Die Passion Christi (Schauburg, Gelsenkirchen-Buer)
"Einmal Christus ohne Ermäßigung, bitte!"
So, jetzt habe ich wider Erwarten doch noch einen Blick auf den zur Zeit meistdiskutierten Film geworfen. Wider Erwarten, weil mich der Trailer bereits sattsam abgetörnt hatte: Glatte Visuals, sämige Jammermusik der ganz gruseligen Sorte (feat. Enya-eskes Genöle) und ein Pontius Pilatus, der den Originalton-Anspruch des Filmes mit einem forschen "Ecce homo!" unterstrich - das sah schon recht furchterregend aus. Werbesprüche à la "EIN MANN veränderte die Welt!" klangen dann gar nach so einer Art "Ein Christ sieht rot" - weia.
Gefallen hat mir der Film nicht. Er hat mich aber auch nicht so maßlos empört, wie das allenthalben der Fall gewesen zu sein scheint. Er hat mich - außer in den gewaltverarbeitenden Sequenzen - eigentlich eher gelangweilt.
Eines vorweg: Als Atheist würde ich mich nicht bezeichnen. Die Atheisten sind häufig die gläubischsten Menschen im Dorfe. Die moralischen Werte des Christentums finde ich sogar sehr unterstützenswert. Die Bergpredigt würde ich jederzeit gegenzeichnen. Ich bin halt mit seiner Umsetzung in der Realität nicht immer einverstanden. Mag sein, daß es einen Herrgott gibt. Wenn ja, dann hoffe ich, daß er Humor hat. Mel Gibson - das weiß ich spätestens seit heute - hat KEINEN!
Geht man von dem aus, was Mel Gibson schaffen wollte (eine Bebilderung der Passion Christi), so ist der Film zweifelsohne gelungen: Vom Garten Gethsemane an (feat. Adriano Celentanos Tochter Rosalinda als "Satan"!) wird der Leidensweg des Herrn nachvollzogen, und keine Fährnisse des Geschicks werden ausgespart. Mit großer technischer Brillanz prasselt ein bunter Bilderbogen an Gemeinheiten auf den Heilsbringer nieder. Es gibt mächtig auf die Omme. Bei der Geißelungsszene ist selbst mir ganz anders geworden. Am Schluß steht dann die mit Abstand blutrünstigste Kreuzigung der Filmgeschichte, die jeden fanatischen Hobby-Geißeler im sizilianischen Hinterland zufriedenstellen sollte.
War da nicht mal was von "froher Botschaft"?
Die Geißelungs-Sequenz ist ein schönes Beispiel dafür, daß ein hochgepushter Blutpegel nicht notwendigerweise in größerem Realismus resultiert. Das Medium Film ist eben nicht gleichbedeutend mit der "inneren Kamera", die jeder in sich trägt. Die Wirkung wird aus einem Zusammenspiel von mehr oder weniger virtuos gehandhabten technischen Faktoren erzeugt, zu denen Bildselektion, Schnittmontage, Musikeinsatz gehören. In jener Szene dreschen die debil-sadistischen römischen Soldaten auf den Heiland ein, daß man schon mal gepflegt wegkucken möchte. Zur garstigsten Peitsch-Szene ever macht diesen Abschnitt des Filmes eine einzige Einstellung - die Geißel hat sich in Jesus´ Hüfte gegraben und wird (nach einem kurzen Aussetzen der umgebenden Geräusche) mit Schmackes und Gesplatter herausgezogen. Da ging ein kollektives Stöhnen durch das Publikum. Das macht die Aussage der Szene mehr als deutlich. Man hätte sich auf diesen Moment beschränken können und sieben Minuten Geprügel schlichtweg streichen können, die einen doch nur abstumpfen.
Gleichermaßen fällt Christus während seines Kreuzganges ungefähr einhundertmal auf die Nase. Einmal donnert ihm dabei sogar das Kreuz auf den Schädel. "Ist ja gut!" dachte ich nur genervt. Irgendwann sollte es auch dem verrohtesten aller Zuschauer klargeworden sein, daß dies keine Kaiserstunde im Leben des Protagonisten war. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, daß hier im unappetitlichen Sinne des Wortes der Weg das Ziel war bei dieser ausführlichen Peinigung.
Bei der Verfilmung von AMERICAN PYSCHO hatte ich es sehr begrüßt, daß die Regisseurin die blutrünstigen Stellen der Vorlage entschieden abgemildert hat: Was im Medium Buch funktioniert, wäre im Medium Film fehlgeschlagen. Statt von den abartigen Charakteren angewidert zu sein, wäre man vom Film als solchem angewidert gewesen. Gibsons PASSION unterstreicht das nachdrücklich - man staunt über die tricktechnische Perfektion, über die Leistungen des Make-Up-Departments, aber alles ist so pointiert, so zweckgerichtet, daß man niemals wirklich kapiert, worum es in dem Film eigentlich geht.
Der große Knüller an der Kreuzigung ist doch eigentlich, daß Christus seinen Peinigern VERGIBT! Der leidet Höllenqualen und wird behandelt wie ein Fußabtreter - trotzdem betet er für die Schurken: "Vergib´ ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun..." Das ist das, was eigentlich dem Publikum nahezubringen ist, was ihm verständlich zu machen ist. Nach all der Nonstop-Tortur - überall nur miese, brutale, blutgeile Menschen - möchte man eher mit einer Maschinenpistole in das Gewürm halten und Schluß machen im Quadrat! Kaiaphas und seine Hut-Gang - weg mit dem Gezücht! Der feige Pilatus und seine debilen Alkie-Schergen - weg damit! Das manipulierbare Volk, das nach dem Blut des Erlösers lechzt - adios, creeps! Der Film funktioniert nach dem üblichen manipulativen Schema Hollywoods. Das mag einem Actionfilm gut anstehen - als warme Lektion eines Passionsspieles ist es aber denkbar ungeeignet. ("Ein Christ sieht rot" - Gosejohann, übernehmen Sie!)
Wenn Mel Gibson extemporiert, wird da nur noch die Oberflächlichkeit des Ganzen verstärkt: Ein Mitgekreuzigter läßt einige lästerliche Sprüche los. Flugs kommt eine Krähe ihres Weges und hackt dem Lästermaul ein Auge aus! Die Strafe folget auf dem Fuße - der kriegt richtig den Arsch voll. Ist das das ganze Ausmaß von Gibsons Verständnis des Christentums? Auge um Auge, Zahn um Zahn? Ich habe einfach nur gejault...
Was den Vorwurf des Antisemitismus angeht, so weiß ich nicht, ob mich der so überzeugt. In dem Film werden eigentlich nahezu alle Menschen als minderwertig angesehen. Daß Kaiaphas und seine Priesterkollegen den schwarzen Peter haben, ist ja bereits aus der Bibel bekannt. Richtig deftig wird es in einer Szene, als auf einmal Satan zwischen ihnen durchs Bild gefahren wird. Das wirkt dann aber weniger antisemitisch als platt und abgeschmackt. Effekthascherei ist für den Film kein Fremdwort. Daß sie auf hohem technischem Niveau ausgeführt wird, ändert nix daran.
Der religiöse Masochismus, der Mel Gibson von einigen Gegnern des Filmes vorgeworfen wird, zieht für mich auch nicht so richtig. Er ist lediglich konsequent in seiner Huldigung einer Vorstellung des Christentums, die es für bekömmlich hält, kleine Statuen eines gefolterten Mannes in Kinderzimmer zu stellen. Da ist er eigentlich erfrischend ehrlich. In seiner Vorstellung scheint sich die Faszination des Herrn Inri in erster Linie aus seiner unglaublichen Leidensfähigkeit herzuleiten, die vom Film in sehr platter Form manifestiert wird, à la "Unglaublich, was der Typ alles einstecken kann!" Parallelen zum amerikanischen Boxerfilm sind da nicht abwegig...
Was der Film meines Erachtens falsch macht, ergibt sich, wenn man ihn mit anderen Christus-Filmen vergleicht. Mir sind einige Meinungen zugetragen worden von Kinogängern, die bei dem Film geweint haben. Ich habe beim Betrachten von PASSION eines gelernt - ich heule wohl eher im Angesicht der Schönheit als im Angesicht des Schrecklichen. Saftige Augen habe ich bekommen, als ich mir Pasolinis großartigen DAS ERSTE EVANGELIUM MATTHÄUS angesehen habe. Roberto Rossellinis FRANZISKUS, GAUKLER GOTTES - dito. Auch Pasolinis GROSSE VÖGEL - KLEINE VÖGEL ist solch ein religiöser Film, der seine Wirkung eben nicht aus der ultimativen Veräußerlichung bezogen hat, sondern aus sehr kargen, reduzierten Bildern, die ohne großes Bohei eine kontemplative Wirkung erzeugen, die mehr vom Geist der Menschenliebe in sich trägt als Gibsons religiöse Stalin-Orgel. In jenen Filmen spürte man etwas von der grenzenlosen Schönheit des Wunders, und selbst als ungläubiger Thomas wie meinereiner beginnt man da an etwas zu glauben. Etwas, das jeden Tag da ist, selbst wenn die Menschen um einen herum wie seelenlose Laborexperimente aussehen. Selbst wenn das selbstlose Mitgefühl so tot zu sein scheint wie ein Sargnagel. Man bekommt Lust, zu glauben und zu hoffen und wurstelt sich so durch den Tag. Das kann ein Film wie DIE PASSION CHRISTI in hundert Jahren nicht erreichen, trotz aller inflationär eingesetzten Zeitlupen und sonstigen Kunstgriffe. Am Schluß von PASSION schreit Frau Satan inbrünstig, denn sie merkt, sie hat den Kampf gegen Rocky JC verloren. Eine sehr irregleitete Wiederauferstehung hat mich bizarrerweise an den TERMINATOR erinnert.
Mel Gibson ist gutzuhalten, daß er im Sinne seines Strebens Erfolg gehabt hat. Ich mochte den Film nicht, und damit soll es auch gut sein.
P.S.: Hauptdarsteller Jim Catweazle ist vom Papst mit Schweizer Wurzeln gesegnet worden, wie ich den "Yahoo"-Nachrichten entnehme.
P.P.S.: Wäre es nicht toll, wenn Bruno Mattei eine Fortsetzung drehen würde? Sowas wie: "PASSION 2 - ER IST WIEDER DA!" oder "PASSION RELOADED - JETZT GIBT'S RICHTIG AUF DIE MAPPE!" Schön wäre auch ein Spin-Off zu Barabbas (der bei Gibson als so eine Art "Comic Relief" fungiert), das seine Aktivitäten in der neugewonnenen Freiheit zeigt...