Heute mal ein Buchtext:
American Psycho (Buch)
Als ich geboren wurde, hatte sich die Gesellschaft gerade in ihren Grundfesten verändert. Junge Menschen trugen auf einmal lange Haare, verweigerten den Kriegsdienst und vollzogen den Geschlechtsverkehr an aller Öffentlichkeit. Menschen wurden von Rednecks vom Chopper geschossen, Drogenmißbruch feierte fröhlich Urständ, und große Musikfestivals fanden statt, auf denen Musiker ihre Gitarren zertrümmerten. So kennen wir die Hippiezeit! Mit diesen – nur teilweise angenehmen – Veränderungen der Verhaltensstruktur junger Menschen einher ging später auch ein Bekenntnis zum gesprochenen Wort: Man redete und redete, und alles das, was an der Verherrlichung von Natur angenehm sein konnte, wurde erbarmungslos zerredet von Aktivisten jeglicher Couleur. Die Wertehuber, die ständig von anderen sprachen, aber nur sich selbst meinten, gingen vielen auf die Nerven. Mit ihnen haben wir noch heute zu tun.
Als ich aufwuchs, waren viele junge Menschen des Gesülzes überdrüssig geworden. Es war ihnen nicht verborgen geblieben, daß die Werte, die von den langhaarigen Menschen propagiert wurden, genauso hohl, selbstgenügsam und fadenscheinig waren wie jene der kurzhaarigen Menschen zuvor. Man stopfte sich Petersilie in die Ohren, drehte die Musik lauter und konsumierte Drogen – der Punk war geboren! Da ich zu jenem Zeitpunkt noch zu jung war, nahm ich nur an der Oberfläche teil an dem Spektakel. Auf fiel mir allerdings, daß auch hier die Fäulnis einsetzte, und zwar schon sehr bald: Statt Kreativität gab es die Erfindung neuer Vermarktungsstrategien , und natürlich gab es auch hier die orthodoxen Aktivisten, die sich zum Glück mehrheitlich in ihren Kreuzberger Abrißbuden totsoffen.
Als ich meine Unschuld verloren hatte, hatte sich die Welt schon wieder verändert – no sleep till Hammersmith! Jetzt strebten die jungen Menschen auf einmal nach Sauberkeit, Sicherheit und einer geordneten Lebensführung. Es wurde wieder schick, spießig und angepaßt zu sein. Geld zu haben war wieder in. Selber dem großen bunten Vermarktungsreigen anzugehören – das war was! An den Schulen lernten die Kinder endlich wieder die Tugenden des Katzbuckelns und Tretens, denn als Eintänzer, gut gesalbt, glitscht man durch jeden noch so kleinen Spalt. „Allen Sätteln gerecht werden“ lautete das Motto, und in demselben Maße, wie Dummsender wie MTV den Kiddies beibrachten, daß Rebellion eigentlich ja nur ein anderes Wort für Konformismus ist, zeigte auch Hollywood, wo der Hammer hängt: DAS GEHEIMNIS MEINES ERFOLGES und andere dumpfe Klamotten für sortierte Brüder und Schwestern (Emanzipation!) wiesen den Weg zur Wall Street und gruben den Darwin aus. Der Rebell putzt dir später die Schuhe, das glaube man, mein Sohn...
Das Monster der auslaufenden Achtziger war Patrick Bateman, von dem uns Bret Easton Ellis in seinem Roman „American Psycho“ berichtet. Bateman ist ein ungemein gutaussehender, erfolgreicher Börsenmann, der ein reibungslos funktionierendes Leben bewohnt. Oder zumindest scheint es zu funktionieren, denn er ist obendrein ein sehr fleißiger Serienmörder!
Das Perfide an Ellis´ Roman ist, daß es TROTZDEM gut funktioniert! Batemans exzentrischer Lebensstil fügt sich nämlich nahtlos ein in die Umwelt, der er sich so talentiert angepaßt hat. Ellis realisiert das damit, daß in den ersten ca. 150 Seiten kaum gröbere Entgleisungen auffallen. Batemans Leben scheint aus einer ununterbrochenen Folge von Geschäftsessen in teuren Spesenlokalen zu bestehen. Abends geht man in angesagte Trenddiscos und schnupft Koks auf dem Klo. Dann greift man sich einen Hardbody ab und besteigt ihn. Mancher Leser wird verzweifeln an der Fülle von Beschreibungen der Kleidung, die die Figuren am Leibe tragen, aber der Erzähler der Geschichte ist eben Bateman selbst, und in seiner kleinen Welt definieren sich die Menschen komplett über die Statussymbole, mit der sie ihre ansonsten komplett auswechselbaren Existenzen behängen. Andauernd verwechseln die Menschen einander, aber es macht gar nichts, wird in einem Fall von Bateman sogar zu geschäftlichen Zwecken ausgenutzt. Offiziell ist Bateman mit Evelyn zusammen, einer sehr langweiligen und beschränkten Edeltussi aus reichem Hause, die er nach Kräften mit den Freundinnen von Freunden betrügt. (Wenigstens benutzt er ein Kondom – ein Punkt für den Serienmörder!) Irgendwann, als Bateman mal wieder einen seiner Tage beschreibt, zwischen Arbeit und Sportstudio sozusagen, erwähnt er dann auch mal beiläufig, daß er ja noch Videokassetten zurückbringen muß, einen Porno und Brian de Palmas DER TOD KOMMT ZWEIMAL, da er wohl zeitlich nicht mehr dazu kommen werde, zum Bohrermord zu masturbieren.
„Ups!“ macht man da und denkt sich: „Entweder hat Bateman einen ausgesprochen eigenwilligen Sinn für Humor, oder aber er hat schwer einen an der Waffel!“ War seine Erzählung bis zu diesem Zeitpunkt noch einigermaßen makellos in der Beschreibung einer mondänen, komplett leblosen Welt, so wird er jetzt unvorsichtig und erzählt etwa vom Penner, dem er auf der Straße das Gesicht zerschlitzt und ihm die Augen aussticht. Mit großer Ausgelassenheit gibt er dann Vollgas und schildert Mordtaten (real oder erlebt - das wird niemals ganz klar!), die dann wieder mit gesellschaftlichen Begegnungen oder kulturellen Betrachtungen alternieren. Dabei scheint es so, als würde das eine das andere bedingen. Wenn Bateman eine für ihn komplizierte (sprich: emotionale) Situation erlebt, bringt das häufig in ihm etwas zum Klicken. Das führt dann eben schon mal dazu, daß etwa jemandes Kopf ausgelöffelt wird...
Und da wären wir auch schon bei dem großen Problem – dem Ruf des Buches als „Skandalliteratur“! Bevor ich es endlich zu lesen bekam, erwartete ich Schlimmes, nämlich pubertäre Schweineigelei mit Blutsoße obendrauf. Wer das Buch allein wegen seiner bösen Stellen lesen will, sollte zu Seite 150 vorblättern. Er sollte allerdings auch eine Kotztüte bereithalten, denn nichts – NICHTS! – bereitet einen auf diese Morde vor. Wie unerfreulich es auch ist, sich eine lebende Frau vorzustellen, der ein Feuerzeug an die Augäpfel gehalten werden, bis diese platzen (und das ist noch eher harmlos!), so sind die Schilderungen von Batemans Privatpartys gerade deshalb kaum noch lesbar, weil sie von Bateman in sachlichem, beherrschtem Stil minutiös geschildert werden. Er beschreibt die Vorgänge unbeteiligt, matt interessiert, gelegentlich sogar verbunden mit einem moralischen Schluckauf. Die Vorstellung allein, daß ein Mensch diesen wütenden Haß gegen Fleisch wie Seele von anderen so effizient unter einer Maske verbergen kann, ist fast unerträglich. Da Bateman selbst erzählt, wissen wir auch, daß ihm die Perversität seines Tuns und seiner Gefühllosigkeit völlig bewußt ist. Er stößt sich einfach nicht an ihnen, denn er ist ja gefühllos. So einfach ist das. Er betrachtet nicht nur seine Umwelt wie eine künstliche Narrative, wie eine stupide Fernsehshow, sondern auch sich selbst, was schließlich dazu führt, daß er in Streßsituationen in die 3. Person entgleitet.
Der Roman legt nahe, daß die Denaturierung des Menschen, die von der Gesellschaft betrieben wird, ihn dazu zwingt, seine eigene Natur zu leugnen und Krokodile unter der Falltür zu züchten. Bateman ist ein Konformist, der nichts anderes gelernt hat, als sein schreiendes Kind in ein Korsett zu zwängen. Er betrachtet andere Menschen nur noch als Blut, Fleisch und Knochen, als Schmuck, durch den er sich – analog zu den materiellen Werten, die andauernd zelebriert werden – selber definiert. Die krasse Art der Darstellung (die zumindest in der englischen Fassung so extrem ist, daß ich einige Male das Buch aus der Hand legen mußte, um mich erst einmal wieder zu sammeln) ist in meinen Augen völlig gerechtfertigt, da sie lediglich das beim Namen nennt, was durch die Pervertierung der natürlichen Instinkte des Menschen angerichtet wird. Das ist nicht schön, aber Menschen, die nichts dabei empfinden, wenn sie ihre Kohle mit dem Verkauf von Waffen verdienen, sind für mich nicht wesentlich normaler. Für einen Autoren ist es immer schwer, eine Geschichte aus der Sicht einer Figur zu schreiben, die von seiner eigenen Realität entfernt ist. Im Falle von Bret Easton Ellis und seinem Patrick Bateman kann ich nur sagen: Meisterleistung!
Eigentlich ist das Buch ja sogar eine Satire. Die Satire ergibt sich aus dem Umstand, daß Batemans Sinne verfeinert sind, sogar überempfindlich. Er nimmt alles wahr, was um ihn herum stattfindet; jedes kleinste Detail steckt voller Bedeutung für ihn. Zu Anfang ist das für den Leser noch eher lustig, da die Andeutung von freundschaftlichem Miteinander stets brutal zerhackt wird von absolut nebensächlichen Beobachtungen. In Kleidungsfragen etwa ist Bateman ein Spezialist, da er jedes Trendmagazin aufmerksamst studiert. Für ihn gibt es keine größere Demütigung, als wenn jemand eine schönere Visitenkarte hat als er, schneller eine Reservierung im Trendlokal bekommt oder einfach besseren Geschmack beweist. Wie schon Heinrich Manns „Untertan“ hat Bateman einen instinktiven Respekt vor der Obrigkeit, was z.B. dazu führt, daß seine Wahl der Lokale von den Eßgewohnheiten Donald Trumps abhängig gemacht wird. Erst später, als klar wird, daß diese kulturelle Wendigkeit nur eine Methode ist, seine Triebstörungen zu unterdrücken und in eine künstliche Ordnung zu zwingen, wird der Fall unangenehm. Als er etwa beschreibt, wie das Fett aus den explodierten Brüsten eines Opfers an den Blenden seines Fensters allmählich zu stinken beginnt, wird das gefolgt von einer Aufzählung seiner neuesten Anschaffungen im Bereich der Unterhaltungselektronik, die im besten Prospektenglisch abgefaßt (=gelernt) sind. Das ist nicht schön. Das ist gar nicht schön.
Und dann seine Einlagen als Musikjournalist! An drei Stellen des Buches erfreut uns Bateman mit seiner Bewertung der Erzeugnisse von Genesis, Whitney Houston und Huey Lewis and The News. Diese Passagen imitieren auf großartige Weise gängige Magazintexte, nur daß Bateman mit seinen Floskeln überhaupt nicht verbergen kann, daß er die Sachen gründlich fehlinterpretiert. So sind die alten Genesis-Sachen mit Peter Gabriel für ihn fast völlig unverständlich, während er in der späteren Hinwendung zur Kommerzialität eine Verfeinerung sieht. Dabei preist er sinnfälligerweise weitgehend die rein technischen Belange, von denen er – gemäß seiner Natur – durchaus einen Plan hat, während ihm die Philosophie des Ganzen entgeht. So preist er eines der wenigen gesellschaftskritischen (hmm!) Stücke einer Platte, in dem es um einen mexikanischen Einwanderer geht, der in den USA sein Glück versuchen will, aufgrund eben dieser Akzente, setzt aber dabei voraus, daß es sich um eine Satire handelt, die den Mex zur Lachnummer machen soll! Bei Huey Lewis gefallen ihm natürlich in erster Linie die späteren Platten, auf denen Lewis – nach Batemans Deutung – das Rebellentum abstreifte, um zum wahren Musiker zu reifen. Lieblingsstück: „It's Hip To Be Square“! Dabei unterlaufen ihm natürlich einige Fehler. So heißt der Bassist/Gitarrist von Genesis zum Beispiel Mike Rutherford, nicht Tony Rutherford. Elvis Costellos erste (bei Bateman: zweite) Platte heißt „My Aim Is True“, nicht „My Aim Is You“ etc.... Der Ellis kann was!
Obwohl vieles an dem Buch sehr, sehr komisch ist (etwa die Szene, in der Bateman versucht, seiner Freundin den Laufpaß zu geben), stochert Ellis mit „American Psycho“ in den ultimativen menschlichen Abgründen. Er tut dies mit großer literarischer Anmut und einem Detailreichtum, von dem mancher nur träumen kann. Er wird damit vielen den Zugang zu dem Buch sehr erschweren, da nicht jeder den Alltag eines gemeingefährlichen Geisteskranken als heimelig empfinden wird. Der Fehler der Gegner des Buches, den Autor mit der Abartigkeit seiner Hauptfigur zu verbinden, geht aber vollständig am Ziel vorbei, denn „American Psycho“ ist ein ungemein moralisches Buch, das den kompletten Verfall an menschlichen Werten bis ins letzte Extrem auslotet, ohne sich an den Exzessen zu verlustieren. Es ist ein Buch, das zu mögen den meisten Lesern schwer fallen wird, denn es ist ein Buch, das beißt. Ein wütendes Buch. Eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe.
Und da dies hier ein Filmforum ist, will ich auch noch schnell die
Verfilmung von Mary Harron erwähnen, die ich für ausgesprochen gelungen halte! Es war eine weise Entscheidung, die explizite Gewaltdarstellung aus dem Film herauszuhalten. Medium Buch und Medium Film funktionieren nach sehr unterschiedlichen Mechanismen, und hätte die Leinwandadaption auch nur ein Zehntel der Buch-Gewalt verbildlicht, hätte sich der Zuschauer nicht vor den abartigen Figuren geekelt, sondern ausschließlich vor dem vermeintlich abartigen Film. Frau Harron bringt die Aussage des Buches durch ihre Konzentration auf die Satire vorzüglich herüber, was auch an den exzellent ausgewählten Darstellern liegt. Christian Bale ist eine Wolke. Der Blick Batemans auf die feinen Einzelheiten seiner Umwelt wird kompetent nachvollzogen, und wenn er einen Kollegen – nach erfolgtem Dozieren über Huey Lewis – mit einer Axt zerlegt, stört der Verzicht auf abgetrennte Gliedmaßen keine Sekunde. Wenn Bale seinen launigen Vortrag zwecks schreiendem Axtgeschwinges unterbricht, um dann mechanisch zurückzufedern und sich wie ein Roboter die Hemdknöpfe zu schließen, back to the program, abgespalten von allen Gefühlen, dann ist das erschreckender, als es jedes Gedärmezersägen gewesen wäre. Dann hat man den Menschen nackt. Und er macht frösteln.