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Die Endlösung der Geschmacksfrage

eine repräsentative Chronik des 20. Jahrhunderts in Wort, Bild und Schmerz




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und so



Lanzarote 1

10 Uhr Abends, Oktober 2014. Wir liegen draußen am Strand an der Playa Dorada auf Liegestühlen, in denen sich tagsüber Neckermänner aalen (falls dieses Bild heutzutage noch irgend einem etwas sagt). Der Ralph und ich. Warten auf Nachschub. Bier. Nicht in irgendwelchen Liegestühlen, sondern denen aus Bast oder so geflochtenen Liegen, die nicht klamm werden, wenn am Meer mal die Nacht anbricht, sondern die trocken bleiben und trotzdem Widerstand bieten für deinen Körper, damit er nicht wegglitscht, wenn du gerade aus dem Meer steigst, noch feucht von dem wütenden Gott der Tiefe.

Eine milde Brise weht durch die Palmen, und zwölf Liegen weiter besteigt ein hundertprozentig minderjähriger Neger eine breithüftige, zirka vierzigjährige weiße Frau. Auf einem Liegestuhl am vermeintlich verlassenen Strand.

Später sitzen wir bei 21 Grad Nachttemperatur einander gegenüber im Schneidersitz auf der Hafenmauer an der Promenade von Playa Blanca mit San-Miguel-Dosen in der Hand, lieben das Leben und die Liebe, vor uns chinesische und britische Kneipen voller Budenzauber, Musik, Geschrei und angenehmen Gerüchen. Elf Uhr abends. Ich im grauen Kapuzenpulli, darunter Bayerntrikot, Van Bommel, noch gut erkennbar. Combat-Militärhose im Irakdesign, knapp über die Knie. Dazu ein Messer, für den Fall der Fälle. Ich bin ja Angler.

Draußen, in den fußhohen Wellen, treiben Hornhechte ihr Unwesen. Wenn man lange genug wartet, fängt man hier einen Barracuda, dort einen Rochen, direkt bei den Restaurants. Heute fehlt uns die Geduld. Oder wir haben keinen Bock.

Along come the British. Über die Promenade, der erste, eine miniberockter Schalampe fest im Griff, monströs, und wüst tätowiert, mit zirka einsachtzig noch erträglich, mustert uns wütend, geht aber weiter. Doch, oh weh: Dahinter der Typ locker zwei Meter hoch, in der Schulter so breit wie ein Kleinwagen, zugemalte Oberarme wie ich Oberschenkel (und ich bin kein Zwerg), mit einem komplett von allen Seiten eingeschlagenen, geschorenen Haupt, das sich wie eine Pyramide aus seinen halslosen Schultern erhebt. Ich frage mich, während ich ihn fasziniert anstarre, während er vorüber geht, wie und wo man einen Kerl wie diesen überhaupt verletzten kann.

Erst in diesem Moment wird mir bewußt, daß er mich die ganze Zeit über scharf zurück fixiert. Mit in seinem Spitzkopf kaum erkennbaren, böse blinzelnden Augen. Ich spüre die Bedrohung, bleibe zwar im Schneidersitz, aber wende mich den Briten zu und lasse sie keinen Moment mehr aus den Augenwinkeln. Der Mutant bleibt nun stehen und starrt mich unverwandt an. Ich ziehe das Messer aus meiner Hose. Nicht zu auffällig. Nur so weit, daß er es sieht. Nach dem Motto: Hey, der hat ja ein Messer. (Das ist ja auch nicht irgendein Messer. Sondern eines, das die Klinge nach außen & unten führt und oben als Totschläger fungiert, mit einer Stahlkugel am Kopf. )

Das ganze Scheiß-Restaurant beobachtet das Manöver. Der monströse Engländer bleibt stehen und grunzt etwas Unverständliches. Ralph steht von der Mauer auf und wendet sich wort- und gestenfrei den Briten zu, mit neutraler Miene, beide Hände in der Hose, einen guten halben Meter hinter mir. Ralph hat mexikanische Knasterfahrung, auf den ist Verlass. Jetzt stehe ich auch auf und ziehe das Messer komplett aus der Scheide, so daß Millwall es sehen kann. Dann führe ich die Hand mit dem offenen Messer hinter meinen Rücken, verbeuge mich halb, und lächele sie freundlich an.

Die Engländer teufeln auf uns ein, gehen einen Schritt nach vorn, wir keinen zurück, grinsen sie an, richten uns auf und auf sie ein. Und dann: Aus, Nikolaus. Sie geben klein bei. Der kleinere redet auf den größeren ein, der ziert sich pro forma noch ein wenig, die Weiber hetzen ein wenig, dann machen sich beide mit ihren betrunkenen Muschen davon.

Vielleicht haben sie aus Wut woanders einen vermordet. Hoffentlich nicht. Aber es waren die Typen dafür. Und wahrlich, meine Droogs, als wir gingen (und froh waren, noch zu leben), bin ich mir sicher, in manch ein lächelndes, gar zustimmendes Gesicht geblickt zu haben. Von Bullen war den ganzen Abend lang nichts zu sehen. Hier will ich wohnen, leben gar.

Playa Blanca

ps

Habe auf Lanza natürlich oft ferngesehen, später abends. Im Oktober lief, aus welchem beknackten Grund auch immer, "Halloween 3". Der war nicht ganz scheiße.

auch



HALLOWEEN III - DIE NACHT DER ENTSCHEIDUNG ist sogar sehr interessant. Und das Ende phänomenal.
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sicomastik sagte am 20. Dezember 2014, 03:33:

HALLOWEEN III - DIE NACHT DER ENTSCHEIDUNG ist sogar sehr interessant. Und das Ende phänomenal.


Das ist ein feiner Film. Habe ihn nicht umsonst hier angetickt, und werde noch ein paar Worte darüber verlieren.
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