„Fluch der Karibik“ (USA 2003), Kino (Cinecitta, Nürnberg);
Regie: Gore Verbinski
Liebes Tagebuch...
Mit Piratenfilmen ist’s bei Mr. Room, wie mit Western oder Mantel- und Degenfilmen - er guckt sie nicht. Nicht, weil er sie nicht ausstehen kann, sondern er schaut sie einfach nicht an.
Warum aber bitte wollte ich dann unbedingt „Fluch der Karibik“ sehen? Mich zog es förmlich ins Kino, und das obwohl ich sonst einen großen Bogen um den Herrn Bruckheimer mache. Auch die Tatsache, daß der Film ab zwölf Jahren freigegeben ist, erschreckte mich nicht. Ich mußte „Fluch der Karibik“ sehen - Und zwar sofort! Jetzt habe ich ihn gesehen.
Als Entertainment-Maschine ist „Fluch der Karibik“ natürlich perfekt. Die Unterhaltungsschiene fährt er reibungslos ab und bietet zweieinhalb Stunden fröhlichen Spaß inklusive diverser Überraschungen für Augen und Ohren. Auch ich darf Johnny Depp in den höchsten Tönen loben, der diesen Film zu großen Anteilen alleine trägt und mich mit seiner Darstellung zu faszinieren wusste. Verdammt, was hat der Film diesem Kerl zu verdanken!
Ganz klar, natürlich und von Haus auf ist dieser Film auch ein tricktechnischer Höhenflug. Im Musiktakt schwingende Schwerter, in hundert Einzelschnitten zerberstende Schoner und überraschend unaufdringliche Animationen mit großartigen Nachtlicht/Nachtschatten-Spielen. Kein Wunder, wenn man zufrieden das Kino verläßt.
Sehr zufrieden zwar, obwohl ich jetzt meinen Zeigefinger

ausstrecken muß. Ein paar Sachen liegen mir da noch auf dem Herzen. Zu den wirklich gekonnt unterhaltenden Elementen gesellten sich zuweilen, aufdringlich wie ein Hausierer, verlogen biedere Angriffstakte einer Bruckheimer’schen Moralpredigt. Dazu gibt es eine Liebesgeschichte, die,
1. völlig unterinteressant,
2. so flach, wie die Nordsee bei Ebbe, und
3. so neu wie die Frisur von Thomas Gottschalk ist.
Orlando Bloom hat sich mit seinem Auftritt nur einen halbguten Gefallen getan. Sein Marktwerk steigt während vor den Schaufenstern pubertäre Teenager ihre verpickelten Nasen an die Scheibe pressen, danach viel zu dick aufgetragenes Make-Up hinterlassen und sagen werden: „Sieh mal, da ist er wieder, der schöne, schöne Oooorläääänduu Bluuuuum!“.
Und mir kommt die giftgrüne Galle hoch, wenn ich solche Sätze hören muß, wie etwa: „Wir brauchen das Blut eines tapferen Mannes - eines Piraten. Mein Blut!“ während besagter Mann mit seiner Angebeteten wie Barbie und Ken im Rokokokostüm dumm herumstehen und mit ausgesteckten Armen darauf warten, daß sich eine Tonnen voll schleimigen Pathos über sie ergießt. Heilige Kanonenkugel, was die Herrschaften manchmal für Dialoge aufsagen mussten??? Und vor allem,
Wie! Bei aller Liebe. So viel Spaß der „Fluch der Karibik“ auch gemacht hat, so war er leider, leider, leider auch viel zu sehr durchwässert von Bruckheimer’s Stammtischdurchhalteparolen und Disney’s verlogener Moralauffassung.
Hoffentlich geht Bruckheimer bald pleite, verstopft mit seinem Scheiß nicht länger die Kinos dieser Welt und benützt gutes Entertainment nicht für seine scheinheiligen Zwecke.
Aber was soll schon all der Ärger und der Groll? Als ich heimfuhr, mir der abnehmende Mond mitten ins Gesicht strahlte und ich meine (undurchleuchteten) Hände ansah, welche ich am Lenkrad hatte, mußte ich wieder an die schönen Minuten denken, die mir der „Fluch der Karibik“ gezeigt hatte.
gez.:
Ein Mr. Room, der mit seiner MS Mazda 323 über die sieben Landstraßen schipperte und nachts von 27 Rumfässern träumte...
15.09.2003/20:35 - 22:55 Uhr
Out of Signature.