Ich habe dir niemals einen Hasenbraten versprochen
#551
Geschrieben 07. Juni 2008, 13:42
Ein Tag in einem New Yorker Polizeirevier.
Klassiker des amerikanischen „cop movie“, der den Alltag der Beamten als nicht abreißen wollende Folge von moralischen Entscheidungen schildert, die sie nicht zuletzt mit ihren privaten Verhexungen konfrontiert. Im Mittelpunkt steht dabei die Geschichte des moralstrengen Detective McLeod (Kirk Douglas), den eine miese Kindheit zur Polizei geführt hat. Sein Haß auf den Vater hat dazu geführt, daß er an sich selbst wie an seine Mitmenschen hohe Anforderungen stellt. Dabei schießt er des öfteren über das Ziel hinaus, was auch seine Beziehung zu einer sehr netten Frau beeinträchtigt. Sein Geschick steht dabei stellvertretend für die Arbeit von Männern, die „das Gute“ repräsentieren, selber jedoch mit dem Wust an Gewalt und kaputten Menschen, dem sie ständig ausgesetzt sind, fertig werden müssen. Daran zerbrechen manche – eine psychologische Tendenz, die von Hollywood vor allem in den 70er Jahren weiter ausgeführt wurde. POLIZEIREVIER 21 basiert auf einem Theaterstück, und gerade die minutiöse Schilderung der Ereignisse und das dadurch erzeugte Dabeisein-Gefühl führt den Zuschauer an die eigentlich hermetisch abgeriegelten Charaktere heran, die sich selbst in Regeln ergeben haben, die eigentlich nur die Komplementärregeln zu denen der Verbrecher darstellen. Kirk Douglas ist brillant in der Rolle des nach außen hin diamantharten, nach innen aber langsam kollabierenden Gesetzeshüters, der nicht aus seiner Haut kann, da ihm letztendlich der Schneid fehlt. Die anderen Polizisten werden von vertrauten Gesichtern wie William Bendix oder Horace McMahon gegeben, die nicht ohne Grund sehr häufig als Cops besetzt wurden. Lee Grant hat einen sehr schönen frühen Auftritt als Kleptomanin, deren Diebstahl einer 6 Dollar teuren Handtasche gegen die anderen Kriminalfälle ziemlich abstinkt. Craig Hill (der später Italowestern drehen sollte) taucht auf als Jungspund, der aus Liebe eine Unterschlagung getätigt hat. Joseph Wiseman (Dr. No!) hat einen glänzenden Auftritt als italienischer Kleinganove mit Hang zur theaterreifen Grandezza. Veteran William Wyler gehört zu jenen klassischen Hollywoodregisseuren, die sich niemals auf ein Genre festgelegt haben und allen Sätteln gerecht wurden. Erstklassige Arbeit, spannendes Kino. Weit entfernt von euphemistischer „Helft eurer Polizei“-Werbung, wie sie etwa die TV-Serie „Dragnet“ darstellte.
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#552
Geschrieben 10. Juni 2008, 15:55
Meine Vorliebe für amerikanische Low-Budget-Horrorfilme aus den 70er Jahren ist ja kein Geheimnis. In den Zeiten meiner cineastischen Bewußtwerdung war es zudem mehr Glückssache, welchen Filmen man mal über den Weg laufen würde. Die meisten Autokino-Exploiter liefen kurz in den Schrabbelmühlen und verschwanden dann auf Video oder wurden fortan nie mehr gesehen. Matt Cimbers THE WITCH WHO CAME FROM THE SEA (1976) ist solch ein obskures Teil, das seit seiner Auswertung in den frühen Tagen der Videotheken praktisch verschollen war und jetzt auf DVD wiederveröffentlicht wurde.
Matt Cimber war bekanntlich der letzte Ehemann von Jayne Mansfield. Außerdem schuf er einige Exploiter, von denen manche eher dem Sex, andere der Action zuneigten. Am populärsten war sicherlich sein Noir-Heuler mit Pia Zadora und Orson Welles (!), BUTTERFLY. THE WITCH fällt aus seinem Schaffen etwas heraus, zumal er sensationalistische Zutaten mit einer ernsthaften Psychopathologiestudie mixt und dabei sogar recht erfolgreich abschneidet. Hauptfigur ist eine gewisse Molly (Millie Perkins), die zusammen mit ihrer rundlichen Schwester und deren zwei mißratenen Bälgern an der kalifornischen Westküste lebt. Das Familienidyll ist aber ein trügerisches: Molly hat finstere Visionen, in denen sie Bodybuildern als Femme Fatale erscheint und ihnen die Hoden abschneidet. Als besonders unangenehm erweist es sich, daß besagte Mordtaten sich auch in Wirklichkeit zuzutragen scheinen. Wer daraus messerscharf folgert, daß Molly schwer einen an der Waffel hat, liegt nicht falsch – ein fürchterliches Kindheitstrauma hat sie in den Krallen, und von diesen Krallen tropft Blut...
Cimbers Film basiert auf einem Drehbuch von Frau Perkins´ Ehegatten Robert Thom, und es ist ein gutes Drehbuch, das jenseits der grausigen Ereignisse Verständnis für den aus den Fugen geratenen Verstand der Protagonistin erzeugt. Mitverantwortlich für den Erfolg ist die gute Leistung von Frau Perkins, die 17 Jahre vorher Anne Frank in George Stevens´ berühmter Verfilmung von DAS TAGEBUCH DER ANNE FRANK gewesen war. Sie traut sich hier einiges: Als sie in einer Szene barbusig einen graumelierten Schmierlappen bezirzt und er forsch seine Hose öffnet, um orale Gratifikation zu erlangen, beißt sie ihm volle Kajüte in den Schritt und bricht ihm dann einen Finger! Die Kastrationsfixierung, von der Molly getrieben wird, findet ihre Entsprechung in dem Andersen-Märchen von der Meerjungfrau, die sie sich von einem besonders skurrilen Tätowierer namens Jack Dracula auf den Bauch malen läßt. Auch hat sie farblich verfremdete Visionen von einem Floß mit lauter halbierten Männern drauf. Freud komm´ raus, du bist umzingelt – symbolisiert wird nach Leibeskräften. Da hat Käpt'n Iglo gut lachen. Die DVD enthält eine etwa 35-minütige Featurette, auf der sich Cimber, Frau Perkins und der später zu Ruhm und Oscarnominierungen gekommene Kameramann Dean Cundey über die Produktion auslassen. Der Schluß schafft es sogar, den Geschehnissen einen tragischen Anstrich zu verpassen, doch bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich schon in den Film verliebt. Sehr eigentümlich, sehr lohnend. Ein niedriges Budget war doch manchmal das Beste, was den Leuten passieren konnte. La paloma, oh weh...
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#553
Geschrieben 10. Juni 2008, 23:19
Eine wirkliche Kuriosität aus dem Jahre 1964, im Vertrieb der Paramount, und trotzdem ein Sleazebrett von einigen Gnaden. Uffa!
Also los: Olivia de Havilland (noch ein Jahr entfernt von WIEGENLIED FÜR EINE LEICHE) spielt die reiche Dichterin Cornelia Hilyard, die zusammen mit ihrem Sohn in einem großen Anwesen wohnt. Da sie sich vor kurzem die Hüfte verletzt hat, ist sie auf seine Hilfe und einen Behindertenaufzug angewiesen, der wie ein improvisierter Fahrstuhl aussieht. Eines Tages muß der Sohnemann verreisen. Ein Unfall führt zu einem Stromausfall, der Cornelia zum Gefangenen ihres eigenen Fahrstuhls macht. Hilflos baumelt sie im Foyer ihres Anwesens. Der einzige, der ihre verzweifelten Hilferufe hört, ist ein geisteskranker Wermutbruder, den alle nur „Repent“ („Tuet Buße!“) nennen, da er das immer schreit. „Repent“ denkt gar nicht daran, die alte Mamsell zu befreien, sondern will die Weinvorräte ausräumen. Er alarmiert zur Verstärkung die alternde Lebedame Sade (Ann Sothern), die auch gleich mit dem Ausräumen beginnt. Dumm nur, daß auch einige unangepaßte Jugendliche davon Wind bekommen haben – ein Muskelmann, ein debil grinsender Schwachkopf und eine Schlampe. Und da man sich keine Zeugen leisten kann, setzt es bald Mord und Totschlag...
Holla, was ist hier denn passiert? Daß LADY IN A CAGE nicht nach Deutschland gekommen ist, wundert mich kaum, denn er ist merkwürdig, merkwürdig, merkwürdig. Der erste Teil des sehr stark an ein Theaterstück erinnernden Filmes ist sehr überzogen, fast schon ausgelassen. Ich gehe mal davon aus, daß die schwarzkomödiantischen Akzente so geplant gewesen sind, denn ansonsten würden fast alle Schauspieler maßlos überchargieren, inklusive der Frau de Havilland. Der bizarre Eindruck des Filmes wird verstärkt von einigen – allerdings unklugen – Prätentionen: Der gestelzte Dialog macht sich einige Gedanken über den Niedergang der menschlichen Rasse. Als absoluten Tiefpunkt in dieser lebensanschaulichen Hinsicht darf man wohl die Gruppe rund um Muskelmann James Caan annehmen, der hier seinen ersten größeren Filmauftritt und noch viele Haare hatte. Die Jugendbande wirkt wie eine Vorskizze zu UHRWERK ORANGE: Als Alptraum einer verspießten älteren Generation wirbeln sie durch das Anwesen und treiben fröhlich Unfug, die anderen Gäste dabei malträtierend wie sadistische Kinder. Aus dem Spiel wird dann aber auf einmal Ernst, und was der Film in den letzten 20 Minuten anstellt, erinnert in seiner Drastik fast an das Finale von MANDINGO – ein regelrechter „cookout“, bei dem z.B. einem Charakter die Augen ausgestochen werden, was von den anderen mit höhnischem Gelächter quittiert wird, Frau de Havilland wird u.a. mitten ins Gesicht getreten. Da übrigens auch die Figur der Dichterin und Mutter schließlich voll und ganz diskreditiert wird, dürfte der obwaltende Nihilismus mit Sicherheit eine harte Packung für das zeitgenössische Publikum dargestellt haben. Abgerundet wird das Ganze von einem sehr verspielten, schrägen, bisweilen atonalen Soundtrack. Unglaublich...
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#554
Geschrieben 20. Juni 2008, 13:16
Passend zur Beschlagnahme von HOSTEL 2 ein bezauberndes kleines Filmchen über eine junge Frau, die mitsamt ihrer Tochter von einem geheimnisvollen Mann verschleppt wird und von ihm über einen Zeitraum von etwa 2 Monaten in einem Wald gefangengehalten wird. Damit es nicht langweilig wird, foltert er sie zwischendurch ein bißchen. Wird es ihr gelingen, dem trüben Gesellen zu entfliehen?
Who cares? Ein neues Meierwerk aus dem Wirkungsbereich des britischen Pärchens Adam Mason und Nadja Brand, die seit etwa 10 Jahren die Welt mit ihren Schelmereien beglücken. Gesehen habe ich bislang nur den grenzdebilen DUST, eine Art Mischung aus Backwoods- und Zombiefilm, der es schaffte, in einem eigentlich anspruchslosen Sujet auf die Nase zu fallen. Bei BROKEN liegt der Fall etwas anders, denn er versucht sich als minutiös erzählte Geschichte eines Martyriums, und da hängt das Gelingen der Übung schon sehr davon ab, ob die Charaktere nachvollziehbar gestaltet sind und als Identifikationsfiguren taugen. Der Film greift in seiner Besinnungslosigkeit sehr hoch und liefert gleich zu Beginn ein Zitat, das den Film mit einer S&M-Thematik ausstattet. Außerdem wird man mit der Information versorgt, daß die Story auf realen Begebenheiten basiere. Der Anfang ist extrem widerwärtig: Eine Frau ist an einen Baum gefesselt, Schlinge um den Hals, Füße auf einem wackeligen Haufen aus mehreren Holzblöcken. Sie reißt sich eine notdürftig vernähte Öffnung in ihrer Bauchdecke auf, um ein dort deponiertes Rasiermesser hervorzukramen. Sie schafft es irgendwie, die Schlinge durchzuschneiden, purzelt zu Boden, ein Sammelsurium von Eingeweiden auf den Waldboden ergießend. Betrachter meint: Würg. Kommt die nächste Frau dazu, gespielt von Frau Brand, und was soll ich sagen: Ihr passiert genau dasselbe. Anders als die erste Frau hält sie aber durch und verdient sich damit eine langanhaltende Gefangenschaft. Irgendwann kommt noch eine andere Frau dazu, die sehr viel schreit. Der Killer ist wortkarg und hat ein Outfit, das ihn als „Fields of the Nephilim“-Fan ausweist. Ein wenig hat er auch von Robert Englund. Man erfährt nichts über ihn, aber er scheint ein Problem mit Frauen zu haben. Gleichzeitig scheint er von Todessehnsucht getrieben zu sein. Entweder das, oder er ist reichlich doof. Frau Brand hat jede Menge Gelegenheiten, den Abflug zu machen, verbockt aber eine um die andere. Und da haben wir auch schon das Problem des Filmes: Es kümmert einen eigentlich herzlich wenig, ob sie entkommt oder nicht. Schauspielerisch hat Frau Brand nicht gerade den Zwieback erfunden, nicht mal den Einback, und was sie da an Überlebensstrategien auffährt, entspricht in etwa dem Auftreten der deutschen Nationalmannschaft beim Spiel Deutschland gegen Kroatien. Es gelingt dem Film nicht, die Vorgänge interessant zu gestalten. Damit man nicht einschläft, werden diverse Gorebauern-Einsprengsel dargereicht: Einer Frau wird das Bein entzweigetreten, einer anderen die Zunge herausgerissen. Das ist alles herzlich sinnlos und sieht eher desinteressiert aus. Desinteressiert an den Figuren, desinteressiert an Zuschauern, denen an mehr gelegen ist als einer Parade von Unerquicklichkeiten. Man hätte aus dem Stoff in der Tat eine interessante S&M-Geschichte machen können über die gegenseitige Abhängigkeit von Täter und Opfer, aber was herauskommt, ist Schlonz. Keine Ahnung, was manchen Kritiker dazu bewogen hat, dem Film eine feministische Tendenz zu unterstellen. Ich sehe da eher eine unappetitliche Tendenz in die entgegengesetzte Richtung. Das Ende ist dann ein endgültiger Tritt in den Arsch. Da ist mir jeder Film von Andi Schnaas lieber als dieser sich selbst zu wichtig nehmende Unfug. Ein unsympathisches Gestümpere, langweilend und ärgerlich. Das einzig Schockierende an BROKEN war der Abspann, der ein großartiges Stück von Nick Cave parat hält, das noch aus „Birthday Party“-Zeiten stammt und hier völlig deplaziert ist.
P.S.: Der als BROKEN 2 herausgekommene Film hat mit BROKEN nichts zu tun und ist irgendeine Ami-Produktion namens THE CELLAR DOOR.
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#555
Geschrieben 23. Juni 2008, 09:59
Damit ich nicht komplett verpöbele, habe ich mit einer privaten Bergman-Retrospektive angefangen, die mich jetzt schon seit einigen Tagen durch den frühen Bergman führt. („Das ist die Niere, das ist die Milz, und, hallo, wenn das nicht unser alter Freund, der Zwölffingerdarm, ist!“)
ABEND DER GAUKLER hat einen Titel, der den traditionellen Rambo-Fan eher nicht ansprechen wird. Wovon handelt denn der Film? Ein Wanderzirkus, Clowns, Manege... Oh, toll, ich hasse Zirkus! Hereinspaziert!!!
„Cirkus Alberti“ ist nicht zu vergleichen mit Roncalli, Krone oder ähnlichen Panoptiken des Grauens. Nur ein paar abgerissene Gestalten, die durch verregnete und landschaftlich wie herzensmäßig verödete Regionen Schwedens ziehen, um die Leute zum Lachen zu bringen und ihrem tristen Alltag ein paar Glücksmomente abzutrotzen. Die finanziellen Probleme, die die Artisten schieben, sind noch ihre geringsten. Der Anfang präsentiert eine Episode, die Frost, dem offiziellen Clown des Ensembles, widerfahren ist: Als nämlich seine nicht mehr ganz taufrische Gattin (der Erzähler meint: „Ihr Wonnemonat war schon vorbei!“) vor einer Kompanie von Soldaten auftaucht und anfängt, sich nackt auszuziehen, kommt er hinzu und muß mitansehen, wie sein Augapfel sich vor den gröhlenden Totmachern zum Spektakel macht. Natürlich hat er seine Weißclown-Maskerade an, und das daraus resultierende Schauspiel ist dermaßen demütigend und erbärmlich, daß selbst die Soldaten zu lachen aufhören und sich schämen. In einer griechischen Tragödie würde solcherlei Geschehen zum Freitod oder wenigstens zu einem Amoklauf führen, aber in Bergmans Welt ist das gerade mal der Auftakt – das Leben geht weiter, die Figuren schlucken ihren Horror hinunter und vollziehen ihre Sterblichkeit. Der Chef des Ensembles ist der dicke Albert, ein versoffener Lebemann, der seine Frau und seinen Sohn seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat. An seiner Seite hat er die hübsche Anne (Harriet Andersson, aus DIE ZEIT MIT MONIKA), die er irgendwann mal aufgelesen hat. Daß der Zirkus kein Platz ist für solch ein Geschöpf, weiß er selber, und ihm schwant, daß die junge Frau ihn früher oder später verlassen wird. Der Zeitpunkt scheint gekommen, als sie eine städtische Theatertruppe um Kostüme anschnorren und ein gutaussehender Kleindarsteller um die Gunst der Holden buhlt...
Während viele der früheren Bergmänner geprägt waren von einem leichten, häufig aber auch recht korrosiven und pessimistischen Humor, stellt ABEND DER GAUKLER ein Melodram dar, mit starken Tendenzen zur Tragödie. Die Zirkusvagabunden sind Menschen ohne eine Heimat, die nicht aus Berufung ihrem Geschäft nachgehen, sondern weil sie das Leben an den Rand gespült hat. Im Grunde genommen hätten sie alle gern eine bürgerliche Existenz, doch sie haben nur Niederlagen erlitten und glauben nicht mehr daran, daß sie zu einem herkömmlichen Glück fähig sind. Stattdessen ziehen sie Tag um Tag dieselben Routinen ab und spielen den Leuten ein Glück und einen Zauber vor, die für sie selbst in weite Ferne gerückt sind. Die Artisten sind zwar ehrenhaft und gute Menschen, aber auch unsagbar bemitleidenswert, Lebenslängliche mit Schminke im Gesicht. Bei einer Begegnung mit Theaterdirektor Gunnar Björnstrand macht sich dieser schnöselig über sie lustig: „Ihr setzt euer Leben ein, wir nur unsere Eitelkeit. Warum also sollten wir nicht über euch lachen?“ Sie werden verachtet, und sie verachten sich selber. Die Eifersuchtsposse, die zum Fallstrick für den alten Albert wird, ist in ihrer Banalität nur ein Zerrbild des „Glückes“, das ihnen in Form der normalen Bürgerlichkeit versagt bleibt. Während die Theaterleute wenigstens ihren Esprit und ihren Hochmut auffahren können, um sich über den Pöbel zu erheben, bleibt den Zirzensern nur der Alkohol und das kleine Glück im Schoß. Gott, bin ich deprimiert! Ist aber tatsächlich ein ausgesprochen exzellenter Film. Statt der bösen Hinterlistigkeit von DIE ZEIT MIT MONIKA, der nach einer flockigen Aussteiger-Fantasie das Auftrumpfen auf dem Boden der bürgerlichen Realität schildert als unausweichliche Folge des jugendlichen Hochmuts, spielt ABEND DER GAUKLER mit offenen Karten und führt den Zuschauer in den tiefsten Schacht, in dem der Bergman mit den anderen Kohlenkumpeln Karten drischt. Das ist schwerlich partykompatibel, aber menschlich sehr anrührend. Von frühen Meisterwerken wie DAS SIEBENTE SIEGEL und WILDE ERBEEREN war der Regisseur noch ein paar Jahre entfernt, aber wem der seichte Eskapismus Hollywoods auf die Nerven geht, kann sich mal mit dem schwedischen Filmemacher befassen. Da wohnt Wahrheit drin.
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#556
Geschrieben 23. Juni 2008, 21:15
Detective Eddie Argo (Stellan Skarsgard), ein hartgesottener New Yorker Polizist, hat sich mit einer merkwürdigen Kette von Morden auseinanderzusetzen: Mitglieder einer Straßengang treten vor ihren Schöpfer. Manche von ihnen wurden das Opfer von Stromschlägen, andere grausig verunstaltet. Bei seinen Ermittlungen soll ihn eine junge Kollegin unterstützen, der hübsche Newbie Helen Westcott. Die Spuren führen zu einer Bluttat, die vor mehreren Jahren das Leben von zwei Frauen zerstört hat. Doch wie nah ihm dieser Fall noch gehen soll, ahnt Eddie Argo nicht...
WAZ handelt nicht von der gleichnamigen Tageszeitung aus dem Ruhrgebiet. Tatsächlich lautet der Titel korrekt auch „W-Delta-Z“ und bezeichnet den Anfang einer Formel, die sich mit möglichen altruistischen Tendenzen in der Tierwelt auseinandersetzt und manchen der Opfer in die Haut geritzt ist. Der Film profitiert von einer beeindruckenden Grimmigkeit, die der britische Regisseur Tom Shankland in die Vorgänge einflicht. New York City wird in seiner Vision zu einer Abfolge deprimierender Schauplätze, in der sich komplett derangierte Kreaturen herumtreiben und alles tun, um irgendwie am Leben zu bleiben. Die Cops sind arme Hunde, die den ganzen Haufen unter Kontrolle halten müssen und dabei menschlich selbst eigenartige Wege gehen. Stellan Skarsgard ist wie üblich ziemlich gut und wird hier unterstützt von Melissa George. Frau George hat ein wenig die falbe Schönheit von Gwyneth Paltrow, spielt allerdings besser und ist nicht die einzige Parallele zu David Finchers SEVEN. Natürlich wäre ein qualitativer Vergleich der beiden Filme unfair und würde stark zu Lasten von WAZ ausfallen, aber erwartet habe ich nur sehr wenig und fand ihn dann doch ungewöhnlich spannend. Man wird relativ schnell mit der Identität des Mörders konfrontiert, aber die Story hält hinreichend Wendungen parat, am Schluß sogar einen Doppelwhopper mit Käse, über den man sich unter anderen Umständen vielleicht hätte amüsieren können, aber der Film wird so düster, daß unfreiwillige Komik heuer ausfällt. Tatsächlich möchte ich dem Film eine Gesundheitswarnung voranstellen, denn die Grausamkeit des Finales ist in der Tat schockierend. Da die Geschichte aber von Gewalt und präzise von Verwundungen handelt, fand ich das durchaus angemessen. Man sei nur vorgewarnt – das ist nichts für einen romantischen Abend zu zweit. In der IMDb wimmelt es von Vergleichen mit den sogenannten „torture porns“ der HOSTEL- und SAW-Liga, aber der Vergleich hinkt gewaltig, genau wie die meisten der Protagonisten am Schluß. Ein wenig fröhlich stimmender Film, aber nicht schlecht gemacht, ganz und gar nicht.
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#557
Geschrieben 27. Juni 2008, 12:19
Ein Dokumentarfilm für Hartgesottene.
DEFA-Filmemacher unterhalten sich mit Major Siegfried Müller, besser bekannt als „Kongo-Müller“, der in den sechziger Jahren durch seine Aktivitäten in südafrikanischen Staaten bekannt war wie ein bunter Hund. Dabei plaudert er launig vor sich hin, und da die Interviewer die Weitsicht besaßen, ein ausreichendes Sortiment an Alkoholika bereitzustellen, wird er zunehmend betrunkener. Das hemmt die Diktion, fördert aber die Ausbeute an Zitierfähigem.
Ob es integer ist, seinen Interviewpartner quasi vor laufender Kamera abzufüllen, sei mal dahingestellt. DER LACHENDE MANN war eine Auftragsarbeit für das Fernsehen der DDR, und bereits der Untertitel des 1966 gedrehten Filmes – „Bekenntnisse eines Mörders“ – stellt klar, daß den Regisseuren nicht an einer objektiven Darstellung der Person Müller gelegen war. Gelegentlich werden die Ausführungen des Söldners ("Sehen Sie, ich bin eigentlich gegen das Abschießen von Negern!") von propagandistischen Schnipseln unterbrochen, die die Auswogenheit des „Schwarzen Kanals“ besitzen und reichlich naßforsch daherkommen. So wird dem italienischen Filmemacher Jacopetti einfach mal so unterstellt, er habe an der Tötung eines Afrikaners aktiv teilgenommen. Auch die Information, Jacopetti hätte mehrfach wegen Verführung Minderjähriger im Gefängnis gesessen, wird von den Machern offenbar für sachdienlich erachtet. Was den Film aber auch heute noch faszinierend macht, ist die Gelegenheit, einem Monster beim Plaudern zuzuschauen. Müller offenbart sich als ein überaus fröhlicher Geselle, lacht fast ununterbrochen, geradezu enervierend, zeichnet sich selbst als einen Kämpfer für die Sache des Westens, für den die „dolle Negerjagd“ angeblich ein notwendiges Übel zur Erlangung höherer Ziele gewesen war. Was DER LACHENDE MANN trotz seiner polemischen Aufmachung leistet, ist die Illustration der Banalität des Bösen. Die schurkischen Hollywood-Nazis, die dämonischen Juden der NS-Filme, die genialen Verbrecher, die nach Weltherrschaft streben – alles das wird entlarvt als Nonsens. Die wirklichen Schlagetots führen ein ganz normales Leben, wenn sie nicht gerade Menschen abschlachten. Sie gehen nach Hause zu ihrer Familie, sie machen den Fernseher an und trinken ein gemütliches Feierabendbier. Sie sind die Leute, die man am Stammtisch sitzen sieht, wo sie johlend ihre Weltanschauung zum Besten geben. Sie sind selbstverständlich ganz tolerant, denn – Menschen sind wir schließlich alle. Sie wissen einen guten Witz zu schätzen und sind Gemütsmenschen, denen auch schon mal eine Träne aus dem Auge quillt, wenn es einen Kameraden erwischt hat.
Daß die Ausstrahlung von DER LACHENDE MANN in der BRD unterbunden wurde, liegt wohl kaum an der „Lassen wir ihn mal reden“-Herangehensweise von Heynowski und Scheumann, die ja auch Winfried Bonengel bei seinem BERUF NEONAZI viel Ärger eingehandelt hat, sondern an der knüppeldick aufgetragenen Anti-BRD-Polemik. Seiner Herangehensweise zum Trotz liefert der Film aber Wahrheit, die Wahrheit über die Mechanismen, die aus Menschen Monster machen. Das macht den Film auch aus heutiger Sicht sehenswert. Man braucht aber ein dickes Fell...
Bearbeitet von Cjamango, 27. Juni 2008, 12:20.
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#558
Geschrieben 28. Juni 2008, 09:58
Willem Dafoe spielt den Polizisten Stan Aubray, der vor Jahresfrist daran beteiligt war, daß ein berüchtigter Serienmörder gestoppt wurde. Besagter Mörder war ein echter Künstler und gab sich nicht mit herkömmlicher Schnetzelei zufrieden. Die Vergangenheit wird wieder sehr präsent, als ein Leichnam aufgefunden wird, der nach Art der mittelalterlichen „Camera Obscura“ sorgsam arrangiert worden ist – eich echtes Kunstwerk. Da der Mörder von einst den Löffel gereicht hat, vermutet man einen Trittbrettfahrer, der sein Idol imitiert. Aubray wird hinzugezogen als Experte. Sehr bald muß der gebeutelte Mann des Gesetzes aber feststellen, daß mit dem Fall einiges im Argen liegt, und das verbindet ihn direkt mit dem Killer...
Noch ein Film über Serienmörder, gähn... Na ja, ich habe ihm mal eine Chance gegeben, da Willem Dafoe mitspielt, und der ist ja zumindest schon mal ein Garant für gute Arbeit an der Schauspielerfront. ANAMORPH beginnt unspektakulär, hält das Interesse an den Vorgängen aber wach. Trotz offensichtlichen Schielens auf Klassiker wie SEVEN oder DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER entwickelt er seine eigene Qualität, und das liegt nicht zuletzt daran, daß der Dafoe-Charakter interessant und plausibel entwickelt wird. Hat man sich erst einmal von dem Schock erholt, daß Dafoe eine Frisur hat, die ihn ein wenig wie den Fußballlehrer Otto Rehhagel aussehen läßt, kann man sich an einer Vielzahl von kleinen Zwangsneurosen erfreuen, mit denen seine Figur auf unaufdringliche Weise ausgestattet wird. Aubrays Leben ist ein recht einsames, in dem die Serienmörder, mit denen er es zu tun bekommt, die Fixpunkte darstellen. Dafoe wird unterstützt von guten Nebendarstellern wie Peter Stormare und Clea DuVall. Und was den Killer angeht, so wird das Motiv vom Mörder als Künstler hier in der Tat auf die Spitze getrieben – was der sich für Mühe gibt, ist wirklich – im Fußballdeutsch gesprochen – aller Ehren wert. Man kann auch einiges über Kunstgeschichte lernen, etwa in bezug auf den Titel des Filmes, der sich auf eine mittelalterliche Maltechnik bezieht. Sehr kniffelig. Wer einen realistischen Thriller erwartet, wird möglicherweise enttäuscht werden. ANAMORPH orientiert sich in mancherlei Hinsicht am italienischen Giallo, und das betrifft auch die sehr artifizielle Storyline. Die Auflösung hat so manchen im Regen stehen lassen (Schlußeinstellung!), aber ich finde sie recht grandios. Es empfiehlt sich dafür, sich mit den Kunstwerken von Francis Bacon vertraut zu machen, hihi... Nö, ich fand den Film eigentlich ziemlich gut.
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#559
Geschrieben 28. Juni 2008, 09:59
Nachdem mir jetzt von unterschiedlicher Seite beschieden worden war, bei dem französischen INSIDE handele es sich um einen würdigen Nachfolger für den zwar nicht makellosen, aber wirklich mordsspannenden HIGH TENSION, erwies sich die eigentliche Sichtung als ernüchternd.
Worum geht's? Die junge Sarah (gespielt von Vanessa Paradis´ Schwester) muß mit einer Katastrophe umgehen: Ein Autounfall kostet ihrem Freund das Leben. Sie selbst erleidet schwere Verletzungen, doch dem Kind in ihrem Leibe scheint nichts passiert zu sein. Vier Monate später sind die körperlichen Wunden fast verheilt, und der kleine Schlumpf soll innerhalb der nächsten 24 Stunden schlüpfen. Einer letzten ruhigen Nacht vor dem Kindersegen steht allerdings eine schwarz gekleidete Frau (Beatrice Dalle) entgegen, die auf einmal in Sarahs Wohnung erscheint und viel über ihr Leben zu wissen scheint. Außerdem weiß sie viel über scharfe Messer, und so wird die Nacht zu einer der weniger erfreulichen Episoden im Leben der jungen Mutter...
INSIDE beginnt sogar recht gut und entwickelt die Figur der Protagonistin glaubhaft und nachvollziehbar. Sarah hat vom Unfall – wie zu erwarten – einen schweren Schlag seitwärts beibehalten und steht der Geburt mit sehr gemischten Gefühlen gegenüber. Natürlich freut sie sich auf das Kind, aber es ist zu vermuten, daß es sie jeden Tag ihres Lebens an den Verlust ihres Geliebten erinnern wird. Als dann auch noch die geheimnisvolle Black Lady erscheint, wirkt das fast wie ein auf Spielfilmlänge gebrachter Gnadenakt. Und der Film geht in die Vollen: Sarah wird eine Schere durchs Gesicht gezogen und in den Nabel gestochen. Erstes Grummeln im Magen des Zuschauers, aber wirklich gar nichts gemessen an der roten Flut, die dann hereinbricht und bedauerlicherweise auch jede Möglichkeit davonspült, die Story ernstzunehmen. An Frischfleisch gebricht es dem Film nicht – in Sarahs Wohnung geht es mitten in der Nacht zu wie auf dem Düsseldorfer Hauptbahnhof zur Rush Hour. Ins Auge geht's, in die Genitalien natürlich – Frau Dalle erweist sich sowohl als Meisterin des „femme castratrice“-Gewerbes als auch als Apologetin der Stutenbissigkeit. Dabei schäumt und kreischt sie, daß es nur so eine Art hat. Die Gute geht richtig aus sich heraus, und man kann wirklich nicht behaupten, sie würde nicht bedrohlich wirken. Der Zuschauer stumpft angesichts der aufeinandergetürmten Blutstürze und Regelverstöße bzw. Tabubrüche aber schon bald ab. Das ist einfach pubertär, sorry. Der hormonelle Wirbelsturm, den eine Schwangerschaft nun einmal darstellt, hat schon so einigen Horrorfilmen für eine paranoide Schauermär Pate gestanden. Die Möglichkeiten werden in INSIDE reihenweise verschenkt. Stattdessen gibt es viel „originelles“ Kamera- und CGI-Gewurschtel und ein beständiges Bemühen darum, das Vorangegangene noch an Widerlichkeit zu übertrumpfen. Die deutsche Fassung ist massiv geschnitten – etwa 2 Minuten fehlen –, aber warum eigentlich? Auch in der vorliegenden Version ist der Film noch ein echter Tritt in die Zwölf und serviert pränatale Fron nonstop. Die Schnitte sind vergleichsweise geschickt ausgeführt worden – wenn man's nicht weiß, kann man es höchstens erahnen. Kein HELLRAISER-2-Effekt. Wer wildes Gesplattere haben möchte, ist bei INSIDE also recht gut bedient. Ich war aber schließlich ermattet und enttäuscht, denn für mich verballert der Film sein durchaus vorhandenes Potential sehr rasch und bietet dann nur noch Schlächterei von der Stange. Kein neuer HIGH TENSION – njet.
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#560
Geschrieben 29. Juni 2008, 00:34
Warum dieser Film laut IMDb heruntergestuft worden ist, um eine „Ab 12“-Freigabe zu erlangen, ist mir schleierhaft, denn was, bitteschön, sollen Zwölfjährige mit DIE STUNDE DES WOLFS anfangen? Da kann man die auch gleich in einen Schrank einsperren und ihnen von kleinen Männern erzählen, die ihnen die Füße abnagen, so wie dies die Eltern von Johan gemacht haben. Johan (Max von Sydow) ist ein anerkannter Maler und hat sich mit seiner Frau (Liv Ullmann) auf eine einsame Insel verzogen. Das heißt: Ganz so einsam ist die Insel gar nicht. In bemerkenswert kurzer Zeit lernt zuerst Johan, dann auch seine Frau, ein Sortiment von aristokratisch anmutenden Exzentrikern kennen, die auch dort leben und eine eigenwillige Vorstellung von Gastfreundschaft pflegen. Ihre Attitüde dem Künstler gegenüber ist an der Oberfläche ehrerbietend, aber deutlich geprägt von Hohn und Verachtung. Und langsam rückt die Wolfszeit näher...
VARGTIMMEN ist so nahe am Horrorgenre angesiedelt, wie Ingmar Bergman jemals gelangen sollte, aber er verarbeitet wieder die Themen, die auch seine früheren Filme geprägt haben: Die Schwierigkeit der Menschen, miteinander sinnvoll zu kommunizieren, und die vielen Alibigeschichten und Fantasien, die sie entwerfen, um die gefürchtete Konfrontation zu vermeiden. Zu Beginn des Filmes wird bereits verraten, daß der Maler unter mysteriösen Umständen verschwunden ist. Seine Frau Alma wird in Interviewmanier befragt und gibt einige Reminiszenzen zu Besten, denen man vertrauen darf oder auch nicht. Auch sie hat die merkwürdigen Menschen gesehen, die die Insel bevölkern, doch vieles spricht dafür, daß sie nur Figmente der gequälten Künstlerseele sind. Alma bemerkt, daß, wenn zwei Menschen viele Jahre zusammen verbringen, sie einander immer gleicher werden, dieselben Ansichten teilen, schließlich sogar denselben Gesichtsausdruck. Diese Form von Synthese war in gewisser Weise bereits das Thema von Bergmans vorangegangenem Film, der bedrückenden, handwerklich brillanten Schizophreniestudie PERSONA, in der die Persönlichkeiten zweier Frauen – eine Kranke, eine Krankenschwester – miteinander verschmelzen, vielleicht sogar von Anfang an eins sind. VARGTIMMEN splittet das auf in viele unterschiedliche Aspekte der Psyche, die Ängste und Frustrationen als Nachtmahre wiederkehren lassen. Dabei gelingt es Bergman, die traditionellen Horrormotive – der Vogelmensch, die alte Frau, die sich das Gesicht abschält – fast weniger grausig erscheinen zu lassen als die alltäglichen Erscheinungen. Die „Party“ im Schloß etwa ist für jeden Feind gesellschaftlichen Geplänkels der absolute Gnadenhammer, wobei Bergman den Zuschauer durch bizarre Einstellungen, vor allem aber das plötzliche Erscheinen von Gesichtern oder eine als unstatthaft empfundene Nähe von Widerlingen verjagt und ihm Unbehagen einflößt. Bergmans Technik ist dabei überaus simpel, gar nicht verschnörkelt. Die berühmten Bergman-Einstellungen von Gesichtern, die aneinander vorbeiblicken und gerne als prätentiös verunglimpft werden, sind eigentlich das genaue Gegenteil von prätentiös – die Leute schauen halt aneinander vorbei, sind jeder für sich selbst, obwohl Kommunikation und Gemeinsamkeit vorgetäuscht werden. Als besonders wohltuend empfinde ich dabei den Verzicht auf konventionelles Melodrama, denn mehr als an den altbekannten Emotionsexzessen sind die Figuren an einer Ausdeutung ihrer Seele (oder der des Gegenübers) interessiert, bauen ein Steinchen an das andere. Sherlock Holmes wäre begeistert gewesen. Die Bergman-Filme – zumindest bis VARGTIMMEN, meine Retrospektive ist ja chronologisch – sind überhaupt nicht verschachtelt oder selbstzweckhaft verworren, sondern kristallklar wie ein Bergsee. Passend zur Story ist der Schauplatz eine karge skandinavische Insel. Die Hütte der beiden Eheleute ist ebenfalls karg. Aus dem Rahmen fällt lediglich die Behausung der Aristokraten, die ein veritables Renaissanceschloß darstellt, vollgepackt mit schönen Künsten, die aber einen rein dekorativen Zweck erfüllen. Der grausige Schluß des Filmes findet dann statt in einem Wald, der aber nicht den bukolischen Märchenwald früherer Bergmans repräsentiert, sondern eher seine Pervertierung – der Hort der mißbrauchten Natur, der dem geknebelten Menschen den Untergang bringt. Ein wirklich unheimlicher Film, der – im Unterschied zu anderen Bergmännern – der Menschheit keine Gnade zuteil werden läßt. Aber der Mann war ja Atheist, nicht wahr...
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#561
Geschrieben 06. Juli 2008, 23:14
Léo Vrinks (Daniel Auteuil) ist schon sehr lange bei der Polizei und gehört zu jener Sorte Männer, die wirklich in ihrem Beruf aufgehen. Eine Kette von brutalen Überfällen auf Geldtransporter soll zum Sprungstein für eine Beförderung werden. Doch als Konkurrent erweist sich unglücklicherweise Denis Klein (Gérard Depardieu), mit dem Vrinks mal eine Freundschaft verband. Da Klein bei einem Einsatz Mist baut, stirbt ein Kollege. Statt Klein geht es aber Vrinks an den Kragen – er landet im Bau. Und damit beginnt erst der harte Weg des Léo V., der aus Freunden Todfeinde macht...
Holla, die Waldfee – was für eine nette Überraschung am Sonntagabend! Ein erstklassiger Polizeithriller mit Action, bewährten Schauspielern und einem tragischen Anstrich. Tatsächlich handelt es sich um eine der ersten Regiearbeiten des sonstigen Schauspielers Olivier Marchal, der selber einmal Polizist war. (Der Film ist einem getöteten Kollegen zugedacht.) Zusammen mit einem weiteren ehemaligen Flic, Francois Mancuso, zeichnet er auch für das Drehbuch verantwortlich. Ob die Machenschaften innerhalb des französischen Polizeiapparates akkurat dargestellt werden, vermag ich nicht zu beurteilen, aber vielleicht ist das ja auch eine kleine Feierabendfantasie gewesen, die den Ex-Cops aus dem Füller geflossen ist. In jedem Fall ist das Resultat ein sehr spannendes, relativ zurückhaltend gemachtes Drama, das im wesentlichen Auteuil gehört, der einen Bullen aus Passion mimt, dessen vielversprechendes Leben langsam in seine Bestandteile zerfällt, bis es nur noch einen Fixpunkt gibt, nämlich die Begleichung alter Rechnungen. Depardieu ist ebenfalls exzellent als sein Erzfeind, dessen großes Manko seine eigene Selbstüberschätzung ist. Klein wollte immer ein erstklassiger Polizist sein, aber seine Mittelmäßigkeit stand ihm immer im Weg. Um sein Ziel doch noch zu realisieren, ist er dazu gezwungen, alle Moral fahrenzulassen, und dabei geht er wahrlich über Leichen. Ein richtiges Schwein – toll! Wer solche Filme mag, sollte 36 definitiv nicht links liegen lassen.
P.S.: Oh, ein Hollywood-Remake wird auch schon vorbereitet...
Bearbeitet von Cjamango, 06. Juli 2008, 23:17.
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#562
Geschrieben 09. Juli 2008, 11:37
Ein Film, der sich eine Menge Mühe gibt, und meines Erachtens hat er auch Erfolg damit.
Theo (Jürgen Vogel) ist wegen dreifacher Vergewaltigung in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung verurteilt worden. Nach knapp 10 Jahren Therapie wird er wieder auf freien Fuß gesetzt. Es fällt ihm schwer, wieder in das „normale“ Leben zurückzufinden. Er ist unfähig zur Kommunikation mit Frauen, fühlt sich dabei sehr einsam. Gleichzeitig ist er verzweifelt darum bemüht, seinen Trieb unter Kontrolle zu halten. Ein Ausweg bahnt sich an, als er die gleichfalls nicht unkomplizierte Nettie (Sabine Timoteo) kennenlernt, die sich nach einer gewissen Anlaufzeit aufrichtig in ihn verliebt. Doch die Vergangenheit drängt sich wieder in den Vordergrund...
Eine Art deutsche Version von THE WOODSMAN, die sich weitestgehend auf die detailgenaue Beschreibung eines emotional gestörten Menschen konzentriert. Dabei meidet der Film Hollywoodklischees oder überhaupt erzählerische Konventionen, was ihn für viele zu einer harten Sitzung machen wird. DER FREIE WILLE ist sehr lang (161 Minuten), doch auch dieses etwas zermürbende Format ergibt Sinn: Wo man sich in einem amerikanischen Film vermutlich den melodramatischen Ausweg eines Suizides oder eines anderen glanzvollen Weges zur Handlungsauflösung ausgekuckt hätte, geht in DER FREIE WILLE das Leben immer weiter. Die Figuren werden mit ihrer Verantwortung und mit ihrer Schuld alleingelassen, müssen irgendwie damit klarkommen. Das macht ihn nicht gerade zu erstklassigem Unterhaltungskino, besitzt aber den nicht zu unterschätzenden Vorzug der Aufrichtigkeit. Der Film erzählt keine Lügen. Die Hauptdarsteller sind exzellent, doch man muß schon ein Interesse am Thema aufbringen können, um den Figuren die nötige Aufmerksamkeit zu widmen. Viele Zuschauer werden vorher aussteigen oder sich in Ironie flüchten. Ironie liegt dem Film aber fern, genauso wie billige moralische Gemeinplätze. Nichts wird verharmlost. Alles ist so kompliziert, wie es im wirklichen Leben auch ist. Bin jetzt noch etwas geplättet.
Mit FREE WILLY hat der Film nichts zu tun.
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#563
Geschrieben 30. Juli 2008, 14:02
Glaubt nicht den Kritiken.
Als Richard Kellys lang erwarteter Nachfolgefilm zu seinem überraschend erfolgreichen DONNIE DARKO in Cannes lief, wurde er einhellig als völlige Katastrophe bewertet und mit Dreck beworfen. Die Produktionsfirma bekam daraufhin kalte Füße, kürzte den Film massiv und beschnitt seinen Vertrieb. In Deutschland ist der Film als Kaufversion sofort als Doppelpack zusammen mit seinem populären Vorläufer herausgebracht worden.
Oh je, ich mag ihn! Dwayne „The Rock“ Johnson spielt einen bekannten Schauspieler, Boxer Santeros, der für einige Tage in der Wüste verschwindet und dann auf mysteriöse Weise wieder auftaucht. In seinem ausgebrannten Auto findet man einen nicht zu identifizierenden Leichnam. Santeros ist ein Star der Massen, der enge Verbindungen zur republikanischen Partei besitzt und mit der Tochter des kalifornischen Senators verlobt ist. Das macht ihn für die „Neo-Marxisten“ interessant, eine Untergrundbewegung, die mit terroristischen Aktionen der verspielten Art die Regierung in Verlegenheit bringen will. Um an Santeros ranzukommen, bedienen sie sich eines jungen Mannes namens Ronald Taverner, dessen Zwillingsbruder Roland Polizist ist. Was dann passiert, ist zu konfus, um es zu erzählen, aber von der Apo zur Apokalypse ist es nur ein Katzensprung...
Richard Kelly entwirft mit SOUTHLAND TALES eine Parallelrealität, die ihren Reiz daraus bezieht, daß sie Elemente unserer Realität mit Fiktion vermengt. Es gibt Terrorparanoia, Präsident Bush, den „Patriot Act“, aber eben auch eine riesige Hydroenergiegewinnungsstation im Ozean, die notwendig geworden ist, da die Ölreserven im Zuge des Irakkrieges zur Neige gegangen sind und die ganze Kriegsmaschinerie ja irgendwie angetrieben werden muß. In den USA hat sich eine Art Medienfaschismus light entwickelt, in dem die demokratisch gesonnenen Bürger durch einen umsichtig kalkulierten Mix von Sex und Action ruhiggestellt werden. Gleichzeitig befindet sich das Land dicht an einem Bürgerkrieg, da die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu sozialen Unruhen nicht mehr zu übertünchenden Ausmaßes geführt hat. Statt also mit einer Art-Deko-Retro-Zukunft zu nerven, die seit BLADE RUNNER ja ziemlich in Mode gekommen ist, gibt uns Kelly eine Welt, die so wirkt, als hätte sich neben der Realität des Publikums eine weitere parallel entwickelt, was sehr zur Story des Filmes paßt. Da darf ich aber nix verraten, näch. SOUTHLAND TALES präsentiert seine Vision in einem überbordenen Miteinander von Figuren, das etwas wirkt wie diese postmodernen Multipersonenfilme à la MAGNOLIA, SHORT CUTS oder AMERICAN BEAUTY, nur daß hier endgültig der Mixer angeworfen wurde. Ich fühlte mich etwas an die Art und Weise erinnert, wie die Romane von Kurt Vonnegut erzählt werden: Der nominelle Held, der muskulöse Santeros, ist als Heilsbringer eine drollige Figur, da er eigentlich nur nach dem Flipper-Prinzip von einem Ort zum nächsten gekegelt wird, ohne Herr seines Geschicks zu sein. Er ist Spielball von Umständen, die er selber nicht einmal ansatzweise begreifen kann. Nur soviel: Er wird zu einer der wichtigsten Personen der Menschheitsgeschichte! Wer eine Auflösung à la Sherlock Holmes erwartet, wird mit Sicherheit enttäuscht werden, denn Kelly macht wirklich keine Gefangenen – kein Wunder, daß der Film ein finanzielles Fiasko wurde. Trotzdem fand ich ihn keine Minute langweilig oder uninteressant, sondern im Gegenteil amüsant und spannend, wenngleich ich mir nicht einbilde, ihn hundertprozentig verstanden zu haben. Allen jenen, die Kellys offensichtliche Fixierung auf das Thema Zeit und Zeitreisen, die auch schon DONNIE DARKO ausgezeichnet hat, in SOUTHLAND TALES aufdröseln wollen, wünsche ich jetzt schon einmal viel Spaß, denn der Film wimmelt vor Verweisen, auch in den nebensächlichsten Dialogzeilen... Die Geister werden sich bei SOUTHLAND TALES scheiden, denn er hinterläßt keine Sättigung im Bauch. Wohl aber geht er eine Zeitlang mit einem um. Man denkt eine ganze Menge darüber nach, wenn sich der anfängliche Überwältigungseindruck erst einmal gelegt hat. Eine Mogelpackung ist er auf jeden Fall nicht. Mal sehen, was ich in einer Woche darüber denke...
Bearbeitet von Cjamango, 30. Juli 2008, 14:06.
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#564
Geschrieben 30. Juli 2008, 14:04
Dieser Film sagt so ziemlich alles über Clowns aus, was man wissen sollte.
Victor Sjöström – manche werden ihn als alten Hauptdarsteller von Ingmar Bergmans WILDE ERDBEEREN kennen – war einst Schwedens berühmtester Filmemacher, in seinem Einfluß nur vergleichbar mit Mauritz Stiller, bekannt als Entdecker von Greta Garbo und aus diesem Buch von Wilhelm Busch. Anders als Stiller, dem seine Flucht nach Hollywood nicht gut bekam, schuf „Victor Seastrom“ (wie er dort hieß) einige bedeutende Werke. Am bekanntesten ist vermutlich THE WIND.
1924 machte er HE WHO GETS SLAPPED, basierend auf einem Theaterstück von Leonid Andrejev, dem berühmten Schachweltmeister. Lon Chaney senior spielt einen brillanten Wissenschaftler, Paul Beaumont, der seine Forschungen über den Ursprung des Menschen nur deshalb führen kann, weil er von einem reichen Mäzen, dem Baron Regnard, gesponsert wird. Gleichzeitig hält ihn die Liebe zu seiner Frau, Marie, im Lot. Als ihm endlich der Durchbruch gelingt und er seine Erkenntnisse an der Académie präsentieren will, klaut ihm der Baron die Früchte seines Schaffens, heimst Lob und Ruhm ein und ohrfeigt das wahre Genie vor den gröhlenden Wissenschaftlern. Zu Hause stellt er dann fest, daß auch Marie ihn verraten hat und die Geliebte des Barons ist – der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt. Beaumont schwört der Menschheit ab und faßt den Entschluß, nur noch über sie zu lachen. Da er jeden Glauben an sich und den Rest der Welt verloren hat, wird er zum Zirkusclown, als „He Who Gets Slapped“. Da die Menschen es immer sehr amüsant finden, wenn andere Menschen Ohrfeigen bekommen und gedemütigt werden, baut er seine Routine auf einer nimmermüden Folge von Watschen, die er kassiert. Er hat großen Erfolg damit und arbeitet seinen Haß auf die Menschheit – was keiner weiß – auf diese sehr ungesunde Weise ab. Seine Schmerzfähigkeit kommt erst wieder zum Vorschein, als in der jungen Aristokratentochter Consuelo (Norma Shearer) ein unschuldiges Geschöpf sein Leben betritt, in das er sich verliebt. Unglücklicherweise hat der geldgeile Vater von Consuelo (verarmter Adel!) die Hand seines Augapfels ausgerechnet dem verruchten Baron versprochen, der Beaumont in den Abgrund geworfen hat. Mit allen Mitteln will Beaumont den Frevel verhindern – mit ALLEN Mitteln...
In letzter Zeit habe ich einige Stummfilme gesichtet, auch Werke von Murnau und anderen gebenedeiten Meistern ihres Fachs. Am meisten hat mich allerdings HE WHO GETS SLAPPED ergriffen, der auf melodramatischen Tamtam weitestgehend verzichtet und eine menschliche Talfahrt schildert, die jene von Professor Unrat fast wie eine milde Pechsträhne aussehen läßt. Lon Chaney zieht in seiner Darstellung dieser Verwandlung vom Geistesmenschen zum Hanswurst wirklich alle Register seines Könnens. Selbst Conrad Veidts erschütternde Leistung als Gwynplaine in THE MAN WHO LAUGHS ist leichter zu verdauen als dieser gräßliche Abgrund der Selbst- und Menschenverachtung, der schließlich zur Tragödie führt. Während andere Hollywoodsachen jener Tage gerne noch eine relativierende Botschaft einflochten, um das Publikum nicht zu sehr zu verstören, gibt Sjöström den Vorgängen eine entschieden europäische Drastik mit auf den Weg. Das pervertierte Lachen von Beaumont dem Clown vergißt man nicht so schnell. Ich habe mich übrigens durch eine lausige englische Videokopie gequält, nur um festzustellen, daß ich noch eine alte TV-Aufnahme davon besaß. Tja, egal – auch so ein Erlebnis!
Bearbeitet von Cjamango, 30. Juli 2008, 14:11.
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#565
Geschrieben 30. Juli 2008, 16:40
Liebe Großmutter,
heute habe ich mich fast wie ein echter Filmstudent gefühlt! Ich habe nämlich den 90 Jahre alten Film HILDE WARREN UND DER TOD gekuckt, und das war eine ganz wilde Kopie, ohne Ton, ohne Zwischentitel, nur mit so „flash titles“, die für ein Bild dazwischengeschnitten sind. Außerdem war die Geschwindigkeit etwas zu hoch, so 24 Bilder pro Sekunde (oder Minute, das weiß ich nicht so genau). Der Regisseur war ein gewisser Joe May, der später nach Hollywood gegangen ist und dort DIE RÜCKKEHR DES DR. X gedreht hat. Der unsichtbare Mann ist bei ihm auch mal zurückgekehrt. Seine eigene Frau spielte Hilde Warren, eine gefeierte Bühnenschauspielerin, der bei einer Aufführung der Tod erscheint, und zwar als weiße, durchscheinende Gestalt, die immer ein grimmiges Gesicht macht, so wie Max von Sydow, wenn er Zahnschmerzen hat. In manchen Nachschlagewerken steht, daß Fritz Lang den Tod spielt, aber das ist eine Ente, denn er hat nur das Drehbuch verfaßt. Der hat zu jener Zeit ja einige Drehbücher über den Tod verfaßt. Hilde Warren verliebt sich in einen Choleriker, der sich als Krimineller entpuppt und von der Polizei erschossen wird. Da hat die Warren ihn aber leider schon geheiratet, und ein Kind ist auch unterwegs. Das Kind wächst dann so vor sich hin. Wegen der fehlenden Zwischentitel kriegt man das gar nicht so genau mit. Später wird die Warren von einem halbseiden aussehenden Jüngling umtänzelt, der einen dunklen Teint hat. Neger spielen übrigens auch mit in dem Film, aber sie sind nur Kammerdiener und Kaschemmengäste und so, wie das halt eben so üblich war zu der Zeit. Ein Freund von mir war ja neulich auch mal in einem Spesenhotel, wo ebenfalls nur schwarze Diener in Livrees herumstanden. Er hat mir geschworen, da niemals mehr hinzugehen, und das finde ich gut. Der Jüngling entpuppt sich dann aber auch als ihr Sohn, und der ist in schlechte Gesellschaft geraten. Da erschießt sie ihn, nachdem ihr der Tod noch einige Male erschienen ist, einmal sogar auf einer Felsklippe am Meer. Im Gefängnis erscheint ihr dann der Tod zum letzten Mal, und sie läßt sich von ihm umarmen, und der Film ist aus. Ich habe ja gedacht, es handele sich um eine weitere „Der Tod und die Jungfrau“-Geschichte, so Richtung FÄHRMANN MARIA, aber tatsächlich war es nur ein Vorläufer der Art von Horrorfilmen, in denen sich kriminelle Tendenzen von einer Generation in die andere vererben. War aber nicht schlecht. Den sollte mal jemand restaurieren. Vielleicht hat aber auch ein Akt gefehlt. Das weiß ich nicht so genau.
Alles Liebe von Deinem Lieblingsenkel
Christian
Bearbeitet von Cjamango, 30. Juli 2008, 16:40.
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#566
Geschrieben 31. Juli 2008, 10:55
Einem Maler träumt von einer geheimnisvollen Frau, Genuine. Einst Hohepriesterin eines Eingeborenenstammes, wurde sie von einem feindlichen Stamm entführt und auf dem Sklavenmarkt (feat. barbusige Frauen) feilgeboten. Ein alter Sabbersack käuft sie und sperrt sie in ein unterirdisches Verließ, das fortan ihre Welt ist. Ein wöchentlich vorbeikommender Friseur schickt eines Tages seinen Neffen Florian vorbei, der einen schlimmen Fall von Frisur auf dem Kopf trägt. Der sieht aus wie der Tambourmajor in der Cruising-Polonaise! (Oder wie die Mautstelle am Hershey Highway.) Flori schneidet dem Lord die Gurgel durch, denn er ist ihr verfallen. So wie ihm ergeht es noch anderen, denn Genuine hat es faustdick hinter den Ohren...
Abgesehen davon, daß ich nicht weiß, wie die Bezeichnung „es faustdick hinter den Ohren haben“ zustande kommt – GENUINE war Robert Wienes Nachfolgefilm zu DAS CABINET DES DR. CALIGARI. Gemäß Internet ist die vollständige Fassung nur noch im Münchener Filmmuseum einsehbar. Der Rest der Welt muß mit einer auf 43 Minuten eingedampften Version vorlieb nehmen, die als Extra auf der CALIGARI-DVD von „Kino“ beigegeben ist und wohl einen recht guten Eindruck vom Film liefert. Natürlich geizt der Film nicht mit expressionistischen Sets, die sowohl Genuines unterirdische Welt als auch den exotischen Fantasiestaat, in dem der Rest der Handlung spielt, kennzeichnen. Anders als in CALIGARI – in dem die stilisierten Bauten eine erzählerische Funktion innehatten und die Weimarer Republik als völlig desolates, gefährliches Konstrukt charakterisierten – erscheinen die expressionistischen Beigaben als dekorativer Schangel, der einer gewöhnlichen „femme fatale“-Story künstlerischen Pfeffer verleihen soll. Aussehen tut das Ganze natürlich ziemlich gut, aber es wird schon deutlich, daß Robert Wiene von Haus aus ein eher biederer Regisseur war, der seine Kunst auch in den Dienst von Operettenverfilmungen stellte. Vergleicht man GENUINE mit dem „Lulu“-Stoff von Frank Wedekind – eine unverstellte Kindfrau treibt lauter biedere Bürgermänner in den Abgrund allein kraft ihrer Natürlichkeit, weil diese den Selbstzerstörungsdrang im heuchlerischen System aktiviert –, so wirkt Genuine, die exotische, wilde Frau, voller urwüchsiger Kraft und Sexualität, wie eine rechte Sau, der es großen Spaß macht, Männer zu ruinieren. Ergo hat man es eher mit einer Bebilderung männlicher Angstvorstellungen von der weiblichen Sexualität zu tun, die hier vorliegt. Wie bei CALIGARI wird die Haupthandlung in einen erzählerischen Rahmen gepackt. Möglicherweise gibt es am Schluß der ungekürzten Fassung ein Wiedererwachen des träumenden Malers zu gewärtigen. Bei CALIGARI war diese nachträglich eingefügte Rahmenhandlung die Senfhaube auf einem ansonsten überaus mutigen Film, da sie die Aussage des Filmes als Hirngespinst eines Wahnsinnigen diffamierte und somit ihrer Spitze beraubte. Bei GENUINE wäre das eigentlich egal, denn gesellschaftlicher Sprengstoff wohnt dem Film nicht inne. Wohl aber ist er natürlich eine überaus attraktive Ergänzung zum CALIGARI-Kanon und illustriert den Einfluß, den die visuellen Eigenschaften des Filmes besaßen, wenngleich sie häufig nur als dekoratives Zierat eingesetzt wurden.
Genuine wird übrigens gespielt von einer Amerikanerin namens Fern Andra, die nicht nur Fliegerin und Schauspielerin war, sondern – nach der IMDb – auch während des Ersten Weltkrieges eine Spionin für die Alliierten. Dies scheint damals aber noch nicht bekannt gewesen zu sein, denn sie genoß bis 1930 in Deutschland eine Filmkarriere.
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#567
Geschrieben 04. August 2008, 01:03
Hui, demnächst gründe ich vielleicht noch einen Victor-Sjöström-Fanclub, mal gugge...
KÖRKARLEN, obschon bereits 1921 gedreht, muß wohl so ungefähr der 38. Film des Regisseurs gewesen sein. Er erzählt die Geschichte von Menschen in einem schwedischen Dorf, die in der hohen Kunst der Daseinsbewältigung mehr oder weniger großes Geschick an den Tag legen. Ein besonderes Augenmerk wird darauf gelenkt, inwieweit man es vermeiden kann, seinen Mitmenschen das Leben noch schwerer zu machen, als es ohnehin bereits ist. Man nehme Schwester Edit, eine Heilsarmistin. Gleich ihr erster „Kunde“ in der neueröffneten Mission ist ein Herumtreiber namens David Holm, dem sie nicht nur Unterkunft für die Nacht gewährt, sondern ihm auch seine abgewetzte Jacke repariert. Als Dank wird sie am nächsten Tag von ihm hübsch verspottet, denn Selbst- oder Fremdachtung besitzt der Patron nicht mehr. Einige Rückblenden schlüsseln auf, wie David Holm so auf die schiefe Bahn geraten konnte. Die Rückblenden werden ihm im wesentlichen vom Tod erzählt, der ihm dabei so im Vorbeilaufen noch unter die Nase reibt, daß er verschiedene Leben komplett zerstört hat. Der Tod ist nämlich unterwegs in der Silvesternacht und will den Holm holen. Auch für Schwester Edit ist er unterwegs. Und was Holm jetzt nicht weiß: Wer als letztes in einem Jahr stirbt, muß die nächsten 12 Monate den Totenkarren fahren. Und das ist kein leichter Job...
Wie viele skandinavische Filme beschreibt auch KÖRKARLEN das Leben als einen beschwerlichen Weg durch ein Jammertal, in dem an jeder Ecke Fußangeln warten. Es gibt Menschen, die sich um Glück und Selbstlosigkeit bemühen, aber die fromme Absicht ist kein Garant für den Hauptgewinn. Wenn der Mist kommt, dann kommt er halt, und in der Regel kommt er reichlich. David Holm (gespielt von Regisseur Sjöström selbst, der etwas an den Bergman-Veteran Gunnar Björnstrand erinnert) hatte einst eine Familie und ein Heim, doch Ungunst des Geschicks und Selbstmitleid haben ihn in die Ackerfurche gezogen, auf der nur bitteres Unkraut wächst, und im Jäten erweist er sich nicht als Meister. Der einzige Meister in dieser Hinsicht ist und bleibt der Sensenmann, und vergleicht man ihn mit seinem Kollegen in dem im selben Jahr erschienenen DER MÜDE TOD, so muß man feststellen, daß der Lang'sche Freund Heiner eigentlich gut dran ist und hochmotiviert. Sjöströms Totenkarrenmann hat kaum ein größeres Interesse an den Menschen, als David Holm dies in seinen Jammerjahren demonstriert hat. Zwar hat ihm die zwangsweise Beschäftigung mit dem mißlichen Geschick der anderen eine gehörige Portion Demut eingebleut, aber das ständige Miterleben vom Leiden, von Seelenqualen und dem letztlichen Scheitern hat ihn stumpf und wortkarg gemacht. So karg wie die Lektion des Todes sind auch die Bilder, mit denen die Geschichte eingefangen wird. Sehr schlicht, sehr unverstellt und geradlinig, sehr humorlos. Die Beschäftigung mit der Schuld, in die sich der Mensch verstrickt, mag manchem frömmelnd erscheinen, aber dem Film geht jede falsche Sentimentalität ab, jeder Kitsch, der fraglos in einem amerikanischen Produkt jener Tage aufgetaucht wäre. (INTOLERANCE? Johoho...) Die Religiosität dieser Filme – die eine sehr persönliche und am täglichen Leben orientierte ist – leuchtet mir sehr ein, da es hier hauptsächlich um moralische Fragen geht. Warum man seine Mitmenschen nicht wie Dreck behandeln soll, zum Beispiel, oder warum das sich Suhlen in Jammern und Selbstmitleid eine ausgesprochene Verliererübung ist, die einsam macht. Sjöström fällt – anders als der Tod – nicht mit der Tür ins Haus. Sein Film ist kontemplativ, eindringlich und wirkt auch nach 85 Jahren noch immens eindrucksvoll. Taschentücher sollte man allerdings bereithalten.
Bearbeitet von Cjamango, 04. August 2008, 02:26.
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#568
Geschrieben 04. August 2008, 01:04
Den dänischen Regisseur Carl Theodor Dreyer werden die meisten durch seinen Horrorfilm VAMPYR – DER TRAUM DES ALLAN GREY kennen, der für mich bis zum heutigen Tag einer der unheimlichsten Filme überhaupt ist. Ursprünglich entstammt er einer Phase in der Entwicklung des Kinos, in der die dänische Filmproduktion tonangebend war, was nicht zuletzt an den wirtschaftlichen Veränderungen durch den Ersten Weltkrieg lag. Nachdem er einige Jahre als Drehbuchautor gearbeitet hatte, drehte er 1919 seinen ersten Film. Als die Verhältnisse in Dänemark immer undankbarer für Filmemacher wurden, machte er Filme für deutsche, französische und norwegische Produzenten. VAMPYR etwa wurde weitgehend von seinem Hauptdarsteller finanziert, der ein reicher Mäzen war. So etwas gibt es heutzutage ja kaum noch, leider.
BLÄTTER AUS DEM BUCHE SATANS ist einer seiner frühesten Filme und orientiert sich in seiner Struktur an Griffiths INTOLERANCE: Vier Geschichten werden erzählt, die die Aktivitäten des „gefallenen Engels“ dokumentieren, der in menschlicher Gestalt ausgewählten Erdenbewohnern erscheint, um sie zu korrumpieren. Wenn jemand seiner Versuchung standhält, so bekommt Satan 1000 Jahre seiner Strafe erlassen. Das ist aber ein schlechtes Geschäft, denn die meisten fallen voll drauf rein. Dumm gelaufen. Episode 1 erzählt von Jesus und der Sache mit dem Judaskuß. Das geht daneben. Dann kommt die spanische Inquisition, und auch hier sorgen Geilheit, irregeleiteter Glauben und verletzte Eitelkeit für lange Gesichter. Die französische Revolution ist der nächste Spielplatz für Satan, und in den Jakobinern findet er aufrechte Spießgesellen. Schließlich muß er auch noch im Finnland der Gegenwart (na ja, 1918 halt!) auftauchen, wo die russischen Nachbarn gerade eine Vormachtstellung einfordern. Hier erlebt Satan eine kleine Überraschung, hollahe.
Man erwarte keinen Klassiker à la VAMPYR oder TAG DER RACHE – DIES IRAE. Dreyer arbeitet hier bereits reichhaltig mit analytischen Großaufnahmen, die Gesichter vor kargen weißen Wänden zeigen. Der Film ist für seine Entstehungszeit recht aufwendig und erzählerisch recht anspruchsvoll. Auch schneidet er für mich im direkten Vergleich mit D.W. Griffith schon deshalb gut ab, weil er ganz einfach kürzer ist, und, na ja, die christliche Moral wird hier auch nicht direkt mit einer rosa Schleife um den Kopf serviert. Der alte Südstaatler brennt da ja ein ziemliches Feuerwerk ab. Dreyer zeigt seinen Satan nicht als Bösewicht, sondern eben als gefallenen Engel, der jetzt Gottes Ratschluß umsetzt, indem er die Menschen in Versuchung führt, quasi die Schmutzarbeit erledigt. Daß die Arbeit auch ihre Meriten hat, kommt dann in der letzten Episode zum Ausdruck. Ich bin wirklich ein großer Fan dieser skandinavischen Filme und werde mir da wohl noch eine ganze Menge besorgen...
Bearbeitet von Cjamango, 04. August 2008, 02:28.
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#569
Geschrieben 04. August 2008, 01:06
Der viel zu früh verstorbene Deutsche Paul Leni (1929, Blutvergiftung) kam über den Weg der „Art Direction“ ins Filmgeschäft, was man seinen Werken auch ansieht. In den USA drehte er mit dem schönen Gruselthriller THE CAT AND THE CANARY und der Hugo-Verfilmung THE MAN WHO LAUGHS zwei kleine Klassiker. Der einzige deutsche Film von ihm, der mir bekannt ist, ist DAS WACHSFIGURENKABINETT, der sich weitgehend an den expressionistisch eingefärbten Filmen der CALIGARI-Nachfolge orientiert, aber einen unverbindlicheren, mehr an oberflächlicher Unterhaltsamkeit orientierten Grundton anschlägt. Das wird ihm bei mir nicht zum Fallstrick, denn...
...der Film ist richtig fein! Wilhelm Dieterle (später als William Dieterle ein berühmer Hollywoodregisseur, der u.a. Charles Laughton den Buckel aufsetzte) verkörpert einen jungen Dichter, der sein Haushaltssalär etwas aufbessern will und in einem Panoptikum auf dem Jahrmarkt anheuert. Er soll einigen der berühmten Persönlichkeiten nachgestalteten Wachsfiguren werbewirksame Geschichten andichten. Die erste Episode führt ihn in das Reich Harun Al Raschids, welcher dick war, lüstern, launisch, und somit von Emil Jannings verkörpert wird. Da die Geschichte eher burlesk erzählt wird, darf sich der Emil so richtig schmierig durch die Visage lecken und wilde Grimassen schneiden, was mir das eine oder andere Entzücken entlockt hat. Bei manchen ist es Schmierenkomödie – bei manchen ist es Kunst. Ist halt so. Der Jannings kann's. Dieterle ist ein armer Bäcker, der mit seiner Frau ein kärglich Dasein fristet vor dem ständig qualmenden Ofen. Da der Qualm den Kalifen beim Schachspiel stört, weist er seinen Großwesir an, ihm den Kopf des Bäckers zu bringen. Der Wesir – der um die libidinösen Gewohnheiten seines feisten Brötchengebers weiß – empfiehlt ihm stattdessen, nächtens die Frau aufzusuchen und sie nach Strich und Faden zu höckern, denn sie ist sehr schön. Das Balzgehabe des Jannings zu beobachten, ist eine wahre Wonne. Das wird dann noch recht turbulent, zumal Dieterle ja beschreiben will, wie der Kalif seine Hand verloren hat...
Episode 2 führt uns in das Reich Ivans des Schrecklichen. Mit Conrad Veidt hat Leni einige Male zusammengearbeitet, und was der Mann hier abzieht, ist einfach ganz großes Kino. Ivan macht seinem Beinamen nämlich alle Ehre, ist halb wahnsinnig und foltert für sein Leben gern. Bei einer Hochzeit (Dieterle und erneut die Maid seines Herzens) bringt Veidt den toten Vater der Braut als Gastgeschenk mit, zwingt die weinende Festgesellschaft zum Gruppentanz (ein Veidtstanz?) und klaut am Schluß die Braut. Dieterle wird hübsch gefoltert, weil dem Ivan das frommt, aber das böse Tun fordert seinen Tribut, und aus halbem Wahnsinn wird der volle Wahnsinn – der geht gut ab, der Veidt. In den letzten 10 Minuten setzt es dann noch eine Begegnung mit Jack the Ripper, der Werner Krauss einen Auftritt sichert. Krauss war ein vorzüglicher Schauspieler, den die meisten als Dr. Caligari kennen werden, in dem er sich älter schminken ließ. In G.W. Pabsts drolligem Psychologiedrama GEHEIMNISSE EINER SEELE – das ich mir vor ein paar Tagen angesehen habe – spielt er einen Bürgersmann, der vom unfrommen Wunsch gequält wird, seine Frau zu tranchieren, und das nur, weil ihm mal als Kind eine Puppe nicht geschenkt worden ist. Da war er dann zu alt für die Rolle, aber na ja. Schließlich spielte er – leider – noch in einem Film eines anderen Veit mit und sah dann ganz alt aus. Im WACHSFIGURENKABINETT des Dr. Leni hat er leider nur einen kurzen Auftritt. Insgesamt ein sehr dekorativer, sehr hübscher Film, den man nicht als Horrorfilm sehen sollte, sondern als charmante Extravaganz. Die qualitativ wie üblich herausragende „Kino“-DVD (ein US-Label, das sich um verkannte Semi-Klassiker aller Arten verdient gemacht hat) liefert auch noch einen experimentellen Kurzfilm Lenis im Beiprogramm, REBUS NR. 1 (1925), der ein Kreuzworträtsel fürs Kino liefert und erneut belegt, daß der Mann Humor gehabt hat. So, erstmal.
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#570
Geschrieben 05. August 2008, 10:01
Erich von Stroheim hatte sich mit Irving Thalberg verkracht, nachdem es bei der Produktion von MERRY-GO-ROUND zu großen Schwierigkeiten gekommen war. Der handzahmere Rupert Julian wurde eingesetzt, um den Film zu vollenden, und „The Dirty Hun“ Stroheim von der Weihnachtskartenliste der Thalbergs gestrichen. Daraufhin begab er sich an die Aufgabe, den Roman „McTeague“ von Frank Norris zu verfilmen, und zwar für Louis B. Mayer. Während der Dreharbeiten fusionierte Mayer, woraus sich „Metro-Goldwyn-Mayer“ bildete, und Erichs neuer Chef hieß – Irving Thalberg!
GREED erzählt die aufrüttelnde Geschichte von McTeague, einem ruppigen, aber gutherzigen Tunichtgut, der lange Jahre damit verbracht hat, Gold zu schürfen. Um seiner Mama einen Gefallen zu tun, lernt er „was Richtiges“ und wird Zahnarzt. In dieser Funktion lernt er die holde Trina kennen, die mit seinem besten Freund Marcus verlobt ist. Mac verliebt sich, und da Marcus eine edle Natur besitzt, tritt er zurück vom Liebesreigen und läßt seinem Freund freie Bahn. Mac und Trina heiraten. Da Trina aber kurz vor der Eheschließung einen namhaften Lottogewinn erzielt, steht die Ehe unter keinem guten Stern: Sie wird zu einem rechten Knauser, läßt ihren Mann schuften von früh bis spät und erfreut sich am Glitzern ihrer Goldmünzen. Marcus derweil verliert seine edle Natur und verrät den Ämtern, daß Mac keine Zulassung besitzt, so daß Mac Arbeitsverbot bekommt. Obwohl das Geld der Eheleute ratzfatz zur Neige geht, hält die mittlerweile fast wahnsinnige Trina ihren Mammon versteckt, während Männe stempeln geht. Auch Macs Verstand geht angesichts der großen Not schließlich über Bord, was zu Mord und Totschlag führt und zu einem Western-Finale im Death Valley...
Diese Mär über die Triebstruktur der Menschen und den schädlichen Einfluß des Geldes steht in krassem Widerspruch zum christlichen Erlösungsgedanken, der den Hollywoodfilmen jener Tage meistens zugrundelag. Statt göttlicher Intervention oder eines externen „Schicksals“ regieren hier eher die bereits im Menschen selbst angelegten Fallstricke, die ihm eine Kutschfahrt in den Morast sichern. Vergleichbar ist GREED am ehesten mit den „Triebfilmen“, wie sie Anfang der 20er in Deutschland populär waren und so manchen Weg in den Ruin bebilderten. GREED war denn auch bei seinem Erscheinen nicht besonders populär und wurde von vielen Kritikern verrissen, was allerdings auch an seiner kompromittierten Erscheinung liegen mochte. Stroheims Rohschnitt lief nämlich schlanke 9 Stunden, und auch nach einer eingehenden Überprüfung des Materials kamen immer noch fünfeinhalb Stunden dabei heraus. Da mittlerweile – wie bereits angedeutet – Irving Thalberg das Zepter schwang und dieser nicht gerade ein Intimfreund Stroheims war, wurde letzterem das Material aus den Händen genommen und auf die kommerzielle Länge von zweieinviertel Stunden zusammengekürzt. Das Resultat ist immer noch beeindruckend, aber man merkt doch, daß die vorliegende Fassung entbeint worden ist. Den McTeague gibt der britische Schauspieler Gibson Gowland, ein Teddybär von Mann, dessen anfängliche Gutmütigkeit ihm mehr und mehr ausgetrieben wird. Für die Trina leistete man sich den sensationellen und mutigen Besetzungscoup, die Komödiantin Zasu Pitts zu engagieren, deren Leinwanddarstellungen u.a. zum Vorbild für Popeyes „Olive Oyl“ wurden. Ihre Trina ist eine furchtsame und devote Erscheinung, die die „Macht des Opfers“ aber zunehmend zu offener Feindseligkeit und Grausamkeit werden läßt. Macht die Pitts ziemlich klasse. Die ungekürzte Fassung von GREED ist angeblich nur ein einziges Mal zur Aufführung gekommen, und das auch nur in privatem Rahmen. Immerhin hat man eine vierstündige Fassung rekonstruiert, doch ob die irgendwo rausgekommen ist, ist mir nicht bekannt. Stroheim jedenfalls bedurfte noch eines weiteren Nackenschlages (QUEEN KELLY), um ein für allemal die Lust am Inszenieren zu verlieren. In seinen letzten Jahrzehnten war er nurmehr als Schauspieler tätig, z.B. als Gloria Swansons Butler/Regisseur in Billy Wilders umwerfendem BOULEVARD DER DÄMMERUNG.
Bearbeitet von Cjamango, 05. August 2008, 10:02.
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#571
Geschrieben 10. August 2008, 14:54
Einer der beeindruckendsten und modernsten Stummfilme ist zweifelsohne der dänische HÄXAN, der bei uns früher als HEXEN im TV lief (vor sehr langer Zeit) und in den USA in einer gekürzten Fassung (und mit einem Kommentar von William S. Burroughs!) als WITCHCRAFT THROUGH THE AGES herauskam. Der Film bietet einen Rundgang durch die Jahrhunderte der Hexenverfolgung, der merkwürdigen und häufig entsetzlichen Auswüchse, die der Aberglauben der Menschen verursacht hat. Während der erste Akt des Filmes sich fast ausschließlich den zeitgenössischen Bebilderungen des Hexenwahns widmet, zeigt der Film im weiteren Verlauf viele Beispiele des Irrglaubens, teils kurios, teils grausam, immer grotesk. Die Spielszenen sind sehr pittoresk, erinnern manchmal etwas an die schwankhaften Darstellungen des Mittelalters in Exploitationfilmen der „Dekameron“-Nachfolge, aber was HÄXAN wirklich bemerkenswert und (für seine Entstehungszeit) sogar einzigartig werden läßt, ist die aufklärerische Attitüde, die Regisseur Christensen bei seiner Freakshow einschlägt. Auch wenn der ironische Grundton des Kommentars dem Hexenwahn zunächst das Wort zu reden scheint, wird doch schon bald klar, daß den vermeintlichen Hexen das Herz des Regisseurs gehört. Die zahlreichen humoristischen Einsprengsel verwischen nicht den Eindruck, daß dem Film seine Botschaft sehr ernst ist. Er macht klar, daß diesem bösen Irrglauben Millionen von Menschen zum Opfer gefallen sind. Er weist darauf hin, daß die Ursachen für den Fanatismus in simpler Angst vor dem weiblichen Geschlecht, der Mutterschaft, Sex und anderen Neurotismen begründet waren. Beeindruckend ist auch der Umstand, daß Christensen im Schlußakt eine Analogie zur heutigen Zeit (=von 1921) anstrebt und die Paranoia von einst mit der Unfähigkeit auch des modernen Menschen vergleicht, mit u.U. krankheitsbedingten Zerrformen menschlichen Verhaltens umzugehen. Das „Andere“ ist immer erst einmal der Feind. Die Überwindung dieser Angst vor dem Andersartigen ist ein Lernprozeß, den viele nicht absolvieren. HÄXAN bleibt dabei immens unterhaltsam, prachtvoll ausgestattet, lustig, erschreckend, einfach alles. Wäre ich Lehrer an einer Schule, würde ich meinen Schülern bedenkenlos diesen Film anbieten, denn auch junge Menschen wird die Wucht von Christensens Kunst und Aufklärungseifer beeindrucken. Meine Lieblingsszene ist jene, in der Christensen uns einige Folterinstrumente der Inquisition vorführt. Er bemerkt launig, daß eine seiner Schauspielerinnen darum bat, die Daumenschrauben doch mal anprobieren zu dürfen. (Ist zu sehen.) Dann vermeldet ein Zwischentitel, daß Christensen davon absieht, dem Zuschauer zu verraten, was ihm die Schauspielerin so alles gestanden habe...
Benjamin Christensen war übrigens ursprünglich Theaterschauspieler und Opernsänger. Die Ausübung dieser Tätigkeiten wurde ihm aber durch seine exzessive Neigung zum Lampenfieber unmöglich gemacht. Eine Anekdote berichtet davon, daß er einmal in einem Hotel Tür an Tür mit Enrico Caruso gewohnt habe. Diesem habe Christensens Gesang in der Badewanne so gut gefallen, daß er ihm eine Rolle in seinem nächsten Stück anbot. Christensen wand sich aber heraus, da ihm der Gedanke, vor einem großen Publikum auftreten zu müssen, unerträglich war. Später ging der Däne dann nach Hollywood, wo er zumeist komödiantische Stoffe mit phantastischem Einschlag realisierte, unter anderem den sehr schönen SEVEN FOOTPRINTS TO SATAN.
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#572
Geschrieben 12. August 2008, 15:59
Als eine der großen Verhexungen meiner Schulzeit empfand ich es immer, wenn unser Englischlehrer uns etwas Gutes tun wollte und eine dieser 3 Stunden langen BBC-Bearbeitungen von Shakespeare-Stücken hervorkramte, die einem den letzten Nerv töten. Die erste bekannte „King Lear“-Bearbeitung aus dem Jahre 1910 hat gegenüber diesen Dauerbrennern unter den Kinderquälern den großen Vorteil, daß sie nur knapp 15 Minuten dauert und den Barden somit auf ein der jugendlichen Ungeduld angemessenes Maß reduziert.
Das handkolorierte Pixie-Buch-Epos entstammt der zu jener Zeit sehr populären „Film d'art“-Tradition, die das Kino auch einer bildungsbürgerlichen Schicht erschloß. Für die bühnenartig statisch abgefilmten Klassiker holte man des öfteren auch populäre Theatermimen vor die Kamera. Ob der Darsteller des König Lear eine Bühnengröße seiner Zeit war, vermag ich nicht zu sagen, aber er sieht aus wie der alte Zausel, der am Hauptbahnhof immer die Maronen verkauft, und zwar zur Sommerzeit, wenn keiner sie will. Ein glücklicher Umstand war, daß ich die Handlung von „König Lear“ bereits komplett vergessen hatte. Ich weiß nur noch, daß der gute Mann irgendwann wahnsinnig wird, und es endet wohl auch nicht happy, da Tragödie. Nun, König Lear sitzt zu Anfang ungelenk in seinem Thron und grimassiert zum Gottserbarmen. Leider lugt ihm keine Weinbuddel aus dem Umhang, denn dann wäre der Eindruck vollkommen. Der Tünnes vom Kaisereck ärgert sich ganz furchtbar über seine Tochter, und er ärgert sich so, daß er zur zweiten Tochter geht, die Regan heißt, genau wie das Balg aus dem „Exorzisten“. Regan ist sehr häßlich, und so verwundert es nicht, daß der alte Zausel sich weiterärgert und schimpfend abgeht. (Begleitet wird er übrigens von einer violett bewamsten Tucke, die wohl der Herzog von Kent sein soll. Ja, genau.) Lear verleart (hust!) daraufhin seinen Verstand und vergleicht das Herz von Regan mit einem Stein – eine hochdramatische Szene, die ungefähr ein Fünftel der Laufzeit einnimmt und dadurch entschieden aufgelockert wird, daß sich Lear bei seinem Rumgefuchtel an dem Stein böse die Hand stößt – aua, aua. Ein vorläufiger Höhepunkt wird erreicht, als der nunmehr komplett wahnsinnig gewordene Lear eine ganze Szene lang mit einem Reisigbesen herumhantiert, mit dem er offensichtlich vor einer Hütte schön saubermachen will. Zum Entsetzen einiger Edelleute setzt er sich am Schluß auf das Haushaltsgerät und reitet darauf nach links aus dem Bild. (In einer Kritik habe ich gelesen, die Leistung des Schauspielers wäre ergreifend. Ich muß gestehen, ich habe schallend gelacht!) Tochter Nummer Zwei, Cordelia, versöhnt sich daraufhin mit ihrem Vater, der vorübergehend seine Murmeln wiederfindet. Da die böse Tochter Regan aber Cordelia ruchlos ermorden läßt, erleidet er einen bösen Rückfall. Hand an die Kehle, Herumgefuchtel, Grimassen, Spinatmaske. Der Zwischentitel nennt das: „Er haucht vor Gram sein Leben aus.“ Ein Ereignis, so prall wie das Euter der Milka-Kuh. Allen Englischlehrern wärmstens anempfohlen.
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#573
Geschrieben 12. August 2008, 16:12
André Deed war ein französischer Komödiant, der vor fast 100 Jahren zu den bekanntesten Stummfilmspaßmachern seines Heimatlandes zählte. Auch in anderen Ländern war er sehr erfolgreich, zum Beispiel in Italien, wo er als „Cretinetti“ firmierte. L'UOMO MECCANICO ist eines seiner Spätwerke und galt als verschollen, bis man vor kurzem in Brasilien einen Print auffand. Angeblich sollen das etwa 40 Prozent des kompletten Filmes sein, und es sind die letzten 40 Prozent, so daß man mitten in die Handlung hineinpurzelt. Es geht da um eine böse Schurkin namens Mado, die zu Beginn des Torsos in einer Gefängnisklinik liegt, aber durch einen selbstgelegten Brand gelingt ihr die Flucht. Und jetzt wird es lustig, denn sie befehligt einen Riesenroboter, der ein bißchen aussieht wie der Kollege mit dem Drillbohrerpenis aus FLESH GORDON, nur halt größer und weniger sexorientiert. Das Viech haut alles zu Klump und wird von Mado von ihrer Schaltzentrale aus gesteuert. Deed selber spielt den kaspernden Helden, der – seiner Tölpelhaftigkeit zum Trotz – die Rettung bringt und die Frau bekommt. Vorher gibt es aber Action nonstop, die sehr an die alten „Flash Gordon“-Serials erinnert und große Freude bereitet. Tatsächlich mutmaßte ich zuerst, daß es sich um die letzte Folge eines Serials handeln müßte (á la FANTOMAS), aber dem ist wohl nicht so. Sehr spaßig.
Bearbeitet von Cjamango, 12. August 2008, 16:13.
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#574
Geschrieben 12. August 2008, 17:27
Ich komme auf den Geschmack.
Vor CABIRIA (1914), dem ersten großen Epos des Kinos, übten die Italiener bereits und schufen bildgewaltige Umsetzungen klassischer Stoffe. NERONE illustriert den Niedergang des beliebten Kaisers Nero anhand einiger Tableaus, die insgesamt ungefähr 12 Minuten Laufzeit ergeben. Tja, QUO VADIS gespart!
Zu Anfang sieht man Nero bei Hofe, wie er auf einer fast leeren Bühne (lediglich umgeben von zwo Säulen, einem Säulenrudiment und einigen Hofschranzen) wild herumfuchtelt. Die Filmakteure jener Tage verließen sich nämlich (zu unrecht) ganz auf die handelsüblichen Totalen, mit denen das Geschehen damals eingefangen zu werden pflegte. In Nahaufnahmen wird das expressive Spiel, das die Leute auf der Bühne angewendet haben, nämlich ganz schnell zu erheblicher Hanswursterei. In NERONE wird sehr bald klar, daß die Italiener Herr im Hause waren, was den Einsatz von weit ausholenden Armbewegungen anging. Man steht als Zuschauer Todesängste aus und hofft, daß sich die Darsteller nicht gegenseitig erschlagen oder das Gleichgewicht verlieren. Meistens beginnen diese Bewegungen langsam, nehmen aber dann einen brutalen Schwung auf. Das geschieht so ganz nebenbei, denn in der Hauptsache müssen die Leute ja deklamieren. Da kann leicht etwas passieren. Auf den heutigen Betrachter macht das Ganze den Eindruck eines Vorläufers von Jane Fondas Aerobic-Video.
Nero hat einen lustigen Rundumbart, so diese Sorte, die ihren Träger immer wie einen Schiffskapitän aus der viktorianischen Zeit aussehen läßt. Außerdem grimassiert er ganz toll, etwa so wie Helge Schneider, wenn er lüstern aussehen will. Nero ist nämlich auch lüstern, da er Poppea liebt, der er auch sofort an die Titten packt. (Mit einer weit ausholenden Armbewegung.) Ehefrau Octavia ist „out“ und muß gehen. Bei einer romantischen Szene im Grünen (=Originalschauplatz) bezirzt Poppea Nero, daß er Octavia umbringen läßt. (In dieser Szene befürchtet man immer, daß die Darsteller auf ihre Gewänder treten und auf die Schnauze fallen. Nein, ich sage jetzt mal die Wahrheit: Man befürchtet es nicht, man hofft es!) Octavia wird also gemeuchelt, und das Volk von Rom steht auf gegen den Tyrannen. Jener stirbt dann aber nicht den von der Geschichte für ihn vorgesehenen Tod (er schlitzte sich selber die Kehle auf), sondern greift sich seine Leier und verschwindet aus dem Bild. Ende.
Besser hätte ich es natürlich gefunden, wenn er auf einem Besen nach links aus dem Bild geritten wäre.
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#575
Geschrieben 12. August 2008, 18:11
Oh, die Briten konnten das auch ganz gut.
Gar so vergnüglich ist diese alte Version des Historiendramas allerdings nicht, denn "high camp" bleibt - anders als bei den Italienern - aus. Stattdessen haben wir es hier mit der Abfilmung einer Bühnenfassung von Frank Benson zu tun, der die Titelrolle mit großer Inbrunst versah. Folglich beschränken sich die Sets auch auf die Bühnenbauten der Produktion. Das Spiel der Akteure ist deutlich weniger exaltiert als bei den Mittelmeerbewohnern, und die Zwischentitel geben auch ein paar wohlklingende Zitate des Barden aus Winsen an der Luhe zum Besten. Die Handlung des Werkes wird ähnlich filettiert wie die meisten armen Schweine, die Richard im Wege stehen. Szene 1 beginnt gleich mit der Schlacht von Tewkesbury; dann kommt der Mord an König Henry; dann kommt Richards Buhlen um die Gunst seiner Königin; dann ein weiterer Mord usw. Man kann nicht sagen, daß man zuwenig geboten bekäme für sein Geld. Ansonsten gilt, was ich bereits zu KING LEAR gesagt habe - auch diese "Großproduktion" (immerhin 23 Minuten!) ist jeder BBC-Aufführung vorzuziehen. Es zahlt sich allerdings aus, wenn man die vielen Figuren des Stückes noch einigermaßen im Kopf hat, aber so kriegt man die Schüler wenigstens dazu, den Text zu lesen...
Aufgrund der gerafften Handlung bekommt man übrigens auch den Eindruck, die Menschheitsgeschichte sei eine einzige Folge von Gier, Ränkespielen und Mord gewesen. Das trifft, denke ich, den Punkt.
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#576
Geschrieben 13. August 2008, 11:25
Albrecht Froben (Carl Raddatz) hat sein Leben dem Reisen um die Welt gewidmet. Nun kehrt er nach Hause zurück, nach Hamburg, und will seine Octavia ehelichen. Eine Komplikation ergibt sich, als er Äls (Kristina Söderbaum) kennenlernt. Während Octavia edel, hoheitsvoll und gut ist, ganz Ideal, verkörpert Äls die widersprüchlichen Segnungen der Natur. Mit der Wucht einer Dampframme verliebt sich Albrecht in die schöne Ausländerin. Die Sache hat nur einen Haken: Äls ist mit einer überaus fragilen Gesundheit geschlagen, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis Freund Heiner sie zu sich holt...
Veit Harlans 1944 herausgekommener Film ist so etwas wie die Apotheose der Todessehnsucht in der deutschen Romantik, erreicht mit den Mitteln des Tränendrüsenbombardements. Den eher morbiden Anteilen der deutschen Romantik stehe ich ja seit ehedem sehr zwiespältig gegenüber, zumal sie uns – neben vielen holden Dichterwerken – eben auch eine Neigung zum Mystischen, Ungreifbaren mitgegeben hat, die in ihrer übelsten Ausprägung auch das Dritte Reich ermöglicht hat. Was bei den Nazis zum Totenkult, zur schmetternden Verehrung des Sterbens für das Vaterland geführt hat, erscheint bei Harlan (und tendenziell in jedem Liebesdrama) als Schicksal. Schicksal, das die Menschen zusammenführt; Schicksal, das sie wieder auseinandergehen läßt. Octavia hat gegen Äls überhaupt keine Chance, da von Anfang an klargestellt wird, daß Äls die Elemente der Natur auf ihrer Seite hat. Schon bei ihrem ersten Auftritt schwimmt sie nackt im Fahrwasser von Raddatz´ Boot, was dem Zuschauer nicht nur Einsichten in die Länge der Brustwarzen von Veit Harlans Gattin gewährt (da habe ich kurz geschluckt; im Hollywoodfilm jener Zeit war das ja nicht eben Usus!), sondern auch nahelegt, daß sie verlockend, körperlich und gänzlich unverstellt ist. Äls weiß gar nicht, was sie in dem Weltensucher Albrecht anrichtet, der ständig auf der Suche war und nun in den sicheren Hafen einer bürgerlichen Existenz flüchten wollte. Vom Bootsfahren verlegt er sich aufs Reiten, und es gibt eine schöne Szene, in der Äls als berittene Amazone Bogenschießen übt und daraufhin ins Meer reitet, ihren finalen Abgang bereits vorwegnehmend. Denn daß es schlimm enden muß, ist klar – wer ausbricht, muß schließlich die Zeche bezahlen. Harlan realisiert das mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, schüttet den Betrachter mit Farbe zu, mit pittoresken Ansichten (Maskenball!) und Symbolismus satt. Der Schluß des Filmes ist nahezu genial, wenn sowohl Raddatz als auch die Söderbaum an Typhus erkranken und sich mit ihnen der Film immer mehr in eine Orgie der Todesromantik hineinsteigert. Das Dritte Reich hat für den Opfergang, den die Menschen hier vor der Natur und der Liebe zelebrieren, bedauerlicherweise eine andere Lösung gewählt, die eben nicht nur für feuchte Taschentücher sorgte. So bleibt der romantische Super-GAU nicht ohne einen sehr bitteren Nachgeschmack. Sehenswert ist der Film aber allemal. Ob nun als Mahnmal bombastischen Kitsches oder als ultimative Schicksalskanonade, muß jeder für sich selbst entscheiden. Ich werde mir jetzt erst einmal Christoph Schlingensiefs Version des Stoffes anschauen, MUTTERS MASKE...
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#577
Geschrieben 04. September 2008, 12:51
Mein lieber Herr Gesangverein.
Und noch eine Gurke gesichtet: Vier junge Leute, die bei einem mysteriösen Raubzug einen flotten Reibach gemacht haben, gelangen auf ihrer Flucht vor der Polizei in die Fänge einer Familie von grenzdebilen Schlampen und Totschlägern, die alle den offenbar überaus fruchtbaren Lenden eines Ex-Nazis namens von Geißler entsprungen sind. Es gibt jede Menge Rabatz, und alle versuchen mannhaft bzw. frauhaft, am Leben zu bleiben. Das gelingt aber nicht allen. Damit die Sache nicht langweilig wird, werden hektoliterweise Kunstblut über die armen Schauspieler ausgegossen, und der Nazi äußert eine Menge Tönjes über Ehre und Rasse und so fort, bei dem man schon mal auf die originale Tonspur ausweichen sollte. Abgesehen davon handelt es sich um sorgsam polierten Mist, der sich allenfalls für den Goldenen Kotzbrocken qualifiziert. Die Franzosen machen sich seit HIGH TENSION ja richtig emsig um die Erzeugung filmischer Schlachtplatten verdient. In Hollywood wären solche Blutstürze zur Zeit wohl kaum denkbar. In Deutschland allerdings auch nicht: Der Film ist reichlich zersäbelt. Dies überrascht, da er auch so bereits den Eindruck einer kolossalen Blutorgie erzeugt. Da hätte die Durchtrennung der Achillessehnen auch nicht mehr viel ausgemacht. Das Ding ist stockbrutal. Leider ohne Sinn und Verstand, denn was dem Zuschauer serviert wird, ist einmal mehr der übliche Backwoods-Schmonzes, nur halt eben mit einer französisch-deutschen TCM-Familie, die die Wurst kreisen läßt. Ärgerlich an dem Mist finde ich vor allem, daß der Anfang suggeriert, es ginge um eine Auseinandersetzung mit der wachsenden sozialen Unrast in Pariser Vororten und den zunehmenden Rechtsdrall in der Politik, was aber kompletter Unfug ist. In erster Linie geht es darum, eine Widerlichkeit an die nächste zu reihen, und bei all dem Radau, den auch dieser Film produziert, ist die Ausbeute an echten Schocks oder Spannungseffekten doch recht mager, denn die Protagonisten sind wenig sympathisch, da sie vom Drehbuch stiefmütterlich behandelt werden. Im Grunde genommen handelt es sich bei ihnen um Verbrecher, die selber keine allzu großen Probleme mit dem Töten von Menschen haben, vor allem, wenn es sich um die bösen Bullen handelt, von wegen Schweinesystem und so. Das hätte man etwas erläutern sollen, aber darum geht es ja auch gar nicht in dem Film. Die inzestuösen Nazis sind auch ein Leckerli, das lediglich in den Film eingeflochten ist, um pittoreskes Beiwerk zu schaffen. Mit Sarkozy hat das rein gar nichts zu tun. Hat sich also was mit einer möglichen Mischung aus LA HAINE und TCM. Was die unterliegende Botschaft bezüglich der Mutterschaft sowohl der Heldin als auch der debilen Zwangsverlobten des dicken Hans angeht, so habe ich keine Ahnung, was das soll. Es bleibt ähnlich vage wie in INSIDE, in dem auch Blutkaskaden jede Sensibilität für unterliegende Themen fortspülen. Bei alledem sollte man anmerken, daß die Schauspieler größtenteils wirklich gute Arbeit leisten, und der Inszenierung von Xavier Gens kann man auch nichts Böses nachsagen. Tatsächlich hat er den Sprung nach Hollywood schon fast geschafft und mit HITMAN eine zwar geistlose, aber sauber aussehende und effektive Actiongranate gebastelt, dessen Budget recht hoch gewesen sein dürfte. Hoffen wir mal, daß ihm bei seinem nächsten Streich ein guter Drehbuchautor zur Seite steht. Das könnte dann was werden.
Da ich in letzter Zeit leider nicht dazu gekommen bin, viel zu schreiben (Computer im Eimer), möchte ich noch schnell zwei Empfehlungen aussprechen, nämlich für CLOVERFIELD und THE SIGNAL. CLOVERFIELD ist ein ab 12 Jahren freigegebener, aber recht spannender Science-Fiction-Film über Aliens, die New York angreifen. Zunächst nervte mich der Film massiv, da der Entschluß, erneut auf einen blairwitchigen Handkamera-Dokumentarstil zurückzugreifen (allmählich eine Unsitte!), für einen unendlich verlaberten Anfang sorgt, in dem alberne Quatschköpfe als Helden eingeführt werden, aber sobald dann etwas passiert, macht der Film fast alles richtig. Besonders beeindruckend fand ich, daß der Anfang den Eindruck eines Studentenprojektes auf Niedrigstbudget macht, dann aber spezialeffektetechnisch ranklotzt, als gäbe es kein Morgen. Hat mir gefallen. Auch gut THE SIGNAL, ein von drei Regisseuren in drei Episoden erzählter Film, der von einem geheimnisvollen (und nicht näher erklärten) Signal handelt, das über den Fernsehschirm verbreitet wird und alle ihm ausgesetzten Menschen zu gemeingefährlichen Geisteskranken werden läßt, die alle vom dringenden Wunsch beseelt sind, wild draufloszuhäckseln. Ob dem Film ein Subtext über Gewalt in den Medien innewohnt, muß jeder für sich selbst entscheiden, aber in erster Linie geht es um die Action, und die ist reizvoll eingefangen, nicht zuletzt durch den sehr unterschiedlichen Grundton, den die drei Episoden anschlagen. Die Geschichte wird halt aus drei Perspektiven erzählt, und zwar in chronologischer Folge. Das ist schon nicht schlecht, auch wenn ich mir in diesem Film etwas weniger Gewalt gewünscht hätte, denn die rückt teilweise störend in den Vordergrund. Trotzdem, eine recht originelle Art, eine Paranoia-Horrorstory zu präsentieren. Hat mir auch gefallen. Soweit erstmal.
P.S.: All jenen, die sich regelmäßig meine TV-Woche anschauen, sei gesagt, daß es in nächster Zeit verstärkt zu Unregelmäßigkeiten kommen wird, zumindest solange, bis mein Rechner wiederhergestellt ist. Ohne komme ich nämlich nicht an meine Programme...
Bearbeitet von Cjamango, 04. September 2008, 12:56.
Kommentare zum Tagebuch? Aber ja!!!
"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#578
Geschrieben 06. September 2008, 13:26
Ein filmisches Genre, das die Italiener quasi im Alleingang begründeten, war das des monumentalen Historienfilmes. Diese häufig mit phantastischen Zutaten versetzten Werke sicherten – wie dies mehrere Jahrzehnte danach wieder der Fall sein sollte – den Italienern einen internationalen Absatzmarkt. Das unübersehbare Vorbild für D.W. Griffiths epischen INTOLERANCE war Giovanni Pastrones CABIRIA von 1914, der bereits den afrikastämmigen Superhelden Maciste einführte. Anders als seine Nachfolger aus den sechziger Jahren war der ursprüngliche Maciste ein kraftstrotzender Vierschrot, dessen Muckis nicht dem kalkulierten Muskelauffbau in einem Sportstudio entsprangen, sondern wirklicher körperlicher Arbeit. Schauspieler Bartolomeo Pagano, der den Helden etwa 15 Jahre lang in Filmen verkörpern sollte, war einst Hafenarbeiter, bevor er die Stufen des Ruhmes erklimmen sollte, und seine Trumpfkarte war nicht sein blendendes Aussehen, sondern eine unüberschaubare Vitalität – definitiv niemand, dem man in der Hafenkneipe auf den Fuß treten möchte! Auch gehörte Feinsinn nicht zu seinen Qualitäten. Mit der Kraft der sieben Bärentatzen erstickte er jeden Widerspruch im Nu. Er wirkte wie eine glaubhaftere Version von Bud Spencer, und hätte es sich um Tonfilme gehalten, wäre eine Rainer-Brandt-Synchro sehr passend gewesen. Guido Brignones MACISTE ALL'INFERNO (1926) war schon einer der letzten Macistes auf lange Zeit, aber in vielerlei Hinsicht ist er für heutige Betrachter einer der lohnendsten, da der Schangel-Faktor wahrlich überbordend ist. Mit Riccardo Fredas 35 Jahre später erfolgten Neubearbeitung hat der Film nur wenig zu tun, aber man bekommt mehr Hölle für sein Geld. Die erste Überraschung tritt ein bei Macistes erstem Auftritt: Herr M. ist ein Schwarzer! Oder vielmehr soll er einer sein, denn der schwarz angepinselte Pagano schaut als nubischer Kaschubiak ungefähr so überzeugend aus wie Benito Mussolini als Siegfried. Statt des feschen Lendenschurzes der Neuverfilmung trägt Maciste hier bequeme Bürgerkleidung, in die er eingeklemmt ist wie eine Wurst in ihre Pelle. Als sich die Hölle dazu entschließt, einige Sendboten auf die Erde zu schicken wg. Eroberung, tragen die „devils in disguise“ aristokratischen Frack samt Zylinder. Soviel zur Kleiderordnung. Als erste Freveltat verstecken sie das Baby von Macistes Freundin Graziella, die darüber nicht mehr aus noch ein weiß vor Gram. Maciste (der eben noch ihren Lover zusammengestaucht hat, der stiften gehen wollte ob des unerwünschten Kindersegens) findet das Baby und legt sich mit Unterteufel Barbariccia an, welcher ihn direktemang in die Hölle verfrachtet. Unser vierschrötiger Dante sieht sich das alles mal so an, und sämtliche Dämoninnen und Lasterdirnen sind selbstredend ganz feucht im Schritt vor so viel Männlichkeit. Dummerweise läßt sich Maciste küssen, worauf ihm ein höllesker Lendenschurz und die Dämonenwürde wachsen. Die Erde ist jetzt ganz weit weg. Zu allem Überfuß brennen auch Proserpina, der Gattin des Höllenfürsten Pluto, und ihrer Tochter Luciferina der Busch bzw. die Büsche, so daß es zu Komplikationen kommt. Bei einer Palastrevolte durch den vergrämten Barbariccia steht Maciste – dessen herkulische Kräfte in der Hölle noch um ein Hundertfaches gewachsen sind – dem Pluto hilfreich zur Seite und erlangt so seine Freilassung. Doch er hat nicht mit der Arglist der Proserpina gerechnet... Die Darstellung der Hölle ist einfach goldig und hat so gar nichts mit der unerfreulichen Version in Nakagawas JIGOKU zu tun, in dem ja Höllengästen mit Meißeln die Zähne rausgebrochen werden und so Scherze. Stattdessen haben alle eine gute Zeit und hüpfen ausgelassen in der Gegend herum. Auch die Gekreuzigten am Boden sehen eher so aus, als würden sie Fünfe gerade sein lassen. Es gibt einige Trickeffekte, die die Anwesenheit des französischen Effektexperten Segundo de Chomon bezeugen, u.a. einen sehr gelungenen Giganten Minos. Wie in der Neuverfilmung hat es Maciste in einer Szene mit einer riesigen Höllenpython zu tun, und auch ein Drache schaut vorbei, der ein Bruder von diesem beschissenen Viech aus DIE UNENDLICHE GESCHICHTE zu sein scheint. Veteran Brignone (der bis in die 50er hinein Filme drehen sollte) legt den Schwerpunkt auf Action, und so wird gekeult und gekesselt, daß es nur so eine Art hat. Maciste zeigt den Teufeln, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat. Große Kunst wird nicht angestrebt, aber zirzensische Freuden, die dem Film auch heute noch einigen Schauwert sichern. Bene!
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#579
Geschrieben 06. September 2008, 17:45
Herman Yau ist wieder da! Der Feingeist hinter Filmen wie THE EBOLA SYNDROME oder THE UNTOLD STORY präsentiert mit GONG TAU eine Story aus dem Bereich der schwarzen Magie, die stark an ältere asiatische Filme des Genres erinnert. Gleichzeitig geht er keiner Ekelei aus dem Wege und hat offensichtlich großes Vergnügen daran, in Tabuzonen zu stromern. Die Story dreht sich um einen Polizisten mit dem tollen Namen Rockman Cheung, dessen Familienverhältnisse entschieden umgekrempelt werden, als sein Baby stirbt. Es scheint so, als habe jemand einen Groll auf den wackeren Gesetzeshüter und wolle ihn dadurch treffen, daß er sich erst einmal an die quiekende Gattin und das krähende Kind hält. Dazu bedient sich besagter Jemand eines südostasiatischen Fluches namens Kung Pao, äh, Gong Tau, und auch einen Polizisten ereilt der Fluch. Zunächst gerät ein schwarzmagisch bewanderter Ex-Knacki unter Verdacht, dem Rockman einst übel mitgespielt hat, aber tatsächlich steckt jemand ganz anderes dahinter... Ja, Yau macht keine Gefangenen! Schon die Todesszene des Babys ist wirklich ganz entzückend und wäre in Hollywood sicherlich anders gelöst worden. Als Verbeugung vor den Shaw Horrors der 70er setzt es eklige Tausendfüßler (und zwar so 10 cm lange Kawennsmänner!), die u.a. in einer genüßlich vorgeführten Autopsieszene aus den Innereien des Leichnams kriechen. Auch gibt es ein klassisches „penanggalan“-Monster, wie die Viecher in Südostasien heißen: eine Hexe, deren Kopf sich vom Körper trennt, die schlackernden Eingeweide lustig daran herabbaumelnd, und durch die Gegend fliegt, um Blut zu saugen... Zu den Zutaten, die man für die schwarzmagischen Rituale braucht, gehört auch Sperma, so daß wir in den Genuß eines wichsenden Hexers kommen. Die Gewinnung von Leichenfett macht den Film dann endgültig ungeeignet für das Nachmittagsprogramm des Bayerischen Rundfunks. Abgesehen von den Ekeleien hat der Film nicht allzuviel zu bieten, denn die Charaktere sind sehr unsympathisch, allen voran Rockman Cheung, der seine Ehefrau mies behandelt, in der Behandlung von Verdächtigen eine große Unbedenklichkeit an den Tag legt und insgesamt ein ziemlicher Vollasi ist. Die Frau quiekt andauernd und ist zwar nicht Schuld an ihrem Elend, aber wo gehobelt wird, fallen eben Späne. Zur Erreichung einer Schmier-Apotheose, die mit den bereits genannten Filmen vergleichbar wäre, fehlt zudem eine verläßliche Fachkraft wie Anthony Wong. So fällt PAN TAU, äh, GONG TAU allenfalls durch seine liebevolle Einbeziehung von Sleaze-Elementen aus dem Rahmen des deutschen DVD-Programmes, aber ein genießbares Ganzes entsteht dadurch nicht.
Bearbeitet von Cjamango, 06. September 2008, 17:46.
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#580
Geschrieben 06. September 2008, 19:31
Der gerade mal vierte Film von Fritz Lang war HARAKIRI (1919), unter dessen Titel ich mir natürlich wer weiß was vorgestellt habe. Tatsächlich handelt es sich um eine frühe Bearbeitung von „Madame Butterfly“, und zwar des Theaterstückes von David Belasco, das der Oper von Puccini zur Vorlage gereichte. Madame Butterfly ist eine schöne junge Frau aus gutem Hause (Lil Dagover), die dem Buddha zur Priesterin geweiht werden soll. Bevor das geschehen kann, begibt sich aber ein europäischer Haudrauf namens Olaf Pedersen in den verbotenen Bereich des Mikado, wo er es in Rekordzeit schafft, das Herz der Maid zu umgarnen. Es setzt dann einigen Hokomoko mit den Schergen des Mikado, aber das junge Glück setzt sich durch – zunächst, denn Olaf ist ein Luftikus, der zurück nach Europa fährt, ein Versprechen auf baldige Rückkehr auf den Lippen. Madame Butterfly schmachtet jahrelang vergeblich und weint sich die angeschminkten Mandelaugen aus, am Schürzenzipfel ein blondes Kind, das ihren Lenden entsprang. Als Olaf von einem Auftrag zurück nach Japan geführt wird, erfährt er vom Kind und will es abholen. Für Madame Butterfly ist das Maß damit voll, und die scharfe Klinge, die einst ihren Vater fällte, macht auch ihrem Leben ein Ende.
Ich erlaube mir mal, die Geschichte komplett zu erzählen, denn sie ist ja hinreichend bekannt, und der Film ist so rar, daß ihn wohl kaum jemand sehen wird. Ich selber habe meine Fassung von einem fremdländisch aussehenden Mann auf dem Marktplatz zugesteckt bekommen. Viel zu erwähnen gibt es tatsächlich nicht, abgesehen von der Verwendung von Hagenbecks Tierpark als pittoresker Kulisse. Damals scheinen gerade keine Rassenschauen stattgefunden zu haben. Auch heute noch gibt es dort ja hübsche japanische Brückchen zu bewundern, wenngleich ich einen täglichen Live-Harakiri bevorzugen würde, aber das ist wohl Geschmackssache. Fritz Lang bewies in einigen Filmen ein starkes Interesse an dem asiatischen Kulturkreis, am interessantesten vielleicht in DER MÜDE TOD, wo Frau Dagover dem Sensenmann das Leben ihres Liebsten abzutrotzen versucht. Auch der Indiana-Jones-Vorläufer DIE SPINNEN enthält viel Tsching-Tschang-Tschung. Die Figur der Madame Butterfly fand ich immer stark, weil sie eine Frau ist, die zwar eine Menge leidet, aber niemals zur Jammerläppin verkommt, sondern großen Stolz bewahrt und große Integrität. Erwähnt sei noch, daß es einen Fürsten Matahari gibt, was mir gleichfalls sehr gefallen hat.
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