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Ich habe dir niemals einen Hasenbraten versprochen - Filmforen.de - Seite 20,3333333333

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Ich habe dir niemals einen Hasenbraten versprochen


776 Antworten in diesem Thema

#581 Cjamango

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Geschrieben 08. September 2008, 18:29

Alraune (1928) (alte TV-Aufnahme)

Unterdrückung der Juden trat er 1931 in die NSDAP ein und verfaßte u.a. die Vorlage zu dem Propagandafilm HANS WESTMAR, der „Biographie“ Horst Wessels. Die Nazis waren von seinen Künsten so beeindruckt, daß sie ihn 1934 mit einem Schreibverbot belegten. „Alraune“ wurde erstmals 1918 verfilmt, und zwar gleich zweimal. Regisseur Henrik Galeen hatte bereits mit Paul Wegener mindestens einen GOLEM auf die Reise geschickt und zeichnete ebenso verantwortlich für die Neuverfilmung des STUDENT VON PRAG. Im 1913 gedrehten Original spielte Wegener den ältesten Studenten der Welt. In ALRAUNE ist er Professor Ten Brinken, ein genialer Wissenschaftler, der sich mit Genexperimenten befaßt, die aus heutiger Sicht verwirrend aktuell anmuten, aber auf ausgefallene Weise erreicht werden: Sein Kunstwesen wird gezeugt durch unmittelbaren Alrauneneinfluß. Alraunenwurzeln, die unter den Beinen von frisch Gehängten ausgegraben werden, sagt man ja bereits seit dem Mittelalter magische Fähigkeiten nach. Der Film schweigt sich leider darüber aus, wie man mit solch einer Wurzel eine Frau (noch dazu eine Prostituierte) schwängern kann, aber vielleicht ist das auch ganz gut so. Aus der unheiligen Union entsteht auf jeden Fall Alraune (Brigitte Helm), die in der Klosterschule großgezogen wird und schon dort Sinn für Bosheiten beweist. (Sie setzt u.a. der Mutter Oberin einen Hirschhornkäfer in den Nacken – uiiii!) Sehr bald mendelt sich heraus, daß das problematische Erbgut zu einer problematischen Sozialisation führt, denn Alraunchen ist Männern nicht abgeneigt – der Apfel fällt nicht weit von der Stammzelle. Die kesse Deern verdreht einigen Männern den Kopf. Als sie schließlich das Geheimnis ihrer Abkunft herausbekommt, beschließt sie, auch ihren Adoptivvater in den Abgrund zu führen... Von den Verfilmungen dieser wilden Mär kenne ich bislang nur Rabenalts recht biedere Version von 1952, mit der Knef und Erich von Stroheim. Bei Galeen wirkt Alraune wie eine von den Fesseln ihrer Abstammung befreite Naturkraft, prachtvoll dargestellt von der schönen Brigitte Helm, deren Gesicht sich ebenso für die Unschuld vom Lande wie auch abgründige Niedertracht anbot. Ihre „Alraune“ ist natürlich verwandt mit Wedekinds „Lulu“, doch statt der unverstellten Kindfrau, die die Sau im moralgesättigten Bürger der Weimarer Republik weckte und die ihm innewohnenden Selbstzerstörungskräfte freisetzte, ist es bei Alraune fatalerweise ihre Abstammung, die ihr den schwarzen Peter zujubelt. Mama war 'ne Hure? Tja, dumm gelaufen – schon verloren. Da kann ja nur ein Früchtchen bei rauskommen. Was eigentlich eine entlarvende, subversive Erzählung über die Verlogenheit der spießbürgerlichen Fassade hätte sein können, bleibt so doch nur eine reaktionäre Angelegenheit, die zeigt, daß es doch meistens so ist, wie es scheint. Angesichts der ungesunden Ideen, die unter den Nazis diesbezüglich favorisiert wurden, erstaunt es, daß Ewers zur „persona non grata“ wurde. Die Konfrontation zwischen der Ratio der Wissenschaft und den emotionalen Untiefen des Aberglaubens führt bei diesem Film nur zu einem Alraunen im Walde, düster homunkelnd vom angeborenen Bösen im Menschen. Ich sage dazu: Wenn eine Frau so toll ausschaut wie die Helm, dann kann die im Reagenzglas geboren sein, im Waldorf-Kindergarten oder im Tal bei den Trollen – die ist einfach fesch. Und gute Mädchen kommen bekanntlich in den Himmel, die bösen aber überallhin!

P.S.: Das Wiedersehen war sehr faszinierend, zumal ich mich daran erinnern kann, den Film im Rahmen der lange dahingegangenen Sendung „ZDF-Matinee“ (immer sonntagmorgens) gesehen zu haben. In meiner kindlichen Faszination hatte sich das Bild des Bauern festgesaugt, der unter dem Galgen herumgräbt...
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#582 Cjamango

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Geschrieben 08. September 2008, 18:32

20.000 Leagues Under The Sea (1916) (US-DVD)

Diese frühe Version (von Carl Laemmle für Universal produziert) ist eigentlich nur deshalb von Interesse, weil Kapitän Nemo hier aussieht wie ein dünner Weihnachtsmann aus Afrika. Das Gesicht ist eingeschwarzt, und der weiße Rauschebart sorgt für einen stimmungsvollen Kontrast zu den irrlichternden Augen. Dramaturgisch ist der Film wenig inspiriert, was teilweise daran liegt, daß die Unterwasserfotografie wohl damals die Hauptattraktion gewesen sein muß, weshalb es ellenlange Szenen gibt, in denen wir die Schönheiten des maritimen Lebens vorgeführt bekommen. Für die Trash-Fans gibt es eine lustige Szene mit einem Gummikraken, der einen zufällig vorbeischauenden Eingeborenen verspeisen will. Kapitän Nemo ist zwar ähnlich grimmig wie in der tollen Version mit James Mason, aber da kann er natürlich nicht untätig zuschauen, wirft sich in einen Taucheranzug und haut dem dummen Kraken mit einer Axt auf den Kopf. Es gibt eine sehr langweilige Jagdszene, bei der Nemo und seine Gäste mit Unterwasser-Schießgewehren Wildbret erlegen. Der richtige Kracher kommt aber am Schluß. Da erfahren wir nämlich „das Geheimnis Kapitän Nemos, das Jules Verne niemals erzählte“ (Frechheit!): Nemo war einst ein indischer Prinz, dessen Herzallerliebste von einem britischen Abenteurer geschändet werden sollte und den Freitod vorzog. So war das also. Das hat der Jules Verne alles für sich behalten...
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#583 Cjamango

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Geschrieben 08. September 2008, 21:40

A Fool There Was (US-DVD)

In einer Zeit, in der 12-jährige Pipimädchen sich gegenseitig als „Schlampe“ titulieren und das auch noch toll finden, tut eine Rückbesinnung auf den guten alten Typus der Femme Fatale gut, oder seine spezielle Hollywood-Ausprägung: den Vamp. Mit Vamp sind Frauen gemeint, die Männer durch ihre mysteriöse Anziehungskraft in ihren Bann ziehen und in den Ruin führen, ihnen quasi die Lebenskräfte aussaugen. Als Ur-Vamp kann man getrost Theda Bara annehmen, von der gerade mal eine Handvoll von Filmen erhalten geblieben ist. Zum Glück ist auch A FOOL THERE WAS dabei, ein knalliges Melodram, das ihren Ruhm begründete und ihr Rollenbild ein für allemal festlegte. (Nach ihrer Abkehr vom Filmgeschäft lebte sie übrigens bis zu ihrem Tode als treusorgende Ehefrau. Da man sie aber mit ihren Rollen identifizierte, wurde ihr von Verkäuferinnen des öfteren die Bedienung verweigert, da man sie für ein Rabenaas hielt...) Der Vorspann des Filmes bezeichnet sie nur als „The Vampire“. Die Handlung ist sehr simpel und befaßt sich mit ihren Versuchen, den neuen amerikanischen Botschafter zu London in ihre Fänge zu lotsen. Das gelingt ihr auch ganz prima, und er macht dann dieselbe Verwandlung durch, die auch Al Bundy ereilt in der Folge, in der er und Peg unbedingt ein Kind zeugen müssen, um in den Besitz eines erklecklichen Vermögens zu kommen. Am Schluß sitzt Al – als Folge des ungewohnten Hochleistungs-Geschlechtsverkehrs – im Rollstuhl und hat schlohweißes Haar. Nun, genauso ergeht es dem Botschafter, und zusätzlich fällt er der gesellschaftlichen Ächtung anheim. Der ist so weg, der steht kurz davor, nackt in der Fußgängerzone zu tanzen und mit Schokoladenkringeln zu jonglieren! Während fatale Frauen aus Europa häufig naheliegende Ziele verfolgen (z.B. gesellschaftlichen Aufstieg, sexuelle Freiheit, ein Ausbruch aus den Fesseln der Konvention), werden Theda Baras Handlungen nur von einem bestimmt – der aufrichtigen Freude an der restlosen Vernichtung von Männern! Sie genießt es, wenn ihr Zersetzungswerk die ersten Früchte trägt. Sie weidet sich am impotenten Toben der Trottel. Als sich ein junger Mann, der sich von ihr zum Hanswurst hat machen lassen, vor ihren Augen das Gehirn rausschießt, lacht sie nur höhnisch. Der Vamp der Theda-Bara-Schule ist – betrachtet man ihn analytisch – eigentlich eine Bebilderung männlicher Angstfantasien, eine ins Diabolische gedrehte Verzerrung der selbstbestimmten Frau, die sich ihre Männer nach eigenem Gutdünken aussucht und einen Dreck auf Moral und Konventionen gibt. Das Interessante daran ist aber, daß der Vamp auch einen sexuellen Reiz auf die Männerwelt hatte. Frau Bara hat bestimmt des einen oder anderen männlichen Kinogängers Tag- und auch Nachtträume beflügelt. Mir persönlich ist das wurst – ich stehe eher auf Louise Brooks. Aber das Vernichtungswerk der Bara ist einfach sehr hübsch anzuschauen, und wenn die Trottel sich alle so vorführen lassen, sind die eigentlich selber schuld. Insofern bedauere ich es nachdrücklich, daß die Zeit der Nitratkopien so wenige Beispiele für die diesbezüglichen Bemühungen der Frau Bara übriggelassen hat...
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#584 Cjamango

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Geschrieben 23. September 2008, 14:56

Die Mörder sind unter uns (TV)

Eine noch sehr junge Hildegard Knef spielt Susanne, die einige Jahre in einem Konzentrationslager verbracht hat und jetzt durch die Ruinen Berlins stapft, um ihre ehemalige Wohnung aufzusuchen. Sie stellt überrascht fest, daß dort mittlerweile ein anderer Mieter eingezogen ist, der ehemalige Arzt Dr. Mertens. Mertens hat im Krieg einen schweren Knacks abbekommen und ist zum verbitterten Trinker degeneriert. Zunächst reagiert er brüsk auf den Eindringling, aber er erklärt sich dazu bereit, mit der jungen Frau (die ihm nicht sagt, wo sie die letzten Jahre verbracht hat) zusammenzuwohnen. Im Laufe der folgenden Zeit verliebt sich Susanne in Mertens und möchte seine eisenharte Rüstung durchbrechen. Doch Mertens wird vom Gedanken an ein Massaker verfolgt. Und dieser Gedanke erhält neue Nahrung, als er den Urheber des Gemetzels wiederfindet. Der ist jetzt Besitzer einer florierenden Firma und glücklicher Familienvater...

Diese frühe DEFA-Produktion gehört zu den besten deutschen Nachkriegsfilmen, die ich bislang gesehen habe. Besonders beeindruckt hat mich die völlige Abwesenheit von Weinerlichkeit und moralischer Polemik, wie man sie bei einem solchen Thema vielleicht hätte befürchten können. Stattdessen zeigt der Film Menschen, denen jeglicher Gedanke an Ablenkung abhanden gekommen ist. Was für sie zählt, ist nur das Naheliegende: überleben, die Liebsten in Sicherheit bringen. Susanne hat eine grauenhafte Zeit in Gefangenschaft verbracht und wurde in eine Welt entlassen, die nur noch aus Trümmern und Kummer besteht. Die Knef hat hier schon ihren seelenvollen Blick, der immer gefährlich in Maria-Schell-Nähe gerät, hier aber seine Funktion erfüllt. (In späteren Jahren hat mich dieser seelenvolle Blick sehr genervt, wenn es darum ging, Gefühle aus zweiter Hand zu verhökern. In DIE MÖRDER ist gar nichts aus zweiter Hand.) Ihre Susanne hat den Idealismus allen Fährnissen zum Trotz nicht verloren und will den Menschen helfen. Ein naheliegendes Ziel ist der abgefallene Arzt, der großartig verkörpert wird von Wilhelm Borchert. Borchert werden die meisten als Synchronsprecher kennen, denn er war die deutsche Stimme von Max von Sydow und Charlton Heston. Einer seiner letzten Jobs war Obi-Wan Kenobi in den alten STAR WARS-Filmen. Als Schauspieler ist er exzellent in seiner Darstellung von Mertens, der den Glauben an die Menschheit verloren hat angesichts der Unmenschlichkeit, die er hat bezeugen müssen. Als er feststellt, daß es den Menschenschindern von einst ganz prachtvoll geht, ist das für ihn unerträglich. Er ist nur noch vom Wunsch beseelt, die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen, und sei es auf dem Wege der Selbstjustiz. (Der fragliche Nazi wird übrigens gespielt von Arno Paulsen, der alten Stimme von Oliver Hardy.) Daß Wolfgang Staudte in der unmittelbaren Nachkriegszeit einen solch harschen Film gedreht hat, der prophetisch war in seiner Voraussage, daß viele einflußreiche Nazis in den Chefetagen des deutschen Wirtschafts- und Politikermilieus landen würden, ist nicht ganz unpikant, zumal Staudte als Kleindarsteller an so einigen Propagandafilmen mitgewirkt hatte, etwa JÜD SÜSS oder D III 38. Dieser Umstand ändert aber nichts daran, daß DIE MÖRDER SIND UNTER UNS sowohl als Drama wie auch als Aufbereitung der Nazizeit vorbildlich ist. Leider hat das Beispiel kaum Schule gemacht, denn allzuviele deutsche Filmemacher haben sich damals nicht mit der unmittelbaren Vergangenheit beschäftigt. Der Blick richtete sich eher auf grüne Wälder und zarte Liebeshändel, auf das neblige London und die Weiten des amerikanischen Westens, wie Karl May ihn imaginierte. DIE MÖRDER ist ein nüchterner, ungemein kraftvoller Film, in dem keine Lüge enthalten ist. Er macht Mut, indem er einfach die Tatsachen festhält, ohne Heuchelei und ohne falsche Hoffnungsträger. Seine Botschaft ist, daß der Mensch aus sich heraus gesunden muß, und mit ihm der Staat. Das klappt entweder oder endet in einem Scherbenhaufen. Großartiges Kino.
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#585 Cjamango

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Geschrieben 23. September 2008, 18:20

Der Apfel ist ab (TV)

Fabrikant Adam Schmidt beschäftigt sich mit der Herstellung von Apfelsaft („Adams Apfelsaft“, ahem!), und während sein Betrieb floriert, defloriert sein Triebleben: Frau Lily hat's mit einem andern. Geliebte Eva ist ihm zwar treu ergeben, aber er ist hin- und hergerissen zwischen Himmel und Hölle. So kommt es, daß er zu Dr. Petri in eine Harmonieklinik geht, in der dem Nachkriegsdeutschen die Seele wieder zusammengeschmolzen werden soll. „Wird der Mensch erst entgiftet, wird auch die Zeit wieder keimfrei werden“ meint der weise Arzt. Zur Behandlung muß Adam einen Apfel auf sein Zimmer nehmen, den er aber – einzige Auflage – nicht anrühren darf, widrigenfalls ihm die Vertreibung aus der Klinik droht. Vor lauter innerem Zwiespalt träumt sich Adam einen Himmel zusammen, in dem er als erster Mensch fungiert – ein Prototyp, noch nicht ganz ausgereift und ziemlich lächerlich anzuschauen. Ihm soll es obliegen, einst die neu geschaffene Erde zu bevölkern, doch Petrus und Luzifer (= der Arzt respektive der Liebhaber von Lily) pfuschen einander in die Karten. So wird Adam mit Rippengeburt Evchen zusammengetan, aber auch Lilith samt Schlange schaut vorbei, und so wird es denn noch recht turbulent.

Helmut Käutner kam eigentlich vom Cabaret. Einer seiner ersten großen Filme, GROSSE FREIHEIT NR. 7, wurde von Goebbels sogleich verboten, da zu zersetzend. DER APFEL IST AB knüpft an die Tradition der deutschen Revuefilme an, die auch in der Nazizeit sehr populär waren. Statt aber staatstragende Propaganda zu transportieren, ist Käutners Film dem Tingeltangel und dem Kabarett verpflichtet und somit eher auf der linken Seite anzusiedeln. Tatsächlich erinnert der Film ein wenig an die seltenen kabarettistischen Ausflüge des Wirtschaftswunder-Kintopps, etwa den deutlich späteren WIR KELLERKINDER oder Rolf Thieles feinen MORAL 63. DER APFEL IST AB beginnt gleich mit einem Selbstmordversuch, denn Adam hat von dieser Welt die Nase voll und will stiften gehen, aber ein Dackel hindert ihn daran. Wie witzig und geistreich geschrieben aber schon der Anfang ist, so startet der Film bei den Traumszenen richtig durch, denn für jene (die den Großteil der restlichen Laufzeit bestreiten) haben sich die Designer überaus bizarre Sachen einfallen lassen, irgendwo zwischen DIE 5000 FINGER DES DR. T und Wenzel Storch. Als Adam und Eva Luzifer einen Besuch in dessen Stammkneipe abstatten, tut der alles, um das fleischliche Wohl seiner Gäste zu befriedigen. So bietet er den beiden eine kleine Revue menschlicher Zerstreuungen, zu denen auch marschierende Soldaten gehören. (Wer genau hinkuckt, kann sogar ein Hakenkreuz entdecken!) Er versucht wirklich alles, um die beiden zu versauen. Erst Lilith ist da erfolgreicher und packt den Wurm in den Apfel. Anders als viele andere deutsche Komödien aus jenen Tagen ist DER APFEL IST AB überhaupt nicht bieder und wirklich komisch, enthält originelle Dialoge (Petrus: „Sind Sie des Teufels, Luzifer?“) und wird hinreißend gespielt: Hauptdarsteller Bobby Todd kommt vermutlich vom Cabaret, sieht ein bißchen wie eine schüchterne Version von William Powell aus und tapert schimmerlos durch die weltlichen wie die himmlischen Gefilde; seine Eva, Bettina Moissi, trägt im Himmel ein bezauberndes Nichts, bei dem mir schleierhaft ist, wie die das durch die Zensur bekommen haben; und Käutner himself spielt Petri/Petrus mit kompetent eingegrautem Rauschebart und dauernden Sorgenfalten. Bin kein Musicalfan, aber dieser Film war einfach grandios!
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#586 Cjamango

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Geschrieben 24. September 2008, 11:51

Berge in Flammen (TV)

Luis Trenker war für mich, als ich die Volljährigkeit noch nicht erreicht hatte, ein rotes Tuch, symbolisierte er für mich doch all das, was ich an Heimatfilmen schon immer als Panoptikum des Grauens empfand. Tatsächlich ist Sulz wie WETTERLEUCHTEN UM MARIA nach wie vor eine harte Packung und enthält so gar nichts, was meinen Kopf zu beifälligem Nicken bewegen könnte. Anders verhält es sich da mit seinen Frühwerken, die die Handschrift eines eigenständigen Künstlers verraten. Tatsächlich erwähnte Roberto Rossellini einmal seinen Film DER VERLORENE SOHN als einflußreich für die neorealistische Bewegung. Häufig wird Trenker auch mit den Nazis in Zusammenhang gebracht, nicht ohne Grund. Während Filme wie DER REBELL bei Hitler und Goebbels auf Begeisterung stießen, wurde Trenker ob seiner rustikalen Direktheit aber schon bald zur „persona non grata“, vielfach denunziert und mit Berufsverbot belegt. Versuche, sich bei den Machthabern anzubiedern, waren nur kurzfristig erfolgreich. An den politischen Zielen des NS-Regimes war Trenker wohl recht wenig gelegen. Immerhin konnte er von sich behaupten, daß sich gleich zwei faschistische Diktatoren um seine Gunst bemühten, denn auch Mussolini wollte den Südtiroler für sich vereinnahmen.

Betrachtet man die frühen Filme von Trenker, so weichen sie auf interessante Weise vom Werk Arnold Fancks ab, sehr im Gegensatz zu Leni Riefenstahl, die ihre Ästhetik dem Pionier des Bergfilmes verdankt. Vor kurzem habe ich gerade Fancks Stummfilm DER HEILIGE BERG gesehen und war ziemlich baff. Fanck folgte einer Vorstellung von Poesie, die ihr Ziel in der Erhöhung von vermeintlich Verherrlichenswertem sieht, das Morbide und Düstere ausklammernd. Bei Fanck gehen die Blicke der Akteure immer steil nach oben. Genaugenommen sieht man Trenker & Co. in den Einstellungen, die ich immer als Fanck-Einstellungen bezeichne, wie sie im Halbprofil 45 Grad in die Höhe schauen, dicht an der Kamera vorbei, so als ob dem Kabelträger gerade der Schwanz aus der Hose gerutscht ist. Dieser Blick ins göttliche Nichts findet seine Entsprechung in der Bezwingung der Naturgewalten durch den Menschen, wie sie etwa der Anfang von DER HEILIGE BERG demonstriert: Leni Riefenstahl führt einige Minuten lang einen Ausdruckstanz vor, bei dem sie der sprühenden Gischt des Meeres „gebietet“. Während Frau Riefenstahl diese Tendenz zur Überhöhung (und Hybris) kultivierte und u.a. auf marschierende Nazis und Eingeborene mit dicken Dödeln anwendete, so findet sich bei Trenker diese Ästhetik am ehesten noch in den alpinen Szenen wieder, wenn man z.B. Skifahrer einen raffiniert ausgeleuchteten Steilhang runterbrettern sieht. Die Schauspieler hingegen erfahren eine andere Behandlung: Die von ihnen dargestellten Figuren benehmen sich hochgradig realistisch, häufig ohne musikalischen Kommentar. Trenker erweist sich hier als Feind des Faxentums. BERGE IN FLAMMEN war einer seiner ersten Filme als Regisseur und dokumentiert die Aktivität von Tiroler „Kaiserjägern“, die sich während des Ersten Weltkrieges (nach dem Beitritt Italiens zum Kampf gegen die Mittelmächte) auf den Gipfeln Galiziens verschanzten. Diese historische Nachstellung ist autobiographisch, zumal Trenker das selbst miterlebt hatte, und so hat man es entweder mit den Fakten oder aber mit einer nachträglichen Verklärung zu tun. In jedem Fall arrangiert der Regisseur die Szenen sehr glaubhaft, fast schon mit den Mitteln des Dokumentarkinos. Die Situation der eingekesselten Soldaten wird nicht beschönigt – trotz des sie umgebenden Schnees stecken alle im Dreck. Als die Soldaten sich darüber beklagen, daß sie keine Post von daheim bekommen, meint Trenker: „Ihr macht's eure Rechnung ohne die Zensur! Schreiben unsere Leut', daß es ihnen schlecht geht, dann verbrennen die Italiener die Post. Schreiben sie, daß es ihnen guat geht, dann verbrennt unser Zensor die Brief'. Wir werden nie a Post kriegen von dahoam, solang der Saukrieg dauert...“ Das klingt doch etwas anders als Harlan... Die milden dramatischen Beigaben bestehen in erster Linie aus der heroischen Einzelleistung Trenkers, der die feindlichen Linien durchbricht, um wichtige Informationen abzustauben. Insgesamt beeindruckt BERGE IN FLAMMEN gerade durch seine ausgesprochene Nüchternheit, die auch Trenkers folgende Filme prägen sollte. Sein Amerika-Drama DER VERLORENE SOHN wurde nach dem Krieg übrigens in Westdeutschland zunächst verboten, da man ihn für antiamerikanisch hielt, während er in Ostdeutschland verboten wurde, da man ihn als Werbung für den „American way of life“ empfand.

Anmerkung zu Komponist Giuseppe Becce, der einer der ersten bekannten italienischen Filmmusikschöpfer war und seit den Zehner Jahren unzählige Filme musikalisch kommentierte: In dem 1913 gedrehten RICHARD WAGNER kann man ihn sogar vor der Kamera erleben, als Wagner höchstselbst.

Bearbeitet von Cjamango, 24. September 2008, 11:55.

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Geschrieben 26. September 2008, 15:41

Die Kammer der toten Kinder (DVD)

Die Polizei von Dünkirchen befaßt sich mit dem Mord an einem kleinen Mädchen, der scheinbar aus einer Entführung erwachsen ist. Die Untersuchung leitet Inspektor Moreno, aber er verläßt sich auf die junge Polizistin Lucie, die eine rätselhafte Affinität zu diesem Fall aufweist. Gleichzeitig haben sich zwei Männer in den Fall verstrickt, da sie bei einer betrunkenen Autofahrt ausgerechnet den Opfervater mit dem Lösegeld über den Haufen gebrettert haben. Da sich der Mörder ihre Autonummer gemerkt hat, ist ihr Leben keinen Pfifferling mehr wert. Doch der Fall läuft dann doch in ganz andere Bahnen...

Ordentlicher französischer Krimi, bei dem ich von Titel wie Cover zu der Annahme verleitet wurde, es handele sich um einen Geisterfilm, aber auch so vermochte er meine Aufmerksamkeit durchaus zu fesseln, zumal die Vorgänge unprätentiös und spannend erzählt werden. Die Schauspieler waren mir größtenteils unbekannt, machen ihre Sache aber gut. Problematisch wird allenfalls das letzte Drittel, da der Drehbuchautor dann doch in einen entschiedenen Hokomoko-Rausch verfallen ist und grelle Wendungen einführt, die dem strammen „Tatort“-Zuschauer arg zu schaffen machen werden. Wem aber DIE PURPURNEN FLÜSSE gut gefallen hat, wird daran vermutlich keinen Anstoß nehmen, und spannend ist die Sache allemal. Fans von Tierpräparation, sadomasochistischen Zoowärtern und berühmten Anatomen des Mittelalters werden auf ihre Kosten kommen. Gefiel mir deutlich besser als die blutrünstigen Horrorfilme im HIGH TENSION-Fahrwasser, die seit neuestem in Frankreich den Ton anzugeben scheinen.

Bonus-Hinweis: Der von Alexandre Aja produzierte Ami-Parkhaus-Schocker P2 ist eine angenehm nervenzerrende Angelegenheit, die an keiner Stelle mehr sein möchte als ein simpler Reißer und dies sehr statthaft über die Runden bekommt. Größtenteils auf Psychoterror angelegt, aber in zwei oder drei Szenen sind dem Regisseur splattertechnisch ziemlich die Gäule durchgegangen, hihi. Positiv vermerkt sei auch, daß sich die Protagonistin ungewöhnlich schlau verhält für eine gebeutelte Horrorfilmschönheit.
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Geschrieben 27. September 2008, 12:05

Anders als die anderen (DVD)

Den heutigen Tag ernenne ich zum schwulen Samstag und werde mich mit Nachdruck dem Phänomen der Homosexualität widmen.

Als ersten Film habe ich mir ANDERS ALS DIE ANDEREN angesehen, den vielleicht ältesten deutschen Beitrag zum Thema „Gleichgeschlechtliche Liebe“. Er erzählt die aufrüttelnde Geschichte des Violinisten Paul Körner, der durch seine tragische Veranlagung Opfer eines abgefeimten Erpressers wird und schließlich der gesellschaftlichen Ächtung anheimfällt. In der Hauptrolle leistet Conrad Veidt erneut Grandioses. Aus heutiger Sicht könnte sein flotter Geiger in ungnädigem Amüsemang resultieren, aber tatsächlich schafft er es, den gequälten Individualisten mit Pathos und Hypersensibilität zu versehen, die ihn tatsächlich als unschuldiges Opfer einer überkommenen Sexualmoral erscheinen lassen, und das trotz der höchst vergnüglichen Zwischentitel, deren Gestelztheit das damals heikle Thema mit Seriösität auszustatten versuchte. Veidt war ein vorzüglicher Darsteller, dessen Intensität ein klein wenig an Udo Kier erinnert, den man auch als Hänschen Klein auf die Bühne schicken kann, ohne ihn in seiner Qualität zu mindern. (Ein Freund von mir hat mal ein Interview mit dem Herrn Kier geführt. Die ganze Zeit über hatte er dessen Hand auf seinem Knie und die stechenden Augen vor sich. Das hätte auch mich aus dem Konzept gebracht...) Unerwartete Schützenhilfe bekommt Körner/Veidt von dem angesehenen Sexualwissenschaftler Dr. Magnus Hirschfeld, auf dessen Untersuchungen das Drehbuch basiert. Mit großem Verständnis sagt er Veidt so schöne Dinge wie: „Sie können auch als Homosexueller der Menschheit wertvolle Dienste leisten!“ Als Erpresser brilliert Reinhold Schünzel, der eine ähnlich groteske Frisur zur Schau trägt wie Veidt und sehr stark an Joe Pesci erinnert. Ölig umgarnt er den arglosen Geiger, bis er dann Pinke-Pinke sehen will – die Gans wird gerupft. Homosexuelle sind vogelfrei – schlimm ist das, wie uns auch die lustvoll moralisierenden Zwischentitel ein ums andere Mal versichern.

Zu den „ernsthaften“ Absichten des Werkes sollte man anmerken, daß Regisseur Richard Oswald im Bearbeiten von sensationalistischen Stoffen ein alter Hase war. Ich zitiere einige Titel aus seiner Filmographie: DÄMON UND MENSCH, NÄCHTE DES GRAUENS, DIE RACHE DER TOTEN, FREITAG DER 13. – DAS UNHEIMLICHE HAUS TEIL 2, TAGEBUCH EINER VERLORENEN, PROSTITUTION 1 – DAS GELBE HAUS, DIE SICH VERKAUFEN, DÜRFEN WIR SCHWEIGEN?, GEHETZTE FRAUEN a.k.a. LEBENDE WARE, EHEN ZU DRITT und SEXUALKATASTROPHE. Kurzum, man möchte jeden einzelnen Film des Regisseurs unbedingt sehen, aber die meisten davon sind leider unrettbar verschollen, nicht zuletzt aufgrund des Zensurwahns der Weimarer Republik. Es gibt viel Elend auf der Welt. Seiner Inszenierung (und natürlich den Darstellern) ist es zu verdanken, daß ANDERS ALS DIE ANDEREN mehr ist als nur ein REEFER MADNESS-Fiasko. Bemerkenswert ist allerdings, daß der Film – bei allem von den Zwischentiteln postulierten Freigeist – Homosexualität als „Verirrung“ und vererbte „tragische Veranlagung“ definiert. Die Sexualwissenschaft steckte damals halt eben noch in den Kinderschuhen. Max Goldt bezeichnete Homosexualität mal als „kleinen, unterhaltsamen Defekt“, was mir schon wesentlich besser mundet. Übrigens drehte Oswald im selben Jahre den sehr viel ernsthafteren und sehr gelungenen Horror-Episodenfilm UNHEIMLICHE GESCHICHTEN, ebenfalls mit Veidt, Schünzel und der glorreichen, wenn auch sehr unglücklichen Anita Berber.

Die deutsche DVD von ANDERS ALS DIE ANDEREN ist in derselben Edition herausgekommen wie Veit Harlans fast 40 Jahre später gedrehte Neubearbeitung ANDERS ALS DU UND ICH und präsentiert die bestmöglich restaurierte Fassung des Filmes. Einige Passagen sind nur noch als Standfotos erhalten. Fast die gesamte Berber-Rolle etwa befindet sich im Nitrat-Nirvana. Schade, schade, aber besser so als gar nicht. Als Extra enthalten ist die 8 Jahre später erstellte Kurzfassung, die Hirschfeld für seinen Film GESETZE DER LIEBE – AUS DER MAPPE EINES SEXUALFORSCHERS als Schlußepisode verwendete und die vermutlich als Grundlage für die Restauration des Oswald-Filmes diente. Außerdem liefert eine kurze Featurette erhellende Informationen zur „Skandalgeschichte“ des Werkes. Hirschfeld – selbst Homosexueller – mußte erleben, wie sein Institut für Sexualwissenschaft von den Nazis geschlossen wurde und starb im Exil. Der Jude Richard Oswald verließ nach seinen vielleicht bekanntesten Filmen – DREYFUS und der Urfassung vom HAUPTMANN VON KÖPENICK – das Land. Sein Sohn Gerd sollte in den USA später das Familienzepter forttragen und drehte einige gute B-Filme (EIN KUSS VOR DEM TODE) und zahlreiche TV-Programme, darunter mehrere Folgen von „Raumschiff Enterprise“. (Einen beziehungsreichen Schlenker zu dem merkwürdigen Verhältnis von Captain Kirk zu Mr. Spock verkneife ich mir mal jetzt!)
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#589 Cjamango

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Geschrieben 27. September 2008, 14:31

Michael (DVD)

Eine sehr viel ernsthaftere (und behutsamere) Behandlung erfuhr das Thema in Carl Theodor Dreyers MICHAEL. Der Film basiert auf einer Novelle des dänischen Autors Hermann Bang, welche einige Jahre vorher schon einmal von Mauritz Stiller bearbeitet worden war. Da die zensoriellen Maßstäbe in Schweden zu jener Zeit sehr rigide waren, fiel der homosexuelle Subtext dem Vernehmen nach weitgehend unter den Tisch. In Dreyers in Deutschland produzierter Verfilmung geht es um einen alternden Maler, Zoret, der von einer rätselhaften Zuneigung zu seinem Lieblingsmodell, dem hüschen Michael, befallen ist. Diese Zuneigung ist ihm Antrieb für seine Schaffenskraft, Inspiration und Energiequelle zugleich. Das Unglück zieht ein in sein Haus, als die Gräfin Zamikoff vom Meister gemalt werden möchte. Die Arbeit an dem Gemälde erweist sich für Zoret als überaus schwierig. Besonders an den Augen werkelt er lange herum und ist doch nicht zufrieden. Der wesentlich unbegabtere Michael versucht sich daran und trifft sofort ins Schwarze. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Der junge Mann hat sich in die Gräfin verkuckt. Fortan bleibt er dem Hause des Malers fern, der immer mehr der Einsamkeit verfällt. Auch sein Werk wird nun vom Gedanken an Düsteres und Tod beherrscht. Der Weg in den Abgrund ist eingeschlagen...

Man müßte schon enorm begriffsstutzig sein, um nicht zu begreifen, daß Michael und seinen Meister mehr verbindet als gemeinsame Schöngeisterei. Der alte Mann (blendend gespielt vom sonstigen Regisseur Benjamin Christensen) ist wie vernarrt in den Jungen, der entdeckt, daß ihn auch die Reize der deutlich älteren Gräfin erreichen. Während Michaels Handeln zu Anfang noch arglos ist – halt ein junger Mann, der nach seiner Identität sucht –, so wird es doch zunehmend bestimmt von Eifersucht und kleinen Machtdemonstrationen. Er will sich von seinem Mentor abgrenzen, ihm – dem Adoptivvater – zeigen, daß er ihn noch allemal in die Tasche steckt. Dazu muß er nicht viel machen, denn ohne Michael ist Zoret hilflos. Ihm fehlt ein Teil seiner selbst, und ohne den ist er völlig aufgeschmissen, allen Anfechtungen des Alltags preisgegeben. Michael (gespielt vom damals noch sehr schlanken Walter Slezak, der in Hollywood einige Pfunde zulegen sollte) kann man zu Beginn kaum böse sein. Im Schlußdrittel möchte man die blöde Husche nur noch gegen die Wand kloppen, so dreist sind seine undankbaren Grausamkeiten. Dreyer behandelt das Thema Zuneigung von Mann zu Mann nicht als eine primär sexuelle Attraktion, sondern als eine das ganze Leben einbindende Identitätsstiftung. Der „Meister“ kann ohne seinen Schüler nicht leben, denn ihm wird alles genommen, was ihm Sinn gibt. Die Vertrauensbrüche Michaels sind nur noch bitterer Hohn, den Zoret fast genüßlich entgegennimmt. Inszeniert ist das grandios, völlig auf die erstklassigen Schauspielerleistungen zugeschnitten, die die Gefühlsregungen der Figuren jenseits der Zwischentitel eindrücklich vermitteln. Die Bauten sind exzellent. So wirkt etwa die Villa des „Meisters“ in ihrer dekorativen Pracht irgendwann auch nur noch wie Spott, da ihm das alles rein gar nichts bedeutet. Nur noch die Gesten zählen, und die sind gegen ihn gerichtet und töten ihn langsam. Großes, bewegendes Kino. Bin geplättet.

P.S.: Der berühmte Kameramann Karl Freund (der zusammen mit Rudolph Maté MICHAEL abgelichtet hat), hat einen schönen Kurzauftritt als fröhlicher, dicker Kunsthändler.
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Geschrieben 30. September 2008, 11:51

Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein (DVD)

In gewisser Weise handelt es sich hier um Jess Francos Version von „Eckermanns Gespräche mit Goethe“.

Baron Frankenstein hat – nach langen Jahren des Leichenzerschnippelns und Grabschändens – endlich sein Meisterwerk vollbracht: ein mit Silberbronze angemalter Ringkämpfer, der so ausschaut, als würde er in seiner Freizeit Statuen aus Kot basteln. Das Monster erweckt das Interesse von Graf Cagliostro, der es flugs klauen und den Baron ins Jenseits befördern läßt. Warum er das tut? Ganz klar – er will zusammen mit seinem privaten Teufelsanbeterorden den schwarzen Gott Pantos (Pan Tau?) erwecken, der der Menschheit den Garaus machen soll. Doch Dr. Seward hat etwas dagegen...

Hmmh. Ein rätselhafter Film. Es passiert eigentlich sehr wenig, und was passiert, ergibt keinen Sinn. Franco drehte dieses Werk zur selben Zeit wie DIE NACHT DER OFFENEN SÄRGE, und ähnlich wie jener vermittelt auch FRANKENSTEIN den Eindruck eines augenzwinkernden Spiels mit kitschigen Horrorzutaten aus dem gotischen Ramschladen. Für einen unbeleckten Betrachter, der sich die DVD ausgeliehen hat, um sich einen echten Horrorschocker angedeihen zu lassen, wirkt der Film freilich so, als wäre der Mann mit den Erdnußtütchen in den Orchestergraben gefallen. Der Titel der deutschen Fassung schielt auf den früher entstandenen EINE JUNGFRAU IN DEN KRALLEN VON ZOMBIES, in dem Franco ebenfalls klassische Horrormotive mit verspielter Lust am Exzeß präsentierte. Ich erinnere da nur an die großartige Szene, in der eine Leiche aufgebahrt ist (sie sitzt aufrecht in einem Stuhl und kuckt gequält an die Decke!), während im Vordergrund Britt Nichols ihre Fußnägel lackiert, Howard Vernon mit Fluppe im Mundwinkel einen Choral singt und Orgel spielt und Franco selbst als sabbernder Butler im Hintergrund steht und brabbelt. ZOMBIES enthielt auch einige recht gelungene ernsthafte Zutaten, wie etwa Paul Mullers Kurzauftritt als toter Papa mit Henkersseil um den Hals. Die Wirkung des Resultats kann man entweder als hypnotisch, als amüsant oder als bodenlos langweilig empfinden. Nun, ob FRANKENSTEIN tatsächlich komisch gemeint war, ist ungewiß. Gewiß ist, daß Howard Vernon als Graf Cagliostro einen Kinnbart hat, der aussieht wie eine deplazierte Achselbehaarung. Weil er mit so einem Gesichtsmanko keine Frau abbekommt, hat er sich in Gestalt der reizenden Melissa (Anne Libert) eine Vogelfrau herangezüchtet, entstanden aus einem Ei und menschlichem Samen. (Melissa hat zwei aus einer Federboa zurechtgestanzte Handschuhe und kreischt gelegentlich in Vogelsprech.) Sein „Orden“ ist eine abgerissene Truppe von Randexistenzen, teilweise mit Totenkopfmasken, die meistens in Bettlaken gehüllt durch den Wald stolpern und auch sonst den Eindruck machen, als hätten sie nicht viel zu tun. Als Frankenstein steht einmal mehr der aufgedunsene Brite Dennis Price zur Verfügung, der 25 Jahre zuvor in der eleganten Komödie ADEL VERPFLICHTET den Helden gegeben hatte. Hier wirkt er wie ein tschechischer Vizeersatzhausmeister, der seine Whiskybuddel nicht mehr finden kann. Anders als in DIE NACHT DER OFFENEN SÄRGE ist er über den Großteil der Laufzeit hinweg tot, wird aber in regelmäßigen Abständen von seiner Nichte Vera Frankenstein wiederbelebt, damit er lustig herumzucken und komplett unwichtige Informationen von sich geben kann. Spätestens an dieser Stelle muß die hervorragende deutsche Synchro Erwähnung finden, die sich dem Geschehen aufs Trefflichste anpaßt. In einer Szene, in der eine deliriöse Patientin auf ihrem Krankenbett von schrecklichen Dingen faselt, bemerkt Dr. Seward: „Was ist dieser Frau nur zugestoßen? Sie ist völlig inkontinent!“ (Ich nehme an, im Original stand irgendwas von „incoherent“...) Eingenäßt habe ich mich an so manchen Stellen, etwa jener, in der Seward von einem Unhold angegriffen und gewürgt wird. Der ihn aus unerfindlichen Gründen begleitende Inspektor (gespielt von Francos Hofkomponist Daniel White) bespritzt den Schurken mit Schwefelsäure, woraufhin er sich in eine kopflose Vogelscheuche verwandelt und zu Boden sinkt. (Seward hat noch eine abgetrennte Gummihand am Hals hängen!)

In Frankreich hieß der Film „Die erotischen Abenteuer von Frankenstein“, was etwas verwirrt, da weder der dicke Price noch sein silbernes Ungetüm an irgendeiner Stelle Sex haben oder auch nur spannen dürfen. Am Schluß soll das Monster zwar Britt Nichols höckern, aber bevor das geschehen kann, trifft schon die Kavallerie ein und beendet das Kuddelmuddel. Erwähnt sei noch, daß Francos zukünftige Gattin Lina Romay hier ihren ersten Auftritt hat, und zwar als Zigeunertochter Esmeralda, die an einem Bächlein wirres Zeug stammelt. Sie redet gelegentlich mit ihrer Mutter Gudrun, einer steinalten Greisin, die sie bekommen haben muß, als sie 60 oder 70 war. Dafür ist die Esmeralda eigentlich gut gelungen – Chapeau! Ansonsten – das sollte aus dieser kurzen Annäherung klargeworden sein – erreicht Franco nicht ganz die intellektuelle Tiefe der Vorlage. Goethe auf die Leinwand zu bringen, ist ja auch nicht ganz einfach.

Bearbeitet von Cjamango, 30. September 2008, 11:54.

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Geschrieben 08. Oktober 2008, 13:39

Auf einsamer Insel (weiß ich auch nicht, wo ich den her habe!)

Einen weiteren Blick in die Zeit, als die Bilder laufen lernten, offeriert dieses launige Melodram von 1913, das von zwei ungleichen Freunden handelt, Dirk und Pieter. Dirk hat ein Schönliebchen (das aussieht wie ein Kartoffelsack), ist dafür aber arm. Pieter hingegen ist reich, kriegt wegen seines strengen Körpergeruchs (vermute ich) keine Frau ab. Gemeinsam fahren sie zum Fischen. Pieter hat einen diabolischen Plan ausgeheckt: Er schneidet ein Seil durch und schippert mit dem Zweitboot davon. Dirk ist deshalb aus irgendeinem Grunde „den Wellen preisgegeben“, wie uns ein Zwischentitel informiert. (Die See ist spiegelglatt.) Der böse Freund schippert zurück ins Fischerdorf und läßt sich dort an Land spülen, als vermeintliches Opfer einer Katastrophe. Da Dirk als verschollen gilt, muß Pieter den Kartoffelsack heiraten. Tatsächlich hat sich Dirk auf eine Insel gerettet, wo er eine einsame Zeit verlebt, nur begleitet von seiner treuen Pfeife und einem enervierend fröhlichen Hund, den ich beim Betrachten „Hans-Olaf Henkel“ getauft habe. Die Hardcoreszenen, die ich mir jetzt eigentlich erhofft hatte (ein Triangel mit Pfeife und Hund), blieben leider aus. Stattdessen wird Dirk gerettet, und den als „besten Freund“ annoncierten Hans-Olaf lassen die grimmigen Fischer auf der Insel zurück. (Hähä!) Dirk gerät in die Fremde und wird dort ein Schiffskapitän. Nach langen Jahren kehrt er ins Fischerdorf zurück. Die Gewissensqualen haben Pieter zum Trinker gemacht. Ausgelassen tanzt er auf einer Veranda – ein erschütterndes Schauspiel. Irgendwie gelingt es dem Trunkenbold, sich auf seinem Fischerboot selber anzuzünden, was eine Spontanrettung durch Dirk erfordert. Trotzdem stirbt der Wicht, und „die wahre Liebe triumphiert“.

Leider taucht der Geist von Hans-Olaf nicht mehr auf. Auch so handelt es sich aber um ein repräsentatives Frühwerk der deutschen Kinematographie, noch sehr statisch gefilmt, jede Einstellung immer eine Kameraposition. Gerade deshalb schreit das Werk nach einer Neuverfilmung. Es gibt zahlreiche schlimmere Dinge, die man mit seinem Leben machen kann, als es in den Dienst eines solchen Projektes zu stellen. Til Schweiger als Dirk, Moritz Bleibtreu als Pieter und Hans-Olaf Henkel als Hund. Und Dirk Bach als Kartoffelsack. Toll übrigens, daß sämtliche Frauen aussehen wie Transvestiten, was an den holländischen Trachten liegt, denn der Film spielt in Holland. Vielleicht war das eine Anspielung auf das elisabethanische Theater, wo ja auch alle Frauenrollen von Männern gespielt wurden. Vielleicht sind die Frauen aber auch nur sehr häßlich. In der avisierten Neuverfilmung würde ich das gerne beibehalten. Allerdings würde ich Hans-Olaf etwas mehr in den Mittelpunkt rücken. Die Insel könnte ja das Bikini-Atoll sein, und er mutiert dann zu einem Industriemanager mit kulturellen Ambitionen oder so. Auch die Pfeife hätte eine tragende Rolle. Man darf gespannt sein.

Regisseur Joseph Delmont stammte aus Österreich-Ungarn und machte zahlreiche Sachen in dieser Richtung, die ich alle gerne sehen würde, aber sie dürften mehrheitlich ein Opfer des Nitrats geworden sein. Die Frau, die den Kartoffelsack spielt, war auch in Filmen wie DIE SCHWARZE KUGEL ODER DIE GEHEIMNISVOLLEN SCHWESTERN, DAS LIEBESBAROMETER und NETTE PFLANZEN. Das waren noch Titel!

Bearbeitet von Cjamango, 08. Oktober 2008, 13:39.

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Geschrieben 09. Oktober 2008, 21:50

Maciste et les gloutonnes (FR-Video)

Der Titel lautet übersetzt „Maciste und die Gefräßigen“, woraus man vielleicht besser ein „Maciste und die Leckermäulchen“ machen sollte. (Oder wie wäre „Maciste und die Süßzähne“?) Süßzähne und Leckermäulchen indes sollten vom Betrachten des Filmes Abstand nehmen. Wer hingegen deftige Katastrophen aus dem Reich der Kinematographie zu schätzen weiß, sollte mal reinschauen. LES GLOUTONNES ist einer von zwei Maciste-Filmen, die Jess Franco anno 1973 für den französischen Produzenten Robert de Nesle drehte. Der Vollkornhüne aus den alten Sandalenschinken wird bei Franco zu einem eher schmächtigen Hanselmann mit Pluderhosen, die der Renaissance zu entstammen scheinen. So ganz sicher sein kann man sich aber nicht, da Schauspieler Robert Woods tolle Tattoos zur Schau trägt, die entweder auf einen langjährigen Knastaufenthalt schließen lassen, eine Karriere bei der Handelsmarine oder Mitgliedschaft in einer Straßengang. Im ersten Film müssen Maciste (gespielt von dem bekannten Playboy Waldemar Wohlfahrt, einem Vorläufer von Rolf Eden und Jürgen Drews!) und sein Kumpel Robert Woods zu den Amazonen, denen sie ihren Schatz mopsen wollen. Dabei wird viel gehöckert, denn die Amazonen schauen alle recht fesch aus. Der zweite Film führt die beiden zu den Nachkommen der Atlantiden, womit die Handlung bereits erschöpft wäre. Man kann nicht behaupten, der Film ginge unter wie einstmals der Kontinent Atlantis, denn das würde implizieren, er würde sich an irgendeiner Stelle über Wasser befinden. Tatsächlich hat LES GLOUTONNES es sich unter Wasser gemütlich gemacht. Fehlt nur noch Kermit der Frosch, der seine Version von „Octopus's Garden“ trällert...

Nein, wirklich: LES GLOUTONNES besitzt keine Handlung und wirkt so, als wäre er komplett aus Outtakes des ersten Filmes zusammengetackert! Ich gehe jede Wette ein, daß weder Wohlfahrt noch Woods geahnt haben, daß sie da eigentlich in zwei Filmen mitspielen – die Bezugnahmen auf Atlantis müssen nachsynchronisiert worden sein. Beide tragen wieder ihre lustigen Pluderhosen, nur daß Woods diesmal den Bösewicht markiert. (Ich habe das bis zum Schluß gar nicht gemerkt, weil er die ganze Zeit über in der Gegend steht wie ein hölzerner Indianer!) 1974 wurde in Frankreich die Pornographie freigegeben, was andeutet, daß LES GLOUTONNES erst ein Jahr später herausgekommen sein wird. Zu behaupten, es bögen sich in dem Film die Balken, wäre allerdings geprahlt. Vielmehr wirkt der Film wie ein Porno, der sich nicht traut. Eine zelluloidgewordene Erektionsstörung. Zusammengehalten werden die gewagt gemeinten Szenen vom Grafen Cagliostro (Howard Vernon in einer Jakob-Fugger-Gedächtnismütze), der fortwährend mit seinem Krug spricht, der ihm auch antwortet. Neben dem Krug befindet sich eine magische Kugel, die ihm Fickszenen präsentiert. Der Krug ist also so etwas wie Pay-TV für mittelalterliche Zauberer und hat das eindeutig schärfere Programm. Daß ich bei den sogenannten Pornoszenen schallend gelacht habe, liegt daran, daß wirklich nichts hinhaut. Zu Anfang sieht man Alice Arno als Königin der Atlantiden, wie sie in einem Kerkerverließ (?) einem schäbigen Wurzelsepp an der Nülle nagt. Es tut sich rein gar nichts, was den deformierten Herrn aber nicht daran hindert, sie in späteren Krug/Kugel-Szenen zu penetrieren bis zur Besinnungslosigkeit. Daß sich Alice aber nicht im Wunderland befindet, merkt man ihrer komplett desinteressierten Miene an, die sie auch aufsetzt, als sie sich etwas später die Labia knetet. Keine Ahnung, ob diese Szenen animieren sollen – sie wirken eher wie absurdes Theater! Der Wurzelsepp hat im übrigen einen entzündeten After, der eingehend zu bewundern ist, was ich aber begrüßt habe, denn ansonsten wäre eventuell sein Gesicht zu sehen gewesen. Der Lover soll übrigens Maciste sein. Waldemar Wohlfahrt wurde somit ein Penis untergeschoben, der zudem im schlaffen Zustand außerhalb des Bildes eine Frau beglückt. Wohlfahrt hatte auch sonst einiges Pech: Im Jahre 1966 wurde er verdächtigt, der berüchtigte „Autobahn-Mörder“ zu sein und von der BILD-Zeitung als solcher gebrandmarkt, wofür er sich später mit einem saftigen Gerichtsprozeß revanchierte – recht so! (Nachzulesen: hier!) Ansonsten erfreut der Film sein Publikum mit gänzlich unpassender Fahrstuhlmusik, u.a. einem ganz exquisiten Stöhnstück. Da der Film nicht lang genug war, versucht Kali Hansa (tolles Pseudonym!) am Schluß, Alice Arno (immerhin ihre Königin) zu opfern, in Begleitung einiger auf einmal vorbeitrollenden Hanswursten, die sich in Bettlaken eingewickelt haben. Waldemar und Woods liefern sich einen Faustkampf, gänzlich ohne Stunts. (Kurz vorher klettert Waldemar eine sehr hohe Mauer hinauf und stürzt dabei fast ab – das hätte ich nicht einmal für Steven Spielberg gemacht!) Dann klettert Waldi/Maciste auf den Gipfel des Steinbruchs, in dem das stattfindet, und schmeißt, eindrucksvolle Grimassen schneidend, mit mittelgroßen Felsen. Diese sollen wohl eine Steinlawine auslösen. Man sieht aber nur kleine Kiesel und Steinstaub herunterrieseln, aber das reicht vollkommen aus – die ganze Bagage an Knallchargen wird begraben!

Abschließend sollte angemerkt werden, daß Franco im selben Jahr auch den ordentlichen De-Sade-Film PLAISIR A TROIS gemacht hat sowie einige andere brauchbare Filme. Auch der Vampirfilm LA COMTESSE NOIRE – eines seiner besten Werke – entstand in diesem Jahr. Gelacht habe ich aber am meisten bei LES GLOUTONNES. Das ist so, als hätte ein stellenloser Dadaist einen Porno gedreht, der dann von der Zensur auseinandergenommen worden ist. Godard meinte ja mal, daß ein Film einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben solle. LES GLOUTONNES leistet das, und zwar gleichzeitig! Ganz großes Scherbenkino.

Bearbeitet von Cjamango, 09. Oktober 2008, 21:51.

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Geschrieben 11. Oktober 2008, 00:07

Mother Of Tears (DVD)

Was ist da denn jetzt wieder passiert?

Ich hoffe mal, daß ich nicht unter dem Verdacht stehe, mich auf Argento eingeschossen zu haben. Seine alten Filme liebe ich. THE STENDHAL SYNDROME finde ich noch große Klasse. DAS PHANTOM DER OPER habe ich beim Rattenwagen abgebrochen. Mit seinen TV-Arbeiten und THE CARD PLAYER hat er sich als Regisseur für deutsche Krimiserien im Vorabendprogramm beworben, aber bitte schön. „Der Bulle von Tölz“, inszeniert von Dario Argento? Why not. Bin tabu- und finanzinteressenlos. Aber LA TERZA MADRE...

Jahrelang hat er sich auf diesen Film vorbereitet. Man dachte immer, jetzt kommt er wieder, aber es kam immer nur Tönjes. Jetzt hat er seinen Tanz in den Abgrund mit einem gewaltigen Paukenknall vollendet und in der Tat eine unfreiwillige Selbstparodie seiner Werke geschaffen. MOTHER OF TEARS ist schrecklich. Er ist wirklich ganz schrecklich. Er vergreift sich am Herzstück seines Oeuvres – SUSPIRIA und INFERNO –, und anstatt das Drehbuch zumindest den leidlich fähigen Händen von Franco Ferrini zu überlassen, übergab er es amerikanischen Luschen, die vorher u.a. Tobe Hoopers MORTUARY und Jean-Claude Van Dammes DERAILED gedrechselt hatten. Das ist so, als würde man ein Feinschmeckerrestaurant eröffnen und das Catering von McDonald's besorgen lassen...

Die ersten 5 Minuten sind wirklich in Ordnung. Da wird ein Sarg mit einer an ihm befestigten Urne ausgegraben. Letztere wird in ein Museum geschickt, wo sich Asia Argento und eine Kollegin an ihr zu schaffen machen. Die Öffnung der Urne bedeutet gleichzeitig die Öffnung der Büchse der Pandora – der Film hangelt sich von einer Hanswurstiade zur nächsten. Zu Anfang erscheinen einige Ghulen – abgerissene Penner, die ein mitleidiger Geist grau angemalt hat – und drangsalieren die Kollegin von Asia vollkommen sinnfrei mit einer mittelalterlichen Mundbirne. Dann geschieht irgendwas mit ihren Eingeweiden, was man in der deutschen Fassung aber kaum noch erkennen kann. Als Leihgabe aus PHENOMENA turnt noch ein diabolischer Affe herum, der wohl so etwas wie das Maskottchen der Ghulen darstellt. Der Affe ist ungelogen der mit Abstand beste Schauspieler des Filmes. Argento war niemals ein begnadeter Schauspielerregisseur, aber was sich die Chargen hier zusammenhampeln, hat uns zu Lachstürmen hingerissen. Asia, um mit ihr anzufangen, ist grottenschlecht. Sie hat den Job, über den größten Teil des Filmes hinweg leidend herumzutaumeln, und selbst das geht in die Hose. Der männliche Hauptdarsteller ist eine Gurke. Daria Nicolodi hat einen überaus vergnüglichen Kurzauftritt als Mutter Argento und sieht aus wie Schwester Waltraud im Teigmantel. Udo Kiers Gastrolle als Pater Johannes erinnert ein wenig an Maximilian Schells glorioses Cameo in VAMPIRES und ist einfach sehr unglücklich. Philippe Leroy als greiser Professor chargiert zum ersten Mal in seinem Leben über, während er normalerweise eher unterchargiert. Sowohl Kier als auch Leroy haben ihre Rollen lediglich zu dem Zweck, einen unsubtilen Brückenschlag zu den ersten beiden Teilen zu ermöglichen.

Das größte Problem ist allerdings Argentos Entscheidung, den gesamten Film in einem „realistischen“ Stil zu präsentieren, also ohne die kunstvolle Überhöhung, die in SUSPIRIA wie INFERNO eine andersweltliche Atmosphäre erschaffen hat. Das vermittelt hier den Eindruck einer mäßig geglückten Fernsehserie, in der eine Menge Unfug geredet wird und geschieht. Ganz besonders fatal sind die Teufelsanbeter, die wohl der Vorstellung entsprechen wird, die sich Spießbürger von der bösen, bösen Gothic-Szene machen. Hysterisch rumwibbelnd pöbeln sie harmlose Passanten an und sorgen schließlich für eine Erweckung der „Mater Lacrimarum“, die aus sinnlosen Blutrünstigkeiten, nackten Titten und albernem Schangel besteht. Den ganzen Film über wird ein Hauch von Apokalypse angestrebt – immer mehr römische Bürger fallen auf offener Straße übereinander her. Das sind selten mehr als zwei oder drei Kanonen auf einmal, während die restlichen Passanten vergnüglicherweise herumlaufen, als wäre alles ganz normal. Es wirkt rein gar nichts überzeugend. Jedes Schlesiertreffen ist gruseliger als dieser bemühte Versuch, eine Atmosphäre heraufzubeschwören, wo einfach keine entstehen will. Auch die zahlreichen Selbstzitate untergraben jede Möglichkeit, die der Film unter anderen Umständen vielleicht gehabt hätte. Ein Fiasko. Luigi Cozzis Versuch eines dritten Teils der Mutter-Trilogie, DEAD EYES, wirkt im Vergleich gar nicht mal mehr peinlich...

Bearbeitet von Cjamango, 11. Oktober 2008, 00:10.

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Geschrieben 17. Oktober 2008, 12:26

The Headless Eyes (Video)

Diesem frühen Vorläufer von Bill Lustigs MANIAC darf jeder Fan von sleazigen 70er-Jahre-Schockern ein Auge leihen. Fragt sich nur, ob er es wiederbekommt, denn Protagonist Arthur Malcolm sammelt Augen, spätestens seit jenem unglückseligen Vorfall, bei dem ihm mit einem Löffel (!) 50 Prozent der Sehkraft geraubt wurden. Seine ohnehin bereits labile Psyche (er ist bildender Künstler, hrchchch!) gerät daraufhin komplett aus den Fugen und läßt ihn unaussprechliche Mordtaten begehen, die New York City in Angst und Schrecken versetzen. Holzauge, sei wachsam...

New York wird ja gerne als „Big Apple“ bezeichnet. Hier erscheint die Stadt eher als „Big Eye Apple“, denn überall lauern die Kuckerchen, die den sensiblen Künstler so sehr faszinieren wie auch ängstigen. Der schwedische Schauspieler Bo Brundin – der aussieht wie der freundliche Chefgroupie einer frühen Metalformation – dreht ziemlich auf, was sehr leicht in groteskem Gehampel hätte resultieren können. Hier funktioniert es ganz gut und liegt irgendwo zwischen glaubhafter Charakterstudie und launigem Augengerolle im besten „Grand Guignol“-Stil. Und tatsächlich gibt Regisseur Kent Bateman (Vater der weitgehend auf Familienunterhaltung festgelegten Schauspieler Justine und Jason Bateman) dem Affen mächtig Zucker. Schon in der Anfangsszene, in der Malcolm das Auge rausgelöffelt wird, schaut die Kamera nicht wirklich weg, wenn der Mime mit expressivem Armgefuchtel auf die Straße wankt, ständig „My eye! My eye!“ tremolierend. Der Film besitzt dabei eine eigentümliche Feierlichkeit, fast so, als sei es den Beteiligten darum gegangen, Kunst zu produzieren. Es gibt eine Szene, in der Malcolm von einer früheren Liebschaft besucht wird, die ihm nachgespürt hat. Nicht nur an dieser Stelle bemüht sich der Film um Charaktervertiefung. Es gibt eine sehr gelungene Passage, in der nach einem Mord die Anwohner des Opfers von einem TV-Journalisten befragt werden. Die Macher haben sich augenscheinlich ziemlich Mühe gegeben, und dies mit einem Budget, das lächerlich niedrig gewesen sein muß. Ebenfalls ein Pluspunkt ist die nervenstrapazierende Musik, die mit schrägen E-Gitarren und so einer Art frühem Moog-Synthesizer arbeitet. Die sorgt für viele aufreibende Augenblicke. Lustig ist der Film ganz und gar nicht, als Partyware denkbar ungeeignet. In seiner verschrobenen Ernsthaftigkeit paßt der Film eher zu „bösen“ Filmen wie DIE TOLLWÜTIGEN, THRILLER: A CRUEL PICTURE, FORCED ENTRY oder eben MANIAC. Wer so etwas interessant findet, kann ja mal kucken. Die Ställe des Augias werden in jedem Fall gut ausgemistet...

Bearbeitet von Cjamango, 17. Oktober 2008, 12:28.

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Geschrieben 20. Oktober 2008, 15:34

Der Rebell (Video)

Zu den seltener aufgeführten Filmen Luis Trenkers gehört der 1932 gedrehte DER REBELL, eine stark fiktionalisierte Version der Geschichte des Südtiroler Freiheitskämpfers Andreas Hofer. Daß DER REBELL vom Fernsehen weitgehend gemieden wird, liegt vermutlich an dem außerordentlich hohen Beliebtheitsgrad, den er bei den Nazis besaß. Goebbels war von dem Film begeistert und bemühte sich nachdrücklich, Trenker zu einem Vorzeige-Filmschaffenden zu machen, was allerdings klangvoll mißlang.

Trenkers Held heißt Severin Anderlan und kehrt nach dem Studium in sein Heimatdorf zurück. Dort muß er erst einmal feststellen, daß der Hof seiner Eltern abgefackelt und Mutter wie Schwester ermordet worden sind. Anderlan erschießt daraufhin einige bayerische Offiziere und flüchtet in die Berge, wo er eine Gefolgschaft von anderen Aufmüpfigen um sich sammelt. Gemeinsam streiten sie gegen den übermächtigen Feind aus dem Westen...

Wie die meisten frühen Trenker-Filme gefällt DER REBELL durch eine exzellente Fotografie, für die er sich erneut ausgiebig bei seinem früheren Mentor Arnold Fanck bedient hat. Die Heimatfilmakzente des Anfangs (und ja, Trenkers breites Grinsen erinnert schon ein wenig an seinen steiermärkischen Kollegen Arnold Schwarzenegger!) weichen alsbald dem Abenteuerkino. Das familiäre Rachemotiv (das beim echten Hofer nicht vorlag) ist natürlich Westernterrain, und so stehen die aktionsbetonten Sequenzen im Vordergrund, insbesondere die prächtige Episode, in der Trenker nebst Ko-Rebellen eine gesamte französische Kompanie angreift und mittels geschickt eingesetzter Steinschlagfallen den Gegner beeindruckend dezimiert. Was den Film aus der heutigen Perspektive etwas heikel macht, sind natürlich jene Elemente, die den Nazis so prima gefallen haben und das damalige Publikum ansprachen. Film ist halt eben immer politisch, nicht zuletzt wegen des kommerziellen Motivs, das seiner Produktion zugrundeliegt. Zu den Elementen, die man eindeutig dem Zeitgeist jener Tage zuschreiben muß, gehört die schäumende Anti-Franzosen-Haltung, die der Film einnimmt. Frankreich hatte zu Zeiten Hofers den Sieg errungen, und so mußte Österreich den Bayern – die als Mitglied des „Rheinbundes“ mit Frankreich verbündet waren – Tirol abtreten, was dort zu starken Repressionen führte. Als Folge des Ersten Weltkrieges waren die Franzosen in der ohnehin krisengeschüttelten deutschen Bevölkerung alles andere als beliebt. So mußte das Deutsche Reich infolge des Versailler Vertrages große Gebiete abtreten. Um Reparationszahlungen zu erzwingen, marschierten die Franzosen 1923 in das Ruhrgebiet ein. Große Teile des Rheinlandes sollten besetzt bleiben. DER REBELL handelt davon, die „miesen“ Ausländer zu vertreiben, die in Deutschland nichts zu suchen haben. So vertritt Anderlan in dem Film – entgegen vieler seiner Gefolgsleute – die Ansicht, man müsse zusammen mit den Bayern gegen den gemeinsamen Feind antreten. (Später sollten die Animositäten gegen Franzosen, Briten und Polen in zahlreichen Nazi-Filmen noch wesentlich ausgeprägter und unangenehmer in den Vordergrund rücken, etwa in dem unsäglichen Kolonialismus-Epos CARL PETERS, der das wohl schillerndste Skelett im Schrank von Hans Albers darstellt...) Der Schluß von DER REBELL greift dann endgültig in die Kiste mit den Klunkern und serviert Todeskult und Heroenkitsch, der den Nazis Wasser auf die Mühlen gewesen sein muß. (Parallelen zu Machwerken wie HANS WESTMAR bieten sich an.)

Mit seinem nächsten Film, DER VERLORENE SOHN, demonstrierte Trenker aber, daß er wirklich einiges auf dem Kasten hatte. Die Abbildung der Vereinigten Staaten von Amerika, die jener Film betreibt, widerspricht auf eindrucksvolle Weise den damaligen Hollywood-Produkten und zeigt die Opfer der Weltwirtschaftskrise auf eine so ungeschönte Weise, daß selbst Roberto Rossellini den Film als einflußreich für das neorealistische Kino bezeichnete. Dem REBELL kann man das wirklich nicht nachsagen. Er offeriert eindrucksvoll gefertigtes Abenteuerkino, dessen politische Beigaben allerdings einiges Hintergrundwissen erfordern.

Ko-Regisseur des Filmes war übrigens Kurt Bernhardt, der später in die USA ging und dort als „Curtis Bernhardt“ zahlreiche gute Filme machte.

Bearbeitet von Cjamango, 20. Oktober 2008, 15:41.

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Geschrieben 24. Oktober 2008, 12:27

Prom Night (2008) (DVD)

In dem hübschen Film KLEINE MORDE spielt Elliott Gould einen begabten Fotografen, der sein Geld damit verdient, daß er Hundehaufen fotografiert. Hollywoods Wiederkäuer machen es genauso: Halbverdautes rauswürgen, ins Backförmchen hinein – fertig! Warum ich allen Ernstes erwartet habe, PROM NIGHT könne möglicherweise kuckbar sein, ist mir schleierhaft. Wenn es tatsächlich so sein sollte, wie Verkaufsgenie P.T. Barnum das einst verkündete – daß nämlich jede Minute ein Trottel geboren werde –, haben diese Filme wohl ihre Daseinsberechtigung, und sei es auch nur als Dokumentation eines Irrweges. In gewisser Weise bin ich dem Film dankbar, denn er hat mir Lebenszeit geschenkt. Länger als 20 Minuten habe ich die Grütze nämlich nicht ausgehalten.

Von der Story des Originals – einer der unspektakuläreren HALLOWEEN-Klone – ist nichts übriggeblieben. Die Protagonistin ist eine Blondine, deren Stimme im Original etwas an den Liliputaner aus FREAKS erinnert. Da würde ich mindestens drei Schachteln Rauchwerk pro Tag verordnen. Dann klingt das vielleicht etwas weniger peinsam. Blinde sind bei diesem Film erneut eindeutig im Vorteil, denn es herrscht Kanonenstadl. Alle Darsteller streiten sich darum, wer die Deppenparade anführen darf. Als Tambourmajor schlage ich den Psychopathen vor, der der Gewinner im Vincent-Gallo-Ähnlichkeitswettbewerb gewesen sein muß und die Familie der Protagonistin niedergemetzelt hat. Rechtzeitig zum Schulabschlußball ist er wieder da und hat sich sogar den Bart abrasiert. In die Morde habe ich kurz mal reingezappt. Was soll man dazu sagen? Eine PG13-Freigabe – kein Arsch, kein Tittchen, wie Schneewittchen. Ob der ganze Quatsch ernst gemeint ist oder sich als augenzwinkernde Parodie versteht, ist bei diesem selbstreferentiellen Tinnef (= Notausgang für die ganz und gar Armseligen) nicht mehr feststellbar. Alles nur noch eine einzige charakterlose Suppe. Da ist mir jeder FREITAG DER 13. entschieden lieber, denn die zelebrierten ihre Stumpfheit wenigstens mit einer gewissen Freude am Regelverstoß. Aber was beklage ich mich? Das war ein Bauchklatscher mit Ansage...

:deepshit:
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Geschrieben 26. Oktober 2008, 16:26

Det hemmelighedsfulde X (DVD)

Benjamin Christensens Regiedebüt (übersetzt: Das geheimnisvolle X) ist ein saftiges Melodrama, in dem der Regisseur höchstselbst den honorigen und stocksteifen Leutnant Van Hauen spielt. Da sich das Land kurz vor einem großen Krieg befindet (gedreht wurde der Film 1913!), ist seine Anwesenheit bei den kämpfenden Truppen erforderlich. Der böse Graf Spinelli (eine Art Schmierbart-Version von Adolphe Menjou) will die Gunst der Stunde nutzen, um Van Hauens Gattin zu bezirzen. Gleichzeitig verfolgt er dubiose politische Interessen, denn er ist ein Landesverräter und verschachert dem Feind wichtige Informationen, die er per Brieftaube von einer abgelegenen Mühle aus entsendet, unter Mithilfe zweier Nebenschurken. Zum Leidwesen des strammen Leutnants gerät Graf Spinelli in den Besitz eines geheimen Angriffsplans, den er taubenflugs auf Reisen schickt. Allerdings wird die Taube abgeschossen, und Van Hauen wird nun des Hochverrats verdächtigt. Schmach und Erschießungskommando winken, doch Van Hauen hat ja noch seine tapfere Frau und seinen tapferen kleinen Sohn...

...der übrigens – wie es damals Sitte war – in einen ganz allerliebsten Matrosenanzug gepreßt ist und aussieht wie ein besonders trauriges Mitglied der Familie Duck! Was an diesem sehr alten Film vor allem auffällt, ist der beachtliche Stilwillen des Regisseurs, dem einige sehr schöne Bildkompositionen gelingen. So gibt es etwa schöne Gegenlichtaufnahmen der Mühle, die etwas an Bergman erinnern. Dieser Stilwillen unterscheidet den Film von zeitgenössischen amerikanischen Produktionen, denen es immer mehr um die narrativen Elemente und den daraus zu beziehenden „drive“ ging. Im selben Jahr entstand auch in Deutschland die erste Version von DER STUDENT VON PRAG, die im Vergleich zu Christensens Werk sehr theaterlastig und staubig anmutet. Die Patina, die der Film angesetzt hat, reizt gelegentlich zum Schmunzeln, nicht nur in Gestalt des drolligen Matrosenanzugs. Wenn sich im Schlußakt die Gattin des kompromittierten Offiziers hinter die feindlichen Linien schlägt und wiederholt mitten im wildesten Kampfgetümmel von links nach rechts durch das Bild huscht, ist das schon irgendwie niedlich. Aber das ändert nichts daran, daß der Film durchaus beeindruckend ist. Die Fassung, die ich gesehen habe, befindet sich auf einer vortrefflichen dänischen DVD, die neben dem angesprochenen Werk auch noch Christensens Zweitling enthält, HAEVNENS NAT. (Heißt das vielleicht „Hafennutte“? Am Schluß steht bei diesen skandinavischen Filmen ja auch immer „Slut“...) Bemerkenswert fand ich an der DVD, daß man mit Hilfe der Untertitel-Funktion der Fernbedienung nicht nur englische Untertitel bekommt, sondern sogar englische Zwischentitel ins Bild gezaubert werden. Das ist mir so bislang nicht vorgekommen. Ich werde dem Herrn, von dem ich die DVD ausgeliehen habe, vielleicht einfach sagen, sie sei irgendwo verlorengegangen. Trau, schau, wem!
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Geschrieben 26. Oktober 2008, 16:30

West Of Zanzibar (US-DVD)

Nach THE UNKNOWN eine weitere bemerkenswert grausame Geschichte von Tod Browning. Diesmal spielt Lon Chaney einen Zauberkünstler namens Phroso, dessen Gattin ihm mit seinem Kollegen Crane (Lionel Barrymore) durchbrennen will. Als Crane ihm hohnlachend die frohe Botschaft übermittelt, kommt es zu einem Handgemenge, bei dem Phroso unglücklich stürzt und sich das Rückgrat bricht. Einige Zeit später kehrt die Frau zurück und hat ein kleines Mädchen dabei. Als der gelähmte Phroso sie in einer Kirche aufsuchen will, muß er feststellen, daß sie sich das Leben genommen hat. Das kleine Kind ist auch dabei, und da Phroso richtig die Haßkarre schiebt, bringt er es in einer der übelsten Spelunken des Kongo unter, wo er sein neues Quartier aufgeschlagen hat, immer in der Nähe des bösen Crane, der hier mit Elfenbein handelt. Unter Vorspiegelung falscher Tatsachen (à la QUEEN KELLY) holen Phrosos Gangster die Holde in ihr Verbrecherlager, wo Phroso sie zur schweren Alkoholikerin macht. Die Szene, in der Chaney Barrymore zu sich holt, um ihm nicht nur zu sagen, daß er ihm Unmengen an Elfenbein geklaut hat, sondern seine leibliche Tochter zur völlig degenerierten Bordsteinschwalbe gemacht hat, ist wirklich was für das Schatzkästlein. Chaney weidet sich an der Pein seines Feindes und rutscht vor Entzücken fast aus dem Rollstuhl. Auf einmal beginnt Barrymore ganz fürchterlich zu lachen und macht Chaney eine Eröffnung, die diesem die Freude aus dem Gesicht wischt...

WEST OF ZANZIBAR ist ein lustvoll überhitztes gotisches Melodram voller böser Menschen. Crane ist von Anfang an ein Rabenaas, aber Phroso war einst ein liebender Ehemann, den das Unglück an den Rand des Wahnsinns getrieben hat. Chaneys afrikanische Inkarnation ist kahlrasiert, unsagbar schmierig und wirkt wie ein lüsterner Satan auf Rädern. Häufig robbt er auch über den Fußboden, was ein klein wenig an Brownings Meisterwerk FREAKS erinnert. Chaney war für diese exzentrischen Bösewichte einfach wie gemacht, und mit großem Einsatz und beeindruckender Intensität spielt er Haß, Demütigung, Angst und finsteren Genuß, daß es nur so eine Art hat. Auch seine Gangsterkollegen erinnern stark an spätere Noir-Thriller à la KEY LARGO. Der nominelle Held des Filmes ist zum Beispiel ein heruntergekommener Doktor, der sich um Chaneys Rückenleiden kümmern soll und den Großteil der Laufzeit im Suff herumtorkelt und mit Säufertremor kämpft. Und die beiden anderen Spießgesellen sind dick, haarig und schwitzend. Diesem munteren Männerquartett stehen zahllose Eingeborene gegenüber, die aus heutiger Sicht vielleicht etwas rassistisch anmuten, aber dafür verbrennen sie auch für ihr Leben gern Frauen. Bei diesen exotischen Begräbnisriten darf Chaney den obersten Geisteraustreiber markieren und mit einer Dämonenmaske auf dem Kopf über den Dschungelboden kriechen! Kurzum, ein toller Film! Bemerkenswert eigentlich, daß ausgerechnet jener Film, für den man Browning heutzutage am ehesten kennt, nämlich DRACULA, mir am wenigsten gefällt. (Die ersten 15 Minuten sind toll, aber dann kommt endloses Blabla...) WEST OF ZANZIBAR ist ein echter Fund, der mit seinen gerade mal 60 Minuten Laufzeit auch keine Sekunde langweilt. Die Fassung, die ich gekuckt habe, enthielt leider keine Musikuntermalung, weshalb ich einfach Bartoks Klavierkonzerte drüber gedudelt habe. Das paßte ganz vorzüglich.
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Geschrieben 27. Oktober 2008, 10:59

The All-American Girl (US-Video)

Ein ungewöhnlich guter Softsex-Film, der sich um die Erlebnisse eines 16-jährigen Backfisches namens Debbie dreht. Debbie stammt aus einem frommen Haushalt, was ihr die sexuelle Bewußtwerdung erschwert. Ihr ist klar: Vor der Hochzeit bleibt der Lachs im Futteral. Necking und Petting – wenn's denn sein muß. Ihr Freund Bobbie leidet Höllenqualen, läßt sich aber hinhalten. Und sowieso muß er erst einmal für drei Monate nach Guatemala, um dort mit dem „Peace Corps“ für Ordnung zu sorgen. Debbie nutzt die Zeit seiner Abwesenheit sinnvoll, indem sie erste zaghafte Experimente unternimmt. So „kuriert“ sie einen scheuen Jungmann aus der Nachbarschaft und befaßt sich obendrein mit dessen Eltern. Als Bobbie wieder zurückkehrt, findet er eine völlig neue Debbie vor, was ihn zwar zunächst freut, aber ihr innerer Monolog läßt bereits vermuten, daß die geöffnete Büchse der Pandora alle Möglichkeiten der Promiskuität ergründen wird...

Verglichen mit den meisten obskuren (und häufig schmierigen) Sexploitation-Werken, die von „Something Weird“ ans Licht des Tages gezerrt worden sind, nimmt sich THE ALL-AMERICAN GIRL wie ein Musterbeispiel für gelungene Erotika aus: Die Charaktere sind leidlich glaubhaft und ansprechend, die Schauspieler scheinen bei der Erzeugung des Produktes Spaß gehabt zu haben und auch den einen oder anderen Joint konsumiert, und die Sexszenen sind, obwohl vergleichsweise dezent, sehr anregend. Der Film profitiert von der jungen Hauptdarstellerin, Peggy Church, die das forschende Wesen Debbies durch die Natürlichkeit ihrer Darstellung zu einer überaus erfreulichen Angelegenheit werden läßt. Der Umstand, daß die von ihr gespielte Figur noch minderjährig ist, wird dadurch etwas abgefedert, daß die meisten ihrer „Testpersonen“ ebenfalls noch nicht wissen, wo Bartel den Most holt. Es resultiert auf jeden Fall nicht in unappetitlichem Altherrengesabber um knospende Weiblichkeit, eher in appetitlichem Jungherrengesabber um weibliche Knospen. Der Film ist ausdrücklich Joe Sarno gewidmet, der zu den wenigen wirklich brauchbaren und ernstzunehmenden Sexfilmern gehört hat, dessen Arbeiten sich stets intensiv mit den unterliegenden Motiven der Protagonisten befaßt haben. Sex an sich sieht ja eher putzig aus, und es erfordert schon ein gewisses Raffinement, den Zuschauer in die Story „hineinzulocken“ und die auf der Leinwand gezeigten Attraktionen mit den eigenen Erfahrungen und Fantasien kollidieren zu lassen. THE ALL-AMERICAN GIRL gelingt dieser Akt. Über Regisseur Mark Haggard habe ich nur wenig herausbekommen, sieht man einmal davon ab, daß er wohl schon tot ist. Er ging zur Entstehungszeit des Filmes vermutlich noch auf die Filmschule, wo er auch Kameramann Douglas Knapp kennenlernte, der u.a. die ersten beiden John-Carpenter-Filme fotografierte. Die DARK STAR-Connection trug auch später Früchte, als Haggard Dan O'Bannon und Ronald Shusetts Skript zu ALIEN an Walter Hill und David Giler vermittelte. Am bekanntesten ist wahrscheinlich seine Ko-Regie zu THE FIRST NUDIE MUSICAL, den ich noch sehen muß. Ansonsten drehte er noch den leicht angehardcoreten THE LOVE GARDEN und später THE ALL-AMERICAN WOMAN, der leider auf die Teilnahme von Peggy Church verzichten mußte. Während mich Softsexer im Moment eher langweilen, habe ich diesen hier mit großem Vergnügen bis zum Ende durchgekuckt. Fein!

P.S.: In der BRD soll der Film unter dem Titel DANISH FLOWERS gelaufen sein (!) Eine entsprechende Videokassette wäre mir aber nicht bekannt.
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Geschrieben 29. Oktober 2008, 16:39

Tödliche Entscheidung (DVD)

Sidney Lumets Filme befassen sich meistens mit moralischen Problemen – warum ein Mensch sich so oder so entwickelt, warum die einen die Guten und die anderen die Bösen sind. Daß sie dies im Gewand von Unterhaltungsfilmen bewerkstelligen, macht die Sorgfalt, mit der Lumet seine Protagonisten in Szene setzt, nur noch bemerkenswerter. Ob es sich um Copdramen, Psychothriller oder politische Fiktion à la FAIL SAFE geht – immer geht es um die Unterscheidung zwischen dem Guten und dem Bösen und was die öffentliche Meinung daraus macht. Dabei bedient er sich auch des öfteren der schwarzen Komödie. HUNDSTAGE fällt einem da ein, NETWORK auch, und sein vorletzter Film, FIND ME GUILTY, verhohnepiepelt das amerikanische Justizsystem anhand eines authentischen Falles. (Übrigens mit einer umwerfenden schauspielerischen Leistung von Vin Diesel – da war ich wirklich baff!)

Sein neuester Film heißt im Original BEFORE THE DEVIL KNOWS YOU'RE DEAD und gehört ganz entschieden nicht zu seinen Komödien. Als ich mir den Film entlieh, erwartete ich einen Krimi, und tatsächlich beginnt er auch wie einer: Zwei maskierte Gangster überfallen ein Juweliergeschäft. Der Überfall mißlingt, ein Gangster wird erschossen, eine alte Frau schwer verletzt. Dann beschäftigt sich der Film aber mit der Vorgeschichte des Verbrechens. Es geht um zwei Brüder, Andy (Philip Seymour Hoffman) und Hank (Ethan Hawke). Beide stecken in Schwierigkeiten bis zum Hals – wie sehr, erfährt man erst später. Der Film rollt das sehr geschickt auf, erzählt die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven, springt in der Zeit hin und her. Dabei wird er niemals unübersichtlich. Das Drehbuch stammt von einem langjährigen Theaterautor, Kelly Masterson, der früher einmal Priester werden wollte, sich dann aber für die Bretter entschied, die bekanntlich die Welt bedeuten. Der ganze Dreh- und Angelpunkt des geschickt konstruierten Drehbuches besteht in dieser gebrochenen Erzählweise, denn häufig werden bestimmte Momente repetiert, der vorherige Eindruck dabei korrigiert. Schwingt häufig in solchen „moralischen“ Filmen immer eine vage, kitschige Ahnung von Schicksal und Vorherbestimmung mit, so macht der Film sonnenklar, daß die vermeintliche Vorherbestimmung eine präzise Folge von Ursachen und ihren Wirkungen ist. Das scheint auch in vielen nebensächlich erscheinenden Details auf. So kommt Hawke an einer Stelle zu seiner Wohnung, um erst einmal festzustellen, daß jemand das Glas im Klingelkasten zerschlagen hat. Etwa 15 Minuten später im Film sieht man dann, wie das tatsächlich passiert ist und was alles zu diesem Moment geführt hat. Der deutsche Titel ist gar nicht mal dumm, denn es geht um die moralischen Entscheidungen, die die Menschen fortwährend treffen müssen. Was den Film gut macht, ist aber der Umstand, daß diese Entscheidungen nicht nach herkömmlichen Vorstellungen zu bewerten sind als gut oder böse, als berechtigt oder unberechtigt, sondern häufig intuitiv oder als Folge von unvorhersehbaren Zwischenfällen entstehen, als Reaktion auf eine andere Ursache-Wirkung-Kette sozusagen. Die Schauspieler machen ihre Sache – wie meistens bei Lumet – hervorragend. Das merkt man für mein Empfinden schon daran, daß nicht nur die Exzesse, die Kunststückchen, zu beeindrucken vermögen, sondern auch die Momente, an denen oberflächlich rein gar nichts passiert. Die Figuren werden einem einfach so vertraut, daß man fast körperlich spürt, wie es in den Leuten brodeln muß. Das betrifft nicht nur die Hauptdarsteller (Hoffman, Hawke und Albert Finney), sondern auch die zahlreichen Nebenfiguren. Erstklassige Arbeit. TÖDLICHE ENTSCHEIDUNG ist nicht das Werk eines 84-jährigen Greises, sondern eines lebenserfahrenen, klugen Mannes. Einer der besten Lumets seit langer, langer Zeit. Und ja, mit 20 hätte ich dem Film wohl wesentlich weniger abgewinnen können als jetzt mit 40...
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#601 Cjamango

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Geschrieben 01. November 2008, 14:47

The Mutant Chronicles (DVD)

Papa, die Güllepumpe ist explodiert...

Mal ehrlich: Ich habe in letzter Zeit einigen Mist gesehen. Aber diese Rollenspiel-Verfilmung ist wirklich so entwaffnend dumm, daß sie fast schon wieder Spaß macht.

Der Anfang macht gar keinen Spaß – der ist einfach nur öde und lärmend. Im Jahre Zwotausendsiebenhundertnochwas kämpfen die vier Konzerne, die die Welt beherrschen (Bauhaus, Capitol und noch zwo andere), miteinander um den Sieg. Die Regie (der Brite, der vorher den Neo-Slasher THE LIGHTHOUSE gemacht hat) realisiert das anhand eines Rückgriffes auf den Ersten Weltkrieg und einer Überinszenierung, die an 300 erinnert. Es fliegt viel durch die Gegend, überall wummt es nach Herzenslust. Durch ein besonders großes Projektil wird das Siegel zerbrochen, mit dem ein paar Quasi-Tempelritter „nach der großen Eiszeit“ eine Maschine weggeschlossen haben, die die Menschheit versklaven sollte. Auf einmal rennen lauter Mutanten mit riesigen Hummerscheren-Armen durch die Gegend und machen Schluß im Quadrat. Die ganze Hoffnung der Menschheit ruht auf einem Himmelfahrtskommando von Torfköppen, die die Maschine mit so einer Art BFG (= big fucking gun) vernichten sollen. Aber man ahnt, daß nicht alle von ihnen zurückkehren werden...

Nach ungefähr einer halben Stunde hat der Film mir sogar etwas Spaß gemacht. Unfreiwilligen, allerdings, denn der Schwachsinn wird mit feierlichem Ernst vorgetragen, was in Anbetracht der Vorgänge schon eine gewisse Leistung ist. Aber mit Himmelfahrtskommandos betritt jeder Film – mag er auch noch so überinszeniert und mit Schnickschnack zugepölsert sein – das Reich des billigen Genrekinos von einst, überschaubar und nach bekannten Mustern ablaufend. Da schwindet die Hybris, und man spielt mit offenen Karten. Die Italiener haben das ohne ununterbrochenes Computergewichse schon vor 30 Jahren hinbekommen, und natürlich sind Filme wie ENDGAME oder 2020 TEXAS GLADIATORS viel, viel sympathischer als dieser Unfug. Aber man ist ja schon für wenig dankbar, und sei es auch nur für das totale Versagen. Und da wären wir auch schon bei den Schauspielern. Wer spielt denn da mit? John Malkovich hat einen grandiosen Kurzauftritt, mit dem er sich ernsthaft bewirbt um die Rolle des Großvaters bei „South Park“. Ron Perlman (als Chef des Templerordens, der die Welt retten will) sieht aus wie ein Nußknacker aus dem Böhmerwald. Thomas Jane ist der Held des Filmes und macht genau gar nichts. Simon Hunter ist kein Schauspielerregisseur. Die Akteure halten ihre Gesichter hin und reden dummes Zeug. Der Drehbuchautor hat vorher EVENT HORIZON gemacht, der zwar ebenfalls CGI-übersättigt war, aber zumindest noch leidlich spannend. Hier wird wirklich ununterbrochen Mist erzählt, daß sich die Balken biegen. Ach, und Benno Fürmann (als „Leutnant von Steiner, Offizier und Aristokrat“) ist auch dabei und wirkt wie der schwule Nazi, der im Salon Kitty die Käsecracker gereicht hat. Die Aliens können übrigens in einer Szene auch Raumschiffe fliegen. Keine Ahnung, wie die mit ihren Hummerhänden die Instrumente bedienen, aber die Raumschiffe sind bestimmt mitmutiert. Es gibt einige tolle Momente, etwa jene, in der das Himmelfahrtskommando in einer Notkapsel sitzt und sich absprengen muß. Geht nur von außen. Jane will sich opfern, aber ein frommer Schwarzer kommt ihm zuvor, salutiert noch kurz vor der Fensterscheibe und zieht dann den entsprechenden Hebel. Ich habe viel gejault und viel gelacht. „Das Runde muß ins Eckige“, wie das in der Werbung so schön heißt.
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Geschrieben 03. November 2008, 20:40

Shiver (DVD)

Die ersten 10 Minuten dieses katalanischen Horrorfilms schreckten mich ab. „Nicht noch eine von diesen Vampirstories im Teenagerumfeld!“ dachte ich genervt. Es entwickelte sich aber ganz anders.

ESKALOFRIO handelt von einem Jugendlichen namens Santi, der unter einer seltenen Überempfindlichkeit gegen Licht leidet. Sehr zum Leidwesen der Mutter erzwingt die Krankheit einen Umzug ins nordspanische Hinterland, wo die beiden ein großes Haus bewohnen und sich erst einmal mit der Landbevölkerung anfreunden müssen. Dies erweist sich als ausgesprochen kompliziert, da Landbevölkerung nun einmal Landbevölkerung ist, und in Filmen ist sie dies ja immer in besonderem Maße. Zudem gerät Santi in einen Mordfall hinein – ein ruppiger Pubertätsdelinquent, der ihn herumschubsen wollte, endet tot im Wald. Die dümmeren unter den Landeiern interpretieren die Krankheit des Jungen natürlich in eine bestimmte Richtung, zumal dem Mordopfer das Blut komplett ausgesaugt worden ist nach einem saftigen Kehlenschnitt. Niemand will Santi glauben, daß er etwas im Wald gesehen hat, das wie ein Tier aussah, aber doch keines zu sein schien...

Nachdem ich mir kurz vorher den nicht eben intellektuellen ALIEN VS. PÄDERATOR 2 angesehen hatte, tat der ruhige Spanier so wohl wie eine Suppe an einem frostigen Abend. Sieht man einmal davon ab, daß pubertierende Jungmänner nicht eben zu meinen Leib- und Magenhelden gehören, waren die Charaktere einigermaßen ansprechend gezeichnet, so daß es – anders als beim vorher gekuckten Monsterspektakel – einem nicht völlig egal war, was mit ihnen geschieht. Mit Vampiren hat die Story eigentlich gar nichts zu tun. Tatsächlich ist die Auflösung des Ganzen zwar etwas konstruiert, aber durchaus originell, und einige Szenen waren ziemlich spannend. Insbesondere eine Szene, in der Santi allein zu Haus bleibt und das Ding aus dem Wald sich Zutritt verschafft, fand ich schon beeindruckend unheimlich. Erwartet habe ich bei dem Dingen exakt gar nichts und war somit überaus positiv überrascht. Der Regisseur hat vorher den wesentlich schwächeren SOMNIAC gemacht, den ich nicht empfehlen würde. Aber SHIVER lohnt sich. Beim nächsten Waldspaziergang werde ich bestimmt an den Film denken, besonders nach Einbruch der Dunkelheit...

P.S.: Den Darsteller des jungen Protagonisten kennt man übrigens aus Guillermo del Toros hübschem THE DEVIL'S BACKBONE, wo er das Geisterkind spielte.

Bearbeitet von Cjamango, 03. November 2008, 20:42.

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Geschrieben 04. November 2008, 11:13

Fleisch ist mein Gemüse (DVD)

Auhauerha. An Verfilmungen von Büchern, die ich sehr liebe, gehe ich immer zögerlich ran, da ich Arges befürchte. Im Supermarkt stelle ich mich auch immer dort an, wo es am längsten dauert. Schöne Erinnerungen sind leicht kaputtzukriegen, und der Gedanke, jemand könne mir Heinz Strunk kaputtmachen, ist schier nicht auszuhalten.

Ist nicht passiert. Mit einem gewaltigen Tritt in den Po habe ich mich aufgerafft und FLEISCH IST MEIN GEMÜSE in den Schlitz meines DVD-Players befördert. Film wie Buch legen Zeugnis ab vom Werdegang des Tanzkapellenmusikers Heinz Strunk. Seine persönlichen Fallstricke und Prüfungen werden dabei ebenso berücksichtigt wie die Dinge, mit denen professionelle Mucker sich halt so rumzuschlagen haben. Verköstigung, bandinterne Streitigkeiten und die Einsamkeit nach Toresschluß sind nur einige der Probleme, die vom Film mit großer Eindringlichkeit nachvollzogen werden. Teilweise (Schützenfest!) war das so unangenehm, daß ich von plötzlichem Juckreiz befallen wurde, nicht unähnlich jenem, der einem bei einer Begegnung mit giftigem Sumach blüht. Der TV-Regisseur Christian Görlitz ist auch ein Nordlicht, was man dem Film anmerkt. Die Details sind alle ziemlich gut getroffen. Die einzige Schauspielerin, die ich kannte, war Susanne Lothar als Heinzens Mutter, und daß die Kreise um einen herumspielen kann, war mir schon vorher klar. Aber auch der Rest des Ensembles vermag zu entzücken, allen voran natürlich Maxim Mehmet in der Rolle des gebeutelten Tanzmuggers. Zu Anfang hatte ich noch einen Heidenbammel davor, daß der Film die einfache Route wählen und überpointierten Konsenshumor servieren würde, wie er Strunks leisem und schlauem Werk nicht angemessen gewesen wäre. Dem war dann aber zum Glück nicht so. Pointenjagd blieb aus. Stattdessen kuckt sich der Film die handelnden Figuren einfach mal so an und überläßt die Ausdeutung dem Publikum. Finde ich ganz richtig so. Ich kann mir FLEISCH IST MEIN GEMÜSE recht gut als Doppelprogramm mit SCHULTZE GETS THE BLUES, einem gleichfalls sehr feinen Film, vorstellen. Wer also Schenkelklopfhumor erwartet, soll sich lieber mit dem Fernseher verbünden und die ihm zustehende Packung Frohsinn einfahren. Wer Charme, Wahres und Tröstendes bevorzugt, der halte sich an den Herrn Strunk. Ich habe jetzt auf jeden Fall richtig gute Laune und werde erst einmal meinen Morgenkaffee trinken!

P.S.: Der Herr Schamoni und der Herr Palminger sind auf dem Schützenfest zugegen.
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#604 Cjamango

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Geschrieben 06. November 2008, 15:25

Hollywood Babylon (1971) (US-Video)

Holla, die Waldfee...

Im privaten Miteinander bezeichne ich mich gerne mal als cineastischen Katastrophentouristen. Wann immer ein Ozeandampfer des Kinos havariert, stehe ich stumm und staunend am Ufer und bewundere die Allmacht der Natur, die des Menschen Eitelkeit ja doch gelegentlich auf ein erträgliches Maß reduziert. In manchen Fällen sind die Entgleisungen aber auch zu tragisch, als daß mein böses schwarzes Herz daran hämisches Vergnügen empfinden könnte. Die späten Filme Bela Lugosis fallen mir da ein. An HOLLYWOOD BABYLON bewunderte ich vor allem die Chuzpe der Macher, die Kenneth Angers Werk zu einem singulär schmierigen Sexstreifen umformulierten. Das darf man eigentlich nicht machen mit dem armen Ken. Seine Bücher gehören zu den meistgelesenen in meinem Haushalt. Und natürlich hat er die Verantwortlichen danach vor den Kadi gezerrt. Das ist durchaus verständlich, denn nicht nur wurde der populäre Titel seines ersten Holly Babys verwendet, sondern auch ausgedehnte Textpassagen, die von einem markanten Sprecher wie die TV-Werbung für einen Gebrauchtwagenhändler deklamiert werden. Faszinierend ist das Resultat aber doch, wobei auffällt, daß die Produzenten die Nennung von Namen weitgehend vermieden haben. Aber Kenner werden natürlich wissen, wer Rudolph Valentino, wer Marlene Dietrich und wer Clara Bow sein soll...

Ungefähr 50 Prozent des Filmes bestehen aus Archivaufnahmen. Daß dieses Material wesentlich interessanter anmutet als die Tittenszenen, versteht sich fast von selbst. Man bekommt z.B. zu sehen, wie die Filmgewaltigen Hollywoods die Hand von Zensurpapst Will Hays schütteln, wie Pola Negri gramgebeugt die Beerdigung von Valentino verläßt etc. Die eingestreuten Episoden sind von unterschiedlicher Qualität, wobei mir natürlich jene mit Deutschlandbezug besonders zugesagt haben. Was meint Ihr wohl, wer Marlene Dietrich spielt? Uschi Digart spielt Marlene Dietrich – genial! Wenn Bernd Eichinger vorher dieses Werkes ansichtig geworden wäre – wer weiß, wie sein Marlene-Film ausgesehen hätte? Uschi jedenfalls schwingt ihre gewaltigen Möpse, daß es nur so eine Art hat, und sie hat auch eine sadistische Lesbenszene mit Sandi Carey. Ihr Josef von Sternberg sieht aus wie ein schmieriger Pornoproduzent, der sich selbst auf die Schulter klopft, weil er gerade einem Provinzverleiher BEN HUR 2 angedreht hat. Ganz entzückend ist auch die Stroheim-Episode: „The Dirty Hun“ sieht genau so aus wie auf dem Foto im Anger-Buch, Reitstiefel, Monokel und Reitgerte, und natürlich läuft er in dieser Gewandung am Set herum und legt auch schon mal selbst Hand an, damit die stattfindenden Lustbarkeiten auch richtig flutschen. Die Story mit der Wiener Domina ließen sich die Filmemacher natürlich auch nicht entgehen. Der namenlose Schauspieler, der Erich sein Gesicht leiht, grimassiert hier bis zum Gottserbarmen. Nicht schlecht. Gemacht hat dieses die Unsterblichkeit nur um Spuckweite verfehlende Leinwandspektakel ein gewisser Van Guylder, der auch für den bei uns beschlagnahmten Roughie VIELE GESICHTER HAT DER TOD verantwortlich zeichnete. Mike Weldon identifiziert ihn als Sexfilm-Veteran Ed Forsyth, was stimmen mag oder auch nicht. Als Kuriosität ist HOLLYWOOD BABYLON in jedem Fall bestrickend, wenngleich die Sexanteile sehr zahm ausgefallen sind und der Vergleich mit Anger natürlich Blasphemie darstellt. Aber das Exploitation-Kino ist niemals eine Spielwiese für Feingeister gewesen, eher für Schmierlappen und Abzocker, und in dieser Hinsicht glänzt der Film durch große Direktheit. Jetzt nehme ich erst einmal eine erfrischende Dusche!
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#605 Cjamango

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Geschrieben 14. November 2008, 15:32

The Happening (DVD)

Mark Wahlberg hat im neuesten Film von M. Night Himalaya zahlreiche Momente, in denen er entgeistert und verständnislos in die Welt blickt, wann immer der Wind rauscht. Mir ist es ähnlich gegangen, als ich in der „Internet Movie Database“ nachschlug und feststellen mußte, daß der Film massiv abgestunken ist. Im Falle von LADY IN THE WATER (den ich auch mochte) kann ich das noch nachvollziehen, da jene Arbeit fast schon vorsätzlich an den Bedürfnissen der Kinogänger vorbeiinszeniert war. Bei THE HAPPENING wundert mich das baß, denn der Film ist vergleichsweise geradlinig und zugänglich, verkneift sich auch das Kaninchen aus dem Zylinder, das THE VILLAGE für viele ungangbar machte. M. Night Shyamalan („Wolle Rose kaufe?“) ist im gegenwärtigen Hollywood ein Marsupilami, ein Kuriosum, das kaum vorhersehbar war und trotz seiner eigenwilligen Produkte eine erstaunliche Lebensfähigkeit besitzt. Nennen wir es mal Hartnäckigkeit. Ich finde das gut, denn mir gefallen seine Filme sehr. Sie beharren auf einer Erzählweise, die die staunende Naivität eines Kindes mit einer sehr ausgefeilten Inszenierung verbindet. Zukünftige Filmwissenschaftler könnten sich z.B. mit der sehr interessanten Funktion des Raumes in seinen Werken befassen. Die Schauspieler werden immer auf sehr ausgefallene Weise in den Einstellungen positioniert, wirken wahlweise bedrängt oder verlassen, wie sie da in den Räumen herumstromern oder durch die Natur streifen. Ein Shyamalan-Film verrät genauso in jeder Einstellung seinen Regisseur, wie dies bei Doris Wishman der Fall ist, nur daß bei dem gebürtigen Inder Schuhe, Telefonkabel und dicke Titten keine so gewichtige Rolle spielen. Aber das kann ja noch kommen.

THE HAPPENING erzählt von einem kompletten Zusammenbruch der Zivilisation, der seinen Ausgang im New Yorker Central Park nimmt. Die Spaziergänger benehmen sich auf einmal sehr idiosynkratisch, reden wirres Zeug und begehen dann auf oftmals drastische Weise Selbstmord. Von den Baugerüsten im Umfeld springen reihenweise suizidale Bauarbeiter herunter. („It's raining men, hallelujah...“) Die Ereignisse werden zunächst als terroristische Anschläge etikettiert, aber schon bald deutet sich an, daß nicht Giftgas der Auslöser für die Selbstmordwelle ist, sondern ein unerklärliches Naturphänomen. Der Film konzentriert sich auf die Versuche eines Pärchens (Wahlberg und Zooey Deschanel), der Bedrohung zu entfliehen, aber wo immer sie hinkommen, liegen tote Menschen. Und da man nicht genau weiß, was die Katastrophe verursacht hat – ein Gas? Aliens? fehlgeschlagene Regierungsexperimente? –, kann jede eingeschlagene Richtung den üblen Tod bedeuten...

Wenn man auf eine schlüssige Erklärung Wert legt, läuft man auch bei diesem Film sauber auf, denn es geht natürlich nicht um Logik. Es wird angedeutet, daß die Natur sich gegen ihre Vergewaltigung durch den Menschen wehrt, daß Atomkraftwerke auf bislang ungeahnte Weise den Tod bringen, daß die Regierung Mist gebaut hat. Vielleicht ist es auch einfach nur der Selbstzerstörungstrieb des Menschen, der durch Neurotransmitter in den Overdrive geschickt worden ist. Ist auch völlig egal. Wie immer bei dem netten Inder geht es um Menschen, die den Bezug zueinander verloren haben. Das scheint auf in der gestörten Beziehung von Wahlberg zu seiner Frau; das scheint auf in der Bereitwilligkeit der meisten Menschen, ihre Mitbürger dem sicheren Tod zu überantworten, sobald der eigene Arsch in die Schußlinie gerät. In einer Szene ballert ein verängstigter Hillbilly zwei relativ unnervige Kinder mit einer Schrotflinte über den Haufen, weil „das Giftgas“ nicht in sein Haus gelangen soll. Logiker Wahlberg fahndet die ganze Zeit über nach einer Bedeutung, beruft sich auf Statistiken, mit denen das Phänomen irgendwie in begreifbare Dimensionen gerückt und somit erträglich gemacht werden kann. Doch die Logik hilft immer nur im Moment, wenn es darum geht, in welche Richtung man seine Schritte lenken soll. Die Menschen haben verlernt, sich auf ihre Gefühle zu verlassen, der Irrationalität des Daseins Rechnung zu tragen. In früheren Filmen wirkt das bei Shyamalan fast ein wenig frömmelnd, doch ich denke, daß er der richtigen Sache auf der Spur ist. Der „Stimmungs-Ring“ (ein Scherzartikel, der bei jedem Träger seine Farbe wechselt, was dann immer „etwas“ zu bedeuten hat) ist ein typisch humorvolles, oberflächlich plakatives, aber irgendwie auch ganz listiges Symbol, mit dem der Regisseur die Hilflosigkeit der Menschen andeutet. Und ja, während ich bei SIGNS mit eben diesem Humor noch meine Probleme hatte, gefällt er mir mittlerweile richtig gut. Der macht schon sehr eigenwillige Sachen, der Mann.

Neben THE SIXTH SENSE und vor allem UNBREAKABLE gefällt mir diese Weltuntergangsfantasie bisher am besten unter den Gipfelstürmereien des Herrn Himalaya. Und anders als im Falle des iranischen Ministerpräsidenten kann ich mir inzwischen sogar seinen Namen merken...
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#606 Cjamango

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Geschrieben 29. November 2008, 14:18

The Oxford Murders (DVD)

In Alex de la Iglesias erstem auf englisch gedrehten Film spielt Elijah Wood den jungen Amerikaner Martin, der seine überdurchschnittliche Intelligenz in den Dienst der Denkfabrik Oxford stellen will. Zur Unterkunft logiert er sich bei Mrs. Eagleton ein, der Witwe eines berühmten Dechiffrierexperten. Martins großer Wunsch ist es, von dem Philosophieprofessor Seldom (John Hurt) unter die Fittiche genommen zu werden. Und das, obwohl beide höchst unterschiedliche Denkweisen vertreten: Während der junge Mann davon überzeugt ist, daß alles, was im Leben stattfindet, nach logischen Strukturen verläuft und vorherbestimmbar ist, hat Seldom alle diesbezüglichen Flausen fahren lassen und erkennt außerhalb der Mathematik keine allgemeingültigen Wahrheiten mehr an. Bei einer Buchvorstellung führt Martin eine Begegnung mit seinem Idol herbei. Als sie sich wiedertreffen, geschieht dies an der Leiche von Mrs. Eagleton, die mit einem Kissen erstickt worden ist. Zwischen den beiden Männern entsteht eine höchst eigenartige Vater-/Sohn-Beziehung, und damit beide ihre jeweiligen Standpunkte erforschen können, setzt es noch einige Leichen...

Das ausgesprochen gute Drehbuch von THE OXFORD MURDERS (das der Regisseur zusammen mit seinem häufigen Mitverschwörer Jorge Guerricaechevarría geschrieben hat) verwandelt einen simplen Kriminalfall in ein intellektuelles Puzzlespiel, dessen zentrale Figuren beständig an den Gesetzen herumfeilen, die die Welt bestimmen. Der untersuchende Inspektor Petersen ist dabei in seiner Eigenschaft als unterbezahlter Beamter grenzenlos überfordert. Dies galt scheinbar auch für viele Zuschauer, denn die Bewertung in der IMDb ist eher verhalten, was wohl auf die Dialoglastigkeit des Filmes zurückzuführen ist. Die Dialoge sind allerdings wirklich geistreich und machen das Puzzlespiel zwischen Hurt und Wood zu einer sehr genießbaren Angelegenheit. THE OXFORD MURDERS erlaubt sich dabei auch einige schwarzhumorige Schlenker, die dem Thema durchaus angemessen sind, geht es doch um unseren guten alten Freund, die Irrationalität des Menschen. Es setzt einige gehörig artifizielle Wendungen, die allerdings ebenfalls sinnvoll sind im Rahmen der Geschichte, denn die klassische Krimikonstruktion – die Suche nach dem Motiv und der moralischen Bewertbarkeit des Verbrechens – erweist sich zunehmend als Absurdion, das sowohl Tragödie als auch Komödie in seinem Fahrwasser trägt. Am Schluß setzt es dann noch den Gnadenhammer. Bleibt zu klären, warum sich in Wood sofort nach seiner Ankunft gleich zwei schöne Frauen verkucken. Es müssen wohl seine Augen sein...

Samten inszeniert. Schöner Soundtrack. Lohnt sich!
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#607 Cjamango

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Geschrieben 08. Dezember 2008, 15:10

Ruinen (DVD)

Ein paar junge Leute auf Südamerikaurlaub lassen sich von einer deutschen Bekanntschaft dazu überreden, an ihrem letzten Reisetag eine der unbekannteren Maya-Ausgrabungsstätten zu besichtigen. Dies soll sich als Fehler herausstellen, denn sie treffen dort einige unleidige Indios, die erst einmal einen von ihnen erschießen. Ein weiteres Mitglied der Reisegruppe wird schwer verletzt. Gemeinsam flieht man auf die Spitze einer Pyramide. Doch die Pyramide hat es in sich...

Eine TURISTAS nicht unähnliche erzkonservative Horror-Fantasie, in der das Böse im Ausland anzusiedeln ist. Zwar versteht man die Beweggründe der Indios, die den jungen Touristen das Leben schwermachen, bei fortschreitender Laufzeit immer besser, aber unterm Strich hat man das Gefühl, daß der Hauptfehler der Protagonisten darin besteht, daß sie sich an einen Ort begeben haben, an dem sie nichts zu suchen haben. Bleibe zu Hause und nähre dich redlich. Das bewerte ich nicht einmal negativ, denn im Horrorgenre geht es schließlich meistens um die Aktivierung von Universalängsten, die ja meistens infantiler Natur sind. Das Konzept des Anderen verstehen und schätzen zu lernen, ist schließlich ein Zeichen von Reife, und was für Horrorfilme will man aus solch einer Reife schon schnitzen? Da der Drehbuchautor vorher Sam Raimis feinen EIN EINFACHER PLAN geskriptet hat, gehe ich mal davon aus, daß ein Dialogsatz wie „Vier Amerikaner können nicht einfach während eines Urlaubes verschwinden!“ (bei dem ich laut gegröhlt habe) wahrscheinlich eher ironisch gemeint ist und eben diese Xenophobie milde vergackeiert. Bei den jungen Leuten handelt es sich im übrigen um 1a-Horrorkino-Kanonenfutter: eine blonde Schickse, eine dicht am Wasser gebaute und ständig herumgreinende Rotbrünette, ein blonder Surfertyp, ein schmallippiger Medizinstudent. Der Deutsche ist noch so ein Extremsport-Hansel, dem ich ein baldiges Ableben gewünscht habe. Allzuviel verraten will ich nicht, aber es geht um dämonische Pflanzen, die eindeutig Florian Fleurops grünen Daumen überfordert hätten. Einige Einfälle des Drehbuchs sind zwar kasperig, haben mir aber trotzdem irgendwie gefallen. So sind die Pflanzen in der Lage, Geräusche nachzuahmen und durch Vibrieren ihrer Blütenstengel einige Verwirrung zu stiften. (Klingelnde Pflanzen? I love it!) Die Freigabe ab 16 wird munter ausgereizt. So bekommen anatomisch Interessierte u.a. eine Beinamputation ohne Betäubung mit anschließender Kauterisierung geboten. Das tut weh, glaube ich, vor allen Dingen, wenn die komplizierte Operation mit einem kleinen Taschenmesser durchgeführt wird... Der Regisseur war vorher Modefotograf, was ich recht niedlich finde. Als Kameramann kann er sich immerhin auf Darius Khondji verlassen, der eine Menge für Jeunet & Caro oder David Fincher gearbeitet hat. Leidlich spannend. Habe schon bedeutend Schlechteres gesehen, aber mehr als einen kleinen Horrorheuler für den Sonntagnachmittag sollte man nicht erwarten.
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#608 Cjamango

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Geschrieben 10. Dezember 2008, 13:49

The Property Man (DVD)

In diesem 1914 entstandenen Film spielt Charlie Chaplin einen Bühnenhelfer, der sich mit schweren Koffern abplagt und eine Aufführung in einem Vaudeville-Theater zu einem Fiasko werden läßt.

Ein menschenverachtendes Machwerk, das sich oberflächlich mit menschlichen Konflikten befaßt, die anhand des sozialen Brennpunktes Theater aufgezeigt werden, tatsächlich aber eine Orgie der Zerstörung und Niedertracht anbietet. Im Zentrum der „Spielhandlung“ (die diesen Namen nicht verdient!) steht einzig und allein die Entwürdigung eines älteren Mitarbeiters, die dieser durch den ungebremsten Sadisten Chaplin über sich ergehen lassen muß. So muß sich der Greis ungezählte Male ins Gesicht treten lassen, offensichtlich zum Gaudium des angestrebten Zielpublikums. Der Film entstand während Chaplins Anfangsphase bei Mack Sennett, der auch einen kleinen Gastauftritt als indignierter Theaterbesucher absolviert. Den späteren humanistischen Bestrebungen des vermeintlichen „Genies“ Chaplin spricht dieser Absud Hohn und entlarvt die Essenz der sogenannten Chaplinaden als Sichsuhlen in abstoßender Kraftmeierei von unangenehm sozialdarwinistischem Charakter. In beispielhafter Form werden die Ursprünge der Gewalt aufgezeigt, die als Resultat sozialer Deklassierung (=Chaplins Katzbuckelei vor seinem dicken Chef) und sexueller Frustration (=Chaplins Bemühungen um eine schöne Hupfdohle) erscheint. Diese Einsichten werden aber nicht zu einem reifen Lernprozeß geführt, sondern münden in schnöder Regression und brutalen Kampfhändeln. Besonders auf den Alten und Gebrechlichen wird diese Hackordnung formuliert, im wahrsten Sinne des Wortes auf deren Rücken, wie das Beispiel des gebeutelten Greises zeigt. So gibt es eine Sequenz, in der Chaplin dem Alten eine viel zu schwere Kiste aufnötigt, genüßlich dabei zusieht, wie dieser unter der Last zusammenbricht und sich dann noch oben auf die Kiste setzt, um seinen miesen Triumph weidlich auszukosten. Zusätzlich traktiert er das Gesicht des Senioren mit derben Tritten. Die widerwärtige Konsequenz ist die völlige Demütigung des Menschen zum Lustgewinn des kindlich aggressiven Sadisten, dessen infantile Allmachtsfantasien ein zynisches Zerrbild der Realität anbieten. THE PROPERTY MAN ist ein ekelerregendes Schauspiel von mieser Gesinnung, das Gewalt als Problemlösung aufdrängt und in seiner aus allen anderen Lebensbezügen herausgelösten Fixierung auf dumpfe Instinkte gerade auf die heranreifende Jugend zutiefst verrohend und sozialethisch desorientierend wirken kann. Ich fordere daher eine sofortige Beschlagnahme dieser Abscheulichkeit!

Bearbeitet von Cjamango, 10. Dezember 2008, 13:50.

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Geschrieben 12. Dezember 2008, 14:21

Kid Auto Races At Venice (DVD)

Einer der ersten Filme, die Charles Chaplin für Mack Sennett machte. Aus heutiger Sicht enorm faszinierend zu betrachten, zumal man Chaplin ja meistens mit seinem später zunehmend sentimental konnotierten Tramp-Charakter verbindet. Als Kind hatte ich – als eingeschworener Laurel-und-Hardy-Fan – gegen Chaplin eine ähnlich intuitive Abneigung wie gegen Micky Maus. Letztere ist mir, im Gegensatz zu den freundlichen Enten, als unangenehm altklug erschienen und als aufgeblasener Erfolgsmensch – ein kleiner Klugscheißer, mit anderen Worten. Das empfinde ich noch immer so. Anders verhält sich das mit Chaplin: Bei den jüngst erfolgten Sichtungen fast des Gesamtwerkes des Herrn C. durfte ich feststellen, daß die meisten Filme intelligent, ungemein gekonnt und tatsächlich ziemlich komisch sind. Zudem sind die Wurzeln des Tramp-Charakters ausgesprochen interessant, da Chaplin in seinen frühen Sachen meistens ein versoffenes, asoziales Wrack von Mensch spielt, der seinen Mitmenschen mit viel kindlicher Aggression nur Böses wünscht und tut. Er wirkt dabei wie ein befreiender Kastenteufel, der sich gegen verstaubte Konventionen wehrt und der Vorstellung vom Menschen als der „Krone der Schöpfung“ zuleibe rückt. Dabei tritt er halt eben auch Frauen, Kinder und Krüppel, aber das liegt halt in seiner Natur. Ziemlich brutal, übrigens, diese frühen Chaplinaden. Das würde man heutzutage anders lösen.

KID AUTO RACES AT VENICE ist ein hübsches Beispiel für die Arbeitsweise von Sennetts „Keystone Company“: Wann immer ein Häuserbrand oder ein anderes Großereignis anstand, packte man schnell die Kameras und Schauspieler ein und improvisierte Spaßiges vor Ort, somit Produktionswerte vortäuschend, die die Filme nicht besaßen. In diesem Fall geht es um ein Autorennen für Kinder (so 'ne Art Seifenkistenrennen), das als pittoresker Hintergrund herhalten muß. Eine Handlung gibt es nicht, nur eine Situation: Chaplin (bereits in seinem Tramp-Kostüm, aber extrem verlottert wirkend) ist ein aufgeblasener Hajupei, der immer versucht, sich vor die Kameras der anwesenden Sennett-Leute zu schieben. Das ist wirklich alles, was in dem Film zu sehen ist. Mit immer neuen Tricks versucht er, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Das hat in seiner Reduziertheit und Pointenlosigkeit etwas von Helge Schneider. Toll daran ist, daß Chaplin so komplett unsympathisch rüberkommt. Er ist einfach nur ein arroganter Hanswurst, der grimmig schaut und offensichtlich nichts Spektakuläres an sich hat – er will nur „groß rauskommen“. Dafür kassiert er einige Arschtritte, versucht es aber immer wieder. Natürlich versaut er den Kameramännern des Sennett-Teams alle Aufnahmen, wird aber auch übel vermöbelt. Der Film dauert leider nur 8 Minuten (oder so), aber das hätte ich mir stundenlang ansehen können – großartig! Chaplin muß ich echt Abbitte leisten...

Bearbeitet von Cjamango, 12. Dezember 2008, 14:22.

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Geschrieben 28. Dezember 2008, 14:23

Die Seuche (DVD)

THE PLAGUE (auch hochstaplerisch als CLIVE BARKER'S THE PLAGUE angepriesen, obwohl Clive hier lediglich produziert und mit der Story gar nichts zu schaffen hatte) geht von einer ungewöhnlich guten Prämisse aus: Überall auf der Welt fallen die Kinder unter einem gewissen Alter simultan in ein Koma, das nur dann & wann von Schüttelkrämpfen unterbrochen wird. Da nur wenige Junioren aus unbekannten Gründen dieser Erscheinung entkommen sind, muß man sich um den Fortbestand der Menschheit ernsthafte Sorgen machen. Dies umso mehr, als die Komapatienten nach zehn Jahren aus dem Koma erwachen und deutliche Anzeichen ungehemmter Aggression an den Tag legen. Eine kleine Gruppe von Erwachsenen setzt sich gegen die juvenilen Unholde zur Wehr...

VILLAGE bzw. vor allem CHILDREN OF THE DAMNED fallen einem da ein. Auch der spanische TÖDLICHE STRAHLEN AUS DEM WELTALL kommt in den Sinn. THE PLAGUE entwickelt die Story durchaus akzeptabel im Stile eines modernen Zombiefilmes „mit was extra“, wobei auf Blutstürze weitgegend verzichtet wurde. (Der Film war ursprünglich für das Fernsehen gedacht.) Die Charakterisierungen liegen eindeutig über dem Durchschnitt: Bei dem Helden etwa handelt es sich um einen ehemaligen Knacki, der einen folgenschweren Fehler begangen und jetzt mit den Folgen seiner Schuld zu kämpfen hat. Die Dialoge sind einigermaßen ernstnehmbar, wie auch der ganze Film durch wohltuenden Verzicht auf Flapsigkeit auffällt. Die Darsteller sind okay, die Inszenierung simpel, aber effektiv, die Story spannend entwickelt. Als irregleitet erweist sich einmal mehr das Ende, das zwar gut gemeint ist und dem Zuschauer einiges an Nachdenken abverlangt, aber man fragt sich wirklich, wie viele Zuschauer in der Lage sind, Parallelen zwischen einem Böse-Kinder-Schocker und John Steinbecks „Früchte des Zorns“ herzuleiten. Ich kann niemandem böse sein, der es vorgezogen hätte, wenn die ganze Brut von der Army weggeballert worden wäre. Es kommt jedoch anders, und zwar so unterannonciert, daß es so manchen in der Luft hängenlassen wird. (Tip: Es ist nicht ganz unbedeutend, daß die Kinder alles simultan lernen. Wenn also eines etwas lernt, dann wissen es alle. Bettina meinte nur, so etwas würde sie sich für ihre Schulklassen wünschen...) Ich halte die Bewertung in der IMDb trotzdem für zu niedrig. Gemessen an dem Gullyglibber, den ich in letzter Zeit zu sehen bekommen habe, fand ich THE PLAGUE zumindest sehr erfreulich und unterhaltsam. Seine Ambitionen in letzter Minute grenzen an Größenwahn und riechen auch etwas nach religiösem Kitsch, aber damit konnte zumindest ich gut leben.
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