Am BAADER-MEINHOF-KOMPLEX habe ich mich bisher vorbeigemogelt, da ich nach dem ONTERGANG Finsteres erwartete. In meiner Generation gibt es bemerkenswert viele Leute, die dem Phänomen RAF mit einer gewissen Sympathie gegenüberstehen – zu Studentenzeiten noch unverhohlen, jetzt – mit einem gutbürgerlichen Job und Familienpuschen im Handgepäck – eher verklausuliert und abwägend. Das führt zu so manchem belustigendem Widerspruch, da man versuchen möchte, Unvereinbares (Herz und Hirn?) miteinander zu versöhnen. Für mich war das niemals ein Problem, da ich der RAF gegenüber schon immer uneingeschränkte Abneigung empfand. Ebenso, wie bei mir jedesmal Untertitel mitlaufen, wenn ich einen Politiker im Fernsehen lügen sehe, empfinde ich solche Hanswursten als sogar noch widerwärtiger als Nazis und Nazis im Geiste, da jene ihre niederen Absichten wenigstens nicht mit einem Heiligenschein umkränzen und keine grundsätzlich unterstützenswerte Anliegen diskreditieren. Vielleicht liegt es aber auch daran, daß zu meiner Studentenzeit nur noch ein anachronistischer Nachklapp namens „Marxistische Gruppe“ herumgurkte, der dann irgendwann stumm entschlief. Die Lücke, die sie hinterließ, ersetzte sie vollkommen. Ich erwartete also Arges und machte mich darauf gefaßt, die ganze Zeit über die Stirn zu runzeln und „Ich zünde meine Nase an und nenn´ es Widerstand...“ zu singen.
So kam es aber nicht. Nicht ganz. Tatsächlich fand ich den Film sogar recht interessant, wenngleich zumindest zwiespältig. Beginnen wir mal mit der "Ästhetik des Widerstands“. Am Anfang von BMK steht der Schah-Besuch und die Geschichte mit Ohnesorg und Kurras. Uli Edel verwendet ein am gegenwärtigen Hollywood-Kino orientiertes Actionformat, das ein wenig an EIN MANN SIEHT ROT erinnert, nur mit knüppelnden Bullen anstelle von asozialen ethnischen Randgruppen mit Vergewaltigungswunsch. Das wirkt fast wie ein leidenschaftlicher Aufruf zur Gegengewalt. Dieser Ästhetik bleibt der Film auch im weiteren Verlauf treu, somit den Heldenmythos RAF solide unterfütternd mit aufpeitschenden Spannungsszenen, in denen man Baader, Ensslin und Konsorten fast schon die Daumen drückt. („Vorsicht, Kasper, das Krokodil bzw. die Mehlmützen!“) Die „behind the scenes“-Footage der RAF fällt allerdings schon bedeutend ernüchternder aus, da sich die zu Anfang noch idealistischen Widerständler mehr und mehr in einem aufgesetzt wirkenden, gläubischen Politphrasen-Kauderwelsch verstricken, der deutlich im Widerspruch steht zu ihren gruppendynamischen Schwierigkeiten. Der innere RAF-Kader wird als eine hochgradig patriarchalisch strukturierte Hackordnung dargestellt, wie sie auch meinen eigenen Erfahrungen im Zusammenhang mit sich selbst als unabhängig und rebellisch empfindenden Gruppierungen entspricht. Baader dröhnt andauernd „Fotze“ durch die Gegend, die Mädels stören sich nicht daran, und man darf dann seine eigenen Schlußfolgerungen ziehen. Besonders gefallen hat mir der Ausflug ins PLO-Ausbildungslager, wo Baader und Konsorten sich aufführen wie ein Kindergarten und sich glücklich schätzen dürfen, von den Islamisten nicht einfach umgelegt zu werden. (Gudrun E.: „Fucking and shooting are the same!“)
BMK serviert einen großzügig budgetierten und brillant inszenierten Reigen an Klischees, deren Holzschnittartigkeit durchaus dem revolutionären Impetus der dargestellten Herr- und Damschaften entspricht. Die Staatsmacht (Polizisten, Politiker, Bürgerschweine) werden weitgehend als Steigbügelhalter des herrschenden Systems dargestellt, ohne sie weiter zu vertiefen. In gewisser Weise ist BMK also der Film zum Mythos, der sich aber selbst entblättert und zur „self-fulfilling prophecy“ wird. Ob einem die Herangehensweise von Edels/Eichingers Film schmeckt, ist sicherlich Ansichtssache, aber ich finde sie faszinierend, zumal sie es dem Zuschauer recht leicht macht, sich diffamiert vorzukommen, egal welchem Lager man auch angehört. Vergleicht man BMK mit Christopher Roths ziemlich gutem BAADER, so fällt auf, daß Edels Film sich eher mit dem Mythos als mit den Menschen und ihren Motivationen auseinandersetzt. Roth spendiert Baader ja den kitschigen Heldentod, den sich dieser in seinen Macho-Fantasien gewünscht haben mag. (Wo bleibt eine Hollywood-RAF-Bearbeitung mit Billy Zane als Baader? Oder gleich Chuck Norris?) Edel präsentiert den „Befreiungskampf“ als ungemein hübsch anzusehenden und exzellent ausgestatteten Reißer, als Gefühlskino sozusagen, das den Widerstandskitsch von einst mit den Mitteln der gegenwärtigen Ästhetik darstellt – des Kaisers neue Kleider. Damit zeigt er die Wohlfeilheit von politischer Ästhetik ebenso auf wie die Analogie von alter und neuer Heldenverehrung, welche immer dort ihre Löcher aufweist, wo sie mit menschlichen Wesen zu tun hat. Dieses Bekenntnis zum publikumswirksamen Spektakel führt leider auch dazu, daß neben (beträchtlicher) Spannung auch eine Menge Tönjes produziert wird. Stellvertretend dafür erwähne ich mal die Sache mit dem Hungerstreik: Holger Meins wird zu Jesus, bekommt eine letzte Zigarette, die Polizisten grinsen nur schmallippig und höhnisch, der Anwalt weint – weia. BMK ist manipulatives Kino der Meisterklasse, dem man – trotz der öffentlichen Kontroverse – nicht wirklich vorwerfen kann, den Standpunkt der Terroristen einzunehmen, auch wenn er damit kokettiert. Er nimmt eigentlich gar keinen Standpunkt ein, sondern dokumentiert die damalige Zeit. Und als Zeitdokument kann man ihn aufgrund seines hohen Schangelfaktors nicht wirklich ernstnehmen. So bleibt denn allenfalls die Sekundärtugend der Unterhaltsamkeit. Für Kino reicht das, aber dem Thema angemessen ist es nicht wirklich.
Wie schreit Baader so schön: „Stadtguerilla operiert in dem Riß zwischen Staat und Masse!“ Den Riß gibt es sicherlich auch heute noch, aber der Film kippt Zuckerguß hinein. Wie bereits erwähnt: Zwiespältig.
Bearbeitet von Cjamango, 05. März 2009, 16:15.
















