Ich habe dir niemals einen Hasenbraten versprochen
#305
Geschrieben 05. März 2006, 16:10
So, gestern gab es wieder einen Videoabend mit Robert und Bettina! Der erste Film erwies sich als komplette Graupe, und zwar eine, die das Vorhandensein von ausreichend Gesprächsstoff bei den Zuschauern sinnvoll erscheinen läßt. THE DEAD WILL TELL ist ein Fernsehfilm, dessen Regisseur Stephen BOOGEYMEN Kay nichts, aber auch rein gar nichts richtig macht. Die Protagonistin ist eine gewisse Emily Parker (Anne Heche), die sich einen Freund mit einer langen Nase angelacht hat. Dem keimenden Glück wird viel Laufzeit eingeräumt, und auch eine gesoftete Sexszene bleibt uns nicht erspart. (Wird parallelmontiert mit den Szenen „danach“ – eine Anspielung auf WENN DIE GONDELN TRULLALA?) Ich hätte es lustig gefunden, wenn die Darsteller Schilder um den Hals getragen hätten, auf denen zu lesen ist: „Ich bin ein Langeweiler.“ Literarisch nennt man so etwas einen Pleonasmus, glaube ich. Anne Heche war ja mal die Freundin der von mir sehr geschätzten Ellen DeGeneres, aber über Geschmack läßt sich bekanntlich nicht streiten. Blaßgesichter à la Gwyneth Paltrow (deren Name mich immer an die Serienzusammenfassung von Evelyn Hamann erinnert: „Lady Gwyneth Molesworth aus Featherstone Hall...“) finde ich nämlich nicht sexy, sondern eher falb. Falbe Frauen sollten auch nicht in leeren Zimmern rumlaufen, die den Eindruck machen, als hätte man in den Ausstellungsräumen eines Möbelhauses gefilmt, so wie hier. Die falbe Frau bekommt auf jeden Fall von ihrem Nasenmann einen Ring geschenkt, auf dem irgendwas eingraviert ist. Zeitgleich bekommt sie Visionen einer deutlich besseraussehenden Brünetten, die aber extrem langweilig inszeniert sind. In einer Szene setzt sich Frau Falb beispielsweise in ihren Wagen, und der Geist sitzt direkt neben ihr. Eigentlich sollte man bei so einem Effekt quer durchs Zimmer fliegen, wie dies bei SHUTTER z.B. wiederholt der Fall ist. Hier registiert man das, ohne sich sonderlich dafür zu interessieren. „Schau mal, da sitzt eine Frau auf dem Beifahrersitz!“ – tja, gähn, verbockt. Der Geist gehört zu einer 1969 ermordeten Frau, die einst stolze Inhaberin des Ringes war. (Frisur und Makeup sind komplett unpassend, aber das ist auch egal.) Selbstverständlich will die Erscheinung, daß ihr Mord aufgeklärt wird und weist der Frau Falb den Weg, einmal – in einer besonders depperten Szene – mit dem Routenplaner eines Autos... Um es kurz zu machen: THE DEAD WILL TELL lutscht massiv.
Vorletzte Woche hatten wir uns CHASING SLEEP mit Jeff Daniels ausgeliehen, mit dem wir einen bedeutend besseren Griff getan hatten. War zwar auch sehr langsam, lohnte aber die Mühe aufgrund eines wirklich interessanten Drehbuchs und guter schauspielerischer Leistungen. Habe jetzt keine Lust, zu dem Film einen Eintrag zu schreiben, und ein Geniestreich war der auch nicht, aber man begeht bei jenem Film wenigstens keinen Fehler.
Kommen wir zum zweiten Film des Abends!
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#306
Geschrieben 05. März 2006, 16:52
Marcus Nispel rettete den Abend!
Nein, sein TV-Film FRANKENSTEIN stellt nicht wirklich die xte Bearbeitung der alten Shelley-Geschichte dar. Stattdessen führt der auf einem Konzept von Dean R. Koontz basierende Film in die Gegenwart, wo gerade ein Mörder sein Unwesen treibt, der nach Kräften stümmelt. Ein sehr gesprächsfreudiges Polizistendoppel fährt andauernd mit einem Wagen durch die Gegend und befaßt sich mit der Frage, wie es sein kann, daß Menschen zwei Herzen haben. Die Antwort muß selbstverständlich lauten, daß Dr. Helios (=ein unorthodoxer Arzt, dessen Aktivitäten angeblich als Vorlage für die „Frankenstein“-Legende dienten, na klar!) diverse Monster geschaffen hat, von denen eines nun gewaltig Amok läuft. Zum Glück gibt es aber noch das erste Monster des Meisters, Deucalion, das mit einer Kutte herumläuft und seinem Schöpfer das Handwerk legen will. Werden die gebündelten Kräfte von Gesetz und Monster dem bösen Arzt ins Getreide fahren?
Gelächter nonstop! Ich finde die Vorstellung sehr erquicklich, daß es Thekenkunden geben mag, die nach Nispels TCM-Remake eine ähnliche Packung auf die Zwölf erwarten. Belohnt werden sie mit vergnüglichem Kokolores, bei dem sich einfach nur noch die Balken biegen. Die Zusammenlegung des Serienmörder-Themas mit Dr. Frankenstein ist schon einmal hochgradig inno und in ihrer Absurdität anheimelnd. Hätte der Frankfurter Nispel seinen Film ernstgenommen, so wäre das Ergebnis Ed Wood der Spitzenklasse geworden. Die Herangehensweise verrät aber ein Augenzwinkern, das in den besten Momenten des Filmes zu einem chronischen Zucken wird. Was für eine Besetzung: Thomas Kretschmann gibt alles als ruchloser Mediziner und hat einen drolligen Carlyle-Bart. Sein Erstlingswerk Deucalion wird gegeben von Vincent Perez, der gleich in seiner ersten Szene eine schöne Begegnung mit einer Schwarzen mit lustigen Rattenpuschen hat. Die beiden ineffizienten Bullen kennt man aus DAZED AND CONFUSED und ähnlichen Slacker-Filmen von Linklater und Hartley. Und ganz aus ist bei Michael Madsen, der Szenen von beeindruckender Tiefe hat und sogar ein Kind in seinem Bauch trägt. Jawohl – dies ist der Film, in dem Michael Madsen ein Kind kriegt! Der Film klatscht seinem Publikum die Absurditäten nur so um die Ohren, geizt nicht mit markigen Sprüchen der oberen Aua-Liga und serviert ein Finale, das noch einmal einen obendrauf setzt... Wir haben uns glänzend amüsiert. Schön fand ich auch, daß in nahezu jeder Szene Wallewalle-Nebel durch das Bild zieht. Ich glaube, die Szenen im Polizeiauto waren die einzigen Sequenzen, die unvernebelt waren.
Das Projekt sollte übrigens ursprünglich eine von Martin Scorsese (!) produzierte TV-Serie werden. Resultiert haben die Bemühungen in einem grotesken, aber auf eigenartige Weise sehr unterhaltsamen Spektakel. Habe ich auf gut Glück mitgenommen und es nicht bereut.
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#307
Geschrieben 11. März 2006, 00:21
Ich habe ja nichts gegen Bruckheimer. Das ist bestimmt ein netter Amerikaner, der mit viel Gehirnschmalz und Achselschweiß auf eine Goldgrube gestoßen ist, und Goldgruben wollen nun einmal gemolken werden. Die meisten seiner Produktionen sind nichts für mich, wenngleich mir die BADBOYSiaden durchaus Spaß bereitet haben. Bei KING ARTHUR war aber endgültig der Ofen aus. Sucht Ihr den schlechtesten Historienfilm aller Zeiten? Hereinspaziert – hier fließt der Bullshit in Strömen...
Gleich zu Beginn wird auf Authentizität gemacht. Das mit dem König Artus und seinen hehren Recken basiert ja auf einem Haufen von Mythen. Daß jemals jemand ein Schwert aus einem Stein gezogen hat, das glaube, wer will. Bruckheimer und sein Regisseur Antoine Fuqua erzählen uns, daß Arthur der Abkömmling von Dalmatinern (oder Salamitigern, weiß ich nicht mehr so genau) war, die einst von den Streitkräften des Heiligen Römischen Reiches aufgerieben worden waren und hernach – da sie durch ihre Kampfkraft den Respekt des Heers erwarben – als Söldner der römischen Armee arbeiten durften. Als Soldaten zweiter Klasse, also. Gleich zu Beginn wird uns die Mannwerdung von Lanzelot gezeigt, bei der ein sehr kitschiges Pferd eine große Rolle spielt. Danach sind auf einmal alle erwachsen und eine verschworene Truppe, die sich lediglich aufgrund ihrer eigentümlichen Bewamsung von normalen Hollywood-Männer-Gruppierungen unterscheidet. Ihr erster großer Wurf besteht in der Rettung einer bischöflichen Kutsche, die von so Pikten überfallen wird. Pikten, das sind so Kelten, Ureinwohner Britanniens, quasi die Indianer dieses Filmes. Die Pikten sehen eigentlich alle so aus wie Black-Metal-Musiker, die man mit lustigen Pappschwertern versehen hat. Ich habe diese Partie des Filmes mit einer sachkundigen Frau gekuckt, welche angesichts der Streithändel in schallendes Gelächter ausbrach. Die Keilereien erinnern an das Aufeinandertreffen eines Regionalliga-Hooligantrupps mit einem mittelalterlichen Trachtenverein. Da stimmt gar nichts.
Regisseur Fucka – das sollte man hier einflechten – erfreut die Seele des Betrachters mit einem strammen Blick auf vermeintlich attraktive Details. Sprich: Der Dreck wirkt sorgsam aufgeschminkt, die Tribals lächerlich, jede Einstellung auf maximalen Effekt hin kalkuliert. Da das Drehbuch sich aber im wesentlichen in einer Ballung melodramatischer Mätzchen und völlig überpointierter Dialogzeilen („Sprüche“) erschöpft, wird in erster Linie das Zwerchfell gefordert. Auch ohne die obwaltende Geistesnacht im Drehbuch wäre der Coup aber schmählich mißlungen, denn was eindrucksvoll wirken soll, geht nicht selten in die kalte Hose: Der Hadrianswall etwa, der bei der Schlußkeilerei eine Hauptrolle spielt, macht den Eindruck, als hätten etwa zwei Dutzend tschechische Handwerker 100 Meter Pappfelsen aufeinandergetürmt. Die Nachtschicht hat sich nicht gelohnt. Das sieht nach gar nichts aus. Ganz schlimm auch die Szene, in der Arthur von Merlin zu einer Rückblende gezwungen wird, die an Kitschigkeit nicht zu überbieten ist. Da wird dann auch geklärt, wie es zum Excalibur in der Legende gekommen ist. („Es war die Liebe deiner Mutter, die das Schwert befreit hat, Arthur...“) Hanebüchen.
Von den Schauspielern kannte ich eigentlich nur Keira Knightley, die so eine Art Amazonen-Guinevere verkörpert, die am Schluß lustige Tribals aufgemalt bekommt. In THE JACKET konnte man sehen, daß sie für ihre jungen Jahre schon sehr passabel schauspielern kann. Hier sieht man es nicht. Ray Winstone (SCUM, QUADROPHENIA, SEXY BEAST) spielt einen von Artus´ Chefhooligans, der eine starke Bindung zu Heim und Herd besitzt. Und Til Schweiger schaut auch vorbei, als unbesonnener Sohn des Sachsenfürsten mit lustigem Kinnbart.
Kurzum: Das war richtiger Murks! Ich habe kurz vorher KÖNIGREICH DER HIMMEL gesehen, der zwar auch alles andere als makellos ist, aber im Vergleich zu KING ARTHUR emporragt wie das Montblancmassiv.
Ich persönlich glaube ja, daß Artus gemeinhin überschätzt wird. Der war nur irgendsoein Hajupei. Und Excalibur war ein Kosename für seinen Dödel. Lancelot du Lac hieß bestimmt auch nur so, weil er inkontinent war. Ich könnte mich aber auch täuschen.
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#308
Geschrieben 16. März 2006, 18:38
Wer an Brass denkt, denkt an Titten! Mit etwas Wehmut erinnere ich mich an jene Tage des „Film-Dienstes“ zurück, in denen das Prädikat „Wir raten ab“ ein grundlegendes Unverständnis des Rezensenten mit dem besichtigten Kunstwerk anzeigte. Böse Menschen, von denen nicht wenige die Grille hatten, zu meinem Freundes- oder Bekanntenkreis zu zählen, empfanden dieses Prädikat in der wilden Zeit ihrer Jugend als besondere Auszeichnung und Kuckanreiz. Häufig erwiesen sich diese Filme als enttäuschender Gullymurks, aber da selbst vorzügliche Filme wie Harry Kümels BLUT AUF DEN LIPPEN einst zum geheimen Zirkel der Abgeratenen gehörten, schlüpfte auch einiges durch die engen Maschen des katholischen Cineastennetzes, das durchaus ein zweites Hinsehen lohnte.
Tinto Brass gehörte zu den auf „Wir raten abs“ abonnierten Filmemachern. Wann immer ein neuer Film von ihm in die Kinos kam, prasselte der geballte Zorn der Fachpresse auf „das heruntergekommene Talent“ hernieder. Selbst in seinem Heimatland – wo man selbstzweckhafte Lustbarkeiten weniger argwöhnisch beäugt als hierzulande – gab es manchen Tadel. So handelte sich Brass bei der Premiere von COSI´ FAN TUTTE sogar die Ohrfeige einer vergrämten Feministin ein, was ihm mit Sicherheit so manchen zusätzlichen Zuschauer bescherte!
Die wenigsten Brass-Gegner sind aber mit dem Frühwerk des Meisters vertraut, weshalb ich mir jetzt mal eine kleine Werkschau gönne, beginnend mit dem frühesten Film, der mir zur Verfügung steht, nämlich IL DISCO VOLANTE.
In einem kleinen venezianischen Dörfchen steppt der Bär, weil eine fliegende Untertasse gesichtet worden ist. Natürlich sind die Medien sofort zur Stelle und holen den letzten Saustecher vor das Mikro, um seine – für mich aus Dialektgründen komplett unverständliche – Meinung zu den Vorgängen herauszukitzeln. Wie sich herausstellt, handelt es sich nicht nur um Gerüchte: Ein echtes UFO hat sich genau diesen Hinterwäldler-Tummelplatz ausgesucht, um sich unseren Planeten aus der Nähe zu betrachten. Werden die Terrestrier in der Lage sein, einen für beide Seiten fruchtbaren Kontakt zu den Marsmenschen aufzubauen?
Ich habe lange keinen Film mehr auf italienisch geschaut. Man möge mir also nachsehen, wenn ich bei IL DISCO VOLANTE – einem der ersten Filme von Tinto Brass – keine detaillierten Angaben über die Güte der Dialoge machen kann. Das Drehbuch stammt von Rodolfo Sonego, einem der fleißigsten italienischen Filmkomödienautoren. Daß er für das Drehbuch von IL DISCO VOLANTE verantwortlich zeichnete, mag auch daran liegen, daß er besonders häufig mit dem Hauptdarsteller Alberto Sordi zusammengearbeitet hatte. Sordi spielt in diesem Film gleich vier verschiedene Figuren: einen schriftstellernden Telegrafisten, einen gestrengen Dorfbüttel, einen homosexuellen Aristokraten und einen trinkfesten Priester. Daß Sordi – in seinem Heimatland so populär wie hierzulande Heinz Rühmann – alle diese Rollen innehat, hat wohl nicht nur mit dem Vorsatz zu tun, den Fans des Komödianten so viel Sordi wie möglich für ihr Geld zu geben, sondern zeigt auch die Intention Brass´ an, jenseits der Schwankelemente ein wenig korrosive Gesellschaftskritik einzufügen. Alle Figuren, die Sordi spielt, bekommen das UFO zu sehen; alle landen früher oder später in der Klapsmühle. Wie es scheint, sind die Menschen gar nicht so sehr daran interessiert, Verständnis für andere Kulturen aufzubringen. Was zählt, ist eher das Naheliegendste. So fängt sich Bäuerin Silvana Mangano einen Außerirdischen, nur um ihn dann an die prunksüchtige Gräfin und ihre stark von Fellini und Antonioni beatmete Blase von eitlen Müßiggängern zu verschachern. Bürgermeistergattin Monica Vitti wird ebenfalls Zeugin einer Begegnung der dritten Art, doch läßt sie ihren Liebhaber Sordi lieber die Elektroschockbehandlung zukommen, als ihre Ehe und ihren gesellschaftlichen Stand aufs Spiel zu setzen.
Nach dem angeblich stark von der „nouvelle vague“ beeinflußten Anarchistendrama CHI LAVORA E´ PERDUTO und einem Dokumentarfilm, der sich mit gesellschaftlichen Revolutionen befaßte, stellte IL DISCO VOLANTE wohl Brass´ Vordringen auf den kommerziellen Sektor dar. Dabei scheint seine rationalistische Gesinnung hier und da durch (= mit Feuer und Flamme gegen Aberglauben jeglicher Couleur!), ohne daß der Film seinen Charakter als Unterhaltungsware einbüßen würde. Ob man Sordis Grimassen nun lustig findet, ist wohl Geschmackssache. Ich habe den Mann in zahlreichen Stunden fröhlicher Entspannung lieben gelernt, wenngleich er mir am besten gefällt in ernsten bis tragischen Rollen, z.B. in Nanni Loys hervorragendem Gefängnisfilm UNTERSUCHUNGSHAFT, in dem Sordi übel mitgespielt wird. Obwohl IL DISCO VOLANTE in der amerikanischen Presse meistens als SF-Sexfilm bewertet wird, halten sich die frivolen Elemente in Grenzen. Lediglich das weibliche Alien (wenn ich mich nicht täusche, Erika Blanc!) hat niedliche Glashalbkugeln über den grotesk großen Plastikbrüsten. Ansonsten hält sich alles im von unserem sympathischen Nachbarland gewohnten Rahmen, der ja auch in den 60ern eine Gesinnung verriet, die dem Leben nicht eben abgeneigt war. Der SF-Anteil beschränkt sich auf eines der kompliziertesten UFOs der Filmgeschichte (sinnfreie Drähte, sich drehende Appendices, lustige Lichter) und die Aliens, die sich in ihren ebenfalls sehr pittoresken Raumanzügen meistens in unheimlicher Zeitlupe über die venezianischen Wiesen bewegen. Hervorzuheben auch die Musik von Piero Piccioni, die zum größten Teil aus Tangorhythmen besteht und lediglich im Zusammenspiel mit den Aliens zu den für italienische SF-Filme der Zeit typischen Orgel- und Elektronikpiepsern greift. Insgesamt ein durchaus ordentliches und für die spätere Entwicklung Brass´ erhellendes Frühwerk aus dem Reich der leichten Muse.
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#309
Geschrieben 21. März 2006, 19:03
Jakob und Wilhelm Grimm (Jake und Will!) erleben zahlreiche wundersame Dinge auf ihrem Weg zur Unsterblichkeit.
Eigentlich hatte ich große Erwartungen an diesen Film geknüpft, da ich Terry Gilliams bisherige Arbeiten selten weniger als großartig fand. Auch schien es mir, daß die zweischneidige Qualität von Märchen – die ja häufig eine moralische Botschaft transportieren und bei der Schilderung des „Bösen“ keine Gefangenen machen – bei dem Regisseur gut aufgehoben wären. Nach dem kompletten Disaster der Dreharbeiten an dem „Don Quichotte“-Projekt scheint der Meister aber zu Zugeständnissen bereit gewesen zu sein, denn was da über meinen Bildschirm flimmerte, besaß nur noch Spuren dessen, was die Arbeiten Gilliams früher ausgemacht hatte. Sicher, die Gegenwart von Matt Damon und Heath Ledger hätte mich schon stutzig machen sollen, und daß Ehren Kruger als Drehbuchautor wohl kaum die ideale Wahl gewesen sein wird, hätte man auch antizipieren können. Ich war dann aber doch sehr ernüchtert, als sich abzeichnete, daß sich die Magie des Filmes in einer Abfolge von Zirkusattraktionen erschöpfen sollte. Es passiert viel in den 2 Stunden – viel zuviel, was mich angeht –, und obwohl der Film selbstverständlich nicht den Anspruch auf Authentizität erhebt, sondern eine Fantasie darreicht, ging mir das andauernde Geflachse zwischen den sehr amerikanisch wirkenden Protagonisten zunehmend auf den Senkel. Vor kurzem habe ich gerade Jan Svankmajers Film ALICE gesehen, der mich schier weggeblasen hat und die mit Abstand beste Version des Märchens ist, die ich je gesehen habe – düster, versponnen und so ganz und gar nicht „kindgerecht“. Vielleicht habe ich von THE BROTHERS GRIMM jetzt ganz einfach zuviel erwartet, aber selbst wenn man verzeiht, daß die Hauptfiguren einen ziemlich kalt lassen mit ihrem Gewurstel (Peter Stormare, stöhn!), die Computeranimationen für eine Produktion dieser Größenordnung teilweise lausig sind (Wolf!) und die Märchenzitate wie das Trommelfeuer aus der Sackkanone erfolgen, so kann man nicht umhin, dem Film minimalen Erfolg bei maximaler Anstrengung zu bescheinigen – trotz viel Getöses wird's irgendwann einfach langweilig. Es gibt zwei, drei recht nette Einfälle, und ein paar bemerkenswert unsüßliche Einzelheiten lassen auch wieder erahnen, was Gilliam erreichen kann, wenn er unter günstigen Umständen operiert, aber insgesamt ist der Film eine Enttäuschung von einigen Gnaden. Ich kann nur hoffen, daß TIDELAND wieder den Gilliam präsentiert, der mir ans Herz gewachsen ist – bildgewaltig, grotesk und von der arglosen Bösartigkeit eines Kindes. THE BROTHERS GRIMM ist zu Tode kalkuliert worden. Da stimmt nicht viel. Schade!
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#310
Geschrieben 21. März 2006, 21:59
Tom Stall (Viggo Mortensen) ist ein braver Ehemann und Familienvater, der in einem Schnellrestaurant arbeitet. Sein unscheinbares Leben erfährt einen Einschnitt, als zwei gemeingefährliche Gangster bei ihm auf der Matte stehen und Rabatz machen. Als sie damit drohen, eine Imbißbedienstete umzubringen, gerät eine Waffe in Toms Hand. Es kracht einige Male, Blut spritzt durch den Raum, und Tom ist auf einmal ein Held. Von seiner Umgebung wird er gefeiert, das Restaurant ist stets gefüllt. Es könnte alles ganz prima sein, wären da nicht einige Finstermänner unter Anführung des entstellten Carl Fogarty (Ed Harris). Dieser macht einige merkwürdige Andeutungen, Tom sei nicht das, was er zu sein vorgibt. Gibt es lose Enden in Toms Vergangenheit, oder ist er Opfer eines schrecklichen Irrtums?
Genauer darf ich die Story eigentlich nicht beschreiben, denn der Film dreht sich zentral um die Frage, ob Tom Skelette im Schrank hat oder nicht. So richtig kommt es auch gar nicht darauf an, denn die Ereignisse nehmen bei Cronenberg einen Lauf, in den jede der Hauptfiguren hineingerissen wird. Ich habe erst einmal ein paar Tage damit gewartet, bis ich mir A HISTORY OF VIOLENCE angesehen habe. Cronenberg ist einer jener Regisseure, bei denen ich regelmäßig auf die Knie falle vor Ehrfurcht. Je mehr Respekt ich aber vor einem Filmemacher habe, desto größer ist auch meine Angst, er könne eine Gurke produzieren. Auch ein Gesichtspunkt mag gewesen sein, daß Cronenbergs Filme keine leichte Unterhaltung darstellen, der man sich mal so nebenbei widmen könnte. Ich sehe mir auch nicht Bergmans SCHREIE UND FLÜSTERN an, bevor ich ein romantisches Abendessen zu zweit ausrichte... Beide Bedenken erwiesen sich aber als unbegründet, denn A HISTORY OF VIOLENCE ist nicht nur ein erstklassiger Film, sondern gehört auch zu den oberflächlich gefälligsten Cronenbergs. Tatsächlich erzählt HISTORY eine simple Thriller-Story, in der ein Mann verdächtigt wird, ein Doppelleben zu führen. Es gibt vertraute Motive wie den Schutz der Familie, die Sicherung der gesellschaftlichen Stellung, den Versuch, in einer Welt gewaltlos zu leben, in der Gewalt fast unausweichlich erscheint. Der Film ist im Grunde genommen ein Western, doch wo in einem traditionellen amerikanischen Western die Moral obsiegen würde, vermittelt Cronenberg ein Geflecht von Faktoren, in dem sich nicht nur die Protagonisten hoffnungslos verheddern. Tatsächlich weiß auch irgendwann der Zuschauer nicht mehr, wer nun eigentlich wer ist. Was oberflächlich wie ein einfacher – wenn auch brillant fotografierter und inszenierter – Thriller anmutet, ist in Wirklichkeit eine Reflexion über Rollenspiele nicht nur sexueller Art. Man ist für jede Person, die man kennt, jemand anderes, und wenn man sich selbst zu kennen meint, dann ist dies häufig eine vielleicht lebensnotwendige Selbsttäuschung. Viggo Mortensen (Aragorn!) ist exzellent als pazifistischer Familienvater, der seiner unterschwelligen Gewalttätigkeit (WER GEWALT SÄT, anyone?) nur unzulänglich bewußt ist und damit seine Familie fast noch mehr gefährdet, als dies die Gangster zu tun imstande sind. Handeln die meisten früheren Cronenbergs von körperlichen Anomalitäten und Mutationen, die in Zusammenhang mit dem Triebleben gebracht werden, so geht es hier um einen ähnlichen Zwiespalt, der gewaltsam ausagiert wird. Cronenberg erweist sich erneut als glänzender Schauspielerregisseur, denn neben Mortensen leisten auch Maria Bello und Ed Harris Vorzügliches. William Hurt habe ich bizarrerweise überhaupt nicht erkannt, aber jetzt, wo ich's weiß...
Ein Film, den ich mir mit Sicherheit noch häufig ansehen werde – toll!
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#311
Geschrieben 22. März 2006, 17:07
Mit Familienfilmen verbindet mich so einiges. In meiner Kindheit war ich ein eifriger Kucker von Serien wie „Die Waltons“ oder „Unsere kleine Farm“ und genoß die dort dargebotenen Idyllen. Klar, die Familie ist das Kernstück einer jeden Gesellschaft, und je mehr wir in der Gegenwart von skrupellosen Einzelkämpfern und Raubtierkapitalisten unser Dasein fristen müssen, umso mehr wächst auch die Sehnsucht nach der zwar verlogenen, aber heimeligen Welt harmonischer Wunschvorstellungen. Da die Menschen aber nicht generaldoof sind, bekommen viele mit, daß die Medien – profitorientiert, wie sie nun mal sind – eben diese Sehnsucht bereits ohne Rücksicht auf Verluste ausbeuten, und zwar rund um die Uhr. In der grauen Wirklichkeit sind Familien ja häufig nicht einmal so viel wert wie das Papier, auf dem sie geschrieben stehen, und wenn dann noch religiös motivierte Vorstellungen von Schuld & Sühne das Tagesgeschehen bestimmen, kann einem schon mal grau um die Nase werden, wenn man den „Heile Welt“-Schwund im Fernsehen verfolgt.
Rockstar Rob Zombies Debütwerk HAUS DER 1.000 LEICHEN erblickte erst nach langer und schwerer Geburt das Licht der Welt und hatte wesentlich mehr als nur zwei Eltern. Neben THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE und MOTHER'S DAY gab es noch viele andere Vorbilder, die Zombie in seinen Gothic-Zirkus einfließen ließ. Der Genbrei, der jedes Taschentuch sprengt, gerann dann zu einem Ganzen, das noch schauerlicher war als das von mir benutzte Bild. Tatsächlich war ich platt, mit welcher arglosen Boshaftigkeit der Regisseur seinem Publikum ein Familienidyll präsentierte, das sich so ganz von dem des Normalbürgers zu unterscheiden schien. Ich finde Gegenentwürfe ja potentiell immer knorke. Statt bestehende Vorstellungen auseinanderzuhebeln, schafft man einfach ein neues Idyll, und was immer man an der Firefly-Familie beanstanden kann – da herrscht noch Zusammenhalt! Sicher, sie morden, foltern und vergewaltigen, aber abgesehen davon sind sie eigentlich recht liebenswert...
THE DEVIL'S REJECTS war nun die von vielen Horrorfans heiß ersehnte Fortsetzung, und mir schwante Übles, denn die Kritiker ließen kaum ein gutes Haar an dem Werk. Auch war Zombies Erstling zwar mit Sicherheit effektiv, aber das lag weniger am Handwerk als an der sehr eklektizistischen Zitierwut, mit der Zombie dem Affen Zucker gab. Zombie war niemand anderem gegenüber verantwortlich als sich selbst und seiner Produktionsfirma Universal, die ihn auch prompt feuerte. Würde das Sequel nun einfach mehr vom selben auf den Teller kellen?
Nein, das tut das Sequel nicht! Wer eine schlichte Fortführung des bereits Gehabten erwartet, der wird seinen Augen nicht trauen, denn was Zombie mit dem zweiten Teil vorlegt, fühlt sich an wie ein ganz anderer Film, der nur dieselben Protagonisten verwendet. Nachdem die Familie aus ihrem Anwesen vertrieben worden ist, muß sie ihr Unwesen in der Diaspora treiben. Dort erweist sie sich aber erneut als uneingeschränkt lebensfähig und demonstriert zupackenden Charakter. Tatsächlich wirkt der Film auf eigentümliche Weise wie eines der „Road Movies“, die seit den 90ern gerade bei Indie-Filmern wieder richtig in Mode gekommen sind. Geht es in „Road Movies“ in der Regel um die Suche nach die eigene Existenz betreffenden Antworten, so liegt es der Familie Firefly fern, Fragen zu stellen. Stattdessen produziert sie ein bluttriefendes Ausrufezeichen nach dem nächsten, und wer nur ein kleines bißchen zimperlich ist, sollte den Film meiden, denn Zombie beißt kräftig zu. Besonders unerquicklich ist eine Episode, in der sich Baby und Otis Gäste einladen, mit denen sie eine Party feiern. In jedem normalen Film wären diese beiden Figuren die ultimativen Butzemänner, und nachdem die Rachegelüste des Zuschauers entsprechend aufgeheizt worden sind, käme dann Charles Bronson oder ein entsprechender Vertreter des „gesunden Volksempfindens“, um den Beelzebub auszutreiben. Hier ist es aber der Sheriff (großartig: William Forsythe!), der den wahrhaft schwarzen Peter hat. Sein Bruder ist den Fireflys in die Finger gefallen, und nun will der Sheriff die Blutwurst, wobei er sich nicht an weltliche Gesetze hält, sondern an jene, die ihm sein religiöser Wahn und sein Rachedurst diktieren. Der Schluß von THE DEVIL'S REJECTS ist golden, aber den werde ich hier nicht verraten. Hat mich umgeblasen.
Bleibt zu erwähnen, daß Karen Black für die Fortsetzung nicht mehr zur Verfügung stand. Ansonsten ist die Crew aber vollzählig versammelt und wird von Genre-Veteranen wie Ken Foree, Michael Berryman, Mary Woronov und Pornostar Ginger Lynn ergänzt. Zombies Idyll mag nicht den Vorstellungen vieler Zuschauer entsprechen, aber er ist wirklich konsequent in seinem Tun. Ob einem das munden mag, ist sicherlich Geschmackssache. Ein harter Brocken, aber in mancherlei Hinsicht besser als der erste Teil.
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#312
Geschrieben 25. März 2006, 23:35
Die Köchin Mei serviert ihren Kunden eine ganz besondere Spezialität, die nicht nur gut schmeckt, sondern den Schlüssel zum Geheimnis der ewigen Jugend enthält – Teigtaschen mit Füllung. Was die geheimen Zutaten angeht, so breitet sie darüber nach außen hin den Mantel des Schweigens, und aus gutem Grund, denn älter als fünf Monate dürfen die Föten nicht sein...
Das Hongkong-Kino ist nicht wirklich bekannt für seine Zurückhaltung in bezug auf Geschmacksunsicherheiten. Dabei werden die Nasekrauszieh-Elemente meistens wenig stimmig in den Gesamtzusammenhang integriert. Ein paar Klopfer an der richtigen Stelle, die den Magen zum Gluckern bringen, haben schon manchem mindertalentierten Regisseur geholfen, einen Hauch von Spektakel in ansonsten zappendusteres Kintopp einzuweben. Werke wie THE EBOLA SYNDROME mögen einem Trash-Publikum im ersten Moment trefflich munden, da dort Dinge visualisiert werden, die man nur aus den niedrigsten aller „sick jokes“ kennt, die sich jungfräuliche Soldaten in Kasernen gewohnheitsmäßig zuraunen, um zu demonstrieren, daß sie zwar noch keinen Stich gelandet haben, aber ganze Kerle sind dank Chappi. Doch einen guten Film ergibt das noch lange nicht.
DUMPLINGS ist eine ganz andere Nummer. Ich werde mir ihn mit Sicherheit noch häufiger anschauen, denn was Regisseur Fruit Chan da zusammengebrutzelt hat, ist ein ganz vorzüglicher Film, wenn auch definitiv nichts für zarte Mägen. Der Beginn ist sehr langsam, sehr gemütlich: Die Köchin Mei wird vorgestellt, wie sie sich einen leckeren Salat macht, der etwas enthält, was so ähnlich aussieht wie Shrimps. Dann klingelt es an der Tür. Frau Lee – eine ehemalige TV-Schauspielerin, deren Ruhm mit ihrer Gesichtshaut gewelkt ist – hat von Meis Spezialitätenküche erfahren und will an den Wunderdingen teilhaben. Es macht ihr nichts aus, daß die überspannte Mei fast unaufhörlich schwafelt, gräßliche Leggings zur Schau trägt und eine ausgeprägte Neigung zu herablassendem Verhalten besitzt. Lee will wieder jung sein, damit ihr Ehegatte – ein reicher Geschäftsmann – nicht mehr mit der Sekretärin herumpoppt. Zu Anfang muß sich Frau Lee dazu zwingen, die Teigtaschen herunterzuwürgen, doch irgendwann klappt's. Als Zuschauer spürt man schon, daß etwas schrecklich verkehrt läuft, und als Mei dann beiläufig erwähnt, daß die Geheimzutat „im dritten Monat“ einfach ideal sei, beginnt der Bauch zu glucksen. Das waren nämlich keine Shrimps, oh nein. Als Frau Lee die Veränderungen an ihrem Teint nicht massentauglich genug sind, fordert sie härteren Stoff. Was für ein Glück, daß Mei früher als Engelmacherin gearbeitet hat und im künstlich herbeigeführten Abort gestählt ist. Man sollte hier einflechten, daß Regisseur Chan das Kunststück fertigbringt, diese immens unappetitliche Story mit großer Zurückhaltung zu erzählen. Was ansonsten zu inakzeptablem Greuel geworden wäre, dessen man sich leicht entziehen kann, indem man den Film aburteilt, geht so wirklich unter die Haut. Richtig konkret wird DUMPLINGS nur in zwei oder drei Szenen, die es dann allerdings auch in sich haben. Bei einer Abtreibung im fünften Monat ist selbst mir schlecht geworden. Da die beiden Hauptdarstellerinnen Ling Bai (die nach dem Tiananmen-Square-Massaker in die USA emigriert ist) und Miriam Yeung Chin Wah (eine Popsängerin) ihre Sache ausgesprochen gut machen, funktioniert der Coup und sichert dem sehr attraktiv fotografierten und elegant inszenierten Film einen Platz irgendwo zwischen schwarzer Komödie, Horrorstory und Melodram. Der menschlichen Eitelkeit wird der ihr zustehende Platz im Monstrositätenkabinett zugewiesen, wo sich Teenager zu Tode hungern, weil sie wie Models aussehen wollen; wo TV-Stars ihre Seele verkaufen, um dem kleinsten gemeinsamen Nenner zu entsprechen; und wo sogenannte Prominente vor keiner asozialen Schamlosigkeit zurückschrecken, um nicht im Dunkel der Anonymität zu landen. Fruit Chan hat sich da ein drastisches Beispiel ausgesucht, schon wahr, und man sollte vor Betrachten des Filmes um Himmels Willen nichts essen, aber es stimmt einfach, es stimmt. Angemerkt sei noch die sehr effektive Musik, die dem Film zu Beginn durch ihre permanente Süßlichkeit eine schwer definierbare Perversität verleiht, da sie so überhaupt nicht zu den grausigen Vorgängen zu passen scheint, später aber – wenn man beginnt, die Nöte der eitlen Protagonistin Frau Lee nachzuvollziehen – echte melodramatische Wirkung erzeugt. So nebenbei birgt der Film übrigens auch eine dezidiert antichinesische Note, aber das soll im Hongkong-Kino schon mal vorkommen...
Haarsträubend!
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#313
Geschrieben 27. März 2006, 12:10
Ein Film, der an die Tradition von Sergej Eisenstein und Andrej Tarkowskij anknüpft. So lieben wir unsere Russen!
Nein, im Ernst: Den Film hätten sie besser NACHTWÄCHTER genannt. WÄCHTER handelt von einem jungen Mann namens Anton, der einen grotesken Pullover trägt und zu einer Moskauer Kräuterhexe geht, um das Fremdbalg seiner Ex-Frau mit einem Fluch belegen zu lassen. Die Frau (die eher aussieht, als könne sie Brötchen belegen, aber nicht mit einem Fluch!) beginnt, lustig zu hampeln und zu strampeln. Auf einmal ist Anton ein „Anderer“, ein „Wächter der Nacht“. Es ist nämlich so, daß vor langer, langer Zeit ein Kampf zwischen den Mächten des Guten und des Bösen tobte, der dann aber aus Vernunftgründen eingestellt wurde. Stattdessen handelte man eine Art Waffenstillstand aus, der die Grenzen zwischen Gut und Böse einigermaßen regelte. Irgendwann aber – so will es die Legende – soll ein großer „Anderer“ kommen, der sich für die eine oder die andere Seite entscheidet, und dann ist Schluß mit lustig!
Den Prolog hat dieser Auftakt zu einer geplanten Trilogie (ächz!) recht gut im Griff. Man sieht eine Horde häßlicher russischer Männer in Ritterrüstungen, die erbittert aufeinander einwuchten. Dann kommt Anton, und ab hier habe ich den Film nicht mehr verstanden. Ich persönlich bin ja ein großer Fan der Maxime, ein Regisseur habe seinem Publikum den Gang durch die irdische Wildnis zu erleichtern. Was Regisseur Ilja Muromez (oder so) bei WÄCHTER DER NACHT abliefert, ist ein Dauerfeuerwerk endlosen Geposes und Gewurschtels. Man fragt sich, ob die (meistens cool dreinblickenden) Charaktere in der Lage sind, sich auf normale Weise ein Butterbrot zu schmieren. Okay, es geht um die Rettung der Welt, was natürlich wichtiger ist als eine schnöde Schnitte, aber sehr bald geht das Gehampel auf die Nerven. So gar nicht hilfreich dabei ist der Umstand, daß der Film etwa ab Minute 10 ein Dauergrinsen auf mein Gesicht zauberte. Während manches dem modischen Diktum der Ironie folgt, scheint mir der Großteil des Filmes doch sehr ernst gemeint zu sein, und dafür wird entschieden zuviel auf die Pauke gehauen. Die Dialoge sind unterirdisch und teilweise unfreiwillig komisch. Die Visualisierung (feat. Unmengen unnötiger und irritierender Computereffekte) ein Fest von Mätzchen, die Eindruck schinden sollen, aber den Weg zum Verständnis erschweren. (Besonders vergnüglich fand ich die Flugzeugschraube, deren Fall zur Erde von der Kamera verfolgt wird – Eisenstein, friß´ Blei!) Die Schauspieler chargieren nach Leibeskräften. Im Grunde genommen machten mir die ersten 60 Minuten einen Heidenspaß, obwohl ich nur noch mantramäßig „Bahnhof, Bahnhof, Bahnhof“ vor mich hin gebrummelt habe. Die „Wächter der Nacht“ haben z.B. einen tollen gelben Lastwagen, der Feuer aus seinen Auspuffrohren entläßt. Es gibt einen geisterhaften Friseur mit schlechten Angewohnheiten. Die Vampire und anderen Nachtgestalten erhalten ihre „Lizenzen“ vom Stadtwerk. (Endlich weiß man mal, wozu Stadtwerke gut sind!) Und eine verfluchte Jungfrau aus Byzanz (mit einer grimmigen Omma) gibt es auch noch. Am Schluß treffen sich alle Protagonisten auf dem Dach eines Wohnhauses, um die Entscheidung des „Großen Anderen“ zu empfangen. Zu diesem Zeitpunkt sind allerdings bereits 110 zunehmend zähe Minuten vergangen. Ich fand WÄCHTER DER NACHT ob seiner russischen Herkunft faszinierender als CONSTANTINE oder UNDERWORLD, aber als Film bekommt er von mir die komplette Null. Das war mal albern. „Ja, albern, der Helge, das ist mal so'n alberner Sausackpillemannarschloch, doh!“ Da setze ich mich lieber neben Tarkowskij und schaue zu, wie er minutenlange Einstellungen von Erland Josephssons Gesicht filmt oder so. Habe ich mehr von.
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#314
Geschrieben 31. März 2006, 12:09
Eigentümlicher, aber durchaus nicht reizloser Horrorfilm aus Südkorea, der von einem Soldatentrupp handelt, der während des Vietnamkrieges eine Mission zu erfüllen hat: In einem geheimnisvollen Gebiet, das "R-Point" genannt wird, ist sechs Monate zuvor ein anderes Platoon verlorengegangen. Auf ihrer Suchexpedition entdecken sie Hinweise darauf, daß Teile des Gebietes einst ein See gewesen sein müssen. Auf einem Gedenkstein ist davon die Rede, die chinesischen Invasoren hätten hier Unmengen an Zivilisten massakriert. Als der Trupp schließlich am "R-Point" ankommt, findet man dort die Ruine eines alten Hotels, das für die Franzosen aus der Frühphase des Indochinakrieges errichtet worden ist. Selbst tagsüber ist es dort schon recht unheimlich. Das ist aber noch gar nichts gegen die Nächte...
Der mehr an westliche Produkte gewohnte Zuschauer wird bei R-POINT vermutlich leichte Probleme mit der gelegentlich hyperbolischen Arbeit der Schauspieler bekommen, die - gerade in Momenten der Panik - schon ziemlich auf die Tube drücken. Davon abgesehen handelt es sich bei dem Film um einen recht spannenden Thriller, der seine ungewöhnliche Prämisse weniger als Grundlage für Geisterhorror à la RING oder JU-ON verwendet (nein, keine weißgekleideten Mädchen mit langen Haaren!), sondern ein kammerspielartiges Drama entwirft, das gelbe Männer unter widrigen Umständen zeigt. Dabei geht er handwerklich recht geschickt vor. Die Horroreffekte sind spärlich gesetzt, aber durchaus effektiv. Das Ende ist relativ vorhersehbar, was mich aber nicht weiter gestört hat. Für eine DVD-Erstveröffentlichung ist der Film zudem ordentlich synchronisiert. Überhaupt wundert es mich, daß es so wenige Horrorfilme mit direktem Kriegsbezug gibt. In den letzten Jahren fiele mir da höchstens der britische DEATHWATCH ein, der ähnliches Gelände begangen hat, ebenfalls mit ordentlichem Erfolg. R-POINT ist sicherlich kein Juwel, aber auch ein Film, bei dem es unwahrscheinlich ist, daß man enttäuscht wird. Ich fand ihn ganz gut.
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#315
Geschrieben 31. März 2006, 17:34
Beim Betrachten des Filmes ist mir wieder einmal schmerzlich zu Bewußtsein gekommen, daß ich die Dummheit anderer fast schon als persönliche Beleidigung empfinde. Klar, meistens können die Leute ja nichts dafür, haben halt nie was anderes gelernt, und das Leben beweist einem ja immer wieder, daß man auch mit 60 IQ-Punkten ganz anständig die Kurve kriegen kann. Wer sich aber jemals damit abgeplagt hat, mit einigen professionellen Goa-Gängern (möglichst noch bedrogten) eine sinnvolle Unterhaltung führen zu wollen, der weiß, daß es viele angenehmere Möglichkeiten gibt, um seine Zeit zu verwenden. Man kann sich zum Beispiel mit einer fetten Salami auf den Kopf hauen!
Einige Dummschwätzer wollen auf eine Rave, die irgendwo in der Wüste stattfinden soll. Auf halber Strecke bleibt der Wagen liegen, und mysteriöserweise funktionieren weder Radio noch Handy. Auch sind da keine Menschen, wo Menschen sein sollten. Aber Bedrohung liegt in der Luft, und die Bedrohung stinkt nach Tod...
Bei CABIN FEVER war es ja auch schon so, daß einige völlig uninteressante Pappnasen etwa 40 Minuten lang schwafeln, ohne daß viel passieren will. Bei einem guten Skript kann man da mit viel Wohlwollen von einer sorgfältigen Exposition sprechen, "der Film läßt sich Zeit" und so. Bei CABIN FEVER passieren dann ja auch noch einige Dinge, die das Ansehen lohnen, und zumindest ein sehr schöner Schlußgag verwirrt angenehm. Nicht so REEKER. Da kommt nur ein eigentümlicher Psychokiller mit Staubmantel, Gasmaske und einem sehr erfinderischen Arsenal an selbstgebastelten Waffen, mit denen er fröhlich um sich schnetzelt. Da er sich auch unsichtbar machen kann und per Computereffekt lustig in der Gegend herumruckeln kann, wartete ich gespannt auf die Auflösung - da möchte ich doch gerne mal wissen, wie die das erklären wollen... Um es kurz zu machen - lohnt sich nicht. Alter Hut, hatten wir schon einige Male. In den Extras redet Michael Ironside davon, das Skript sei so gut geschrieben, daß es unmöglich nur zwei Ebenen haben könne, da müsse auch noch eine dritte sein. Das darf man nicht so ernst nehmen. Wenn man als untere Ebenen Käse und Schinken annimmt und als dritte noch etwas Mostrich draufschmiert (Sempf!), dann liegt man bei dem Film einigermaßen richtig. Ein typischer Slasher von akzeptabler Manufaktur, teilweise sehr happigem Gorelevel (Küchenquirl!) und storytechnischer Hilflosigkeit. Der Titel bezieht sich auf den Umstand, daß der Killer ständig vom Geruch des Todes umwabert wird, was visuell durch wenig effektives Computergeflirre angedeutet wird. Den Film in der deutschen Fassung STINKER zu nennen, wäre denn doch etwas zu hart gewesen, aber wer etwas Besonderes erwartet, wird wahrscheinlich enttäuscht werden. DONNIE DARKO isser nich.
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#316
Geschrieben 04. April 2006, 19:47
Männer sehen gerne, wenn Männer andere Männer hauen. Die Gründe hierfür sind etwas, über das ich nur spekulieren kann, denn ich sehe mich gar nicht als richtigen Mann. Richtige Männer reden immer über Autos, reale oder eingebildete Hochleistungen auf dem Gebiet der Liebeskunst oder über Dinge, die absolut feststehen. Sachen wie „Also, ich finde den Buddhismus maßlos überschätzt!“ hört man nur von Männern. Quasi mit links und ohne Risiko die eigene Überlegenheit zementieren, das ziert den Erdenmann (nicht: das Erdmännchen!) mehr als ein kühner und buschiger Bart! Wenn Bergmänner Bergman kucken, so ist das eher die Ausnahme von der Regel, denn bei Bergman hauen Männer andere Männer äußerst selten. Bergmänner, die gerne Jean-Claude Van Damme kucken, sollen hingegen nicht selten sein. Was ist es, das der Belgier nonverbal vermittelt, das den Herren der Schöpfung (= phrasische Sprache aus der finstersten Ecke) so vorzüglich mundet? Van Damme kucken, das ist, wie wenn Fußballer einander umarmen und küssen, das ist „male bonding“ auf hohem Niveau. Oder muß man von „male bondage“ sprechen? Die hauen einander ja immer. Um mir darüber klarzuwerden, habe ich mich auf einen einsamen nepalesischen Berggipfel verzogen und BLOODSPORT gekuckt, das bahnbrechende Meisterwerk, mit dem Van Damme bekannt wurde.
In BLOODSPORT spielt Van Damme den Kampfsportexperten Frank Dux, der für sein Leben gern das Kumite besuchen möchte. Das Kumite ist so eine Art Komitee in Hongkong, wo alljährlich Männer anderen Männern auf die Nase hauen. Gegründet wurde das Kumite vom berüchtigten Orden des schwarzen Drachens, der herausfinden wollte, welche Männer sich auch wirklich von Steinbrech ernähren und auf harten Matten schlafen. Mitmachen dürfen aber nicht nur Tsching und Tschang, sondern Haudraufs aus allen Ländern der Welt. Natürlich sehen die Haudraufs mehrheitlich aus wie klassische Videothekenprolls, aber ich möchte den Dingen nicht vorausgreifen. Denn obwohl es in diesem Film natürlich in erster Linie auf die Uga-Uga-Wettkampfsituation und das nachfolgende Brusttrommeln des Siegers ankommt, muß det Janze auch dramaturgisch durchmotiviert sein, sonst ist Stanislawski sauer. Frank Dux hat sich nämlich in Kindertagen als Einbrecher versucht: Mit einigen anderen Blagen dringt er in einer Rückblende widerrechtlich in das Haus eines Asiaten ein, Shodushi Tanaka geheißen. Als sie ein tolles Katana-Schwert entdecken, erscheint auf einmal der Hausherr, worauf alle Blagen verschwinden. Alle bis auf einen: Frank Dux ist leider zu langsam (oder zu doof) und bleibt zurück, dem Wohl und Wehe des japanischen Edelmannes ausgeliefert. In der realen Welt würde ihn das zum klassischen Versager stempeln, aber Shodushi Tanaka erkennt die wahren Werte des jungen Mannes, denn Männer müssen schlicht sein und scharf wie eine Klinge aus Solingen! Und trotz seines extrem schwulen Vornamens (Shodushi, also bitte!) erweist sich der stark nach Vizeersatzhausmeister aussehende Tanaka als Ehrenmann und nimmt Frank Dux in die Ausbildung. Es folgt eine jener unbezahlbaren Trainings-Montagen, bei denen zu schmissiger Musik gezeigt wird, wie eine junge Sprotte zu einer menschlichen Dampfmaschine geformt wird. Das geschieht u.a. durch harte Stockschläge, die Shodushi auf die sich immer mehr abzeichnende Pektoralmuskulatur des Amerikaners heruntersausen läßt, und auch eine Streckfolter gehört mit zum harten, steinigen, aber auch irgendwie schönen Weg des Frank Dux.
Dies alles muß man im Hinterkopf haben, wenn man verstehen will, warum Dux unbedingt zum Kumite will und dafür sogar fahnenflüchtig wird, denn er will seinem Meister – der mittlerweile auf dem Krankenbett liegt und kräftig siecht – die vielleicht letzte Ehre erweisen. Da Uncle Sam Fahnenflüchtige nicht schätzt, schickt er seine besten Männer in die Kronkorkenkolonie, die Dux dingfest machen sollen. Einer davon ist der noch unbekannte Forest Whitaker, der andere ein mir nicht bekannter weißer Schauspieler. Beide werden von Dux verarscht nach Strich und Faden, denn Filme wie BLOODSPORT benutzen Patriotismus meistens nur als Zierat – gesungen wird das Lied des Individualisten, des Mannes, des harten Mannes, des Mannmannes. Als solcher bekommt Dux in Hongkong gleich einen Buddy, nämlich den rüpeligen Jackson. Jedesmal, wenn in einem solchen Film jemand Jackson heißt, muß ich an OPERATION DANCE SENSATION denken, wie Simon richtig abgeht: „Jackson, Jackson, was ist mit Jackson, JACKSON?!?“ Nun, dieser Jackson könnte jedenfalls auf einer homosexuellen Bärenpage anheuern, denn er ist vierschrötig, behaart und von derber Herzlichkeit. Vielleicht muß man ihn als zusätzliches Identifikationsangebot sehen zum unbehaarten und glattgesichtigen Van Damme, der ja nun eher nach Chippendale-Schönie aussieht denn nach ehrlichem Schmutz und ehrlichem Bier. Merke: Männer müssen stinken – das will die Natur! Gemeinsam nimmt man am Kumite teil, sucht sich ein besonders fieses Schlitzauge aus, das die wahre Natur des Kampfsportes verraten hat, und haut es ordentlich auf die Glocke. Brusttrommeln und Abgang in die nächste Bierschwemme! Nebenbei gibt es auch noch eine Liebesgeschichte, falls Jüergen auch seine Perle neben sich sitzen hat, und die sogenannte Journalistin Janice sieht denn auch genauso aus, wie Jüergen sich seine Perle wünscht: Blasmaul, 80er-Jahre-Discoschlampenfrisur und dumm wie Brot. Auch tut sie gelegentlich Wahrheit kund: „Ihr Kerle seid doch vollkommen verrückt, haha!“ Dux findet sie voll nett, aber jenseits einer heißen Liebesnacht (von der wir nur Van Damme sehen, wie er sich einen feschen Tanga über den Po zieht) ist sie nur die klassische Beute, die Belohnung für den Sieger. Schauspielerin Leah Ayres zeigte sich der Herausforderung dieser Rolle durchaus gewachsen, zog sich aber später aus dem Gewerbe zurück und macht jetzt was mit Kindern.
BLOODSPORT ist großes Männerkino, gesäumt von den Geschmacksverirrungen der achtziger Jahre (MIAMI-VICE-Synthiepop à la Faltermeyer, Van Dammes tolle Fönfrisur, undundund...) Es gibt schön viele Momente zum Johlen und wohligen Aufheulen, es gibt richtig was auf die Mütze, die Kampfsportszenen sind sehr ordentlich choreographiert und der Film bei aller Merkbefreiung technisch auf der Höhe. Regisseur Newt Arnold hat in seiner Karriere meistens als Regieassistent gearbeitet, u.a. einige Male für Sam Peckinpah. Das einzige alleinverantwortete Spektakel, das ich mal von ihm gesehen habe, war ein auf den Philippinen gedrehter Horrorfilm minderer Machart. In dieser Cannon-Produktion brennt er aber ein Feuerwerk ab und gibt den Vollkontakt-Freunden, was Vollkontakt-Freunde sich so wünschen. Den Frank Dux gibt es übrigens tatsächlich, und er hält immer noch verschiedene Weltrekorde, doch seine Freundschaft mit Jean-Claude ist mittlerweile aufgrund von finanziellen Meinungsverschiedenheiten deutlich abgekühlt. Ich könnte jetzt noch einiges über das Gesicht von Jean-Claude Van Damme sagen, aber das hebe ich mir für den nächsten Text auf...
BLOODSPORT – ein Genuß mit Beck's!
Alter Asiate: „Okay – USA!“ (Loriot: „Deutsch gut!“)
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#317
Geschrieben 04. April 2006, 21:06
Dieses Remake von Wes Cravens Wüstenschocker erhält von mir mal einen vorsichtigen Daumen aufwärts. Dabei profitiert es immens vom Umstand, daß ich mit der meines Erachtens ziemlich überschätzten Vorlage nie viel anfangen konnte. Angesichts des monumentalen Trittes in die Weichteile, mit dem Craven einst seine Karriere begonnen hatte, erschienen mir die Erlebnisse von Jupiter, Pluto und ihren Freunden als nachgerade albern. Daß die Neubearbeitung des Franzosen Alexandre HIGH TENSION Aja den Schocklevel so hochpowern würde, daß man wohl kaum dazu kommen würde, sich über die Vorgänge zu belustigen, war zu erwarten, und itzo kam's.
Eine Familie düst mit ihrem Wohnwagen durch die Einöde. Als ein debiler Tankwart dem sofort als stockkonservativ zu erkennenden Papi eine Abkürzung verrät, ist jener sogleich Feuer und Flamme – ist ja klar, wenn man was sparen kann... Bedauerlicherweise kommt es zu einem Achsbruch, und da man sich nicht nur am Arsch der Welt befindet, sondern der Schwiegersohn (=ein Handyvertreter!) keine Funkverbindung zur Außenwelt herstellen kann, ist erst einmal Abwarten und Teetrinken angesagt. Schon bald wird klar, daß sie nicht allein sind. Während ich insgeheim gehofft hatte, Aja wäre mutig und würde die Hügel selbst als Monster präsentieren („Billy The Mountain, jabajabadadah...“), kommt nur wieder die schrumpelige Neandertaler-Familie vorbei und macht Schluß im Quadrat. Minenarbeiter, denen die Sonne und der eine oder andere Nukleartest nicht bekommen sind, sind über Generationen hinweg degeneriert und haben ihren eigenen Lebensstil kultiviert, der sich mit jenem der Zivilisation nicht deckt. Und so kreist das Schlachterbeil...
Tja, Aja baut einige Dokumentaraufnahmen von Atomtests und erblichen Mißbildungen ein, was den Zuschauer schon einmal dezent vorbereitet auf die Sabbermäuler, die zu erwarten sind. Die tatsächlichen Monster empfand ich eher als Enttäuschung, da Bergers und Nicoteros Maskenkunst zwar beträchtlich ist, hinter Michael Berrymans Charakterkopf aber kuschen muß. Der erste Teil des Filmes war für mich hartes Brot, da eine Menge geschwafelt wird. Die Familie – man kann es nicht verhehlen – ist irgendeinem kruden Reality-TV-Workshop entsprungen und verbindet republikanische „Ich stehe zu Amerika“-Gesinnung und demokratisches Gutmenschentum in trauter Umarmung. Es gibt einen dieser smarten halbwüchsigen Jungen, der super basteln kann und auch sonst nervt. Ein blonder Bimbo darf nicht fehlen, der sich erst einmal ordentlich in die Sonne legt, während die anderen darum bemüht sind, die mißliche Lage zu überwinden. Und Mama ist ein doofer Ex-Hippie, die sich ausgerechnet einen stark wie James Ellroy aussehenden Redneck angelacht hat. Insgesamt wünscht man dem familiären Gegenentwurf (= Jupiter & Co.) alles Gute – macht et jut und macht et blutig, Jongs! Wenn die Schlachterei dann anfängt, vergeht einem Hören & Sehen. Der Film ist in der Tat extrem grimmig und schmuddelig, was ihn trotz des ungleich höheren Budgets mit Cravens Original verbindet. Mit dem Subtext (Zivilisation vs. ihre mißgestalteten Kinder) geht Aja nicht übermäßig hausieren, und sobald das Gemetzel losgeht, hört auch das banale Geschwafel auf, was mir sehr gut gefallen hat. Es gibt einige kleine Leckerli am Rande, z.B. eine sehr effektive Partie in einem Bomben-Testgelände, in dem die Monsterfamilie haust. Die „crash test dummies“ wurden einfach stehengelassen und wirken wie ein Kommentar auf das, was die Mutierten hinter sich gelassen haben. Auch enthält der Film einige gelungene neue Verwendungsmöglichkeiten für die amerikanische Nationalflagge. Davon abgesehen ruckelt der Film richtig kiebig durch seine 108 Minuten und wirkt dabei wesentlich aufrichtiger als viele seiner gegenwärtigen Mitbewerber, die sich entweder in ihren eigenen Ansprüchen verheddern (SAW) oder trotz immenser Blutrunst gelackt und unglaubwürdig wirken. Insgesamt ein recht gelungenes Remake, das manches verbindet mit dem unkalkulierten und wirklich schmuddeligen Horror von Filmen wie LAST HOUSE oder dem TEXAS CHAINSAW MASSACRE. Im Schlußakt gibt es noch eine enorm gelungene ironische Heldeneinstellung, leicht von unten, die ich aus Spoilergründen nicht näher erläutern will, aber da merkte ich dann doch, daß mir der Film sympathisch ist...
P.S.: Es gibt vielleicht einige Leser, die das Original von 1977 nicht kennen. Jenen sei verraten, daß in der deutschen Synchronisation aus den Monstern damals Außerirdische gemacht wurden – johoho!
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#318
Geschrieben 05. April 2006, 16:56
In Deutschland wurde BLACK EAGLE einst nicht nur als RED EAGLE verwurstet, sondern sogar als KEN FOLLETTS RED EAGLE. Ob Bestsellerautor Follett etwas davon wußte, ist mir nicht bekannt, aber tatsächlich dürfte der Film wohl auch eher auf einer Vorlage von Ken Fottel beruhen, dem Autor des berühmten Kinderbuches „Der Kartoffelkönig auf großer Fahrt“.
Ken Taki (Sho Kosugi) ist ein Kampfsportexperte im Staatsdienst, der eine Undercoveridentität als Meeresforscher pflegt. Als böse Russen ein neuentwickeltes Lasersystem namens „Rapid Angel“ kaschen wollen, das in einem abgestürzten Ami-Flieger steckt, sind seine Qualitäten als Geheimagent gefragt. Zwar zeigt er sie uns nicht, aber Menschen rennen durch Korridore, schreien wirres Zeug, und am Schluß geht doch irgendwie alles gut.
Außer für den Zuschauer. Denn daß man für Agentenfilme ein gewisses Modikum an Geld und Grips braucht, sollte hinlänglich bekannt sein. BLACK EAGLE hat nichts von beidem und ähnelt produktionstechnisch frappierend den in Ägypten oder der Türkei gedrehten Bond-Derivaten, die die Italiener in den siebziger Jahren hingelegt haben. Genießbar ist der Unfug keine Sekunde, und auch die maltesischen Settings sehen auf der schebbigen DVD (vermutlich Bootleg) aus wie Wanne-Eickel. Schoko Sugi war in den 80ern ein beliebter Ninja-Darsteller, und das kann ich mir schon vorstellen, denn ohne Maske sieht er aus wie der Typ, der einem im Restaurant die süßsaure Ente serviert und immer fallen läßt. Kampfszenen gibt es nur wenige. Dafür hat Schoko seine beiden Söhne mitgebracht, Kane und Shane. Hätten die Schokosugis noch ein drittes produziert, wären Tick, Trick und Track komplett! Was Jean-Claude Van Damme angeht, so ist der Film entweder vor BLOODSPORT produziert worden, oder aber der Belgier hatte einen lausigen Agenten. (Ich tippe auf Broadway Danny Rose, der im gleichnamigen Film einbeinige Steptänzer und blinde Xylophonisten vermittelt!) In BLACK EAGLE spielt Van Damme nur eine größere Nebenrolle, nämlich den obersten Schlappenschammes des Schurkenrusskis – eine undankbare Rolle in einem undankbaren Film. Die Stuntszenen sind nicht sonderlich gut choreographiert. In einer Szene fällt z.B. ein Gangster rücklings von einem Dach und scheint sich dann irgendwie in der Luft zu drehen, da er beim Gegenschnitt tot auf der Schnauze liegt. Auf die DVD ist handschriftlich „Weltweit längste Fassung!“ draufgekritzelt worden. Das klingt hier aber wie ein Fluch. Nein, BLACK EAGLE war Murks. In einen Sack packen, Hantel dazu, im Baggersee versenken!
Kampfpilot über Funk: „Sehr sauber, Blockbuster! Hoch mit den Eiern und ausklinken! Bombenmagazin entladen! Ich möchte einen schönen dichten Bombenteppich sehen!“
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#319
Geschrieben 11. April 2006, 14:20
Es dauerte fast anderthalb Jahre, bis man dem sogenannten „Hammermörder“ auf die Spur kam: Ein maskierter Mann drang Mitte der 80er mit einem Vorschlaghammer bewaffnet in verschiedene Bankfilialen ein und erbeutete namhafte Beträge. Auch ging eine Mordserie auf sein Konto, die den Landkreis Ludwigshafen in Angst und Schrecken versetzte. Die Spur führte schließlich zu einem Polizisten namens Norbert P. aus Strümpfelbach bei Backnang, der sich hoffnungslos überschuldet hatte und deshalb seine Raubzüge startete. Weshalb er parallel dazu harmlose Passanten ermordete, ist mir nicht ganz klar. Ich bezweifele auch, daß man bei den Ermittlungen über Spekulationen hinausgekommen ist. Etwas klarer wird der Fall, wenn man sich die Verfilmung von Fred Breinersdorfers dokumentarischen Roman über den Fall betrachtet. Diese stellt nämlich nicht die „Tatort“-kompatiblen Details der Mordserie in den Vordergrund, sondern das persönliche Drama des Polizeiobermeisters und Diensthundeführers. Im Film heißt der Mann Erich Rohloff und hat sich mit dem Bau seines Eigenheimes restlos übernommen. Christian Redl spielt ihn als einen zwanghaften und enorm angstbehafteten Menschen, dessen Traum von einer heilen Familie zerstört zu werden drohte, als seine dreijährige Tochter ums Leben kam. Jetzt – mit Ehefrau und zwei Söhnen – will er diesen Traum um jeden Preis realisieren. Dabei spaltet er seine kriminellen Aktivitäten völlig ab von seiner Existenz als biederer Familienvater. Zu seinen Söhnen ist er ungemein liebevoll und eher überprotektiv, während das Verhältnis zu seiner Ehefrau Christa unter der finanziellen Misere leidet und ständig von Spannungen umwabert ist. Zu Beginn des Filmes lernt man Rohloff als einen zwar steifen, aber durchaus tugendsamen Menschen kennen, der sehr darauf bedacht ist, den Schein eines glücklichen Familienlebens zu wahren. Je weiter aber die Ermittlungen der Sonderkommission fortschreiten, desto mehr Risse erscheinen in seiner mühsam aufrechterhaltenen und auf Lügen aufgebauten Fassade, und schließlich führt alles zur Katastrophe...
DER HAMMERMÖRDER verfügt über ein ausgezeichnetes Drehbuch, das mit vielen kleinen Nuancen die unerfreuliche Welt eines völlig aus den Fugen geratenenen Kleinbürgers fühlbar macht. Wenn Rohloff etwa in einem Anfall von Großmannssucht – seine finanziellen Verhältnisse tapfer ignorierend – Luxusspeisen oder eine neue Sitzgarnitur kauft, bescheidet er seiner fassungslosen Ehefrau mit ruhiger Stimme: „Einmal gut gelebt denkt einem ewig.“ An verschiedenen Stellen wäre ich beim Betrachten fast vom Sitz gefallen! Auch unglaublich ist die Szene relativ zu Beginn des Filmes, in der er und seine Frau ein befreundetes Ehepaar zu einer Besichtigung des neuen Hauses eingeladen haben. Während seine Frau um Gastfreundlichkeit bemüht ist, steht er nur steif da mit den Händen in den Hüften, der Herr des Hauses. Als sie die Tür zu dem Zimmer seiner Frau öffnen („Das ist Christas Reich!“), erblickt man ein einsames Bügelbrett und andere irgendwie traurig stimmende Dokumente kleinbürgerlicher Behaglichkeit. Überhaupt ist das ganze Haus ein Alptraum an geschmackloser Auslegeware, Tapeten und Möbeln. Keine Ahnung, wie die all die abscheulichen Sachen zusammengetragen haben. Wer Fassbinders WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? gesehen hat, hat einen kleinen Eindruck von der deprimierenden Wirkung des Set-Designs. Christian Redl (der mich bizarrerweise an Delbert Grady erinnert hat, den alten Hausmeister des Overlook-Hotels in THE SHINING) spielt absolut grandios, hat aber in Ulrike Kriener als Gattin eine ebenbürtige Partnerin. Christa spürt, daß ihr Mann ein geheimes Leben führt, zu dem sie keinen Zutritt hat. Daß die Wahrheit aber dermaßen grauenhaft ist, ist selbst für sie eine Überraschung. Bernd Schadewald (der auch den vorzüglichen DER PIRAT mit Jürgen Vogel gemacht hat) verkneift sich alle gestalterischen Mätzchen, setzt auf eine präzise Vorführung der Geschehnisse und läßt den Zuschauer in teilweise sehr langen Einstellungen suchen nach all den Hinweisen für die Entgleisung des kleinbürgerlichen Idylls. Er macht das sehr geschickt und fotografiert z.B. Redl und seinen kahlen Kopf sehr häufig von hinten, was schon früh im Film zu einer Entfremdung vom Charakter führt. („Mit dem da stimmt doch was nicht!“) Sehr hübsch zum Beispiel die Verabschiedung des Besichtigungs-Ehepaares, bei der man Rohloff in seiner Paraderolle als Herr des Hauses sieht, wie er, von hinten aufgenommen, den scheidenden Gästen unnormal langsam hinterherwinkt. Die Knalleffekte hebt sich der Regisseur für den Schluß des Filmes auf, aber nichts ist so gruselig wie der liebevolle Vater Rohloff, der am Bett seines Sohnes sitzt und „Kein schöner Land“ singt, den Blick weit in die Ferne gerichtet...
Ein hervorragender Fernsehfilm, beklemmend und beeindruckend böse. So werden sie nicht mehr häufig gemacht.
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#320
Geschrieben 14. April 2006, 16:03
Leon ist ein Legionär, wie er im Buche steht – quadratisch, praktisch, gut. Unter Himmelhunden und Teufelskerlen fühlt er sich wie zu Hause. Das harte Gesetz des staubigen Wüstenalltags ist sein Alles. Bis zu jenem Tag zumindest, an dem ihm übermittelt wird, sein Bruder in Los Angeles sei von Drogendealern in eine riesige Frikadelle verwandelt worden. Da bekommt er Heimweh. Daß man ihn nicht ziehen lassen möchte, verdrießt ihn sehr, und so wird er fahnenflüchtig. Unter großen Entbehrungen überquert er den Ozean, und als er im Land der unbegrenzten Möglichkeiten angelangt ist, hält er sich mit Prügeleien über Wasser. So gerät er an neue Freunde wie die halbseidene Cynthia und Joshua, den schwarzen Buchmacher mit dem Herzen aus Gold. Auch sind zwei quadratische Wüstensöhne hinter ihm her, die den Deserteur retournieren wollen. Gemeinsam bringen sie ein Lebendgewicht von 500 Kilo auf die Waage. Wird es dem Lausbuben-Vierschrot Leon gelingen, alles wieder gut zu machen?
Nun, der Weg zum Sternenglanz ist hart, aber Van Damme erweist sich erneut als allen Sätteln gerecht, wenn man einmal vom Drehbuch absieht, das er mit Regisseur Sheldon Lettich zusammengeboxt hat. Da stimmt nämlich nicht allzu viel. Immerhin wird berücksichtigt, daß Van Dammes mimische Fähigkeiten – ähnlich wie der Kontinent Atlantis – auf keiner Weltkarte zu finden sind, denn Leon ist ein naturarroganter Fatzke, der in bezug auf brüskierte Zeitgenossen sehr schmerzfrei ist. Erst im späteren Verlauf des Filmes muß er Trauerarbeit leisten und auch noch seine vergrellte Schwägerin besänftigen, was aber nicht so schwer fällt, denn das Herz seiner minderjährigen Nichte gehört ihm im Nu. Für einen Actionheuler seiner Zeit irritiert LEON (nicht immer angenehm) mit einem symphonischen und sehr blumigen Score von John Scott, und es wird schon hier deutlich, daß Van Damme mehr als der typische Ballerfilm vorschwebte. In LEON steckt das Epos von Entwurzelung und dem Sieg des ewig Unverzagten. Selbst wenn man die ganze Zeit über voll auf die Schnauze bekommt – Nehmerqualitäten zahlen sich eben immer aus. Am Schluß steht man verquollen und verschwollen auf dem Siegerpodest, aber besser der häßliche Sieger als die hübsche Leiche. Wer auf reines Gedresche aus ist, wird bei LEON eher nicht auf seine Kosten kommen und sollte sich stattdessen KICKBOX ARSCHBOMBE 23 ausleihen. Für Fans von leicht angegilbter B-Action mit pathetischem Beiwerk zum Abjohlen ist LEON allerdings durchaus geeignet. Regisseur Rettich sollte noch einige Male mit Van Damme zusammenarbeiten. Auch war er einst Regieassistent bei dem drolligen DU SOLLST NICHT TÖTEN AUSSER, was erklärt, warum Scott Spiegel in einer Szene einen Buchmacher gibt. Auch hat Larry Bender eine hübsche Szene als Kampfgast, der gegenüber Van Damme die Klappe zu weit aufreißt und in Regreß genommen wird. Bender wurde zu einem erfolgreichen Hollywood-Produzenten und machte u.a. fast alle Tarantino-Filme.
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#321
Geschrieben 16. April 2006, 14:40
Ein neuer Tag, ein neuer Seagal – wer schreibt dem Mann endlich mal ein gutes Drehbuch? In TODAY YOU DIE spielt er Harlan, einen professionellen Einbrecher, der sich zur Ruhe setzen möchte. Bei einem vermeintlich legalen Fahrerjob wird er aber geleimt und befindet sich auf einmal im Kreuzfeuer verschiedener Parteien. Auch geht es um 20 Millionen Dollar, die irgendwo versteckt sein müssen. Wird die Gerechtigkeit siegen?
Jau, und da haben wir auch schon das erste Problem des Filmes: Wer oder was die Gerechtigkeit nun eigentlich ist, bleibt im Dunkeln, zumal Harlan sich als Held durch seine andauernden Widersprüche diskreditiert. Wird er in der Anfangssequenz (=ein Einbruch mit Komplikationen) noch als ebenso kampfstarker wie edelmütiger Zeitgenosse charakterisiert (er verschenkt große Teile seiner Beute an Bedürftige!), so schafft er schon bei der Aktion, die ihm die Freiheit bringen soll, klar Schiff: Als ihm von seinem bösen Raubgesellen eine Wumme an den Schädel gehalten wird, legt er eine Crashfahrt hin, bei der mehrere Polizisten den Tod finden. Auch im weiteren Verlauf des Filmes exekutiert er aus den nichtigsten Gründen Randcharaktere – der ist wohl bei Maurizio Merli in die Leere gegangen! Sein bester Freund ist ein schwarzer Killer (gespielt vom Rapper Treach), dem Menschenleben auch nicht viel bedeuten. Immerhin überzeugt Harlan als Beziehungspartner. Seine Freundin ist eine sehr hübsche Schwarze, die esoterische Anwandlungen hat und gelegentlich von Visionen heimgesucht wird. Diese Visionen sind ein vergnüglich irrelevanter Drehbucheinfall, denn inhaltlich bewirken sie null-nada-niente. Unterm Strich hat man es mit einem weiteren Fix für Süchtige wie mich zu tun, die auf regelmäßige Dosen der besonders gefährlichen Droge „S“ angewiesen sind. (Wenngleich es der Droge mittlerweile ganz gut tun würde, wenn man sie etwas strecken würde! Aber Seagal trägt ja meistens einen Mantel, kicher...) Unoriginell, det Janze, aber immerhin besser als die meisten der unmittelbaren Vorläufer. Viel Wumm und Päng. Mit Nick Mancuso und Kevin Tighe sind auch zwei ordentliche Schurkendarsteller mit dabei, und wer seine Erwartungen nicht allzu hoch schraubt, wird möglicherweise zufrieden sein. Diese Direct-to-DVD-Produktionen kosten aber mittlerweile auch schon eine hübsche Stange Geld, weswegen ich es nicht so recht einsehe, daß man damit nichts Besseres zustandekriegen sollte...
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#322
Geschrieben 19. April 2006, 12:34
An Orten wie der kleinen Minenstadt Estherslope gibt es nicht viel, was man als Jugendlicher machen kann. Hat man sich keiner Jugendbewegung verschrieben, deren Mitglieder in pittoresken Gewändern einherflanieren und sich regelmäßig zum gemeinsamen „Du bist okay“ treffen, bleibt da eigentlich nur der Geschlechtsverkehr mit landwirtschaftlichem Nutzvieh oder harter Alkoholismus. Von den jungen Menschen zu erwarten, sie würden sich zu strammen Individualisten entwickeln und z.B. das künstlerische Gegenstück zum Wankelmotor erfinden, ist blauäugig. Die meisten von ihnen blicken stumpf in eine Zukunft, die ihnen nicht viel zu bieten hat außer den Glanzpunkten, die das Fernsehprogramm offeriert. Dick (Jamie Bell) gehört zu diesen Jugendlichen, und während sein Vater bis zum Abwinken im Bergwerk schuftet, erträgt es der sensible junge Mann nicht, unter Tage zu sein. Auch geben ihm seine Gleichaltrigen nicht viel. Das soll sich aber ändern, als er in einem Antiquitätenladen eine Handfeuerwaffe ersteht. Zunächst hält er den kleinen Klumpen aus Metall noch für ein Spielzeug, aber tatsächlich handelt es sich um „the real thing“. Als er die Waffe mit einem Freund zusammen in einer Mine ausprobiert, verliebt er sich. Er gibt ihr sogar einen Namen – „Wendy“ soll sie heißen. Mit der Waffe in der Tasche verwandeln sich die ehemaligen Loser in selbstbewußte Männer. Da sie ihr neugewonnenes Selbstbild auch anderen Jugendlichen vermitteln wollen, gründen sie einen Geheimorden, der schon bald mehrere Mitglieder zählt. Das oberste Gesetz der sich selbst als Pazifisten mit Waffen verstehenden Kiddies ist, die Waffe nur im Geheimen zu tragen und niemals zu offenbaren. Wenn die Waffe offenbart wird, wacht sie auf und wird schrecklich. Doch der Schlaf der Waffen ist leicht...
Tja, Thomas Vinterbergs bekannten DAS FEST empfand ich ja als einen echten Kracher, der auf ausgesprochen kunstvolle und effektive Art familiäre Verlogenheit an die Oberfläche zerrte, und zwar so, daß es richtig weh tat. Was ich von seinem „amerikanischen“ (tatsächlich in Deutschland und Dänemark gedrehten) DEAR WENDY zu halten haben würde, war mir schleierhaft. Ich war etwas zögerlich, da ich eine Art Anti-Waffen-Polemik im Michael-Moore-Stil erwartete, so eine Art Spiel-Version von BOWLING FOR COLUMBINE. Hätte ich jetzt auch nicht unbedingt schlecht gefunden, aber mittlerweile habe ich diese Sorte greller Polemik auch etwas über. Ich kann da im Grunde genommen auch nur immer sagen: „Ja, stimmt schon!“, aber insgeheim komme ich mir dabei vor wie damals an der Uni, als immer satt Eintrachtsklopfen ertönte, wenn bei Versammlungen eine mehr oder weniger liberale Konsensmeinung artikuliert wurde. Das empfand ich immer als langweilend und letztlich kontraproduktiv, wie „Mainz bleibt Mainz“ für linke Akademiker. Statt Schwanzvergleich Meinungsvergleich. DEAR WENDY nun ist kein Eintrachtsklopfen, ganz und gar nicht. Tatsächlich führte seine ungewöhnliche Herangehensweise an das Thema auch zu seiner lächerlich deplazierten Freigabe ab 18 Jahren, und während Sachen wie SCHINDLERS LISTE für Schulvorführungen wie gemacht sind, wird das mit Vinterbergs Film wohl kaum geschehen. DEAR WENDY würde ich bezeichnen als einen Liebesfilm, einen Liebesfilm mit Waffen. Für normalempfindende Menschen ist es natürlich haarsträubend, den Kindern dabei zuzuschauen, wie sie mit den schicken Püsterichen herumhantieren und sich ballistische Videos anschauen. Doch in erster Linie geht es Vinterberg um seine Hauptfiguren, und er entwickelt sie ebenso glaubhaft wie subtil. Es gibt keinen einzigen Moment in dem Film, der plakativ oder aufdringlich wirken würde. Trotz der ungewöhnlichen Handlung ist DEAR WENDY keine schwarze Komödie. Es geht einfach darum, wie sich jugendliche Außenseiter ihre Privatrealität erschaffen und auf dem Wege von Instrumenten, die eigentlich nur dazu da sind, Löcher in Lebewesen zu produzieren, wo keine Löcher hingehören, zum Respekt vor sich selbst und ihren Mitmenschen finden. Wenn man in DEAR WENDY gesellschaftliche Relevanz entdecken will, so besteht sie darin, daß es recht offensichtlich ist, daß die Gesellschaft ihren Kindern keinen anderen Weg bietet, diesen Prozeß zu vollziehen. Die zärtliche Zuneigung, die Dick zu seiner Wendy empfindet, ist meilenweit entfernt von der platten „I take my weapon for my bride“-Groteske der Kriegsfilme Hollywoods – jaja, Waffen sind phallisch und die Macht, schon klar. Die Liebe des Jungen zu seiner Waffe ist schön und nachfühlbar und wird nur im Zusammenspiel mit der Realität des Zuschauers zu etwas Abnormalem. Der Club der jungen Waffenbesitzer ist im Grunde eine prima Sache, und daß die Sache nicht gut enden kann, hat mehr mit dem Versagen der Gesellschaft zu tun als mit der Verblendung der jungen Menschen. DEAR WENDY ist ein exzellent betrachteter Film, ein sehr sensibel erzählter und gespielter Film, dessen Western-Ende einfach tieftraurig ist. Ich war sehr überrascht, hier einen der schönsten Filme zu entdecken, die ich im letzten Jahr gesehen habe. DEAR WENDY wird sich mit Lichtgeschwindigkeit in meine Privatvideothek katapultieren, sobald ich wieder in die Stadt komme...
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#323
Geschrieben 04. Mai 2006, 13:43
Nachdem ich Hans-Christian Schmids REQUIEM unglücklicherweise im Kino verpaßt hatte, wo er bei uns nur sehr kurz zu sehen war, wollte ich mir zumindest DER EXORZISMUS VON EMILY ROSE zu Gemüte führen, der ja so etwas wie die Hollywood-Bearbeitung des Falles der Anneliese Michel darstellt. Was ich erwartete, war ein liberaler Film für das Massenpublikum, den man ebensogut auf dem „Sundance“-Festival zeigen kann wie in den Multiplexen. Alles überdeutlich und unmißverständlich, aber gut gemeint. Ob der gestern von mir betrachtete Film gut gemeint war, vermag ich nicht zu sagen. Er war aber immerhin sehr dumm.
Emily Rose, die junge Tochter eines frommen Bauernpärchens, entschließt sich beim Erhalt eines Stipendiums dazu, die kleine Welt ihrer Kindheit zu verlassen. Was sie in der verderbten Welt des Studentenlebens aufschnappt, scheint sie aber schwer deszuorientieren, denn ihre Verhaltensweisen nehmen schon bald bedrohliche Züge an: Sie verweigert die Nahrungsaufnahme, legt autoaggressives Verhalten an den Tag und kreischt wild in der Gegend herum. Als den Eltern dieses typische Verhalten eines problematischen Teenagers (hier wohl verzögert durch das, was Dittsche als „reine Papstkraft“ bezeichnet!) ruchbar wird, ist für sie der Fall klar: Da steckt der Gehörnte hinter. Und daß dann der Hauspriester Vater Moore hinzugezogen wird, ist die letzte Fehlentscheidung im jungen Leben der Emily Rose...
Der Film beginnt (recht effektiv) mit dem Tod der Titelheldin: Polizei trifft ein und besieht sich erschüttert das Resultat der vorgenommenen Dämonenhatz. Dann wird ein Prozeß vorbereitet. Da es sich bei dem Angeklagten um ein Mitglied der katholischen Kirche handelt, wird die einschlägig vorbelastete Erin Bruner (Laura Linney) hinzugezogen, die sich in der Materie auskennt, ohne jedoch den Verdacht religiöser Wirrköpfigkeit auf sich zu ziehen. Da ihr im Erfolgsfalle ein ordentlicher Posten angeboten wird, willigt sie ein. Schon bald nach ihren ersten Recherchen beginnen aber die ersten eigenartigen Dinge: Türen öffnen sich quietschend, Uhren halten um Punkt 3 Uhr an. Was geht hier ab? Während der Staatsanwalt im Gerichtssaal versucht, den Priester zu nageln, muß sich die fesche Anwältin mit den Rudimenten ihres Glaubens auseinandersetzen...
Und da liegt auch schon der erste Fehler des Filmes: Anstatt sich völlig auf den ja nun mal wirklich kommentarintensiven Fall der armen Frau Michel zu konzentrieren, wird mit den Privatproblemen der Anwältin ein völlig irrelevanter Nebenkriegsschauplatz eröffnet, der nur dazu dient, den Film etwas gerichtsserienkompatibler zu machen. Auch Frau Bruner kämpft nämlich mit dem eingebauten Zwiespalt ihres Berufsstandes, Crackdealer und andere Schlingel verteidigen zu müssen, die dann in der floridianischen Sonne brutzeln dürfen, anstatt den ihnen zustehenden Karzer zu erfahren. Sehr richtig, interessiert in diesem Zusammenhang aber keine Sau. Viel schwerwiegender scheint mir der Entschluß, aus dem Stoff einen Gruselfilm zu machen, der die Erlebnisse der Emily Rose in Rückblenden aufschlüsselt, bei denen man nur darauf wartet, Freddy Krueger zu erblicken. Horrorfilmen mit Exorzismus- oder Inquisitionsthema haftet meistens der unangenehme Zwiespalt an, daß die Attraktionen, die man nun einmal mit dem Genre verknüpft, den religiösen Eiferern im Grunde genommen Recht geben. Bei EMILY ROSE ist das sogar verschärft der Fall, da auch die vormals agnostische Anwältin auf einmal von übernatürlichem Mumpitz heimgesucht wird, z.B. die Sache mit der Uhr. Als Fazit kann man aus dem Film eigentlich nur ziehen, daß die Eltern von Frau Michel im Grunde richtig gelegen haben mit ihrer Vermutung. Sehr erheiternd fand ich immerhin die Vorstellung, vor einem amerikanischen Geschworenengericht (das mir ohnehin immer etwas zirzensisch vorkommt!) werde ernsthaft übernatürliches Wirken und dämonische Besessenheit verhandelt. Man stelle sich das einmal bei den Nürnberger Prozessen vor! Der thematisch stark verwandte AUDREY ROSE von Robert Wise verwendete damals dieselbe Herangehensweise, mit dem kleinen aber feinen Unterschied, daß die Reinkarnationstheorie in jenem Film zweifelhaft blieb. EMILY ROSE arbeitet mit buntem Schangel, zitiert Horrorfilme wie DAS OMEN und SUSPIRIA und serviert Handlungsmomente, die rational einfach nicht mehr aufzulösen sind. Das haben Sie gut gemacht, Herr Priester! Schade, denn der Film geht handwerklich sehr in Ordnung. Scott Derrickson hatte vorher den ordentlichen HELLRAISER 5 gemacht, der zwar vielen Pinhead-Jüngern wegen seiner Abwendung von den vorangegangenen Folgen sauer aufstieß, aber immerhin einen ganz originellen Horror-Noir-Thriller darstellte, der jenseits der Serie besser plaziert gewesen wäre. Vielleicht verschafft EMILY ROSE dem Regisseur immerhin die Aufmerksamkeit, die man für große Projekte benötigt. Was mich angeht, so sehe ich in dem Film leider nur leidlich unterhaltsames Trash-Entertainment, nicht mehr. Ich werde mir bei nächster Gelegenheit Schmids REQUIEM ansehen, der den Fall dem Vernehmen nach ernsthafter behandelt. Die Ausschnitte, die ich bereits gesehen habe, legen das auch nahe.
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#324
Geschrieben 04. Mai 2006, 14:47
So, die ersten vier Folgen der Serie MASTERS OF HORROR habe ich mir jetzt zugeführt. Beginnen möchte ich mit der größten Enttäuschung, dem Beitrag von Dario Argento: JENIFER handelt von dem seelisch instabilen Polizisten Frank Spivey, der einen Mordversuch vereitelt. Warum ein ehemals wohlhabender Geschäftsmann die geistig zurückgebliebene und schwer entstellte Jenifer umbringen wollte, bleibt unklar, zumal der Übeltäter am Tatort stirbt. Frank beschließt, die blonde Frau mit der Hackfresse in seinem Heim unterzubringen, bis sich etwas Besseres findet. Seine Gattin ist davon wenig angetan, und als Jenifer die Familienkatze auffrißt, schnappt sie sich die Kinder und verläßt das Haus. Vor den Scherben seiner Existenz stehend, findet Polizist Spivey heraus, daß Jenifer zwar eine Hackfresse hat, aber sehr geile Titten. Deswegen bürstet er das kleine zurückgebliebene Luder erst einmal ordentlich durch. Bevor er sich's versieht, dreht sich sein ganzes Leben um den sexhungrigen Freak. Da Jenifer gerne Leute frißt, verläßt er mit ihr die Stadt. Und der Weg abwärts ist unaufhaltsam...
Gilt das auch für Argento? Ich habe den Film mit einem guten Freund gesichtet, der Argento für gewöhnlich verehrt. Hier meinte er nur völlig entsetzt: „Das ist ja richtiger Dreck!“ Es ist debatabel, ob Argentos Entschluß, sich auf seine alten Tage Richtung Übersee zu orientieren, ein glücklicher war. Es beim amerikanischen Fernsehen zu versuchen, war mit Sicherheit ein Fehler, denn die sehr strikte und termingebundene Arbeitsweise, die solchen Produktionen nun einmal zu eigen ist, führte im vorliegenden Fall dazu, daß er nicht in der Lage war, der Story mehr als nur ein paar Kameraspielereien hinzuzufügen. Argentos starkes Gewand waren seine artifiziell konstruierten Thriller von einst, bei denen sich eine „rationale“ Deutung der Handlung - nach angelsächsischem Vorbild - verbot. Was soll der Mann mit einem schwachen Drehbuch anfangen, das eine abstruse Geschichte um Hörigkeit und Seelenqualm auffährt, ohne die Vorgänge auch nur im mindesten nachfühlbar zu machen? Was den Polizisten Spivey dazu führt, sein Leben mit der Wucht einer Dampframme in den Boden zu stampfen, kann man nur vermuten – der Film erzählt es einem nicht. Stattdessen würzt er seine Sukkubus-Story mit massenweise Blutrunst (hollahe!) und playboychannelgemäßem Softsex, der die Handlungsweise des Polizisten auch nicht begreiflicher macht. Okay, der Charakter der Jenifer wird eher mit Tieren konnotiert, wie das bei geistig Zurückgebliebenen nun einmal so ist. Man kann ihr im Grunde keinen Vorwurf machen, da sie instinktiv handelt und ihren Vorteil sucht – wo sie Schutz hat und sich geborgen fühlt, bleibt sie. Das potentielle Pathos der Rolle wird nur komplett verschenkt durch die grelle Inszenierung, die sich weitgehend in Exzessen suhlt. Fernsehfilme, in denen Teenagern blutige Batzen aus der Lendengegend gerissen werden, muß der Bayerische Rundfunk erst einmal produzieren. Da das mit dem Pathos nicht hinhaut, ist der Grundeindruck, den der Film hinterläßt, der von kompletter Geschmacklosigkeit und simpler Absurdität. Hätte man was draus machen können, aber bitte nicht so! THE CARD PLAYER war ein netter Fernsehkrimi mit einigen unfreiwillig komischen Momenten. JENIFER ist ein schmerzhaft fehlgeschlagenes Projekt, dessen Drehbuchautor (der auch den Polizisten spielt) sich einfach überhoben hat.
Masters Of Horror: Deer Woman (DVD)
Der zweite Film auf der DVD ist eindeutig gelungener. Auch hier geht es um einen gebeutelten Polizisten, Jacob Reed, der mit schweren persönlichen Problemen zu kämpfen hat. Ein bedauerlicher Unfall bei einer versuchten Festnahme hat einem Partner das Leben gekostet, was Jacob die Karriere versaut hat. Seine Frau hat mit seinem Selbstmitleid nicht mehr leben können und das Weite gesucht. Jetzt versieht Jacob seinen Dienst beim Dezernat für Tierangriffe. So wird er zur Leiche eines Truckers gerufen, der scheinbar von einem Hirsch zertrampelt worden ist. Ungewöhnlicherweise befindet sich die Leiche (die kaum mehr als Mensch zu erkennen ist) im Schlafraum des LKW, was die interessante Frage aufwirft, wie denn ein Hirsch dort hineinkommt. Als weitere hufabdruckübersäte Leichen auftauchen (u.a. in einem Hotelzimmer!), dreht die Mordkommission am Rad. Jacob ist mehr und mehr davon überzeugt, daß die Metzeleien auf übernatürliches Wirken zurückzuführen sind...
John Landis gehört zu jenen begabten Hollywoodregisseuren, die nach einigen echten Highlights in der Schmierkiste der Traumfabrik gelandet sind. Ob dieser Niedergang etwas mit dem fürchterlichen Unfall zu tun hat, der sich am Set von UNHEIMLICHE SCHATTENLICHTER zutrug, weiß ich nicht, aber die Projekte, mit denen Landis danach konfrontiert wurde, waren meistens einfach rettungslos. Was soll man vom Hollywood-Remake einer Louis-de-Funès-Komödie (OSCAR) halten, in dem die Louis-Rolle von Sylvester Stallone gespielt wird? Auch BEVERLY HILLS COP 3 wirkte da etwas wie Gnadenbrot. Schade, denn ich halte Landis für einen ungemein humorbegabten Regisseur, dessen Arbeiten exzellentes Gespür für Timing verraten und im Idealfall furzkomisch sind. Daß sich der von John und seinem Bruder Max geskriptete DEER WOMAN an einem dieser Idealfälle, nämlich AMERICAN WEREWOLF, anlehnt, war sicherlich ein kluger Entschluß, und so ist DEER WOMAN weit davon entfernt, eine simple Spaß-Episode zu sein. Auch wenn Hauptdarsteller Anthony Griffith seine Rolle eher im „deadpan“-Komödienstil spielt, ist sein Charakter ein ziemlicher Loser, der durch Zufall wieder an einen dicken Fisch gerät. Was die Folge an direktem Humor zu bieten hat, ist eher bizarren Zuschnitts, etwa die (sehr komischen) Nachstellungen des Verbrechens, die Jacob im Geiste anstellt und angemessen kommentiert. (Ich liebe den Hirschmann!) Die einzigen Splattereien, die die Episode zu bieten hat, finden in der Pathologie des gerichtsmedizinischen Instituts statt, wo eine gepiercte Krankenschwester die Leichen auseinanderzuppelt. Auch hier gibt es ein Highlight mit dem sensiblen Krankenpfleger, der vom abgebrühten Cop Jacob tief in seiner Seele verletzt wird... Kurz und gut, DEER WOMAN vollzieht das, was er will, in gutem Stil, und wiegt die Argento-Folge mit Leichtigkeit wieder auf. Jetzt muß der Landis nur mal wieder einen richtigen Sahnehappen in den Kinos landen – ich wünsche es ihm so...
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#325
Geschrieben 08. Mai 2006, 15:56
Mit H.P. Lovecraft ist das ja so eine Sache. Von seinen Fans wird der Schriftsteller mit schöner Regelmäßigkeit als Genie gehandelt, was ich persönlich für etwas übertrieben halte. Tatsächlich war Lovecraft alles andere als ein Meister des subtilen Grauens und befleißigte sich literarisch gesehen eher der Holzhammermethode, um Atmosphäre zu erzeugen: Das „unaussprechliche“ Grauen wird durch Adjektivballungen förmlich herbeigeredet, die jeden Pillefatz zu einer mysteriösen, unheildräuenden Sache geraten lassen. Daß er sich hierbei häufig Rassismen und ähnlich unorigineller Dinge bediente, wird auch meistens ignoriert. Allerdings ist seine literarische Welt, die lange vor der Ankunft des Menschen auf diesem Planeten einsetzt, in ihrer Geschlossenheit bewundernswert, und die Akribie, mit der er wissenschaftliche – und zweifellos scheinwissenschaftliche – Elemente in seine phantastischen Schöpfungen einfließen läßt, hat wohl kaum ihresgleichen. Ich habe die meisten seiner Geschichten mit großer Andacht verschlungen. Da ich zu den Lesern gehöre, die sich Stories immer gleich als filmische Bearbeitungen vorstellen, war mir aber schon bald klar, daß sich die Geschichten nicht für die große Leinwand anbieten. Der Umstand, daß es kaum eine nennenswerte Verfilmung von Lovecrafts Geschichten gibt, scheint das zu unterstreichen. Abgesehen von Cormans DIE FOLTERKAMMER DES HEXENJÄGERS („Der Fall des Charles Dexter Ward“) fällt mir da eigentlich nicht wirklich eine Adaption ein, die auch nur eine Ahnung von der einzigartigen Stimmung der Lovecraft'schen Prosa vermittelt. Mit Sicherheit nicht die aktualisierten Versionen, mit denen Gordon/Yuzna die Menschheit beglücken.
Der italienische THE SHUNNED HOUSE ist ein weiterer Versuch. Daß ich nicht von „Attentat“ spreche, liegt daran, daß der Regisseur Ivan Zuccon überraschenderweise ernste Absichten signalisiert. Beim ersten Reinkucken vor einigen Monaten dachte ich nur: „Ach du Schande!“ – schlechte Schauspieler, Digitalvideo, ständig herumwabernde Musik, und aus Erich Zann machte man flugs eine Carlotta Zann! Jetzt habe ich das Werk mal im Zusammenhang genossen und halte es immer noch für mißlungen, wenngleich immerhin auf interessante Art und Weise. THE SHUNNED HOUSE gibt sich immerhin Mühe, und daß die obwaltenden Fachkräfte weder Geld noch Talent in ausreichendem Maße besessen haben, läßt den Film zwar scheitern, macht ihn aber für Lovecraft-Fans unter Umständen ganz interessant.
Alex und sein Busenwunder Rita sind zwei Freischaffende, die an einem Buchprojekt über paranormale Erscheinungen arbeiten. Besonders saftiges Material erwarten sie sich von dem Gasthaus „Zur Kreuzung“, in dem in den letzten dreihundert Jahren Dutzende von Menschen ein gewaltsames Ende gefunden haben. Trotz verschiedener Versuche, das Haus zu exorzieren oder wenigstens zu zerstören, blieb es immer erhalten. Bei ihrer Untersuchung verbringen die beiden Forscher unruhige Tage und Nächte. Von Visionen gepeinigt, nehmen sie Einblick in die ungesunde Geschichte des Hauses. Werden sie dem Geheimnis auf die Spur kommen?
„Die Dinge sind nicht so geordnet, wie wir denken, und das trifft auf unsere Körper zu, auf unsere Seelen und unsere Dämonen“, raunt ganz zu Anfang eine Erzählerstimme. Ungeordnete Dämonen – das ist eine perfekte Beschreibung dieses Filmes! Selbst geübte Experimentalfilm-Kucker werden ihre Probleme haben, der Narrative einen Sinn abzutrotzen, und wer nicht zumindest ansatzweise Einblick in das Lovecraft-Universum hat, wird rettungslos verloren sein. Das liegt nicht an der Profundität des Drehbuches, sondern (behaupte ich einfach mal) an der Unfähigkeit des Drehbuchautoren, eine stringente Geschichte zu erzählen. Natürlich sah er sich dem Problem gegenüber, einen grundsätzlich unverfilmbaren Stoff in traditionelle Erzählmuster zu verpacken. Reduziert man Lovecraft auf die nackten Fakten, bekommt man groteske Monster, leuchtende Trapezoeder und düstere Neger mit Tellerlippen. Die schwindlig machenden Ideen Lovecrafts – eine Art literarische Umsetzung der Angst vor weiten Plätzen – in einem Film spürbar zu machen, kann nur auf dem Wege der völligen Loslösung von den vorgegebenen Handlungsmotiven funktionieren, wenn überhaupt. Im Falle von THE SHUNNED HOUSE wurde zumindest der Versuch gewagt, ein komplexes Handlungsgerüst zu entwerfen, indem man die Stories „Träume im Hexenhaus“, „Die Musik des Erich Zann“ und „Das gemiedene Haus“ zusammenbastelte. Das andauernde Hinundherspringen zwischen den Handlungsebenen führt aber zu einer baldigen Ermüdung des Zuschauers, so er nicht wirklich VIEL guten Willen mitbringt. Daß die beiden Protagonisten ziemlich egal sind, hilft hier nicht wirklich, und wenn man die Charaktere zum hundertsten Mal durch das schlecht ausgeleuchtete Anwesen hat krauchen sehen, greift man dankbar zur Käsestulle. Dabei sollte man anmerken, daß der Zugang obendrein erschwert wird durch eine lausige Synchro, die die übel chargierenden Darsteller mit Zeilen versieht wie: „Die Null ist das beste Zeichen für Unendlichkeit!“ Als Busenwunder Rita im Schlaf französisch zu quatschen beginnt, ist ganz Feierabend: „Bekomm´ ich die Scheine, sorgt sich der Wirt. Ich mache mir Beine. Wie ein Kreisel schwirrt doppelt nun Tür!“ Und: „In jedem Gemache ein andrer und hat/ eine andere Sprache, wie in Babylons Stadt.“ Ja, das ist wahr. Ziemlich blutrünstig wird die ganze Sache dann auch noch. Carlotta Zann z.B. beißt sich selbst einen Fleischbrocken aus dem Arm und fiedelt auf ihren freigelegten Sehnen. Jeder wie er kann und mag. Insgesamt ist THE SHUNNED HOUSE ein im Ansatz lobenswerter Versuch, sich Lovecraft ernsthaft zu nähern, aber die Sache geht leider in die Hose. Die meisten Betrachter werden sich bei dem Ding heftigst langweilen. Den anderen Lovecraft-Film des Regisseurs – ARMEE DES JENSEITS – muß ich jedenfalls nicht sehen.
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#326
Geschrieben 08. Mai 2006, 16:37
Joe Dante ist einer der wenigen Regisseure, von dem ich noch keinen einzigen Rohrkrepierer gesehen habe. Und seine „Masters Of Horror“-Episode macht da keine Ausnahme: David Murch ist ein politischer Springinsfeld, der sich mit Aalglattheit und einer Menge Connections eine Karriere geschaffen hat, die ihn bis zum Redenschreiber des US-Präsidenten gebracht hat. Bei einer Fernsehdiskussion, in der er mit der Mutter eines gestorbenen Soldaten spricht, erinnert er sich an seinen eigenen im Vietnamkrieg gefallenen Bruder und äußert den dringenden Wunsch, er möge wiederkehren. Scheinbar kennt er nicht die Geschichte von der Affenpfote und den drei Wünschen, und so kommt es für ihn komplett überraschend, als überall im Lande tote US-Soldaten aufkreuzen, die aus ihren Gräbern gekrabbelt sind! Die erste Reaktion der Zivilbevölkerung ist natürlich Entsetzen, doch bald wird klar, daß die Zombies gar nicht darauf aus sind, den Lebenden ein Haar zu krümmen. Tatsächlich haben sie nur einen Wunsch – wählen gehen! Und zwar nicht den Präsidenten! Durch Manipulation mißlingt der Coup, doch auch die Geduld von Untoten ist endlich...
Völlig brillant! Ich habe mir schon immer einen Film mit netten Zombies gewünscht – hier ist er, und er kommt im Gewand einer pazifistisch gesonnenen Anti-Bush-Satire. Daß weder Bush noch der Golf-Krieg benamst werden (das wäre einem kommerziellen TV-Sender wohl kaum möglich gewesen!), macht überhaupt nichts, denn die Analogien sind unmißverständlich. Tatsächlich schaffen es Dante und sein Drehbuchschreiber, neben Florida und Guantanamo Bay noch einige andere Spitzen unterzukriegen. (Das Auto zu Anfang hat beispielsweise das Nummernschild BSH BABE...) Die Folge vermeidet übermäßige Plattheiten oder Pathos und wird jeden angenehm überraschen, der nicht gerade einen ernsthaften Zombiefilm erwartet. Und was das politische System der USA angeht, so wird es mit wohltuendem Spott überzogen, denn die handelnden Figuren sind eigentlich alle entweder korrupt, neurotisch oder beides zusammen. Der Schluß ist richtig toll und endet mit der Zukunftsvision eines neuen Amerika, die mich und meine Mitzuschauer in großes Entzücken versetzt hat. Eine rief nur „Oscar, Oscar!“, eine andere stand auf und klatschte Beifall, und der letzte lächelte nur befriedigt. Bisher die mit Abstand beste Episode!
Masters Of Horror: Dreams In The Witch-House (DVD)
Einer hopp, einer flopp: Stuart Gordon wählte sich für seinen Beitrag eine weitere Geschichte aus dem Kanon des H.P. Lovecraft, und zwar einen meiner Lieblinge, „Träume im Hexenhaus“. Walter Gilman ist ein junger Student, der sich in einem alten Haus einmietet, um dort seine Mathematikstudien zu betreiben. An seiner neuen Behausung faszinieren ihn die schrägen Winkel der Wände, in denen aber auch – nichts ist vollkommen – Ratten ihr Unwesen treiben. Alpträume deuten an, daß hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Die anderen Bewohner des Hauses sind auch nicht ganz koscher. Und dann wäre da noch die Hexe und ihr rattenhafter Diener, die am Blut kleiner Kinder interessiert sind...
Ich habe es ja bereits im Eintrag zu THE SHUNNED HOUSE geschrieben: Lovecraft umzusetzen, ist ein Job, an dem schon ganz andere gescheitert sind als Gordon und sein Stammautor Dennis Paoli. Anders als beim offen parodistischen RE-ANIMATOR nehmen sie hier die Story zum größten Teil ernst und haften einigermaßen an der Vorlage. Schlimm wird es aber schon nach dem ersten Drittel: Das Rattenwesen zu zeigen, war ein großer, großer Fehler! Bei Lovecraft gibt es viele groteske Konzeptionen, die – je nach Gemütslage des Lesers – mehr oder weniger gut funktionieren. (Man nehme zum Beispiel die zwei Meter großen Albino-Pinguine aus den "Bergen des Wahnsinns!) Eine Ratte zu zeigen, die in den Nahaufnahmen das Gesicht eines Menschen hat (erinnert etwas an den RATMAN!), sorgt für Heiterkeit. Gordon scheint das gespürt zu haben und legt noch etwas Sex und jede Menge Blutrunst obendrauf. So werden in einer Szene Augen eingedrückt, und in einer anderen Szene wühlt sich der Rattenschlingel durch die Eingeweide eines Charakters. Komplett sinnfrei und die Senfhaube dessen, was unter günstigeren Bedingungen eine atmosphärisch gelungene Verfilmung hätte werden können. Daß Gordon ganz am Schluß dann auch noch einen billigen Kalauer riskiert, zeigt dann endgültig, daß er die Episode nicht mehr für voll genommen hat. Und warum sollte der Zuschauer anders reagieren? Kasperletheater...
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#327
Geschrieben 08. Mai 2006, 17:38
Die sogenannten „Buddy Movies“ waren in den USA und ihren Dependancen ja schon immer ein solider Verkaufsschlager. Man stelle sich vor: Männer arbeiten Hand in Hand mit Männern zusammen und bilden eine Einheit, die nichts mit Ferkelkram zu tun hat! Wenn Fußballspieler sich auf dem Spielfeld umarmen und einander herzen und küssen, so nennt der Soziologe dies (wenn ich nicht irre) „male bonding“. Das heißt, man darf. Man zelebriert einen schönen Moment, man öffnet sich, man potenziert ihn auf diese Weise, da man ihn ja mit anderen teilt. Das ist eine sehr angenehme Attitüde in einer Welt, die mehr und mehr die zweifelhaften Tugenden des Ein-Mann- oder Eine-Frau-Krieges zu fördern scheint. Doch wie ist das im Knast? Wir alle (na, zumindest die Männer!) kennen jene Abende, an denen man sich im Kreise einiger Gleichgesinnter vollaufen läßt. Menschen, von denen man es überhaupt nicht erwartet hätte, werden auf einmal zutraulich, ja fast schon zärtlich. Endgültig fällt die Geschlechterbarriere, wenn man ins Gefängnis geht und dort einen von Kopf bis Fuß tätowierten Seemann namens Jürgen heiraten muß, weil er einem ansonsten einen Arm ausreißt oder Ärgeres. Da erlebt man einmal, wie es ist, auf freier Wildbahn. Wenn man aussieht wie ein Eimer Hafergrütze, kommt man um Jürgen und seine muskelbepackten Gesellen vielleicht herum. Aber Jean-Claude Van Damme?
Jean-Claude Van Damme, der offizielle Joe Dallesandro des Kampfsports, spielt einen kanadischen Polizisten namens Louis Burke, der von amerikanischen Kollegen darum gebeten wird, in einem Hochsicherheitsgefängnis nach dem Rechten zu sehen, wo ein Wärter und zahlreiche Knackis umgebracht worden sind. Burke soll sich hierzu undercover einschleusen lassen. Und sofort muß er sich seiner Vorhaut wehren, denn der Anfechtungen sind viele, und manche der potentiellen Ehegatten haben Muskeln auf den Muskeln. Doch Van Damme knackt sie alle. Schwierig wird es erst, als ein gemeingefährlicher Serienmörder, der sich „Der Sandmann“ nennt, eingeliefert wird, denn der wurde einst von Burke zur Strecke gebracht. Und plötzlich hat Van Damme das gesamte Gefängnis gegen sich...
Merkt Ihr was? Freunde tumber amerikanischer Actionfilme haben es hier mit einem Leckerli zu tun, denn den flotten Belgier unter diesen widrigen Umständen zu erleben, macht schon Laune. DEATH WARRANT löst alle Erwartungen ein und serviert sämtliche Knastfilmklischees, die man sich wünschen kann, inklusive des lustigen Sidekicks, der den Typus des „debilen Kindmannes“ der 50er/60er ablöst und die virile Wallungswucht des Deckblatthengstes herausstellen soll. Debile Kindmänner dürfen übrigens straflos gestreichelt werden und getätschelt. Beliebt auch der aufmunternde Schlag auf den Rücken, eine als Freundlichkeit getarnte Herablassung und Abklassifizierung. Da hat mich Cora drauf gebracht, von der auch der Begriff stammt. Als wir mal einen SF-Film namens THE ANGRY RED PLANET sahen, stützte sich der markante Kinnmann auf dem debilen Kindmann in einer Szene sogar ab... DEATH WARRANT ist auf jeden Fall akzeptable Hahnenkampf-Action von hohen machistischen Gnaden. Wenn man auf so etwas Bock hat, macht der richtig Spaß. Achtet auf den fiesen Oberwärter De Graeff, der gemeiner aussieht als alle irischen Bullen alter Gangsterfilme zusammen! Regie führte im übrigen Deran Sarafian, der Sohn des interessanten Regisseurs Richard VANISHING POINT Sarafian. Deran kennt man übrigens vielleicht auch als Hauptdarsteller von Mattei/Fulcis ZOMBIE 3. Und Drehbuchautor David Goyer hat seit der BLADE-Reihe natürlich auch ausgesorgt...
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#328
Geschrieben 08. Mai 2006, 17:59
Van Damme ist natürlich am besten, wenn er einen richtig eitlen Fatzken spielen darf, denn der platzt in seinen Filmen ja fast vor Arroganz! In „Buddy Movies“ ist diese Art von Narzißmus natürlich eher ein Hindernis, da es in den Stories darum geht, daß zwei unterschiedliche Parteien (z.B. weißer Cop/schwarzer Cop, alter Cop/junger Cop, junger Cop/Hund) zueinander finden und gegenseitigen Respekt entwickeln. DOUBLE IMPACT nun löst das Van Damme betreffende Problem auf kongeniale Weise: Es werden einfach beide Parteien von Van Damme gespielt! Chad und Alex Wagner wurden im zartesten Kindesalter voneinander getrennt, als böse Triadengangster ihre Eltern massakrierten. Während Chad vom Familienfreund Frank (Geoffrey Lewis) mit der Milch der frommen Denkungsart aufgezogen wurde, mußte sich Alex in der Verbrecherwelt Hongkongs behaupten und ist nun ein kleiner Schmuggler. Die ungleichen Brüder kommen zusammen, als man die Chance wähnt, dem mächtigen Zhang, der hinter der Ermordung ihrer Eltern steckt, ins Getreide zu fahren. Van Damme steht Van Damme zu Anfang noch sehr skeptisch gegenüber, aber mit jedem Gefecht wächst seine Liebe zu ihm mehr...
Diesen narzißtischen Reifungsprozeß kann man in DOUBLE IMPACT atemlos verfolgen, und da Regisseur Sheldon Rettich seine Sache sehr akzeptabel macht, kommt der Zuschauer auf seine Kosten. Irritiert hat mich, daß Michael Douglas als einer der Produzenten genannt wird, aber vielleicht hat der Mann ja eine geheime Schwäche für solche Kerlsfilme. Soll der Michael mal seine eigenen Filme machen, denn in der Doppelrolle, die Van Damme hier versieht, hätte er kaum überzeugt. Van Damme wurden die thespischen Fähigkeiten nicht in die Wiege gelegt, aber dafür überzeugt er vollauf als Ein-Mann-Abrißbirne. Die Fassung, die ich sehen durfte, verärgerte leider durch schnödes Vollbild und war obendrein geschnitten. Möglicherweise sieht das in der MGM-Version anders aus. Ich muß allerdings anmerken, daß mich die Schnitte gar nicht so sehr gestört haben, da – im Gegensatz etwa zu DEATH WARRANT – der Grundton des Filmes ein beschwingter ist, ähnlich dem eines Bond-Thrillers. Da muß man keine Blutfontänen zeigen. Schließlich geht es hier auch um die ideelle Liebe von Mann zu Mann. Statt der Doppelnull haben wir hier den doppelten Belgier, und der gibt seinem Publikum exakt das, was es haben möchte. Ko-Star Geoffrey Lewis ist übrigens der Daddy von Juliette.
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#329
Geschrieben 11. Mai 2006, 11:17
Sam Gillen (Van Damme) ist kein Gewinner im Spiel des Lebens: Bei einem Raubüberfall, den er mit seinem Bruder Billy abgezogen hat, wird ein Wachmann getötet. Obwohl Billy für den Mord verantwortlich ist, wandert Sam in den Knast. Bei einer Befreiungsaktion fängt sich Billy eine Kugel ein und stirbt, und Sam ist von nun an auf der Flucht. Er findet Unterschlupf bei der, hmmh, hübschen alleinerziehenden Mutter Clydie, die einigen ortsansässigen Bauspekulanten ein Dorn im Auge ist. Da die miesen Kapitalisten auch vor gröberen Methoden nicht zurückschrecken, kann sie die Hilfe des geheimnisvollen Fremden mit jenem anziehenden Hauch von Arroganz gut gebrauchen. Doch hat das junge Glück eine Chance?
OHNE AUSWEG sieht gut aus und ruckelt ganz professionell vor sich hin, ließ mich aber merkwürdig unbefriedigt zurück. Im Grunde fällt der Film zwischen zwei Stühle, denn obwohl er Ambitionen hegt, die deutlich über den Trash-Bereich von BLOODSPORT etc. hinauszielen, macht er bedeutend weniger Spaß. Woran liegt's? Zum einen ist Van Damme einfach kein Schauspieler. Der Mann sieht auf seine Weise hübsch aus, hat eine beeindruckende Physis und fightet in der Regel sehr überzeugend. Im Rahmen eines Noir-Thrillers (gebrochene Charaktere, Korruption allenthalben, kaputte Familiengeschichten) braucht es aber schon ein anderes Kaliber. Ich hätte mir z.B. den jungen Tommy Lee Jones (so aus der Zeit von JACKSON COUNTY JAIL) verdammt gut in der Rolle vorstellen können, aber doch bitte nicht Van Damme... Und wer ist das Objekt seiner Begierde? Rosanna Arquette ist das Objekt seiner Begierde, und während ich ihre Schwester Patricia ja ganz knuffig finde, bekomme ich beim Gesicht dieser Frau regelmäßig einen Blutrausch. Manchmal hat man das ja, ohne daß sich ein direkter Grund dafür finden würde. Oder nein, stop, es gibt einen Grund – sie sieht scheiße aus! Wer läßt denn eine windelweiche Band wie Toto einen Song über sich schreiben? Das geht ja nun mal gar nicht. Und ähnlich wie das falbe Loreal-Model Andie MacDowell hat sie diesen leidend-gütigen Gesichtsausdruck drauf, dieses Lächeln, in das man tagelang hineinschlagen möchte. Aber genug von meinen Gewaltfantasien. Wie steht es mit den Gewaltfantasien des Filmes? Sie sind weitgehend nichtexistent, da Van Damme nicht boxt, und wenn Van Damme nicht boxt, läuft etwas schief. Vielleicht wäre ein ironischer Haudrauf wie Steven E. DeSouza (48 HOURS, COMMANDO) eine bessere Wahl gewesen als Joe Eszterhas und Richard Marquand, denn die Noir-Schiene klappt hier überhaupt nicht und wird von Regisseur Harmon (THE HITCHER) auch keine Sekunde lang angestrebt. Die späten 80er und frühen 90er waren ohnehin eine ganz schlechte Zeit für diese Tradition, weil man die Storyelemente, die man vormals in schäbiger, kontrastreich ausgeleuchteter Umgebung angesiedelt hätte, jetzt in jenen gruseligen Werbefilm-Chic hineinpackte, dem wir auch Zeitgenossen wie Patrick Bateman verdanken. Im Idealfall kamen dabei gelackte, aber wenigstens konsequente Sachen wie Hoppers THE HOT SPOT bei rum; wenn's schlecht lief, winkten Graupen wie das Tom-Cruise-Inferno COCKTAIL oder Robert Townes Mega-Gähner TEQUILA SUNRISE. OHNE AUSWEG möchte es schon richtig machen, präsentiert aber letzten Endes Charaktere, die wirklich keine Sau interessieren. Am besten kommt noch Ted Levine davon, der einen schmierigen Ex-Bullen spielt, der die Arquette auf Geheiß der Bauspekulanten von ihrem Grund & Boden vertreiben soll. Arquettes Sohn wird übrigens vom Bruder von Macauley Culkin gespielt, der leider nicht in die Luft gejagt wird. OHNE AUSWEG ist kein echter Müll, sondern nur ein laues Mittelding, und das ist manchmal bedauerlicher als ein richtiges Fiasko.
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#330
Geschrieben 11. Mai 2006, 15:58
Extrablatt: Militärs und Wissenschaftler befassen sich mit der Erschaffung unbesiegbarer Soldaten auf der Grundlage toter Dschih Eis! Schurkisch! Martialisch! Und absolut tödlisch! Luc Devereaux (Van Damme) und sein Intimfeind zu Lebzeiten, Scott (Lund Dolphgren), sind ganz vorne auf der Liste, als es um die Erprobung der halbandroiden Muckibrüder im Ernstfall geht. Ein paar Einsätze lang verlaufen die Tests auch zufriedenstellend. Doch dann schleichen sich verschüttete Erinnerungen ein, und Vietnam geht wieder von vorne los...
Tja, ein richtiger Männerfilm! Da will man sich mal zurücklehnen, um sich im Geiste der humanistischen Erziehung fortzubilden, und was flutscht da wieder in den Player? Eine weitere Testosterondusche aus Hollywood. Und keine schlechte, denn UNIVERSAL SOLDIER macht durchaus Laune. Roland Emmerich war in jenen Tagen noch relativ neu in Hollywood, und nach dem nicht eben anspruchsvollen, aber unterhaltsamen MOON 44 gab es mehr vom selben. Wie immer in solchen Filmen geht es um teure Hardware, die in kleine Schnipsel geschossen bzw. –gesprengt wird. Es gibt zwei Erzfeinde, der eine edel, der andere sadistisch und von durchweg niedriger Gesinnung. Dolph Lundgren habe ich, glaube ich, noch niemals in einem Film gesehen. Er ist nicht wirklich jemand, dem man die Freundin ausspannen möchte. Auch kann er sehr böse Gesichter machen, wozu er im Laufe der Spielhandlung ausreichend Gelegenheit erhält. Seinen Opfern schneidet er die Ohren ab und macht sich daraus eine Halskette, was wohl andeutet, daß die Universalsoldaten geruchsunempfindlich sind. Das Militär wird – auch das nichts Neues in dieser Sorte Film – als verantwortungslos und böse präsentiert, wobei diese scheinbare Subversivität natürlich nur die Ausnahme darstellt, die die Regel bestätigt. Es handelt sich immer nur um einzelne Oliver Norths, die das glorreiche System unterminieren und damit gegen das grundlegende Credo „We The People“ verstoßen wollen. In Wirklichkeit sind solche Spielchen natürlich bis obenhin abgesichert, denn die eigene Rente setzt niemand so leichtfertig aufs Spiel... Van Damme gibt den netten Schlagetot, der sich an seine frühere Identität erinnert und Spurensuche betreibt. Was immer an subtileren Ansätzen in der Story verborgen sein mag, wird natürlich völlig überdeckt vom nimmermüden Streben nach Kaputterei und Kampfgetümmel. Gelegentlich gibt es auch ein paar Comedy-Szenen, die zumindest ganz drollig geraten sind, z.B. die Suche nach der „Wanze“... Mit den grausamen Details hätte man sich nach meinem Empfinden etwas zurückhalten können, zumal der eher launige Film klassisches 16er-Material darstellt, aber das entsprach wohl dem Geist der Zeit. Ich habe weder ROBOCOP noch TERMINATOR erwartet und bin vom Vorgefundenen recht positiv überrascht. Kann man gut wegkucken und hat hinterher garantiert nix mehr im Kopf als den Schlußsong von Bodycount. Aber gute Laune!
P.S.: Ich möchte nicht unerwähnt lassen, daß der mir hochsympathische Ralf Möller aus Recklinghausen einen frühen Auftritt absolviert, wenngleich er sich leider nicht zu einem herzigen Lächeln hinreißen läßt...
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#331
Geschrieben 16. Mai 2006, 02:05
In den Alpträumen der kleinen Sharon Da Silva geht es immer wieder um eine eigenartige Stadt namens Silent Hill. Da die Träume mit einer gefährlichen Neigung zur Schlafwandelei einhergehen, beschließt ihre Mutter Rose, zusammen mit ihr den Ort aufzusuchen, der solch eine mysteriöse Anziehungskraft auf die adoptierte Tochter auszuüben scheint. Doch sobald sie die Stadtgrenze überquert haben, überschlagen sich die Ereignisse: Nach einem Autounfall verschwindet Sharon, Rose wird von der Polizistin Cynthia festgenommen, da jene die Situation gründlich mißdeutet, und fürchterliche Kreaturen erscheinen. Die ganze Stadt scheint sich in einer Art Dämmerzustand zu befinden, der gelegentlich eine Parallelwelt zuläßt, aus der das Grauen kommt...
Endlich mal eine Computerspieladaption, mit deren Vorlage ich bestens vertraut bin! Die mittlerweile vier Geschichten, die sich um das geheimnisvolle Silent Hill ranken, stürzen den Spieler mitten hinein in eine schauderhafte Realität jenseits der unserigen. Es ist schon recht erstaunlich, mit welcher Sorgfalt und Stimmigkeit die Filmemacher den nebelumwitterten Ort und seine unerfreulichen Bewohner auf die Leinwand gebracht haben. Abgesehen davon, daß die eigenartigen „Kameraeinstellungen“ des Spieles (die von den Fortbewegungsmöglichkeiten des jeweiligen Protagonisten diktiert werden) ihre haargenaue Entsprechung in einzelnen Kamerafahrten des Filmes finden, wurden einige Sets (Toilette!) täuschend echt nachgebildet. Auch wurde die hervorragende Musik von Akira Yamaoka von Mychael Dannas Bruder Jeff ausgesprochen gekonnt in den Filmsoundtrack eingearbeitet. Warum mich der Film – trotz unleugbarer Exzellenz in manchen Bereichen – nicht wirklich gekickt hat, kann vielleicht nur der nachempfinden, der sich schon häufig selbst in Silent Hill herumgetrieben hat. Das vorherrschende Gefühl, das den Spieler der japanischen Vorlage beschleicht, ist das völliger Entfremdung. Man wird ohne große Einführung in eine unangenehme Situation hineingewürfelt, in der man sich irgendwie zu behaupten hat. Nur eins ist sicher: Man wäre lieber im Garten auf dem Liegestuhl! Silent Hill ist ein Gegenentwurf sowohl zum drögen Alltag wie zum ersehnten Ideal – eine Kleinstadtkulisse amerikanischer Prägung, von fantasievollen Japanern nachempfunden. Alles ist abstrakt und unkonkret, völlig unerklärbar. Man akzeptiert die vorgefundene Realität, oder man wird von ihr gefressen. Die Imitationswut des Filmes setzt dieses Gefühl zunächst geschickt um. Wo der mit dem Computerspiel nicht vertraute Zuschauer vielleicht verdutzt den Kopf schüttelt und „Huch!“ macht, fühlt sich der SH-gestählte Zocker zu Hause. Man ist komplett desorientiert in einer meistens stummen Alptraumwelt, in der Flocken (Schnee?) vom Himmel rieseln und auf einmal Geräusche und Monster hervorbrechen, die eher Assoziationen zu Bosch, Francis Bacon und Shinya Tsukamoto wecken. Das Problem des Filmes setzt dann ein, wenn traditionelle Horrormotive eingeflochten werden müssen, die in der abstrakten Welt des PC-Spieles unnötig sind. Christophe Gans und sein Drehbuchautor Roger Avary kommen auf einmal mit einer Gruppe religiöser Fanatiker, die unendlichen Blödsinn salbadern, und auch wenn sie offensichtlich nicht das Identifikationsangebot des Filmes darstellen, so nerven sie einfach massivst. Sie holen den Zuschauer aus der kompletten Desorientierung heraus und signalisieren: Das da sind die Bösewichter! Wie brillant auch die Monster nachgestaltet sein mögen (ich sage nur: die Krankenschwester-Zombies, der scharlachrote Henker mit dem Dreieckskopf!), so wird da die vieldeutbare Spielewelt verkürzt auf die gewohnten narrativen Strukturen, die so gar nichts zu tun haben mit der Welt des unwägbaren Irrsinns, in die einen die Spiele stürzen. Ich bin mit drei anderen Leuten im Kino gewesen, von denen zwei Fans der Spiele waren, und der eine meinte nur trocken: „Das ist mal ein Fall, wo der Film dümmer war als das Computerspiel!“ Angesichts der ästhetischen Qualitäten des Filmes würde ich das nicht so harsch ausdrücken, aber ich spüre schon, wo der Arg herkommt. Gemessen an anderen Hollywood-Schrecken beklatsche ich SILENT HILL eindeutig, weil er sich der typischen Gruselstrategien enthält und stattdessen mit viel Geschick eine Welt des Unbehagens und der „weirdness“ erzeugt. Als Umsetzung eines (wie ich finde) genialen Spielesystems versagt der Film, da er die Möglichkeiten, die dem System innewohnen, auf gewöhnliches Holterdipolter reduziert. Der Anfang zeigt, wie es richtig geht. Danach regiert der Schangel. Bunt zwar und eindrucksvoll, aber wenn man schon einige Male höchstselbst durch die Midwich-Grundschule geirrt ist oder sich im Krankenhaus herumgetrieben hat, ist das wirklich kein Vergleich. Eine abschließende Beurteilung kann ich nicht vergeben, denn der Film wird auf jeden Betrachter anders wirken. Interessant ist SILENT HILL auf jeden Fall, und wem die Ästhetik des Filmes zusagt, dem empfehle ich nachdrücklichst, sich mit den Spielen auseinanderzusetzen. Teil 1 ist grafisch noch sehr reduziert, enthält aber bereits den vollen Süchtigmach-Reiz. Teil 2 hat die beste Story und spielt grafisch schon in einer ganz anderen Liga. Teil 3 ist das schwächste der Spiele, enthält aber immer noch genügend kreuzunheimliche Situationen. Und Teil 4 ist für mich einfach nur noch Kunst... What a world!
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#332
Geschrieben 25. Mai 2006, 22:50
Und siehe da, dieses MOH-Doppel ist das erste, das aus zwei Gewinnern besteht, wenngleich einem etwas kompromittierten. Die bessere der beiden Episoden ist jene von Lucky McKee, dessen MAY wohl nicht nur mich angenehm überrascht hat. Erfreulicherweise ist die hervorragende Angela Bettis wieder mit dabei, die hier eine lesbische Käferkundlerin spielt (!), die auch privat von ihren Vorlieben nicht lassen mag. Dafür muß sie aber mit heavy Streicheldefizit leben, denn die in ihrem Schlafzimmer herumstehenden Terrarien und ihre krabbelnden Bewohner haben schon so manche Käferscheue das Weite suchen lassen. So kommt es, daß die schüchterne Ida mehr als begeistert ist, als sie die Bekanntschaft der hübschen Studentin Misty macht, die nicht nur ebenfalls Fraufrau ist, sondern obendrein Käferfan – manchmal klappt's ja! Dumm nur, daß just zu diesem Zeitpunkt ein brasilianischer Bizarrkäfer in Idas Wohnung unterwegs ist, den ihr ein unbekannter Gönner hat zukommen lassen. Besondere Kennzeichen: Der Käfer ist ziemlich groß, hat drachenartige Panzerauswüchse und schleimt herum. Unglücklicherweise wird Misty gebissen und verändert sich sehr zu ihrem Nachteil...
Frauen, die gern Frauen poppen, haben in Horrorfilmen einen schlechten Stand. Das Genre bedient sich traditionell ja eher beliebter Universalängste, und die sind nun mal für gewöhnlich konservativ, nicht rock'n'roll. Zwei sympathische Lesben in einem solchen Genrebeitrag sind etwas, an das ich mich überhaupt nicht entsinnen kann, und wenngleich die Figur der Ida Teeter nicht ohne groteske Züge ist, so ist sie doch die Heldin der Geschichte und muß sich neben ihrer entomologisch bedingten Einsamkeit auch noch mit den Vorurteilen der gruseligen Vermieterin und deren nicht minder grusligen Enkeltochter herumschlagen. Die Horrorelemente der Episode kommen erst spät zum Tragen, aber die Geschichte wird so gut erzählt, daß es niemals langweilig wird. Lucky McKee kann was. Auch bemerkenswert ist die gelungene Musikauswahl, die sich aus verschiedenen Songs zusammensetzt, die ich mir durchaus auf Platte zulegen würde. Neben den zu erwartenden sexualpathologischen Anspielungen setzt es auch noch eine deutlich inzestuöse und familienskeptische Note, der in der tollen Schlußszene die Krone aufgesetzt wird. Hat mir sehr gefallen!
Masters Of Horror: Haeckel's Tale (DVD)
Geschichte 2 stammt von HENRY-Regisseur John McNaughton und basiert auf einer Erzählung von Clive Barker. Ein junger, hochmütiger Medizinstudent namens Haeckel befaßt sich mit der Wiederbelebung von Toten. Seine erste Frankenstein-Vorführung endet in einem gschmackigen Barbecue und trägt ihm den Arg seines Professors ein. Als ein Jahrmarktsgaukler in die Stadt kommt, der von sich behauptet, totenbeschwörerische Fähigkeiten zu besitzen, hält Haeckel dies für Scharlatanerie und fordert den Mann heraus, der den Beweis für seine Behauptung nicht schuldig bleibt. Etwas später befindet sich Haeckel auf der Reise zu seinem Vater, der im Sterben liegt. Als das Wetter umschlägt, sucht er Zuflucht in einem alten Bauernhof, in dem ein alter Mann mit seiner blutjungen und wunderschönen Frau wohnt. Elise – so erzählt der alte Mann – war einst in einen Galan ihres Alters verliebt, den aber der grimmige Sensenmann entführte. Doch was sich auf dem Friedhof abspielt, das muß Haeckel mit eigenen Augen erleben – sehr zu seinem Leidwesen...
Die Episode wird ziemlich umständlich erzählt, wohl wahr, aber nichtsdestotrotz hatte sie meine Aufmerksamkeit von Anfang bis Ende. Vom Umstand, daß McNaughton hier keinen Großstadthorror bemüht, sondern im Kostümfilmambiente von Cormans Poe-Verfilmungen wildert, sollte man sich nicht irreführen lassen – der Schluß der Story ist ein ziemlicher Kracher und hat selbst mich schockiert. Ich sage nur: Manche Menschen lieben ihren Braten kalt, und während Rigor Mortis für Leichenbestatter eher hinderlich ist, kann sie unter anderen Umständen durchaus ihren Platz im Blumengarten der Liebe haben... Mein lieber Scholli! Ich meine, daß am Schluß eine Kleinigkeit geschnitten ist, aber das mildert die unappetitlichen Implikationen der Handlung nicht wirklich ab. Interessant immerhin, daß die Episode bei der Erstausstrahlung im amerikanischen Fernsehen als Ersatz für den wohl wirklich haarsträubenden Beitrag von Takashi Miike herangezogen wurde. Auch McNaughtons Episode dürfte allerdings hiesigen TV-Zensoren Probleme bereiten. Ansonsten: Hübscher Gastauftritt von Jon Polito, der als Totenbeschwörer mit lustiger Perücke ziemlich auf die Pauke hauen darf.
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#333
Geschrieben 26. Mai 2006, 01:26
Jamie (Henry Thomas) arbeitet in einem Laboratorium, das sich mit der künstlichen Herstellung von Geschmacksrichtungen für Lebensmittel beschäftigt. In seiner Freizeit hat er das große L auf der Stirn und mit den Nachwirkungen einer fehlgeschlagenen Beziehung zu kämpfen. Er würde gerne neue Frauen kennenlernen, aber das wird nicht einfacher gemacht durch den Umstand, daß er in letzter Zeit von Visionen gebeutelt wird. Es scheint ihm so, als würde er am Leben eines anderen teilnehmen. Daß es sich um eine Blondine handelt, ist nicht tragisch, denn sie ist naturgeil. Leider ist sie auch eine Mörderin...
Tja, schade, daß dieser relativ fehlgeschlagene Beitrag ausgerechnet vom Schöpfer der Serie stammt, Mick Garris, der hier insbesondere drehbuchtechnisch mehr abbeißt, als er schlucken kann. Im Hitchcock-Marmeladetopf zu wühlen, ist schon bei einer Exzellenz wie Brian de Palma danebengegangen (BODY DOUBLE!), und wenn die Story dann auch noch mit televisiver Geradlinigkeit entwickelt wird, stößt vieles sauer auf. Am eklatantesten fand ich das Mysterium, warum Jamie sich in seine Traumfrau verliebt. Schon klar, daß er eine besondere Beziehung zu ihr aufbaut. Schließlich erlebt er aus erster Hand mit, wie sie sich mit einem Duschkopf befriedigt. Schon hier deutet sich an, daß die Situation erhebliches komisches Potential birgt, das ja von SOLO FÜR ZWEI auch solide ausgeschöpft wurde. Die Prämisse, eine „Korsische Brüder“-Situation mal als geschlechtermäßigen Rollentausch durchzuführen, funktioniert lediglich bei der ersten Szene, in der Henry Thomas allein zu Hause im Bette liegt und miterlebt, wie sie/er von einem gutaussehenden Indio mit dicken Muckis gehöckert wird bis zur Besinnungslosigkeit. Unglücklicherweise ist 1.) eine neue Bettbekanntschaft gerade zugegen und 2.) seine Exfrau kommt mit dem gemeinsamen Kind gerade zur Tür herein, als er erregt bibbernd in der Koje liegt und offensichtlich gerade den Vaginalorgasmus seines Lebens hat. Auf 1.) und 2.) macht das einen denkbar ungünstigen Eindruck! Leider ist sich Garris scheinbar der komischen Möglichkeiten nicht bewußt und zieht die Geschichte fast vollständig straight durch, und damit wäre niemand durchgekommen, nicht einmal Orson fucking Welles. Warum, zum Geier, reist er dieser Frau nach, von der er lediglich weiß, daß sie eine Mörderin ist? Der hat literweise Indianerblut durch seine Finger rinnen fühlen, und alles, was er von der Frau zu erwarten hat, ist ein Messer zwischen die Rippen... I don't get it. Die Episode ist kein komplettes Fiasko wie die Arbeiten von Argento und Gordon, aber eine sehr schwer befriedigend aufzulösende Geschichte wird da dargereicht, als handele es sich um den neuen „Tatort“. Das der Story innewohnende Drama ist somit an mir vorbeigegangen. Jamie zur Polizei: „Ich schmeckte einfach ständig die Schokolade eines anderen.“ (Wenn die DEN nicht in die Klapse stecken – wen dann?)
Masters Of Horror: Cigarette Burns (DVD)
Bizarre Episode. Kirby Sweetman (Norman Reedus, aus DER BLUTIGE PFAD GOTTES) wird von einem reichen Filmsammler (Udo Kier) angeheuert, um einen vermeintlich verschollenen Film zu suchen: „La fin absolué de monde“. Besagtes Werk wurde von einem vermutlich geisteskranken Regisseur gedreht, der der Welt damit nicht nur den Stinkefinger zeigte, sondern einen Vorgeschmack auf die Hölle. Die einzige bekannte Aufführung des Filmes endete in einem Massaker, mit Blutfontänen und verwaisten Rippenbögen. Die Kopie wurde hernach – so wird es überliefert – vernichtet. Kirby hält die ihm gestellte Aufgabe für undurchführbar, hört aber den Lockruf des Geldes. Und so stellt er seine Recherchen an, die ihn bis in die Abgründe der Pariser Cineastenszene führen. Natürlich findet er den Film, aber es gibt Dinge zwischen Projektor und Leinwand, die unangetastet bleiben sollten...
Nach all dem Unfug, den John Carpenter in den letzten 20 Jahren hergestellt hat, ist CIGARETTE BURNS zumindest teilweise versöhnlich. Die Grundidee ist sehr hübsch und ähnelt unglücklicherweise einer Idee, die ich einmal zu einem Horrorroman entwickeln wollte. War er schneller, näch. Das unheilschwangere Geraune vom vermaledeiten Film, der seine Zuschauer in Entsetzen und lallenden Wahnsinn treibt, läßt einen alles erwarten. Es gibt zwei gravierende Schwachpunkte in der Episode. Zum einen hätte Carpenter keine Auszüge des gesuchten Werkes präsentieren sollen, denn die gehen mächtig in die Hose. Wenn man schon einmal DIE 120 TAGE VON SODOM oder VIVA LA MUERTE gesehen hat, wirken die Szenen eher, als hätte Olaf Ittenbach einen Fetischporno gedreht. Das wirkt nicht abseitig und pervers. Njed. Auch hätte Carpenter die klischeetriefende Sequenz mit dem homosexuellen, Snuffvideos drehenden Filmsammler aus Paris lassen sollen, der wie der Dorfdepp der Frankfurter Russenmafia wirkt. Das ist Hokomoko pur. Ansonsten ist CIGARETTE BURNS der verdammt beste Carpenter seit langer Zeit. Norman Reedus (kurz nach seinem überraschenden Kurzauftritt in ANTIKÖRPER) ist eine glückliche Wahl als Protagonist und ähnelt so gar nicht den markanten Nichtskönnern, die Carpenter in begnadeter Geschmacksverirrung häufig einsetzt. (Who the fuck is Roddy Piper?) Udo Kier ist ohnehin ein Goldschatz – der könnte die Mickymaus spielen und wäre immer noch beeindruckend. An wen nun die Figur des devianten Kunstfilmers angelehnt sein könnte, weiß ich nicht. Ich habe die Folge vor einigen Wochen gesehen, aber ich glaube, er hatte einen osteuropäischen Namen. Was mich sehr überrascht hat, war die teilweise wirklich garstige Blutrunst des Filmes, die den deutschen Verleih dazu bewogen hat, an drei Stellen empfindlich zu kürzen. Die Enthauptung und die Augendrangsal schmerzen mich nicht wirklich, aber jene Szene, in der ein Projektionist seine Eingeweide in den Projektor einspannt, um seinen „eigenen Film zu drehen“, ist wirklich so abgehoben und auf groteske Weise horribel, daß ich das schon gerne gesehen hätte. Let's face it – die meisten Mainstream-Hollywood-Filme sehen nicht anders aus! Kurzum: Carpenter hatte einen guten Drehbuchautor mit viel schwarzem Humor, und ich hatte wirklich mein Auskommen bei dieser Warnschrift vor den Gefahren des übertriebenen Filmkonsums. Wenn irgendwann mal LONDON AFTER MIDNIGHT wiedergefunden wird, dann wird das auch Leute in den Wahnsinn treiben. Da bin ich mal sicher!
P.S.: Den Begriff „Cigarette Burns“ kannte ich noch nicht, aber so bezeichnet man wohl die in den Film eingepunzten Zeichen, die dem Projektionisten den opportunen Moment für den Aktwechsel ankündigen.
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"Kreativität kommen allein von Nerven in Nacken hinten!" (Chinesischer Doktor in Woody Allens ALICE)
#334
Geschrieben 26. Mai 2006, 03:02
Ich – das Abenteuer, ein Mann zu sein bzw. Der nächste Van Damme: Chance Boudreaux (V.D.) ist ein Tagelöhner, der in den Bayous der New-Orleans-Region aufgewachsen ist. Jetzt will er als Seemann anheuern. Leider hat er seinem letzten Kapitän den Kiefer gebrochen und ist bei der Gewerkschaft unten durch. Um wieder den Schotmast auf achtern setzen zu können, braucht er Geld, doch woher nehmen? Das Schicksal tritt in sein Leben, und es ist blond: Natasha Binder sucht nach ihrem Daddy, der aus unerfindlichen Gründen den Briefkontakt zu ihr abgebrochen hat. Da Chance ihr bereits bei der Zusammenstauchung einiger Möchtegern-Taschendiebe behilflich war, will sie den strammen Max für die Suche anheuern. Die Recherchen ergeben nicht nur, daß ihr Daddy dem Lumpenproletariat anheimgefallen war, sondern auch, daß eine dubiose Organisation ihn umgebracht hat. Der überaus sinistre Emil Fouchon (Lance Henriksen) richtet nämlich Menschenjagden aus, bei denen perverse reiche Säcke ihre geheimsten Gelüste befriedigen dürfen. Dabei wird besonders Ausschau gehalten nach Zeitgenossen, die durch das soziale Netz gefallen sind und keinen Anhang haben, der eventuell Fragen stellen könnte. Chance Boudreaux ist damit erwartungsgemäß nicht einverstanden und legt Veto ein. Und dann bricht das Grauen los in den Sümpfen...
Völlig großartiger Film! Als ich ihn zum ersten Mal sah, war ich ausgesprochen unbeeindruckt, zumal mir der laszive Charme des ehrenwerten Belgiers noch nicht aufgedämmert war. Ich sah den Film nur als den ersten Hollywood-Klopper von John Woo, dessen Arschtret-Noir THE KILLER und dessen lustige Geschichtsstunde BULLET IN THE HEAD mir vorher sehr imponiert hatten. HARD TARGET erschien mir damals als vorhersehbar, mehr vom Gewohnten und exzeßsuchend. Mittlerweile bin ich vom Vorhersehbaren, Gewohnten und Exzeßsuchenden dermaßen durchgeschüttelt und abgetörnt worden, daß mir der Film wie ein Labsal des hauseligen Erquickens vorkommt. Zuerst einmal: Die Frisur, die Van Damme in diesem Film zur Schau stellt, geht gar nicht! Der polnische Coiffeur ums Eck, der den Leuten Vokuhilas verpaßt, als gäbe es kein Morgen, ist dagegen ein Held. Van Damme hat das nicht verdient. Davon abgesehen knüppelt sich der Film mit brachialer Unbedenklichkeit ins Mark des Betrachters, daß dieser kaum mehr zum Denken kommt. Und, nun ja – welchen edleren Zweck kann ein solcher Film erlangen als die völlige Besinnungslosigkeit des gaffenden Publikums? Will man sein humanistisches Denkgefüge stählen, liest man den Herrn Kant oder streichelt eine Marmorbüste von Erasmus von Rotterdam. Hier geht es nur um eine comicstrippig reduzierte Form von Gerechtigkeitsideal, die man in der realen Welt wohl kaum jemals erreichen wird. Der Mann mit der komischen Frisur besorgt es dem Mann mit der tiefen Stimme (Henriksen im Original) und seinen düsteren Schergen. Es fordert einen hohen Blutzoll, der Kajal verschmiert, halb Florida geht zuschanden, aber am Schluß kriegt der Belgier die Frau und kommt auf sein Schiff, und darauf kommt es im wirklichen Leben einfach nun mal an! Ich habe in einem früheren Artikel einmal namentlich über einen Rezensenten gelästert, der ein Verbot des Filmes forderte, was mich mittlerweile dauert – nur zweimal ist mir ein solcher Fauxpas passiert, macht man nicht. Die Forderung halte ich immer noch für Kohl, zumal das heutige Actionkino amerikanischer Prägung recht deutlich klarmacht, woher der Wind weht, und zwar aus der braunen Ecke. Damals bekamen die Natzis noch ordentlich einen vors Gebälk, und das war gut so. Manch einen mochte das menschenverachtend dünken, aber ich erfaßte das nur als eine Kasperversion meiner eigenen Männlichkeitsillusionen vom Ritter auf dem hohen Roß. HARD TARGET ist nämlich ein pubertärer Sexfilm reinsten Wassers! Der handelt von frustrierten Wunschvorstellungen und wie sie in einem Bleihagel ihre Erfüllung finden. Selten findet man heutzutage eine dermaßen körperliche Inszenierung von Gewaltsamkeiten – es ist so, als wäre Sam Peckinpah in einen Mähdrescher geraten, der mit Partydrogen angetrieben wird. Ein Klassiker ist etwa jene Szene, in der Van Damme und Arnold Vosloo auf zwei Seiten einer Wand stehen, per „split screen“ säuberlich voneinander getrennt. Beide dürstet es nach der Erfüllung ihrer jeweiligen Lustgedanken. Wenn das Triebleben dann losbricht, machen beide ein großes Gewese davon und fuchteln wild herum, während ringsumher die stählernen Kugeln blitzen. Man fragt sich wirklich, warum hier noch eine ProtagonistIN vonnöten war. Ein Alibi, if there ever was one. Die unterliegende Homophilie des Männerbündisses wurde bereits in früheren Woo-Filmen besungen. Männer sind Männer, wenn sie unter Männern sind. Wer oben liegt, entscheidet sich erst im Schlußakt. Die weibliche Hauptfigur – wer war sie gleich? HARD TARGET ist Männerkino, und Blut, Schweiß und Tränen fließen unaufhörlich. RRH hatte mit seiner Reduzierung des Filmes schon recht, denn er stellt natürlich in gewisser Weise eine Barbarei dar. Hielte man die Menschheit für generaldoof, wären solche Zelluloidbelichtungen sicherlich das letzte Indiz für den Untergang des Honetten und Lebensbejahenden. Fakt ist aber, daß es darauf ankommt, wie man solche Filme rezipiert, und HARD TARGET wanzt sich mit der Wucht der sieben Dampframmen einer ironischen Betrachtungsweise an. Da ist nichts von der menschenverachtenden Attitüde basisferner Politiker, die liberal schwätzen und der unvermeidlichen Folgen des Lobbyismus-Gedankens sehr wohl gewahr sind. Da gibt es einfach nur sehr direkt einen auf die Glocke. Es trifft zum Glück keine netten Menschen. Ich muß in diesem Zusammenhang immer an Thilo Gosejohanns Darstellung des Jackson in OPERATION DANCE SENSATION denken, wenn er sich in der Talkshow mit Bela B gegen die Anfechtungen verteidigt, warum er denn all die Ninjas umgebracht hat: „Ja, aber das sind doch die Bösen!“
HARD TARGET ist für mich eines der großen Actionfilm-Highlights der neunziger Jahre. Der regelt einfach nur massiv!
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