Paul Verhoevens neuestes Werk befaßt sich mit den Erlebnissen einer jungen niederländischen Jüdin, Rachel, die 1944 vor den Nazis fliehen will. Beim Fluchtversuch wird ihre Gruppe von einem Spähtrupp gestellt und fast vollständig ausgemerzt. Ihre ganze Familie fällt dem Gemetzel zum Opfer. Sie findet Unterschlupf bei einigen Widerstandskämpfern, die aber schon bald ebenfalls ins Fadenkreuz der Besatzer geraten. Auf ihrer Flucht hatte Rachel aber bereits die Bekanntschaft von Hauptsturmbannführer Müntze gemacht, dem Chef des SD. Diese Zufallsbegegnung soll sie nun zum Wohle der inhaftierten Widerständler ausnutzen und die Mata Hari spielen. Sie erklärt sich dazu bereit, doch ihre Tätigkeit wächst ihr schon bald über den Kopf...
Mit dieser Rückkehr zu seinen Wurzeln (die auch von einer Zusammenarbeit mit seinem alten niederländischen Mitstreiter Gerard Soeteman gekennzeichnet wird) überforderte mich Verhoeven zunächst arg, da ich eine auf Authentizität bedachte Vorzeigeproduktion erwartet hatte, die sich dem Thema Judenverfolgung in behutsamer Weise nähern würde. Daß solch eine sozusagen historisch abgesicherte Herangehensweise nicht notwendigerweise zum ersehnten Ziel führen muß, sieht man zum Beispiel an Hirschbiegels gruselig mißlungenem DER UNTERGANG, dessen musealer Nazi-Bilderreigen nicht nur nach einiger Zeit fürchterlich langweilt, sondern einen eigenen Blickpunkt vermissen läßt. Stattdessen schimmert eine zutiefst dubiose Faszination mit den auf Augenhöhe gerückten historischen Figuren durch, die durchaus vergleichbar ist mit der ambivalenten Haltung vieler sogenannter „Antikriegsfilme“ zu den Kriegsgreueln – die Gewalt ist ja fürchterlich schrecklich, aber sie stellt eben doch den Attraktionspunkt solcher Filme dar. Die moralische Bewertung fällt deswegen eher fadenscheinig und aufgesetzt aus. Im Falle von DER UNTERGANG geriet das für mein Empfinden zu einer hasenfüßigen Kutschfahrt durch das Reich der Dämonen, deren Veronkelung des Führers irgendwo zwischen grotesk und unappetitlich schwankte. Ein klarer Standpunkt wäre hier sinnvoller gewesen, aber vielleicht auch riskanter.
Da lobe ich mir die klassische Hollywood-Herangehensweise, die Anti-Nazi-Botschaft im Rahmen eines Unterhaltungsfilmes zu transportieren, der sich nicht wirklich um die historische Authentizität kümmert, aber dafür eindeutig klarstellt, wo der Frosch die Locken hat. GESPRENGTE KETTEN und ähnliche Sachen fallen einem da ein, und Verhoeven begibt sich direkt in die Tradition dieser Filme, angereichert mit sorgfältiger Detailschilderung und der von diesem Regisseur gewohnten zynischen Beurteilung des Menschen an sich. Beginnt BLACK BOOK als subjektive Schilderung des Schicksals einer Jüdin, die sich der allgegenwärtigen Barbarei entziehen will, so wird schon bald klar, daß Verhoeven nicht vor hat, es seinem Publikum allzu leicht zu machen. So eklig die Nazi-Figuren auch immer sein mögen (besonders Waldemar Kobus als sadistischer Lüstling und Christian Berkel als glatzköpfiger Bürokrat brillieren da), so ambivalent wirken die Motive der alles andere als glorifizierten Widerstandskämpfer, deren Haß auf Nazis von einem verletzten Nationalstolz angetrieben scheint, der auch eine gehörige Portion Antisemitismus mit einschließt, sobald ihm Gelegenheit gegeben wird, sich zu zeigen. Nach Kriegsende wird das ganz besonders deutlich, da Verhoeven die niederländische Bevölkerung nicht gerade verkitscht. Stattdessen zeigt er, wie das erlittene Leid zusammen mit sozialem Frust in der wiedergewonnenen Freiheit herausbricht und sich in Gewalt und einer Freude an der Abwertung anderer artikuliert, die jener der Nazis in nichts nachsteht. Das ist nicht hübsch anzusehen, und dafür bin ich Verhoeven dankbar, denn es macht klar, daß soziale Fehlentwicklungen wie Nazi-Deutschland das Produkt einer ganzen Reihe von Faktoren sind, die man erst einmal erkennen muß, um sie am Erblühen zu hindern. Verhoeven scheut bei seiner Geschichte vor einer deftigen Räuberpistole ebensowenig zurück wie vor psychosexuellen Beobachtungen, die eher an Visconti oder Brass gemahnen als an naturalistischere Betrachtungen wie etwa Polanskis sehr aufwühlenden DER PIANIST. BLACK BOOK wird in seiner Ruppigkeit kaum die Sorte Film sein, die Schulklassen vorgeführt werden wird, aber es könnte nichts schaden, denke ich. Beeindruckt war ich auch vom Umstand, daß den kollaborierenden Nazis von einigen Alliierten gestattet wurde, bereits vor Kriegsende verhängte Todesurteile zu vollstrecken. Ob das der historischen Realität entspricht, vermag ich nicht zu beurteilen, aber es entsteht das Bild einer moralisch höchst komplizierten Situation, deren Bewertung eben nicht beim äußeren Augenschein stehenbleiben darf. Mich hat immer sehr genervt, daß der furchtbare Irrlauf jener Tage nur allzu bereitwillig reduziert wird auf das wie auch immer motivierte Fehlverhalten einiger weniger Monster, und wenn diese Monster entmachtet sind, wird alles wieder gut. So war das nicht, und so kann man einen ähnlich grausigen Unfug auch nicht am Wiedererstarken hindern. Manch einem Betrachter mag BLACK BOOK in seiner Fixierung auf die „unterhaltsamen“ Elemente etwas zu „läppsch“ erscheinen, aber er ruft intensive Reaktionen hervor, und es sind die richtigen Reaktionen, glaube ich.
Bearbeitet von Cjamango, 01. Dezember 2007, 11:05.
















