Ich habe dir niemals einen Hasenbraten versprochen
#38
Geschrieben 16. März 2004, 13:29
Nach über 15 Jahren also das Wiedersehen mit diesem fröhlichen Abenteuer-Spektakel aus der Manufaktur des späteren Regisseurs von SCHINDLERS LISTE und SAVING PRIVATE RYAN...
Tja, was soll ich sagen? Selten wurden Rassismus und Sexismus so anmutig miteinander verschmolzen. Die Rosinenmenschen in der dritten Welt schauen alle so lieb und hilfsbedürftig zum weißen Massa auf, daß man sie einfach liebhaben muß. Die einzigen Eingeborenen mit Power sind die Schurken, und die zeichnen sich natürlich durch besonders schurkenhafte Schurkenhaftigkeit aus. (Einer hat ja sogar in Harvard studiert, aber er mißbraucht sein erlerntes Wissen zur Versklavung der Mit-Eingeborenen.)
Kate Capshaws Rolle wirft im Alleingang die Frauenbewegung um mindestens 100 Jahre zurück! Ob sie rücklings auf dem Elefanten reitet, quietschend vor den Urwaldtieren davonläuft oder sich um ihre Abendgarderobe Sorgen macht, während Jones und sein unerträglich altkluger Knabe Shorty mit dem Tode ringen - immer verdreht man die Augen und stöhnt: "Oh Gott - Frauen!" Natürlich hat Spielberg die Capshaw schließlich geheiratet, und sie hat ihm auch schon 5 Kinderlein geworfen.
Alter Schwede bzw. Inder - natürlich liebe ich diese spätkolonialistische Geisterbahnfahrt nach wie vor. Das Drehbuch ist sehr viel alberner und tumber als jenes zu RAIDERS OF THE LOST ARK, aber inszeniert ist das alles sehr fein und macht richtig Laune. Was aber das Gesicht des sogenannten liberalen Flügels von Hollywood angeht (zu dem Spielberg ja auch gehört - der wollte sogar mal Barbara Streusand heiraten!), so sagt uns der Film viel aus über dessen Verläßlichkeit. Ehrlich - das ist alles so von oben herab und so bar jeden Verständnisses für das "Andere", das man schreiend die Flucht ergreifen möchte. Aber na ja, ist ja alles nur Spiel...
Um einen berühmten Ausspruch Bela Lugosis aus THE RAVEN zu variieren: "Fu Manchu - du bist gerächt!"
Schöne Grüße,
Christian
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#39
Geschrieben 19. März 2004, 04:10
Kitanos dritter Film ist so ein Ei. Es passiert rein gar nichts. Fast rein gar nichts, um genau zu sein. Trotzdem habe ich mich keinen Moment gelangweilt.
Statt Baseball (wie im Vorläufer BOILING POINT) haben wir hier das Wellenreiten. Statt des apathischen Protagonisten haben wir hier ein taubstummes Pärchen. Man weiß auch gar nicht genau, ob sie "zusammen" sind - sie laufen einfach ab einem gewissen Punkt im Film miteinander herum!
Viel erzählen kann ich zu dem Film nicht wirklich, denn die Narrative beschränkt sich auf einige eher nebensächliche Ereignisse. Da sind diverse Wellenreit-Wettbewerbe. Immer wieder gibt es fast identische Szenen, wo sich junge Leute zueinander an den Strand setzen und den Surfern zusehen oder einfach nur aufs Meer schauen. Betrachtet wird eine ganze Menge. In einem Hollywood-Film hätte das Pärchen wahrscheinlich die ganze Zeit über alienmäßig mit Gebärdensprache herumhantiert. Auch die sprechenden Außenstehenden hätten wahrscheinlich die Barriere ("Es geht in diesem Film über Kommunikation!") durch hektisches Gefuchtel zu überbrücken gesucht. Die beiden jungen Menschen dieses Filmes sehen sich aber nur an und wissen Bescheid. Da bedarf es einfach keiner Worte. Das ist kein Anti-Intellektualismus - es zeigt einfach nur die Grenzen der großen grauen Wonnebatzen in unseren Schädeln auf.
Man kann niemandem böse sein, wenn er diesen Film herzhaft langweilig findet. Wünscht man sich einen Sportlerfilm über das Surferhandwerk, dann gibt es keinen Blumentopf zu gewinnen. Wünscht man sich einen gemütsvollen Liebesfilm mit Charakteren, die den ach so gewichtigen Schicksalssträngen ein wenig Glück abtrotzen wollen, dann gibt es hier auch recht wenig. Wer sich in einer Mußestunde aber schon einmal an einen Fluß gesetzt hat und seine Alltagsnichtigkeiten in einem gleichmäßig scheinenden, aber niemals gleichen Strom dahinschwinden sah, der wird möglicherweise den Film ähnlich mögen wie ich.
Die Musik von Joe Hisaishi orientiert sich teilweise deutlich an Erik Satie, was auch keine schlechte Wahl ist. Kitano selber spielt hier mal nicht mit. Erschossen wird auch niemand.
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#40
Geschrieben 19. März 2004, 04:56
Geisterfilme mag ich ja meistens. Die sind nur nicht ganz so einfach zum Funktionieren zu bringen. Gerade in der heutigen Zeit, wo die Hardware ja doch häufig die Oberhand gewinnt über die subtilen Erzählkünste, von denen ein Geisterfilm lebt, gibt es da wenig Lobenswertes zu berichten.
DARKNESS ist immerhin ein ganz netter Versuch und mit Sicherheit das Entgelt am Tresen der Videothek wert. Als ich sah, daß Brian Yuzna einer der Produzenten war, meinte ich nur: "Oh-oh!" - Unheil schwante mir.
Das aber zu Unrecht, denn der Film läßt sich erzähltechnisch ungewöhnlich viel Zeit und verwendet auch einige Sorgfalt darauf, jenseits der Spukgestalten noch zusätzliche Attraktionen einzuflechten.
Es geht um eine Familie, die von den USA nach Spanien (Mexiko?) gezogen ist, wo Papa einst seine Kindertage verbrachte. Neben der berufstätigen Mama gibt es noch eine fruchtig vor sich hin pubertierende Tochter und einen kleinen Sohn. Zu Anfang des Filmes mochten sich meine dunklen Vorahnungen gar nicht verflüchtigen, denn übermäßig sensibel geht der Regisseur nicht zu Werk: Die gewohnten merkwürdigen Dinge passieren im neuen Zuhause, u.a. computergenerierte Schatten unter dem Bett, ein auf unerklärliche Weise aktiviertes Spielzeugkarussell und vorbeihuschende Schatten im Halbdunkel. Aber man kriegt schon bald spitz, daß es in dieser Familie auch ohne Gruselgeister schon mächtig knispelt: Papa litt nämlich einst an einer furchtbaren Nervenkrankheit, die ihn zum aggressiven Butzemann werden ließ. Sehr zum Ungemach der Familie passieren jetzt neue Attacken...
Was dieser Film richtig gut macht: Er liefert an vielen Stellen unzureichende Informationen, so daß man sich als Zuschauer immer fragt, was denn eigentlich mit dieser Familie nicht stimmt. Man wird beständig desorientiert. So reagiert auch die Mama bemerkenswert unaufgeregt, als der kleine Bubi auf einmal mit deutlichen Prellwunden und Abschürfungen auftaucht. Ob das die Kinder sind, die er angeblich immer sieht? Hat das etwas mit den Gören zu tun, die vor 40 Jahren (=Vorspann) im Umkreis verschwunden sind? Oder hat der Papi nur einen beziehungsschädigenden Haschmich?
Das werde ich jetzt natürlich nicht verraten! Der Film zehrt ebenfalls von den im Vergleich zu den gewohnten Hollywood-B-Film-Klonen hervorragenden Schauspielern, darunter die immerhin oscar-prämierte Kanadierin Anna Paquin (DAS PIANO), die bergman-gestählte Lena Olin als Mama und den schottischen Theatermimen Iain Glen als Papa. Als kostenlose Dreingabe gibt es noch den Italo-Export Giancarlo Giannini, der den Vater von Glen spielt und der Familie auch als Quasi-Hausarzt zur Verfügung steht. Das ist schon was, womit man wuchern kann, und verglichen mit dem Überchargieren, das ich aus den Yuzna-Regiearbeiten gewohnt bin, ist das eine wahre Wohltat!
Insgesamt gelingt dem Film eine beachtliche Spannung, besonders im Mittelteil. Allzu derbe Schocks (die in GOTHIKA durchaus ihren Platz hatten) gibt es nicht zu bewundern, aber man schaut die ganze Zeit über involviert zu. Einige Staubecken des Hauses haben es sogar richtig in sich. Im letzten Drittel zaubert der Film dann einigen astrologischen Schnickschnack aus dem Zylinder und wird etwas zu hektisch, aber das ist nicht zu vergleichen mit dem JEEPERS CREEPERS-Finale aus DARKNESS FALLS, der nach seinem starken Anfang doch ziemlich abfällt. DARKNESS rasselt am Schluß etwas überreichlich mit den Ketten (setzt auch diesen Kamera-Wackel-Effekt aus THE CONVENT ein), überreizt die Attraktionen aber durchaus nicht auf unziemliche Weise und hat eine sehr hübsche Wendung direkt am Schluß...
Insgesamt ein sehr ordentlicher Film, der mich zwar nicht richtig begeistert hat (wie etwa THE DEVIL'S BACKBONE), aber eine Menge Mut macht für die weiteren spanisch-amerikanischen Koproduktionen von den Produzenten Fernández und Yuzna, solange Yuzna nicht selber Regie führt. (DARKNESS gefällt mir z.B. bedeutend besser als BEYOND RE-ANIMATOR!) Regisseur Jaume Balagueró hat vor diesem Film noch einen weiteren Horrorfilm gemacht, der auf einer Story des guten britischen Horrorautors Ramsey Campbell beruht - LOS SIN NOMBRE (THE NAMELESS), den ich jetzt auch gerne mal kucken möchte.
Bueno!
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#41
Geschrieben 19. März 2004, 19:23
Der Beginn von William Friedkins neuem Thriller THE HUNTED erweckt große Erwartungen: "God said to Abraham: `Kill me a son!´" wird Bob Dylans "Highway 69 Revisited" zitiert, und zwar von niemand Geringerem als Johnny Cash...
Tommy Lee Jones ist ein ehemaliger Ausbilder der amerikanischen Streitkräfte. Er hat unzählige junge Männer das Töten gelehrt, ist selber aber niemals in die Verlegenheit gekommen, jemanden umbringen zu müssen. Jetzt hat er sich in die verschneiten Wälder Kanadas zurückgezogen und paßt darauf auf, daß niemand das Moos von den Bäumen klaut.
Als mehrere Wochenendjäger bestialisch verstümmelt aufgefunden werden, wird er hinzugezogen. Wie sich herausstellt, ist der Täter ein ehemaliger Schützling von ihm, Benicio del Toro, dessen besondere Fähigkeiten im Killergewerbe von der C.I.A. genutzt worden sind. Nun ist er endgültig außer Kontrolle geraten und mordet kreuz & quer. Zwar gelingt es der Polizei, ihn festzusetzen, aber durch bürokratische Dummheit gelangt er wieder auf freien Fuß. Die Menschenhatz beginnt...
Um es vorwegzunehmen: Der Wohlklang des von prominenter Stimme gesprochenen Eingangszitats wird nicht wirklich erreicht und bleibt im wesentlichen Wortgeklingel. Zwar geht es irgendwo auch um den Ödipus-Komplex, der letztlich den meisten amerikanischen Actionfilmen unterliegt (Jones und del Toro sind so eine Art Vater/Sohn-Gespann), aber das Drehbuch läßt schon bald jegliche Prätention fahren und erschöpft sich in einer Nonstop-Jagd quer durch die Pampa. Das mag manchem zu wenig sein, aber wer lediglich 90 Minuten spannende Unterhaltung haben will, wird mit Sicherheit sein Auskommen haben. Das Drehbuch geht eher auf Nummer Sicher, meidet aber dadurch auch die Peinlichkeiten, die ich mittlerweile mit diesen Filmen verbinde. Das Bruderpaar, das für das Skript verantwortlich zeichnet, hatte vorher nur den ziemlich bodenlosen COLLATERAL DAMAGE verbrochen, und der mied Peinlichkeiten nicht gerade. Vielleicht ist das aber auch einfach der Unterschied zwischen dem Gouvernator und Mimen wie Tommy Lee Jones und Benicio del Toro. Beide sind in THE HUNTED absolut hervorragend. Wie das in der deutschen Synchro klingt, weiß ich nicht. Hier kommt man aber fraglos auch als deutscher Zuschauer mit der englischen Tonspur zurecht, denn der intellektuelle Feinschliff der Dialoge hält sich in Grenzen. Stattdessen erleben wir, wie sich Killermaschine Benicio del Toro in der Großstadt der Mimikry-Künste seines Mentors Jones bedient, um diesem zu entwischen, und es gibt auch eine lustige Bahnfahrt, die wir ja noch aus THE FRENCH CONNECTION kennen...
Wenn man ohne große Erwartungen herangeht (wie das bei mir der Fall war), bekommt man immerhin den besten Friedkin mindestens seit RAMPAGE serviert. Die Zweikämpfe sind sehr physisch und knochenhart, was in diesem "Survivalist"-Umfeld aber auch durchaus Sinn macht. Kritisch hinterfragt wird das nicht wirklich, aber zumindest läßt Friedkin durchscheinen, daß er vom Jagdsport nicht allzuviel hält. Sehr reduziertes Actionkino, bei dem man sauber mitfiebert. Der Abspann-Song von Mr. Cash - "The Man Comes Around" - spielt natürlich in einer anderen Liga...
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#42
Geschrieben 23. März 2004, 01:03
Dies ist wohl der erste südkoreanische Film, den ich jemals gesehen habe! Ich weiß nicht viel über das Land, abgesehen davon, daß man dort recht fußballbegeistert ist. THE ISLE ist wohl so etwas wie ein koreanisches "Amour Fou"-Drama.
Es geht um eine stumme (oder sehr maulfaule?) Frau, die eine Reihe von schwimmenden Angel-Inseln unterhält, auf denen Städter ihre diversen Sprotten und Elritzen fangen können. Gelegentlich kümmern sich auch gutaussehende Prostituierte um den Lachs. Genaugenommen wird da häufiger gebohnert als geangelt. Alle Angler sind sehr unsympathisch. Die Protagonistin verliebt sich in einen Selbstmordkandidaten, der sie nicht ganz so schlecht behandelt wie die anderen Angler. Das kommt gut bei ihr an. Leider dauert es eine ganze Weile, bis ihre Gefühle erhört werden, und bis dahin geht es noch einigen Fischen und Mitmenschen an den Kragen...
Die rebellisch-launige Zusammenfassung dieses Filmes, der eigentlich nur von seinen (weitgehend dialoglosen) Bildern lebt, soll nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich um einen zutiefst verzagten und traurigen Film handelt. Man gewinnt den Eindruck, als stünde das kommunikative Nirgendwo, in dem der Film spielt, für die gesamte Welt. Das unterstreicht auch seine Neigung zu ungewöhnlichen Symbolen, etwa Fischhaken in die Vagina oder eine Kackwurst mitten in die Kamera. An und für sich kann man dem Film nichts Schlechtes nachsagen, denn er ist sehr effektiv gemacht und anmutig fotografiert. Auch wird Kitsch größtenteils vermieden. Allerdings ging er auch ziemlich an mir vorbei, da er nur eklige oder unglückliche Charaktere enthält, mit denen ich mich nicht so ganz identifizieren konnte. Im Zusammenspiel mit dem unleugbaren Kunstanspruch des Filmes ergab sich für mich somit ein ziemlich schwer verdauliches Ganzes, dessen Unterhaltungswert begrenzt war. Allerdings ist das nur ein ganz subjektiver Eindruck, denn ich kann mir gut vorstellen, daß andere von dem Film ganz hin & weg sein werden. Bei mir hinterläßt er nur die Ahnung, daß der Regisseur ein recht unglücklicher Mensch sein muß. Und Fische mag er scheinbar auch nicht...
P.S.: Ich wollte auch noch was über den gerade bei uns veröffentlichten FULL METAL YAKUZA schreiben, aber ich habe die Sitzung nach ca. 5 Minuten abgebrochen, da die DVD eine singulär miserable Ton- und Bildqualität besaß. Das war nicht mehr kuckbar.
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#43
Geschrieben 23. März 2004, 14:54
Diesen Film habe ich zum letzten Mal als 12-Jähriger in der Reihe "Gruselkabinett" ("MUMIEN! MONSTREN! MUTATIONEN!") des Senders Nord 3 gesichtet! Schon damals beeindruckte mich das Gesehene sehr, wenngleich ich nicht allzuviel davon verstand.
MALPERTUIS ist eine Jean-Ray-Verfilmung des belgischen Filmemachers Harry Kümel, dessen bekanntester Film vermutlich der erotische Vampirfilm LE ROUGE AUX LEVRES (BLUT AUF DEN LIPPEN) ist. Es geht um den goldbelockten Seemann Jan, der nach langen Jahren aufreibenden Schifferdaseins (und so, wie Matthieu Carrière in diesem Film aussieht, ist er da garantiert "everybody's darling" gewesen!) wieder daheim vor Anker geht. Das Haus seiner Eltern ist aber nicht mehr da, die Eltern verschütt. Eine Spur führt ihn zur geliebten Schwester Nancy, welche ihr Domizil beim bösen Onkel Cassavius (Orson Welles!) gefunden hat.
Das Haus von Cassavius heißt Malpertuis und sieht aus wie eine Mischung aus Belle-Epoque-Geisterbahn und gotischem Schauerschloß. Angefüllt ist es mit einer Horde bizarrer Existenzen, die alle nur hinter dem Vermögen des sterbenden Cassavius her sind und ihn inbrünstig hassen. Jan will das Haus sofort verlassen, bleibt aber schließlich da, um Nancy zu beschützen. Schon bald wird klar, daß Cassavius plant, ihn mit der geheimnisvollen Euryale zu verheiraten, die Nancy wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Verwirrenderweise spielt Susan Hemingway nicht nur Sid & Nancy, sondern auch noch die schöne Alice, die auch mit dem schmierigen Onkel Dideloo herummacht und für gewöhnlich mit zwei alten Damen herumsitzt und strickt.
Die Grundnarrative von MALPERTUIS ist jene des "Old Dark House"-Thrillers klassischer Konzeption. Cassavius verfügt testamentarisch, daß nach seinem Tode alle im Hause zu verbleiben haben, und die letzten Überlebenden sollen den großen Reibach machen. Nachdem der Pappich aber zu seinen Ahnen abgewandert ist, kommt dann doch alles ganz anders: Jan wandert ruhelos durch das Haus und versucht, ihm seine Geheimnisse zu entreißen. Das schließt Babyarme in Mausefallen ebenso mit ein wie lebernagende Adler. Am Schluß kommt es dann zu einem hektischen Finale, wo auch das letzte Geheimnis des Hauses gelüftet wird, das Cassavius als Seemann einst von Delos hat mitgehen lassen...
Es zahlt sich beim Betrachten des Filmes absolut aus, wenn man eine zumindest rudimentäre Ahnung von der griechischen Mythologie besitzt. Der Mann, dessen Innereien vom Adler verschlungen werden (Jean-Pierre Cassel übrigens!), ist vorher immer manisch durch die Gegend gehopst und hat nach dem Licht gesucht. (Um Blixa Bargeld zu zitieren: "Der Adler muß verhungern..." - tja, denkste!) Die Fäden, die sich die drei schwarzgekleideten Schnatzen durch die Finger laufen lassen, kommen natürlich auch nicht von ungefähr. Und Euryale muß man nur nachschlagen, dann weiß man Bescheid...
MALPERTUIS ist ein hübscher, zu Unrecht vergessener Vertreter jener spezifisch französischen Art von Früh-70er-Horrorfilmen, die exploitative Horror-Konventionen mit Kunstanspruch zu verschwistern suchten. (Auf Jean Ray beruft sich u.a. Jean Rollin.) Das Ergebnis ist mit Sicherheit nicht sonderlich subtil, wird aber Freunden von Filmen dieser Art viel Spaß bereiten, denn MALPERTUIS quillt über vor grell ausgeleuchteten Sets, grotesken Bürger-Charakteren (wunderbar: der schleimige Michel Bouquet!) und wild in die Belle-Epoque-Etage eingestreuten Seventies-Überraschungen. Die Musik von Georges Delerue ist düster-romantisch und erinnert etwas an Dvoraks "Neue Welt"-Symphonie.
Die mir vorliegende englische Sprachfassung lief ungefähr 90 Minuten und geht recht abrupt zu Ende. Allerdings konnte ich sie noch mit einer holländischen abgleichen, die etwa 30 Minuten länger läuft und diverse hübsche Szenen enthält. Auch fehlt in der gekürzten Version ein in die Gegenwart führendes "twist ending", das ich aber als relativ unerheblich empfinde. Man spielte damals eben sehr gern mit Narrativen herum, und so bastelte Kümel halt noch etwas Caligari mit hinein. Trotzdem: Ich hoffe mal, daß Anchor Bay oder Blue Underground nach LE ROUGE AUX LEVRES auch noch Kümels Nachfolger in ihr Notizbuch schreiben, denn der Film hätte eine ordentliche Verbreitung durchaus verdient. Wer die kunstvollen Pulp-Fantasien Rollins aus den frühen 70ern mag, wird MALPERTUIS vermutlich auch etwas abgewinnen können. Mir hat er eine schöne Nacht beschert!
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#44
Geschrieben 24. März 2004, 01:15
"Einmal Christus ohne Ermäßigung, bitte!"
So, jetzt habe ich wider Erwarten doch noch einen Blick auf den zur Zeit meistdiskutierten Film geworfen. Wider Erwarten, weil mich der Trailer bereits sattsam abgetörnt hatte: Glatte Visuals, sämige Jammermusik der ganz gruseligen Sorte (feat. Enya-eskes Genöle) und ein Pontius Pilatus, der den Originalton-Anspruch des Filmes mit einem forschen "Ecce homo!" unterstrich - das sah schon recht furchterregend aus. Werbesprüche à la "EIN MANN veränderte die Welt!" klangen dann gar nach so einer Art "Ein Christ sieht rot" - weia.
Gefallen hat mir der Film nicht. Er hat mich aber auch nicht so maßlos empört, wie das allenthalben der Fall gewesen zu sein scheint. Er hat mich - außer in den gewaltverarbeitenden Sequenzen - eigentlich eher gelangweilt.
Eines vorweg: Als Atheist würde ich mich nicht bezeichnen. Die Atheisten sind häufig die gläubischsten Menschen im Dorfe. Die moralischen Werte des Christentums finde ich sogar sehr unterstützenswert. Die Bergpredigt würde ich jederzeit gegenzeichnen. Ich bin halt mit seiner Umsetzung in der Realität nicht immer einverstanden. Mag sein, daß es einen Herrgott gibt. Wenn ja, dann hoffe ich, daß er Humor hat. Mel Gibson - das weiß ich spätestens seit heute - hat KEINEN!
Geht man von dem aus, was Mel Gibson schaffen wollte (eine Bebilderung der Passion Christi), so ist der Film zweifelsohne gelungen: Vom Garten Gethsemane an (feat. Adriano Celentanos Tochter Rosalinda als "Satan"!) wird der Leidensweg des Herrn nachvollzogen, und keine Fährnisse des Geschicks werden ausgespart. Mit großer technischer Brillanz prasselt ein bunter Bilderbogen an Gemeinheiten auf den Heilsbringer nieder. Es gibt mächtig auf die Omme. Bei der Geißelungsszene ist selbst mir ganz anders geworden. Am Schluß steht dann die mit Abstand blutrünstigste Kreuzigung der Filmgeschichte, die jeden fanatischen Hobby-Geißeler im sizilianischen Hinterland zufriedenstellen sollte.
War da nicht mal was von "froher Botschaft"?
Die Geißelungs-Sequenz ist ein schönes Beispiel dafür, daß ein hochgepushter Blutpegel nicht notwendigerweise in größerem Realismus resultiert. Das Medium Film ist eben nicht gleichbedeutend mit der "inneren Kamera", die jeder in sich trägt. Die Wirkung wird aus einem Zusammenspiel von mehr oder weniger virtuos gehandhabten technischen Faktoren erzeugt, zu denen Bildselektion, Schnittmontage, Musikeinsatz gehören. In jener Szene dreschen die debil-sadistischen römischen Soldaten auf den Heiland ein, daß man schon mal gepflegt wegkucken möchte. Zur garstigsten Peitsch-Szene ever macht diesen Abschnitt des Filmes eine einzige Einstellung - die Geißel hat sich in Jesus´ Hüfte gegraben und wird (nach einem kurzen Aussetzen der umgebenden Geräusche) mit Schmackes und Gesplatter herausgezogen. Da ging ein kollektives Stöhnen durch das Publikum. Das macht die Aussage der Szene mehr als deutlich. Man hätte sich auf diesen Moment beschränken können und sieben Minuten Geprügel schlichtweg streichen können, die einen doch nur abstumpfen.
Gleichermaßen fällt Christus während seines Kreuzganges ungefähr einhundertmal auf die Nase. Einmal donnert ihm dabei sogar das Kreuz auf den Schädel. "Ist ja gut!" dachte ich nur genervt. Irgendwann sollte es auch dem verrohtesten aller Zuschauer klargeworden sein, daß dies keine Kaiserstunde im Leben des Protagonisten war. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, daß hier im unappetitlichen Sinne des Wortes der Weg das Ziel war bei dieser ausführlichen Peinigung.
Bei der Verfilmung von AMERICAN PYSCHO hatte ich es sehr begrüßt, daß die Regisseurin die blutrünstigen Stellen der Vorlage entschieden abgemildert hat: Was im Medium Buch funktioniert, wäre im Medium Film fehlgeschlagen. Statt von den abartigen Charakteren angewidert zu sein, wäre man vom Film als solchem angewidert gewesen. Gibsons PASSION unterstreicht das nachdrücklich - man staunt über die tricktechnische Perfektion, über die Leistungen des Make-Up-Departments, aber alles ist so pointiert, so zweckgerichtet, daß man niemals wirklich kapiert, worum es in dem Film eigentlich geht.
Der große Knüller an der Kreuzigung ist doch eigentlich, daß Christus seinen Peinigern VERGIBT! Der leidet Höllenqualen und wird behandelt wie ein Fußabtreter - trotzdem betet er für die Schurken: "Vergib´ ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun..." Das ist das, was eigentlich dem Publikum nahezubringen ist, was ihm verständlich zu machen ist. Nach all der Nonstop-Tortur - überall nur miese, brutale, blutgeile Menschen - möchte man eher mit einer Maschinenpistole in das Gewürm halten und Schluß machen im Quadrat! Kaiaphas und seine Hut-Gang - weg mit dem Gezücht! Der feige Pilatus und seine debilen Alkie-Schergen - weg damit! Das manipulierbare Volk, das nach dem Blut des Erlösers lechzt - adios, creeps! Der Film funktioniert nach dem üblichen manipulativen Schema Hollywoods. Das mag einem Actionfilm gut anstehen - als warme Lektion eines Passionsspieles ist es aber denkbar ungeeignet. ("Ein Christ sieht rot" - Gosejohann, übernehmen Sie!)
Wenn Mel Gibson extemporiert, wird da nur noch die Oberflächlichkeit des Ganzen verstärkt: Ein Mitgekreuzigter läßt einige lästerliche Sprüche los. Flugs kommt eine Krähe ihres Weges und hackt dem Lästermaul ein Auge aus! Die Strafe folget auf dem Fuße - der kriegt richtig den Arsch voll. Ist das das ganze Ausmaß von Gibsons Verständnis des Christentums? Auge um Auge, Zahn um Zahn? Ich habe einfach nur gejault...
Was den Vorwurf des Antisemitismus angeht, so weiß ich nicht, ob mich der so überzeugt. In dem Film werden eigentlich nahezu alle Menschen als minderwertig angesehen. Daß Kaiaphas und seine Priesterkollegen den schwarzen Peter haben, ist ja bereits aus der Bibel bekannt. Richtig deftig wird es in einer Szene, als auf einmal Satan zwischen ihnen durchs Bild gefahren wird. Das wirkt dann aber weniger antisemitisch als platt und abgeschmackt. Effekthascherei ist für den Film kein Fremdwort. Daß sie auf hohem technischem Niveau ausgeführt wird, ändert nix daran.
Der religiöse Masochismus, der Mel Gibson von einigen Gegnern des Filmes vorgeworfen wird, zieht für mich auch nicht so richtig. Er ist lediglich konsequent in seiner Huldigung einer Vorstellung des Christentums, die es für bekömmlich hält, kleine Statuen eines gefolterten Mannes in Kinderzimmer zu stellen. Da ist er eigentlich erfrischend ehrlich. In seiner Vorstellung scheint sich die Faszination des Herrn Inri in erster Linie aus seiner unglaublichen Leidensfähigkeit herzuleiten, die vom Film in sehr platter Form manifestiert wird, à la "Unglaublich, was der Typ alles einstecken kann!" Parallelen zum amerikanischen Boxerfilm sind da nicht abwegig...
Was der Film meines Erachtens falsch macht, ergibt sich, wenn man ihn mit anderen Christus-Filmen vergleicht. Mir sind einige Meinungen zugetragen worden von Kinogängern, die bei dem Film geweint haben. Ich habe beim Betrachten von PASSION eines gelernt - ich heule wohl eher im Angesicht der Schönheit als im Angesicht des Schrecklichen. Saftige Augen habe ich bekommen, als ich mir Pasolinis großartigen DAS ERSTE EVANGELIUM MATTHÄUS angesehen habe. Roberto Rossellinis FRANZISKUS, GAUKLER GOTTES - dito. Auch Pasolinis GROSSE VÖGEL - KLEINE VÖGEL ist solch ein religiöser Film, der seine Wirkung eben nicht aus der ultimativen Veräußerlichung bezogen hat, sondern aus sehr kargen, reduzierten Bildern, die ohne großes Bohei eine kontemplative Wirkung erzeugen, die mehr vom Geist der Menschenliebe in sich trägt als Gibsons religiöse Stalin-Orgel. In jenen Filmen spürte man etwas von der grenzenlosen Schönheit des Wunders, und selbst als ungläubiger Thomas wie meinereiner beginnt man da an etwas zu glauben. Etwas, das jeden Tag da ist, selbst wenn die Menschen um einen herum wie seelenlose Laborexperimente aussehen. Selbst wenn das selbstlose Mitgefühl so tot zu sein scheint wie ein Sargnagel. Man bekommt Lust, zu glauben und zu hoffen und wurstelt sich so durch den Tag. Das kann ein Film wie DIE PASSION CHRISTI in hundert Jahren nicht erreichen, trotz aller inflationär eingesetzten Zeitlupen und sonstigen Kunstgriffe. Am Schluß von PASSION schreit Frau Satan inbrünstig, denn sie merkt, sie hat den Kampf gegen Rocky JC verloren. Eine sehr irregleitete Wiederauferstehung hat mich bizarrerweise an den TERMINATOR erinnert.
Mel Gibson ist gutzuhalten, daß er im Sinne seines Strebens Erfolg gehabt hat. Ich mochte den Film nicht, und damit soll es auch gut sein.
P.S.: Hauptdarsteller Jim Catweazle ist vom Papst mit Schweizer Wurzeln gesegnet worden, wie ich den "Yahoo"-Nachrichten entnehme.
P.P.S.: Wäre es nicht toll, wenn Bruno Mattei eine Fortsetzung drehen würde? Sowas wie: "PASSION 2 - ER IST WIEDER DA!" oder "PASSION RELOADED - JETZT GIBT'S RICHTIG AUF DIE MAPPE!" Schön wäre auch ein Spin-Off zu Barabbas (der bei Gibson als so eine Art "Comic Relief" fungiert), das seine Aktivitäten in der neugewonnenen Freiheit zeigt...
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#45
Geschrieben 25. März 2004, 14:09
So, jetzt ist es endlich passiert - ich habe einen Kitano-Film gesehen, mit dem ich nix, aber auch rein gar nix anfangen kann...
Über Humor läßt sich bekanntlich nicht streiten. Daß asiatischer Humor häufig eine sehr eigenwillige Angelegenheit ist, war mir ebenfalls bekannt. GETTING ANY mag mancher auch sehr komisch finden. Für mich war das der unlustigste Film, den ich jemals gesehen habe. Das schließt Bergmans DIE STUNDE DES WOLFES mit ein...
Der Film besteht aus einem bunten Sammelsurium von Sketchen, in denen ein Grimassenschneider versucht, einen Stich zu bekommen. Dieses will er am Anfang bewerkstelligen, indem er sich ein Auto kauft. Seine Begattungsversuche schlagen allerdings mit schöner Regelmäßigkeit fehl. Er gerät daraufhin in schlechte Gesellschaft, wird z.B. irrtümlich für einen Profikiller gehalten und von einem verrückten Wissenschaftler (Kitano himself) erst unsichtbar gemacht und dann in einen Fliegenmenschen verwandelt.
Das Betrachten des Filmes hat mich schwer an diese Geschichte von Woody Allen erinnert, wo er von seinem grundlegenden Unverständnis der Kunst der Pantomime berichtet. Ich saß wie gebannt vor dem Fernsehschirm und dachte nur andauernd: "Das darf doch nicht wahr sein!" Es schien mir so, als sei hier endlich die totale und vollkommene Abwesenheit von Humor erreicht worden - zum ersten Mal in der Geschichte des Alls. Mir waren die Mundwinkel an den Boden genagelt!
Das ist nur eine sehr persönliche Einschätzung, und, wie schon gesagt - andere mögen das ganz anders bewerten. Ich fand die FLOTTEN TEENS-Filme wesentlich lustiger...
Alter Schwede!
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#46
Geschrieben 25. März 2004, 14:29
Nach dem Schockerlebnis von GETTING ANY hatte ich Gelegenheit, im Beisein einiger Freunde den neuesten Kitano mitzuerleben. Dabei macht es wohl wirklich nichts aus, daß ich bisher noch keinen Film aus der Serie um den blinden Masseur gesehen habe, denn selbiges gilt auch für den Regisseur.
Um es kurz zu machen: SONATINE und HANA-BI sind nicht wirklich in Gefahr, aber als Spektakel fand ich ZATOICHI gut kuckbar. Kitano hat im Interview verkündet, daß dies eine reine Auftragsarbeit war. Daß ausgerechnet dieser Film zu seinem erfolgreichsten werden sollte, hat er eher amüsiert und pragmatisch zur Kenntnis genommen, liefert der Umstand ihm doch nur neues Geld für persönlichere Produktionen.
Was mich am meisten gestört hat, war das Beharren auf computeranimierten Splatter, wie man ihn seit einigen Jahren leider gewohnt ist. Mich erinnert das immer etwas an die Videospiele meiner Jugend. Ich will fröhliche Samurai-Scharmützel sehen und kein "Space Invaders"! Die Umsitzenden meinten nur: "Oh, dann kuck´ dir bloß nicht BATTLE ROYALE 2 an, hohoho!" Das werde ich dann wohl auch nicht tun...
Ansonsten muß man konstatieren, daß die angenehmen Irritationen, die man aus anderen Kitano-Filmen kennt, weitgehend ausbleiben. ZATOICHI sieht gut aus, hat rasante Kampfszenen und einen famosen Kitano, der eigentlich nur irgendwo rumsitzen muß, damit eine Szene funktioniert. Sehr schön sein patentiertes Lachen, dem immer eine gewisse psychopathische Unberechenbarkeit anhaftet. Als seinen Hauptgegner (= einen arbeitslosen "Ronin", der in den Dienst der Schurken tritt) hat man den masochistischen Killer aus ICHI (der mit den Rauch-Kiemen!) Die Narrative ist gelegentlich etwas verwirrend in ihrer Rückblenden-Struktur, denn im Grunde genommen erzählt der Film eine Story, wie sie simpler nicht sein könnte.
Fazit: Ich fand den Film nett, war aber angesichts meiner sehr hohen Erwartungen etwas enttäuscht. War recht konventionell. Am nettesten fand ich tatsächlich den Schlußtanz, wo alle noch lebenden Akteure in bester Abgangsapplaus-Tradition noch einmal die Schinken schwenken und ins Publikum lachen dürfen. Solche Sachen hätte ich mir mehr gewünscht. Aber man soll nicht meckern.
P.S.: Der Abend bescherte mir auch eine Reihe von DVDs mit alten japanischen Geisterfilmen. Da waren auch welche mit diesen tollen Regenschirm-Monstern dabei... *freu* Demnächst mehr davon.
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#47
Geschrieben 25. März 2004, 20:03
So, endlich bekomme ich diesen Film mal zu sehen...
Geistergeschichten sind ja mein Ein und Alles. Es gibt kaum ein Untergenre des Horrorkinos, das mich dermaßen in seinen Bann schlagen kann. Während mich aber die neueren amerikanischen Versuche selten begeistern können, waren die japanischen Vertreter sehr viel erfolgreicher.
In JU-ON geht es um eine Sozialamtsangestellte namens Rika, die in einem alten Haus nach dem Rechten sehen soll. Sie findet dort eine alte Dame vor, die offensichtlich von Senilität umwittert ist. Außerdem liegt überall Gerümpel herum, was auf einen hohen Verwahrlosungsgrad schließen läßt. Tatsächlich sieht das fast aus wie bei mir! In meiner Wohnung gibt es allerdings keine unerklärlichen Geräusche, und es ist auch kein Kind in meinem Kleiderschrank eingesperrt. (Die sind alle im Keller - HÖHÖHÖ!)
Der Film schlüsselt die Geschichte in einzelnen Episoden auf. Das ist manchmal verwirrend, läßt die Sache fast etwas twinpeaksig wirken. Mittlerweile habe ich aber herausgefunden, daß JU-ON: THE GRUDGE bereits der dritte Teil einer Serie ist. Die Vorgänge der ersten beiden Teile (die angeblich unheimlicher sein sollen) fließen in den dritten Teil ein. Ich habe aber nicht das Gefühl, daß mir ektoplasmischer Schleckspaß verlorengegangen ist.
Im Vergleich zu RING kellt JU-ON die Schockszenen gleich kübelweise aufeinander. Das funktioniert häufig recht gut, verhindert aber auch, daß er eine so intensive Wirkung erzielen kann wie die Sadako-Story. Interessant fand ich immerhin, daß man in diesem Film nie so genau weiß, woran man ist. Während in herkömmlichen Spukhausfilmen der Spuk für gewöhnlich an eine bestimmte Lokalität gebunden ist, kann man bei JU-ON theoretisch auch in der Videothek über das Geisterblag stolpern. Was bei JU-ON geradezu brillant funktioniert, ist aber der Sound - uuunheimliche Geräusche satt! Besonders das gutturale Klacken der Geistermama ist ein echter Zungenschnalzer und erinnert etwas an die Waldgeister aus PRINZESSIN MONONOKE auf Ecstasy... Die Horrorszenen sind alle für sich sehr geschickt gemacht und einigermaßen gemächlich aufgebaut. Nur halt mein Generaleinwand: Vor inflationärem Gebrauch des Geisterkindes wird gewarnt!
Meine Erwartungen waren sehr hoch. Enttäuscht worden bin ich nicht, wenngleich ich RING (oder die Schockeffekte aus THE EYE) deutlich markerschütternder fand. Die DVD von Highlight hat eine sehr ordentliche Synchro und erstklassigen Sound - sollte man sehr laut hören, und das nachts!
Heute abend werde ich bestimmt vor dem Einschlafen unter die Bettdecke kucken, und wenn da etwas anderes zu sehen ist als eine Gutenachtlatte, laufe ich schreiend aus dem Haus...
P.S.: JU-ON 1 und 2 bekomme ich am Wochenende. Dann wollen wir mal schauen...
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#48
Geschrieben 30. März 2004, 17:25
Die grundsätzliche Frage muß erlaubt sein: Was für einen Sinn machen diese Remakes? Ich hadere ja immer wieder mit den Amerikanern, wenn ein erfolgreicher europäischer oder fernöstlicher Film durch die Hollywood-Mühle gedreht wird. Selbst wenn tolle Regisseure wie Martin Scorsese oder Gus Van Sant sich an abgefeierten Filmklassikern versuchen, ist das Resultat nicht auf der Höhe ihrer übrigen Leistungen. Und wenn sich ein Videoclip-Regisseur namens Marcus Nispel daran versucht...
...dann ist das Resultat überraschend gut! Ich war jetzt auf die ganz große Katastrophe gefaßt. Der Name des Regisseurs wurde von mir in den letzten Monaten als Marcus Mispel oder Marcus Knispel verunglimpft. Ich freute mich bereits darauf, eine Review mit dem Titel DAS TEXAS KÖTTELSAUGER MASSAKER zu versehen. Aber Nispel hat mir leider den Spaß verdorben, denn das Remake ist sehr kuckbar und besitzt genügend eigene Einfälle, um auch alteingesessenen Fans der absonderlichen Familiengeschichte das Betrachten zu lohnen.
Warum mag ich den Film? Er ist sehr straight, verkneift sich experimentelles Rumgejuxe à la HOUSE OF 1.000 CORPSES, hält sich (trotz der Anwesenheit von Michael Bay als Produzent) relativ mit optischen Zirkuseinlagen zurück, macht keine nennenswerten Anstrengungen, die "Fangoria"-Klientel (die manchmal ähnlich spießig ist wie die Trekkies!) zu bedienen und er ist richtig, richtig ernst! Kein freddyeskes Herumgekasper - TCM macht von Anfang an keine Gefangenen. Trotz einiger zusätzlichen Informationen über den Background der Familie, die uns verraten werden, ist auch das zwanghafte Veräußerlichen des Subtextes (wie es etwa Wes Cravens SCREAM betrieb) kein Thema. Der Film ist zudem recht ökonomisch gestaltet und besitzt keine wie auch immer gearteten Längen. (Man bedenke da etwa den schleppenden Anfang von WRONG TURN mit dem unerträglichen Teenie-Geplapper...)
Tobe Hoopers Original bleibt - was die Erzeugung von reinem Terror angeht - natürlich ungeschlagen. Der große Aufwand des Remakes äußert sich in sehr viel elaborateren Sets und optisch gelackteren Jagdszenen, aber es gibt eben auch viel zu bekucken. Die vielen Details besitzen nicht den Hausmacher-Charme von Hoopers billig gemachtem Backwoods-Schocker, aber zumindest was mich angeht, verfehlten sie ihre Wirkung nicht. Und was mich am meisten überrascht hat: Ich mochte die Charaktere! Natürlich sehen die Drogen-Hippies und ihre Mädels ein wenig zu sauber aus für eine Konzert-Tour nach Mexiko, aber auch hier erfreut der Film durch Dezenz und verzichtet auf zeitgenössische Schlager, mit denen ja normalerweise Zeitkolorit und die ausgelassene Unverkrampftheit der Jugendzeit heraufbeschworen werden sollen. Erfreulich wenig Schnickschnack an der Kettensägen-Front, und die Darsteller sind auch in Ordnung.
Was die "böse" Familie angeht, so haben Nispel und Bay sie um einige Mitglieder erweitert, was mich aber nicht gestört hat. Okay, ein bißchen viel Fellini für das texanische Hinterland, aber komm´- der Oppa war doch echt klasse!
Und ja, erneut wird der komplette Schwachsinn des deutschen Zensurbestrebens deutlich: Während die alte Version von Hooper nach wie vor auf der Liste der beschlagnahmten Filme steht, kommt da mit viel Bohei eine neue Version ins Kino um die Ecke, wo all die feinen Sachen gezeigt werden, die Hooper aus Geldmangel einst nur andeutete. Zack - da fliegt das Bein! Extreme Aderlässe werden auch bei Nispel ausgespart - den ab 16 Jahren freigegebenen WRONG TURN fand ich an und für sich blutiger. Doch mit seiner grundgarstigen Atmosphäre kann auch das Remake von TCM zu einer echten Belastungsprobe für zarte Gemüter werden. Das ist kein Spaßfilm - no sir!
Insgesamt fand ich den Film wirklich sehenswert, auch für alte Lederfratze-Jünger. Der Anfang ist sogar richtig stark. Gegen Ende hin erschöpft er sich dann zunehmend im gewohnten Gejage & Gehetze, aber es gibt auch dort genügend unterhaltsame Details, und richtige Peinlichkeiten habe ich überhaupt keine wahrgenommen. Nach Kim Henkels grauenerregendem 4. Teil (den ich nach 15 Minuten abgebrochen habe) ist dieses Remake auf jeden Fall eine sehr angenehme Überraschung für mich gewesen. Auf DVD werde ich zuschlagen. Marcus Nispel, Mispel, Knispel - gut gemacht!
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#49
Geschrieben 31. März 2004, 00:41
Seit ich zum ersten Mal Kobayashis prächtigen KWAIDAN gesehen habe, bin ich ein Fan klassischer japanischer Geistergeschichten. Ähnlich wie in den angelsächsischen Pendants ging es in den Filmen von Nobuo Nakagawa und Co. um Schuld und Sühne, um das Wiederauftauchen einer verfehlten Vergangenheit, die den Menschen die Gegenwart zur Hölle macht. Dabei bedienten sich die japanischen Filme allerdings einer visuell sehr viel attraktiveren Gewandung und schreckten vor knalligen Farben keineswegs zurück.
Ein großer Nachteil, den die Begeisterung für dieses Genre mit sich bringt, ist die schlechte Verfügbarkeit der Filme. Während KWAIDAN oder Shindos ONIBABA kein großes Problem darstellen, biß ich mir bei meinen Phil-Hardy-geschulten Nachforschungen die Zähne aus. Es war schon ein großes Freudenfest für mich, als mir eines Tages einige japanische DVDs mit Filmen wie dem großartigen JIGOKU oder THE GHOST OF YOTSUYA in die Hände fielen. In den USA hat ein kleines Label aus Texas nun drei schöne Geisterfilme der Toho-Konkurrenzfirma Daiei herausgebracht, in vorzüglichen Fassungen mit brauchbaren englischen Untertiteln. Den ersten habe ich heute gesehen: 100 MONSTERS, auch bekannt als 100 GHOST STORIES.
Es geht um einen fiesen Geldsack namens Tajimaya, der sich mit den Bewohnern eines Mietshauses anlegt, als er ihre Behausung dem Erdboden gleichmachen will. Auch ein Tempel soll dran glauben, um einem Bordell Platz zu machen. Der örtliche Magistrat, Lord Uzen, hat seine Finger mit im Mustopf und ist korrupt wie die Nacht. Bei einem Zusammentreffen des "Zirkels der 100 Geistergeschichten" (wo ein alter weiser Mann gruselige Stories zum Besten gibt) verweigert Tajimaya die rituelle Fluch-Bannung, die den Abschluß solch einer Sitzung bildet. (Müssen wir beim Filmclub auch mal einführen!) Für sein frevelhaftes Verhalten wird er natürlich bestraft, denn nun kommen die Monster...
Mit in diese grundmoralische Geistergeschichte eingebunden sind zwei kleine Episoden, in denen es um Erscheinungen geht. In Story 1 begegnet ein einsamer Wandersmann im Wald einem Ungetüm, das aussieht wie eine Kreuzung aus Big Foot und Zyklop mit eingebautem Staubsauger. Story 2 erzählt von zwei arbeitslosen Samurai, die in einem heiligen See angeln, woraufhin sie mit dem Fischgut einige Scherereien bekommen...
Der Film ist die Wucht auf Stelzen! Allein die bizarren Gestalten, die da aus dem Jenseits auf die Menschen niedergehen, sind - um es im Fußballkommentatoren-Jargon zu sagen - aller Ehren wert. Mein persönlicher Favorit ist das Schirm-Monster, das aussieht wie einer dieser japanischen Schirme, nur daß solche Schirme für gewöhnlich kein Bein anstelle eines Griffes haben, zwei dünne Ärmchen, ein riesiges Auge und eine gigantische Zunge, die an allem herumschlabbert... Das muß man mal gesehen haben! Die Schirm-Monster sind offenbar eher als komisches Element gedacht, stören aber kein bißchen, da sie einfach zuckersüß aussehen - so einen hätte ich gerne als Mitbewohner! Auch die anderen Monstren sind bei Lichte betrachtet eher pittoresk als unheimlich, aber sie fungieren halt als Vollzugsbeamte einer höheren Gerechtigkeit. Da japanische Monster musikalisch sind, tanzen sie auch sehr gerne: Am Schluß gibt es eine gewaltige Prozession tanzender Monster, die in Zeitlupe im dunklen Bildhintergrund verschwindet. Das erinnerte mich ein wenig an die Monster-Geist-Prozession aus CHIHIRO. Im Grunde sind die Monster okay, knuffig und knuddelkompatibel, und an den Sack gehen sie immer nur den abgrundtief Bösen. So sollte es auch sein, denke ich. Einige davon sind auch tatsächlich etwas unheimlich, z.B. die Geisterfrau mit dem langen Hals oder der Hexenkopf mit dem riesigen Mund...
Man sollte nun aber nicht denken, daß es sich um ein albernes Kinderfilmchen handele. Tatsächlich gibt es einige wahrhaft gruselige Passagen, was nicht zuletzt an der (wie üblich in diesen Filmen) sehr theatralischen und kunstvollen Regie liegt, die für hiesige Geschmäcker sehr fremdartig und halt "weird" wirkt. Der Regisseur, Kimiyoshi Yasuda, war einer von Daieis Hausregisseuren und schuf neben diversen ZATOICHI-Samurai-Filmen auch den berühmten DAIMAJIN, der ebenfalls von dem DVD-Label (im Netz zu finden unter www.advfilms.com) veröffentlicht wurde/werden soll. Fans dieser Art von Filmen werden ein Riesenvergnügen haben - ich bin von 100 MONSTERS jedenfalls komplett hingerissen!
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#50
Geschrieben 04. April 2004, 14:14
Über Takeshi Kitanos DOLLS will ich nicht allzuviel sagen, denn ich möchte den Film nicht zerreden.
Es geht um einen jungen Mann, der seine anstehende Heirat mit einer jungen Frau zugunsten beruflicher Interessen platzen läßt. Die junge Frau grämt sich daraufhin so, daß sie mit einer Tablettenüberdosis aus dem Leben zu scheiden gedenkt. Dies mißlingt. Der junge Mann zieht daraufhin mit der stummen und debilitierten Frau durch das Land. Die Geschichte wird konterkariert mit einigen anderen Beispielen komplizierter Liebe, die entweder unerwidert ist oder durch gesellschaftliche Konventionen kompromittiert wird.
Der Anfang besteht aus einem traditionellen japanischen Puppenspiel, bei dem ich noch gedacht habe: "Ach du Schande, das wird ein ganz harter Brocken von Film!" Ich hasse nichts mehr, als mir Filme erarbeiten zu müssen. Ein Film zündet bei mir, oder er zündet eben nicht. Das ist eine sehr subjektive Angelegenheit. Ich gestehe vielen Filmen, die ich nicht mag, eine historische oder sonstwie bedeutsame Dimension zu, die aber nicht notwendigerweise darin gipfelt, daß ich mir den Film noch einmal anschauen werde.
DOLLS werde ich mir mit Sicherheit noch einige Male ansehen...
Wie bei den meisten Kitanos der Fall, regiert auch hier eine gemächliche Erzählweise. Die Bilder reihen sich aneinander und sagen dem einen was, den anderen lassen sie draußen stehen. DOLLS erinnert mich an ein Gemälde, das mit klaren, sparsamen Pinselstrichen kräftige Emotionen einzufangen versucht. Für mein Empfinden ist der Versuch komplett gelungen. Ich bin geplättet von dem Film und bin erst jetzt richtig enttäuscht von ZATOICHI.
Die Symbolsprache mag manchem etwas dick aufgetragen dünken (okay, rot, rot und nochmal rot!), aber sie wird dermaßen behutsam und ohne Bumsfallera eingesetzt, daß es mich einfach nicht gestört hat. Ich schmolz dahin.
Einer der schönsten Filme, die ich je gesehen habe!
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#51
Geschrieben 07. April 2004, 15:55
Da ich ja demnächst damit beginnen will, meine Pornofilme nach Motiven von Ingmar Bergman zu drehen, habe ich eine kleine Retrospektive eingeleitet, in deren Verlauf ich mich quer durch das Werk des schwedischen Meisters zu arbeiten gedenke. Den Beginn machte der 1948 gedrehte HAFENSTADT.
Tja, dies war die Frühphase des Bergman'schen Schaffens, als sich seine Verwendung von Symbolik noch in Grenzen hielt. Die Melodramen, die er damals schuf, erinnern an den italienischen Neorealismus, der ja meistens deprimierende Geschichten an authentischen Schauplätzen erzählte. Bei Bergman sind die Vorbilder allerdings eher in den naturalistischen Dramen von Ibsen oder Strindberg zu suchen, denn was bei vielen Neorealisten widerspruchslos als Fügung hingenommen wird, ist bei Bergman eingesponnen in ein knallhartes Geflecht aus entwicklungspsychologischer Tragik und sozialen Komponenten. Unterm Strich läuft das auf eine Überdosis Schicksal hinaus, der die Protagonisten nicht entrinnen können, wie sehr sie es auch versuchen...
In HAFENSTADT geht es um die minderjährige Berit, die bei ihrer Mama wohnt und eine Zeit lang Stammgast in Erziehungsheimen war. Ihre familiäre Grundlage ist nicht eben preisverdächtig: Während Papa ein nervenkranker, schwächlicher Seemann mit Alkproblemen und Neigung zu cholerischen Anfällen war, ist Mama eine Trümmerfrau, die sich gewaschen hat: Das Leben hat sie hart gemacht, und eiskalt exerziert sie an ihrer Tochter das durch, was ihr (vermutlich) ihre eigenen Eltern an Beziehungsunfähigkeit vorgelebt haben. So überrascht es nicht, daß sich Berit gleich zu Beginn des Filmes ins Hafenbecken stürzt, um dem Trubel ein Ende zu machen. Der fesche Seemann Gösta fischt sie raus und verliebt sich in sie. Wie so häufig bei schlechten Elternhäusern der Fall, geht die Chose bei Berits Beziehung von vorne los: Sie schafft es nicht, Gösta zu vertrauen, verheimlicht ihm wichtige Details, verhält sich unweise zu fremden Männern... Als sie Gösta endlich ihr großes Geheimnis gesteht (und eine Ahnung von Prostitution schwingt da auch mit!), reagiert Gösta wie ein sizilianischer Zementmixer, brüllt ein bißchen rum und macht den Flattermann - dumm gelaufen! Hat diese Liebe eine Chance?
Tja, in Hollywood-Filmen jener Tage hatten Seemänner noch fesche Ausgangsuniformen an und tanzten singend mit Betty Grable am Arm durch die Stadt! Das läuft bei Bergman etwas anders: Der Alltag ist grau, die Arbeitswelt abstumpfend und nervtötend, die Gesichter der Menschen alles andere als das berühmte nordische Schönheitsideal. Ich will nicht behaupten, Bergman hätte hier die unattraktivsten Menschen Uppsalas zusammengesucht, aber es kommt dem doch schon recht nahe. Die Darstellerin der Berit ist etwas moppelig, schaut aber auf eine wohlgenährte Weise ganz reizend aus. Da sie größtenteils einen deprimierten Flunsch ziehen muß, paßt das auch ganz gut. Gösta ist nicht Gary Cooper, sondern ein schnöder Durchschnitts-Hacho, der über keine wie auch immer geartete Schulbildung verfügt und sich mit seinen 30 Jahren fragt, was er im Leben versäumt hat. Um etwas an seiner Situation zu ändern, bräuchte er Originalität, und die wächst - das macht Bergman mehr als deutlich - in diesem Milieu nicht auf den Bäumen.
War Hans Albers ein Schönheitsideal? Das bestimmt nicht, aber er verkörperte in dem großartigen (von Goebbels einst verbotenen) GROSSE FREIHEIT NR. 7 schon gewisse Tugenden, die man mit dem Hamburger Kiez-Milieu verbindet: Kantigkeit, Ruppigkeit, Trinkfestigkeit - ein weiches Herz unter rauher Schale. Das läßt sich von Gösta nicht behaupten: Er gräbt sich durch sein Leben, wie es gerade kommt, und sitzt dabei denselben Idealen auf wie seine süße Trulla. Er liebt sie ehrlich, macht sich aber keine Gedanken darüber, ob er nicht vielleicht nur ein Bild von ihr liebt, das er in seinem Herzen trägt. Als das Bild zusammengeknüllt wird, fliegt die Liebe aus der Tür. Er geht zu einer Nutte und besäuft sich rückhaltlos. Was bei Albers zum stimmungsvollen "La Paloma, ohe" wurde, gerät bei ihm zu einer mitleiderregenden Torkelparade: Er weint, verflucht das Ding, das man Gewissen nennt und wird von einem schwarzen G.I. vor die Tür gesetzt. Dann - und hier wird's ganz neorealistisch! - schaut er im Innenhof verzweifelt nach oben und sieht inmitten des Tunnels von ärmlichen Häuserfassaden ein ganz kleines Stück Himmel. Doch das ist außer Reichweite.
Irgendwann zwischendurch gibt es eine Szene, in der es richtig toll zwischen den beiden Liebenden läuft: Er sieht aus wie ein schmucker Seekadett, sie wie eine Traumfrau, er legt sie zärtlich aufs Bett und säuselt ihr süße Nichtigkeiten ins Ohr. Die deutschen Liebeskomödien, die zu jener Zeit grassierten wie die Maul- und Klauenseuche, bestanden fast zu hundert Prozent aus ähnlichen Szenen. Bei Bergman versinnbildlicht solcherlei Tun nur das Unerreichbare, das den Liebenden verwehrt bleibt.
Was man Bergman absolut zugutehalten muß, ist der völlige Verzicht auf Sentimentalität und Kitsch, denn auch die Bebilderung eines menschlichen Elends gerät ja häufig zu ebensolchem. Er drückt überhaupt nicht auf die Tränendrüse. Man bleibt ständig bei den Charakteren und wünscht ihnen alles Gute. Da mir das Seemannsmilieu trotz meiner Fischkopf-Abstammung nicht wirklich am Herzen liegt, ist das alles andere als selbstverständlich. Ich war durchaus beeindruckt davon, wie sehr mich der Film fesselte. Grau in grau nervt mich für gewöhnlich ab. Da schalte ich schon mal auf einen Kabelkanal.
Ohnehin liegen mir die frühen Bergman-Sachen deutlich mehr am Herzen als die späteren, sehr viel schwerer zugänglichen Sachen. Gerade in den 60ern wurden die Filme ja zunehmend abstrakt und stilisiert. Mir geht es in dieser Hinsicht bei Bergman ähnlich wie bei Ken Russell, nur daß der sich im Gegensatz zu Bergman immer mehr zum Oberflächlich-Knalligen hin entwickelte. Dessen früheren Arbeiten (z.B. LIEBENDE FRAUEN) finde ich immer noch am besten. Ich bin sehr gespannt darauf, wie Filme wie DAS SCHWEIGEN oder DER RITUS heute auf mich wirken werden. Fürs Erste bin ich aber noch schicksalshaft mit den Melodramen verkettet! HAFENSTADT gefiel mir auf jeden Fall schon mal richtig gut. Ach, und für die Ferkel: Bei einer Rückblende in der Erziehungsanstalt gibt es eine Einstellung, wo sich eine Schülerin ihr Nachthemd über den Kopf zieht - full frontal nudity anno 1948, und es ging durch die bundesdeutsche Zensur!
Mittlerweile habe ich auch schon den nächsten Film gekuckt: DURST von 1949. Der ist etwas weniger deprimierend, ging mir aber auch weniger unter die Haut. Da geht es im wesentlichen um drei Frauen, die sich in die falschen Männer verkucken. Das beginnt recht episodesk, aber die einzelnen Segmente überschneiden sich auf kunstvolle Weise. Auch hier inszeniert Bergman in unaufdringlicher, aber sehr wirkungsvoller Manier, rückt die Gesichter der Akteure bei schicksalshaften Szenen in den extremen Vordergrund (ein visueller Kunstgriff, den er später ja kultivieren sollte) und macht klar Schiff mit der Vorstellung, daß Liebe eine Sache ist, die einem (im angenehmen Sinne) in den Schoß fliegt und die man sich nicht zu erarbeiten habe. Es geht um Hörigkeit, Moral, männliche Dominanz, männliches Schlaffitum, weibliche Flatterhaftigkeit, Schwangerschaft und Tod. Bergman halt.
Hat der Bergman eigentlich mal einen Bergmann-Film gedreht? Da müßte man glatt mal Woody Allen anrufen...
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#52
Geschrieben 09. April 2004, 17:31
Seit Jahren liegt bei mir bereits dieser Film "auf Halde" - ein 1937 in Polen gedrehtes Melodram, das man als einen der wenigen phantastischen Filme in jiddischer Sprache bezeichnen kann. Der Dybbuk ist ein Geist, der nach seinem Tod keinen Frieden finden kann, da unverrichtete Dinge ihn peinigen. Im vorliegenden Fall geht es um ein Freundespaar, Sender und Nissan (die heißen wirklich so!), die einen heiligen Schwur ablegen: Sollten ihre Frauen die Kinder, die sie gerade im Leibe tragen, unbeschadet zur Welt bringen, wird die Nachhut beim Erreichen der Volljährigkeit miteinander verehelicht. Nissan erlebt die Geburt aber nicht mehr, da er bei einem Bootsunglück ertrinkt. 18 Jahre später will der reiche Sender sein Töchterlein Lea an den etwas minderbemittelten Sohn eines Geschäftsfreundes verschachern. Lea liebt aber den forschen Chanan, der sich vom Talmud abgewendet hat und stattdessen Kabbalastudien betreibt. Leider ist er aber auch arm, so daß er als Bräutigam in spe nicht in Frage kommt. Was die Beteiligten jetzt nicht wissen: Chanan ist natürlich Nissans Sohn, und so stellt die Zwangsheirat eine Entweihung von einigen Gnaden dar. In der Nacht der Verlobung überstürzen sich die Ereignisse: Chanan begibt sich von der Kabbala direkt zu Satan und ruft den Fürsten der Finsternis an. Diesen Frevel bezahlt er mit dem Leben. Aber aus den Augen ist noch lange nicht aus dem Sinn. Er kehrt nämlich aus dem Grab zurück und fährt als böser Dybbuk in den Leib der armen Lea. Der Rebbe zeigt, daß er auch als Exorzist was auf der Pfanne hat und zitiert ein Gericht herbei, bei dem der tote Nissan als Zeuge vorgeladen wird...
Tja, mir als Goj bleiben natürlich viele der Einzelheiten verschlossen - ob das nun Jom-Kippur ist, was da zu Anfang des Filmes gefeiert wird, oder nur so eine Art Erntedankfest, entzieht sich meiner Kenntnis. Als Geisterfilm stellt der Film hartes Brot dar, denn die Dramaturgie verläuft äußerst schleppend. Aber einmal mehr zeigt sich, daß es sich nicht auszahlt, vorgefaßte Schablonen zur Beurteilung eines Filmes zu verwenden. Trotz seiner weitgehenden Spannungslosigkeit ist der Film nämlich faszinierend zu betrachten, denn er bietet auch dem Nichtkenner jüdischer Kultur einen Einblick in die religiösen Bräuche. Der Film (der auf einem berühmten Theaterstück basiert) funktioniert auch eher als eine Art "morality play", das die Richtigkeit der sittlichen Werte aufzeigen soll: Sünde führt letztlich nur in die Irre und zerstört das Glück. Dabei leistet sich der Film sogar schwankhafte Humoreinlagen, wenn etwa der ängstliche und kreuzfromme Talmudschüler, mit dem Lea verheiratet werden soll, seinen Lehrer abnervt, dem regelmäßig nur noch ein erschöpftes "Nej!" einfällt...
Ich habe auch ansonsten eine Menge gelacht, denn vieles ist in seiner Feierlichkeit natürlich gerade für einen Ungläubigen sehr komisch. Mein persönlicher Favorit ist der geisterhafte Bote, der stets am Rande steht und die Vorgänge sittlich kommentiert: Mit verschränkten Armen, Zauselbart und Leichenbittermiene sagt er Sachen wie: "Ejn jejder Mensch muß sejhen, was er tut!" Bereits bei der Feier zu Anfang befindet er sich zwischen den singenden und religiöse Frömmigkeiten versprühenden Menschen und wirkt wie das genaue Gegenteil einer Stimmungskanone. Er stellt wohl ein Bindeglied zwischen dem Walten Gottes und den Irrungen der Menschen dar und ist als solches "not amused". Fast jeder Auftritt dieses Mannes ist ein kompletter Kracher - der funktioniert besser als Bill Murray! Wann immer zwei oder mehr Leute etwas Spaß haben, steht er wie aus dem Erdboden gewachsen auf einmal zwischen ihnen und macht die ganze Stimmung mit einem einzigen unheildräuend vorgetragenen Lehrsatz komplett zunichte...
Die religiösen Riten und Tanz- und Singszenen stehen sehr im Zentrum des Geschehens, was mich ein klein wenig an indische Horrorfilme erinnert hat. Die phantastischen Elemente kommen eher im Schluß-Viertel des Filmes zum Einsatz. Trotzdem - ich fand diese kleine Reise in eine sehr fremde Welt ausgesprochen interessant und kurzweilig, und einzelne Szenen sind auch jenseits des kulturellen Interesses sehr stimmungsvoll. Mein jiddischer Wortschatz wurde ebenfalls bereichert, ojojoj...
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#53
Geschrieben 12. April 2004, 16:51
Der zweite der Daiei-Geisterfilme orientiert sich verstärkt an den Monsterfilmen von Toho und Konsorten. Oberbösewicht ist diesmal ein babylonischer Tunichtgut namens Daimon, der von zwei Grabräubern zum Leben erweckt wird. Daimon ist in seiner Urgestalt ein reptiliesker Vampir, dessen Kopf eine phallische Freudstein-Affäre ist und eigentlich ins Haus an der Friedhofsmauer gehört. Jeder, der von Daimon gebissen wird, wird zu einem seiner Schergen. Zuerst erwischt es einen reichen Japaner. (Weswegen Daimon sich als neues Betätigungsfeld ausgerechnet Japan auskuckt, bleibt etwas im Dunkeln, aber na ja...) Auch dessen Diener wird vampirisiert. Das Leben könnte so schön sein für den Ekelbatzen. Leider begeht er den Fehler, sich mit dem Hausgeist anzulegen, einem vogelköpfigen Wasserkobold! Dieser grüne Kollege hat gegen den ungleich mächtigeren Daimon natürlich nicht viel zu bestellen, aber er kann sich der Hilfe von Japans Geistern sicher sein, die mit dem schurkigen Gastarbeiter nichts zu tun haben wollen. Ein farbenprächtiger Showdown nimmt seinen Lauf...
Tja, im Vergleich zu ONE HUNDRED GHOST STORIES gebricht es dem Film etwas an Gruselatmosphäre, da das Hauptaugenmerk hier auf kinderstubengemäßem Humor liegt. Das macht aber gar nichts, denn zum Ausgleich ist SPOOK WARFARE viel turbulenter und gestattet seinen Monstern und Gruselgeistern reichhaltigen Auslauf. Langweilig wird der bunte Monsterreigen keine Sekunde, und neben den bereits bekannten Geistern (das Regenschirm-Monster, die Frau mit dem Hals, der Wurzelzwerg im Bastrock, das Kartoffel-Ungeheuer etc.) gibt es auch einige Neuzugänge, etwa ein Monster mit aufblasbarem Bauch und integriertem Fernseher. Am Schluß geben die Monster richtig Gas und zeigen dem aufschneiderischen Gesellen aus Babylon, wo Bartel den Most holt.
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#54
Geschrieben 16. April 2004, 00:49
Bis zum heutigen Tag dachte ich, Peter Greenaways monumentale Fake-Documentary THE FALLS sei ein großartiger Film, doch nun weiß ich es besser: Peter Jackson zeigte in FORGOTTEN SILVER, wie es richtig geht, und das mit einem Viertel der Laufzeit!
Habt Ihr schon von Colin McKenzie gehört? Kein Wunder - Colin McKenzies Ruf als einer der großen Pioniere des Filmes hat die Jahrzehnte nicht überdauert. Was für ein Glück, daß im Garten von Peter Jacksons Tante ein Häuschen steht, in dem sie lauter alte Filmdosen gefunden hat. Und in diesen Dosen befindet sich Material, das nicht nur die Geschichte des neuseeländischen Kinos, sondern jene des Kinos an sich neu definiert. Colin McKenzie hat alles gemacht: Als junger Steppke erfand er sein eigenes Filmmaterial, er drehte den ersten Langfilm, er führte den Tonfilm ein, er ersann Wege, um Farbe auf die Leinwand zu bringen... McKenzie war ein Tausendsassa, der Unglaubliches geleistet hat und der demonstrierte, wie wahre Liebe zum Medium und zärtliche Besessenheit zu unglaublichen Innovationen führen können. Der Film verfolgt McKenzies Lehr- und Wanderjahre, seine unermüdlichen Versuche, im cinematographischen Niemandsland Neuseeland seine Träume zu verwirklichen. Mit großem Gefühl schildert FORGOTTEN SILVER auch das Unterfangen des Filmemachers Jackson und seines Partners Costa Botes, dem vergessenen Mythos nachzuspüren. Eine Expedition führt sie in den neuseeländischen Urwald, wo er am tiefsten ist. Hier hoffen sie, die Ruinen von McKenzies großem Traum-Projekt, SALOME, zu entdecken. Was sie finden, übertrifft ihre größten Erwartungen...
Als Zuschauer sitzt man vor diesem bescheiden und weitgehend nüchtern gedrehten Film und fiebert mit, wenn die Irrungen und Wirrungen von McKenzies Vita nachvollzogen werden, die ihn schließlich in den spanischen Bürgerkrieg führen. Colin McKenzie - ein Träumer, ein Visionär, ein verborgener Schatz der Filmgeschichte...
Mann, was für ein Seemannsgarn! Mit großer Liebe und sehr dezentem Humor erfindet Jackson die Filmgeschichte neu und unterhält dabei grandios. Das getürkte Dokumentarmaterial (Fotos und Filmschnipsel) ist weitgehend perfekt gestaltet und macht staunen. Die Präsentation der eigenen Person als Filmemacher der Gegenwart, der auf der Jagd nach alten Mythen die eigene Filmbegeisterung begreifen will, ist ebenso unverschwulstet wie liebevoll. Angereichert wird die Illusion durch einige Gaststars wie Harvey Weinstein und Leonard Maltin, die fröhlich mitspielen und mit gerader Miene den sensationellen Charakter des gefundenen Filmmaterials attestieren. Mir stand der Mund weit offen vor Staunen, wenn ich nicht gerade am Lachen war - unglaublich! 55 Minuten, die Jackson und Botes als vorzügliche Filmemacher mit einem großartigen Sinn für Humor ausweisen. Wer Schenkelklopfer erwartet, wird eines Besseren belehrt. Der Film funktioniert auch als Dokumentation prima und ist lebendig und involviert den Zuschauer aufs Trefflichste. Er ist nur halt frei erfunden... Die Detailbesessenheit, die Jackson und Botes dabei an den Tag legen, hätte Colin McKenzie auf jeden Fall alle Ehre gemacht!
P.S.: Freunde von mir aus Bochum hatten das besondere Vergnügen, den Film in einem Kino bestaunen zu dürfen, das weitgehend mit Cineasten angefüllt war. Meine Freunde gröhlten beherzt und wurden von den Umsitzenden nicht selten mit bösen Blicken gemustert: "Was sind das denn für Pariahs?" Bei der nachfolgenden Frage-und-Antwort-Session stellte sich heraus, daß die meisten den Film wohl komplett für bare Münze genommen hatten - so gut ist der Film!!!
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#55
Geschrieben 17. April 2004, 07:58
Als ich gestern mit zwei Freunden in das Remake von George A. Romeros DAWN OF THE DEAD reingegangen bin, war ich vorsichtig optimistisch, hatte mir das Knispel-Remake von TCM doch recht gut gefallen. So ganz kann man bei einer Neuverfilmung einen Vergleich mit dem Original nicht vermeiden, und gar zu viele wohlige Erinnerungen aus der eigenen Vergangenheit sind in der Regel mit solch einem Erlebnis verknüpft. Zwar hatte ich nicht das Vergnügen, das Original bei seiner Uraufführung zu erleben (für meinen älteren Bruder war das damals ein echter Augenöffner, hatte es doch etwas Vergleichbares damals noch nicht gegeben), aber es gehörte auch auf Video zu meinen ersten Begegnungen mit einer radikalen Vorstellung von Horrorkino, die restlos alle Barrieren beseitigte und mit fröhlicher Punk-Ausgelassenheit die Welt in die selbstverschuldeten Chaos-Tage stürzte. ZOMBIE war ein Bruch mit der Tradition, daß irgendwo einfach Schluß zu sein habe. ZOMBIE machte einfach weiter, und der jüngste Tag wurde in all seiner Grausigkeit wie ein mittelalterlicher Totentanz zelebriert. ZOMBIE war eine filmische Vision, die weit über das Splatterkino hinausging.
Zack Snyders Remake beginnt recht gut: Eine junge Krankenschwester kehrt nach einem aufreibenden Tag in ihr wohlbehütetes Vorstadtheim zurück. Ihr Mann kuckt gerade TV, und zwar eine dieser "Superstar"-Rauswähl-Shows. Man bettet sich zur Ruhe. Dann steht auf einmal das Töchterlein auf der Türschwelle und beißt dem Mann die Gurgel durch. Mit Mühe und Not entkommt die Mutter den eigenen vier Wänden, trifft draußen aber nur den völligen Zusammenbruch der Ordnung an. Es setzt einen unglaublich guten Schockeffekt mit dem Nachbarn, der auf offener Straße mit der Wumme herumfuchtelt. Die Krankenschwester flüchtet im Auto und sieht, daß der Schrecken wirklich überall ist.
Vorspann. Johnny Cash singt: "The Man Comes Around". Ich dachte: Jau - das wird richtig gut!
Doch je länger der Film dauerte, desto tiefer hingen meine Mundwinkel. Der Grundansatz, die Handlung des Originals (die in seinem Beschlagnahmebeschluß ja explizit abgeleugnet wird!) auf ihre Hauptstränge zu reduzieren und fast alles Medien- und Kulturkritische wegzukürzen, wäre vielleicht gar nicht so übel gewesen, denn eine komplette Neuauflage von Romero wollte ich nun auch nicht sehen. Nur hätte dann etwas Neues an seine Stelle treten müssen! Der ganze Einfallsreichtum des Remakes beschränkt sich aber darauf, daß es jetzt nicht mehr nur vier zentrale Charaktere sind, die um ihr Überleben kämpfen müssen, sondern gleich eine ganze Wagenladung. Und so leid es mir tut - für mich waren das alles Pappnasen! Gaylen, Ken, Scott und David sind ja über die Jahre zu echten Freunden geworden. Die Figuren, die von ordentlichen Schauspielern wie der tollen Kanadierin Sarah Polley (bekannt aus diversen Egoyan-Filmen) gespielt werden, sind so eindimensional, daß sich bei mir gar nichts regte. Dramatische Momente besitzt auch das Remake zur Genüge, aber es stellt nichts Sinnvolles mit ihnen an. Alles wirkt irgendwie hingerotzt und dem momentanen Effekt geopfert. Allein jene Szene, in der ein infizierter Vater exekutiert werden muß, hätte einem eigentlich bis ins Mark gehen müssen. Stattdessen hört man aus dem Off einen Schuß, der Bildschirm wird schwarz, und coole Werbefilm-Bar-Mitschnips-Musik setzt ein, zu der eine Collage lustig gemeinter Szenen gezeigt wird. Ich dachte nur: Häh? Was soll das jetzt? Reinigers "Ich werde versuchen, es nicht zu tun..."-Szene ist da nicht wirklich in Gefahr. Auch für den Rest der Figuren gilt: Jau, die Security-Leute sind schön böse Rednecks, Ving Rhames hat dicke Muckis, aber jenseits der Oberfläche ist da sehr wenig. Mein Eindruck war, daß Romeros Film - bei aller intellektuellen Exegese, die er mittlerweile über sich ergehen lassen mußte - der bauchlastigere, aber auch gleichzeitig der intelligentere war.
Mit dem Humor ist das auch so eine Sache. Was bei Romero teilweise ätzend komisch war, wirkt bei Doc Snyder sehr wohlfeil und streckenweise sehr unpassend. Okay, bei der Szene mit Jay Leno und Burt Reynolds habe auch ich herzlich gelacht, aber im Großen und Ganzen fand ich das Remake auf peinsame Weise politisch korrekt und saubergebürstet. Wenn Ving Rhames seine Ansprache vor den militärisch zugedeckten Toten hält und etwas später wie ein steinerner Götze militärischer Tugenden vor einer sehr indezent drapierten Amerikaflagge posiert, dann sehe ich da keine Ironie, nur Pathos der ganz platten Art.
Es gibt einen guten Gastauftritt von Tom Savini und verschenkte Cameos von Ken Foree und Scott Reiniger. Ein Kaufhausgeschäft ist nach Gaylen Ross benannt. Soviel zur Fan-Schiene. Die originellen Einfälle des Drehbuchs halten sich in Grenzen. Ganz gut finde ich Andy, den Überlebenden auf der anderen Seite der Straße, mit dem Ving via gemalter Schilder kommuniziert und dann sogar Schach spielt. An der Szene, wo Andy mit Proviant versorgt werden soll, merkt man aber schon, wo dem Drehbuch die Grenzen gesetzt sind: Die Charaktere benehmen sich nicht nur hier wie die kompletten Narren, und zwar so derb, daß ich einige Male laut aufgeheult habe. ("Ich bin im Wandschrank, aaargh!")
Was die immense Blutrunst des Originals angeht, so ist das Remake quantitativ deutlich zurückhaltender, wählt aber gleichzeitig einen sehr viel realistischeren Ansatz, was den Effekt hat, daß die Ballereien und vereinzelten Splatter-Akzente sehr viel unangenehmer rüberkommen als die Slapstick-Blutfontänen bei Romero. Am Schluß wird dann endgültig Gas gegeben - ich sage nur: Kettensäge! Was da an komplett sinnlosem Gore aufgekellt wird, ist schon wieder lustig. Ich will keine erneuten Haßgesänge auf die Zensur in unserem Lande anstimmen, aber man sollte sich die beschlagnahmte, geschnittene Fassung von DAY OF THE DEAD mal ansehen und sie kritisch mit DIE NACHT DER ZOMBIES vergleichen. Da erübrigt sich wirklich jeder Kommentar. Die für das Verbot zuständigen Staatsanwälte sollten nur noch mit Tüten über dem Kopf aus dem Haus gehen...
Die "ruhigen" Szenen, die bei Romero sowohl dramaturgisch als auch inhaltlich viel Sinn machten und mal spaßig, mal beklemmend waren, sind bei Snyder nur noch öde und kitschig. Die Actionszenen sind teilweise recht aufregend, aber auch da gehen am Schluß komplett die Gäule durch: Diese neumodische Wackelkamera (mit diesem kontrastreichen, metallischen Look - keine Ahnung, wie man das nennt!) macht die Szenen fast unansehbar. Ich war nur noch abgenervt und abgetörnt. Was bei dem von mir nicht sonderlich gemochten 28 DAYS LATER ästhetisch durchaus noch Sinn machte, ist hier reine Effekthascherei und vermittelt den Eindruck von teuer produzierten Schnittabfällen. Was dann als Epilog über dem Abspann passiert (bevor die unvermeidliche Metal-Mucke einsetzt), ist endgültig eine Frechheit.
Freund 1 meinte: "Bis zum Vorspann wirklich ein geiler Film, ansonsten bodenlos." Freund 2 meinte: "Ich habe mich glänzend unterhalten - ein fabelhafter Scheißfilm, den ich mir auf DVD holen werde!" Ich meine: Man sollte einen "Sack-Schneider-Preis" für überflüssige Remakes verleihen. Erster Preisträger ist - Zack Snyder! Der Film ist im übrigen schön kurz. Ich habe es nicht bedauert, ihn gesehen zu haben. Er unterhält sehr passabel. Spannend ist er einigermaßen, die Grusel-Atmosphäre tendiert allerdings gegen Null. GROSSANGRIFF DER ZOMBIES ziehe ich auf jeden Fall bei weitem vor.
P.S.: Auf Viva 2 gab es gestern ein Filmquiz, bei dem nach dem deutschen Titel des alten DAWN OF THE DEAD gefragt wurde. Die "Multiple Choice"-Antworten enthielten zwei völlig abwegige Sachen. Als richtige Antwort wurde ZOMBIES IM KAUFHAUS angeboten - muhahahahaaa...
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#56
Geschrieben 20. April 2004, 23:14
Den amerikanischen Actionfilm jüngeren Datums meide ich mit tiefer Inbrunst. Zwar zeichnen sich die meisten Produktionen mittlerweile durch eine gewisse optische Gelacktheit aus, aber militärisches Pathos darf einfach nicht abgebildet werden, ohne daß widrige Umstände es der Lächerlichkeit preisgeben würden. Selbst technisch beeindruckende Hochglanzfilme wie BLACK HAWK DOWN vergrellen mich ob ihrer halbherzigen Bemühungen, die Vorgänge ambivalent zu gestalten oder für charakterliche Vertiefung zu sorgen. Es läuft meistens doch nur auf das alte Spiel "Wir gegen die bösen Bimbos" hinaus, und wenn dann Vorzeigesoldaten beweisen, daß man trotz fehlender Gliedmaßen noch anmutig im Gegenlicht posieren kann (man kann auch mit nur einer Hand eine Flagge hochhalten!), dann greife ich schon mal entnervt zur Fernbedienung. Wenn solche Filme den Anti-Kriegs-Gestus gar zum Thema machen (siehe DER SOLDAT MEG RYAN), dann treibt es mich schier die Wände hoch! Das Medium Film ist ein voyeuristisches Medium, und natürlich kümmert sich jeder Regisseur um attraktive Einstellungen. Wo was kracht, da wird gelacht, und ich finde es immer wieder sehr bezeichnend, wenn mir Leute erzählen, daß sie von Spielbergs Anti-Kriegs-Eposse nur die ersten 20 Minuten mögen, da dort die Gülle quer durch die Küche fliegt. Da ich den Film nicht mag, gehöre ich wohl selber zu diesen verrohten Unholden...
Hätte Wim Diesel die Bühne des Kinos schon in den 80er Jahren betreten, hätte wirklich was aus ihm werden können. AMERICAN KICKBOX ARSCHBOMBE, SÖLDNER ROLLEN DURCH DIE WÜSTE und MIT DER STALINORGEL DURCH DIE PHILIPPINEN - der B-Film kurbelte ein billiges Kriegsfilmchen um das andere herunter, und immer ging es um bewährte Marshal-Aatz-Stars oder steroidgestählte Bodybuilding-Happen, die mit dicken Wummen herumliefen und den Frühling herbeisangen. Obwohl ich Kriegsfilme an sich total ablehne, habe ich nicht ohne Grund gleich zwei Artikel über Söldner-Streifen geschrieben, denn ich finde die Filme unwiderstehlich komisch in ihrer unbeabsichtigten Geißelung des kriegerischen Wahnsinns, der erwachsene Männer im Hormontaumel direktemang ins Verderben lockt. Vergnügliche Macho-Klischees, die von speckigen Hackfressen hervorgestoßen werden, die schwitzend versuchen, nicht gegen die ortsspezifische Flora zu laufen - das hat was, finde ich.
Lange Rede, kurzer Sinn: Da MGM jetzt einige Klassiker des Deppen-Kriegsfilmes neu herausgebracht hat (und das in sehr guter Qualität!), habe ich die Golan-Globus-Höhen bestiegen und mir DELTA FORCE angekuckt! Unglaublich, daß mir dieser tolle Film früher entgangen ist, denn es handelt sich bei ihm um die Apotheose des debilen Metzelkinos kriegerischer Art, gewürzt mit Message-Schlenkern und Schauspieler-Demütigungen der Güteklasse 1a! Ich bekam schon beim Lesen des sehr lustigen Buches von Christoph Dompke über alte Frauen in schlechten Filmen Lust darauf, das Versäumte nachzuholen, aber nach dieser Edel-Veröffentlichung kam ich endgültig nicht mehr um die Lektüre herum...
Es geht da um ein Flugzeug, das schon bald nach seinem Abheben in die Gewalt von exakt zwei arabischen Terroristen gerät. Der eine ist relativ bedächtig und professionell, der andere eine tickende Zeitbombe. Beide scheuen nicht den Tod und wollen irgendwas zweifellos Wichtiges mit dieser Aktion erreichen. Daß das Flugzeug auch einige Juden beherbergt, verdrießt die Wüstensöhne massiv. Daß ein großer Teil der Besatzung von ehemals berühmten Schauspielern gegeben wird, die ausnahmslos schon bessere Zeiten erlebt haben, stört sie aber nicht, und uns noch viel weniger! Auftritt Delta Force: Unter dem Einsatzkommando von Major Scott McCoy geht in Beirut nach erfolgter Landung so richtig die Luzie ab - der Libanon brodelt...
Tja, bei "Cannon fodder" von den Herren Golan und Globus war schon zu meinen Jugendzeiten größte Vorsicht geboten! Selbst bei ihren wenigen Renommier-Projekten (wie FOOL FOR LOVE von Robert Altman oder LOVE STREAMS von Cassavetes) handelte es sich selten um genießbare Ware. Viel eher überzeugten sie, wenn sie vollen Herzens in die Gülle griffen und z.B. mit MISSING IN ACTION den Mann mit dem Kartoffelgesicht förderten. Mit Chuck Norris verbindet mich eh seit langem eine Art Haßliebe: Spielen kann der Mann nicht für 10 Cent, aber wenn die Filme ordentlich gemacht sind (LONE WOLF MCQUADE) oder so stulle sind wie MISSING IN ACTION, dann packe ich den Magisterhut in die Vitrine, schaffe Knabbergebäck herbei und freue mir ein Loch in den Bauch...
Die erste Hälfte des über 2 Stunden dauernden Werkes besteht aus AIRPORT-gemäßer Exposition und ist natürlich die lustigere, denn bei den Leuten, die da vorgestellt werden, fällt der Vorhang gleich bei der ersten Einstellung. Da gibt es die üblichen debilen Geschäftsleute auf Vergnügungstrip, einen Priester (George Kennedy!) plus Nonnen, ein jüdisches Ehepaar, das einst dem KZ entrann (Martin Balsam und Shelley Winters!), drei junge Marines, eine schon leicht angewelkt aussehende Mami (Susan Strasberg!) mit Kind und etwa 120 andere Kanonen. Geflogen wird der Donnervogel vom ehemaligen Football-Star Bo Svenson - yippie!
Als palästinensischer Dämon überzeugt einmal mehr Robert Forster, der hier im Niemandsland zwischen seinem Erfolg als "Nakia, der Indianersheriff" und seinem gelungenen Comeback in JACKIE BROWN steckte. Ihm zur Seite steht ein namenloser Scherge, der mit seinem Filzbart und den rollenden Augen ausschaut, als könne er nicht über die Straße gehen, ohne "Allah töte sie alle!" zu brüllen. Ein Doppel, das viel verspricht und das auch einlöst...
Und wer ist die deutsche Stewardess Ingrid? HANNA SCHYGULLA! Genial!!! Sie spielt hier haargenau so wie in den Faßbinder-Filmen, und wie gruselig sich auch die anderen Schauspieler hier bekleckern, so kommt doch niemand so gnadenlos schlecht weg wie sie. Unglaublich ihr kurzer Nazi-Monolog ("Ich bin doch Deutsche... Die Lager!"), bei dem sie haltlos zu schluchzen anfängt. Das wäre mir auch passiert, wenn ich diese Rolle angenommen hätte. Überhaupt merkt man gewissermaßen, daß es sich bei den Produzenten um Israelis handelt, denn sämtliche Araber werden durch die Bank als gemeingefährliche Irre und als sadistische Killer gezeichnet. Wenn das Thema Holocaust aufgegriffen wird (bei dieser Sorte von Film eh keine besonders gute Idee!), dann geschieht das entweder so platt wie bei der deutschen Stewardess (die, nachdem sie mehrere Juden verraten hat, ausgerechnet von Robert Forster beschieden bekommt: "Sie sind eine tapfere Frau!") oder mit seifendurchtränktem Pathos (Balsam und die Winters). Die Winters bekommt mit ihrem launigen "Natürlich bin ich Jüdin - sieht man mir das nicht an?" einen Sonderpreis für den gelungensten Dialogsatz...
Ja, und nach etwa einer Stunde setzt sich die Maschine des Militärs in Bewegung! Angeführt wird sie von Haudegen Lee Marvin in seinem letzten Film. Und während mir die anderen Knallchargen kaum leidgetan haben, aber mit Lee Marvin darf man so etwas einfach nicht machen! Das ist unanständig... In Yves Boissets blutigem Neo-Noir DOG DAY hatte er noch eine ganz passable Rolle, aber sein Colonel in DELTA FORCE ist wirklich Laternenpfahl ganz unten. Chuck Norris hingegen sieht man als erstes, wie er in einer Bar sitzt und mit mißmutiger Miene den TV-Nachrichten lauscht, die von der Entführung berichten. Man weiß sofort, daß dieser Typ seit seinem letzten Einsatz dort in der Pinte hockt und auf einen neuen Auftrag wartet. Wenn er sich schließlich vom Barhocker erhebt, gibt es garantiert einen Ansaug-Plopp, aber das geschieht leider Off-Screen... Im Kampfeinsatz ist er hingegen voll in seinem Element: Er ballert mit Maschinenpistolen, Faustfeuerwaffen und Bazookas. Dazwischen äußert er Sätze wie "Ich habe noch eine Rechnung offen!" (In der Bar?) Bei seinem Showdown mit Obersau Forster darf er dann auch mal kurz seine Nahkampf-Künste auspacken. Das irritierte mich etwas, sind es doch in erster Linie sie und nicht sein mimisches Talent, die ihm den Weg bis in den "TV-Shop" geebnet haben... Aber nicht nur er hat lausige Dialogzeilen. Der psychopathische Gehilfe von Forster hat vielleicht den schönsten Moment, wenn er seinen amerikanischen Gefangenen eröffnet: "Eines Tages werde ich zum Weißen Haus fahren, mit einem LKW voll Sprengstoff, und - päng! - fliegt es in die Luft!" Darauf einer der Gefangenen: "Tun sie das nicht - das wäre glatter Selbstmord!"
Auch schön die begeisterte Anteilnahme der Flugzeugpassagiere: "Das sind unsere Jungs! Das sind Amerikaner! Es ist die Delta Force!!!" Am Schluß lassen sich die Passagiere kollektiv vollaufen und singen das schöne Lied "America The Beautiful".
Die Subtilität des Drehbuches wird voll und ganz gestützt von einem frühen Soundtrack von Alan Silvestri, dessen Heldenthema frappierend an die Musik von MEGAFORCE erinnert.
DELTA FORCE ist so dumm, der schwimmt sogar in Milch! 2 Stunden ungeschmälerten Vergnügens, von einer herzerfrischenden Naivität, wie sie mittlerweile selten geworden ist. Der Krieg hat tausend Gesichter, aber Chuck Norris hat nur eines...
P.S.: Robert Vaughn habe ich ganz vergessen, der spielt auch noch mit, als Pentagon-Kasper. Ja, der Vaughn. DIE GLORREICHEN 7, SOLO FÜR O.N.K.E.L., und dann schob sich das Kinn immer weiter über die Nase. Da warteten dann so schöne Filme auf ihn wie Claudio Lattanzis KILLING BIRDS oder Gérard Kikoines Edgar-Allan-Poe-Bearbeitung LOST GIRLS. (Ihr wißt schon, die Poe-Geschichte mit den Pornostars in dem Mädchenpensionat, wo die eine von dem Küchenquirl skalpiert wird...)
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#57
Geschrieben 21. April 2004, 02:48
Das Internet hat die Menschheit bei den Eiern. Wenn es irgend einen Einfluß gibt, der sowohl Jung als auch Alt durch das emotionale Waschwasser steuert, das der Alltag bedeutet, dann sind es die Myriaden von Eindrücken, die durch Betätigung einiger weniger Tasten auf den Konsumenten einströmen. Menschen, die vorher völlig unbeutend gewesen sind, bekommen auf einmal eine ähnlich große Wichtigkeit wie der Amokfahrer, der das Leben von Unbeteiligten durch einen willkürlichen Akt der Zerstörung beeinflußt. Marcel Reich-Ranicki kann soviel schreiben, wie er will, doch der literarisch völlig unbeleckte Metzgergehilfe aus Bassum kann auf ein wesentlich größeres Forum hoffen, wenn er an der geeigneten Stelle verkündet, daß Rilke eine olle Schwiemelschwuchtel gewesen sei. Das Internet verleiht Macht. Das Internet schafft eine virtuelle Realität. Das Internet ersetzt den Freund in der Hose wie die vergilbenden Veilchen im Poesiealbum des eigenen Gefühlslebens.
Eigentlich recht eigenartig, daß bisher so wenige Horrorfilme mit direktem Internetbezug gemacht worden sind.
Das liegt vielleicht daran, daß die meisten ziemlich schwach sind. Die Asiaten waren bislang noch am Erfolgreichsten. Kiyoshi Kurosawas KAIRO (PULSE) war eine sehr hübsche Exkursion in die virtuellen Welten der Internetten wie der Toten. Auch der optisch sehr überladene, aber teilweise recht interessante (und sauspannende) ST. JOHN'S WORT hatte seine lichten Momente. Aus Hollywood gab es den unsäglich debilen BRAINSCAN (vom ansonsten einigermaßen verläßlichen John Flynn), aber ansonsten flimmerte und flackerte da nicht viel. In der Regel dient das weltweite Gewebe nur der effektheischerischen Anreicherung seichter Spannungsstories, ganz ähnlich der computeresken Mätzchen in James-Bond-Filmen und so fort. Ganz okay war MY LITTLE EYE (UNSICHTBARE AUGEN) vom Briten Marc Evans, der seine "Geht so"-"Big Brother"-Geschichte mit einem allerdings mal wirklich furchterregenden Internet-Ansatz verband, den ich wirklich unangenehm fand...
Ein neuer Versuch, der zunehmenden Einflußnahme des Rechners im Leben von uns allen Rechnung zu tragen, ist William Malones FEARDOTCOM. Ich erwartete ob der bislang gelesenen Kritiken eine komplette Katastrophe, muß aber dennoch einräumen, daß ich den Film zumindest passagenweise sehr spannend fand. Da habe ich schon bei weitem Schlechteres gesehen!
Es geht um einige unaufgeklärte Morde, die Detective Mike Reilly auf Trab halten. Bei der Untersuchung stellt sich heraus, daß eine obskure Seite namens "feardotcom.com" im Zusammenhang mit den Morden steht, wo sich eine wachsende Anzahl von Perversen einen Nervenkitzel erhofft bei der virtuellen Zerfleischung draller Mädels. Dieser Schnuff-Ansatz (den man deutlich wirkungsvoller gestaltet in MY LITTLE EYE erleben kann) läßt natürlich auch Mike und die befreundete Medizinerin Terry auf besagte Seite gehen. Da der Drehbuchautor auf japanische Horrorfilme steht, kann es nur 48 Stunden dauern, bis der Netz-Teufel zuschlägt und das Lebenslämpchen erlischt. Mike hat immerhin den Anhaltspunkt, daß ein ärztlicher Serienmörder mit dem sinnreichen Pseudonym "The Doctor" hinter den Vorgängen zu stecken scheint, aber ob er ihm noch früh genug auf die Schliche kommt...?
Ob uns das interessiert, liegt halt im Auge des Betrachters. Ich habe nur kompletten Bullshit erwartet und wurde recht angenehm von der Tatsache überrascht, daß ich die Protagonisten sympathisch fand. Das liegt zum Teil aber auch daran, daß der Bulle von Stephen Dorff (I SHOT ANDY WARHOL, CITY OF INDUSTRY, BLADE) gespielt wird und seine Freundin von der Britin Natascha McElhone (THE TRUMAN SHOW, RONIN, SOLARIS). Auch so muß man aber attestieren, daß zumindest die Charakterisierungen ohne störende Klischees gestaltet sind. Das gilt leider nicht für den Serienmörder, der von Neil Jordans verehrungswürdigem Hausinterpreten Stephen Rea gemimt wird, denn neben seinen pseudophilosophischen Gemeinplätzen hat der Bursche nicht viel zu bieten. Ansonsten gibt es ein unerwartetes Wiedersehen mit dem sehr guten Schauspieler Michael Sarrazin (in einer allerdings sinnlosen Nebenrolle), ein ebenso unerwartetes Wiedersehen mit Nigel Terry (dem König Artus aus EXCALIBUR, der hier mit dem Auto verunglückt) und ein nicht wirklich unerwartetes Wiedersehen mit Udo Kier, der nur im Prolog erscheint. Ach, und Jeffrey Combs schaut auch mal vorbei, als "hard-bitten" Stadtpolizist mit dem Herzen voll Groll und dem Glas voll Whiskey...
Bill Malone hat Anfang der 80er einen mäßigen SF-Horrorfilm namens SCARED TO DEATH gemacht, der von ALIEN beeinflußt war und mit SYNGENOR eine Fortsetzung bekam. In seinem SF-Horror CREATURE tummelte sich gar Klaus Kinski, aber ohne großen Effekt. Nach langen Jahren meldete er sich wieder in dem Silver-produzierten Castle-Remake HOUSE ON HAUNTED HILL, das einen netten Anfang, aber im weiteren Verlauf nur öden Unfug und ein computergeneriertes Schamhaar-Monster zu bieten hatte. Sein FEARDOTCOM quillt über vor Anleihen bei anderen Horrorfilmen. Der Drehbuchautor mag offensichtlich Italo-Horror, und so zitiert er Bavas OPERAZIONE PAURA und Argentos INFERNO. Aus dem asiatischen Raum fällt neben RING auch desselben Regisseurs DARK WATER als Inspirationsquelle auf. Besonders im zweiten Teil wird FEARDOTCOM ein fröhliches Zitate-Ragout, in das auch amerikanische Vorbilder mit einfließen. Ich persönlich konnte mit der visuellen Ästhetik rein gar nichts anfangen. Diese ständig bewegliche und attraktionshuberische MTV-Kamera, die nicht einmal in "ruhigen" Szenen innehält, ist wirklich nicht meine Welt. Man hat manchmal das Gefühl, in einer Low-Rent-Variante von SEVEN gelandet zu sein. Der Geschmackspegel war nicht sonderlich hoch, was auch bei den Beigaben der deutschen Ko-Produzenten auffällt, nämlich deutschen Gothic-Punks und dröhnender Rammstein-Mucke. (Das hat mich ja schon bei David Lynch sehr irritiert: Wirkt das auf angelsächsische Ohren irgendwie horribel? In Pornokreisen steht Deutschtum ja für fetischverhaftete Devianz, in erster Linie Sadomaso und Koprophilie. Ich verweise da nur auf den fast goethe'schen Schwulenpornotitel DOPPELFAUST...)
Anders als bei anderen neuen Horrorfilmen fühlte ich mich aber zumindest gut unterhalten, und wo der Drehbuchmokel klaut, klaut er zumindest gut. Originär ist der Film in keiner Sekunde, aber während mich Filme wie der ebenfalls beklaute THE CELL einfach nur anöden, hatte ich hier zumindest streckenweise mein Auskommen.
P.S.: Den ausführenden Produzenten Mark Damon - kenne ich den irgendwoher?
P.P.S.: Zum Vergleich: Russell Mulcahys SEVEN-Kopie RESURRECTION fand ich - abseits ihrer ziemlich derben Schockmomente - sehr mittelprächtig, und neben der unmotivierten Wackelkamera hatte man da auch noch Christophe Lambert auszustehen, und das hält doch nun wirklich keine Sau aus!
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#58
Geschrieben 21. April 2004, 15:04
Ju-on 2 (DVD)
In kurzer Folge habe ich mir die beiden Videos angesehen, die als Vorskizze zu Takashi Shimizus JU-ON: THE GRUDGE dienten. Viel ist dazu nicht zu sagen. Es hat durchaus nicht geschadet, daß ich mit dem späteren Film angefangen habe, denn die Ereignisse sind auch so äußerst schwer durchschaubar. Das macht aber gar nichts, denn bei JU-ON kommt es sowieso mehr auf die szeneninterne Spannung an, und die ist auch bei den beiden "Vorläufern" beträchtlich. Insbesondere der erste Teil wartet mit einigen Szenen auf, die mir Angstschreie entlockt haben. Im Vergleich zu THE GRUDGE ist die Exposition des ersten Filmes eher noch bedächtiger und vorsichtiger. Der Aufbau entlädt sich aber in einigen echten Nervenhämmern. Teil 2 irritiert durch den Umstand, daß er die letzten zwei Episoden von Teil 1 fast komplett wiederholt. Dann schließt das neue Material an. Wahrscheinlich sind die beiden Videoproduktionen eh "back-to-back" gefilmt worden. Teil 2 endet gewissermaßen mit einem "Vorkucker" auf THE GRUDGE, dessen zweiten Teil ich kaum erwarten kann. Der TWIN PEAKS-Effekt hat bei mir eingesetzt...
Wer sich für den Regisseur Shimizu interessiert, kann hier ein Interview lesen.
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#59
Geschrieben 23. April 2004, 02:51
Wade Whitehouse (Nick Nolte) ist Sheriff in einem kleinen Kaff in New Hampshire, FARGO-County, an der Grenze zu Kanada. In dieser verschneiten Region ist der Hund begraben, und der Fortschritt bahnt sich nur langsam einen Weg durch die engen Vorstellungen. Wade hat eine Tochter, die er aber nur gelegentlich sehen darf, denn er lebt getrennt von seiner Frau. Sein Bruder (Willem Dafoe) praktiziert irgendwo als Historiker. Als ein reicher Urlauber bei einem Jagdausflug einen "Unfall" erleidet, wittert Wade Unrat: Er spürt eine Verschwörung, die von führenden Köpfen des Stadtrats ausgeht und seinen besten Freund Jack einbezieht. Je mehr Wade in den Fall eindringt und der Wahrheit auf die Spur kommt, umso klarer wird auch, daß er eigentlich seine eigenen Kindheitstraumata ausagiert und seine Natur.
"Adam raised a Cain" - Wades Vater (James Coburn) ist ein Alkoholiker und zeit seines Lebens ein Spielball seines explosiven Temperaments gewesen. Auch er war Gesetzeshüter und ein verdammt harter Knochen. Er hat seine fromme Frau herumgeschubst bis zum Gottserbarmen. Trotzdem wich sie niemals von seiner Seite - aus Pflichtgefühl und (vermutlich) aus Mitleid. Wade liebt seinen Vater und haßt ihn, ewig verfolgt von Angst und einem gewaltigen Gefühl von Schuld. Nick Nolte habe ich niemals besser gesehen als in diesem Film, wo sein angeknackster Brummbär von den Ereignissen richtig auseinandergenommen wird - da bleibt gar nichts mehr übrig. Er eifert seinem Daddy in fast allem nach, und meistens ahnt er es nicht einmal. Er ist hilflos im Angesicht seiner familiären Konditionierung, und auch seine Freundin (Sissy Spacek) muß diesen traurigen Unfug mitmachen.
Teilweise ist Paul Schraders Film fast ein Krimi, dann aber nimmt das Charakterdrama wieder überhand. Das auf Russell Banks´ Roman basierende Drehbuch ist hinreichend einfühlsam und geschickt, um Langeweile nicht aufkommen zu lassen. Es wird wuchtig in den Zuschauer hineingestanzt, daß dies ein Film über Männer ist, echtes "Männerkino", wie das bei Krimis so der Fall zu sein hat. Die Hauptfigur Wade Whitehouse bestreitet fast die gesamte Laufzeit und ist meilenweit entfernt von einem klassischen Helden. Viel eher ist er der tragischen Konzeption verhaftet und kann sich von seinen Ursprüngen nicht lösen, genausowenig wie sein Vater sich von seinen. (In einer Szene referiert James Coburn darüber, daß sein Daddy noch ein richtiger Mann gewesen sei, und die Frauen hätten ihn respektiert und gewußt, wo ihr Platz ist.) Die andauernd vorgetragene Härte und Unnahbarkeit wird sehr bald zur blutigen Charade - nur deshalb nicht grotesk, weil andere darunter zu leiden haben. Wer den reichen Geldsack umgenietet hat, gerät darüber fast zur Unscheinbarkeit...
Paul Schraders Film ist verbrecherischerweise als billige Kaufhaus-DVD erschienen. Ich habe sie für etwa 5 Euro erhalten. Die Bildquali ist so lala, aber für mich komplett ausreichend. Die Tonspur ist auch alles andere als Krügerrand, aber ebenfalls akzeptabel. Eine englische Tonspur gibt es auch. Von diesem Film hätte ich mir eine Super-Deluxe-Collector's-Edition gewünscht, denn es handelt sich für mich neben MISHIMA um den besten von Paul Schrader, dessen Werk ohnehin in faszinierender Weise hin und her gerissen ist zwischen Trivialkino (mit Männerbezug) und künstlerischen Ambitionen. In den meisten seiner Filme geht es um Moral in einer zutiefst unmoralischen Welt. AFFLICTION wirkt in seinem Oeuvre wie ein ungewöhnlich intimer und direkter Film, der einige Sachen angesprochen hat, die ihm sehr nahe zu liegen scheinen. Als Charakterdrama kriegt der Film von mir die Eins mit Sternchen...
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#60
Geschrieben 26. April 2004, 16:52
"The African killer bee portayed in this film bears absolutely no relationship to the industrious, hard-working American honey bee to which we are indebted for pollinating vital crops that feed our nation."
Ähnlich gaga ist der ganze Film!
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#61
Geschrieben 27. April 2004, 00:59
Brian de Palmas OBSESSION geht für gewöhnlich etwas unter, wenn man Texte über den Regisseur liest. Dies mag daran liegen, daß der Film die visuellen Kabinettstückchen (die zu so etwas wie einem Markenzeichen für de Palma geworden sind) vergleichsweise dezent und unaufdringlich einsetzt. War der vorangegangene Thriller SISTERS noch eine sehr knallige Angelegenheit – mit blutrünstigen Effekten, viel Split-Screen-Tamtam und ironisch überspitzten Charakterisierungen -, erzählt OBSESSION eine sehr ruhige Geschichte, deren emotionalen Sturzfluten nicht ausagiert werden, sondern unter der Oberfläche vor sich hin brodeln.
Michael Courtland (Cliff Robertson) ist ein glücklich verheirateter und finanziell ausgesprochen gutgestellter Südstaaten-Geschäftsmann, dessen Ehefrau Elizabeth (Genevieve Bujold) plus gemeinsamer Tochter eines Tages Opfer einer Entführung werden. Von der Polizei läßt sich Courtland dazu beschwatzen, einen Koffer mit Falschgeld zu übergeben. Bei der Verhaftung der Kidnapper kommt es aber zu einem Unfall. Elizabeth und die kleine Amy verlieren daraufhin das Leben.
16 Jahre später: Courtland hat irgendwie weitergemacht, hängt aber immer noch dem entschwundenen Glück von einst nach. Auf einer Geschäftsreise nach Florenz begegnet er einer jungen Kirchenbild-Restaurateurin, die seiner toten Frau wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Man verliebt sich, doch auf der jungen Beziehung lastet schwer die Schuld vergangener Tage...
Diese Variation auf Hitchocks VERTIGO (einer meiner Lieblings-Hitche!) erschien zu einer Zeit, als sich die Kritik noch nicht eingeschossen hatte auf de Palma, der ja lange nur als Kopist des dicken Mannes aus England galt. De Palma selbst scheint diese gebetsmühlenartig heruntergeleierte Abwertung seiner filmischen Qualität sehr gepiesackt zu haben, denn über lange Jahre hinweg versuchte er sich in Genres, für die er m.E. nicht sonderlich geeignet war. (Vgl. etwa den schwerfälligen und viel zu pointierten Humor von WISE GUYS.) Mit FEMME FATALE hat er zum Glück wieder fast zu alter Form zurückgefunden, wenngleich die Besetzung von Banderas einen Geschmackslapsus darstellt, den ich eher John Carpenter zugetraut hätte...
Egal. OBSESSION hat einen spannungsbetonten Anfang (Entführung), dümpelt dann etwas im finstern Gewässer der Melancholie und legt schließlich an im alles reinigenden Hafen der Liebe. Leider geht da wieder etwas schief, und während die REBECCAeske Beziehungsproblematik, die der Liebesgeschichte zugrundeliegt, schon Konfliktpotential genug böte, so sind es natürlich kriminalistische Händel, die der jungen Liebe endgültig das Wasser abzugraben drohen. Allzu schwer ist das alles nicht zu durchschauen, aber de Palma und sein Drehbuchautor Paul Schrader (der bald darauf TAXI DRIVER und dessen groteske Reaktionär-Variante DER MANN MIT DER STAHLKRALLE skripten sollte) schaffen es, das künstliche Story-Gespinst zum Leben zu erwecken, was nicht zuletzt am völligen Verzicht auf Humor und grelle formale Mätzchen liegt. Man fühlt sich sehr schnell wohl in diesem düsteren Szenario, zittert wohlig, wenn Courtland vor dem marmornen Mausoleum steht, das er seiner Frau errichtet hat und harrt des Verhängnisses, das sich anbahnt... Unterstrichen wird der schicksalshafte Touch von der hervorragenden, orgel- und chorgetragenen Musik des großen Bernard Herrmann, deren morbider Romantizismus mir wesentlich besser gefällt als seine deutlich grelleren Akkorde zu SISTERS.
Die deutsche DVD von „Anolis“ ist von exzellenter Bildqualität. (Der Film wurde komplett mit leichtem Weichzeichner fotografiert.) Der deutsche Ton ist leider nur mono, aber die (leicht verständliche) englische Sprachfassung ist nicht nur vorzüglich, sondern läßt vor allem Herrmanns majestätische Komposition in einer Klarheit erschallen, die ich bei ihren Veröffentlichungen auf Vinyl und CD vermißt habe. Ergänzt wird der Spaß von einer gut 30-minütigen Doku, auf der sich die Hauptbeteiligten über die Produktionsumstände auslassen.
Ach, und OBSESSION ist natürlich KEINE Adaption dieses Buches über Jess Franco...
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#62
Geschrieben 27. April 2004, 01:43
Wann kommt er endlich, der erste SF-Action-Heuler über ein atomar mutiertes Riesen-Axolotl?
Endlich war die Gelegenheit gekommen, einen der großen Klassiker des schlechten Films erneut zu sichten. Aus meiner Jugendzeit hatte ich noch die bereits zwei Einträge vorher zitierte Abspannmitteilung des Produzenten in Erinnerung. Über den Rest des Erlebnisses hatte sich bereits das barmherzige Mäntelchen der Vergessenheit gesenkt...
Irwin Allen galt ja für eine kurze Zeit als Zampano des Katastrophen-Kinos. Mit Filmen wie THE POSEIDON ADVENTURE oder FLAMMENDES INFERNO trug er der zunehmenden Skepsis Rechnung, mit der der Mensch die Errungenschaften der Zivilisation betrachtet. In THE SWARM geht Allen sehr ähnlich zu Werke und liefert zunächst einen ganzen Schwung völlig uninteressanter und soapiger Einzelcharakterisierungen, um dann die Wände zum Wackeln zu bringen.
Der Feind ist in diesem Fall die afrikanische Killerbiene. Anders als die Kellerbiene oder gar die Kellnerbiene fällt die Killerbiene in Millionenstärke über Texas her und mordet und metzelt nach Herzenslust. Dies zu verhindern, ist die Aufgabe von zwei Menschen – dem nüchternen Entomologen Michael Caine und dem Operettengeneral Richard Widmark. Beide kümmern sich mehr um ihre kindischen Kompetenzstreitigkeiten als um die Rettung der Menschheit. Zum Glück gibt es aber noch Henry Fonda, der einen an den Rollstuhl gefesselten Wissenschaftler namens Dr. Krim spielt, der aussieht, als habe er den Natursekt erfunden. Tatsächlich vertrauen aber alle ganz doll darauf, daß er ein Anti-Serum herstelle.
Die Spezialeffekte, Rückprojektionen etc. sind nicht wirklich auf der Höhe des im Vorjahr erschienenen STAR WARS, sondern erinnern eher an das Gesamtwerk von Bert I. Gordon. Dabei muß man aber einen signifikanten Unterschied beachten: Gordon hatte niemals eine Besetzung von alten Stars zur Verfügung, von denen insgesamt sieben bereits einen Oscar in Händen halten und auch mit nach Hause nehmen durften... Das große Rätsel des Filmes ist nicht wirklich, wie man die Bienen dazu gebracht hat, auf den Schauspielern herumzukrabbeln, oder wie man die Schauspieler dazu gebracht hat, sich bekrabbeln zu lassen. Mysteriös jenseits aller Faßbarkeit bleibt allein der Umstand, warum alle diese Leute bei dem Film mitgemacht haben. Können die nicht lesen?
Das Drehbuch ist schlecht. Das Drehbuch ist so was von schlecht. Was den Leuten da an Dialogen und Handlungen zugemutet wird, ist dermaßen närrisch, daß es schon fast in den Bereich des Surrealen hineinlugt. Irwin Allen und Salvadore Dali – zwei Brüder im Geiste? Man könnte es fast meinen. Nein, wirklich: Wenn Henry Fonda auf einmal aus dem Rollstuhl aufgestanden wäre, sich nackend ausgezogen hätte und Kasatschok getanzt, dann hätte das auch niemanden gewundert... Besonders trübe sind die „human interest“-Subplots, besonders jene in der Kleinstadt, wo Teile des Films spielen. Während anderswo Menschen schreiend mit überkopierten Scheißhausfliegen kämpfen, darf sich Olivia de Havilland von gleich zwei gesetzten Herren umbalzen lassen – dem greisen Cowboy Ben Johnson und dem schon leicht dementen Apotheker Fred MacMurray. Wer wird siegen? WEN INTERESSIERT DAS? Wir wollen sehen, wie unschuldige Schulkinder mit tödlichem Killerbienengift vollgepumpt werden, explodierende Tankstellen, Zeter & Mordio, das volle Programm. Stattdessen besinnt sich auch der knochentrockene Medikus Michael Caine seiner romantischen Ader und verliebt sich in die wackere Krankenschwester Katherine Ross – kreisch! („Der Caine war ihr Schicksal“) Wäre ich ein bärbeißiger Hardcore-Militarist vom Schlage Richard Widmarks, dann hätte ich nicht meinen Chef Cameron Mitchell oder den Präsidenten um Erlaubnis gefragt, sondern die beiden Turteltauben einfach in einer Seitengasse per Genickschuß entsorgt... Bradford Dillman spielt Widmarks Schlappenschammes. Weitere Opfer des Drehbuchs sind Richard Chamberlain als weiterer Serologe, Slim Pickens als trauernder Papa mit Cowboy-Hut (gaaanz schlimme Szene!), Lee Grant als TV-Journalistin (was sonst?) und José Ferrer als Atomkraftwerkbesitzer.
Der Vollständigkeit halber noch einmal die tolle Erklärung des Abspannes:
"The African killer bee portrayed in this film bears absolutely no relationship to the industrious, hard-working American honey bee to which we are indebted for pollinating vital crops that feed our nation."
Hier mein eigener Zusatz:
Summ, summ, summ,
Bienchen, summ herum
Summ, summ, summ,
Bienchen, bist du dumm
Fazit: Allen kann man es nicht rechtmachen, und ob Allen es allen rechtmachen kann, ist sogar noch fraglicher, aber ich habe meinen Spaß gehabt. Lauter gedemütigte Superstars, ein tumberes Drehbuch als EARTH VS. THE SPIDER, und ich habe meinen Spaß gehabt? Mann, wat bin ich eine fiese Möpp...
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#63
Geschrieben 27. April 2004, 12:01
Heute war ich mal ganz pervers drauf und habe ich mir ein Beispiel für das neue liberale Hollywood-Kino angesehen. Was kommt raus, wenn der Drehbuchautor von SCHINDLERS LISTE einen Film über das amerikanische Rechtssystem macht? ZIVILPROZESS kommt dabei raus!
John Travolta spielt einen aufstrebenden Anwalt mit dem programmatischen Namen Jan Schlichtmann. Obwohl er bereits auf dem Cover des "Boston Magazine" abgebildet wurde und zu den begehrtesten Junggesellen seines Einzugsbereichs gezählt wird, hat er ein Herz für Umweltsünderopfer und nimmt einen sehr unpopulären Fall an, der bereits von zahlreichen Kanzleien abgelehnt wurde: Zwei Fabriken haben irgendwo im neuenglischen Hinterland jahrelang Fässer voll chemischem Blubberlutsch in den Fluß entsorgt. Einige Kinder sind daraufhin gestorben. Zusammen mit seinen Soziussen kämpft Schlichtmann wie ein Löwe und stemmt sich gegen die Mächte der Finsternis, repräsentiert vom Anwalt der Gegenpartei, dem alten Schlachtroß Robert Duvall...
...und ja, ohne einen eingebauten Vater/Sohn-Konflikt geht es leider nicht, denn Schlichtmann muß seinem ehemaligen Mentor natürlich demonstrieren, daß er den längeren Pillemann hat! Wenn man sich die Partner von Travolta ansieht (darunter immerhin William H. Macy und Tony Shaloub), hat man das Gefühl, daß Anwälte erst ab 50 Jahren dazu kommen, sich zu etablieren. Da der Film von Robert Redford koproduziert ist (der ja so etwas wie die Frank-Capra-Nachfolge angetreten hat), wimmelt es zu Beginn des Films vor durchaus authentisch rüberkommenden Pessimismen, die dann aber von zunehmend unglaubhaft werdendem Wunschdenken ersetzt werden. Kein Anwalt, der seine sieben Sinne beisammen hat, würde solch einen vagen und schwer beweisbaren Fall übernehmen. Bei Schlichtmann liegt der Fall hingegen anders: Er wirft seine berufliche Existenz und die seiner Partner in die Waagschale, um ein paar Landarbeiterfamilien zu helfen. Durchaus relevante Punkte werden dabei angeschnitten, etwa der Umstand, daß man es sich in den USA wirklich leisten können muß, Recht zu haben. Man darf Travolta und seine Kollegen dabei beobachten, wie sie vor Kreditinstituten buckeln, um das nötige Kleingeld aufzutreiben. Das einzige Problem ist nur: In Realität würde das ganz anders laufen! Für den altbewährten dramaturgischen Kunstgriff des plötzlich auftauchenden Kronzeugen - "Ja, also, ich hab´ gesehen, wie die die komischen gelben Fässer in den Fluß gekippt haben!" - ist sich der Film nicht zu schade.
Immerhin setzt es am Schluß noch ein paar Untertöne, die ein strahlendes Happy-End unterbinden, aber die Optimismus-Symphonie der "Wir sind das Volk!"-Amerikaner ist schon etwas blauäugig, um es milde auszudrücken. Ganz ohne Humor ist der Film nicht, aber am lustigsten fand ich nicht lustig gemeinte Stellen, etwa jene, wo von starken Männerhänden fortwährend Teppiche, Gemälde o.ä. aus der beständig pleiter werdenden Kanzlei rausgetragen werden... Wer einen richtig lustigen Film dieses Genres anschauen möchte, soll sich mit der Groteske ...UND GERECHTIGKEIT FÜR ALLE von Norman Jewison befassen - den fand ich richtig knorke! Robert Redfords Liberal-Kino finde ich gelegentlich kolossal unterhaltsam (QUIZ SHOW), gelegentlich okay, wenn auch zu naiv (ZIVILPROZESS), aber im Extremfall sieht das dann so aus wie in dem unsäglichen DIE LETZTE FESTUNG, wo Patriotismus und der Glaube daran, daß das Gute sich letztendlich durchsetzen wird, zu einem völligen Absurdion führen.
Wer will schon die Trumps verteidigen, wenn er dafür Farmer Vincent mit seiner Güllepumpe rausboxen kann? Klage abgewiesen - nächster Fall!
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#64
Geschrieben 28. April 2004, 16:22
Zu diesem Film will ich nicht viel verraten, da sich jeder selbst einen Reim machen soll. Nur soviel: Wer den ersten Teil nicht gesehen hat, ist nicht zu beneiden... Ebenso empfiehlt es sich, nicht mit der falschen Erwartungshaltung in den Film hineinzugehen, denn gegenüber dem ersten Volumen wird doch ein sehr viel gemächlicheres Tempo eingeschlagen. Optische Leckerli wie das Duell im japanischen Wintergarten, mit dem Teil 1 schließt, sind in der Fortsetzung eher rar. Bei der fast quälenden Langsamkeit so mancher Szenen habe ich versucht, mir vorzustellen, wie Tarantino den Film wohl verkauft hätte, wäre er noch ein völliger Newcomer...
Nun, er ist alles andere als ein völliger Newcomer und konnte den Film exakt so gestalten, wie er sich das vorstellte, und das ist gut so! Meine Meinung, daß es sich bei Tarantino um einen komplett Geisteskranken handelt, wurde erneut unterstrichen - wie kommt man darauf, ein Gemengsel aus Exploitationfilm-Leihgaben derart bizarr zusammenzubauen? Ich saß manchmal nur noch mit offenem Mund da und dachte mir: Bei Gott - dieser Mann kann nicht einmal Max Schautzer beim Telefonieren filmen, ohne daß es faszinierend und sexy ausschaut!
Uma Thurman ist nicht Max Schautzer, soviel sollte klar sein. (Wenngleich Max Schautzer wahrscheinlich hübschere Füße hat!) Und auf ihrem Weg zur blutigen Satisfaktion muß sie erneut zahlreiche Fährnisse überwinden, wobei mir am besten das Begräbnis gefallen hat, das zu den extremsten Szenen gehört, die ich jemals in einem Hollywood-Film gesehen habe... Ich habe den Vorzug genossen, den Film mit sehr erdhaften Begleitern zu kucken. Bettina maulte während des gesamten Mittelteils, daß sie es doof fände, daß Uma ihr Samurai-Schwert verloren habe. Na, sie bekommt es ja wieder!
Ob man einen Bezug zu dieser intelligenten und kunstvollen Präsentation von Exploitation hat, bei der man Ironie von blutigem Ernst höchstens noch mit dem Samurai-Schwert trennen kann, ist sicherlich Geschmackssache, aber wer den ersten Teil bejubelt hat, wird wohl entsprechend vorgewarnt sein und sein Auskommen haben. Ich habe auf jeden Fall erst einmal geschluckt, dann meinen Spaß gehabt, und mittlerweile finde ich auch den zweiten Teil richtig knorke!
P.S.: Wer übrigens Samuel L. Jackson in seinem Gastauftritt erkannt hat, verdient den goldenen Löwen von Radio Luxemburg! Ich habe nicht einmal Bo Svenson wiedererkannt. Mal schauen, ob der auch bei Tarantinos Remake von Enzo G. Castellaris INGLORIOUS BASTARDS auftaucht...
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#65
Geschrieben 01. Mai 2004, 00:42
Über dieses Werk ist nicht gar so viel zu erzählen. Ein handelsüblicher Slasher mit einigen Extrazutaten, die ihn etwas erträglicher gestalten als den üblichen VMP-Ausstoß. Ein geheimnisvoller Mörder treibt sein Unwesen in einem Autokino. Die blutrünstigste Szene findet gleich zu Anfang des Filmes statt: Einem begattungswilligen Männchen wird der Kopf vom Rumpf getrennt via Machetenwucht. Das Weibchen bekommt die Waffe quer durch den Hals. Da ist für ein "Umpf!" im Publikum gesorgt, und man fragt sich, ob die am 13.1. Geborenen tatsächlich einen Grund gehabt haben für ihre rigorose Maßnahme...
Die beiden dicksten Cops von Los Angeles befassen sich mit dem Fall. Der Betreiber des Autokinos stellt sich als glatzköpfiger Grobian mit der Stimme von Scotty von der "Enterprise" heraus. Der eine der Cops hat die Stimme von Clint Eastwood, der andere jene von Homer Simpson. Beide treffen ein armes Würstchen namens Shermy, das für den rabiaten Glatzkopf Müll wegräumt. Shermy ist ein ehemaliger Zirkuskünstler und der einzige Glanzpunkt des Filmes. Als er den Bullen einen vorsteppt, habe ich sogar etwas geschmunzelt. Dann folgt aber die übliche Abfolge aus Mord-Vorbereitungs-Szenen und Metzelei, wobei das Schlimmste bereits in der Anfangssequenz verbraten wurde. Es setzt noch eine langwierige Hatz auf einen anderen Psychopathen, der aber natürlich nicht derjenige welcher ist. Am Schluß gibt es nur ein "Tja, der Mörder wurde niemals gefaßt, dumm gelaufen eigentlich", das andeutet, das den Machern Geld oder Puste ausgegangen sind.
Der Regisseur war ein gewisser Stu Segall, der unter dem W.C. Fields entlehnten Pseudonym "Godfrey Daniels" eine ganze Reihe ordentlicher Pornos gedreht hat, von der Sorte: "Hey, sowas wird heute nicht mehr gemacht!" Er dirigierte Marilyn RABID Chambers durch ihr erstes Comeback, INSATIABLE, aber mein persönlicher Favorit ist sein THE SPIRIT OF SEVENTY-SEX, der rechtzeitig zur 200-Jahr-Feier der USA entstand. Unter dem nome dell'arte "Ricki Krelmn" zeichnete er ficktechnisch die Geschichte der Vereinigten Staaten nach, erzählt von einem greisen Zauselbart. Da geht George Washington seiner Martha an die Wäsche, Pocahontas und Paul Revere erweisen der ewigen Labia ihre Reverenz, und Benjamin Franklin erfindet neue Stellungen für fröhliche Freiübungen. Ein wesentlich lustigerer Film als DRIVE-IN MASSACRE, das ist mal sicher. Später hatte Segall Erfolg im TV mit seiner Serie "Hunter" und wurde ein richtig dicker Fisch im Haifischbecken.
DRIVE-IN MASSACRE auf der Liste der beschlagnahmten Filme willkommen zu heißen, gibt gar keinen Sinn. Es handelt sich um einen zutiefst obskuren Slasher, den wohl kaum jemand ernsthaft vermissen wird. Trotz der ständig präsenten In-Jokes ist der Film nur sehr mäßig amüsant, und seine Splatter-Einsprengsel werden niemanden vom Hocker reißen. Kuckbar, hier und da mit sympathischen Momenten, aber keine entrissene Sleaze-Granate. Der DRIVE-IN-KELLNER serviert nur Hackebeil-Kost der hausbackenen Art, mit wenigen selbstreflexiven Momenten.
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#66
Geschrieben 03. Mai 2004, 11:01
Als ich mit meiner Freundin am Samstag dem Erzlaster der Trinkseligkeit frönte, stieß ich auf dem selten von mir frequentierten Sender RTL 2 auf ein amerikanisches Actionprodukt, das unserer eingeschränkten Auffassungsgabe entgegenkam. Worum es in dem Film ging, weiß ich nicht mehr, denn wir schalteten uns nach etwa der Hälfte hinzu. Und was soll ich sagen - wir blieben dem Film bis zum Schluß treu wie ein Hund, will sagen: wie zwei Hunde!
Ich habe in meinem Leben schon so einigen Ramsch gesehen. Dabei folge ich immer der Maxime, daß nichts so lustig ist wie das, was sich selbst zum Horst macht. Da ich ein eingestandener Nicht-Fan von soldatischen Tugenden bin, trifft das besonders im Fall von dicken Männern mit schweren Wummen zu, die patriotische Werte mit männlicher Wucht in die Gegend rotzen. Dabei habe ich bislang offensichtlich dem Billig-Kriegsfilm-Sektor zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet, denn bei AMERICAN NINJA 4 ist mir einfach nur noch die Kinnlade runtergefallen!
Als wir einschalteten, kämpften gerade Männer in grellbunten Kasperklamotten gegeneinander. Erinnerungen an türkische Historienfilme wurden wach angesichts des Farbentaumels. Ich erinnere mich, daß mir irgendwann einmal ein Ninja-Film von Tomas Tang vor die Linse gekommen ist, wo die titelgebenden Recken ebenfalls bunte Fetzen trugen. Aha, kombiniere, Ninjas mögen also Karneval! Bei diesem Gerangel wurden zwei amerikanische G.I.s gefangengenommen und in einen unterirdischen Folterkeller verschleppt. Ein Mann mit einem sehr schlecht sitzenden Toupet hält ihnen daraufhin eine Ansprache und zieht wilde Grimassen, die etwas an spastische Zuckungen erinnern. Damit die beiden an Marterpfähle gebundenen Kämpfer für die Freiheit auch seine volle Aufmerksamkeit haben, haut er sie zwischendurch mit einer Peitsche.
Dann habe ich mir eine Stulle geschmiert. Als ich wieder zurückkam, war da ein junger Mann mit Spätachtziger-Disco-Fönfrisur, der mit einem bunten Auto durch die Wüste fährt. Das war Michael Dudikoff! Ich habe von Michael Dudikoff bislang nur in düsteren Legenden vernommen. Die Gosejohanns sind meines Wissens große Fans von diesem Mann. Und tatsächlich - er ist etwas ganz Besonderes. Während Marshal-Aatz-Darsteller wie Chuck Norris für gewöhnlich nur einen einzigen Gesichtsdruck haben, den sie bei ihren thespischen Aktivitäten zur Schau stellen, hat Michael Dudikoff genau gar keinen! Unglaublich, das muß man gesehen haben - ein Gesichtsloser kämpft sie quer durch die Wüste! Der könnte ebensogut eine Aldi-Tüte über dem Kopf tragen... Buchstäblich aus dem Nichts fallen auf einmal bunte Ninjas auf die Motorhaube seines fahrenden Autos, woraufhin er erstmal einen Box-Stop einlegt und mit steinerner Miene seine Arbeit verrichtet. Die Kampfchoreographie ist darüber hinaus einfach lausig und läßt ihn aussehen wie Onkel Tünnes vom Marktplatz.
Etwas später gerät Dudikoff in die Fänge einiger Faschingsrocker, die aussehen, als wären sie bei MAD MAX 2 rausgeflogen. "Au toll, Christopher-Street-Day!" freute sich Cora. Da Dudi besser boxt als einige dicke schwitzende Männer, erkennen die Rocker ihn als einen der ihren an. Gemeinsam fallen sie dann über das Hauptquartier des Toupetträgers und eines sinistren Scheichs her, der manchmal eine weiße Djellaba trägt, dann wieder eine knallrote. Da sind so idiotische Szenen drin, das man es kaum für möglich halten sollte. Mein Favorit war ein Scharmützel, bei dem ein Armbrustträger einen Pfeil auf Dudikoff abfeuert, Dudikoff den mit den Zähnen auffängt und (wenn ich das richtig gesehen habe) einem anderen Bösewicht, mit dem er sich gerade balgt, in den Hals donnert...
Mehr davon! Mehr Dudikoff, mehr Schönheit für die Welt... Heute habe ich mir den ersten AMERICAN NINJA ausgeliehen und harre der Dinge, die da kommen!
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#67
Geschrieben 04. Mai 2004, 02:29
Heute habe ich mir den Film ausgeliehen, der die Michael-Dudikoff-Saga einläutete: AMERICAN NINJA! Einen 6 Jahre jüngeren Michael Dudikoff zu sehen, war schon ein kleiner Schock, denn während er in dem gestern besungenen vierten Teil verwegen und nachgerade verlebt ausschaute, wirkt er in dem Original noch wie frisch eingeschweißt - ein jungenhaftes Antlitz, das einem Schuljahrbuch zu entstammen scheint. Auf einer Fanpage steht, er habe einst Kinderpsychologie studiert, bevor er als Model entdeckt wurde. Außerdem erfreut die Page durch Zusatzinformationen wie "He is dyslexic" und "He loves to read". Ein Mensch voller Widersprüche, die erst durch die Produktionsfirma von Golan & Globus aufgelöst wurden.
Joe Armstrong ist zwar ein Mensch ohne Gesicht, aber nicht ohne Geschichte: „Vor sechs Jahren fand ihn eine Pioniereinheit auf einer Insel im Pazifik. Durch eine Explosion hatte er das Bewußtsein verloren, als sie eine Straße durch den Dschungel sprengten. Er wurde mit totaler Amnesie in die Vereinigten Staaten zurückgebracht.“ Aufgrund einiger Zusammenstöße mit den Kräften von Recht & Ordnung wird er dann vor die Wahl gestellt: Knast oder Armee. Natürlich wählt er den Dienst an der Waffe und wird Bürger in Uniform auf einer Pazifikinsel, und er hat es nicht leicht: Als ihn ein Mitsoldat gleich zu Beginn auffordert, seinen Einzelgängerstatus aufzugeben, wirbelt er nur wortlos mit seinem Taschenmesser herum. Als Bestandteil einer Eskorte hat er auf die Tochter des Colonels, Patricia, aufzupassen. Das erweist sich sehr bald als haarig, da auf einmal (mitten im Dschungel!) Straßenarbeiter auftauchen, hinter denen sich schlitzäugige Rebellen verstecken. Es könnte alles ganz locker und blutlos vonstatten gehen, spielten nicht auf einmal Dudikoffs Hormone verrückt: Er tritt, boxt und ballert, und bevor man es sich versieht, bluten vier tote G.I.s die Straße voll... Auch ein paar Ninjas schauen vorbei, quasseln amerikanisch miteinander und treten wild um sich.
Dudi greift sich die Tochter des Colonels und schleift sie quer durch den Sumpfmulch, was ihr gut ansteht, denn sie quasselt ohne Unterlaß. Selbst, als ihr der Einzelkämpfer das Leben gerettet hat, weiß sie nur zu greinen: „Die schöne Bluse und meine Haare – ganz naß!“ Ein echter Konkurrent für Kate Capshaw in INDIANA JONES UND DER TEMPEL DES TODES – so dumm werden sie heute nicht mehr gemacht, und das will schon was heißen!
Schnitt ins Hauptquartier des reichen Bösewichts Ortega, der ausschaut wie eine Mischung aus Johnny Cash und Charles Napier nach einem Schwenkeinlauf. Ortega baut auf seiner Plantage Runkelrüben an, und damit das üble Gewächs auch verkauft werden kann, läßt er Gurkenmurkser auf Entenhausen los. Außerdem verschiebt er Waffen im großen Stil, wofür er auch mit hohen Offizieren der Army zusammenarbeitet. In einem Ausbildungslager züchtet er sich zudem eine Privatarmee heran, die aus Ninjas in buntfarbenen Gewändern besteht – alles hoppelt wild durcheinander und versprüht den Geist von „Spiel ohne Grenzen“. Nein, mit Ortega ist nicht gut Kirschen essen!
Die Dummheit hat einen Namen, und Dudikoff kann ihn nicht einmal buchstabieren! Natürlich ist dieser erste Film (von Sam Firstenberg) um Lichtjahre besser gemacht als der vierte, aber verglichen mit z.B. POLICE ACADEMY ist das natürlich nichts. Die Kampfhändel sind munter, ein klein wenig besser choreographiert, wenngleich weitgehend blutlos, und ich kann mir nicht helfen: Ich finde die Ninjas überhaupt nicht bedrohlich! Eigentlich sind sie eher possierlich und wirken wie eine dem Aussterben geweihte Paradiesvogelart, die von unerklärlichen Bewegungsmustern geschüttelt wird und eigentlich Schwierigkeiten haben müßte, ohne Lotsen über die Straße zu kommen. Ähnlich wie in OPERATION DANCE SENSATION haben sie hier auch einen Gegner namens Jackson, der sie schließlich reihenweise wegräumt und dazu markige Sprüche ausstößt...
Fazit: AMERICAN NINJA ist eine ziemliche Granate, der zwar die Unglaublichkeit vom vierten Teil abgeht, die aber trotzdem angenehm hirn- und sinnlos zu unterhalten weiß. Pazi-Fistfuck, wie man ihn sich wünscht. Dudikoff werde ich auch weiterhin im Auge behalten...
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
Besucher die dieses Thema lesen: 1
Mitglieder: 0, Gäste: 1, unsichtbare Mitglieder: 0
















