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Ich habe dir niemals einen Hasenbraten versprochen

Cjamangos neues Filmtagebuch




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"Ein neuer Tag ist wie ein neues Leben!"



Menu total (DVD)

MENU TOTAL war gerade mal der zweite Langfilm von Christoph Schlingensief, und als ich ihn zum ersten Mal sah, war ich verwirrt, gelinde gesagt. Daß ich damals verwirrt war, lag wohl daran, daß ich vom amerikanischen Kino komme, wo alles Schlaue psychologisch ausdeutbar sein muß. Wenn es nicht psychologisch ist, taugt es nichts. Die Grundlage dieses Gedankens ist natürlich die überhebliche, wenn auch allzu verständliche Hoffnung, man selber – der Künstler oder Rezensent – gehöre zu denjenigen, die den Film wirklich kapiert haben, ihn in all seinen Facetten erfaßt haben. Film und Künstler sind gebändigt. DVD kommt in den Schrank. Auf zu neuen Abenteuern.

MENU TOTAL – der im Vorspann auch HYMEN 2 heißt – erklärt gar nichts. Die Bilder werden einem nur so um die Ohren gehauen, vor den Latz geknallt, und Frauen und Kinder zuerst. Grundsätzlich handelt der Film von einer Familie mit Nazivergangenheit. Der kleine Sohn wird von Helge Schneider gespielt und wohnt mit Vater und Mutter in einem großen deutschen Haus. Der Vater wird von Joe Bausch gespielt und lutscht seinem Sohn in einer Szene an den Ohrläppchen. In einer anderen Szene vergewaltigt er Mutter im Wald, die an den Rollstuhl gefesselt und unfähig zur direkten Kontaktaufnahme mit anderen Menschen ist. Die Großeltern schauen auch vorbei und sind alte Nazis, komplett in Uniform. Ich weiß nicht, ob Schlingensief ausdrücklich an Viscontis DIE VERDAMMTEN gedacht hat, aber jener Film handelt ja auch von einer reichen Nazi-Familie, nur daß er die neurotischen Verflechtungen innerhalb der Familie sehr linear und klar aufdröselbar schildert. Das ist für einen Rezensenten wahnsinnig dankbar, denn so kann man klug daherschwätzen, ohne Wasser treten zu müssen.

MENU TOTAL wurde auf Super-16 gedreht und ist vollständig in körnigen, bisweilen überbelichtet wirkenden Schwarzweißbildern eingefangen. Manche Einstellungen erinnern sogar an den Expressionismus der deutschen Stummfilme, etwa Schneiders „Mama, Mama!“-Szenen. Warum mir der Film jetzt so ausgesprochen gut gefällt, hat mit einem grundlegenden Mißverständnis gegenüber Schlingensiefs Kunst zu tun, dem ich früher auch aufgesessen bin. Ich dachte nämlich, daß seine Arbeiten sehr intellektuelle, sehr kopflastige Sachen seien, für die ich selber einfach nur zu dumm bin, weil ich doch lieber in Regression versacke. Das genaue Gegenteil ist aber der Fall. Schlingensiefs Filme sind so direkt und so unintellektuell wie Topfschlagen, Wasserplanschen oder das Bauen von Kleckermatschtürmchen. Nicht umsonst spielen Körpersäfte bei Schlingensief eine so große Rolle. Einer der extremsten Momente ist die Matschepampe-Szene, in der Oberarzt Alfred Edel sich auf Kind Helge drauflegt und von Offizier Kuhlbrodt mit einer kackeartigen Pampe eingeschmiert wird. Dieser seltene Moment bringt es fertig, Sexualität, medizinische Therapie und das Wühlen in Schlotze in Einklang zu bringen. Die Szene findet eine Entsprechung in Edels Sauerkraut-und-Würstchen-Moment. Der großartige und sehr haarige Gleitmann hat als Evi ebenfalls eine Sexszene, während der er von dem Aggressor gefüttert wird. Das Format des absurden Theaters drückt sich hier weitgehend in Hysterie aus, die von mühsam kontrollierter Disziplin abgelöst wird. Dabei wirken die Figuren in den hysterischen Momenten sehr viel ehrlicher, da die Selbstkontrolle in Gestalt von Phrasen auftritt (z.B. die Wiesenszenen), von schlimmem deutschen Liedgut („Hoch soll er leben...“) oder von Absonderlichkeiten wie der an eine schwarze Messe erinnernden Poklatsch-Nummer. MENU TOTAL handelt von den Verkrüppelungen, die Menschen – Kinder wie Erwachsene – in ihrem Leben erleiden und dann auf all ihren Wegen mit sich herumschleppen. Gelegentlich schreien sie mal, aber für gewöhnlich haben sie sich gut im Griff. Der Film ist gleichzeitig unheimlich düster wie auch sehr verspielt, er wirkt verzweifelt, offeriert aber in seiner Form einen gesunden Umgang mit den Blessuren. Daß dieser gesunde Umgang oberflächlich wie eine Krankheit anmutet, liegt daran, daß das System der Sauerei in den meisten Figuren bereits verinnerlicht ist. Die Leute haben gelernt, sich zu tarnen. Um aber gesund zu werden, muß erst einmal auf die Kacke gehauen werden. Und das spritzt halt.




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