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Ich habe dir niemals einen Hasenbraten versprochen - Filmforen.de - Seite 25,3333333333

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Ich habe dir niemals einen Hasenbraten versprochen


776 Antworten in diesem Thema

#731 Cjamango

    Pauschalterrorist

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Geschrieben 23. August 2009, 11:48

The Inglorious Basterds (Schauburg-Kino, Gelsenkirchen)

Zu THE INGLORIOUS BASTERDS was zu schreiben, fällt mir sehr schwer, denn eigentlich möchte ich mir mein gestriges Kinoerlebnis nicht zerplappern. Schon direkt nach dem Anschauen hatte ich Probleme damit, mich mit meinen Mitkuckern auszutauschen. Eine Freundin drückte es so aus: Sie fühle sich, als habe sie sich komplett überfressen, habe aber kein Bauchweh oder irgendwelche anderen unangenehmen Effekte. In allen Augen herrschte nur ein inniges Leuchten. Gefallen hat er uns allen.

Wie immer hatte ich keine vorbereitenden Berichte gelesen und wußte somit kaum, was mich erwarten würde. Ich leide für gewöhnlich, wenn ich Filme über den Zweiten Weltkrieg sehe, zumal ich seit ca. 20 Jahren der Auffassung bin, daß der Zuschauer entweder voll einen vor die Glocke bekommen oder mit etwas Irritierendem und Verstörendem konfrontiert werden sollte, das ihm einen nachhaltigen Schluckauf verursacht und ihn dazu zwingt, vorgefaßte und zum Holzblock geronnene Ansichten zu revidieren. In der Regel bekommt man stattdessen gutgemeinte und halbherzige Geschichtsstunden serviert, die an niemandes Tür kratzen und kein Denken in Gang setzen. Es setzt dann der RAIN MAN-Effekt ein: Viele Leute zerdrücken ein Tränchen, der arme Dustin Hoffman, aber für Autisten interessiert sich im Nachhinein keine Sau.

THE INGLORIOUS BASTERDS tritt Ärsche vom Anfang bis zum Ende. Er ist grandios in seiner Respektlosigkeit, erzeugt widersprüchlichste Gefühle, demontiert Mythen und ballert aus allen Rohren. Der Anfang zitiert SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD und liefert einen ellenlangen Prolog, der schon einmal jeden Liebhaber klassischen Spannungskinos auf den Folterstuhl setzt. Christoph Waltz hat seine erste große Szene, und was er da abzieht, war wirklich nicht von dieser Welt. Merke: Filme, die über gute Schurken verfügen, können gar nicht mehr danebengehen! Waltz ist ein glorreicher Schurke, er schleimt, charmiert, droht, wirkt galant, gewandt und verstört durch bizarre Gefühlsausbrüche, die immer andeuten, daß unter seiner Fassade ein psychopathisches Gemüt wohnt. Latte bis ans Kinn! Gebt dem Mann keine Axt – gebt ihm einen Oscar! Dann kommen die „Basterds“ – eine Gruppe jüdisch-amerikanischer Soldaten, die hinter den feindlichen Linien operiert und nur ein Ziel kennt: Nazis killen! Und zwar nicht nur killen, sondern nach Möglichkeit auch noch skalpieren und ausweiden! Ihre Taten sollen die Nazis bis ins Unterbewußte verfolgen und mit Angst erfüllen. Zu den „Basterds“ gehören neben Brad Pitt (der in einigen Szenen Grimassen schneidet, die ihn wie eine Kreuzung aus Mario Adorf und Helge Schneider aussehen lassen!) auch Eli Roth (der „Bärenjude“ mit dem Baseballschläger!), Til Schweiger und Gedeon Burkhard. Was die deutschen Schauspieler angeht, so hat sich Tarantino bei der Créme bedient. Was August Diehl als Gestapo-Offizier abzieht, ist auch etwas fürs Schatzkästchen. Daniel Brühl ist unglaublich schmierig als Kriegsheld und Filmstar. Sylvester Groth als Goebbels ist famos, Martin Wuttke als Hitler unglaublich. Auch in Nebenrollen sind zahlreiche Bekannte zu entdecken. Wußte z.B. gar nicht, daß Freund Bela einen Auftritt hat, bei dem er allerdings nur zwei Sekunden zu sehen ist, hihi...

Von Enzo G. Castellaris Original sind nur gewisse Grundzüge übriggeblieben. Daraus hat Tarantino eine schwarze Komödie gebastelt, bei der man sich niemals auf sicherem Boden wähnen kann. Alles kann passieren. In gewisser Weise hat er mit INGLORIOUS BASTERDS seinen bisher reifsten Film abgeliefert, da hier nicht die kalkulierte Formlosigkeit regiert, sondern alles vorbildlich zusammenläuft und das Bild einer wahnsinnig gewordenen Welt erzeugt, in der es kaum Konstanten gibt, vom Nazikillen mal abgesehen. Tarantino verwendet Szene für Szene B-Film-Standards, sabotiert sie dann selber, zerstört damit jede Sicherheit, in der sich der Zuschauer wiegen kann. Meine Lieblingsszene findet im Wirtshauskeller statt, in der eine unglaublich intensive Unterhaltung, die gut 15 Minuten dauert, durch einen plötzlich losbrechenden Gewaltsturm abgebrochen wird, der mich nur noch japsend im Kinosessel zurückließ. („Sag deinen Nazi-Eiern Auf Wiedersehen, Arschloch!“) Männerfilme, Kriegsfilme – nichts wird mehr so sein, wie es mal gewesen ist. Mehr möchte ich gar nicht verraten – anschauen! Genießen!
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#732 Cjamango

    Pauschalterrorist

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Geschrieben 28. August 2009, 15:23

Wer klopft denn da an meine Tür? (DVD)

Die Abenteuer einiger junger Männer im New Yorker Bezirk Little Italy.

Als ich gerade das Computerspiel „Der Gottvater“ (Titel verändert, da indiziert!) gespielt habe, sprach ich den Namen des Stadtteils immer „Liddeliddeli“ aus. Es dauerte nicht lange, und ich hatte den Stadtteil unter Kontrolle. Martin Scorseses Karriere begann in Liddeliddeli, und er hat jetzt die ganze Welt unter Kontrolle! Daß dies auch seine Richtigkeit hat, demonstriert dieses Frühwerk, das als eine Art Studentenprojekt begann und über einen Zeitraum von drei oder vier Jahren hinweg kontinuierlich weiterentwickelt wurde. Das fertige Resultat weist sicherlich Unebenheiten auf, die auf die Guerillataktik zurückzuführen sind, nach der der Film entstand. Für ein Erstlingsprodukt ist er aber reinstes Zauberwerk, und wer näher mit den Arbeiten des Regisseurs vertraut ist, findet hier bereits viele thematische Fixierungen, die Scorsese in späteren Jahren noch ausbauen sollte. WHO'S THAT KNOCKING ist ein Film über die Entwicklung von Männern, die eigentlich entwicklungsresistent sind. Sie sind hineingeboren worden in ein Milieu, das seinen Einwohnern klare Maßgaben mit auf den Weg gibt. Anhand der Hauptfigur (ein blutjunger Harvey Keitel) zeigt er, wie schwer es für die Partizipanten ist, aus diesem Geflecht auszubrechen, zumal sie das in der Regel ja auch nicht wollen. Das Tolle an diesem Debüt ist, daß es aus unzähligen Szenen besteht, in denen eigentlich fast gar nichts geschieht. Trotzdem besitzen sie alle eine interne Spannung, die von realistischen, improvisiert wirkenden, tatsächlich aber fast vollständig geskripteten Dialogen getragen wird. Wie auch in späteren Scorseses hat Sprache eine milieubestimmende Funktion. Die jungen Männer plappern ohne Unterlaß, meistens über Dinge, die komplett nebensächlich sind. (Hat mich an den Anfang von RESERVOIR DOGS erinnert...) Sie definieren durch das fortwährende Gerede ihre Beziehung zueinander, unausgesprochen auf Dauerflucht vor ihren Privatdämonen. Für den Keitel-Charakter treten diese Dämonen in den Vordergrund, als er sich in eine junge Frau verliebt und keine Ahnung hat, wie er sich ihr gegenüber positionieren soll, kommt es bei Liebe doch auf ganz andere Dinge an als auf Gerede. Die Dialoge sind ungemein dynamisch, werden von Scorsese unauffällig, aber enorm effektiv arrangiert, wobei schon auffällt, daß ihm bereits zu diesem frühen Zeitpunkt seine Cutterin Thelma Schoonmaker zur Verfügung stand. Bei minderbegabten Regisseuren hätten die Szenen, aus denen der Film besteht, langweilig oder aufgeblasen gewirkt. Scorsese hingegen trifft niemals einen falschen Ton. Man merkt dem Film an, daß der junge Regisseur haargenau gewußt hat, was er erreichen wollte. Das Resultat ist locker, fließend, niemals banal, erzählt viel über das Miteinander von Menschen und ihren Grenzen. Die DVD enthält neben einem Audiokommentar von Scorsese und seinem Assistenten eine vorzügliche Featurette, die die Entstehungsgeschichte des Filmes erläutert. Es spricht viel dafür, Martin Scorsese zu seinen Lieblingsregisseuren zu zählen. Bei mir ist das ganz sicher der Fall. In meiner Privatretrospektive widme ich mich jetzt erst einmal den frühen Kurzfilmen, von denen ich die meisten noch gar nicht kenne...
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#733 Cjamango

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Geschrieben 31. August 2009, 19:24

It's Not Just You, Murray! (aus dem Hudson River geborgen)

Martin Scorseses früher Studentenfilm hat mich ziemlich aus dem Sessel geblasen, zumal er wie eine Vorstudie zu des Regisseurs späteren Mafiafilmen wirkt. Erzählt wird die Geschichte des „made man“ Murray, der uns von seinem guten Freund Joe erzählt, dem er seinen kometenhaften Aufstieg zu verdanken hat. Murray bedient sich bei seiner Version der Geschichte einer guten Portion Westentaschen-Grandezza, mit der er die schmuddelige Wirklichkeit zu einer echten amerikanischen Erfolgsgeschichte umdefiniert. Regisseur Scorsese bedient sich – abgesehen natürlich von dem, gelinde gesagt, mäßig verläßlichen Erzähler – einer ironisierenden Verwendung von populärer Musik, sehr trockenen Humors und genüßlich schmieriger Figuren, die uns ihren Honig um den Bart schmieren wollen. Man merkt dem Film an, daß Scorsese noch ganz jung und hungrig war und allen zeigen wollte, was er kann. Es setzt Multi-Screen-Effekte, tolle Schnittmontagen, ein fellinieskes Ende und sogar eine Revueszene! Was für ein Studentenfilm... Wer sich das Werk zu Gemüte führen will, kann das hier tun:

http://www.hollywood...castEP36-3.html

Ist das "Casino" als Kurzfilm, oder ist das nicht "Casino" als Kurzfilm?!?
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#734 Cjamango

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Geschrieben 04. September 2009, 12:23

Cassandras Traum (DVD)

Das Leben ist kein Zuckerschlecken für Ian und Terry. So unterschiedlich die beiden Brüder auch sind – der eine intelligent und ambitioniert, der andere eher schlicht, aber gutmütig –, so gleichen sich die beiden in ihrem Bestreben, der häuslichen Enge zu entfliehen und sich eine gesicherte Existenz auf die Beine zu stellen. Dabei halten sie zusammen wie Pech und Schwefel, denn Familie ist Familie. Dies betont auch Onkel Howard, der in die USA gegangen ist und als die große Erfolgsgeschichte der Familie gilt. Howard steckt nämlich in geballten Schwierigkeiten. Das Lügengebäude, auf dem er seinen „Erfolg“ konstruiert hat, steht kurz vorm Einsturz. Nun, da ihm das Wasser bis zum Halse steht, wendet er sich an seine Neffen: Sie sollen einen Belastungszeugen aus dem Weg räumen. Obwohl sie zunächst entsetzt ablehnen, befassen sie sich dann doch ernsthaft mit dem Angebot. Doch sie müssen erkennen: Wenn man einmal eine Grenze überschritten hat, gibt es kein Zurück...

CASSANDRA'S DREAM ist der dritte Film in Folge, den Woody Allen in Großbritannien gedreht hat, und wüßte man nicht, daß der New Yorker Neurosenpapst hinter dem Werk steht, würde man es kaum erraten. Tatsächlich ist die Story reinster Woody Allen, handelt von Schuld und Sühne, von den unentrinnbaren Folgen, die die Entscheidungen der Menschen nach sich ziehen. Sowohl dieser Film als auch MATCH POINT wurden als Thriller vermarktet, was sie – trotz einiger sehr spannender Szenen – nicht sind. Eher ähneln sie den naturalistischen Dramen, mit denen Allen in den 70ern und 80ern Bergman Konkurrenz gemacht hat, mit dem Unterschied allerdings, daß die neuen Filme lange nicht so hermetisch geraten sind. (Wiglaf Droste bezeichnete die älteren Allen-Bergmänner mal als „Langeweile auf hohem Niveau“...) Von den beiden neuen Filmen ist MATCH POINT der elegantere, erzählt seine im britischen Oberklassen-Milieu spielende Geschichte mit großer Raffinesse und einer Doppelportion Dostojewsky im Handgepäck. CASSANDRA'S DREAM ist der zugänglichere der beiden, aber auch der düsterere, denn für die Arbeiterhelden des Filmes (Ewan McGregor und Colin Farrell: erste Sahne!) macht der Autor Allen nicht viel Hoffnung aus. Beide Hauptfiguren haben Träume, die mehr oder weniger unrealistisch sind. Wie auch MATCH POINT befaßt sich der Film mit der Rolle des Zufalls, des Glücks, die den vorsichtig kalkulierten Plänen der Protagonisten immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Man kann das Glück bis zu einem gewissen Punkt erzwingen, ergibt sich doch viel aus der individuellen psychologischen Zusammensetzung der Figuren, aber ob der Ball auf der einen oder der anderen Seite des Netzes landet, hängt meistens von Faktoren ab, die niemand kontrollieren kann. Auch CASSANDRA'S DREAM handelt in seinen entscheidenden Passagen von eben diesen goldenen Momenten, die über Sieg oder Niederlage entscheiden. Ich finde es wirklich toll, daß Allen auf seine alten Tage auch mal mit neuen Formaten experimentiert, die im Zusammenhang mit seinen angestammten Themen ganz prima funktionieren: CASSANDRA'S DREAM ist ein aufwühlendes, sehr emotionales Kriminaldrama, getragen von hervorragenden Schauspielern und einem ebenfalls überraschenden Score von Philip Glass. Wer für gewöhnlich mit Allens Filmen nicht so viel anfangen kann, sollte hier mal reinschauen. Wer sich eher dem lustigen Allen verpflichtet fühlt, kann sich ja mit SCOOP befassen, dem mittleren Film der Briten-Trilogie, der Erinnerungen weckt an Sachen wie BROADWAY DANNY ROSE oder MANHATTAN MURDER MYSTERY.
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#735 Cjamango

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Geschrieben 04. September 2009, 17:43

Große Lüge Lylah Clare (TV)

Lylah Clare war einst ein großer Filmstar, und auch nach ihrem tragischen Unfalltod bewegt sie die Gemüter ihrer Fangemeinde. Als dem Regisseur Lewis Zarken angetragen wird, das Leben der Schauspielerin zu verfilmen, lehnt er kategorisch ab. Erst als ihm eine unbekannte Aktrice präsentiert wird, die der Verstorbenen auf geradezu unheimliche Weise ähnelt, leckt er Blut. Das Filmprojekt kommt in Gang, doch immer mehr wird klar, daß die Ereignisse sich auf verhängnisvolle Weise zu wiederholen scheinen...

Na, da hat Robert Aldrich mal wieder richtig zugelangt: Neben John Schlesingers DER TAG DER HEUSCHRECKE ist THE LEGEND OF LYLAH CLARE einer der bösartigsten Filme über Hollywood, die jemals gedreht wurden, hergestellt zu einer Zeit, als sich in der Traumfabrik eine Tendenz zur Selbstgeißelung zu etablieren begann. LYLAH CLARE macht keine Gefangenen und serviert ein Sortiment von grimmigen Karikaturen, die Aldrichs schäumenden Ekel vor der Heuchelei des Kunstbetriebes verraten. Aldrich deutet an, daß das Filmgeschäft von ebensolchen Karikaturen am Laufen gehalten wird, von Menschendarstellern, deren Lüge für sie selbst schon lange Wahrheit geworden ist. Ihr Job ist der der Legendenbildung, bei der sie selber den großen Zampano markieren, tatsächlich aber völlig hilflos verstrickt sind in ihre eigenen Obsessionen. Künstler erscheinen bei Aldrich entweder als unschuldiges Rohmaterial, das geformt und dadurch zerstört werden soll, oder als impotente und egozentrische Clowns, deren Selbstverachtung sich in Menschenverachtung gewandelt hat. Peter Finch ist brillant als ehemaliger Regiestar, der nach dem Tod seiner Muse Lylah Clare nichts mehr auf die Reihe bekommen hat. Die „Wiedergeburt“ seines Stars gibt ihm die Gelegenheit, die Vergangenheit neu zu durchleben und – vielleicht – zu ändern. Kim Novak habe ich niemals so gut gesehen. Als zweitklassige Schauspielerin Elsa ist sie gezwungen, in die Haut einer toten Frau zu schlüpfen und stellt fest, daß die Legende der Toten (all das, was die Umwelt in sie hineinprojiziert hat) viel mächtiger ist als ihr eigenes unsicheres Ego. Die graduelle Verwandlung von Elsa in Lylah ist erschütternd und wird von Aldrich in gewohnt unbarmherziger Weise eingefangen. Was bei der alten Bette Davis in BABY JANE und vor allem in WIEGENLIED FÜR EINE LEICHE an Faszination am Verfall mitschwang, wird hier noch intensiviert durch knallige Farben und grelle Beleuchtung. Durch diese Form des überhöhten Realismus wird aber keine fellinieske Verklärung erreicht, sondern eine schonungslose Enttarnung der Lügen, aus denen die Welt der Figuren besteht. Ernest Borgnine hat eine schöne Rolle als geldscheffelnder Produzent, und da der Film in Italien spielt, gibt es auch noch eindrucksvolle Auftritte von Rossella Falk, Valentina Cortese und Gabriele Tinti.

Die handelnden Figuren in Lylah Clare sind alle gefangen in ihrer eigenen Welt des Wunschdenkens, der sie sich ergeben haben aus Angst vor dem wirklichen Leben. Sie zitieren Filme, sie zitieren vergangene Situationen, alles andere wird von ihnen verlacht oder wütend bekämpft. Was immer sie bewegt in ihrer Versteinerung, riecht streng nach Sadomasochismus, Täter und Opfer rund um die Uhr. Das Hollywood, das der Film präsentiert, ist stolz auf seine Narben und Verstümmelungen und zeigt sie vor, ans Licht gezerrt von den Marktschreiern und Gebrauchtwagenverkäufern. LYLAH CLARE endet mit einer Hundefutterreklame und läßt keine Fragen offen.

Außer dieser: Warum gibt es den Film eigentlich noch nicht auf DVD?
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#736 Cjamango

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Geschrieben 05. September 2009, 15:06

D.N.A. - Genetic Code (DVD)

Wo anfangen? Also: Mark Dacascos spielt einen Wissenschaftler, der einst vor einer bahnbrechenden Entdeckung stand, die Schluß gemacht hätte mit Krebs und Aids – eine Art künstliches Enzym auf Käferbasis, das das menschliche Immunsystem in Supermann verwandeln kann. Da es ihm nicht gelang, den Code des Enzyms zu knacken, war Gelächter sein Schicksal, und so zog er in den Urwald von Borneo, um den Eingeborenen zu helfen. (Warum er dies tat, erklärt das vorzügliche Drehbuch nicht. Vermutlich wurde er strafversetzt.) Nun, auf einmal taucht Jürgen Prochnow auf, ein weiterer Wissenschaftler, dem es scheinbar gelungen ist, den Code zu knacken. Dacascos läßt daraufhin Eingeborene Eingeborene sein und geht mit Jürgen auf große Entdeckungsreise. Sie begeben sich in den Teil des Urwaldes, wo Mark einst die Käfer fand. Auf einmal stehen sie vor einer Gruft, die mit einer Lehmwand verschlossen ist, auf die eine mysteriöse Warnung gekritzelt ist. Mark und Jürgen folgern messerscharf, daß die gesuchten Käfer hinter der Wand zu finden sind. Die Eingeborenen zieren sich kurz, ziehen dann aber mit. In der Gruft finden sie einen Gipskopf, der einem Dämon gehört, der „Ballack“ oder „Baller-Kai“ oder so heißt. Ein Eingeborener greift in ein Felsloch, und voilà – da ist der Käfer! Dummerweise zieht Jürgen nun einen Revolver und ballert wild um sich. Der angeschossene Mark wird zurückgelassen. Jürgen entdeckt draußen ein weiteres Grab, das aus einem Haufen Dreck besteht. Glücklicherweise liegt aber ein Skelett herum, das einem käferesken Urzeitwesen zu gehören scheint – Ballack? Szenenwechsel. Mark hat überlebt und ist in die Stadt zurückgekehrt, wo ihn eine C.I.A.-Agentin (blond) aufsucht. Sie hat einen Original-C.I.A.-Koffer dabei mit einer unmißverständlichen Papierbanderole. Könnte auch ein Aufkleber aus dem Supermarkt sein, sieht aber schwer offiziell aus. Wie es scheint, arbeitet Jürgen im Auftrag der amerikanischen Regierung, aber die Experimente mit Ballack sind aus dem Ruder gelaufen. Zusammen mit einem kleinen Eingeborenenkind begeben sie sich zurück in den Dschungel, um der Hybris des Jürgen Einhalt zu gebieten...

Dies ist haargenau jene Sorte von grobem Unfug, wegen dessen/dem/den ich Genwissenschaftler geworden bin! Zuerst einmal ist es lustig, sich vorzustellen, Hübschie Mark Dacascos könne alleine eine Spritze aufziehen, geschweige denn ein Käfergenom knacken. Er trägt seine Chippendale-Tänzer-Frisur mit großer Anmut und wäre der Superstar im Duschtrakt des örtlichen Gefängnisses. Als Dr. Schweitzer in Nöten liefert er eine seiner reifsten schauspielerischen Leistungen ab. („Stanislawski? War das ein Kosmonaut?“) Es ist etwas rätselhaft, warum seine Anwesenheit bei einer geheimen und höchst gefährlichen C.I.A.-Mission erforderlich ist, aber das ist eben eine jener Missionen, mit der man ein blondes Model betraut, das irgendwann mal einem Mann eine gute Ehefrau abgeben wird. Die namenlose Darstellerin hat eine entwürdigende Kate-Capshaw-Rolle zu absolvieren, ist im Dschungel völlig aufgeschmissen und weiß vermutlich nicht einmal, wie spät es ist. Sie entspricht voll und ganz dem Bild, das ich vom C.I.A. habe. Daß der Film auf den Philippinen gedreht wurde und nicht in Borneo, versteht sich natürlich von selbst, und der ethnische Mischmasch, der einem hier als Uga-Uga-Neger (feat. Glasperlen und Stammestänze) serviert wird, ist schon recht schillernd. Kurzum, es handelt sich um lustigen Schlonz mit Monster, der mit viel Knabbergebäck durchaus Spaß machen kann. Ob der (nicht mehr ganz neue) Film Jürgen Prochnow Spaß gemacht hat, weiß ich nicht. DIE VERROHUNG DES FRANZ BLUM isser nicht gerade, aber immerhin ist ein Arbeitsurlaub auf den Philippinen herausgesprungen. Noch toller hätte ich es allerdings gefunden, wenn er die Perücke aus IN THE MOUTH OF MADNESS getragen hätte oder zumindest die Kapitänsmütze aus HOUSE OF THE DEAD, aber das Leben ist kein Wunschkonzert. Immerhin ist er demnächst in der neuesten Staffel meiner derzeitigen Lieblingsserie zu bewundern. („Ich gehe jetzt rein!“) D.N.A bietet eine willkommene Gelegenheit, den Kopf abzuschalten und ganz leicht werden zu lassen. Ich fühlte mich erinnert an die italienischen Schmonzetten aus den 80ern, in denen ebenfalls andauernd synthetische Südamerika-Rhythmen zu hören waren. (Borneo?) Tja, wenn Bruno Mattei APOCALYPSE NOW mit PREDATOR gekreuzt hätte, dann wäre wohl etwas Ähnliches dabei herausgekommen...

P.S.: Ich hoffe, die Produktionsfirma hat Nicotero und Berger wenigstens ein gutes Essen spendiert, denn Geld für Effekte wird nicht überreichlich vorhanden gewesen sein, muhaha...
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#737 Cjamango

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Geschrieben 05. September 2009, 18:50

Untraceable (DVD)

Jennifer Marsh (Diane Lane) ist FBI-Agentin und arbeitet in einer Spezialabteilung für Internetkriminalität. Der graue Alltag mit seinen Bankdatenabzockern und Raubkopierern wird auf einmal unterbrochen von etwas ganz Neuem: Eine Website bietet den Zuschauern den Live-Tod eines süßen Kätzchens an. Bei dem charmanten Vierbeiner bleibt es aber nicht: Schon bald tauchen menschliche Opfer vor der Webcam des Unholdes auf. Besonderer Kick: Je mehr Kunden sich einklicken, umso schneller geht die Hinrichtung des Opfers vonstatten, der Zuschauer zum Mittäter gemacht. Erwartungsgemäß schnellen die Quoten hoch. Jennifer hat alle Hände voll zu tun, und sie muß schließlich erkennen, daß der Mörder auch vor ihrem privaten Umfeld nicht haltmacht...

Schön zu sehen, daß Diane Lane erwachsen geworden ist! Die gute Frau hat nie besser ausgesehen. Was den Film angeht, so ist UNTRACEABLE ein weitgehend professionell gemachter und spannender Serienmörderthriller, der seinen Oberflächenreiz aus dem Spiel mit den Möglichkeiten des weltweiten Gewebes zieht. Dem zugrunde liegen natürlich irrationale Vorstellungen, die bei jeder Killerspieldebatte wieder aufflammen: Das Internet ist unheimlich, weil da irgendwie das Böööse drin wohnt... All der Saukram, den Menschen so anrichten, findet da sein natürliches Zuhause. Das ist natürlich gläubischer Kokolores, der den Film bisweilen unangenehm in die Richtung solcher erzkonservativen Mahn-Schocker wie 8MM oder THE FLOCK rückt. Denkt man ein wenig über die aufgesetzte Medienkritik des Filmes nach, so fällt die Nähe zur SAW-Reihe auf, deren Killer ja auch grotesk aufwendige Mordmethoden ersinnen, die im Rahmen des Filmes nur eine Funktion haben – nämlich die ach so „perverse“ Faszination der Zuschauer an den grausigen Spektakeln auszubeuten, die die Filme gleichzeitig den Mördern in die Schuhe schieben, somit verteufeln. Auch UNTRACEABLE lehnt sich da ein bißchen weit aus dem Fenster, denn natürlich gibt er dem Affen Zucker und läßt z.B. ein Opfer ein Bad in Batteriesäure nehmen. Ernstnehmbar ist die Kritik somit keine Sekunde, lediglich dekoratives Beiwerk, ein Raunen im Walde, in dem die bösen Räuber hausen. Will man aber nur einen spannenden Thriller kucken, lohnt sich UNTRACEABLE trotzdem, da er recht geschickt gemacht ist. Sachen wie COPYKILL oder SUSPECT ZERO holt er dabei durchaus ein, aber SEVEN ist natürlich weit, weit weg...
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Geschrieben 06. September 2009, 14:07

Bedingungslos (DVD)

Warum machen die Dänen eigentlich so gute Filme?

Jonas ist Polizeifotograf und zuständig für Tatortfotos. Mit seiner kleinen Familie führt er ein überschaubares, solides Dasein. Man träumt von der Reise nach Polynesien, von der man weiß, daß sie niemals zustandekommen wird. Da schlägt der Blitz ein: Direkt vor Jonas und seiner Familie ereignet sich ein fürchterlicher Autounfall. Die einzige Überlebende, Julia, landet im Koma. Durch ein Mißverständnis hält man Jonas, der die Verunglückte im Krankenhaus besuchen will, für ihren Freund Sebastian, den die Familie niemals gesehen hat. Aus dieser Nummer kommt Jonas nicht so schnell wieder raus, und so pflegt er sie und baut eine ungesunde Neigung zu ihr auf. Das geht solange gut, bis sie aus ihrem Koma erwacht...

Ole Bornedal kennt man hierzulande hauptsächlich wegen seines international erfolgreichen Thrillers NIGHTWATCH, dessen Hollywood-Remake er selber besorgte. BEDINGUNGSLOS (Exporttitel: „Just Another Love Story“) fand ich deutlich, deutlich besser. Der Film erzählt eine obsessive Liebesgeschichte, wie man sie aus zahlreichen Noir-Thrillern kennt. Jonas führt eine oberflächlich befriedigende Existenz. Nach außen hin wirken er und Mette wie das perfekte Paar. Doch als das Unerwartete eintritt, bekommt Jonas die Gelegenheit, in eine fremde Identität hineinzuschlüpfen und dort seine eigenen Wunschträume zu verwirklichen. Daß ihn dabei auch die Sehnsucht nach der Schlangengrube treibt, ist ihm zunächst nicht ganz klar, doch langsam sickert auch bei ihm die Erkenntnis durch, daß er sich mit diesem Rollenspiel mehr abgebissen hat, als er schlucken kann. Es ist die große Leistung des Regisseurs und Autors Bornedal, daß diese auf dem Papier konstruiert wirkende Geschichte sehr nachvollziehbar erscheint, auch wenn man den Protagonisten in seiner Sehnsucht nach Romantik und Verhängnis nicht wirklich einschätzen oder bewerten kann. Bei Lichte betrachtet handelt Jonas auf seinem Weg in den Walfisch bodenlos egoistisch, riskiert das Glück der Leute, die auf ihn bauen, und das alles auf Grundlage einer Rechnung, die kaum aufgehen kann. Er tauscht ein Leben in Unaufrichtigkeit gegen ein anderes Leben in Unaufrichtigkeit ein. Sein Lohn ist die Reise in die Nacht. BEDINGUNGSLOS ist in seinen gestalterischen Mitteln alles andere als zurückhaltend. Bei einem minder begabten Regisseur hätte die starke Betonung der formalen Komponente wahrscheinlich wie ein Hangeln nach Oberflächenreizen, nach Kunststückchen ausgesehen, aber Bornedals Inszenierung und Erzählweise ist so flüssig und so präzise, daß man als Zuschauer ständig in der Story bleibt und gelegentlich mit offenem Mund davor sitzt. Das ist einfach grandios. Ich würde mich sogar dazu versteigen, den Film in eine Liga mit Meisterwerken wie dem gleichfalls sehr artifiziell geplotteten VERTIGO zu packen, immerhin meinem Lieblings-Hitchcock. BEDINGUNGSLOS ist ein sehr starker Film, der jenseits seiner Thriller-Romanze über erstklassig gezeichnete Figuren verfügt, die einem nicht immer sympathisch sind, aber beträchtliches Eigenleben besitzen. Nein, der Film hat mich wirklich weggeblasen! Der ist sowas von gekauft...

Bearbeitet von Cjamango, 06. September 2009, 14:08.

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Geschrieben 06. September 2009, 17:00

JCVD (DVD)

Der beliebte belgische Weltstar Jean-Claude Van Damme kämpft um das Sorgerecht für seine Tochter Gloria. Als er in seiner Heimatstadt Berchem vorbeischaut, überschlagen sich die Ereignisse. Extrablatt: Jean-Claude Van Damme überfällt ein Postamt...

Ich kann leider aus Gewissensgründen nicht mehr von der Story verraten, denn Spoiler trifft der Blitz! Tatsache ist, daß ich hier mal wieder einen Blindkauf gewagt habe, denn den Beschreibungen nach konnte der Film eigentlich nicht danebengehen. In vier Kapiteln (eines heißt: „Stein fällt auf Ei, Ei kaputt“) erzählt der Film eine Episode aus dem Leben von JCVD, die wohl nicht zu seinen Kaiserstunden zählt. Mit leichter Hand vermischt er vermutlich Autobiographisches mit Fiktion, bedient sich dabei einer Strategie, die dem Hollywood-Actioner 8 BLICKWINKEL nicht unähnlich ist – in jedem Kapitel werden den Vorgängen neue Informationen hinzugefügt –, und das Resultat ist nicht nur Van Dammes untypischster Film, sondern eine interessante Erfahrung für all jene, die ihn für einen unsympathischen Dummproll halten. Daß Van Damme seinen Heldenmythos gerne ironisch unterläuft oder nachgerade demontiert, ist für Genrefans nichts Neues. In IN HELL etwa spielt er einen ganz normalen Zeitgenossen, der unter widrigen Umständen Angst bekommt, weint und sogar kotzt. Der belgisch-französische JCVD geht noch einen Schritt weiter und konfrontiert den realen Menschen Van Damme mit seiner Kunstfigur. Daß der Film nicht zu einer beliebigen Zirkusnummer wird, sondern tatsächlich zu einer interessanten Reflexion über die Hintergründe von Starkult und Mediengeschäft, liegt an dem gescheiten Konzept von Regisseur Mabrouk El Mechri und seinen Drehbuchautoren, die das Naheliegende scheuen und immer wieder mit Überraschungen aufwarten. JCVD ist weit von einer eitlen Nabelschau des Produzenten Van Damme entfernt, sieht man einmal davon ab, daß er sich hier auch als begabter Schauspieler präsentiert. Es gibt mitten im Film einen surrealen inneren Monolog, in dem Van Damme minutenlang über seine Erfahrungen als Star und die Auswirkungen seiner Karriere auf die Welt sinniert, zu keinem erfreulichen Ergebnis gelangt und sehr überzeugend zu heulen anfängt. Ich habe bei der Szene eine Gänsehaut bekommen! Auch ansonsten überzeugt der Film auf der ganzen Linie. Der Schluß ist großes Tennis.

Während des Filmes bekommt ein frustrierter Van Damme Bescheid, daß ihm Steven Seagal eine Filmrolle weggeschnappt hat. Eines weiß ich mit Sicherheit: Abgesehen vielleicht noch von Dolph Lundgren gibt es derzeit keinen anderen Actionstar, dem ich solch ein intelligentes und erhellendes Experiment zutrauen würde. Für den Star Van Damme muß dieser Film ein gewisses Wagnis dargestellt haben, aber die Rechnung ist aufgegangen. Was soll ich sagen – ich empfehle den Blindkauf!

Bearbeitet von Cjamango, 06. September 2009, 17:03.

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Geschrieben 07. September 2009, 12:43

Reincarnation (DVD)

Nagisa ist eine junge Schauspielerin, die überglücklich ist, die Hauptrolle in einem neuen Horrorfilm zu bekommen. Besagter Film stellt Ereignisse nach, die vor 35 Jahren zum Tod von 12 Menschen geführt haben. Ein geisteskranker Wissenschaftler ermordete nämlich seine Familie und lief Amok. Die ebenso hübsche wie sensible Nagisa stellt fest, daß sie in ihren neuen Job mehr einbringen muß als nur ihre Kreativität. Visionen von toten Menschen plagen sie, doch so richtig in den Overdrive schalten die Heimsuchungen, als die Crew das alte Hotel besucht, in dem sich das Gemetzel zutrug. Nagisa vermutet, sie könne eventuell die Reinkarnation des Mädchens sein, das sie darstellen soll. Doch ist sie das wirklich?

Was an REINCARNATION erst einmal auffällt, ist die Entwicklung von Takashi Shimizu als Techniker, denn handwerklich kann man den Film nur als samten bezeichnen. Elegant streicht die Kamera durch die Sets, düster grummelt es auf dem Soundtrack. Daß er den irrationalen Horror der JU-ON-Filme hier mit einem Wiedergeburts-Thema anreichert, läßt den Film etwas kompakter erscheinen und möglicherweise leichter zu schlucken für westliche Sehgewohnheiten. Zum Glück (!) erschöpft sich RINNE (wie er im Original heißt) nicht in einer simplen Todesfall-Routine, in der die Geister sich professionell von Wiedergeborenem zu Wiedergeborenem hangeln. Auch erfreut die Dialogspur durch angenehme Dezenz – nichts wird zu Tode erklärt, wie mich das in den Hollywood-Filmen immer so nervt. Stattdessen wird man als Zuschauer irritiert, tappt gelegentlich genauso im Dunkeln wie die Protagonistin. Der Schlußteil hat mich dann endgültig überzeugt, da er die Vorgänge in einen Rausch münden läßt, in der einem endgültig der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Klare Erklärungen werden nicht präsentiert, dafür ein ziemlich abgründiges und unheimliches Ende. Hat mir sehr gefallen. Mal schauen, ob Shimizu seinen Wunsch erfüllt bekommt und irgendwann mal eine Komödie inszenieren darf. Dies hier ist definitiv keine Komödie...
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Geschrieben 07. September 2009, 15:15

Charisma (DVD)

Polizist Yabuike trifft bei einer Geiselnahme die falsche Entscheidung und wird suspendiert. Es zieht ihn in die freie Natur, wo er merkwürdige Menschen trifft und einen Baum. Bei dem Baum handelt es sich um einen Überbaum, bei den Menschen um Spaddel. Baum oder nicht Baum, das ist hier die Frage. Auf welcher Seite steht der wackere Gesetzeshüter?

Ein etwas älterer Film von Kiyoshi Kurosawa, der das Format der schwarzen Komödie gewählt hat, um seine Apokalypsengeschichte zu erzählen. Sehr verwirrend, molto strano, und obwohl offensichtliche Komödienelemente spärlich gesät sind, erinnerte er mich etwas an Richard Lesters vielleicht besten Film, DANACH (THE BED-SITTING ROOM). Kurosawa nutzt den brachliegenden Wald als „pars pro mausetoto“, als Metapher für die ganze bedrohte Natur, die aus Profitstreben und aus Ignoranz in den Orkus geblasen wird. Statt hier aber eine tumbe Parabel à la DER SMARAGDWALD anzustreben, ist in CHARISMA nicht ganz klar, ob der Baum nun die Wurzel allen Übels ist oder ein schützenswerter Sonderbaum. Die Menschen lügen wie gedruckt, viele Legenden schwirren im Raum, und Gesetzeshüter Yabuike will diesmal alles richtig machen. Auf der Suche nach der Antwort vergißt er aber mehr und mehr die Frage, so daß die Auflösung des Filmes etwas an BLOW UP von Antonioni erinnert, nur halt mit drastischeren Folgen und mit dem grünen Daumen im Genick. Kurosawa hat mit seinen späteren Filmen bewiesen, daß er sich wunderbar darauf versteht, gezielt an Genreerwartungen vorbeizuinszenieren, häufig mit exzellenten Resultaten. CHARISMA beginnt als Polizeifilm à la Kitano, wird dann aber zu etwas ganz anderem. Gerade wegen dieser Konsequenz hat mir der Film ausgezeichnet gefallen, wenngleich man etwas Geduld haben muß, um die Früchte des Baumes zu ernten. Sind keine schönen Früchte, aber wer Glücksbärchis kucken will, ist bei diesem Filmemacher ohnehin fehl am Platz...
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Geschrieben 10. September 2009, 22:50

Experiment Killing Room (DVD)

Vier Leute treffen zusammen in einem Institut, wo sie ein wenig Geld als Testpersonen verdienen wollen. Ob es sich dabei um neuentwickelte Medikamente handelt oder um andere Leckereien, wissen sie nicht. Sie bekommen es allerdings recht bald heraus, und das bedeutet für einige von ihnen den Tod...

Ein Kammerspielthriller, dessen Cover den Eindruck macht, es handele sich hier um ein Remake von Hirschbiegels DAS EXPERIMENT. Tatsächlich versucht sich THE KILLING ROOM (wie er im Original heißt) als klaustrophobisches Psychodrama im Umfeld von CUBE, SENSELESS, FIVE FINGERS und solchen Sachen, und das macht er nicht einmal schlecht. Ein geschickter Schachzug ist es, daß der Film bereits innerhalb des Komplexes (Krankenhaus? Militärstützpunkt?) beginnt, so daß dem Zuschauer nur wenig Orientierungspunkte gereicht werden. Nach etwa 5 Minuten folgt bereits die erste derbe Überraschung, und ab da entwickelt sich alles zum Überlebenstraining für einige Jedermanns, die an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gestoßen werden sollen. Die Besetzung ist für solch einen relativ kleinen Film sehr ansprechend: Als Ärzte (?) stehen Peter Stormare und Chloe Sevigny zur Verfügung, und die Versuchspersonen sind ein angenehm verwitterter Timothy Hutton, die burschikose Clea DuVall (jamm!), der Knacki aus SPLINTER und ein mir bisher unbekannter schwarzer Schauspieler, der aber schon eine eigene TV-Show hatte, die „Nick Cannon Show“. (Wie er heißt, ist mir gerade entfallen...) In manchen Reviews wird der Film in die Nähe von SAW gerückt, was aber überhaupt nicht zutrifft, da sein Schwerpunkt nicht auf Splatter-Überraschungen liegt, sondern auf kühl inszeniertem Psychoterror. Die Auflösung des Ganzen mag manchem etwas weit hergeholt erscheinen, aber mir gefällt sie eigentlich recht gut. Regisseur Jonathan Liebesman hat vorher den mittelprächtigen DARKNESS FALLS gemacht, der gut beginnt, dann aber zu einem JEEPERS CREEPERS-Gehampel wird. Danach kam dann THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE: THE BEGINNING, der zwar gegenüber Nispels Vorgabe angenehm schmuddelig wirkte, aber auch weitgehend ziellos. THE KILLING ROOM gefällt mir bisher am besten, da er relativ bescheidene Ziele hat, denen er aber gerecht wird. In Unkenntnis der Besetzung habe ich von dem Film genau gar nichts erwartet und und fand ihn dann doch sehr okay.

Bearbeitet von Cjamango, 10. September 2009, 22:52.

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Geschrieben 11. September 2009, 01:18

Book Of Blood (DVD)

Mary Florescu befaßt sich seit einem unheimlichen Kindheitserlebnis mit der Erforschung paranormaler Erscheinungen. Als sie ein verrufenes Haus einer genaueren Beobachtung unterziehen will, versichert sie sich der Dienste des medial begabten Simon, den gleichfalls eine Episode in seiner Kindheit mit der Geisterwelt verknüpft. Zusammen mit einem Kumpel Marys ziehen sie in das Haus ein, in der Hoffnung auf etwas ektoplasmischen Wirbel. Und sie bekommen mehr zu sehen von der Jenseitswelt, als sie sich in ihren finstersten Träumen hätten vorstellen können...

Von den Briten erwarte ich mittlerweile gar nichts mehr. Die letzte Granate, die ich durchlitten habe, war ein Murks namens THE SICKHOUSE. Und dann noch eine weitere Clive-Barker-Bearbeitung? Oh bitte... Tja, unverhofft kommt oft: BOOK OF BLOOD erweist sich als altmodisch inszenierte Geistergeschichte, und zwar genau von der Art, wie ich sie so liebe! Während der Grusel, den die neuen asiatischen Filme in ihren besten Momenten erzeugen, von entschieden unangenehmem Charakter ist – eigentlich eher Terror als Grusel –, gefällt sich BOOK OF BLOOD als Lieferant unheimlicher Stimmungen und dezenten Schocks. Der törichte Monolog am Anfang ließ mich Schlimmes befürchten, und auch eine durchaus blutige Episode mit einem unvorsichtigen Gothic-Fan jagte meine Erwartungen in durchaus überschaubare Höhen. Danach allerdings wuchs der Film immer mehr und erzeugte nostalgische Gefühle in meinem Herzen. Ich möchte jetzt nicht gleich zu THE INNOCENTS oder THE HAUNTING greifen, aber seit THE OTHERS habe ich – die Japaner mal ausgenommen – keinen so hübschen Geisterfilm mehr gesehen! Ich habe absolut keine Ahnung, warum die Bewertung in der IMDb so mittelmäßig geraten ist. Vielleicht ist es so, daß die jungen Zuschauer mittlerweile krachende Schockeffekte, Kameragewirbel, CGI-Gekasper, Shutter-Wackeleien und ähnlichen Zirkus erwarten. Davon gibt es hier wenig zu sehen. Stattdessen schwebt die Kamera durch dunkle Gänge, unheimliche Geräusche dringen aus den Wänden, sexuelle Wunschvorstellungen gebären schlüpfrige Träume, und am Schluß gibt es einen kleinen Trip in das Reich der Toten, der von hoher literarischer Qualität ist... Blutbücher sind wir alle, und während die physischen Aspekte der entsprechenden Barker-Geschichte größtenteils in der Rahmenhandlung untergebracht sind, werden sie doch zu einem hübschen Ende geführt, dessen dezenter Comic-Strip-Charakter daran erinnert, daß der amerikanische Regisseur John Harrison einst George Romero bei dessen CREEPSHOW assistiert und auch den hübschen Soundtrack zu jenem Film komponiert hatte. Ich würde BOOK OF BLOOD ungelogen als eine der wenigen gelungenen Barker-Verfilmungen bezeichnen und kann es nicht erwarten, den Film in meiner DVD-Sammlung willkommen zu heißen!
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Geschrieben 12. September 2009, 20:26

Plague Town (DVD)

Eine amerikanische Familie mit diversen Problemen am Start begibt sich nach Irland, um dort ihren Wurzeln nachzuspüren. Durch eine organisatorische Unachtsamkeit geraten sie in eine Gegend, wo sich Fuchs und Hase Gutenacht sagen. Tatsächlich scheint irgendetwas Grausliches mit den Bewohnern der Region passiert zu sein, da sie sich benehmen wie völlig Umnachtete. Einige von ihnen sehen zudem aus wie Zombies. Kann der Familienbund diese Herausforderung schadlos überstehen?

Das kann er nicht, soviel verrate ich schon mal! PLAGUE TOWN ist ein kleiner, semiprofessioneller Horrorschocker mit diversen schwarzhumorigen Beigaben. Da er obendrein über ziemlich saftige Splatterzutaten verfügt, wundert es mich, daß er scheinbar ungekürzt durch die FSK gekommen ist, aber die Freunde solcher Filme wird es freuen. Es wäre etwas übertrieben, PLAGUE TOWN als gutgemachten Film zu bezeichnen, zumal der Originalitätsgehalt nicht gerade berauschend ist. Ich habe in letzter Zeit aber in einer Schundflut von schlechtgemachten Horrorfilmen gewatet, und dieser hier hat mich immerhin bis zum Schluß bei Stange gehalten. Was macht er richtig? Nun, zuerst einmal gibt es einen schön saftigen Familienkonflikt: Papa hat neu geheiratet, und seine beiden Töchter – eine davon mit Psychiatrievergangenheit – hassen einander inbrünstig. Dann begeht er nicht den Fehler, seine Zuschauer lange auf die Attraktionen warten zu lassen. Eine langwierige Exposition zahlt sich eventuell aus bei Filmen, die in erster Linie von Charakterentwicklung leben, aber Exploitationfans erwarten halt etwas Remmidemmi. (Bei CABIN FEVER etwa dauerte es über 40 Minuten, bis was Interessantes passierte. Das war dann aber zugegebenermaßen lustig...) PLAGUE TOWN geht relativ rasch in die Vollen und läßt einem gar nicht Zeit dazu, sich über Engpässe logischer Natur den Kopf zu zerbrechen oder darüber, daß der Film selbstverständlich nicht in Irland gedreht worden ist... Stattdessen werden andere Köpfe zerbrochen. Das Makeup der Zombies ist recht pittoresk geraten. Es gibt eine kalkweiße, anorektische Zombietochter, die scheinbar keine Augen mehr hat, nur riesige Puppenaugen, die auf eine Mullbinde aufgeklebt sind. Es gibt eine höchst ungewöhnliche Exekution, bei der der Delinquent an einer durch seine Augenhöhlen getriebenen Gerte aufgehängt wird. Ein Film, wie geschaffen für das Nachmittagsprogramm des Bayerischen Fernsehens! Im Moment lese ich gerade Jack Ketchums Debütroman „The Offspring“, in dem es wohl um Verwandtes geht. Für einen Low-Budget-Zombiefilm war PLAGUE TOWN auf jeden Fall ganz in Ordnung. Die deutsche DVD hatte bei mir eine sehr eigentümliche Bildqualität, aber möglicherweise habe ich nur eine Zitrone erwischt, und auch so bin ich anständig durchgekommen. Also, wer Qualität und Originalität erwartet, kann sich das Entleihen sparen. Wer einen ordentlichen Splatterfilm für einen Horrorabend mit Freunden sucht, kann ruhig mal zugreifen. Knabberkram bereithalten!

Bearbeitet von Cjamango, 12. September 2009, 20:29.

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Geschrieben 15. September 2009, 18:07

The King Of Comedy (DVD)

Rupert Pupkin (Robert de Niro) ist ein 34-jähriger Botenjunge. („I'm in communications“, wie er einer Bekannten großspurig erzählt.) Privat hält er sich für einen genialen Nachwuchskomiker und trainiert sich im Keller seiner Mama für seinen ganz großen Durchbruch. Da man für einen Durchbruch auch Weichen stellen muß, drängt er sich dem gefeierten Starkomiker Jerry Langford (Jerry Lewis) auf, der ihn gepflegt abwimmelt. Aber Rupert läßt nicht locker, da er in seiner Fantasiewelt davon überzeugt ist, daß Jerry auf ihn, gerade auf ihn nur gewartet hat. Als ihn die grauenhafte Realität einholt, tut er sich mit einer gleichfalls durchgeknallten Freundin zusammen und entführt den Star...

THE KING OF COMEDY gehört zu Scorseses unterschätztesten Filmen. Das Drehbuch des Journalisten Paul Zimmerman war bereits 10 Jahre alt, als auf Drängen Robert De Niros das Projekt endlich Gestalt annahm. Von Haus aus ist der Film eine Komödie. Dasselbe Material hätte aber auch mit Leichtigkeit als Psychothriller oder als Horrorschocker abgehandelt werden können. Was De Niro in der Hauptrolle abzieht, ist erneut unbegreiflich. Ich habe mir den Film diesmal im Original angeschaut. Zu Beginn ist De Niros Stimme fast nicht wiederzuerkennen, da ihre Tonhöhe verändert ist, die Sprachmelodie ist eine komplett andere als etwa bei Travis Bickle oder Jake LaMotta. Rupert Pupkin ist eine ziemlich arme Sau, eine Art Nerd am Rande zum Soziopathentum, der seine erbarmungswürdige Existenz anderen Leuten auflastet, in diesem Fall dem Star Jerry Langford. Während De Niros Darstellung eine Comedy-Performance ist (unglaublich, wie ausdauernd der Mann lächeln kann!), spielt die Comedienne Sarah Bernhard seine Partnerin in einem regelrechten Horror-Modus – man bekommt wirklich Angst vor der Frau. Bei beiden Figuren hat man das Gefühl, daß natürliche Leidenschaft einen sehr ungesunden Weg eingeschlagen hat. Tatsächlich ist THE KING OF COMEDY ein regelrechter Sadomaso-Film, zumal es um Aggressionen geht, die sich als Zuneigung tarnen. De Niro spielt die ganze Zeit über den liebenswerten Schmock, wie er das vielleicht aus dem Fernsehen kennt, aber die ganze Zeit brodelt bei ihm eine aggressive Note, die bei der Bernhard voll zum Ausdruck kommt. (Es gibt eine tolle Fantasie Ruperts, bei der er sich vorstellt, wie ihm der neidische Star mit seinen Händen das Gesicht "zerdrückt". Der Fantasie-Langford tut kumpelhaft und professionell, wertet den Fantasie-Rupert gleichzeitig mit seinen Händen ab. Das deutet an, daß Rupert im Grunde von seinem Idol gedemütigt werden MÖCHTE. Kompliziiiert...) Komiker Langford/Lewis ist ein Vollprofi und verhält sich entsprechend gewandt im Umgang mit Neurotikern. Für gewöhnlich behält er eine ungerührte Miene, „deadpan“, denn er weiß um die Mechanismen des Gewerbes, des kommerziellen Verwurstens von natürlichen Gefühlen, anders als Rupert Pupkin, der sich vor dem Zuschauer grauenhafter Fremdscham aussetzt. (Das war zumindest bei mir der Fall!) An einer Stelle des Filmes bekommt man eine Comedy-Routine Pupkins fast komplett vorgeführt, die wunderbar unterstreicht, daß Humor im Grunde genommen eine Uminterpretation eigentlich Umstände darstellt. Die Nummer erzählt von Pupkins Leben, seiner denkbar üblen Kindheit, alkoholischen Eltern etc. – sie ist nur ziemlich komisch! Ich halte THE KING OF COMEDY für einen grandiosen Film. Das einzige, was ich nicht kapiere, ist die FSK-Einstufung ab 6, da ich mir nicht vorstellen kann, was Kinder mit solch einem Film anfangen sollen. Ein großer Erfolg wurde er nicht, da das Publikum – ähnlich wie bei Scorseses gleichfalls unterschätztem NEW YORK, NEW YORK – etwas anderes bekam als das, was es eigentlich erwartete. Hervorragend geschrieben, inszeniert, gespielt – Scorsese eben.

P.S.: Die DVD enthält eine informative Featurette, in der Scorsese und die Bernhard einiges über das Projekt erzählen.
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Geschrieben 16. September 2009, 12:14

Pig Hunt (DVD)

Eine Gruppe von Möchtegern-Soldaten begibt sich in die Wälder, um dort ein wenig zu jagen. Dabei lernen sie die alten Kumpels eines von ihnen kennen, der dort aufgewachsen ist. Die rustikalen Eigenheiten der Landbevölkerung stoßen bei ihnen auf Unverständnis. Das Unverständnis wandelt sich sehr bald in blankes Entsetzen, als Blut fließt, und zwar nicht nur das Blut unschuldiger Tiere. Und dann wäre da noch der riesengroße Monsterkeiler, den die Einheimischen nur den „Ripper“ nennen...

Ach, war das schön! PIG HUNT entführt uns in eine Ecke von Kalifornien, die haargenau so aussieht wie die finstersten Südstaaten. Das hier zu erlebende Soziotop kann man normalerweise nur in Abwasserkanälen antreffen. Die Ausgangssituation erinnert an handelsübliche Backwoods-Slasher, wird dann aber so verdammt weird, daß man seinen Augen kaum traut. Neben dem legendären Wildschwein gibt es noch quasi satanistische Drogenhippies, umgesiedelte Emus, geile Playboyweiber im Badezuber und die gesamte Hillbilly-Clique aus BEIM STERBEN IST JEDER DER ERSTE! Was genau passiert, möchte ich aus Fairnessgründen verschweigen, nur soviel: Die Vergewaltigung von Ned Beatty aus DELIVERANCE ist nachgerade harmlos... Diesen groben Unfug, der sich neben dem typischen Stadt/Land-Problem auch unterschwellig gegen Blutsport und den Kriegseinsatz der USA ausspricht, hat übrigens ein bekannter Buchautor verfaßt, Robert Mailer Anderson, dessen Roman „Boonville“ von Leuten wie Norman Mailer oder Martin Cruz Smith abgefeiert worden ist. Im Zusatzmaterial erzählt er mit ernster Miene, er sei auf einer Hillbilly-Farm großgeworden, auf der die Jagd auf Tiere zum Alltag gehörte. Jetzt lebe er mit seinem schwulen Cousin (dem Ko-Autoren des Drehbuchs) auf einer Farm im Hinterland in einer glücklichen Beziehung. Hee-haw! Das ist natürlich Kappes: In Wirklichkeit ist er glücklicher Familienvater, schreibt Artikel gegen Guantanamo und Abu Ghraib und richtet mit seiner Frau Kunstausstellungen aus... Zartbesaiteten Zuschauern ist vom Betrachten des Filmes abzuraten, da er vor Blut, Dreck und Schleim nur so starrt. Es gibt drei eklige Szenen mit Tierbezug, bei denen ich etwas schlucken mußte. Bis auf eine Szene (bei der ich mir nicht sicher bin) waren da aber talentierte Spezialeffektkünstler am Werk. Ansonsten muß man halt wegkucken. So sieht das eben aus, wenn sich ein Schwein in eine Würstchengirlande verwandelt. Die Macher des Filmes sind vermutlich keine Vegetarier, haben in bezug auf Blutsport aber offensichtlich das Herz auf dem rechten Fleck. Die musikalische Untermalung stammt von Les Claypool, dem Frontmann der tollen Band „Primus“. Ich habe bei der Schweinehatz einen riesigen Spaß gehabt – ein erstklassiger Partyfilm!

Bearbeitet von Cjamango, 16. September 2009, 12:16.

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Geschrieben 29. September 2009, 14:03

Sodom und Gomorrah (1922) (DVD)

„...und ich sach noch: Kuck nich!“ Aber das Luder will ja nicht hören...

Bevor er als Michael Curtiz Ruhm in Hollywood einheimste, drehte Mihály Kertesz unzählige Filme in seiner Heimat Ungarn und nach dem Ersten Weltkrieg in Österreich und Deutschland. SODOM UND GOMORRAH war die aufwendigste Produktion, die bis zu jenem Zeitpunkt in Österreich auf die Beine gestellt worden war. Um die 3000 Statisten wurden mobilisiert, um die Massenszenen aufzumöppeln. Julius von Borsody (Onkel von Hans) und Edgar G. Ulmer waren verantwortlich für die eindrucksvollen Bauten, die den Sodomisten ein Zuhause gaben.

Wie opulent auch die schwelgerischen Aspekte der Produktion waren, so frömmelnd und kitschig kommt die Story daher. Die Grundhandlung dreht sich um einen alten Geldsack, Harber, der von der Weltwirtschaftskrise profitiert hat, die der Erste Weltkrieg nach sich zog. Da Geld allein nicht glücklich macht, will er die hübsche Mary heiraten, welche ist ein dummes Ding aus gutem Hause. Zwar zaudert sie zunächst, ihre Jugend an den alten Zausel zu verschleudern, doch der Drang nach einer Aufrechterhaltung des Status Quo ist dann doch zu stark. Bei der Verlobungsfeier läßt sich Harber nicht lumpen: Dionysische Szenen spielen sich auf seinem Anwesen ab. Inmitten der Bacchanalien fällt ein Schuß: Ein mittelloser Bildhauer, der in Mary verknallt war, gibt sich die Kugel. Doch Mary ist mittlerweile nahezu entseelt vom Götzendienst am Mammon. Auch Edward, den Sohn Harbers, führt sie ins Verderben. Wie gut, daß ein Arzt, äh, Priester anwesend ist, der den Versuchungen des Fleisches nicht erliegt und die Anwesenden Mores lehrt...

Heidewitzka, Herr Kapitän! Abgesehen davon, daß Mary zu Beginn der Spielhandlung einige Alibi-Zweifel in ihrem schönen Busen hin und her wälzt, scheint der Fall recht klar: Die Bedrohung heißt Frau! Es liegt in ihrer Natur, das Spiel mit den Reizen, mit denen sie die Männer verrückt macht. Anders als Wedekinds Lulu, deren arglose Provokation die Selbstzerstörungskräfte des Bürgerlichen freisetzte, stellt die Frau hier eine nur fadenscheinig verhüllte Lastergrotte dar, deren essentielle Metzen- und Dirnenhaftigkeit das Leben von Männern ruiniert, aus denen ansonsten durchaus etwas hätte werden können. Der Priester fungiert hier als einsamer Mahner in der Wüste, dessen Wort aber eine Wahrheit trägt, die die irregeleiteten Menschen wieder auf den rechten Pfad zurückzutreiben vermag – Papi im Sattel, Mami auf den Knien. Diese Wandlung der Herzen wird illustriert durch den Traum aus Sodom, der der unkeuschen Mary zeigt, wo Gottes Hammer hängt. Wieder einmal wurde mir vor Augen geführt, warum ich bis zum heutigen Tage noch nicht verbibelt bin. Lots Frau handelt nämlich eigentlich ziemlich menschlich, wenn sie sich umkuckt. Sie ist nur halt nicht gehorsam, kein braves Hündchen am Herd. Auch zeigt der Film in vorbildlicher Weise, wie heuchlerisch moralisches Kino manchmal sein kann, denn natürlich sind es gerade die schwelgerischen, ausufernden Akzente, die die Attraktionen solch eines Werkes darstellen. Ob der Femme Fatale wohl gleich die Titte aus dem Ausschnitt rutscht? Was haben sie sich diesmal wieder getraut? Und, hach, wenn Sodom in Flammen aufgeht, sieht das ja auch mal fesch aus, so etwas hatten wir ja schon seit vier Jahren nicht mehr!

Die Story ist also kompletter Kohl. Vom historischen Standpunkt aus ist es allerdings zu begrüßen, daß dieser Torso des ursprünglichen Werkes zur Verfügung steht, denn zu kucken gibt's wahrlich viel. Allerdings schlägt mein Herz wohl doch eher für Pabst als für Papst...
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Geschrieben 30. September 2009, 19:21

The Passion Of Joan Of Arc (1928) (US-DVD)

Carl Theodor Dreyer schildert den Prozeß und die Hinrichtung Jeanne d'Arcs, basierend auf den originalen Prozeßakten. Anstatt sich auf die spektakulären Elemente der Geschichte zu konzentrieren, bietet Dreyers Film einen sehr reduzierten Blick auf das menschliche Drama einer unkonventionellen und streitbaren Frau, die sich gegen ihre Ankläger behaupten muß, dabei mit Selbstzweifeln zu kämpfen hat und mit ihrer Religiosität. Lediglich am Schluß (der Volksaufstand) fügt der Regisseur einige aktionslastige Szenen hinzu, wenn es darum geht, den inneren Aufruhr nach außen zu kehren, die geistige Unterdrückung in körperliche Unterdrückung ausbrechen zu lassen.

Dreyer zeigte in seinen Frühwerken gelegentlich die Tendenz zu übermäßig verschachtelten Erzählstrukturen, am extremsten vielleicht in seinem Regiedebüt PRAESIDENTEN, das nicht nur vor Rückblenden wimmelt, sondern in seinen gerade mal 75 Minuten einen Zeitraum von etwa 50 Jahren abdeckt. PASSION hingegen beginnt mit einer Protagonistin, die sich bereits in der Gewalt ihrer Häscher befindet. Die Inquisitoren sind kreuzfromme alte Säcke, die vor moralischer Empörung rasen, wenn sie ihr Opfer nicht gerade verhöhnen. Diese in engen Räumen stattfindenden Sequenzen sind so meisterhaft in Szene gesetzt, daß ihnen eine nicht abbrechende intensive Spannung innewohnt. Dreyer arbeitet wie gewohnt sehr viel mit Gesichtern, deren feinste Veränderungen von Rudolph Matés Kamera genauestens registriert werden und das Geschehen ständig kommentieren. Die Gesichter der „Bösen“ sind dabei meistens von unten aufgenommen, Johannas Gesicht hingegen bevorzugt von oben. Die bislang nur auf Varietébühnen in Erscheinung getretene Maria Falconetti liefert dabei eine Darstellung ab, die so unglaublich niederschmetternd ist, daß verschiedene Filmtheoretiker sie als die vielleicht beste schauspielerische Leistung bezeichnen, die jemals auf Zelluloid gebannt worden ist. In jedem Fall fällt es immens schwer, der Frau beim Leiden zuzuschauen – etwas Vergleichbarem bin zumindest ich noch nicht begegnet. Unglaublich, daß die Falconetti anscheinend auf der Bühne vornehmlich mit komischen Darstellungen in Zusammenhang gebracht wurde! Unter den weiteren Schauspielern befindet sich übrigens auch Antonin Artaud, der einen jungen Priester spielt. Ich habe nun fast alle Langfilme Dreyers gesehen und bin – neben VAMPYR – von PASSION mit Abstand am meisten beeindruckt. Möglicherweise handelt es sich hier um den erschütterndsten Stummfilm, den ich jemals gesehen habe. Auch heute noch ist der Film immens wirkungsvoll. Sehr schade, daß es außer der amerikanischen – nicht billigen – DVD keine andere brauchbare Fassung zu geben scheint. Meine alte Fernsehaufzeichnung scheint auch futsch zu sein...
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Geschrieben 07. Oktober 2009, 11:55

Vinyan (DVD)

Jeanne und Paul (Emmanuelle Béart und Rufus Sewell) haben vor sechs Monaten ihren kleinen Sohn verloren. Bei einem von einer karitativen Organisation motivierten Besuch in Thailand wird ihnen ein Video vorgeführt, auf dem Jeanne ihr verlorengeglaubtes Kind zu entdecken meint. Für sie ist klar, daß sie keine andere Wahl hat, als nach ihrem Joshua zu suchen. Paul glaubt nicht wirklich an die Möglichkeit, weiß aber auch, daß es ihn sein Leben lang verfolgen wird, wenn sie nicht alles in ihrer Macht Stehende tun. Die Suche führt nach Burma, wo sie auf die Hilfe von Menschenhändlern und ähnlichem Gesindel angewiesen sind. Sie sind allein in einer fremden Welt, und nur ihre Hoffnung hält sie am Leben. Doch im Dschungel sind die Geister vieler Kinder...

VINYAN entpuppte sich als etwas ganz anderes, als ich erwartet hatte. Meine Vorabinformationen ließen bei Belgier Fabrice CALVAIRE du Welz´ neuem Film auf einen weiteren Geisterkinder-Film schließen, abgesehen vielleicht von der unorthodoxen Besetzung der Hauptrollen. Ich bin froh, daß mich meine Ahnung hier getrogen hat, denn zu sehen bekam ich einen ungewöhnlich gut gemachten Film, der schwer einzuordnen ist. Am ehesten fühlte ich mich erinnert an australische Filme wie verschiedene frühe Sachen von Peter Weir, mit ihrem Naturmystizismus, die meistens von Menschen handeln, die sich in der Natur verlieren und/oder wiederfinden. Im Falle von VINYAN geht es primär um die Mutterrolle, um das Ergreifen von Verantwortung und die Angst davor, den Instinkten zu folgen. Teilweise ist das sehr erschreckend. Es gibt verschiedene kreuzunheimliche Szenen, bei denen man niemals sicher sein kann, ob es sich um Halluzination oder um Wirklichkeit handelt. Irgendwann wird die Unterscheidung auch völlig nebensächlich, da alles auf seine eigene Weise wahr ist. Der Film gewinnt gewaltig durch die exzellente Fotografie, die aus dem thailändischen Urwald ein Sinnbild für die ebenso beängstigende wie unentrinnbare Natur werden läßt, in der die Menschen mit ihren angelernten Neurosen und vorgefaßten Meinungen bestenfalls mitleiderregend wirken. Romantisiert wird in VINYAN bei aller Überhöhung gar nichts, nicht erst im brutalen Finale. Nachdem ich in den letzten Tagen eigentlich nur Ramsch gesehen habe, tat es gut, mal wieder einen Film zu sichten, der sein Publikum nicht für dumm verkauft. Ob einem VINYAN gefällt, hat sehr viel mit der Erwartungshaltung zu tun, aber das ist bei guten Filmen ja häufig der Fall.
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Geschrieben 09. Oktober 2009, 15:02

Cradle Will Fall (DVD)

Auf einer kleinen Südstaatenfarm in Georgia plagt sich eine Hausfrau mit der Erziehung von vier Kindern ab. An manchen Tagen können die Kleinen richtig anstrengend werden. Und seit der letzten Geburt ist Mami etwas eigenartig geworden. Daß es sich um etwas Gravierenderes als postnatale Depressionen handelt, wird erst klar, als Papi für längere Zeit in den Außendienst muß. Mami schmeißt die Bettelheim-Bücher in die Ecke und geht auf die Jagd...

BABY BLUES (wie er im Original heißt) war immerhin einen deutlichen Tacken besser, als ich das erwartet hätte. Er läßt sich trotz seiner sehr kurzen Laufzeit (ca. 75 Minuten) einige Zeit für die Exposition, macht nachfühlbar, warum sich eine normale Mutti in ein rasendes Monstrum verwandelt. Daß er dabei – anders als etwa AN AMERICAN CRIME – eher die Horror-Route bereist, sollte man allerdings einplanen. Wenn Mami durchdreht, brabbelt sie fast panisch ein ums andere Mal die gewohnten Erziehungslitaneien, während sie tollwütig durch die Gegend streift und das Schlachterbeil schwingt. In punkto Blutrunst übertreibt es der Film dabei nicht, aber angesichts des Themas (Kinder als Opfer!) und seiner völligen Humorlosigkeit ist seine Wirkung durchaus schockierend. Ich würde das Ergebnis als einen gelungenen, wenn auch nicht makellosen B-Schocker bezeichnen, der die dargestellten Schrecken in der Überforderung und seelischen Zersetzung der in ihre Mutterrolle eingezwängten Protagonistin begründet. Dabei fragt es sich, ob es sinnvoll war, die Hauptrolle mit einem fischlippigen Model zu besetzen, auch wenn die Schauspielerin im späteren Verlauf des Filmes beeindruckend aufdreht. Die deutsche Synchronisation ist leider lausig, so daß ich irgendwann auf die originale Tonspur umgeschaltet habe. Die Untertitel sind ebenfalls was fürs Schatzkästchen. So wird beim Vortrag eines Mediziners der Begriff „Caucasian woman“ mit „Eine Kaukasierin“ übersetzt. („Eine Weiße“ hätte es da auch getan!) Sei's drum, ich fand den Film nicht schlecht, auch wenn ich denke, daß man ihn überforderten Müttern besser nicht in die Finger geben sollte...
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Geschrieben 12. Oktober 2009, 11:02

The Washingtonians (TV)

Daß die Macher der „Masters Of Horror“-Serie eher dem liberalen Zweig Hollywoods zuzurechnen sind, weiß man nicht erst seit Joe Dantes „unpatriotischer“ Zombie-Episode HOMECOMING. Der HOMECOMING der zweiten Staffel ist eindeutig THE WASHINGTONIANS, den der Wahlbrite Peter Medak (THE CHANGELING, THE KRAYS, ROMEO IS BLEEDING) nach einer Kurzgeschichte von Bentley Little inszenierte. Es geht um eine kleine Familie, die nach dem Tode der Großmutter deren Haus im ländlichen Virginia beziehen will. Die Eingeborenen erweisen sich als freundlich, aber verschroben. Der kleinen Tochter jagen sie eine Heidenangst ein. Haarig wird es, als die Familie auf dem Dachboden ein Ölgemälde von George Washington entdeckt, verbunden mit einer offensichtlich authentischen Handschrift, die den Landesvater als Kannibalen, schlimmer noch: als Fresser jungfräulicher Mädchen ausweist. In seiner Konsternierung wendet sich der Familienvater an die falschen Leute: Es gibt nämlich einen Geheimbund, der die fiaskösen Eßgewohnheiten Washingtons bis in die heutige Zeit hinübergerettet hat...

Ich habe viel gelacht bei dieser Episode! Die Idee, aus dem ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten einen Kannibalen zu machen, ist wirklich nicht schlecht, wenngleich sie hier natürlich in knalliger – zuweilen sehr blutiger – Form ausgeweidet wird. Der Schlußgag ist auch entsprechend infantil, aber wem HOMECOMING gefallen hat, sollte hier unbedingt wieder einschalten. Ansonsten gehöre ich zu den entschiedenen Gutfindern der Serie, auch wenn manche Episoden deutlich abfallen. (Vor allen Dingen die Argentos – schluchz...) In der Regel sind die Storyideen aber sehr brauchbar und sorgen für jeweils 55 unbeschwerte Minuten mit reichlich Tomatenketchup aus der Küche von Berger & Nicotero. Meine Favoriten der zwoten Staffel sind bislang Joe Dantes vergnüglich absurde Endzeit-Story THE SCREWFLY SOLUTION und die sehr morbide und ruhige Tinnitus-Geschichte SOUNDS LIKE von Brad SESSION 9 Anderson.
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Geschrieben 14. Oktober 2009, 01:41

Porn Horror Movie (DVD)

Dies ist der Film, in dem Menschen von Ron Jeremys Pimmel ermordet werden!

Ausgeliehen habe ich mir das Ding trotz seines idiotischen deutschen Titels aufgrund der Anwesenheit von Ron Jeremy und Veronica Hart. (Letztere habe ich für mein P-Buch interviewt.) Im Original heißt der Film ONE-EYED MONSTER, was natürlich ein Synonym für den elften Finger darstellt. Es geht um eine Gruppe von Jungfilmern, die in einer gebirgigen Region Kaliforniens einen Pornofilm drehen wollen. Als Glücksbringer sind die realexistierenden Ex-Pornostars Ron und Veronica dabei, die für die nötige Würze sorgen sollen. Als Ron sich in einer Drehpause absetzt, um vor der Hütte eine Stange Wasser wegzustellen, wird er von einer Art Sternschnuppe getroffen. Bei seiner schmerbäuchigen Sexszene mit Veronica benimmt er sich äußerst merkwürdig. Veronica überlebt die Rammelei nur knapp. Danach löst sich Rons 30-cm-Dödel vom Restkörper und nimmt ein gespenstisches Eigenleben auf. Die männlichen wie die weiblichen Crewmitglieder leben in ständiger Angst vor der ultimativen Penetration. Wer wird dem Wüten des Monsterpimmels standhalten?

Aus einer grundsätzlich kindischen Prämisse bastelt der Film - mirabile dictu! - eine ziemlich charmante, wenngleich zotige Reflexion über die Fährnisse des Pornogeschäfts. Ich habe den Film in der Originalfassung gesehen, was ich jedem empfehlen würde, der einigermaßen Englisch versteht. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die ganzen Wortwitze in die Synchrofassung rübergerettet wurden. Teilweise habe ich geschrien vor Lachen, was vielleicht auch daran liegt, daß mir das Thema sehr am Herzen liegt. Die Freigabe ab 16 erklärt sich durch die weitgehende Abwesenheit von Blutrunst, wenngleich der Anzüglichkeitenfaktor eine aufgeschlossene Gesinnung erfordert. Als Gaststar schaut auch mal kurz Russ-Meyer-Veteran Charles Napier (Unterbiß!) vorbei, der einen Vietnamveteranen spielt, der eine herzzerreißende Episode erzählt, in der eine gesamte Soldatenmannschaft von einem entmenschten Gemächt zu Tode penetriert wurde, damals in Da Nang... Veronica Hart hat eine großartige Schlußszene, die ich nicht verraten möchte. Kein Wunder, daß "Universal" diesen Film übernommen hat - viel besser, als das Konzept erwarten ließe! Für Interessierte lohnen allein die Extras die Entleihgebühr, da Ron und Veronica ca. 35 Minuten lang über ihre Pornovergangenheit erzählen, launig, offen und hochunterhaltsam. Ich war begeistert!
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Geschrieben 14. Oktober 2009, 14:06

Der Fluch des ewigen Lebens (TV)

Was ist denn hier bitteschön wieder passiert?

In diesem formlosen Etwas von Film geht es um ein Pärchen, Gay und Trash (oder so), das seit 12.000 Jahren dazu verdammt ist, Menschen zu töten und zu verspeisen. Eine kurze Rückblende, die in abgelegten „Star Trek“-Kulissen gedreht worden zu sein scheint, zeigt eine alte Hexe mit Ganzkörper-Gummiglatze und einer lustigen Perücke auf dem Kopf. Sie erzählt hanebüchenen Mumpitz, der den titelgebenden Fluch näher erläutern soll, aber verstanden habe ich rein gar nichts. Die beiden Verfluchten müssen eben morden und morden. Eine Einblendung klärt uns darüber auf, daß wir uns auf einmal nur noch 16 Jahre in der Vergangenheit befinden. Der männliche Verfluchte trägt jetzt einen Anzug und ermordet einen angelnden Burschen, dem er den Leib aufreißt. Dann verspeist er lustig schmatzend das Herz des Knaben. Auch eine Teenagerin ereilt dasselbe Schicksal. Ohne jeden Zusammenhang erscheint eine noch sehr junge Linnea Quigley und duscht angenehmerweise sofort. Während sie ihren von kalifornischer Sonne gebräunten Zwergenkörper noch in das Handtuch wickelt, erscheint ein geheimnisvoller Fremder im Badezimmer und rollt unheildräuend mit den Augen: „Hallo, die Tür war auf!“ Er will zum Glück nur ein Zimmer mieten. Statt den Eindringling sofort rauszuschmeißen und mit der Polizei zu drohen, wie das jeder normale Mensch machen würde, vermietet sie ihm ein Zimmer. „Ich bleibe vielleicht mehrere Monate“, meint der Fremde. Klar, warum auch nicht? Sie will ihm dann unbedingt den Hausschlüssel geben, aber er hat keine Lust. Als er weg ist, stöbert sie in seinen Sachen herum, um rauszukriegen, was er wohl für einer ist. Auf einmal kommt er wieder nach Hause, sie: „Kreisch!“ Dann zieht sie sich ihre Kleidung aus, Schnitt, und auf einmal stehen sie vor dem Traualtar! Merkt Ihr was? Es ergibt alles überhaupt keinen Sinn! Möglicherweise fehlt in der deutschen TV-Fassung einiges, aber die (bemerkenswert garstigen) Kannibalenszenen sind alle noch drin... Schön aber, daß dem Werk eine ausgesprochene Vorzeigesynchro zuteil wurde. So unterhalten sich Linnea und ihr Paramour nachts im Bett über den Namen ihrer gemeinsamen Tochter, denn eine Tochter haben sie auf einmal auch! Der Mann scheint ihr den ungewöhnlichen Namen „Bundy“ gegeben zu haben. Klar, warum auch nicht? Sie fragt sich, wie er auf diesen Namen gekommen ist: „Hattest du mal eine Geliebte namens Bundy?“ – „Ja, aber sie hieß Bunny. Ich finde den Namen Bundy gut. Er erinnert mich an ein Band zwischen uns...“ Der Zuschauer achtet bei dieser Szene natürlich auf die nackten Titten von Linnea, die großherzig über das Bett verteilt sind, aber die dadaistischen Qualitäten des Dialoges dringen trotzdem ins Unterbewußtsein und treiben dort Wurzeln. Irgendwann wird noch Aldo Ray in die Vorgänge integriert, der seinen Gastauftritt in dem Hardcore-Porno SWEET SAVAGE gerade hinter sich hatte. Er spielt einen Schriftsteller, der sich mit der Geschichte des verfluchten Parks befaßt, sieht aber aus, als habe er in jeder Kaschemme Hollywoods seinen Kredit überzogen. Am Schluß setzt es ein Finale, das man sich so auch erst einmal trauen muß. Kurzum, ein filmisches Fiasko von einigen Gnaden, das aber durch seine schiere Inkompetenz neue Dimensionen der Wahrnehmung erschließt. Ich halte es für nicht ganz ausgeschlossen, daß sich eines Tages eine neue Religion um diesen Film ranken wird. Die wird dann möglicherweise auch erklären können, worum es in dem Film eigentlich geht.
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Geschrieben 15. Oktober 2009, 20:44

Trick 'R Treat (DVD)

Mehrere Episoden, in denen den Bewohnern einer amerikanischen Kleinstadt zu Halloween übel mitgespielt wird.

Gemessen an dem Wackelkamera-Schrott, der heutzutage als Horrorfilm durch die Kinos oder auf den Fernsehschirm gehievt wird, ist dieser kleine, von Bryan Singer produzierte Film ein kleines Juwelchen. Von Anfang an betont der Film seine Comic-Strip-Verflechtung, die sich nicht nur in gezeichneten Panels à la CREEPSHOW widerspiegelt, sondern auch in der Wahl der Kamerawinkel, der Szenenmontage, der Elfman-haften Musikwahl. Wir bekommen Dylan Baker (den pädophilen Psychologen aus HAPPINESS) als geisteskranken Schulrektor, Brian Cox als sinistren Säufernachbarn, drei notgeile Teenagerinnen, die sich als Märchenfiguren ausstaffieren, einen Bus mit behinderten Kindern, ein lustiges kleines Männlein, das an DAS WAISENHAUS erinnert. Die Episoden werden nicht linear abgehandelt, sondern sind recht geschickt miteinander verwoben. Wiederaufnahmen erfolgen an Stellen, an denen man sie überhaupt nicht erwartet hätte. Blutrunst wird nicht überstrapaziert, aber dafür gibt es zahlreiche morbide Einfälle. Das Budget des Filmes muß recht ordentlich gewesen sein, denn alles sieht ungewöhnlich proper aus. Die saubere Oberfläche ist aber gar nicht der größte Pluspunkt des Filmes, sondern seine verspielte Gesinnung. Er fordert sein Publikum zum Tanz auf, macht sich selbst einen Spaß daraus, und was unterm Strich dabei herauskommt, ist vielleicht kein Klassiker, aber ein angenehm altmodischer, schwarzhumoriger und rundum sympathischer Grusler. Empfohlen!
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Geschrieben 18. Oktober 2009, 12:46

The Midnight Meat Train (DVD)

Ein ambitionierter Fotograf stellt fest, daß er mit „riskanten“ Fotos bessere Resultate bei der Kunstschickeria erzielen kann und treibt sich deshalb nächtens in U-Bahn-Nähe herum. Dabei kommt er einem grimmigen Metzger auf die Spur, dessen Freizeitaktivitäten mit dem Verschwinden unzähliger Menschen verknüpft sind. Die Suche nach dem „perfekten“ Foto führt den Protagonisten schließlich auf Gleise, die direkt in die Hölle führen...

Ryûhei Kitamuras Version von Clive Barkers Kurzgeschichte (für mich eine der besten, die Barker je geschrieben hat!) bemüht sich um kunstvolle Stilisierung, bettet die zentralen Bilder der Vorlage in eine relativ artifizielle Geschichte ein, die eher der Logik des Alptraums folgt als jener der vorgefundenen Wirklichkeit. Das macht es einerseits schwer, ein Interesse für oder gar Identifikation mit den Protagonisten aufzubauen, aber es entspricht durchaus dem Grundton der Vorlage. Während mich diese überaus kontrastreiche Fotografie mit ihren Metallicfarben, die heutzutage jedem zweiten Film einen „besonderen“ Anstrich verleihen soll, normalerweise mörderisch nervt (Shutter-Wackelkamera, anyone?), ergibt diese Ästhetik hier einmal Sinn. Die Umwelt der Protagonisten erscheint ähnlich desolat und wertelos wie die Welt, die David Fincher in seinem SEVEN einst entwarf. Auch der Beruf der Hauptfigur paßt sich da nahtlos ein, da Fotograf Leon zu den Objekten seiner Tätigkeit ein höchstens nutznießerisches Interesse hat. So hält er – als er zufällig Zeuge eines Überfalls im U-Bahnhof wird – erst einmal mit seiner Knipse drauf, anstatt einzugreifen. Danach besinnt er sich eines Besseren. Es sind sinnfälligerweise genau diese Fotos, die das Wohlgefallen einer schrottigen Kunstschickimickifrau (Gastauftritt von Brooke Shields) erregen, die an Leons früheren Bildern den nicht vorhandenen Aufeinanderprall, den ausgebliebenen Eklat kritisiert hat. Der Eindruck einer Welt, in der die Beziehungen der Menschen völlig vom Nutzen des einen für den anderen definiert werden, entsteht zwangsläufig. In diese eher unerfreuliche Konzeption platzt die Mär vom U-Bahn-Schlachter (gespielt vom Ex-Fußballspieler Vinnie Jones), der mit eisiger Teilnahmslosigkeit seine Arbeit macht. So weit, so (erstaunlich) gut. Regisseur Kitamura hat formal seit seinem Debüt VERSUS (den ich überhaupt nicht mag) einiges dazugelernt. Leider popeider mangelt es ihm aber am nötigen Geschmack, um diesen Ansatz sinnvoll über die Zeit zu bringen. Er serviert am laufenden Meter pubertäres Splatter-Gekasper, zeigt einen herausschießenden Augapfel (schlecht computeranimiert), übernimmt für eine Einstellung die Perspektive eines abgetrennten Schädels etc. Das Hakeln nach „originellen“ Einstellungen, das einem semiprofessionellen Produkt wie THE EVIL DEAD noch gut ansteht, führt im Rahmen dieses depressiven (und deprimierenden) Filmes aber dazu, daß man rein gar nichts mehr ernstnehmen kann. In gewisser Weise sabotiert der Film sich damit selber, zumal der Eindruck entsteht, der Regisseur stünde den Protagonisten ähnlich exploitativ und desinteressiert gegenüber, wie dies beim Metzger der Fall ist. Es gibt einige vorzügliche Einfälle. Mir gefällt z.B. der Anfang, der einen Fahrgast zeigt, der in einem U-Bahn-Waggon erwacht, einige Schritte tut und dann auf einer Blutlache zu Fall kommt. Es wird sehr ausführlich gezeigt, wie er versucht, wieder auf die Beine zu kommen, dabei aber beständig ausrutscht. Dieses „Verrücktspielen“ des Körpers hat mich ein wenig an Tsukamotos tollen TETSUO erinnert. Der Schlußfight zweier Protagonisten findet statt in einem Waggon voller aufgehängter Menschenkörper, die wie Vieh von der Decke baumeln. In einigen Einstellungen wird kaltschnäuzig dokumentiert, wie die Kämpfenden die teilweise noch lebenden Menschen mit ihren Waffen treffen. Dieser scheinbare Zynismus unterstreicht auf wirkungsvolle Weise jene Tendenz, die der Film für mich hätte weiterverfolgen sollen, nämlich eben jenen der Ausbeutung und Entwertung des entpersönlichten menschlichen Körpers. Das wäre gerade im Rahmen eines Splatterfilmes recht interessant geworden. Doch immer wieder wird die frösteln machende Grundstimmung der einzelnen Szenen von formalen Kaspereien aufgebrochen, was mich irgendwann nur noch genervt hat. Ich mußte an die Verfilmung von AMERICAN PSYCHO denken, die die Bluträusche der (hervorragenden) Vorlage klugerweise ausgespart hatte, da der Regisseurin durchaus bewußt war, daß eine 1:1-Umsetzung dazu geführt hätte, daß man nicht von den Charakteren der Story angewidert gewesen wäre, sondern vom Film selbst. Literatur und Kino sind halt zwei sehr unterschiedliche Medien. Kitamura beweist leider nicht solche Einsicht und pendelt zwischen wohlfeilem Splatter-Zirkus und ernsthaftem Horror. Das Resultat ist dann weder Fisch noch Fleisch, demonstriert formales Geschick, aber auch eine Geschmacklosigkeit, die der Vorlage nicht gerecht wird. Zudem wurden – wenn ich mich recht entsinne – einige wichtige Zutaten der Vorlage ausgespart, die das Geschnetzel in einen kulturellen Rahmen stellten. Hier herrscht die Oberfläche. Die ist teilweise beeindruckend inszeniert, hinterläßt aber jenseits des Geschmatters nur Teilnahmslosigkeit. Irgendwie wäre es mir fast lieber gewesen, der Film wäre totaler Mist geworden...
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Geschrieben 26. Oktober 2009, 15:00

The Last House On The Left (2009) (DVD)

Ich glaube, irgendwo in mir lauern masochistische Anteile. Wie sonst läßt es sich erklären, daß ich mir tatsächlich das Remake zu Wes Cravens fröhlichem Familienfilm MONDO BRUTALE ansehe, einem der hundsgemeinen Klassiker des amerikanischen Independent-Horrorfilms der siebziger Jahre? Es war doch klar, daß das in die Hose geht, und der Umstand, daß Craven und Cunningham höchstselbst Hand angelegt haben bei der Entbeinung ihres Gesellenstücks, macht die Sache nicht angenehmer.

Erneut trifft eine gute Familie auf eine böse Familie. Die böse Familie um den entmenschten Krug Stiller raubt der guten Familie die Tochter. Mama Bär und Papa Bär revertieren daraufhin selber zur Unmenschlichkeit und machen Schluß im Quadrat. So weit, so Blut. Im Remake ist selbstverständlich alles auf Hochglanz gebürstet: Es gibt Hochglanz-Jungtalente, es gibt Hochglanz-Gemetzel, und sogar eine Hochglanz-Vergewaltigung, die sich über eklige drei Minuten hinzieht. War der alte Film noch eine nihilistische Übung in Hollywood-Subversion (das Aushebeln des traditionellen Familienbildes), gerät das neue HAUS zu einem stupiden Selbstjustiz-Nonsens, der sich im völlig vergurkten Finale endgültig das Armutszeugnis ausstellt. Was im Original noch wirklich schmuddelig und unangenehm wirkte, ist im Neudurchlauf nur noch Simulation, Pseudo-Devianz für angepaßte MTV-Jugendliche. Alles ist kalkuliert, exzellent fotografiert und für den Abschlußball aufgemoppelt. Da das Remake verschiedene kleine (aber maßgebliche) Veränderungen am Handlungsablauf vornimmt, fallen Unglaubwürdigkeiten mehr ins Gewicht. Die Verwandlung von Mama Collingwood zu einer mordenden „femme fatale“ etwa erscheint völlig unplausibel, wie auch Papas Richtungsschwenk vom gewidmeten Mediziner zu Chuck Norris´ jüngerem Bruder ziemlich in der Luft hängt. Im Original waren moralische Bedenken weitgehend ausgeklammert, da die Vorgänge anmuteten wie ein böser Zirkus. Im gelackten Ambiente des Remakes ist man sich der Manipulation stets bewußt, es passiert nichts, was man nicht erwarten würde. Ähnlich wie im Falle von THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE hat man die Gewaltschraube noch mächtig angedreht, was die Aktionen aber merkwürdigerweise nicht entsetzlicher wirken läßt, sondern in ihrer Banalität degoutanter. Ob da jemandem die Hand in den Abfallzerkleinerer geschoben wird oder einfach nur der Kopf zertrümmert – es erscheint alles nur wie ein Test, was man heutzutage zeigen kann und was nicht. Die Perversität der Bösewichte ist beispielsweise spürbar zurückgefahren worden. Sie wirken einfach wie belanglose White-Trash-Asis, die die Sau rauslassen. Ich mutmaße, daß Rob Zombie mit dem Material mehr hätte anfangen können, aber das hat er ja in gewisser Weise bereits mit dem deutlich besseren THE DEVIL'S REJECTS vorexerziert. MONDO BRUTALE war ein beherzt unmoralischer Späthippie-Ausflug in die griechische Tragödie. Das neue LAST HOUSE ON THE LEFT serviert unappetitliche Gewalthappen als aufpolierte Selbstjustiznummer, die nichts, aber auch gar nichts zurückläßt. Nach MONDO BRUTALE will man am liebsten ein langes Bad nehmen. Nach dem Remake reicht das höchstens noch für eine Katzenwäsche. Ein Haufen Bullshit.

P.S.: Das Remake von MY BLOODY VALENTINE fand ich übrigens durchaus kuckbar. Bei Fun-Splatter kann man auch nicht so viel verkehrt machen.

P.P.S.: Wenn man den Hund mit dem lustigen Partyhütchen mal so richtig durch den brennenden Reifen springen lassen will, kann man ja den Herrn Bay ein Remake von I SPIT ON YOUR GRAVE produzieren lassen. Yo-ho-ho!

Bearbeitet von Cjamango, 26. Oktober 2009, 15:13.

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Geschrieben 26. Oktober 2009, 17:37

It's Alive! (2009) (DVD)

Okay, okay, also, LAST HOUSE war wenigstens noch ganz ordentlich gemacht und sauber produziert...

Die Prämisse von Larry Cohens IT'S ALIVE (menschenfressendes Baby metzelt sich quer durch L.A.) legte die Absurditätslatte einst ziemlich hoch, doch der Film schaffte es irgendwie, auf Grundlage eines schlauen Drehbuches und zweier hervorragender Hauptdarsteller, die Geschichte sauber über die Rampe zu tragen. Beim Remake hingegen hat der Arsch Kirmes, wie man hier in der Region gerne sagt.

Johoho, was macht der Film alles falsch? Der zentrale Fehler liegt in seiner Unentschlossenheit, ob er nun ein menschliches Drama erzählen oder die Trash-Horror-Route bereisen will. Der Beginn legt ersteres nahe, doch wird der Hintergrund der beiden Elternteile viel zu wenig beleuchtet, als daß man sich auch nur im mindesten für sie interessieren könnte. Statt der nicht mehr ganz jungen Sharon Farrell im Original bekommt man hier Bijou Phillips mit Quietschestimme, deren mütterliche Ausstrahlung nur wenig über der einer beliebigen Infotainmentmuschi aus dem Fernsehen liegt. Nahm man Frau Farrell die Entwicklung zur hysterischen Pro-Life-Aktivistin noch ab, so wirkt Frau Philipps lediglich wie ein geisteskranker Bimbo. Hatte Cohens Film noch einen recht interessanten Subtext über den Schutz behinderter Kinder und die Schwierigkeiten von deren Eltern, sich auf die Komplikationen einzulassen, so bleibt es hier rätselhaft, warum sich Mama Bär immer noch an ihrer Mutterrolle festklammert, obwohl sie Baby bereits in menschlichen Eingeweiden hat planschen sehen. Spätestens ab jener Szene, in der man einen schlecht computeranimierten Babyarm aus dem aufgerissenen Mund eines Opfers herausgreifen sieht, ist dann der Drops gelutscht – Trash-Time! Leider aber nimmt der Film sich weiterhin viel zu ernst und offenbart einen Treuglauben an die Qualitäten des Drehbuchs, den man normalerweise dem Weihnachtsmann zubilligt. IT'S ALIVE macht alles, alles falsch. Bei der tragischen Mülleimer-Szene am Schluß habe ich nur noch gejohlt. Ach ja, und statt der tollen Filmmusik von Bernard Herrmann hat man hier auch nur ein abgedroschen wirkendes Spieluhr-Thema, das spätestens nach der fünfzehnten Durchführung nervt. Wer hat den Film produziert? Boaz Davidson, Moshe Diamant und Avi Lerner – juchhu, „Nu Image“ ist wieder da... Murks, Murkseldi-Murks!
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Geschrieben 04. November 2009, 14:56

Scarce (DVD)

Drei College-Torfnasen haben in einem Skigebiet in Colorado eine schöne Zeit mit Wein, Weib und Gesang. Auf der Rückfahrt bauen sie einen Unfall und bleiben im Schnee stecken. Einer von ihnen ist schwer verletzt. Sie suchen Zuflucht in einem nahegelegenen Haus, aber das hätten sie besser bleiben lassen sollen, jo-ho-ho...

Allmählich habe ich die Nase voll. Vielleicht steige ich demnächst um auf Kinderfilme oder belasse es bei den Klassikern des Horrorkinos. SCARCE ist ein kanadischer Independent-Horrorfilm, und für das, was er beabsichtigt, ist er auch gar nicht schlecht gemacht. Das Problem aber, das ich zunehmend bei dieser Art von Kino habe, hat mit der Schwemme an ähnlich gelagerten Produkten zu tun, die eine simple Grundsituation zu einer vorhersehbaren Übung in Survival-Horror werden lassen. Verglichen mit dem gerade vor ein paar Tagen gesichteten THE HILLS RUN RED, der seine Metzgerei mit einigen neunmalklugen Mätzchen anreicherte, versieht SCARCE sein Tagewerk wenigstens geradlinig und ohne Prätention. Daß ihn das sympathischer erscheinen ließe, kann ich aber nicht behaupten. Erst gestern habe ich Jack Ketchums Debütroman „Off Season“ – der sich ebenfalls mit Kannibalismus befaßt – beendet. (Das erste Buch, das bei mir jemals zu Einschlafproblemen geführt hat!) Was aber bei Ketchum funktioniert, da man die handelnden Figuren in- und auswendig (im wahrsten Sinne des Wortes!) kennenlernt und so eine Beziehung zu ihnen aufbauen kann, führt in einem Film wie SCARCE lediglich dazu, daß einige Dummspacken von Geisteskranken durch den Wald gehetzt werden, was trotz allen Jedönses ziemlich kalt läßt. Da ist es dann auch relativ wurscht, daß der Hauptdarsteller (=der Chefschurke) recht gut spielt. Das Ergebnis ist nur eine typische Backwoods-Hatz, in das die beiden Jungregisseure noch widerwärtiges Gefolter eingebaut haben, das in der deutschen Fassung zumindest teilweise durch Abwesenheit glänzt. (Es fehlen ca. 4 Minuten, die ich, glaube ich, auch nicht sehen muß.) Früher war es so, daß, wenn mal ein Film wie TCM oder LAST HOUSE ON THE LEFT voll durchzog und keine Gefangenen machte, wirklich ein schockierendes Erlebnis dabei heraussprang. Heutzutage treten diese „gross out“-Schocker dermaßen inflationär auf, daß es fast Usus wird, vom Film angewidert zu sein und nicht von dem, was seine Charaktere treiben. Jack Ketchum gefiel sich in seinem Debütroman als Spielverderber, der Horrorkonventionen in den Po tritt und ihnen herben Realismus entgegensetzte. Filme wie SCARCE hingegen dilettieren mit Material, das den Regelverstoß nur noch vortäuscht. Die deutsche Fassung besitzt im übrigen eine lausige Synchronisation, die mich bereits nach zwei oder drei Minuten auf die originale Tonspur hat ausweichen lassen.

Bearbeitet von Cjamango, 04. November 2009, 14:59.

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Geschrieben 05. November 2009, 15:19

Last Days (DVD)

Wie macht man einen Film über eine Legende, die sich selbst den Stecker rausgezogen hat?

Vor LAST DAYS hatte ich etwas Bammel, weil ich befürchtete, er würde uns erklären, warum Kurt Cobain sich das verdammte Gehirn rausgeblasen hat. Cobain gehörte zu den wenigen veritablen Musikidolen meiner Jugend, und während ich selbst immer etwas distanziert vor seiner Legende stand, gibt es nicht wenige in meinem Bekanntenkreis, deren Augen einen umflorten Charakter annehmen, wenn der Name dieses Mannes fällt. In gewisser Weise ist es die scheinbare Sinnlosigkeit seines Ablebens, die für mich immer einen Schlußpunkt gesetzt hat unter das, was ein paar Jahre lang als „Generation X“ durch die Kulturszene geisterte. Es paßte einfach, wie sehr ich dem Mann ein Weiterleben auch gewünscht hätte. LAST DAYS schildert die letzten Tage des Rockmusikers Blake, der aus der Reha abgehauen und mit Freunden in seinem Landhaus untergekrochen ist. Hier wandert er drömelig durch die Gegend, redet mit sich selbst, hat diverse Begegnungen – manche absurd komisch, manche nervig –, und es endet, wie es dann enden muß. Der Abspann stellt klar, daß der Film zwar inspiriert ist vom Ende Cobains, aber trotzdem Fiktion darstelle. Hatte Gus Van Sant für MILK das Format eines klaren Erzählfilmes gewählt, was der klar definierbaren historischen Funktion der Hauptfigur auch entsprach, so befaßt er sich in LAST DAYS primär mit Gefühlen, setzt optische und akustische Signale, erklärt dem Zuschauer nichts. Er fahndet nicht nach leichten Lösungen, was im Zusammenhang mit Cobain sicherlich ein weiser Entschluß war. Der Rockmusiker Blake/Cobain wirkt wie jemand, der völlig dissoziiert ist, auf sich selbst zurückgeworfen ist. Er nimmt von seiner Umgebung – die sehr idyllisch ist – kaum noch etwas wahr, da der große graue Wonnebatzen in seinem Schädel unverläßlich geworden ist. Sein Alltag wird bestimmt von den biochemischen Reaktionen, die in seinem Kopf ablaufen, sowie von Makkaroni mit Käse. Die Menschen um ihn herum sind bloße Schatten, unwichtig und unreal. Nur dann und wann findet er sich selbst für einen Moment wieder, speziell in einer todtraurigen Szene, in der er erst von einem Kumpel zugesülzt wird, dann, nach dessen Abgang, in ein Lied hineinfindet, auf dem die Kamera dann auch 3 Minuten lang aushält. Etwas vorher gibt es bereits eine andere Musikszene, in der man Blake in seinem Aufnahmeraum sieht. Die Kamera schaut durch das Fenster, fährt dann, wenn er mit dem Spielen anfängt, langsam zurück, läßt ihn allein in dem Haus dahinten. Der Rockstar ist mit sich allein, sein Publikum schaut wie ein Voyeur durch das Fenster und denkt, was immer es denken mag. LAST DAYS wurde koproduziert von HBO, ist aber nicht als Fernsehfilm vermerkt. Tatsächlich spielt der Film in der Liga meines persönlichen Lieblingsfilmes von Van Sant, ELEPHANT, und ist ganz große Klasse.
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#760 Cjamango

    Pauschalterrorist

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Geschrieben 09. November 2009, 18:04

Delicto (DVD)

In Spanien gab es zur Regierungszeit von Generalissimo Franco eine wochenschauähnliche Erscheinung namens „No-Do“ (=“Noticiarios y Documentales“), mit der der Bevölkerung eine Version der Wirklichkeit dargereicht wurde, die man in höheren Kreisen als wünschenswert empfand, nicht selten mit dem Beigeschmack staatstragender Propaganda. Elio Quirogas Film DELICTO (sp: NO-DO) erzählt von einem Dokumentarprojekt, bei dem No-Do-Filmemacher einem populären Fall von Wunderglauben nachspüren sollen. Schulkinder an einer katholischen Schule behaupten, die Jungfrau Maria gesehen zu haben. Die Sache geht aber auf furchtbare Weise daneben. Die Öffentlichkeit erreicht nur eine gereinigte Fassung des Filmmaterials. Über alles fällt der Mantel der Vergessenheit. Jahrzehnte danach zieht eine junge Familie in das Haus ein, das früher die Schule beherbergte. Francesca ist Ärztin und hat einige Jahre zuvor bereits ein Kind verloren. Mit ihrem frisch geborenen Sohn soll nun alles prima laufen. Dabei verfährt sie übervorsichtig, was Ehemann Pedro sehr bald nervt. Auch die bereits vorhandene kleine Tochter findet das Verhalten ihrer Mama eigenartig. Es gibt mysteriöse Vorkommnisse im Haus, die von merkwürdigen Geräuschen bis zu handfesten Erscheinungen reichen. Auch eine verwirrte alte Frau läuft immer in der Gegend herum. Die Dinge werden klarer, als sich ein jesuitischer Psychologe einschaltet, der viel über die Geschichte des alten Hauses zu berichten weiß...

Der junge Regisseur Elio Quiroga hatte auf Festivals einen ordentlichen Erfolg mit den eigenwilligen SF-Film THE COLD HOUR. Sein neuer Film greift das Genre der klassischen Geistergeschichte auf, angereichert mit etwas katholischem Verschwörungstamtam, wie man es aus Sachen wie dem DA VINCI KOMPOTT kennt. Dabei beißt er gewissermaßen nicht die Hand, die ihn nährt. Man merkt, daß der Regisseur seiner katholischen Heimat verpflichtet ist, denn viele Handlungselemente, die für Nicht-Katholen schwer zu schlucken sind, werden mit großem Selbstbewußtsein präsentiert. NO-DO hätte ein völliger Kracher werden können. Daß er es nicht geworden ist, liegt an der zu sehr auf äußerliche Effekte hin angelegten Herangehensweise, die an unklugen Momenten auf Schockeffekte (CGI-Geister oder ähnliches) vertraut. Auch ist die Handlungsführung gelegentlich selbstzweckhaft wirr geraten. Trotzdem hat mir der überdurchschnittlich gut fotografierte Film gefallen, zumal er eine originelle und wirklich faszinierende Geschichte zu bieten hat. Man versteht durchaus die Angst der jungen Mutter, ihrem Kind könne etwas ähnliches zustoßen wie einst dem Stammhalter. In dieser Hinsicht wartet der Film mit einer gelungenen Überraschung auf. Am beeindruckendsten ist sicherlich die Handlungslinie mit dem vermaledeiten Filmmaterial, die echten Aufnahmen, die damals vom Vatikan unter Verschluß genommen wurden. NO-DO baut die Neugier des Zuschauers, diesen „bösen“ Film auch mal sehen zu können, geschickt auf, und wenn es dann endlich stattfindet, so ist er hinreichend furchterregend, um die Erwartungen einlösen zu können. Trotz einiger enttäuschender Stellen gibt es ziemlich unheimliche Passagen, und während sich der Film der Tendenz des neuen spanischen Horrorkinos anpaßt, niemals lupenreine Klassiker zu servieren, nur leicht überdurchschnittliche Genrebeiträge, so steht er immer noch meilenweit über dem Schamott, der diesbezüglich in anderen Ländern produziert wird. Ich habe kurz darauf etwa DER FLUCH DER ZWEI SCHWESTERN eingelegt, Hollywoods Versuch, den koreanischen A TALE OF TWO SISTERS zu anglizieren, und habe nach etwa 30 Minuten abgebrochen – eine banale Seifenopern-Familienstory, in der die horriblen Elemente mehr wohlfeil eingestreut sind. Vielleicht gebe ich ihm später noch mal eine Chance. NO-DO brauchte diese zweite Chance nicht, sondern hat mir auch schon beim ersten Versuch recht gut gefallen. Mit einer ruhigeren, weniger effektbetonten Herangehensweise und einer klareren Handlungsführung hätte das ein richtig übler Schocker werden können. Auch so aber ist er schon nicht schlecht.
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