Eltern werden alt. Manchmal werden sie alt und grimmig. Das wurde ausführlich in Etienne Chatillez´ TANTE DANIELLE abgehandelt, was zu wütenden Vorwürfen führte – es handele sich um einen Alte-Leute-Haß-Film. Das Thema „Demenz“ hingegen wird von Komödien meistens gemieden. Zu unangenehm und zu sehr mit individuellen Schuldgefühlen belastet sind die häufig komödiantischen Folgen, die das frühzeitige Nachlassen der Auffassungsgabe begleiten. In jiddischen Komödien war aber auch dieser Komplex kein Tabu: Carl Reiners rabenschwarzer WHERE'S POPPA? (WO IS´ PAPA?, 1970) schildert die Aktivitäten des jungen Rechtsanwaltes Gordon (George Segal), der mit seiner gebrechlichen Mutter zusammenlebt. Der Vater ist schon seit vielen Jahren tot, und die alte Dame lebt in ihrer eigenen Privatwelt. „Wo is´ Papa?“ lautet ihr Lieblingssatz, mit dem sie ihren Filius mehrmals am Tag abnervt. Die interfamiliären Spannungen wachsen unter diesen Verhältnissen ins Uferlose. Zu Beginn des Filmes erwacht Gordon zum unverbindlichen Geplapper des Weckerradios. Minutiös verfolgt man die Morgenwäsche des Rechtspflegers. Immerhin macht er die Dusche an, bevor er pinkelt. Das störende Gepladder ist ja vielen ein Dorn im Auge. In Japan kann man Mikrochips zum Übertönen des Goldregens kaufen. Gordon greift sich eine Gorillamaske und schmeißt sich in ein dazu passendes Kostüm – routiniert, als täte er das an jedem Morgen. Dann dringt er ins Schlafzimmer seiner greisen Mutter ein und hüpft gröhlend auf ihrem Bett herum. Mutti haut ihm voll in die Nüsse, merkt dann, wen sie da gerade seiner männlichen Würde beraubt hat und kichert nur: „Ach, Gordon – immer willst du mich aufheitern! Lieber Junge...“ Eine Altenpflegerin für seine Mutter zu bekommen, ist nicht leicht, da die wunderliche Dame unter den Altenpflegern einen Ruf wie Donnerhall besitzt. Als die junge Louise in Gordons Büro tritt, weiß er sofort, daß er die Frau fürs Leben gefunden hat. Sie weint ihm die traurige Geschichte ihrer letzten Ehe vor. („Er machte A-A ins Bett...“) Gordon entschließt sich dazu, ihr Geschick mit dem seinen zu verschmelzen. Allerdings muß er ihr vorher noch Mutter vorstellen...
Carl Reiner gehört zu der alten Garde jiddischer Komiker aus New York und begann sein Handwerk als Schauspieler. Wie sein Kollege Mel Brooks verlegte er sich aber auf das Regiefach. Nach einigen mäßig erfolgreichen Versuchen gelang ihm der Durchbruch, als er sich mit Steve Martin zusammentat. Mit ihm schuf er Filme wie SOLO FÜR 2, DER MANN MIT DEN ZWEI GEHIRNEN oder REICHTUM IST KEINE SCHANDE. Die gelungenste Zusammenarbeit war wohl TOTE TRAGEN KEINE KAROS, wo Reiner höchstselbst den Butler/Nazigeneral von Gluck spielt. Mit WO IS´ PAPA? gelang ihm ein früher Kracher, der vermutlich vom überraschend erfolgreichen HAROLD AND MAUDE profitierte. Es gelang ihm, die hinreißende Ruth Gordon für die Hauptrolle zu gewinnen, die in POPPA wie eine Mischung aus Inge Meysel und Lotti Huber wirkt, nur daß diese alten Damen niemals den nackten Hintern von George Segal geküßt haben... (Das passiert nämlich beim Diner mit Gordons Herzblatt!) Für ein heutiges Kinopublikum, das im wesentlichen mit Hardware aufgepeppte Boulevard-Komödien oder subversive Gag-Feuerwerke im Stile der Zucker-Brüder gewohnt sind, stellt POPPA vermutlich eine harte Packung dar, denn die Vorgänge werden häufig quälend lang beobachtet, ohne daß Pointen für Entladung sorgen. Außerdem sind – ob der kritischen Natur des Ausgangsmaterials – die Gefühle, die der Film erzeugt, sehr widersprüchlich: Eigentlich ist es ja hochwohllöblich, daß Gordon dem Gebot seines sterbenden Vaters entsprechen und seine Mutter nicht ins Altenheim abschieben will. Wie aber auch TANTE DANIELLE eindrücklich aufzeigte, kann aus erzwungener Mildtätigkeit nur Haß und Aggression entstehen. Gordon ist bald so weit, daß er seine Mutter eher aus dem Fenster schmeißen würde, als sie in ein Heim zu geben, und das kann ja wohl auch nicht die Lösung sein...
Gordon hat auch einen Bruder, Sidney (Ron Leibman), der mit Frau und Kind ein Apartment bewohnt und heilfroh ist, sich nicht um die alte Dame kümmern zu müssen. Da auch er von Schuldgefühlen verzehrt wird, kommt er jedesmal angedackelt, wenn Gordon Hilfe braucht. Dabei muß er unglücklicherweise immer durch den Central Park, wo ihn für gewöhnlich eine Gang schwarzer Bösewichte ausraubt. Mit Muthafucka und den anderen verbindet ihn fast schon ein kollegiales Verhältnis. Bei einer Vergewaltigung wird Sid von den Gangstern dazu genötigt, bei der Straftat mitzumachen, was ihm dann unerwarteten Spaß bereitet. Leider entpuppt sich das Opfer als Polizist. („Sind Sie der, der den Cop vergewaltigt hat?“) Allerdings kommt Sid wieder aus der Patsche raus, denn dem Cop hat's gefallen! („Ich danke dir für den zauberhaften Abend...“)
Okay, man merkt schon, daß es sich hier um sehr gewöhnungsbedürftigen Humor handelt! Meine Lieblingsszene ist jene, wo ein noch sehr junger Rob Reiner (der später mit Regiearbeiten wie STAND BY ME und MISERY noch wesentlich berühmter werden sollte als sein Vater) einen Vietnam-Gegner spielt, der vor Gericht gestellt wird, weil er einem General den Zeh abgeschnitten hat. Bei der Zeugenvernahme verplappert sich der General allerdings und erzählt, wie er einen ganzen Haufen „Schlitzaugen“ auf einen Rutsch erledigt hat. („Die Frau wurde von den Kugeln in der Mitte durchgesägt – da standen nur noch zwei Beine herum! Wenn ich geschrien hätte: `Vorwärts marsch!´, wären die Beine wohl losgelaufen.“) Die Sache endet dann damit, daß Rob wegen grober Mißachtung des Gerichts in den Knast geschickt wird...
Wem Hal Ashbys HAROLD AND MAUDE gefallen hat, kommt um WHERE'S POPPA? nicht rum. In den Staaten ist eine DVD veröffentlicht worden, aber auch die deutsche Fassung ist ziemlich gelungen und läuft gelegentlich im TV. Zu George Segal möchte ich noch anmerken, daß dieser hervorragende Schauspieler drei Jahre vor POPPA schon mal im Rahmen einer gestörten Mutter/Sohn-Beziehung aktiv war: Als bei seiner Mutter lebender Bulle Morris Blümel hat er in BIZARRE MORDE (NO WAY TO TREAT A LADY) die Aufgabe, den psychopathischen Frauenmörder Rod Steiger dingfest zu machen. In jenem Film sind es gleich zwei muttergestörte Protagonisten – auf jeder Seite des Gesetzes einer...
P.S.: Dies ist der Auftakt zu einem neuen Artikel, in dem ich von jiddischem Humor geprägte schwarze Hollywood-Komödien der frühen 70er näher beleuchten will. Der soll heißen: "Wenn der Rabbi zweimal klingelt". Demnächst mehr dazu.
















