. Ich habe so viel anämischen Experimentalmist gesehen, der Weltverzagtheit („Hach, meine Seele stößt sich an der rauhen Masse!“) verarbeiten sollte, daß ich von Noés intelligenten und mutigen Filmen sehr begeistert bin. Man merkt, daß da jemand eine Menge Erfahrungen gesammelt hat und eine Menge Wunden eingefahren, aber er gibt sich nicht mit platten Simplifizierungen und Nihilo-Klischees zufrieden, sondern stochert in der Wunde, bis der Eiter abgeflossen ist. Es gibt kaum denkfaule ästhetische Faxen, und intellektuelle Schlaumeiereien verkneift sich Noé völlig. Gerade letztere dienen ja meistens dazu, sich eine trügerische Illusion von Sicherheit und Ich-habe-alles-im-Griff zu verschaffen. Noé sucht und sucht, und er läßt den Zuschauer an seiner Suche teilhaben. Dabei verzagt er nicht, sondern richtet den Blick – bei allen abgebildeten Abscheulichkeiten – stramm nach vorn. Er ist sich der Gefahren – das machen seine Filme überdeutlich – sehr wohl bewußt. Wie meinte der Schriftsteller Pitigrilli mal, sinngemäß zumindest? „Der Kluge wird an einem bestimmten Punkte seines Lebens genau dort ankommen, wo auch der Dumme angelangt ist, nur wird sein Weg ein ungleich steilerer gewesen sein.“ Noé bewältigt die Steilheit des Weges mit Würde, und ich werde mir demnächst mal seinen 1991 gedrehten Kurzfilm CARNE anschauen, der eine Art Vorskizze zu MENSCHENFEIND darstellt.
Ein Lob sei der DVD-Firma „Legend“, die den auf 16mm gefertigten Film in guter Qualität und mit einer ungewöhnlich guten Synchro herausgebracht hat – das war gerade bei diesem Film nicht selbstverständlich.
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#70
Geschrieben 07. Mai 2004, 01:16
Bei den meisten Hollywood-Actionfilmen jüngeren Datums tropft die Dummheit aus dem Projektor. Bei RED DAWN haben sie wirklich den Rasensprenger angestellt...
Wo beginnen? Am besten bei der Handlung: Irgendwo in Everytown, U.S.A., lauschen ein paar Jugendliche ihrem Lehrer, der von Dschingis Khan und der "Blutlust der Mongolen" berichtet. Ehe er seinen leidenschaftlichen Vortrag beenden kann, fliegen russische und kubanische Fallschirmspringer am Fenster vorbei. Der Lehrer sieht nach dem Rechten und wird sofort von Kugeln durchsiebt. Anstatt sich darüber zu freuen, daß in ihrem Kuhkaff mal was passiert, rennen die Kiddies wild durcheinander und lassen sich ebenfalls abknallen. Ein kleiner Klüngel verschworener Football-Asse schlägt sich durch bis ins Gebirge. Zunächst erfahren sie dort die Freuden des Überlebenstrainings. Nachdem sie einen Erkundungsgang zurück zur Stadt gemacht haben (unbehelligt) und dort festgestellt, daß im Kino nur noch "Alexander Newsky" läuft (kreiiisch!) und man ihre Väter ins Umerziehungslager gesteckt hat, das im ehemaligen Autokino untergebracht ist, steht ihr Entschluß fest: Sie werden Partisamen! Äh, Verzeihung: Partisanen... Gemeinsam ist man stark und zeigt den Russkis, wo Uncle Sam den Most holt. Was ein richtiger Pfadfinderverein ist, braucht natürlich auch einen schmissigen Namen, und so nennen sie sich nicht Wehrsportgruppe Fieselschweif, sondern die "Wolverines"!
Jau, und wer es schlucken kann, daß eine Handvoll Kinder alle möglichen Totmachwerkzeuge aus dem Effeff beherrscht und genügend strategisches Geschick an den Tag legen kann, um professionelle Soldaten ein ums andere Mal auszutricksen, der heißt entweder John Milius oder ist der ideale Zuschauer für diesen unglaublichen Film! War DELTA FARCE noch ein Film, der dramaturgisch dermaßen hilflos gestaltet war, daß er sich dem Label "Unfreiwillige Komödie" geradezu anwanzte, so tut sich RED DAWN in dieser Hinsicht etwas schwerer. Milius ist kein schlechter Regisseur - er ist nur dumm wie Brot! Der Film ist recht spannend, temporeich und besitzt mehr Menschenverachtung als ein ganzes Rudel sächsischer Glatzen mit Eisenstäben. Unglaublich, daß der Film in den USA ein "PG-13" bekommen hat, während etwa THE BLUES BROTHERS nicht ohne R-Rating davonkam, weil einige Male das Wort "fuck" (as in Muckefuck) erwähnt wird...
Patriotismus wird in diesem Film großgeschrieben. Sofort wird uns ein Kriegerdenkmal mit einem Teddy-Roosevelt-Zitat präsentiert, Basil Poledouris´ heroische Klänge wirken wie eine Mischung aus Aaron Copland und Wagner und auch ansonsten ertönen andauernd Melodien wie "Battle Hymn of the Republic" oder "America the Beautiful". Interessant ist also erst mal, was für Amerikaner hier mit dem Honigseim der Zusammengehörigkeit beträufelt werden. Nach Milius´ Einschätzung (der sich gerne mit Wummen fotografieren läßt und sich als "Zen-Faschist" bezeichnet) sind das die Bullies aus dem Football-Team, die gerne so hart wären wie ihre Papis. Eine bemerkenswerte Szene ist da jene mit Harry Dean Stanton als Vater von Patrick Swayze (kreiiisch!), wo Sohnemann ihn beim Umerziehungslager besucht. Stanton bedauert durch den Zaun, daß er seinen Söhnen so viel Gelegenheit dazu gegeben habe, ihn zu hassen. Offensichtlich hat er sie geprügelt. Jetzt, so Daddy, könnten sie aber sehen, warum er dies getan habe. Dann folgt ein rührseliger Monolog darüber, daß er sich wieder daran erinnert habe, wie er sie im Park auf die Schaukel gesetzt hat. (Uääärrrchz!) Dann weinen alle ein bißchen, und Daddy kommt mit seinem letzten glorreichen Ratschlag: "Ihr dürft nie wieder weinen!" Ja, genau, Papi, das hast du gut gemacht... Man bekommt eine recht deutliche Vorstellung von John Milius´ Kindheit.
Jetzt liste ich mal weitere bemerkenswerte Szenen auf.
Szene 1: Das Wasser im Jeep-Kühler ist alle. Patrick Swayze fordert einen jüngeren Mitstreiter dazu auf, in den Kühler zu urinieren. "Wenn man älter ist, dann weiß man, daß so was funktioniert. Und jetzt piß´ in den Kühler, Danny!"
Szene 2: Derselbe Danny wird bei seiner ersten Jagd dazu gezwungen, Blut zu saufen: "Das ist dein erster Bock? Dann mußt du sein Blut trinken!" Gesagt, getan: "Das war gar nicht so übel..."
Szene 3: Drei Russkis im Arapahoe National Forest schießen Fotos von sich vor einer Gedenktafel, auf der süßlicher Schmonzes über "virgin timber" und so vermerkt ist. Einer der Russen übersetzt das dann sinnentstellend - eine Horde Indianer sei hier von imperialistischen Truppen füsiliert worden. Bis hierhin eine lustige Szene. Dann kommen die Kiddies und blasen die Touri-Russkis weg. Einer schaut noch flehentlich in die Kamera, bittet Gott um Hilfe und heischt um Mitleid. Ra-womms wird er weggeballert. Milius ist kein Weichei und macht keine Gefangenen - daß das mal klar ist!
Szene 4: Die beiden Miezis in der Truppe nehmen Anstoß daran, daß Charlie Sheen (gulp!) sie als "Pussy" bezeichnet. In einem Aufwallen von Frauenstolz hält eine der Pussies (mit dem zu jener Zeit üblichen Madonna-"Fick'mich"-Hairdo und "Ich wär´ so gern ein Cheerleader"-Klamotten) eine quasi-feministische Rede ("Wir lassen uns nicht Pussy nennen!"), mit der Milius Frauen einen - zähneknirsch! - gleichberechtigten Platz neben den männlichen Mongoloiden zugesteht, solange sie ihr Frausein verleugnen. Cool.
Das sind nur vier Szenen, wegen denen man diesen Scheißfilm mal gesehen haben sollte. Als er während meiner Jugend im Kino lief, gab es ein gigantisches Geschiß um die Gefährlichkeit dieses Machwerks. Wenn man es ernstnimmt, handelt es sich in der Tat um einen der übelsten Propagandafilme, die während des Kalten-Krieg-Revivals unter Reagan herausgekommen sind. Aber man lernt in der Tat sehr viel über die Psyche der Amerikaner anhand dieses Zeitdokuments, gerade im Hinblick auf den derzeit tobenden "Krieg gegen den Terror". Zuerst einmal: Ich liebe Amerika! Ich habe nicht umsonst Amerikanistik studiert - ich bin mit der Kultur aufgewachsen und von ihr in demselben Maße geprägt wie von der deutschen. Ich bin ein großer Fan von den Idealen, die dieser Nation zugrundeliegen, und bei meinem Besuch dort habe ich festgestellt, daß es kaum freundlichere Menschen gibt.
Problematisch wird es aber dann, wenn man vergißt, daß der Staatsmann Patrick Henry zum Zeitpunkt seines berühmten Ausspruches "Give me liberty or death!" 65 Sklaven besessen hat. Es zahlt sich aus, zu wissen, daß der Südstaatengeneral Robert E. Lee seine Sklaven freiließ, bevor der Nordstaatler Ulysses Grant dies tat. (Jello Biafra - genau!) Mein Lieblingsschriftsteller Kurt Vonnegut wies einst darauf hin, daß in den amerikanischen Schulen immer noch der Unfug gelehrt würde, daß Amerika 1492 entdeckt wurde. 1492 war lediglich das Jahr, wo Piraten aus Übersee kamen und perfekt entwickelte Kulturen, die dort bereits existierten, zerstörten und ausplünderten. Auf solche traurigen Absurditäten der Geschichtsrezeption hinzuweisen, ist nicht unamerikanisch - es ist fucking überlebensnotwendig!
John Milius glaubt an das Überleben des Stärkeren in einer erbarmungslosen Natur, wo man keine Schwäche zeigen darf. Dabei übersieht der feiste Sozialdarwinist allerdings, daß es dann auch völlig okay wäre, wenn die verdammten Russkis das machten, was sie in RED DAWN so gut machen - die verweichlichte USA unterjochen! Um sich nicht auf seinen Sack treten zu lassen (bzw. den seines Vaters), zeichnet er die Russen so debil wie die Nazis in amerikanischen Propagandafilmen – die kommen aus eigenem Antrieb kaum über die Straße! Wäre es nicht toll, wenn die Nazis und die Nazis im Geiste immer so wären? Bei Milius hat der Sheytan seine klar definierte Rolle und Gestalt. Das ist die eines bösen, zu eigenen Gedanken und Gefühlen nicht fähigen Clowns. Die guten unter den Amerikanern sind wendig, allen Sätteln gerecht und leisten Schmutzarbeit im Akkordtakt.
Das kann man auch über die meisten der Schauspieler sagen, die hier wirken: Patrick Swayze (laaange vor DONNIE DARKO!), C. Thomas Howell, Charlie Sheen, Jennifer DIRTY DANCING Grey und die anderen sind geradezu grotesk schlecht. Es tut weh, Harry Dean Stanton und „Superfly“ Ron O'Neal in solch würdelosen Rollen zu sehen, aber auch Schauspieler müssen arbeiten.
Also: DIE ROTE FLUT ist auf gewisse Weise eindrucksvoll. Es ist kein unschuldiges Trash-Kino, das hier geleistet wird, sondern dummdreiste Übereugungstat. Aber es zeigt auch recht anschaulich, was aus Idealen wird, wenn man sich selbst und seine Mitmenschen ernstnimmt. Es gab heute gerade diese interessanten Folterbilder aus dem Irak, bei denen amerikanische G.I.s bei Aktivitäten zu sehen waren, die Pasolinis DIE 120 TAGE VON SODOM hundertprozentig recht geben: Krieg ist Sex, Krieg ist die Rache der Verklemmten für die ihnen auferlegten Qualen. Bei RED DAWN wird alles Menschliche abgespalten, wird lediglich in platten Phrasen behauptet. George W. Bush sagt zu den üblen Vorgängen: „I am not happy“, was ich gerne glaube. Für John Milius wird Bush jr. mindestens zwei Ligen zu waschweibig sein. Männer müssen hart sein. Männer müssen stark sein. Männer tragen ihr Land auf den Schultern. Männer sind humorlos, und Männer müssen stinken. Stinken nach Schweiß und nach Blut und nach Eins-sein-mit-sich-selbst-in-der-Natur.
Benjamin Franklin war Amerikaner, und er würde den Film hassen. Mark Twain würde den Film hassen. Ich hasse den Film nicht, sondern finde ihn sehr erhellend. Trash-Faktor 100. Sehr viel interessanter als die üblichen weichgespülten Patriotismus-Kamellen. Ich sage über Franz Josef Strauß gerne, daß der Mann wenigstens zum Feind getaugt hat, weil er auf professionelles Gehabe nicht allzuviel Wert legte. Ähnliches läßt sich von John Milius behaupten. Und von seinem Vater, nehme ich an.
Noch ein Zitat von Kurt Vonnegut, aus seinem Theaterstück „Happy Birthday, Wanda June!“: „You're a clown. You're a clown who kills – but you're a clown.“
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#71
Geschrieben 08. Mai 2004, 13:50
Mein Verhältnis zu Peter Greenaway ist schon immer ein nicht ganz unproblematisches gewesen. In den letzten Jahren hat sich diese Tendenz eher verstärkt, weswegen ich zu 8 ½ WOMEN gleich zwei Reviews anbieten möchte, die denn sowohl stellvertretend sein mögen für die potentiellen Zuschauer, die „in Greenaway-Laune“ sind, als auch für jene, die sich beim Betrachten bodenlos langweilen werden.
Text 1:
Die Story ist schnell erzählt: Als die Ehefrau des schwerreichen Bankchefs Emmenthal stirbt, wird jenem klar, daß er trotz seines immensen Vermögens nun rein gar nichts mehr hat. In seiner Verzweiflung ruft er seinen Sohn Storey zu sich nach Genf, der sein Leben bislang nur auf der Grundlage des Glücks und seines Krötenlateins ausgerichtet hat. Er rät seinem Daddy, seinen Körper wiederzuentdecken. Aus diesem Grunde findet sich alsbald eine ganze Reihe unterschiedlich schöner Mätressen auf dem Emmenthaler Anwesen zusammen, die zur Selbstfindung des Tycoons benutzt werden. Aber auch dieser Weg führt in die Irre, und selbst der bislang so selbstgefällige Filius muß erkennen, daß seiner Weisheit Grenzen gesetzt sind...
Ich habe Peter Greenaways Werke immer als intellektuelle Puzzlespiele empfunden, die sich einen Spaß daraus machen, die Komplexität des Lebens als einen streng mathematisch arrangierten Irrgarten von Informationen darzustellen. Die Informationen entstammen der Welt der Wissenschaften ebenso wie jener der Künste, und während die Figuren der Filme in der Regel verzweifelt um Orientierung ringen, ergeht das den Zuschauern ähnlich. Man kann sich vor die Filme setzen und die ästhetische Schönheit bewundern, mit der die mit Details vollgestopften Tableaus komponiert sind, oder man kann selber zum Fährtensucher werden und all die Anspielungen, Zitate und Wiederaufnahmen zu einem sinnvollen Ganzen formen. Die frühere Zusammenarbeit mit dem Komponisten Michael Nyman war dabei sehr passend: Wie Nymans sehr repetitiv konstruierte Musik ihren Reiz aus dem scheinbaren Widerspruch zwischen der mathematischen Präzision des Notensystems und ihrer emotionalen Wirkung bezieht, so leben auch die Filme Greenaways in erster Linie von der Spannung zwischen dem Geistigen und dem Körperlichen. Das Leben wird bei Greenaway zu einem Museum, durch das man hindurchgeführt wird, und auch wenn viele der Dinge, die da zu betrachten sind, keinen unmittelbaren Sinn ergeben (insbesondere in narrativer Hinsicht), genießt man das ästhetische Erlebnis. Schon in seinen Kurzfilmen verwendet er diese Technik: In COASTLINE reiht er Bilder von Küstenbereichen aneinander und läßt einen nüchternen Erzähler (der wirkt wie eine Parodie auf BBC-Naturkunde-Dokus) eine Fülle von Daten auf den Betrachter ausschütten, z.B.: „An der Küste von Dover existieren über 41 verschiedene Formen von Riedgras.“ Man könnte sagen, daß er die rein intellektuelle Betrachtungsweise, die die Gestaltung seiner Filme nahelegt, ad absurdum führt. Am deutlichsten wird das in der 3-Stunden-Fake-Doku THE FALLS, in der lauter fiktive Lebensgeschichten von Menschen zusammengetragen werden, die an einer ebenso fiktiven Krankheit leiden. Was übrig bleibt, ist eine ironische, gelassene Betrachtungsweise, die die Allmacht der Wissenschaft von ihrem akademischen Sockel herunterholt. Stattdessen setzt die Welt der sinnlichen Wahrnehmung ein: Es wird betrachtet, gerochen, geschmeckt, daß es nur so eine Art hat. Ein Greenaway-Film mit POLYESTER-artiger Schnüffelkarte? Keine schlechte Idee, finde ich!
Natürlich kann man seine Werke nicht auf eine rein ironische Konzeption reduzieren. Nicht umsonst sind ihre Figuren so unglücklich und unzufrieden. In 8 ½ WOMEN ist der alte Emmenthaler aus der Sicherheit seiner bisherigen Existenz herausgeworfen worden. In der Anfangsszene unterzeichnet er einen Vertrag mit einem Japaner, dessen Spielbetriebe geschluckt werden sollen. Da die Spielbetriebe eine Hinterlassenschaft von dessen Mutter waren, bekommt der Japaner einen Durchdreher und wird handgreiflich. Blut fließt. Emmenthal ist weniger entsetzt als verwirrt und fasziniert: Solch eine direkte, leidenschaftliche Zurschaustellung von körperlich ausgetragenen Emotionen hat er, wie er bemerkt, seit seinen Jugendjahren nicht mehr erlebt. Er merkt erst nach dem Tode seiner Frau, wie weit er sich von seinem Körper (der ihm durch seine Alterung fremd geworden ist) entfernt hat. Das Sexualleben mit seiner Frau beschränkte sich auf harmlose Nichtigkeiten und führte meistens lediglich zur wohligen Erschlaffung und zur Beseitigung eines störenden Bedürfnisses. Durch seinen Sohn holt er Versäumtes nach. Dabei werden die Bedürfnisse der hierfür benötigten Frauen allerdings ignoriert oder, schlimmer noch, instrumentalisiert. Daß die Frauen hierdurch zerstört werden, kratzt die beiden Herren der Schöpfung nicht wirklich. Der Junior hält sich an einem litaneimäßig hervorgedroschenen Körper-Mantra fest, das nur seine Verzweiflung ausdrückt, der eigenen Natur nicht mehr Herr werden zu können, während dem Vater ein besseres (wenn auch sehr finales) Schicksal beschieden ist...
Insgesamt knüpft 8 ½ WOMEN also da an, wo BETTLEKTÜRE (einer von Greenaways schönsten Filmen) aufhörte, und führt verschiedene Kulturen, Geschlechter und Lebenseinstellungen zusammen – nicht zu jedermanns Gewinn, das ist mal sicher. Das Körperliche trägt den Sieg über das Geistige davon, doch es ist ein schaler Sieg, denn die Charaktere sperren sich nach besten Kräften gegen die Erkenntnis. Der Film ist optisch erneut ein Erlebnis und macht, in der richtigen Gemütsverfassung genossen, durchaus Spaß. Doch wenn man in der falschen Verfassung ist...
Text 2:
...dann langweilt man sich den Arsch ab! Meine Güte, Greenaway – ich ertrage dieses ganze schöngeistige Genudel einfach nicht mehr. Diese elitäre Manier, jeden, aber auch wirklich jeden Dialogsatz mit irgendwelchen pointierten Schlaumeiereien anfüllen zu müssen. Das ist alles so künstlich und so unerträglich gestelzt, daß man, wenn man so einen Film sieht, einfach mal geräuschvoll furzen möchte! Das ist Körperlichkeit, Greenaway, haha, nimm´ auch noch diesen hier... Kann es sein, daß man sich als Greenaway-Fan mit Duldermiene immer wieder denselben Schnokes reinzieht? Na klar, bei vielen Regisseuren ist das der Fall. Woody Allen etwa gibt seinem Stammpublikum mit schöner Regelmäßigkeit genau das, was es haben möchte, in hoher Qualität und erwartungsgemäß. Aber Allen-Filme sind lustig und atmen, neben den vielen intellektuellen Beigaben, auch jene Bodenständigkeit und Erdnähe, die man gemeinhin mit dem jiddischen Humor verknüpft. Greenaway hingegen versprüht für mich allmählich eine ähnliche abgehobene Verbohrtheit, die man bei Leuten wie etwa Erd-Jüngern, die Bäume umarmen und manisch mit den Händen im Erdboden herumwühlen und Sachen sagen wie „Du mußt das mal fühlen, das ist Schönheit!“, zu Recht belächelt. Diese andauernde ironische Distanziertheit! Kann man es Menschen zum Vorwurf machen, wenn sie bei dieser ganzen Schöngeisterei irgendwann anfangen, ungemütlich auf dem Stuhl herumzurutschen? Zum Glück hat er ja endlich den ganzen Barock-Kram hinter sich gelassen, aber das spielerische Element, das ich einstmals bei seinen Filmen so bewundert habe, weicht doch allmählich der Überzeugung, daß Greenaway sich selbst mittlerweile eine Nummer zu ernst nimmt. Kann es sein, daß ihm das ganze Bohei, das von der Kulturmafia um seine Filme veranstaltet wird, ein wenig den Kopf verdreht hat? Es gab ja schon zu meiner Jugendzeit diese Tendenz, alles, aber auch wirklich alles, was von Greenaway kam, sofort als genial und visionär abzufeiern. Es gab auch immer wieder das typische Greenaway-Publikum – dieses Publikum mit dem eingebauten Geschmack für Stil und Kleidungsfragen, dieses Theaterpausen-Sektschwenker-Publikum. Da wurde sattsam das nachgebetet, was im Kulturteil des jeweiligen Stadtmagazins stand, und Menschen ohne Humor lächelten einander wissend zu... Brrr!!! Ich hatte das große Glück, Greenaway mit Leuten entdecken zu dürfen, denen solch eine Art von elitärem Mitnick-Kulturverständnis zur Gänze abhold war und die sich die Bilder auf ihre ganz eigene Weise erschlossen. Anders aber als Nyman (den ich auch schon des öfteren als Muzak in Kneipen mit kulturellem Anspruch hören mußte) bewegt sich Greenaway mit seinen diversen Projekten leider auf dem hohen Roß, auf das ihn seine Bewunderer gehievt haben. Mir ist der Mann mittlerweile ziemlich unsympathisch geworden. Zu groß ist die Kluft zwischen der unterstellten kulturellen Bedeutsamkeit und dem netten, aber alles andere als revolutionär neuen Gebotenen. Das Körperliche, die Lust, das sinnliche Erleben – alles wird bei Greenaway so peinsam „geschmackvoll“ präsentiert, so intellektualisiert, daß es zumindest bei mir nicht mehr zündet. Tja – vor fünf Jahren hätte ich über Greenaway nur eine reine Laudatio verfassen können. Bei 8 ½ WOMEN brauchte ich zwei Anläufe, um den Film überhaupt zu schaffen. Insgesamt...
Fazit:
...bin ich dann doch noch gut durchgekommen, aber der Eindruck von nackten Männern, die sich gegenseitig begrabbeln und dabei über die Heldinnen der Romane Thomas Hardys philosophieren, hinterläßt auch beim zweiten Betrachten einen schalen Beigeschmack. Greenaway ist sicherlich ein beachtlicher Regisseur, aber – wie klargeworden sein sollte – ich gewinne zunehmend Distanz zu ihm. EIN Z UND ZWEI NULLEN, DER BAUCH DES ARCHITEKTEN oder VERSCHWÖRUNG DER FRAUEN halte ich immer noch für prachtvolle Kunstwerke. Auch DER KOCH oder BETTLEKTÜRE sind toll. Aber manchmal möchte ich den Mann nur noch unter einem Haufen flämischer Gemälde begraben und darum herumtanzen. Aber das sagt vielleicht mehr über mich aus als über ihn...
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#72
Geschrieben 09. Mai 2004, 03:20
Na, da hätte ich jetzt aber etwas weit Schwächeres erwartet!
1943: Ein amerikanisches U-Boot wird dazu aufgefordert, die Überlebenden eines Lazarettschiffes aufzufischen, das von Deutschen versenkt worden ist. Drei von insgesamt zweihundert Leuten schaffen es an Bord. Eine davon ist eine schöne Frau. Wie sich alsbald herausstellt, ist es nicht nur der übliche Tiefenkoller, mit dem die Soldaten zu kämpfen haben. Auch eine Bedrohung übernatürlicher Art macht sich bemerkbar, die viel mit einem zurückliegenden Todesfall zu tun hat, der im Rahmen des 2. Weltkrieges natürlich unbedeutend scheint, für die Bordbesatzung aber bald zu einer Frage des Überlebens wird...
Ein sauberer, streckenweise sehr spannender Film, der für einen Hollywood-Reißer der niedrigeren Preisklasse beeindruckend frei von Peinlichkeiten bleibt. Die mittlerweile leider üblichen Computereffekte (ich erinnere nur an DEEP BLUE SEA, johoho!) bleiben nicht aus, aber ansonsten gefällt der Film durch seinen Verzicht auf überflüssigen Firlefanz. Ich habe zuerst arg geschluckt, als ich sah, daß das Drehbuch zumindest anteilig von Darren Aronofsky stammt, der uns die wundervollen Filme PI und REQUIEM FOR A DREAM geschenkt hat. Tatsächlich versieht der anspruchslose Film seine einfache Story mit einer klaustrophobischen Atmosphäre, die mehr für seine Spannung tut als die gelegentlich aufkeimenden Actionakzente. Wer einen "all-out"-Schocker erwartet, wird möglicherweise enttäuscht werden. Die meisten der Gruselszenen verlassen sich auf Beiwerk, das bei Lichte betrachtet auch eine rationale Erklärung haben könnte, die in Schuld und Eingesperrtsein ihren Ursprung hat. Die einzigen auffälligen Schwächen, die mir aufgefallen sind, liegen in dem Bestreben der Macher, das Augenscheinliche zu sehr zu explizieren. So wird der Zuschauer völlig überflüssigerweise in der Epilogszene noch einmal darauf gestoßen, daß es sich möglicherweise um Einbildung gehandelt haben könnte. Auch gibt es einigen abergläubischen Quatschkram in Gestalt des zauselbärtigen Wallace, der schon auffallend früh übernatürliche Ideen etabliert - Soldaten haben ein dickes Fell und glauben nicht an Geister. Das war im 2. Weltkrieg so - das ist auch heute noch so!
Davon abgesehen ist der Film ein intensives Psychodrama, dessen Dialoge zwar viel nautisches Tanteratei enthalten, aber weitgehend frei sind von den mittlerweile zu gewärtigenden Peinlichkeiten. Mir gefiel der Film deutlich besser als der britische DEATHWATCH, der seine an sich interessante Schützengrabengeschichte mit allerlei phantastischen Ingredienzien würzte, die zu sehr nach dem aussahen, was sie waren - Spezialeffektebohei! BELOW bleibt sehr vage und mysteriös. Langweilig fand ich den Film an keiner Stelle. Wer keine hohen Ansprüche hat, kann bei dem Film eigentlich nur gewinnen.
Hier ein Interview mit dem Regisseur David Twohy, der zuvor den SF-Horror-Action-Film PITCH BLACK gemacht hat, der nicht nur schwächer war, sondern obendrein mit dem Diesel-Problem zu kämpfen hatte.
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#73
Geschrieben 09. Mai 2004, 03:50
Das Cover der DVD war recht irreführend - wer einen Horrorfilm erwartet, hat hier vermutlich nicht sein Auskommen. Genaugenommen fällt es schwer, den Film als Genrefilm zu bewerten, denn er zieht so eigenwillige Kreise, wie sie sich nur noch der Low-Low-Budget-Film erlauben kann...
Eine junge Familie - Vater, Mutter, Sohnematz - begibt sich ins verschneite Hinterland. Dort nimmt Papi erst einmal einen Hirsch auf den Kühler, der von einigen Rednecks gejagt wurde. Aha, sagt der erfahrene Genrefan - ein "Backwoods"-Film kündigt sich an! Die nächsten 30 Minuten schildern das Bemühen der Familie, sich in ihren Urlaubsbereich einzufühlen. Der übliche Konflikt Stadtmensch vs. Natur wird spürbar. Auch wird das Elend der indianischen Ureinwohner des Kontinents gestreift, da der Sohnematz in einem Laden eine Statue kauft. Der Indianer, der sie ihm angeboten hat, erweist sich als Phantom. Die Statue stellt einen Wendigo dar, einen indianischen Geist, der das gestörte Gleichgewicht der Natur richten soll. Nachdem man in den ruralen Frieden eingefunden hat, erwischt es Vater breitseits - eine zufällig (?) abgefeuerte Gewehrsalve fetzt in seine Hüfte. Ist die Familie damit zerstört?
Verrate ich jetzt mal nicht! Der mystisch akzentuierte Genrefilm hatte in den 70er Jahren seinen Höhepunkt. Damals konnte man in Hollywood wie anderswo Filme drehen, die sich einem konventionellen Handlungsgerüst verweigerten und stattdessen mit den Mitteln des Genrekinos die Botschaften der Macher unter das Volk streuten. Vor kurzem habe ich gerade PHASE IV gesehen - das war so ein Teil. Auch diverse australische Filme (z.B. PICKNICK AM VALENTINSTAG oder LONG WEEKEND) fallen mir da ein. Im gegenwärtigen Filmspektrum stellt WENDIGO ein ziemliches Unikum dar. Schwer zu sagen, wem's gefällt und wem nicht. Ich fand den Film grundsympathisch, schon wegen seines Beharrens auf realistischen Charakteren, die zudem von guten Schauspielern getragen werden - ich empfehle hier die englische Tonspur, wenngleich die Synchro beim Reinhören zumindest okay klang. Das Kind entstammt ausnahmsweise mal nicht der Reihe "Kinder sind zum Verbrennen da" (Copyright: Hahn/Jansen), sondern wirkt überzeugend. Die verschneiten Settings erinnerten mich zudem an meinen Aufenthalt in Maine, und sowas stimmt mich immer milde. Der Regisseur Larry Fessenden scheint dem New Yorker Underground entsprungen zu sein und hat in seinem Back-Katalog eine ganze Reihe von Kurzfilmen, darunter einen namens WHITE TRASH. Das Land birgt, scheint's, für ihn viel Faszination, aber auch viel menschliche Niedertracht. Sein WENDIGO dürfte so manchen unterhaltungssüchtigen Videothekenkunden verprellen, aber wer Geschmack an einem sehr merkwürdigen Psychodrama mit Horrorakzenten finden kann, könnte hier richtig liegen. Der Hirschmensch am Schluß ist der einzige Schwachpunkt des hübschen Filmes, aber da mußte man dem Affen vermutlich noch einmal Zucker geben. Ich war jedenfalls recht angetan.
Ein Interview mit Fessenden findet man hier und ein weiteres hier. Des Regisseurs eigene Öko-Homepage ist auch im Netz.
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#74
Geschrieben 10. Mai 2004, 21:37
Es gab eine Zeit, in der die Franzosen im Rahmen des Horrorkinos fantasievolle und eigenständige Filme hervorbrachten. Diese Zeit ist lang vorbei. Als ich vor einiger Zeit ein Werk namens DEEP IN THE WOODS zu sehen bekam, kamen mir fast die Tränen: Ein vorzüglich fotografiertes und zumindest ordentlich gespieltes Abziehbild von amerikanischen Slashern – was für eine Verschwendung! Ich bin ja ohnehin der Meinung, daß Slasher schmutzig, spekulativ und blutig zu sein haben, weswegen mir die verzogene Hochglanzbrut im Gefolge von SCREAM auch ziemlich am Po vorbeigeht. Hockeymaske auf, Machete einölen, Titten raus und ab geht die wilde Luzie, das ist der wahre Sportsgeist...
PACK DER DRUIDEN stammt von einem Mann mit dem merkwürdigen Namen Doug Headline und schlägt zu Beginn einen ähnlichen Weg ein wie Cravens Klone: Eine junge Studentin (die freizeits in einer jämmerlichen Disco den Tresen poliert) nimmt an einem Ausgrabungsprojekt teil an einem Ort, wo angeblich Merlins Grab und ähnliche Leckerli verbuddelt sein sollen. Es gibt einen guten Professor und einen Arsch-Professor. Schon bald geht obendrein ein geheimnisvoller Mörder um und fordert (unblutig) seine Opfer. Für etwa fünf Minuten dachte ich, das könne etwas werden, aber dann gingen mir die Pappkameraden, die hier als Charaktere aufgefahren werden, unglaublich auf die Nerven – das Drehbuch strotzt vor Klischees und dummen Dialogen. Schließlich geht es unter Tage, wo man sich um eine PAKT DER WÖLFE-Atmo bemüht. Ein paar selten unglaubwürdige Druiden-Jünger verzapfen Kokolores. Schließlich steigt einer in einen Zauberkessel mit Leuchtsuppe drin und verwandelt sich in den Keltengott Morigan, der aussieht wie ein abgemagerter Päderator mit Faschingsmaske. Es setzt einige extrem hanebüchene Actionszenen, die ich insgesamt weit weniger spannend fand als den ebenfalls höhlenlastigen ALIEN – DIE SAAT DES GRAUENS KEHRT ZURÜCK, und wer jenen Film gesehen hat, weiß, was das heißt!
Zwar kann man auch PAKT DER WÖLFE vorwerfen, daß seine Story nicht pulitzerpreisverdächtig und sein Hauptmonster ziemlich banane war, aber er verfügte zumindest über großen Reiz als Spektakel und war handwerklich sauber. Nicht so PACK DER DRUIDEN: Ein selten dummes Drehbuch, schlechte Schauspieler, eine effekthascherische Inszenierung – Mummenschanz par excellence! Im Grunde genommen ein echter Bäddie also. Wenn man darauf aus ist, bei einem Film andauernd aufzujaulen, liegt man hier goldrichtig. Ansonsten sorgt der Film für die komplette Spinatmaske.
Mumpitz!
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#75
Geschrieben 11. Mai 2004, 13:05
Slash (DVD)
Eine schlechte Rockband, die kurz vor ihrem ersten Plattenvertrag steht, begibt sich mit ihrem Bandbus in die abgasfreie Landluft von Texas, wo die Tante des Sängers gestorben ist. Dort treffen die Musiker auf die üblichen debilen Hillbillys, und da der Großpapa ein geisteskranker Mörder war, kreist alsbald die Sense...
Zu Anfang denkt man, man habe es mit einem authentischen Slasher der alten Schule zu tun - ein riemiges Teenie-Pärchen in Kasperklamotten, ein Auto bleibt liegen, Sense durch den Bauch. Leider fällt dem Regisseur im folgenden rein gar nichts mehr ein. SLASH bietet ein Zuviel als ziemlich unlustigen Füllszenen. So ab Minute 70 wird's dann wieder milde spannend, aber eine Offenbarung ist die Auflösung auch nicht gerade. Einziger Lichtblick des Ganzen (und das auch nur auf der englischen Tonspur) ist Steve Railsback, der nach seiner Teilnahme an dem guten ED GEIN einen weiteren Psycho-Hillbilly markiert. Davon abgesehen gibt es weder darstellerisch noch inszenatorisch Beeindruckendes zu sichten. Ich hatte ja gehofft, es würde sich bei dem Ding um richtigen Dreck handeln, wie ROCKTOBER BLOOD oder TERROR ON TAPE. Dazu ist der Film aber viel zu zahm und handwerklich schon zu ausgereift. (Ist schließlich eine "Universal"-Veröffentlichung...) Die Rockband hätte in meiner Fassung des Filmes eher wie eine Mongo-Version von "Twisted Sister" aussehen müssen, falls das überhaupt möglich ist. In SLASH ist sie aber einfach nur nichtssagend und blah, und der Schlußsong (der eine Rockversion von "Old McDonald had a farm" bietet) ist schon ein ziemlicher Tritt in die Zwölf...
Zweiter Film!
Hellborn (DVD)
Ein junger Mediziner möchte Assistenzarzt in einem abseits gelegenen Irrenhaus werden. Dazu meldet er sich bei Dr. Cord, der bereits ein bekanntes Buch geschrieben hat, aber man fragt sich, wie er das gemacht hat, denn er wirkt nur wie eine zynische arrogante Tucke, den seine Patienten einen feuchten Dreck scheren. Dem Neuling fallen einige Merkwürdigkeiten auf, die ihn zum Amateurdetektiv heranreifen lassen. Am Schluß kommt dann heraus, daß dem Satan gehuldigt wird, feat. Menschenopfer mit Kutten und Gruseldämon...
...und der Dämon ist vielleicht eine Gurke, mein lieber Scholli! Ein brauner Riesengremlin mit Pappschädel und reinkopierten Leuchteaugen, zwei Flügel, die aus weinrotem Stoff bestehen und eine Ritterrüstung um den brüchig aussehenden Torso - fehlt nur noch ein Partyhütchen! Der Film hätte was werden können, wenn man diesen maroden Flattermann schön häufig zu sehen bekommen würde. Tatsächlich hat er aber nur ganz zu Anfang und am Schluß zwei verschämte Auftritte, die durchaus Lachsalven hervorrufen können, aber der Rest des Filmes ist einfach nur langweilig und schleeecht... Der Held ist völlig farblos, der Oberschurke aufgesetzt und affektiert, und die Irren schmieren und chargieren, daß es einfach nur erbärmlich ist. (Die meisten machen nur debile Grimassen, zappeln herum und machen "Allrfffglll!") Der Schluß ist eine komplette Frechheit. Ich habe den Film überhaupt nur durchbekommen, weil ich die Fernbedienung verloren hatte und zu müde war, eine Suchaktion zu starten. Ab morgen werde ich erst mal wieder Qualitätsware sichten, denn meine Augen sind braungerändert von den letzten Tagen...
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#76
Geschrieben 12. Mai 2004, 18:18
Während eines verheerenden Unwetters treffen einige Menschen in einem abgelegenen Hotel aufeinander. Darunter befindet sich auch ein Cop, der einen gemeingefährlichen Irren überführen soll. Sehr bald schon gelingt dem Geisteskranken die Flucht, und los geht die wilde Hatz...
Trotz dieser sehr banal klingenden Inhaltsangabe war ich von dem Film nicht wirklich enttäuscht, da er insbesondere während der ersten Hälfte beachtlich spannend ist. Außerdem ist Tante Meta mit ihrer Ebene wieder anwesend: Die Erzählstruktur wird häufiger gebrochen als die Treuegelübde eines Hollywood-Stars. Bei aller selbstbewußten Gewieftheit des Drehbuches wird das "Bäumchen, wechsle dich"-Spiel aber irgendwann ermüdend, zumal sich der Effekt einstellt, den ich bei vielen dieser autoreflexiven Thriller jüngeren Datums habe: Ohne die Schlaumeiereien wäre der Film vermutlich viel spannender gewesen. Besonders im letzten Drittel, wenn man einigermaßen über die Spielregeln instruiert ist (die ich hier natürlich nicht verrate!), geht das Interesse des Zuschauers manchmal flöten. Zudem ist die Auflösung nicht wirklich die große Überraschung des Theatersommers, und die Wendung ganz am Schluß hätte man sich wirklich schenken können...
Aber man sollte nicht zu sehr meckern: Wenn man kein Meisterwerk erwartet, wird man sehr angenehm unterhalten. James Mangold ist mittlerweile ja kein heuriger Hase mehr und weiß, was er macht, wenngleich mir sein COPLAND um Klassen besser gefallen hat. Die Schauspieler verdienen wirklich diesen Namen (nach den Filmen der letzten Tage weiß ich das wirklich zu schätzen!), und John Cusack und Ray Liotta sind ja ein Pfund, mit dem man durchaus wuchern kann. Für ein "Ab 12" ist IDENTITY teilweise recht heftig und leistet sich sogar deutliche Horror-Anleihen. (Wobei man auch hier den alten Indianerfriedhof getrost hätte knicken können...)
Fazit: Solide Unterhaltung für einen verregneten Abend, den man sich nicht durch allzu Tiefschürfendes verderben möchte.
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#77
Geschrieben 14. Mai 2004, 15:22
Einen richtig ordentlichen Bäddie zu machen, will gelernt sein. Man kann nicht einfach schlechte Schauspieler nehmen, sie mit einem unmöglichen Drehbuch konfrontieren und dann erwarten, daß automatisch der besondere Charme einsetzt, den man gelegentlich mit filmischem Trash verbindet. Dem großen Harry Alan Towers gelang es in seiner Karriere mehrfach, das Kunststück zu meistern, und auch in den späten 80ern und frühen 90ern erreichte er in dieser Hinsicht Beachtenswertes.
Man denke nur an seine Edgar-Allen-Poe-Filme! In HOUSE OF USHER haben wir Oliver Reed, den dröhnenden Bär des britischen Kinos, in der Rolle des krankhaft empfindsamen Roderick Usher. (Seine Hyperästhesis wird immerhin von einem gelegentlich einsetzenden Röchelhusten angedeutet.) In der Rolle von Rodericks Bruder (!) Walter Usher (genialer Schachzug!) glänzt Donald Pleasance, der im Keller sitzt und Drillbohrerhandschuhe bastelt... RIPTIDE ist ein Attentat auf „Die Maske des roten Todes“, und die Maske ist in der Tat rot, wenn auch vor Scham: Herbert Lom leitet die Festivitäten und hat einige der erbärmlichsten Dialogsätze seiner Karriere. („Herzlich willkommen zu König Ludwigs großem Ostereiersuchen!“) Die Besetzungsliste teilt er sich in dieser Abomination mit Frank Stallone und einem debil dreinblickenden Blasluder namens Christine Lundé. Und wie war das bei „Edgar Allen Poes“ LOST GIRLS, der in einem Mädcheninternat spielt, das mit Pornodarstellern, Donald Pleasance, Robert Vaughn UND John Carradine bevölkert ist?
Was passiert, wenn Harry Alan Towers sich mit Yoram Globus zusammentut, der Hälfte der israelischen Produktionsfirma „Cannon“? Tobe Hoopers LIVING NIGHTMARE passiert da! Und auch wenn der Film die deliriösen Untiefen des wahrhaften Bäddietums (wie auch alles andere) tragisch verfehlt, gibt es immerhin einige Elemente, die ihn trashtechnisch bemerkenswert erscheinen lassen.
Da wäre zum einen das Setting. Der Film spielt in Alexandria. Hm. Also, ein israelischer Produzent, der nach Ägypten fährt, um einen anti-arabischen Film zu drehen, an dem fast nur Israelis mitgewirkt haben? LIVING NIGHTMARE könnte ebensogut in einem Kibbuz abgedreht worden sein – jedenfalls sieht er so aus. Die Handlung dreht sich um Genie (die heißt wirklich so!), die junge Tochter eines frommen Christen und Archäologen, der nach Artefakten des Urchristentums buddelt. Genie ist ein blonder Bimbo mit dicken Möpsen und einem gepunktetem Oberteil, das man nicht einmal in einem 80er-Jahre-Eissalon hätte tragen dürfen, ohne ausgelacht zu werden. Ihr Papa sieht genau so aus wie Papa Tanner aus der Serie ALF! Das trifft sich gut, denn Robert Englund ähnelt in seiner Rolle als Marquis de Sade (Genie: „Da kommt das Wort Sadist her, nicht?“) dem außerirdischen Knuddel stark, allerdings tuckig geschminkt und mit einer milchigen Kontaktlinse.
Genie läßt auf dem Marktplatz von Alexandria die Titten raushängen und wird sofort fast von vier räudigen Wüstenhunden vergewaltigt. Zum Glück kommt die angelesbelte Lebedame Sabina vorbei und boxt sie raus. Dafür führt sie Genie in die Freuden der Ausschweifungen ein, z.B. in einer original arabischen Lasterhöhle, feat. lauter dunkelhäutige Hengste und diverse Nackttänzerinnen. Bei einem Ausflug lernt Genie dann den Edel-Beduinen Mahmoud kennen, der aussieht wie ein arabischer Chippendale-Tänzer. (Auch dieser Schauspieler hat sonst nur in israelischen Produktionen mitgespielt – hm.) Dann gibt es eine Party mit einem Kasperletheater, dessen Akteure deutlich besser spielen als jene des richtigen Films. Dort wird ihr u.a. der Vater des Stechers ihrer besten Freundin vorgestellt – Zachi Noy! (Stöhn.) Freundin Beth läuft schließlich angewidert fort, da ihr Stecher von ihr widernatürliche Praktiken verlangt habe. (Als hätte da die Vorstellung des Vaters nicht schon gelangt...) Und zu guter Letzt trifft sie auch auf einen gewissen Paul Chevalier – Englund ohne Maske. Daß dieser sich als Nachfahre des Marquis de Sade entpuppt, auf einmal eine Perücke trägt und tuckig gestelzte Dialoge aufsagt, kann man auch nicht als große Überraschung werten...
Ich gelange immer mehr zu der Überzeugung, daß ich John Carpenter bitter unrecht tat, wann immer ich ihn für seine Geschmacklosigkeit scholt – Tobe Hooper hat diesbezüglich eindeutig mehr auf dem Kasten. Auch er hat freilich gute Filme gemacht, doch lassen die sich an der Hand eines ungeschickten Heimwerkers abzählen. Während er später mit THE MANGLER (ebenfalls von Towers produziert und mit Englund) noch eine der größten Horror-Granaten drehen sollte, die ich jemals gesehen habe, wirkt LIVING NIGHTMARE wie eine Vorskizze für das ganz große Versagen. Was sich die Schauspieler da leisten, ist größtenteils langweilig und hölzern. Die große Ausnahme bildet natürlich Englund, der aufdreht, als gäbe es kein Morgen, ein lausiges Make-Up zur Schau trägt und grausige Dialogsätze hat, z.B.: „Genieß´ den üppigen Duft der Schlammspuren, Eugenie!“ (Ach ja: Das eugenisch erzeugte Genie wird natürlich „Judschinie“ ausgesprochen...) Den üppigen Duft der Schlammspuren genießt die Hauptdarstellerin – die irgendwann einem Bundeswehrkoch eine gute Frau sein wird – in der deutschen Fassung natürlich nicht so ausführlich, denn die ist ziemlich zersäbelt.
Man sollte noch erwähnen, daß Englund auch ein paar ganz peinliche Freddy-Bezugnahmen geschenkt bekommt, etwa das lächerliche Teleskopmesser, mit dem er nicht nur in den Alptraumszenen herumfächert.
Fazit: Diese seltene Mischung aus Marquis de Sade und anti-arabischem Propaganda-Kino ist ein ziemliches Kuriosum, und während THE MANGLER wohl den Tiefpunkt im Hooper'schen Schaffen darstellte, war er doch deutlich unterhaltsamer als dieses wüste Wüstengemisch. Wer Lust hat, kann sich das Teil auf Premiere World anschauen, wo es derzeit läuft...
Zitat Sabina: „Diese Augen... Du hast ja keine Ahnung, zu welcher Dummheit ich sie verführt habe!“
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#78
Geschrieben 14. Mai 2004, 23:49
Burt Lancaster, strahlend in der Streifenhose, wendet sich an das Publikum und verkündet markige Worte...
Wohlan, Piratenfilme habe ich in meiner Kindheit für mein Leben gern gesehen! Und das ist auch kein Wunder, denn der Reiz des Desperadotums erschließt sich dem kindlichen Gemüt am trefflichsten in bunten Pluderhosen. Und wenn dann die Säbel noch richtig schön fliegen, und die Enterhaken ihr altes Lied singen, wie Helge Schneider das ausdrücken würde - dann geht in mir eine Sonne auf!
Erst beim nochmaligen Betrachten dieses Juwels fiel mir auf, wie uncharmant im Vergleich dazu FLUCH DER KARIBIK war - der hatte eigentlich nur Johnny Depp, und dessen Darstellung war wohl auch eher ein disparates Element in einem auf bloße Hardware reduzierten Film. DER ROTE KORSAR flippt locker durch seine 95 Minuten, und ich und meine Angetraute schwonken fröhlich die Piratenflagge!
Burt Lancaster ist natürlich ein Edel-Pirat. In Wirklichkeit waren die gar nicht so. Die echten Piraten - William Kidd, Edward "Blackbeard" Teach, Mary Read oder wie auch immer - waren meistens abscheuliche Gesellen mit einem lamentablen Mangel an Etikette und einer garstigen Vorliebe dafür, in den Eingeweiden ihrer Mitmenschen zu wühlen. Außerdem rochen sie streng. Sie durchwühlten mit ihren kessen Kielen die Gewässer der Freiheit, und dafür gebührt ihnen auch heute noch die Bewunderung vieler. Wenn der Schotmast knirscht und der Klüwerbaum auf achtern geht, da lacht das Herz so manches unscheinbaren Sparkassenbeamten, der für sein Leben gern seinem Boß voll eine auf's Maul zimmern würde.
Wo echte Piraten grimmige Direktheit hätten walten lassen, da erfreut Lancaster sein Publikum mit hehren Posen und einem Lächeln, das an Zahnvollzähligkeit selbst Ralf Möller in den Schatten stellt. Er erklärt sich zu einem Ränkespiel zwischen Regierung und Rebellentum bereit und muß beständig die einen gegen die anderen ausspielen. Während anfänglich die Loyalität zu seiner Piratenbesatzung im Vordergrund steht, gerät diese Maxime ins Wanken, als er die schöne Eva Bartok kennenlernt. Durch zahlreiche Wirrnisse gerät er aber ins wahre Piratenleben zurück und somit zum Happy End...
Die Story ist komplett nebensächlich. Im Vordergrund stehen die unzähligen Scharmützel, die sich Lancaster und sein stummer Kollege Nick Cravat, der einst im Zirkus sein Partner war, mit den bösen Regierungstruppen liefern. Im besten Slapstick-Stil führen die beiden die Autorität (Soldaten etc.) fortwährend an der Nase herum und geben sie der Lächerlichkeit preis - Punks mit Humor lieben diesen Film, jede Wette! Der Spektakel-Wert des Filmes leidet keineswegs darunter, daß Lancaster - aufgrund seiner zirzensischen Vergangenheit - die meisten Stunts selber abliefert. Das ist streckenweise atemberaubend - heutzutage wäre kein Hollywood-Star dazu in der Lage. (Schon, weil die Versicherungen da nicht mitspielen würden...)
Was Robert Siodmak hier abgeliefert hat, ist mein persönlicher Lieblings-Piratenfilm - Spaß von Minute Eins bis Minute Ultimo! Cora & ich haben noch Errol Flynn in dem Klassiker CAPTAIN BLOOD (1935) von Michael Curtiz nachgelegt, der ebenfalls extrem rockt und davon Zeugnis ablegt, daß die romantisierte Darstellung von Piratenhistorie eine ausgeprochen subversive Angelegenheit war, die zu einer Zeit in Hollywood Gesellschaftkritik formulierte, als das auf direkte Weise kaum möglich war. Und das mit Spaß, Stil und Spannung - was will man mehr?
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#79
Geschrieben 18. Mai 2004, 02:00
Mit TV-Horrorfilmen ist das so eine Sache. Bedingt durch das magere Budget, die genormten Sehgewohnheiten des Publikums und die kurze Drehzeit, die den Regisseuren auferlegt ist, gibt es nur ausgesprochen wenig Sehenswertes auf diesem Gebiet.
Auch bei den Italienern verhielt es sich nicht wesentlich anders. Neben gelungenen (und bei uns nie veröffentlichten) Serien wie dem Klassiker "Il segno del comando" oder Lamberto Bavas "Alta tensione" gab es eine ganze Menge Schrott. Da die italienische Fernsehzensur es gerade in jüngerer Zeit gut gemeint hat, sind neuere Beispiele zumindest für Splatter-Fans manchmal von Interesse, aber Qualität macht sich nach wie vor rar.
Eine der berühmtesten Thriller-Serien der italienischen TV-Geschichte war LA PORTA SUL BUIO, ein eminent erfolgreicher 4-Teiler, mit dem der Sender RAI (der damals der einzige TV-Kanal war, der in der gesamten Republik empfangen wurde) sein Image etwas aufpeppen wollte. Für die Gestaltung versicherte man sich der Dienste des durch seine grellen und pittoresken Gialli auffällig gewordenen Dario Argento. Ausgestrahlt wurde die Serie erst 1973, aber ihre Vorproduktion geht bis ins Jahr 1971 zurück. Obwohl meines Wissens vor Jahresfrist eine japanische Laserdisc erschien, war mit einer DVD-Veröffentlichung nicht zu rechnen. Diese ist nun erfolgt, und ich habe mir die Folgen in einem Rutsch angesehen...
Episode 1 (Regie: Luigi Cozzi): Ein junges Paar bezieht sein neues Zuhause, das am Anus der Welt gelegen ist. Unglücklicherweise hat der Nachbar gerade seine Frau umgebracht, was zu diversen Verwicklungen führt...
Episode 2 (Regie: Dario Argento): In einer Straßenbahn wird eine tote Frau entdeckt. Obwohl sie ein Messer in den Hals bekommen hat, will keiner der anderen Fahrgäste etwas bemerkt haben. Der junge Kommissar hat einige Müh mit der Lösung dieses kniffligen Falles...
Episode 3 (Regie: Dario Argento + Luigi Cozzi): Auf dem Nachhauseweg läuft einer Autofahrerin eine junge Frau vor den Kühler. Bei näherer Untersuchung stellt sich heraus, daß sie an einer Revolverkugel starb. Zwar entkommt die Augenzeugin dem Mörder, aber als sie mit der Polizei aufkreuzt, sind Leiche und Mörder verschwunden. Aber aus den Augen ist bekanntlich noch lange nicht aus dem Sinn...
Episode 4 (Regie: Mario Foglietti): In einer Nervenklinik gelingt einem gemeingefährlichen Psychopathen die Flucht. Sofort geschieht ein Mord. Auch die hübsche Protagonistin gerät in Gefahr, als sie sich in einen allzu strahlend aussehenden Mann verliebt, der sich schon bald als Faß ohne Boden erweist...
Wer blutige Gialli im Stil von Dario Argentos späteren Filmen erwartet, wird möglicherweise enttäuscht werden, denn die vier Folgen der Serie bemühen sich um gepflegten Suspense der subtilen Schule. Insbesondere die ersten drei Episoden sind dabei recht erfolgreich und für Fernsehfilme in der Tat beeindruckend spannend. Cozzi orientierte sich für seine Geschichte um den Gattinnenmörder in Not an den Erzählungen von Cornel Woolrich und speziell an Hitchcocks DAS FENSTER ZUM HOF. Dario Argento (der ein Pseudonym verwendete, da er die TV-Aktivität damals als abträglich für seine Filmkarriere bewertete) modifizierte ein Szenario, das er eigentlich für seinen ersten Film, DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE, entwickelt hatte. Speziell die letzten 10 Minuten sind unverkennbar Argento. Episode 3 sollte eigentlich von Argentos früherem Regie-Assi Roberto Pariante gedreht werden, dessen Resultate aber nicht Argentos Plazet fanden. Die letztendliche Geschichte ist nicht gerade überbordend originell, produziert aber auch reichlich Geknister und hat die schöne Marilù Tolo, die danach für einige Jahre Argentos Lebensgefährtin wurde. Den Abschluß macht ein Segment des RAI-Drehbuchautors Foglietti, das exzellent anfängt (mit sehr bizarren Kameraeinfällen), dann aber eher zu einem Psychodrama mit überraschendem Ende wird, in dem neben Robert Hoffmann auch Erika Blanc auftaucht.
Argento machte nach dieser TV-Serie den Historienfilm DIE HALUNKEN (mit Adriano Celentano), bevor er dann mit PROFONDO ROSSO den Weg einschlug, für den man ihn heutzutage entweder verehrt oder ablehnt. LA PORTA SUL BUIO ist ein durchaus lohnender Rückblick auf eine frühe Phase des italienischen Fernsehens, in der die aus dem Kino vertrauten Genremuster in ein strenges Korsett gezwängt wurden. Während die den Regisseuren auferlegten Zwänge mit den Jahren eher rigider wurden und zu immer banaleren Resultaten führten, findet man hier noch frischen Erfindergeist und Experimentierwut, sowohl in formaler wie in inhaltlicher Hinsicht. Alle Episoden haben kurze Intros, in denen Dario sich direkt an das Publikum wendet. (Dieser Umstand machte ihn übrigens quasi über Nacht zu einer populären Medienfigur!) Ein weiteres Plus ist die jazzlastige, stimmungsvolle Musik von Giorgio Gaslini.
Die Doppel-DVD enthält alle vier Folgen, wobei man aufgrund des miesen Grundmaterials, das zur Verfügung stand, eine recht schwache Bildqualität und diverse Tonstörungen in Kauf nehmen muß. Aber - entweder so oder gar nicht! Als Zeitdokument ist die Box unschätzbar und mit informativen, plauderfreudigen Einführungen von Luigi Cozzi versehen. Die Untertitel sind nicht gerade brillant, aber immerhin akzeptabel.
Argento-Fans sollten keine verlorengegangenen SUSPIRIA-Vorläufer erwarten. Stattdessen bekommen sie eine ausgesprochen spannende Kollektion von TV-Gialli geboten, bei der Italoploitation-Fans ein Wiedersehen mit vielen bekannten Gesichtern feiern dürfen. In Anbetracht der lausigen Synchros, die man bei Kleinanbietern häufig verpaßt bekommt, bewerte ich die Tatsache, daß es sich hier "nur" um das Original mit Untertiteln handelt, als positiv.
P.S.: Cozzi bittet die Zuschauer in der Einführung mehrmals, die Folgen in schwarzweiß zu kucken, da sie für eine ebensolche Ausstrahlung konzipiert worden seien. Der Käufer des Silberlings kann seine eigene Wahl treffen, denn es ist natürlich die Farbfassung enthalten, aber ich habe den Weg der farblichen Selbstkastration beschritten und es nicht bereut...
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#80
Geschrieben 18. Mai 2004, 17:29
Einer der Regisseure, denen Roger Corman seine ersten Gehschritte im Filmgeschäft ermöglichte, war Peter Bogdanovich. Nachdem er bei THE WILD ANGELS und THE TRIP bereits Gelegenheit gehabt hatte, aktiv am Exploitation-Zirkus Cormans teilzunehmen, erreichte ihn eines Tages ein Anruf - ob er Lust habe, sein eigenes Filmprojekt zu realisieren. Boris Karloff stünde noch für zwei Drehtage unter Vertrag. Da müsse sich doch etwas herausschlagen lassen...
Bogdanovich sagte nicht etwa ab, sondern ergriff die sich ihm bietende Chance beim Schopfe. Das Ergebnis war TARGETS, einer der ungeschlagenen Low-Budget-Klassiker. Im Rahmen eines Thrillers konfrontiert Bogdanovich die imaginären Schrecken des klassischen Horrorkinos mit dem realen Grauen, das auf der Straße lauert, jederzeit bereit, zuzuschlagen und das Leben von Unbeteiligten zu verwüsten.
Die Story: Der legendäre Horrorschauspieler Byron Orlok (Karloff) will sich aus dem Geschäft zurückziehen. Er hat bemerkt, daß seine alten Gruselstücke von jungen Menschen eher belacht werden denn als schaurig empfunden. Auch geht ihm das heuchlerische Getue der Produktionskräfte auf den Geist. Er will seine Freiheit.
Damit entgeht auch dem Fernseh-Drehbuch-Mokel Sammy (Bogdanovich) seine erste Chance, einen ernsthaften Film zu drehen. Nach Kräften versucht er, den Horrorstar umzustimmen und ihm sein Herzensprojekt zu ermöglichen.
Gleichzeitig entschließt sich ein bislang unauffällig gebliebener Normalbürger namens Bobby Thompson dazu, seinem Leben eine dramatische Wende zu verleihen: Er erschießt seine Mutter, seine Frau und einen Dienstboten. Danach greift er sich das Waffenarsenal des Vaters und betätigt sich als Heckenschütze. Nach zahlreichen Morden verschanzt er sich in einem Autokino, wo Byron Orlok einen letzten großen Auftritt absolvieren will...
Das Budget muß ein flotter Witz gewesen sein. Was Bogdanovich aus seinem Konzept herausholt, ist wirklich Zauberwerk und liefert unter Vermeidung der meisten Thrillerklischees absolute Hochspannung. Das Drehbuch geht (auch schon bedingt durch die schmalen Produktionsumstände) extrem ökonomisch mit der Handlungsführung um und montiert die Insider-Filmstory parallel zu dem Amoklauf des Otto Normalverbrauchers. Die Bilder von Laszlo Kovacs sind dabei nüchtern, ohne überflüssigen Firlefanz und schaffen gerade in den Szenen des Heckenschützen eine klirrende Wirklichkeitsnähe. Der Psychopath (dessen Charakterisierung an die authentische Figur von Charles Whitman angelehnt ist) hat ein nettes Bubigesicht und agiert seine familiären Engpässe auf sozial abträgliche Weise aus. Besonders das brillante Finale - das Orlok mit dem Attentäter zusammenbringt - stellt diesen Zusammenhang klar.
Es ist ausgesprochen rührend, Karloff am Ende seiner Karriere noch einmal in einem richtig guten Film zu sehen. Der große Mime, der zu dieser Zeit bereits mit starken gesundheitlichen Einschränkungen zu kämpfen hatte, war in den Vorjahren hauptsächlich in zweit- bis drittklassigen Horrorgraupen verwurstet worden. Insofern entsprechen die Ressentiments des Orlok in bezug auf das Filmgeschäft vermutlich auch seiner eigenen Gemütsverfassung. Der junge Bogdanovich (dem Chefzyniker Samuel Fuller beim Verfassen des Drehbuchs erhebliche Schützenhilfe leistete) konnte es sich leisten, in dieses Billigprojekt viel von seinen eigenen ätzenden Beobachtungen einzufügen, läßt aber den Film niemals zu einer matten "Seht, so schaurig ist Hollywood!"-Nabelschau verkommen. Im Vordergrund steht das vorzüglich erzählte Drama. Der Film wurde leider nur unter erschwerten Bedingungen ins Rennen geschickt, da die "Paramount" Angst hatte, die gewalttätige Geschichte könne unvorteilhaft mit den Ermordungen von Martin Luther King und Bobby Kennedy assoziiert werden. Trotzdem stellte der Film das Sprungbrett dar für die nachfolgende Karriere Bogdanovichs. TARGETS ist und bleibt aber - wie ich finde - einer seiner eindrucksvollsten Filme. Die DVD bietet den Film in überlegener Qualität und enthält einen Audiokommentar des Regisseurs sowie eine informative Einführung, in der P.B. einiges zu den Hintergründen erläutert. Toll!!!
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#81
Geschrieben 19. Mai 2004, 17:45
Giulio Berrutis Gassenhauer GESTÄNDNIS EINER NONNE alias KILLER NUN ist schon lange nicht mehr über meinen Fernsehschirm geflimmert. Daß ich ihn heute mal wieder hervorkramte, ist einer Anfrage von Groucho zu verdanken, und das Wiedersehen war eine fast reine Freude!
Es geht um die wirklich unerhörten Zustände in einem von Nonnen geleiteten Seniorenstift, der unter der sachkundigen Fuchtel einer gewissen Schwester Gertrud (Anita Ekberg) steht. Dieser Alptraum in weiß hat eine schwere Hirnoperation über sich ergehen lassen müssen, in der ihr „das Böse aus dem Kopf geschnitten“ wurde. Die Trudl ist aber überzeugt davon, daß es immer noch spukt in ihrem Oberstübchen, nur daß der behandelnde Chefarzt (Massimo Serato) nichts davon wissen will. Um ihre Argumentation zu erhärten, leistet sich Schwester Gertrud einige Ausfälle: In einer wirklich großartigen Szene greift sie sich die dritten Zähne einer steinalten Frau und zertritt sie hysterisch keifend auf dem Boden des Eßsaals! (Die alte Frau stirbt daraufhin an einem Herzkasper...) Auch zumindest grenzwertig ist ihr Herumgespiele am Tropf einer Schwerkranken. Man bekommt das Gefühl, daß es sich bei Schwester Gertrud um eine tickende Zeitbombe handele. Schwer verständlich eigentlich, warum sich der Chefarzt so sträubt – ich würde das olle Schrapnell sofort einweisen lassen!
Die Scheiße trifft den Fächer (wie man in England sagt), als auf Geheiß der mörderischen Nonne der Chefarzt abkommandiert wird und stattdessen Joe Dallesandro erscheint, der nicht etwa einen Gärtner spielt, sondern einen weiteren Chefarzt. Schon bald sterben die Senioren wie die Fliegen. Hat Schwester Gertrud etwas damit zu tun?
Zeitweise hat man das Gefühl, es hier mit einem klerikalen Vorläufer von BAD LIEUTENANT zu tun zu haben, denn Schwester Gertrud tut wirklich alles, was sich für gute Nonnen kaum geziemt: Sie stiehlt, mordet, drückt sich Drogen, setzt sich nuttig aufgebrezelt in Aufreißlokale, und, am schlimmsten, hält üble Nachrede! Was mich an italienischen Sexploitation-Filmen immer wieder begeistert, ist der Umstand, daß die Filmemacher meist eindeutig linke Sympathien pflegten. In Deutschland war das immer anders. Man denke z.B. an Veit Harlans unglaublichen Homosexuellen-Film ANDERS ALS DU UND ICH oder die später auftretenden Almöhi-Sex-Schmonzetten, die sich weiß Gott nicht die sexuelle Befreiung aufs Wappen geschrieben hatten, sondern eher verschämte Schenkelschauen mit eingebautem Lustigmach-Faktor präsentierten. Französische Sexfilme gaben sich gelegentlich kämpferisch, erzählten aber meist sehr geradlinig von der entweder idyllisch verkitschten oder aber hemmungslos destruktiven Kraft der Libido. Im katholischen Italien war Sex im Film immer mit einer Decouvrierung der heuchlerischen Moral verbunden, und zwar ungeachtet der Tatsache, ob dies im Rahmen einigermaßen anspruchsvoller Ware geschah oder in letztklassigen Sex-Possen.
GESTÄNDNIS EINER NONNE ist ein filmischer Groschenroman, dessen Melodram so dick aufgetragen ist, daß sich die Balken biegen. Dabei wird dem Zuschauer nachdrücklich eingehämmert, daß das sexuell repressive Umfeld die Monster gebiert, die da ihr häßlich Haupt emporrecken. Berruti hat große Freude daran, liebgewonnene katholische Motive mit hemmungslosem Schmutz zu konfrontieren. Vgl. etwa jene Szene, wo eine Nonne dem flotten Dr. Dallesandro den Prengel polieren will zu den Klängen des „Dies Irae“ aus der Totenmesse.
Die Holzhammer-Strategien des Filmes werden aber noch übertroffen durch die Besetzung der Hauptrolle: 20 Jahre zuvor war Anita Ekberg in den Trevi-Brunnen geklettert. Eine Schauspielerin war sie damals nicht und sollte sie auch niemals werden, aber diese immerhin filmhistorisch heiliggesprochene Blondine in Sleazern wie DAS AUGE DES BÖSEN, DIE SÜSSE HAUT DER ANGELA oder eben diesem Hokomoko zu sehen, ist schon ein Erlebnis der besonderen Art. Und hier trifft es sie mit Abstand am derbsten: Als geiler Straps-Wal von Sankt Zellulitis läßt sie sich zu übelster Muzak aufreißen und in einem Treppenhaus verzuppeln. Das Drehbuch mutet ihr einige ähnlich gelagerte peinliche Auftritte zu, etwa den ersten Mord, bei dem sie in einer Fantasie (hoffentlich!) eine nackte Männerleiche begrabbeln darf, während parallel dazu ihre Gehirnoperation gezeigt wird... Das ist richtig gaga. Es gibt einen herzigen Subplot mit einer mädchenhaften Nonne, die Gertruds matronenhaften Reizen erlegen ist und sich gerne etwas an ihr schubbern würde. Anita/Gertrud verkündet aber, daß sie auf Männer stehe und demütigt die Kindfrau, indem sie ihre „schwabbligen, großen Brüste“ verhöhnt! Die Ekberg – um es jetzt mal ganz uncharmant zu sagen – war zu diesem Zeitpunkt bereits sehr dick. Die im Trevi-Brunnen, und der ganze Platz schwimmt! Da kann man schon nicht mehr von Steinen sprechen, die auf Glashäuser geworfen werden – das ist exakt das hier...
Die „tour de farce“ von Frau Ekberg wird gnadenlos durchgezogen bis zum Schluß, bis sie endlich ihren Captain Ahab gefunden hat. Neben Serato und einem herrlich deplazierten Dallesandro gibt es noch ein Wiedersehen mit der großen Alida Valli, und auch Lou Castel kraucht an Krücken umher. Die Musik stammt von Alessandro Alessandroni, der u.a. ein Spannungsthema serviert, das seine Gitarren-Riffs zu Morricones AUTOSTOP ROSSO SANGUE variiert.
Insgesamt hat mir das Wiedersehen mit GESTÄNDNIS EINER NONNE also durchaus Spaß gemacht. Wer deftigen Sex erwartet, sollte womöglich weitersuchen. Auch die Blutrunst (auf der alten Bavaria-Kassette geschnitten, im TV komplett) hält sich in Grenzen. Aber was schreckliche Zurschaustellungen alternder Diven angeht, so habe ich dieses Werk im lustigen Buch von Christoph Dompke eindeutig vermißt. Un-glaub-lich!
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#82
Geschrieben 28. Mai 2004, 23:41
STATE OF GRACE von Phil Joanou ist ein sträflich vernachlässigtes Juwel des neuen Gangsterfilmes, wie ich bei der heutigen Wiederbetrachtung erneut feststellen durfte. Angesichts des heutigen Überschusses an Hollywood-Generalverdummungs-Mobilmachung ist solch ein intimer, charakterzentrierter und stimmungsvoller Film ein gehöriger Mutmacher. Sieht man einmal von ROAD TO PERDITION ab, kann ich mich an keinen ähnlich gelungenen Film dieses Sujets aus jüngerer Zeit erinnern...
Terry Noonan (Sean Penn) ist einst in Hell's Kitchen, einem besonders ruppigen Viertel der Bronx, aufgewachsen, inmitten des irischen Einwanderergewimmels. Der harten Schule von damals ist er entflohen und hat sein Heil in zahllosen Regionen der USA gesucht, in denen er aber auch nicht glücklich geworden ist. Schließlich kehrt er zurück, als kleiner Glücksucher und Gelegenheitsganove. Bei einem Zwischenfall mit Drogendealern kommt es zu einer Schießerei, bei der zwei Menschen den Tod finden. Dieser Umstand ist seine Visitenkarte in den Flannery-Clan, der von dem extrem toughen Frankie (Ed Harris) geleitet wird. Dessen kleiner Bruder Jack (Gary Oldman), Terrys bester Freund aus Jugendtagen, ist begeistert, den verlorenen Kumpel wiederzutreffen. Schon bald kristallisiert sich allerdings heraus, daß die Gangsteraktivitäten der Flannerys eine zu harte Nuß darstellen für Terry, denn...
SPOILERWARNUNG
...er ist in Wirklichkeit als Undercover-Ermittler für die Polizei tätig und soll den Iren-Mob auskundschaften. Dieser Umstand wird allerdings schon nach etwa 40 Minuten klar, weswegen das jetzt auch nicht wirklich ein echter Spoiler ist – steht auch fett auf dem Klappentext druff! Aber mich hat's halt überrascht, denn ich lese keine Klappentexte, und mein Gedächtnis ist auch nicht mehr das, was es mal vor dem Krieg war...
SPOILERENDE
... und so wird Terry alsbald von Gewissensbissen gepeinigt: Durch die Wiederbegegnung mit den Freunden von einst werden ihm die Gemeinsamkeiten wieder deutlich, die er längst vergessen zu haben glaubte. Gleichzeitig sieht er aber auch, was für eine Gefahr die Verbrecher darstellen. Jack etwa – obwohl Terrys bester Freund – ist ein wesentlich schwächerer Mensch als der diamantharte Frankie und überspielt seine unterliegende Unsicherheit mit coolem Gehabe und cholerischen Ausbrüchen, die schon mal unschuldigen Außenstehenden ein paar Zähne oder sogar das Leben kosten können. Auch die Beziehung zu Terrys Jugendliebe Caitlin, die wieder aufgeflammt ist, macht die Sache nicht einfacher. Für sie liegt der Fall ähnlich wie für Terry: Obwohl sie sich von ihren Ursprüngen entfernt hat und ihren Bruder Frankie und seine Spießgesellen verachtet, sind sie eben doch letzten Endes ihre Familie. Diese Verzahnung von moralischen Fallstricken und unmittelbarer Bedrohung von Leib & Leben wird schließlich gruppendynamisch ausagiert vor dem Hintergrund des Umzuges am St. Patrick's Day...
Ethnische Minderheiten waren auch das Thema von Michael Ciminos hervorragendem Polizistendrama YEAR OF THE DRAGON, und auch wenn STATE OF GRACE an das emotionale Wechselbad jenes „Ein rassistischer Polackenbulle räumt in Chinatown auf“-Filmes nicht ganz heranreicht, so bilden doch ähnlich intensive moralische Grundfragen sein Rückgrat. Die Welt von STATE OF GRACE ist eine Welt harter Männer, die nach streng kodifizierten Verhaltensweisen leben. Die Welt der Gefühle ist den meisten Protagonisten vollkommen fremd. Sie haben sich durch ihre Erziehung einer Umgebung angepaßt, die von ihnen ein striktes Funktionieren erfordert. Wer aus der Reihe tanzt, wird ausgeschaltet. Selbst die Blutsbande treten gegenüber diesen Kodices in den Hintergrund, wie an verschiedenen Stellen des Films deutlich wird. Frankie ist dabei der härtere der beiden Brüder: Er weiß um die geheime Welt und klammert sie bewußt aus (was u.a. die Beziehung zu seiner Schwester dokumentiert) – er hat seine Prioritäten gesetzt. Jack hingegen (Paraderolle für Oldman!) weiß nichts von den Komplikationen. Er spürt sie nur manchmal schmerzhaft, wenn er an seine Grenzen stößt – dann keilt er brutal aus. Er ist an keiner Stelle des Films so ehrlich wie in jener Szene, wenn er aus Trauer über den Mord an einem Freund zuerst einen komplett Unschuldigen vermöbelt, sich dann besäuft und in einer Kirche randaliert. Vor einer Heiligenstatue klappt er dann zusammen und beginnt haltlos zu schluchzen und für seinen Freund zu betteln – Parallelen zu BAD LIEUTENANT sind da durchaus nicht von der Hand zu weisen... Terry Noonan schließlich ist sich seiner Judasrolle voll bewußt und leidet darunter, daß er – egal, was er tut – nur das Falsche tun kann. Er vernichtet mit dem nach Gesellschaftsmoral Bösen auch eine wichtige Seite seiner selbst. Alle Entschuldigungen und Alibis für seine Position verliert er im Laufe des Films. Am Schluß kann es da nur eine Rückkehr zum atavistischen Racheprinzip geben, die ihm auch seine Erziehung vorgibt – das irische Blut hat gesiegt...
STATE OF GRACE ist vor allem einmal imposant gespielt. Sean Penn habe ich selten so brillant gesehen wie in diesem Teil, Gary Oldman garyoldmant in gewohntem Stil alles an die Wand, und Ed Harris paßt sich dem hohen Qualitätsstandard mühelos an. Robin Wright (Sean Penns Ehefrau) ist „too beautiful for words“ und verkörpert das Ideal der irischen Schönheit mit Querkopf. James Russo (einer meiner New Yorker Lieblingsschauspieler) hat einen guten Gastauftritt, John Turturro glänzt als Bulle, und selbst der gute alte Burgess Meredith taucht kurz auf, als seniler Alkoholiker, der nur in Ruhe in seiner Angst leben möchte... Daß ausgerechnet U2-RATTLE AND HUM-Regisseur Phil Joanou diesen Film so ruhig und unspektakulär gedreht hat, hat mich sehr gewundert, aber die gewalttätigen Eruptionen sind in der Tat die Ausnahme. Am Schluß gehen ihm allerdings alle Gäule durch, wenn auch zum Vorteil des Resultats: Der „St. Patrick's Day“ wird in all seiner pittoresken Pracht gezeigt, während sich anderswo ein zeitlupiges Blutbad zuträgt, daß dem Film seine wohlverdiente 18er-Freigabe gesichert hat – da fliegt die Suppe quer durch die Küche! Ennio Morricones Soundtrack unterstreicht den schicksalshaften Charakter der ablaufenden Tragödie und versieht seine moll-lastigen romantischen Motive mit vielen schrägen Brechungen – eine weitere CD des Maestros, nach der ich mal Ausschau halten werde!
Unterm Strich handelt es sich bei STATE OF GRACE um einen zwar altmodischen, aber emotional ungemein intensiven Gangsterfilm, hinter dem sich viele moderne Starkmännereien getrost verstecken können! Die DVD von MGM präsentiert den Film in hervorragender Qualität. Zwar wird der Verzicht auf Extras viele Kunden etwas vergrellen, aber ich gehöre ja noch zu jenen Film-Fans, für die in erster Linie der Film als solcher von Interesse ist und die sich darüber freuen, wenn solche schönen Straßenfetzer für 9 Euro 99 im Kaufhaus-Regal auftauchen!
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#83
Geschrieben 29. Mai 2004, 06:03
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#84
Geschrieben 01. Juni 2004, 12:32
In den fünfziger Jahren hatten die Katastrophen-Filme eine Laufzeit von etwa 75 oder 80 Minuten und waren strikte B-Ware. Seitdem Irwin Allen mit seinen Monumentalfilmen (FLAMMENDES INFERNO et al) die Dauer solcher Unterhaltungen deutlich hochgeschraubt hat, ist das Gardemaß für zünftige Weltuntergangs-Szenarien ein anderes – unter 50 bis 60 Millionen Öcken macht das heute kein Produzent mehr. Steven Spielberg schon gar nicht: Nach langen Jahren des strammen Ignorierens habe ich mir jetzt endlich einmal TWISTER angesehen, von dem ich bislang immer dachte, er handele von dem gleichnamigen Speiseeis. Cora hatte aber Bock auf Katastrophen, und so durfte ich denn feststellen: Der Film HANDELT vom gleichnamigen Speiseeis!
Muaaaah, was 'ne Graupe! Kommen wir erst einmal zu den Wissenschaftlern: Natürlich darf man nicht erwarten, daß die Drehbuchautoren auch nur im mindesten über meteorologische Kenntnisse verfügen, doch kann man dann nicht wenigstens Knallchargen besetzen, die einigermaßen glaubhaft Heldentugenden verkörpern? John Agar oder Peter Graves vielleicht? Die Wissenschaftler aus TWISTER erinnern jedenfalls an eine Horde geistig zurückgebliebener Trekkies mit schweren Beziehungsproblemen. Und die Beziehungsprobleme sind sooo unbrisant. Abgesehen davon, daß Bill Paxton in diesem Film stark an Fernseh-Kanonen wie Marc Singer erinnert und seine Besessenheit mit Wirbelstürmen (die im wirklichen Leben zumindest kommentarintensiv, wenn nicht sogar Grund zur Einweisung in eine Geschlossene wäre!) in seinen glatten Zügen nicht wirklich aufschimmert, sind seine zwei Frauen so uninteressant charakterisiert, daß selbst der durchschnittliche Event-Movie-Fan eigentlich jaulen müßte. Helen Hunt ist die burschikose Ex-Kumpelette, der jegliche sexuelle Ausstrahlung völlig abgeht und der deshalb im Rahmen dieses Spektakels das „Sie finden eh wieder zusammen“ geradezu auf die Stirn tätowiert ist. Vom Zielpublikum wird ja auch nicht erwartet, daß es heftig masturbierend auf den Kinosesseln herumbubbert, während Anna Falchi den Wetterfrosch quaken läßt... Auch sie ist dem diskreten Charme der Wirbelstürme verfallen und setzt ungehemmt nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das von komplett Unbeteiligten aufs Spiel. Yippie! Die Alternative zur geschlechtsneutralen Nerd-Frau ist ein ebenfalls farbloses Zierpüppchen, gespielt von Jamie Gertz, die es sich aus irgendeinem unerfindlichen Grund in den Kopf gesetzt hat, aus dem Fachidioten Paxton einen braven Hausmann zu machen. Das Zielpublikum der 12-Jährigen jeden Alters hat da natürlich etwas gegen, denn „boys will be boys“, und wir lassen uns das Singen nicht verbieten. Vernunft hat in diesem tobenden Inferno nichts verloren. Schade nur, daß der Beziehungskonflikt so vorhersehbar und so uninteressant ist. Man wünscht den Wirbelstürmen, die in dieser Region der USA (=Oklahoma) anscheind im 5-Minuten-Takt durch die Gegend ziehen, bei der Verrichtung ihrer sinnvollen Tätigkeit alles Gute!
Es gibt einen bösen Wissenschaftler, der von Cary Elwes gespielt wird und ähnlich langweilig konzipiert ist. Merke: Wenn etwas schon nach Schema F verläuft (und das ist bei Unterhaltungsware in der Regel der Fall), dann sind wenigstens die Schurken markig zu gestalten und mit dem Reiz der Schlangengrube zu versehen. Hier wird das komplett verschenkt – der Böse ist lediglich ein Negativ-Nerd, der tatsächlich geistig noch umnachteter erscheint als seine Kollegen. Die übelste Rolle hat der eigentlich hochbegabte Philip Seymour Hoffman erwischt, dessen Gehampel als „lustiges Element“ so auch von Daniel Küblböck hätte übernommen werden können. Toll auch die Einführung einer Eso-Omi, der lauter klingelndes Gepömpel vor dem Haus aufgehängt hat, bis zum Brechreiz mutig und gefaßt ist und ansonsten mit dem Charme der frohgewordenen Vettel verbissen in die Kamera grient. („Rettet Tante Meg!“)
Das Einzige, was mir an dem Film gefallen hat, war die herumfliegende Kuh, die „Muuuuh!“ macht – die hatte was und strahlte eine Würde aus, die den meisten Beteiligten ziemlich abging. Damit wir uns recht verstehen: Gelacht haben ich und meine Mitzuschauerin eine ganze Menge, aber hauptsächlich aus den falschen Gründen! Als einer der „Wissenschaftler“ die Erscheinung eines Wirbelsturms ernsthaft mit den Worten kommentiert: „Der Finger Gottes!“, johlten wir beide fröhlich los und hielten den Stinkefinger gen Fernseher... Auch interessant die ewige Grundfrage, warum die Amis in solch einer krisengeschüttelten Region ihre Häuser offensichtlich aus Pappe basteln und die Schutzräume irgendwo 50 Meter vom Wohnraum entfernt anlegen, wo man im Bedarfsfall eh nicht mehr rechtzeitig hinkommt...
Jetzt wünsche ich mir einen Film über eine wildgewordene Springflut. Den kann man dann „Ed von Schleck“ nennen. Der sieht auch so „nerdy“ aus.
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#85
Geschrieben 01. Juni 2004, 13:23
So, und in einem Rutsch haben wir uns dann noch den Kroko-Krauler LAKE PLACID angesehen, der von manchen als LAKE RANCID verunglimpft wird... Und was soll ich sagen? Verglichen mit TWISTER war das ein Musterbeispiel für einen kleinen, bescheidenen Monsterfilm, dessen Drehbuch die meisten Klippen wesentlich eleganter meisterte, als das bei der wurmstichigen Windhosenaffäre der Fall gewesen war!
Steve Miner (UND WIEDER IST FREITAG DER 13.) beginnt seinen Film mit einem Tierforscher, der im titelgebenden See Biber studieren will. Dabei beleidigt er sofort den dicklichen Stadtsheriff (Brendan Gleeson) und trägt städtische Borniertheit zur Schau. Unter Wasser setzt es dann natürlich sofort die seit JAWS obligatorischen subjektiven Aufnahmen aus der Sicht eines Haies, eines Bibers, einer Seegurke, was immer. Die Kamera fährt langsam von hinten an ihn ran, während er einen Biberbau bestaunt. (Cora: „Jetzt fickt der Biber ihn gleich in den Arsch!“) Dann gluckert es unschön im Wasser, der Taucher erscheint an der Wasseroberfläche, wird von unbekannter Hand (?) einige Meter hin und her geschleudert und dann als eingeweideschlackernder Torso geborgen.
Zu diesem Zeitpunkt freuten ich und Cora uns nicht nur über das Auftauchen von Schpledder, sondern stellten Mutmaßungen an über den gewaltigen mutierten Biber, der zweifelsohne das Monster des Filmes stellen würde. Da es eine ganze Zeit dauert, bis man das Monster tatsächlich zu sehen bekommt, biberten wir fleißig vor dem Bildschirm mit!
Leider erweist sich das Monster als riesiges Krokodil, aber während in TWISTER langweiliges Familien-Gedöhns in epischer Länge abgehandelt wird, gibt es hier die Tröstungen von zum Teil sogar ganz lustiger Komödie. Am besten gefällt mir dabei der Sheriff, der sich von nahezu allen anderen Protagonisten kiebige Bemerkungen in Richtung Landeiertum gefallen lassen muß. Zu Anfang beweist er dabei noch Sportsgeist und ein dickes (Biber-)Fell, aber im weiteren Verlauf der Handlung platzt ihm der Kragen... Die Helden sind diesmal Bill Pullman und Bridget Fonda. Na ja. Hätte schlimmer kommen können. Pullman verbinde ich leider immer mit seinem Präsidenten aus INDEPENDENCE DAY, aber mit LOST HIGHWAY erreichte ihn der Adelsschlag. Den muß Bridget bis heute noch vermissen, aber immerhin ist ihre Wissenschaftler-Schnepfe um einen Tacken besser als ihr Gegenstück aus dem Windbeutel-Film, und herzzerreißend ist ihre Vorgeschichte, da ihr der Beziehungspartner von einem brünetten Bimbo (der Tochter von Mickey Hargitay!) ausgespannt wurde. Ernst nehmen soll man bei diesem Film gar nichts, und so kommt dann irgendwann Oliver Platt dazu, der den zynischen „Wissenschaftler ohne soziale Fertigkeiten“ spielt. Der hat allerdings einige Male die Lacher auf seiner Seite, und man fragt sich sehr bald, wann der Sheriff ihm endlich eine aufs Maul haut! (Geschieht mehrmals.)
Insgesamt ist LAKE PLACID natürlich eine durchweg unoriginelle Geschichte, aber das Drehbuch ist immerhin recht fair und serviert dem Zuschauer neben den parodistisch angelegten Charakteren genügend appe Köpfe und Kroko-Gewimmel, um anmutig über die Runden zu kommen. Mehr als 5 Millionen hat der Film eh nicht gekostet, und dafür finde ich das Resultat mundgerecht. (Man vergleiche ihn etwa mit Tobe Hoopers CROCODILE...)
Mit Bibern wäre der Film aber besser gewesen!
P.S.: Ich verweise da aus meiner Lieblingsszene in DIE NACKTE KANONE, in der Priscilla Presley auf eine Leiter steigt, um ein Buch aus dem Regal zu holen. Leslie Nielsen schaut unter ihren Rock und sagt: „Nice beaver!“, woraufhin sie ihm einen ausgestopften Biber herunterreicht...
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#86
Geschrieben 01. Juni 2004, 14:22
Die DVDs aus der Mario-Bava-Reihe von „Image“ haben ja insgesamt eine durchaus durchwachsene Qualität, die in keinem Verhältnis zum Anschaffungspreis steht. TWITCH OF THE DEATH NERVE etwa hat ein okaynes Bild, aber der Ton ist einfach grausig. BARON BLOOD ist auch ziemlich mau.
FIVE DOLLS hingegen ist wirklich ganz ordentlich. Der englische Sound könnte natürlich besser sein, aber ehrlich gesagt stehe ich eh nicht so auf die Export-Synchros bei italienischen Filmen – die sind selbst bei Argento lausig! Am liebsten habe ich ja die vielgescholtenen deutschen Kino-Synchros alter Tage. Wenn jene aber nicht zur Verfügung stehen – wie bei CINQUE BAMBOLE -, dann weiche ich meistens auf die Option „OmU“ aus.
Zum Film selbst ist zu bemerken, daß er gegen den gerade vorher entstandenen DIABOLIK natürlich etwas abstinkt, aber in formaler Hinsicht bekommt man einiges geboten. Die Story ist sehr dünn, zugegeben, aber das war bei Gialli ja immer so. Es geht um einen Professor (William Berger), der eine mysteriöse Formel erfunden hat, die das geballte Interesse einiger Finanzhaie erregt. Im auf einer abgelegenen Insel situierten Strandhaus des Wissenschaftlers kommt ein buntes Grüppchen zusammen, das vollständig aus halbseidenen Geschäftemachern und ihren schmuckbehangenen Schlampen besteht. Schon bald hält Freund Heiner Einkehr, und im Kühlraum stapeln sich die Leichen...
Fotografiert ist diese „Zehn kleine Negerlein“-Geschichte mit der von Bava gewohnten Sorgfalt und Primärfarbenlastigkeit. Der Umstand, daß der Film zur absoluten Hohezeit des bunten Beat-Schnickschacks (inklusive der zeittypischen Mode-Narreteien und Frisuren-Verbrechen) entstand, sichert ihm ebenso Schauwerte wie die Anwesenheit von Hübschinen à la Edwige Fenech (die zu Beginn einen tollen Tanz aufführt) oder Ira von Fürstenberg. Im Vergleich zu Bavas Ur-Giallo BLUTIGE SEIDE ist festzustellen, daß die Spannung des Filmes erst relativ spät einsetzt. Auch so werden Auge und Ohr aber angemessen umkuschelt, und für das Ohr ist die Easy-Listening-Mucke von „Manna Manna“-Schöpfer Piero Umiliani zuständig – eine Bank!
Insgesamt war ich auch beim nochmaligen Ansehen des Filmes sehr zufrieden. Böse Menschen, die sich gegenseitig dezimieren, sind immer eine sichere Miete, finde ich. TWITCH OF THE DEATH NERVE – der in mancherlei Hinsicht vorskizziert wird – gefällt mir noch eine Nummer besser, aber man soll nicht mosern...
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#87
Geschrieben 02. Juni 2004, 02:01
Mit Arnold Schwarzenegger ist das so eine Sache. An und für sich finde ich viele seiner Filme sehr unterhaltsam, und ihn selbst, bevor er in die Politik einstieg, sogar nachgerade sympathisch. Ein Schauspieler – das kann nicht verschwiegen werden – isser aber nicht! Schwierig wurde der Fall ab einem gewissen Zeitpunkt in seiner Karriere, wo dem kräftigen Herrn aus der Steiermark auch Rollen zugedacht wurden, die im Verlaufe der Handlung eine Entwicklung durchlaufen, was ja schon eine gewisse mimische Expertise erfordert. Während sein langjähriger Muskel-Mitstreiter Sylvester Stallone diesbezüglich zumindest auf dezente Meriten verweisen kann – gekürt von seiner hervorragenden Leistung in COPLAND -, sah es bei Arnie immer etwas duster aus. Ich kann mir nicht helfen – ich muß immer daran denken, was wohl wäre, wenn man an seiner statt Olli Kahn in den Dschungel geschickt hätte, um den Päderator rauszuboxen... Mein Lieblingsfilm mit ihm bleibt – neben den ersten beiden Terminatoren – vermutlich der strunzblöde COMMANDO, der in seiner Tumbheit aber richtig großes Kino darstellt, da gibt es nix...
COLLATERAL DAMAGE nun wurde vor 9/11 gedreht, kam aber erst nach dem schicksalsträchtigen Tag heraus. Als ich den Film das erste Mal zu kucken versuchte, schaffte ich gerade mal eine halbe Stunde. Beim zweiten Anlauf kam ich durch, und gar so schlimm ist der Film eigentlich doch nicht, wenngleich ihm der Trash Appeal vergleichbarer Filme dramatisch abgeht. Die unschuldige Doofheit etwa der Dudikoff-Epen besitzt er an keiner Stelle. Stattdessen setzt er hier und da kritische Akzente, die aber im weiteren Verlauf der Handlung völlig fallengelassen oder sogar negiert werden. Das wirkt dann schon eher ärgerlich als unfreiwillig belustigend.
Aber langsam: Arnold spielt einen Feuerwehrmann namens Corky oder Corny Brewer, der bei einem Terroranschlag auf das kolumbianische Generalkonsulat seine Frau und seinen Sohn verliert. Es wird vom Drehbuch immerhin dezent angedeutet, daß persönliche Schuldgefühle ihn zwacken, aber im Groben & Ganzen ist es die Lust nach der Blutwurst, die ihn antreibt. Nachdem die Versteinerung des ersten Moments verflogen ist, haut er eine politische Gruppierung von linken Zecken zu Klump und reist dann inkognito über Panama nach Kolumbien, um dem Top-Terroristen „El Lobo“ die Lichter rauszuhauen. Bis hierhin könnte der Film noch eine gute unfreiwillige Komödie werden. Schon komisch: Da kommt der dicke Österreicher, dringt ohne Visum in ein kriegsumwittertes Land ein und läuft dann einfach so durch die Gegend, ohne daß groß was geschieht. Da ihn ein hinterhältiger Uhrenhändler verpfeift, wird er von der Staatspolizei gekascht. Durch Mithilfe eines kanadischen Notzuchtverbrechers mit direktem Draht zu den Guerilleros gelingt ihm das Vordringen in den Sektor, der von den Rebellen kontrolliert wird. Da trifft er den nächsten pittoresken Charakter – einen ein „Metallica“-Shirt tragenden Pachuco, der gerne in den USA schlechten Anti-CIA-HipHop machen möchte und so lange für die Rebellen Kokain anbaut...
Merkt Ihr was? Der Dünnpfiff fließt in Strömen! Rein dramaturgisch ist festzuhalten, daß der Film mit einem komplett verschenkten Feuerwehr-Einsatz beginnt, bei dem noch rein gar nichts etabliert ist und der somit wirkungslos verpufft. Der Terror-Anschlag macht gut rabumm, aber nach dem müßigen Gehampel in Brewers Heimat (feat. the always obnoxious sunglasses-wearing CIA goons) kommt es in Kolumbien nur zu einigen viel zu schnell (=unübersichtlich) geschnittenen Actionszenen, namentlich dem Angriff der Guerilleros auf die Staatspolizei und Arnies Massaker im Kokain-Camp der hampelnden HipHop-Gangster.
Nachdem dann der Ober-CIA-Motz eine ganze Wagenladung unschuldiger Zivilisten niedermetzelt und einiger pathetischer Moraltönjes abgesondert wird (auch „El Lobo“ hat seine Tochter verloren!), wechselt die Handlung wieder zurück in die Vereinigten Staaten: Auch in Washington DC soll eine Bombe versteckt sein. Ab dort wird der Film fast gut, aber die Kaltschnäuzigkeit, mit der die aufgeworfenen moralischen Fragen von der Oberflächenspannung, die auf einmal losbricht, beiseite gefegt werden, hätte schon vor den „Twin Towers“ einen ranzigen Nachgeschmack hinterlassen...
Regisseur Andrew Davis verdiente sich sein Lehrgeld als Kameramann. Einen frühen Glanzpunkt setzte er mit dem zumindest okaynen Backwoods-Slasher THE FINAL TERROR (ANGST/TODESFALLE AM MILL CREEK), der u.a. Daryl Hannahs Karriere lancierte. Er selber machte sich einen Namen als Actionregisseur, zuerst mit Chuck Norris in CUSACK DER SCHWEIGSAME und dann mit Steven Seagal, mit dem er auch seinen besten Film, den bombigen ALARMSTUFE ROT, drehen sollte. Seine sonstigen Arbeiten zeichnen sich durch die komplette Vermeidung eines eigenen Stils bei gleichbleibender technischer Kompetenz aus. Allerdings benötigt man auch bei Haudrauf-Actionfilmen ein Drehbuch mit guter Grundsubstanz und Sinn für Dramaturgie, und mit beidem ist das Skript der Griffiths-Brüder (die bei Friedkins Männlichkeits-Epos THE HUNTED bessere Arbeit leisteten) nicht überreich gesegnet.
Wäre der Film einfach nur ein duller Hochglanz-Actionfilm (oder gar eine komplette Granate wie RAMBO 2 oder DIE CITY-COBRA!), dann wöge das nicht schwer. Bei COLLATERAL BLADDER DAMAGE bemüht man sich leider um Schattierungen, und das geht komplett in die Hose. Es wird angedeutet, daß Arnies Charakter Brewer sein Menschsein verliert, da er von Rache aufgefressen wird. Durch den Sermon von der Terroristen-Gattin Selena, die Arnold pflegt, da er ihren Jungen gerettet hat, erfährt Arnold, daß „El Lobo“ mal ein netter Lehrer war, bevor man sein eigenes Kind tötete und er dem Haß verfiel. Die Enttarnung der Sinnlosigkeit des „Gewalt/Gegengewalt“-Schemas (wie sie derzeit sehr anschaulich im „Off-Topic“ von DVD-Inside demonstriert wird) erfährt im Schlußteil ihre komplette Negierung, und das nicht auf der Grundlage von guten Argumenten, sondern weil es eben ein paar dramatische Holzhämmer sichert, die die gähnenden Löcher in der Charakterkonstruktion kitten sollen. Auch der CIA-TopGoon Peter Brandt (Elias Koteas) wird als ziemliche Supersau dargestellt, die nicht davor zurückschreckt, kistenweise Menschen zu verheizen, nur um im Finale dann doch irgendwie Recht zu haben...
Elias Koteas gehört übrigens zu den wirklich hervorragenden Schauspielern, die derzeit von Hollywood in solchen Dummquatsch-Rollen verheizt werden. Cronenberg-Fans werden ihn als Autoshow-Aficionado aus CRASH kennen, aus GOD'S ARMY oder vielleicht auch den Filmen von Atom Egoyan (z.B. DER SCHÄTZER oder EXOTICA). Die Rolle des „Lobo“-Liebchens Selena wird von Rosalba Neris Tochter (!) Francesca gespielt, deren Muschi man aus Bigas Lunas Geht-so-Verfilmung von Almudena Grandés´ LULU kennen mag. Was John Turturro angeht (einem anbetungswürdigen Schauspieler, dessen Regiearbeiten MAC und ILLUMINATA beide große Klasse sind!), so wird er hier wieder auf seine früheren Rollen als feiges Wiesel reduziert und somit ebenfalls verheizt.
Sieht man COLLATERAL DAMAGE vor dem Hintergrund des 11. September und der nachfolgenden Ereignisse, stellt sich der Kotzreiz ein, denn es wird (nicht zuletzt durch den Titel) der Eindruck erweckt, als ginge es den Machern wirklich um eine Ächtung der sogenannten Kollateralschäden, die sowohl auf amerikanischer wie auch auf afghanischer/irakischer Seite reichlich angefallen sind. Die differenzierenden Töne stellen sich aber bald als Mogelpackung heraus, da es letzten Endes nur um die „Rache ist Blutwurst“-Thematik geht, und der Arnold hat Recht, wenn er als „Ein Mann allein“ in das fremde Land eindringt und Gerechtigkeit schaffen will, die letztendlich nur auf seiner persönlichen Tragödie begründet ist. Klügere Menschen als ich können den Film gerne als sinnfällige Allegorie auf die politischen Ereignisse der letzten Jahre deuten und ausanalysieren – es träfe mit Sicherheit zu. Als reiner Actionfilm ist der Film so lala, nicht sonderlich schlau konstruiert, aber auch nicht sonderlich schlecht, und die letzten 25 Minuten sind sogar ziemlich spannend. Insgesamt aber – meine Privatmeinung – lutscht der Film massiv, denn die wirkliche Welt kann ich aus meinem Sehgenuß nicht wirklich ausklammern.
„Hello, my friends! Sis is `Pumping Up With Hans And Franz' and ve vant to pomp – yo up! Hear me now and b'lieve me lader, mein Liebchen...“ (Saturday Night Live)
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#88
Geschrieben 04. Juni 2004, 11:41
Mit seiner Freundin in einen Film wie A SNAKE OF JUNE gehen zu können, ohne daß diese meutert, ist wohl schon ein Beweis dafür, daß die Feen sich über die Verbindung gebeugt haben!
Was ich von Shinya Tsukamoto zu halten habe, ist mir bis heute nicht wirklich klar. TETSUO gehört nach wie vor zu den unangenehmsten, aber eindrucksvollsten Filmen, die ich jemals gesehen habe. Manche seiner Bilder werden wohl auf ewig Bestandteil meiner Gefühlswelt bleiben. Woran das liegt, ist mir eigentlich schleierhaft, denn von meiner persönlichen Geschichte her bin ich eher dem Lichten und Schönen zugewandt und hasse nichts mehr als das depressive Schwelgen in Negativem, das ja häufig in für die Außenwelt schwer zu ertragendem Selbstmitleidskäse resultiert. In gewisser Weise ist der Schluß von TETSUO ja auch durchaus positiv: Wenn die schmerzhafte Metamorphose des Lebewesens zu einem Mensch-Maschine-Hybriden abgeschlossen ist, der andere Lebewesen absorbiert und in seinen Organismus aufnimmt, rattert das Konglomerat wütend und lebendig durch die Straßen und ruft den Frühling herbei. Das ist nicht notwendigerweise licht und schön, aber gemessen an dem qualvollen Vorzustand des Ringens mit der Veränderung – den eher Stillstand und Regression charakterisiert – verspricht die Geburt des neuen Wesens Zerstörung und Erneuerung. In jedem Fall hat da etwas zu sich selbst gefunden und formt die Welt nach seinem Bilde um. Neben den beängstigenden Aspekten ist der vorherrschende Eindruck jener der Befreiung von den Fesseln. Mit Cronenberg verbindet Tsukamoto auf jeden Fall so manches.
BODY HAMMER und HIROKU (THE GOBLIN) fand ich dann eher etwas konventioneller, wenngleich ich sie mir vielleicht demnächst noch einmal zu Gemüte führen sollte. GEMINI verwirrte mich maßlos, aber auch er lohnt wohl das mehrmalige Betrachten.
A SNAKE OF JUNE erinnert nicht nur ästhetisch an Tsukamotos Erstling, wenngleich die Story diesmal von einer Metamorphose handelt, die in der realen Gegenwart stattfindet. Die Hauptfigur ist eine Telefonseelsorgerin, Rinko, die sich Tag für Tag den inneren Konflikten von Unbekannten widmet. Darüber vergißt sie ihren Haussegen, der auf tönernen Füßen begründet ist: Ihr Mann ist ein biederer, von gelegentlichem Putzzwang befallener Hanswurst, der seine Frau nicht nur in sexueller Hinsicht vernachlässigt. Als sie von Brustkrebs befallen wird, ist er nicht einmal ansatzweise dazu in der Lage, mit der Situation umzugehen, sondern verdrängt brav und putzt weiter seine Abflüsse. Ein ehemaliger Problemfall von Rinkos Arbeitsstelle kontaktiert sie bei sich zu Hause und schickt ihr Fotos, auf denen ihr „geheimes Leben“ abgebildet ist. Dieses geheime Leben ist pillepalle, vergleicht man es mit den Deviationen, die tagtäglich auf unseren Bildschirmen abgebildet werden, um eine Welt der Sinnlichkeit vorzugaukeln, aber für Rinkos repressives Gemüt ist der Umstand, daß ihre unterdrückte Sinnlichkeit von jemandem an die Oberfläche gezerrt wird, fast unerträglich. Aber damit nicht genug: Per Handy zwingt sie der Unbekannte dazu, im Minirock durch die Innenstadt zu flanieren und herauszulassen, was sie wohl herauslassen möchte. Das führt dann zu einer schmerzhaften Metamorphose der Frau zu einem aggressiven, selbstbestimmten Wesen. Ihr Mann wird später ebenfalls in das Spiel mit einbezogen...
Cora meinte, der Film sei einer der Höhepunkte des „Regen-Kinos“. Tatsächlich regnet es ohne Unterlaß, und damit wären wir auch schon bei dem Punkt angelangt, wo ich den Film (bei aller optischen Raffinesse und allen Scham-Wackeleien der Kamera) etwas ermüdend fand. Die Einsicht, daß sexuelle Repression Ungeheuer gebiert, ist ja mitnichten neu und eigentlich ein fester Bestandteil auch geradliniger Sexploitation-Ware. Der Sturm der Körpersäfte in der farblosen (=schwarzweißen) Welt von Tsukamotos Junischlange wird weitgehend mit Flüssigkeiten sehr unterschiedlicher Art konnotiert. Da gibt es dieses monströse „Mörder-Haus“, in dem Entartete dabei zuschauen, wie nackte Menschen in einer Art Taucherglocke ersäuft werden. Da spritzt der Regen wie einst im Mai, wenn die „mutierte“ Rinko ihr laszives Foto-Shooting für den anonymen Anrufer durchzieht. Ihre anfänglichen, von Scham geprägten Exhibitions-Gänge enden in einer öffentlichen Toilette. Wenn Rinkos Ehemann vom Anrufer zusammengestiefelt wird, bekommt er einen Eimer dunkle Suppe (Blut?) über den Kopf gegossen. Und am Schluß – wenn der Haussegen in gewisser Weise wiederhergestellt ist – planschen die Eheleute fickenderweise in einer Badewanne, wenn ich mich recht entsinne. Zu seiner wahren Natur zu finden, ist also eine nasse Angelegenheit!
Der sexuellen Metamorphose wird noch die Revolte des Körpers gegenübergestellt, die vom Krebs gestellt wird. In einer Szene wird explizit klargemacht, daß es die Abfluß-Putzerei des Mannes ist, die zu Rinkos Erkrankung geführt hat. Auch der mysteriöse Anrufer siecht am Krebs dahin und versucht, aus dem masturbatorischen Macht-Verhältnis zu seiner „Patientin“ Heilung zu erfahren. Am Schluß kommt es dann zu einer zumindest partiellen Heilung des kaputten Dreiergespanns. Schön, wenn's mal klappt.
Na ja, umgeworfen hat mich det Janze nicht wirklich. Vielleicht habe ich zu sehr auf die grotesken Einfälle gewartet, die man aus älteren Tsukamotos kennt. Abgesehen von dem erwähnten „Mörder-Haus“ und dem lustigen Staubsauger-Schwanz-Korsett, das der Anrufer in einer Szene trägt, orientieren sich die Bilder aber weitgehend am Alltäglichen. Die Feststellung, daß es mit der sexuellen Freiheit bei den Söhnen und Töchtern Nippons nicht so weit her ist, finde ich nicht wirklich abendfüllend. Schon in den 70ern galt es ja als Gemeinplatz, daß man in japanischen Filmen nur eine nackte Frau zeigen dürfe, wenn sie gleichzeitig geschlagen werde. Die zerstörerische Kraft, die solch eine Unterdrückung der Libido mit sich bringt, kann man in den Filmen von Wakamatsu oder Nagisa Oshima überprüfen. In der Fetisch-Macht-Variante fallen einem natürlich Takechis DAYDREAM-Filme ein. („Er hat überhaupt nicht gebohrt!“) Die Sache mit dem Spatz in der Hand und der Möse auf dem Dach ist wohlbekannt und häufig abgegrast. Tsukamotos Film behandelt das Thema in einer formal sehr strengen Art, die Sinnlichkeit über lauter Surrogate ausdrückt, selten direkt. Das ist recht hübsch mit anzusehen, aber in letzter Instanz hat mich der Film nicht umgehauen, leider. Vielleicht stehe ich auch zu wenig auf Fetisch-Kram oder sollte mal mit einem Tamagotchi wixen...
P.S.: Einer der ersten Kommentare von Cora nach der Vorstellung lautete, daß der Ehemann genauso aussähe wie Heinz Erhardt! Das finde ich jetzt doch dokumentierenswert...
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#89
Geschrieben 04. Juni 2004, 12:35
Nach dem intellektuell herausfordernden A SNAKE OF JUNE war aber noch Zeit für einen alten Piratenfilm – hossa!
In THE BUCCANEER geht es um den berühmten Piraten Jean Lafitte (fittfittfitt!), der den Amerikanern Anfang des 19. Jahrhunderts gegen die verdammten Briten aushalf. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, daß sich Regierungen der Hilfe von Piraten versicherten, wenn es darum ging, den jeweiligen Gegner kampfunfähig zu machen. Im Falle der Vereinigten Staaten ist dies natürlich doppelt sinnfällig, da es sich ohnehin um ein Land handelt, dessen Entstehung darauf beruhte, daß Piraten aus Übersee kamen und die Urbevölkerung massakrierten...
Filme, die solche moralischen Ambivalenzen aufzeigen, sind immer lohnend. Gerade das Piratenfilm-Genre zeichnet sich ja durch eine unleugbar subversive Komponente aus, da es eben der Reiz des Desperadotums war, der den Swaschbucklern ihre Einspielergebnisse garantierte. Diese subversive Komponente ist aber dramatisch abwesend bei dem Hochglanzprodukt THE BUCCANEER, der es irgendwie hinbekommt, aus dem unübersichtlichen Gemengsel einen Lobgesang auf die werdenden USA zu formen! Als Regisseur zeichnete der großartige Schauspieler Anthony Quinn verantwortlich, wobei die künstlerische Leitung wohl eher dem Veteranen Cecil B. DeMille oblag, der als ausführender Produzent vermerkt ist.
Zuerst einmal: Yul Brynner mit blondem Toupet ist eine ausgesprochen unglückliche Wahl als Jean Lafitte! Während Tyrone Power in dem großartigen THE BLACK SWAN (neben DER ROTE KORSAR der beste Piratenfilm, den ich bisher gesehen habe) eine gehörige Portion glaubhafte Ruppigkeit mit einbringt, posiert Brynner lediglich gelackt in der Gegend herum und versucht, gut auszusehen. Klappt nicht. Aber er ist mitnichten die größte Fehlbesetzung in dem Unternehmen. Wie Cora es so schön ausdrückte: „Pack´ Charlton Heston in einen Piratenfilm, und der wird langweilig...“ Ja, Mr. Heston mochte als Moses noch einigermaßen der glattgebürsteten Idealvorstellung des gewöhnlichen Kirchenkunden entsprochen haben, aber als Andrew Jackson (=legendärer Befehlshaber der amerikanischen Armee und späterer Präsident der Vereinigten Staaten) ist er eine komplette Katastrophe! Mit sorgsam eingegrauten Haaren stalkst er durch die Kampfreihen, kuckt grimmig in dieser „Alle Feiglinge an die Wand“-Manier, die er später in der N.R.A. mit menschlichem Antlitz versehen durfte, und verbreitet ungebrochenen Patriotismus. Nun ist es ja so, daß Geschichtsklitterei an sich nichts Schlimmes ist. Tatsächlich fällt es schwer, sich einen marktwirksamen Film vorzustellen, der auch nur ansatzweise authentisch mit dem Material umginge. Dumm nur, wenn man den Schwund dann auch noch glaubt! Ich als ehemaliger Amerikanistikstudent habe immer wieder gehört und gelesen, daß das Selbstbild der Amerikaner von dem „frontier experience“ herrühre, von dem Entstehungsprozeß ihrer jungen Nation. Tatsächlich aber ist es wohl eher die kulturelle Repräsentation dieses Entstehungsprozesses, die dafür verantwortlich zu machen ist. So wurden aus ruppigen, ungeschlachten Mannsbildern wie Davy Crockett, Mike Fink etc. glattrasierte Heldenfiguren vom Schlage eines John Wayne, Gary Cooper oder James Stewart. Die Pioniertage zeichneten sich vorwiegend durch edelmütiges, hochmoralisches Verhalten der Befehlshaber aus, und genau in diese Kerbe schlägt auch THE BUCCANEER, der eigentlich mehr ein reichlich steifer Geschichtsfilm als ein Piratenfilm ist. Andrew Jackson wirkt über die gesamte Laufzeit wie sein eigenes Standbild aus Bronze, und das liegt nicht nur an den festgefügten Idealen seines Darstellers, sondern an der rein auf das dekorative Element hin ausgerichteten Natur des ganzen Films. Drehbuchmäßig macht da vieles nicht viel Sinn: Da haben Jacksons Schergen gerade die gesamte Piratenbrut von Lafitte ausgerottet, und nahtlos erklärt der sich dazu bereit, dem großen Kriegsherrn bei seinen Unternehmungen zu helfen! Das wäre ja gut und schön, wenn Lafitte als eine miese Kameradensau dargestellt würde, als verkommenes Subjekt, aber tatsächlich ist er ja der schöne Yul Brynner, der in der Hauptsache fesch gegen den Abendhimmel posiert, wenn er nicht gerade dem Gouverneurs-Goldilock schöne Augen macht. Das gibt alles gar keinen Sinn! Dann sprechen die Kanonen (was sie während der beträchtlichen Laufzeit des Filmes viel zu selten tun!), und lauter farbenprächtige und erneut nicht sonderlich authentisch dargestellte Soldaten marschieren todesmutig ihrem Untergang entgegen. Da kämpfen wackere Amerikaner mit Piraten und anderen Glücksrittern zusammen, Neger packen mit an, ein Indianer ist kurz zu sehen, und von fern erschallen die Dudelsackpfeifer der Schotten, die mit gerader Miene weitermarschieren, obwohl neben ihnen die Kanonenkugeln detonieren... Selbst herkömmliche Kriegsfilme hatten zu jenem Zeitpunkt eine gewisse kritische Distanz zum massenmörderischen Geschehen, aber hier quillt der Schwachsinn, daß es nur so eine Art hat.
Bei den „Negern“ fällt mir gerade auf, daß es dafür, daß der Film ja in New Orleans spielt, bemerkenswert wenige Schwarze zu sehen gibt. Die einzige größere Rolle bekommt ein noch sehr junger Woody Strode als Togo, der in einer Szene ungelenk an einer Liane auf ein Kampfschiff setzen darf und dafür sofort zusammengeschnauzt wird...
Als Piratenfilm ist der Film ein ziemlicher Langeweiler, der kaum interessante Piratenaktivität anzubieten hat. Das hat selbst FLUCH DER KARIBIK wesentlich besser im Griff gehabt. Was die unterliegende Liebesgeschichte angeht, so ist sie wirklich von der Stange (no pun intended!) und kann sich in keiner Sekunde mit jener zwischen Tyrone Power und Maureen O'Hara aus dem tollen THE BLACK SWAN messen, der allerdings auch ein Drehbuch des legendären Ben Hecht zu seinen Vorzügen zählte. Die Goldilock, in die sich Perückenträger Brynner verkuckt, ist fade und wirklich voll für'n Arsch. Der quasi-lesbische Tomboy, der von Claire Bloom gespielt wird (die in THE HAUNTING sogar ganz explizit eine Lepse spielen durfte), ist wesentlich reizvoller und kann wenigstens gut raufen. Als Historienspektakel kann man den Film ebenfalls getrost in die Tonne kloppen. Was Cecil M. DeBil mit DIE 10 GEBOTE abgeliefert hatte, war wenigstens prachtvoll anzuschauen und mischte sich nicht gar zu penetrant in die Geschichtsschreibung ein, aber bei THE BUCCANEER ist wirklich Fassenacht! „Johoho, und 'ne Buddel voll Rum!“ – jau, in den Po...
P.S.: Wer sich über Jean Lafitte weiterinformieren möchte, kann dies hier tun, wobei man sich von dem Umstand, daß das Todesdatum zu früh angegeben ist und Lafitte somit zum einzigen Piraten-Zombie jenseits von FLUCH DER KARIBIK gemacht wird, nicht abschrecken lassen sollte...
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#90
Geschrieben 06. Juni 2004, 15:32
Und noch ein Rattenfilm: In einem Kaufhaus in Manhattan machen einige Nager auf sich aufmerksam. Was zu Anfang noch wie eine Häufung harmloser Einzelfälle ausschaut, erweist sich recht bald als handfeste Katastrophe, da es sich um mutierte Laborratten handelt, die sich unbemerkt zu wahren Heerscharen vermehrt haben. Eine todesmutige Managerin und ein wettergegerbter Kammerjäger nehmen den Kampf gegen die borstigen Lieblinge auf...
Nichts besonderes, na klar, aber für eine TV-Produktion immerhin eine faire Packung. Das Drehbuch präsentiert computergenerierte Ratten im Tausenderpack und läßt die Charaktere ständig durch Abwasserkanäle und andere Ratten-Highways krabbeln, was man zwar gewissermaßen schon zwei- oder dreimal gesehen hat, aber Langeweile kommt für Fans dieser Filme kaum auf. Natürlich ist die Figurenkonstellation komplett von der Stange, und wer Vincent Spano einen Kammerjäger abnimmt, der wird mit TWIN PEAKS´ Madchen Amick als Kaufhausmanagerin noch weniger Probleme haben, aber schließlich geht es ja auch in erster Linie um die Ratten, und die kommen intim zum Zuge. Regisseur John Lafia (BLUE IGUANA, CHILD'S PLAY 2) serviert sogar zwei sehr akzeptable Terrorszenen. In der einen werden Kinder im Schwimmbad von Rattenrudeln angegriffen, und später bekommen die Insassen eines U-Bahn-Zuges geharnischte Schwierigkeiten. Insgesamt fand ich den Film deutlich erträglicher als etwa Tibor Takacs´ nicht für das Fernsehen produzierten RATS, der zwar den eigenwilligen Einfall hatte, GIRL INTERRUPTED mit Rattenhorror zu paaren, aber ansonsten vor Schwachfug nur so strotzte. Lafias Rattenplage hingegen ist geradliniges, risikoloses Reißer-Material, technisch kompetent, und Ratten sehe ich mir ohnehin immer gerne an... Beeindruckt war ich davon, wie weit man in punkto Geschmacklosigkeiten auch im amerikanischen TV mittlerweile gehen kann, denn der Film klotzt beizeiten gut ran. (Dem Hausmeister etwa wird von einer besonders dreisten Ratte ein Ohr abgerissen!) Also: Wie gehabt, nichts Überraschendes - kann man gut nach stricken, wie meine Mutter sagen würde.
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#91
Geschrieben 06. Juni 2004, 16:05
Ein junger Mann namens Todd Hackett (William Atherton) begibt sich Anfang der 1930er nach Hollywood, um dort als Produktionsdesigner Fuß zu fassen. Er lernt eine ganze Menge pittoresker Gestalten kennen, darunter die platinblonde Faye (Karen Black), deren Leben völlig auf eine Starkarriere hin ausgerichtet ist. Für diesen Traum würde sie alles machen. Todd begeht den großen Fehler, sich in sie zu verlieben. Doch Faye – die ihn durchaus mag – schwebt eine „gute Partie“ vor. Als sich auch der fromme Junggeselle Homer Simpson (Donald Sutherland) in sie verliebt, steuert alles auf eine Katastrophe zu...
DER TAG DER HEUSCHRECKE ist einer der pessimistischsten Filme, die jemals über Hollywood gemacht wurden. Für gewöhnlich sind diese James-Ivory-artigen Ausstattungsfilme mit Nostalgie-Touch ja gepflegte Langeweiler, in denen es zwar viel zu kucken gibt, aber kaum etwas zu bestaunen. Schlesingers Film hingegen seziert die keimende Traumfabrik (Los Angeles war zu Beginn des Jahrhunderts praktisch Wüste!) mit einem scharfen Blick für die Selbsttäuschungen, in die sich die Menschen verwickeln. Karen Blacks Faye etwa ist vollkommen eingesponnen in die Zeitungsmythen, die die „Golden People“ der Filmindustrie zu übermenschlichen Stars aufbauten. Sie entstammt einem desolaten Elternhaus: Ihr Vater (ein vollkommen großartiger Burgess Meredith!) schnupperte einst als Vaudeville-Clown für 5 Minuten am Ruhm. Jetzt ist er nur noch ein heruntergekommener Säufer, der mit schmierigen Gags seine Wundertinktur an den Mann zu bringen versucht. Immer ein Lächeln auf den Lippen, damit man nicht die Lebensenttäuschung darunter wahrnehmen kann. Auch Faye ist ein Kunstwesen: Sie gibt sich kokett, zielorientiert und aufgeschlossen. Gleichzeitig hat sie sich ihre Jungfräulichkeit aufgespart für den Richtigen. Todd kann dieser Richtige nicht sein, denn er ist viel zu harmlos und nett, um im Haifischbecken eine Chance zu haben. Seine Natur wird bereits von der Anfangsszene angedeutet, in der er einen Bungalow bezieht, der aufgrund von Erdbeben zahlreiche Löcher in der Wand aufweist. Er nimmt sich einfach eine Blume und steckt sie in einen Spalt. Die Risse im Firmament, die er auf seiner Odyssee durch Tinseltown kennenlernt, sind aber noch weit bedrohlicher. Daß er sich in die orientierungslose Faye verliebt, ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt, denn während seine Ideale von Liebe und Kunst eine klare Gestalt haben, gibt sich Faye als pseudo-abgebrühte Miniatur-Diva, die ihre eigentliche Natur nicht einmal ansatzweise kennt. Ganz im Unterschied zu ihrem Vater, der sich durchaus im Klaren darüber ist, daß er im Spiel des Lebens versagt hat und auf dem Zug nach Nirgendwo ist. Wenn er seine krampfhaften Spaß-Routinen durchzieht, wird das Lachen, daß er aufsetzt, zu einer bösen Grimasse, mit der er seine Umwelt gelegentlich fast schon sadistisch abstraft.
Als Homer Simpson dann auftaucht (ja, der Film WAR damals sehr bekannt!), stellt dieser streng religiös aufgezogene Spießbürger einen sicheren Hafen für Faye dar, einen Versorger, der ihr garantiert niemals wehtun wird. Was Donald Sutherland in dieser Rolle abzieht, ist Meisterklasse und streckenweise kaum mitanzusehen. Homer sammelt Demütigungen im Minutentakt und will doch nur, daß „seine“ Faye glücklich wird. Völlig gehemmt und unsicher, weiß er niemals, was er mit seinen Händen anfangen soll und lebt in der ständigen Angst, einen Fehler zu begehen. Er ist so unschuldig wie ein geistig Zurückgebliebener, aber geschlagen mit der Ahnung, daß auch er nur ein Mensch und somit „sündig“ ist. Er delektiert sich an der scheinbaren Freiheit und Natürlichkeit Fayes, merkt dabei aber nicht, daß er auf Sand baut. Im alptraumhaften Finale des Filmes – das während der Premiere des Piratenfilmes THE BUCCANEER (siehe Review zur Neuverfilmung, zwei Einträge weiter oben!) spielt – kommt all die Seelenqual aus ihm heraus und führt zu einer Bluttat. Zu jenem Zeitpunkt ist auch Todd bereits desillusioniert und von Alkohol und Selbsthaß völlig zerrüttet. Vor seinem geistigen Auge wird die Panik, die in den Massen des Premieren-Publikums losbricht, zu einem Wüten der Horrorgestalten, der er vorher gemalt hat. Stellt Euch eine Mischung aus Edvard Munchs Gemälde „Der Schrei“ und „Hollywood Babylon“ vor, dann habt Ihr einen ungefähren Eindruck vom Finale...
Nach diesem Film mußte ich erst einmal 20 Minuten auf dem Sofa sitzen und schweigen, denn das war wirklich eine harte Packung. John Schlesingers bester Film – sogar besser als SUNDAY BLOODY SUNDAY –, und neben SUNSET BOULEVARD vielleicht der ultimative Film über das alte Hollywood. Ich könnte mir gut vorstellen, daß der in absehbarer Zeit als DVD herausgekübelt wird. Wenn ja, sollte man beherzt zugreifen!
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#92
Geschrieben 08. Juni 2004, 16:56
Eltern werden alt. Manchmal werden sie alt und grimmig. Das wurde ausführlich in Etienne Chatillez´ TANTE DANIELLE abgehandelt, was zu wütenden Vorwürfen führte – es handele sich um einen Alte-Leute-Haß-Film. Das Thema „Demenz“ hingegen wird von Komödien meistens gemieden. Zu unangenehm und zu sehr mit individuellen Schuldgefühlen belastet sind die häufig komödiantischen Folgen, die das frühzeitige Nachlassen der Auffassungsgabe begleiten. In jiddischen Komödien war aber auch dieser Komplex kein Tabu: Carl Reiners rabenschwarzer WHERE'S POPPA? (WO IS´ PAPA?, 1970) schildert die Aktivitäten des jungen Rechtsanwaltes Gordon (George Segal), der mit seiner gebrechlichen Mutter zusammenlebt. Der Vater ist schon seit vielen Jahren tot, und die alte Dame lebt in ihrer eigenen Privatwelt. „Wo is´ Papa?“ lautet ihr Lieblingssatz, mit dem sie ihren Filius mehrmals am Tag abnervt. Die interfamiliären Spannungen wachsen unter diesen Verhältnissen ins Uferlose. Zu Beginn des Filmes erwacht Gordon zum unverbindlichen Geplapper des Weckerradios. Minutiös verfolgt man die Morgenwäsche des Rechtspflegers. Immerhin macht er die Dusche an, bevor er pinkelt. Das störende Gepladder ist ja vielen ein Dorn im Auge. In Japan kann man Mikrochips zum Übertönen des Goldregens kaufen. Gordon greift sich eine Gorillamaske und schmeißt sich in ein dazu passendes Kostüm – routiniert, als täte er das an jedem Morgen. Dann dringt er ins Schlafzimmer seiner greisen Mutter ein und hüpft gröhlend auf ihrem Bett herum. Mutti haut ihm voll in die Nüsse, merkt dann, wen sie da gerade seiner männlichen Würde beraubt hat und kichert nur: „Ach, Gordon – immer willst du mich aufheitern! Lieber Junge...“ Eine Altenpflegerin für seine Mutter zu bekommen, ist nicht leicht, da die wunderliche Dame unter den Altenpflegern einen Ruf wie Donnerhall besitzt. Als die junge Louise in Gordons Büro tritt, weiß er sofort, daß er die Frau fürs Leben gefunden hat. Sie weint ihm die traurige Geschichte ihrer letzten Ehe vor. („Er machte A-A ins Bett...“) Gordon entschließt sich dazu, ihr Geschick mit dem seinen zu verschmelzen. Allerdings muß er ihr vorher noch Mutter vorstellen...
Carl Reiner gehört zu der alten Garde jiddischer Komiker aus New York und begann sein Handwerk als Schauspieler. Wie sein Kollege Mel Brooks verlegte er sich aber auf das Regiefach. Nach einigen mäßig erfolgreichen Versuchen gelang ihm der Durchbruch, als er sich mit Steve Martin zusammentat. Mit ihm schuf er Filme wie SOLO FÜR 2, DER MANN MIT DEN ZWEI GEHIRNEN oder REICHTUM IST KEINE SCHANDE. Die gelungenste Zusammenarbeit war wohl TOTE TRAGEN KEINE KAROS, wo Reiner höchstselbst den Butler/Nazigeneral von Gluck spielt. Mit WO IS´ PAPA? gelang ihm ein früher Kracher, der vermutlich vom überraschend erfolgreichen HAROLD AND MAUDE profitierte. Es gelang ihm, die hinreißende Ruth Gordon für die Hauptrolle zu gewinnen, die in POPPA wie eine Mischung aus Inge Meysel und Lotti Huber wirkt, nur daß diese alten Damen niemals den nackten Hintern von George Segal geküßt haben... (Das passiert nämlich beim Diner mit Gordons Herzblatt!) Für ein heutiges Kinopublikum, das im wesentlichen mit Hardware aufgepeppte Boulevard-Komödien oder subversive Gag-Feuerwerke im Stile der Zucker-Brüder gewohnt sind, stellt POPPA vermutlich eine harte Packung dar, denn die Vorgänge werden häufig quälend lang beobachtet, ohne daß Pointen für Entladung sorgen. Außerdem sind – ob der kritischen Natur des Ausgangsmaterials – die Gefühle, die der Film erzeugt, sehr widersprüchlich: Eigentlich ist es ja hochwohllöblich, daß Gordon dem Gebot seines sterbenden Vaters entsprechen und seine Mutter nicht ins Altenheim abschieben will. Wie aber auch TANTE DANIELLE eindrücklich aufzeigte, kann aus erzwungener Mildtätigkeit nur Haß und Aggression entstehen. Gordon ist bald so weit, daß er seine Mutter eher aus dem Fenster schmeißen würde, als sie in ein Heim zu geben, und das kann ja wohl auch nicht die Lösung sein...
Gordon hat auch einen Bruder, Sidney (Ron Leibman), der mit Frau und Kind ein Apartment bewohnt und heilfroh ist, sich nicht um die alte Dame kümmern zu müssen. Da auch er von Schuldgefühlen verzehrt wird, kommt er jedesmal angedackelt, wenn Gordon Hilfe braucht. Dabei muß er unglücklicherweise immer durch den Central Park, wo ihn für gewöhnlich eine Gang schwarzer Bösewichte ausraubt. Mit Muthafucka und den anderen verbindet ihn fast schon ein kollegiales Verhältnis. Bei einer Vergewaltigung wird Sid von den Gangstern dazu genötigt, bei der Straftat mitzumachen, was ihm dann unerwarteten Spaß bereitet. Leider entpuppt sich das Opfer als Polizist. („Sind Sie der, der den Cop vergewaltigt hat?“) Allerdings kommt Sid wieder aus der Patsche raus, denn dem Cop hat's gefallen! („Ich danke dir für den zauberhaften Abend...“)
Okay, man merkt schon, daß es sich hier um sehr gewöhnungsbedürftigen Humor handelt! Meine Lieblingsszene ist jene, wo ein noch sehr junger Rob Reiner (der später mit Regiearbeiten wie STAND BY ME und MISERY noch wesentlich berühmter werden sollte als sein Vater) einen Vietnam-Gegner spielt, der vor Gericht gestellt wird, weil er einem General den Zeh abgeschnitten hat. Bei der Zeugenvernahme verplappert sich der General allerdings und erzählt, wie er einen ganzen Haufen „Schlitzaugen“ auf einen Rutsch erledigt hat. („Die Frau wurde von den Kugeln in der Mitte durchgesägt – da standen nur noch zwei Beine herum! Wenn ich geschrien hätte: `Vorwärts marsch!´, wären die Beine wohl losgelaufen.“) Die Sache endet dann damit, daß Rob wegen grober Mißachtung des Gerichts in den Knast geschickt wird...
Wem Hal Ashbys HAROLD AND MAUDE gefallen hat, kommt um WHERE'S POPPA? nicht rum. In den Staaten ist eine DVD veröffentlicht worden, aber auch die deutsche Fassung ist ziemlich gelungen und läuft gelegentlich im TV. Zu George Segal möchte ich noch anmerken, daß dieser hervorragende Schauspieler drei Jahre vor POPPA schon mal im Rahmen einer gestörten Mutter/Sohn-Beziehung aktiv war: Als bei seiner Mutter lebender Bulle Morris Blümel hat er in BIZARRE MORDE (NO WAY TO TREAT A LADY) die Aufgabe, den psychopathischen Frauenmörder Rod Steiger dingfest zu machen. In jenem Film sind es gleich zwei muttergestörte Protagonisten – auf jeder Seite des Gesetzes einer...
P.S.: Dies ist der Auftakt zu einem neuen Artikel, in dem ich von jiddischem Humor geprägte schwarze Hollywood-Komödien der frühen 70er näher beleuchten will. Der soll heißen: "Wenn der Rabbi zweimal klingelt". Demnächst mehr dazu.
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#93
Geschrieben 12. Juni 2004, 02:26
Tja, als wir heute diesen Klassiker des Trash-Action-Kinos gesehen haben, liefen vorher einige Gosejohann-Kurzfilme, darunter INVASION NEVERHORST. Die erste Reaktion, als wir dann zum Hauptfilm übergingen, war: Unglaublich, das solche Filme tatsächlich mal in ernstgemeinter Manier gedreht wurden! Die zweite Reaktion: Unglaublich, daß solche Filme dann auch noch bei uns in den Kinos liefen! Die dritte Reaktion: Wer hat die Synchro gemacht?
Im SÖLDNERKOMMANDO geht es um eine Gruppe von Vietnam-Veteranen, die wieder zusammenkommen, als ein Freund von ihnen von Gangstern besucht wird, die ihn übel zurichten (Rollstuhl bzw. – im Jargon der Synchro – „Krankenkassen-Chopper“!) und seine Frau vergewaltigen und töten. Das wird ausgesprochen raffiniert aufgelöst: In der Anfangsszene sieht man das Opfer in spe, wie es seiner Frau einen Drink mixt und mit der Stimme von J.R. Ewing unglaubliches Gesülze über sie ausgießt. Dann kommen die Bösewichter (angeführt von Cameron Mitchell!), die zu lustiger Porno-Mucke ihr gewaltiges Bestes geben. In einer der besten Szenen des Filmes erscheint dann ein Schwarzer mit einem wirklich grotesken Afro-Haarschnitt in der Fabrik des Opfers und unterhält sich mit einem Unterchef, der aus seiner Abneigung seinem Chef gegenüber kein Hehl macht. Wie das dialogtechnisch aussieht, werde ich am Ende des Tagebucheintrages transskribieren. Die Szene endet damit, daß es eine mordsmäßige Keilerei gibt, in deren Verlauf der Unterchef eine Flinte zieht und sich selbst den Fuß wegballert! Dieser Splattereffekt ist nicht nur vollkommen sinnfrei, sondern wird vom frisch Verstümmelten auch noch mit flapsigen Bemerkungen quittiert. Hier lagen ich, Sailor Ripley und seine Monika bereits unterm Sessel...
Dann folgt ein Vietnam-Flashback, bei der die einstmals verschworene Truppe von Teufelskerlen & Himmelhunden in Charlys Gefangenschaft sind. Es wird angedeutet, daß die G.I.s schwer zu leiden haben, aber die Visualisierung straft das Lügen: Die solariumsverkokelten Bodybuilder räkeln sich behaglich in den Fesseln, an denen sie durch die Gegend geschleift werden. Ein paar versuchen sogar, grimmig zu grimassieren. Dann wird der Boß (=das Opfer vom Anfang) dazu gezwungen, ein Minenfeld zu durchmessen, um den Weg freizumachen. Einem anderen Gefangenen gelingt derweil der Ausbruch: Er reißt mit bloßen Händen ein dickes Bambusrohr entzwei und steckt es einem der Charlies in den Bauch. Man entkommt dem Vietcong.
Eine Folge von Sequenzen zeigt uns dann die Bemühungen des Afro-Mannes, die alten Recken zusammenzutrommeln. Sie arbeiten mittlerweile als Bauarbeiter, Zuhälter, Rausschmeißer und Finanzminister. In jedem Fall braucht der Afro nur zu sagen: „Joseph braucht euch!“, und die Leute dackeln, ohne irgendwelche Fragen zu stellen, einfach mit. Dazu dudelt der Porno-Beat mit dem original 80er Slap Bass...
Joseph ist jetzt, wie bereits erwähnt, im Rollstuhl, und er spielt tatsächlich noch lausiger als am Anfang. Eine Mischung aus Bitterkeit und Akne verzerrt sein einstmals auch nicht wesentlich gewinnenderes Gesicht, aber statt einer billigen Latino-Schlampe Drinks zu mixen, läßt er sich jetzt von Leutnant Afro durch einen Blumengarten rollen, streichelt Blütenknospen und hält selbstmitleidige Monologe, die wohl jemanden rühren sollen. Im Nu erscheint die Armada der gestrauchelten Ex-Soldaten und zeigt uns, was sie kann: Die Muckis flexen, die Achselhaare zeigen, mit Nunchakos herumfuchteln, Schwerter durch die Gegend wirbeln und Wurfsterne schmeißen! Selten eine so bodenlos lächerliche Szene gesehen – der Neverhorster Acker-Ninja aus OPERATION DANCE SENSATION ist nichts dagegen...
Dann werden die verdächtigen Personen der Reihe nach besucht, aber jedesmal ist ein vermummter Ninja zur Stelle, der mit einem Präzisionsgewehr den Verdächtigen und je ein Mitglied des Söldnerkommandos füsiliert. Warum er nicht alle auf einmal plattmacht, wird nicht wirklich erläutert. Am Schluß ist nur noch ein Söldner übrig, der sich mit dem geheimnisvollen Chef der Mordbuben herumschlagen muß...
...und da gibt es eine dieser überraschenden Wendungen am Schluß, die so bizarr ist, daß sie den Film fast zum ANDALUSISCHEN HUND des Söldner-Genres werden läßt – Hut ab! (Ich sage nur: angemalte Zähne!) Der Film, den Patrick Donahue hier zusammengestümpert hat, wäre aber nicht halb so unterhaltsam ohne die deutsche Synchro. Ich habe den Film zum ersten Mal in meiner Anfangszeit als Video-Freak ausgeliehen. Da war er gerade auf dem Markt und räumte in den Theken meiner Umgebung ab, als gäbe es kein Morgen. Söldner-Filme waren schwer en vogue. Das war noch deutlich vor Glickenhausens SÖLDNER mit Ken Wahl. Viel eher wurde diese Videotheken-Welle von der Veröffentlichung des unsäglich dummen, aber auch irgendwie unterhaltsamen DIE WILDGÄNSE KOMMEN gesponsert. Alles hatte auf einmal Söldnerquatsch im Titel, sogar Filme, die rein gar nichts mit Söldnern zu tun hatten. (Ich erinnere da nur an Zentaurs SÖLDNER-AUFSTAND, bei dem es sich um ein spanisches Nonnendrama mit Rosanna Schiaffino handelte, das im Kino, glaube ich, SCHEIDEWEG EINER NONNE hieß...) Auch Tsui Harks toller DON'T PLAY WITH FIRE wurde ratzfatz zu SÖLDNER KENNEN KEIN ERBARMEN. Söldner waren „in“, Söldner waren schick, Söldner waren die kommende Sache!
Die Synchro ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von Rainer Brandt. Und zwar aus jener Phase, wo er auch Video-Erstveröffentlichungen mit seinen Sprüchen zukübelte, und nicht immer zu ihrem Vorteil. Ich erinnere da an die Horror-Komödien EIN SPRUNG IN DER SCHÜSSEL und ICH GLAUB' MEIN STRAPS FUNKT S.O.S., wo einige gute Späße rettungslos in grenzdebilen Plappereien verloren gingen. Brandt hat in seiner Karriere vieles Gute zustandegebracht, aber in dieser Phase gingen ihm die Gäule einfach durch. Beim SÖLDNERKOMMANDO rettet diese Synchro aber einen auch im Rohzustand grenzdebilen Film und transfugiert ihn in die Höhen des fast schon Erhabenen. Ich hätte den Film nicht geglaubt, hätte ich ihn nicht schon in meiner Teenagerzeit zu sehen bekommen. Auch jetzt war ich baff ob der obwaltenden Wortspielwucht. Keine einzige Zeile des gesamten Films ist in unserer Realität vorstellbar. Die Figuren könnten sich auch auf finnisch unterhalten. Es ist einfach nur noch surreal, und der Umstand, daß einige der Sprüche (=jene, die nicht komplette Neukreationen sind) schwer an die 80er gemahnen, macht den Film auch linguistisch zu einem Leckerbissen. Wahn-fucking-sinn! Hier ein kleiner Auszug. Es handelt sich um die oben beschriebene Szene mit dem Afro-Leutnant und dem Unterchef.
UC: Tachchen, ist das Leben noch frisch? ... Das is´ ja 'n glatter Korb, wieso?
AL: Denk´ nach!
UC: Ihr Burschen, ihr Supermacker nagelt alle, hä? Da seid ihr bei mir an der falschen Adresse – für naß is´ nich´! Deine Waschstraße hat 'n Leck!
AL: Ich glaube, die kesse Lippe höre ich mir nicht lange an. Schrott kannst du den Chinesen anbieten, vielleicht fallen die drauf rein.
UC: Is´ wirklich 'n ganz starker Vortrag, auf den ich 'n absoluten Minus-Bock habe...
AL: Das Dumme ist, daß Minus-Böcke keine Piepen bringen.
UC: Ich steh´ auf'm Schlauch, ich brauch´ Bares...
AL: Du hast'n Knick in der Leitung. Du Vogel nervst!
UC: Ich hab´ das Gefühl, wenn du so weitermachst, brauchst du auch bald'n Kassen-Chopper! Aber 'n dreiräderigen, für schwarze Affen...
Nachdem sich UC den Fuß weggeschossen hat:
AL: Es soll jetzt Holzfüße geben, die auf Kammerton A gestimmt sind!
UC (zu sich selbst): Eigentlich ist der Bursche gar nicht so übel...
Ein absoluter Partykracher. Ein Selbstläufer. Selbst Monika, die eigentlich gar keine Actionfilme mag, hat sehr gelacht und war beeindruckt.
Und noch'n Zitat: „Ich glaub' ich muß dir'n paar Märchenfiguren in die Wolle schneiden, so keß wie du bist...“
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#94
Geschrieben 14. Juni 2004, 13:36
Ein braver Familienvater (Ray Wise, Leland Palmer aus TWIN PEAKS) begibt sich mit Frau, Tochter und Sohn auf eine nächtliche Fahrt zu seinen Schwiegereltern. Beim Weihnachtsessen will man sich in trauter Harmonie ergehen. Vater hat den glorreichen Einfall, mal einen anderen Weg zu fahren. Dies erweist sich jedoch als großer Fehler, denn ein Autounfall schickt das Familientöfftöff in den Straßengraben. Eine weißgekleidete Frau, die ein Baby im Arm hält, erscheint auf einmal und weist alle Anzeichen eines schweren Schocks auf. Man macht sich auf, um Hilfe zu suchen. Doch stattdessen erwartet die Familie ein Trip durch die Hölle...
Tscha, meine Erwartungen waren recht hoch, da dem Film Empfehlungen vorausgingen. Umso enttäuschter war ich, als ich feststellte, daß der Anfang den Eindruck eines handelsüblichen Neo-Slashers macht und dazu entschlossen scheint, jedes Klischee der jüngeren Horrorgeschichte zu repetieren. Auch ganz unerträglich das aufgesetzte Gekasper des jungen Sohnes, der sich für einen MTV-Videojockey zu halten scheint und mit platten Sarkasmen um sich schmeißt. Töchterlein ist ein Goldilock, das angeblich Psychologie studiert, aber eher den Eindruck einer blondgebleichten Hupfdohle aus dem Cheerleader-Korps macht. Sie hat auch ihren Freund dabei, der Football-Crack ist. Intelligenzmäßig - so urteilte ich verfrüht - rangiert das Drehbuch noch deutlich unterhalb von WRONG TURN.
Tscha - falsch gedacht! Nachdem ich bereits während des Anfangsteils einige Male laut gelacht hatte ob des - wie ich meinte - unfreiwilligen Humors, fiel mir auf, daß der Schwachsinn Methode hat. Der Film reiht genüßlich die unrealistischen Reaktionen von Slasher-Partizipanten und andere Genreklischees aneinander und erweist sich als schwarze Komödie, die mit fortschreitender Laufzeit immer greller und immer offensichtlicher wird. Dabei vermeidet man die Kaspereien von entsprechenden Parodien und befleißigt sich eher eines sehr trockenen Humors. Es wird sehr bizarr, was da abgeht. Eine junge Frau in Weiß mit Vollschacke läuft einem über den Weg? Klar, daß man da die eigene Tochter nachts irgendwo auf einer Landstraße allein rumstehen läßt! Auch sehr schön die diversen Überraschungseffekte: Bei Tempo 80 labert die geisteskrank gewordene Mutter den zunehmend genervten Papi mit Unfug zu und meint schließlich, scheinbar sinnlos: "So, ich werde dann mal gehen!" Papi nur: "Ja." Mutter öffnet die Tür und katapultiert sich aus dem fahrenden Auto... Upps!
Es gibt einen geisterhaften Leichenwagen, eine Masturbationsszene vor einem Laubbaum, eine eklige Splatterszene mit einer abgebissenen Lippe, eine Quasi-Masturbation am freigelegten Gehirn ("Jaaa, endlich!!!"), einen lustvoll überchargierenden Ray Wise, zumindest ein offensichtliches TWIN PEAKS-Zitat ("Ich bin in die Chearleadergruppe aufgenommen worden - das ist der schönste Tag meines Lebens!") und einen Schluß, der leider etwas abfällt. Insgesamt bin ich den beiden französischen Regisseuren aber sauber auf den Leim gegangen - nicht schlecht, Herr Specht! Eine Gruppe von sagemermal zehn Horrorfans, die diesen Film sieht, wird einen Heidenspaß haben. Partyfilm, finde ich.
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#95
Geschrieben 14. Juni 2004, 14:22
Und gleich noch ein schöner alter Aktionsfilm, der seine Wiedergeburt auf DVD erfährt! Na, an das alte "CIC"-Video erinnere ich mich noch mit Grausen. Die hatten fast alle Vollbild, ausgebleichte Farben und Pan+Scan-Abfilmgewackel...
Sylvester Stallone spielt einen New Yorker Bullen - kraftvoll, zupackend und unkompliziert! Wäre er ein Buch, müßte es heißen: Groß gedruckt und leicht zu lesen. Als zusätzlichen Amboßfaktor hat er sich noch Billy Dee Williams eingeladen, der mal Lando Klawitterbus bei STAR WARS spielte und in diversen Blaxploitern mitgemischt hat. Eigentlich möchten sie nichts anderes tun, als den Würmern im "Big Apple" ungestört einen auf die Mütze geben. Da werden sie zu einer Anti-Terror-Einheit abkommandiert. Unwillig drücken die beiden Haudraufs die Schulbank. Ihr erklärter Chef-Gegner ist ein deutschstämmiger Vollasi namens Wulfgar (Rutger Hauer), der sich mit seinen spektakulären Explosionen ins Stammbuch der publiken Feinde eingetragen hat. Da er bei seinen egomanischen Aktionen aber gerne über's Ziel hinausschießt, hat Wulfgar auf einmal auch Leute aus den eigenen Reihen gegen sich und bedarf einer Gesichtsoperation. Danach grinst Rutger Hauer wieder sein altbewährtes Grinsen, für das man ihn schon bei TÜRKISCHE FRÜCHTE geliebt hat. An seiner Seite hat er Persis Khambatta (aus dem ersten STAR TREK-Film: "Ich bin Viecher!"), die sogar noch hübscher aussieht als er. Gemeinsam kapern sie eine Seilbahn voller UNO-Abgeordneten. Das ist ein Fall für Kommissar Stallone, und der haut kräftig auf den Putz...
Ja, objektiv betrachtet ist der Film höchstens "Geht so". Objektiv betrachtet bietet der Film eine grotesk verzeichnete Vorstellung vom Terrorismus (Rutger Hauer, wie er in Edel-Discos Miezen aufreißt - ja, genau!) Rein subjektiv machen Filme wie NIGHTHAWKS mir aber viel mehr Spaß als hardwarig aufgepeppter Hochglanz-Schmonzes à la COLLATERAL DAMAGE. Filme, die in New York spielen, haben bei mir gegenüber kalifornischen Schlachtengemälden obendrein einen Bonus. Weiß auch nicht, wieso das so ist. Insgesamt kann ich zu dem Ding nur sagen, daß es natürlich wesentlich besser gewesen wäre, wenn Maurizio Merli statt Stallone durch die Stadt galoppiert wäre, aber auch so rockt der Bildschirm ganz beträchtlich. In einer kleinen Nebenrolle (als Designer im Modesalon von Slys Ex-Frau) taucht auch Jamie "He got more pussies than a toilet seat" Gillis kurz auf, einer der bekanntesten New Yorker Pornodarsteller. Die Musik stammt von Keith Emerson. Macht Spaß, det Dingen!
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#96
Geschrieben 15. Juni 2004, 16:41
Erste Szene: Zwei Schwarze düsen in einem Riesenschlitten durch die Gegend und reden fast unaufhörlich und sehr schnell. Dann werden sie von einem ungeheuer dicken Schwarzen und einem weißen Edel-Junkie überfallen, hören aber trotzdem nicht auf zu reden. Dann wird gehauen.
Nächste Szene: Einige Finstermänner unter Leitung des Franzosen Tcheky Karyo überfallen irgendwen und töten dabei einen Wachmann. In Silber eingepackte Spinatklötze (oder Brandt-Zwieback-Klöben) fallen durch irgendwelche Schächte. Ich werde allmählich zu langsam für diese Sorte von Film. Was geht da vor?
Dann wird der eine der beiden Schwarzen neben seiner Miezie wach. Miezie fragt: „Na, hast du schöne Träume gehabt?“ Er hebt nur sein Laken und zeigt ihr seine Morgenlatte.
Es folgt eine Kaskade rasanter Actionszenen und Comedy-Einlagen. Die Buddy-Cops müssen nämlich auf eine Kronzeugin aufpassen, der sie obendrein vertauschte Rollen vorspielen müssen – Mike ist Marcus und Marcus ist Mike. Diese Persönlichkeitsproblematik sorgt für einigen Trabbel, und am Schluß wird dann Blei durch die Gegend gerotzt, daß es nur so qualmt.
Ein Michael-Bay-Film, produziert von Jerry Bruckheimer. An und für sich müßte ich solche Filme hassen, denn was da an oberflächlichem Schwachfug verzapft wird, geht auf keine Kuhhaut. Das Problem ist nur: Ich habe mich köstlich amüsiert und gelegentlich laut gegröhlt. Gelangweilt habe ich mich keine Sekunde. Ein schuldiges Vergnügen? Nö, ich fand den Film geil! Martin Lawrence ist Eddie Murphy und Will Smith ist Nick Nolte in schwarz. Als Comedy-Gespann funktionieren die beiden exzellent. Joe Pantoliano ist als Boß der beiden wie üblich eine sichere Wette. Und Tcheky Karyo gehört ohnehin zu den erfreulicheren Europa-Importen, die sich in Hollywood verwirklichen können.
Lieblingszeilen:
„Nicht nervös werden – wir sind Neger!“
„Gib´ mir 'n Päckchen tropische Kaubonbons!“
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#97
Geschrieben 15. Juni 2004, 17:16
Nach dem enttäuschenden PLANET DER AFFEN hatte ich eine gewisse Scheu, mir den neuen Film von Tim Burton anzusehen. Zu sehr fürchtete ich, meine Meinung von diesem Regisseur würde ernsthaften Schaden erleiden. Doch am heutigen Abend durfte ich feststellen, daß meine Sorge komplett unbegründet war – BIG FISH ist ein fabelhafter Film!
Will Bloom wird nach Hause gerufen, als sein Vater (Albert Finney) im Sterben liegt. Zusammen mit seiner Frau erscheint er dort, mit gemischten Gefühlen, da er seinen Vater seit drei Jahren nicht mehr gesprochen hat. Ed Bloom liebte es, seine Vergangenheit in immer neue fantasievolle Geschichten zu kleiden. Wahres von Unwahrem zu trennen, fällt bei den Märchen, die er erzählt, immer schwerer. Der Zuschauer bekommt Gelegenheit dazu, die Fantasien, die Wills Fantasie beflügelt haben, nachzuerleben. Will erzählt die Geschichte seines Vaters, wie sie ihm von jenem erzählt worden ist. Dabei versucht er herauszubekommen, wie das Leben des Vaters wirklich ausgesehen hat. Bei seinen Nachforschungen entdeckt er, wieviel von ihm tatsächlich in den Erzählungen enthalten war...
Tim Burton ist wieder da! Habe ich in letzter Zeit einen schöneren Film gesehen? Ich kann mich nicht erinnern. BIG FISH erzählt verschiedene Geschichten, und alle sind gleichermaßen anrührend. Da ist die Geschichte von der kaputten Vater/Sohn-Beziehung. Da geht es um Liebesgeschichten. Da geht es auch um die Kunst des Erzählens, und wieder einmal wird in Erinnerung gerufen, daß anmutig gesponnenes Seemannsgarn wertvoller sein kann als die nackte Wahrheit. In ihren Pioniertagen verklärten die Amerikaner den grimmigen und entbehrungsreichen Alltag mit den „tall tales“, in denen authentische Persönlichkeiten überhöht und nicht selten mit märchenhaften Qualitäten ausgestattet wurden. Das Spiel mit der Wahrheit hatte aber nicht nur die Funktion, die eigene Identität aufzupolieren, sondern transportierte meistens noch Tugenden und Moralvorstellungen. Ed Bloom erzählt seinem Sohnemann eine Menge Kohl, mit riesigen Fischen, freundlichen Kolossen, Sumpfhexen, Idealdörfern voller barfüßiger Glückseliger, siamesischen Zwillingssängerinnen und vielem anderen mehr. Er holt sich seine Anregungen dafür aus dem Mythenkoffer seiner eigenen Kindheit, aber auch durchaus aus den Filmen, die er im Laufe seines Lebens gesichtet hat. Alles fließt zusammen mit dem Gerüst dessen, was tatsächlich gewesen ist. Will mutmaßt, daß es sich hier nur um eine eitle Lebenslüge handele, die der Feigheit des Vaters entspringt. Aber in den Geschichten offenbaren sich nicht nur die Schwächen Ed Blooms, sondern viel Zärtlichkeit und Liebe zum Leben. Am Schluß, wenn die realen Grundlagen der Märchengeschichten zusammentreffen, lernt Will, daß mehr an den Geschichten des alten Mannes dran war, als er sich hätte träumen lassen. Und er selber beginnt damit, die Geschichten weiterzuerzählen und die Schwächen und die Liebe, aus denen sich sein Vater zusammensetzte, weiterzugeben.
Ob man den Film nun als Märchen oder als Tragikomödie betrachtet – das Erlebnis ist einfach umwerfend, und das auf ruhige und zärtliche Weise. Im Gegensatz etwa zu EDWARD SCISSORHANDS meidet Burton hier die Extreme und läßt die handelnden Figuren real erscheinen. Das macht BIG FISH zum vermutlich intimsten Film, den der Regisseur bisher geschaffen hat. Kitsch ist dabei vollständig abwesend, da die aufregenden Fantasiegeschichten ständig in ihren familiären Kontext eingebunden sind und in jenen der mündlichen Erzähltradition. Ironie ist ebenfalls vollständig abwesend, denn auch wenn der Film teilweise unwiderstehlich komisch ist, so liebt Burton seine Figuren, gibt sie, trotz ihrer Unzulänglichkeiten, niemals der Lächerlichkeit preis. Burton ging damit den schwierigeren Weg, aber als Resultat bekam er den vielleicht besten Film, den er jemals gemacht hat. Ich war vollkommen geplättet, und selten habe ich im Kino so sehr mit mir kämpfen müssen, nicht einfach loszuheulen. Um mich herum wurde jedenfalls herzhaft geschnieft, und auch nach der Vorstellung saßen noch einige da und guckten verzückt auf die Leinwand. Wir drei (ich, Robert und Ingojira) gingen noch ein Bier heben, aber es dauerte eine Zeit lang, bis wir über den Film sprachen, denn manchmal soll man Filmerlebnisse einfach nicht zerreden...
Nach der Vorstellung fragten wir die Leute an der Kinokasse, wie ihnen der Film gefallen habe. Es kam nur mißmutiges „Nö!“ und „Pfffrrt!“ Robert machte sich schnell auf in Richtung Ausgang und meinte: „Es gibt keine Romantiker mehr!“ Beim nachfolgenden Bierhub erzählte ich von damals, als ich in Spanien von einem Stier umgerannt worden war. Mein Vater war mit einem Satz auf einer drei Meter hohen – ach was, vier, wenn nicht gar fünf Meter hohen Mauer...“ BIG FISH hatte bei mir eingeschlagen.
Ein Film, der glücklich macht.
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
Besucher die dieses Thema lesen: 2
Mitglieder: 0, Gäste: 2, unsichtbare Mitglieder: 0
















