Leben und Tod des homosexuellen Bürgerrechtlers und Politikers Harvey Milk, der 1978 von einem vergrämten Konkurrenten erschossen wurde.
Den berühmten Dokumentarfilm THE TIMES OF HARVEY MILK von Rob Epstein habe ich leider noch nicht gesehen, also muß Gus Van Sants Filmbiographie jetzt erst mal reichen. MILK schildert die Entwicklung von Harvey Milk von einem typischen San-Francisco-Freak zu einer politischen Reizfigur in unerwartet zurückhaltender Weise. Ich hatte etwas Angst, daß Van Sant die Story zu einer tränendrüsenlastigen Reise in die Gefilde des liberalen Hollywood nutzen würde, wo man Schwule und Bimbos bekanntlich immer sehr lieb hat, es sei denn, sie ziehen ins Nachbarhaus. Angesichts der bisherigen Leistungen des Regisseurs hätte ich es besser wissen müssen, denn seit MALA NOCHE gefielen mir eigentlich nahezu alle Filme Van Sants gut bis prima. MILK versucht, die Person Harvey Milks nachvollziehbar zu gestalten, seine politische Motivation aus der privaten Entwicklung heraus zu erklären. Milk ist alles andere als ein Unfehlbarkeitshappen, muß – nachdem der Sprung in den Stadtrat gelungen ist – auch charakterlich einigen Tribut zollen an den politischen Professionalismus. Neben seiner eminent wichtigen Rolle in der Geschichte der Schwulenbewegung wird Milks Engagement als Stellvertreter gesehen für die Selbstheilungskräfte einer ständig von Pilzbefall bedrohten Demokratie. Dabei ähnelt Van Sants Ansatz freilich eher dem markig-psychologischen Ansatz eines Oliver Stone als dem enthusiastischen Wunschdenken eines Frank Capra: Was die Menschen sind, erklärt sich aus ihrer persönlichen Historie. Das gilt auch für den Mörder Milks, Dan White, der jede Art von sexueller und sonstiger Freiheit zugunsten eines traditionellen Ehebundes aufgegeben hat und daran heftig zu knacken scheint. Sean Penns Darstellung als Milk ist herausragend. Schauspielerische Leistungen beurteile ich immer an den kleinen Details, ob die Schauspieler in der Lage sind, die Illusion auch jenseits der Exzesse aufrechtzuerhalten. Penns Darstellung lebt, und wenn man im Abspann den realen Harvey Milk sieht, so ist die Ähnlichkeit schon verblüffend. Keine Kunststückchen, sondern Kunst. Josh Brolin (als Milks Konkurrent Dan White) hat offenbar ein gutes Händchen, was seine Rollenwahl angeht, denn während sein Vater eher als kantiger TV-Sympath in die Geschichte Hollywoods einging, so bemüht er sich um Schattierungen innerhalb seiner Karriere und hatte ja gerade in Oliver Stones W. einen ähnlichen Job zu erledigen wie Penn mit Harvey Milk. Wie gut Van Sant als Regisseur ist, merkt man vor allem daran, daß er in einigen Szenen bedenklich nahe an der Grenze zur Seife wandelt und trotzdem immer die Kurve kriegt. Mit der „Tosca“ am Schluß wären minderbegabte Filmemacher nicht davongekommen, behaupte ich mal... Wenn man nun noch hinzunimmt, daß der Film eine Menge Wissen über die Geschichte San Franciscos als Sammelbecken nonkonformistischer Menschen vermittelt, hat man einen ziemlich gelungenen Film am Start, der dem Zuschauer begreiflich macht, wie unschön es sein kann, von der Masse abzuweichen. Manch einer zerbricht daran oder nutzt die Sonderrolle als Alibi für narzißtische und in die Grütze führende Egozentrik. Manch einer gewinnt aus dem Abweichlertum aber auch Lust auf kreativen Widerstand. Und das beschränkt sich eben nicht nur auf die sexuelle Identität. MILK handelt das im Rahmen großen Hollywood-Kinos ab, aber er tut dies auf ehrenhafte und die Intelligenz seines Publikums nicht unterfordernde Weise. Wird gekauft.
P.S.: Gerade gesehen: Schang Peng feiert heute seinen 49. Geburtstag - happy birthday, altes Haus!
Bearbeitet von Cjamango, 17. August 2009, 20:20.
















