Asphalt-Rennen (US-DVD)
Bei all den vielen Kfz-Mechanikern, die es auf dem Erdball gibt, müßte TWO-LANE BLACKTOP eigentlich einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten sein...
Ich hatte gar nicht mehr in Erinnerung, daß der Film
so gut ist.
Die beiden Musiker James Taylor und Dennis Wilson (Drummer der Beach Boys) spielen zwei langhaarige junge Männer, die in ihrem 55er Chevy durch die Gegend gurken und gelegentlich an Privatrennen teilnehmen. So finanzieren sie sich ihre Wegstrecke. Wenn man wieder klamm ist, wird halt wieder gerast. Warren Oates ist ein ehemaliger Fernsehproduzent, der aus seinem Beruf ausgestiegen ist und in seinen 70er Pontiac eingestiegen. Interessiert aber keinen, dem er sie erzählt, seine Geschichte. Er rast schon seit einigen Jahren durch die Gegend. Mit den Boys macht er ein Rennen ab, das nach Washington, DC, führen soll. Auf dem Wege dorthin gabeln die beiden Jungs einen weiblichen Hippie auf. Das ist sie eigentlich schon, die Story des Films.
Mit „road movies“ ist das immer so eine Sache: Der Weg ist das Ziel. Wohin die Reise geht, ist im Grunde genommen komplett unerheblich. „Satisfactions are not permanent“, wie Oates am Schluß des Filmes bemerkt. So endlos, wie der Weg der Protagonisten ist, mag der Film auch einigen Zuschauern vorkommen, denn passieren tut nicht viel. Die Männer des Filmes – denn oh ja, es ist ein Männerfilm – definieren sich über ihre Autos, und welcher Traum auch immer im Schatten lauern mag, so tritt er zurück, wenn es um neue Autoteile geht, die man irgendwo billig abstauben und einbauen kann. Das funktioniert im Film wie ein ungeschriebenes Gesetz: Die Boys halten an einem Diner, kommen mit anderen ins Gespräch und machen wie selbstverständlich das nächste Rennen ab. Es geht nur von einem Rennen zum nächsten.
TWO-LANE BLACKTOP ist einer der amerikanischsten Filme, die ich jemals gesehen habe – ein echter Western. Er versinnbildlicht den „pioneer spirit“, das häufig unbewußte Streben danach, das Land zu erkunden und so irgendwie in Bezug zu sich selbst zu bringen. Man macht untertan, was man nie vollständig erfassen kann. Doch der Triumph ist immer nur ein scheinbarer. Er führt nur von einem Tankstellenklo zum nächsten. Dazwischen lesen die Boys das Mädchen auf, gespielt von Laurie Bird, die leider mit 25 Selbstmord beging. Die Rolle des Mädchens ist eine sehr kommentarintensive, da sie sich grundlegend mit der gewöhnlichen Konzeption der Frau im amerikanischen Kino beißt. Normalerweise ist die Frau entweder ein Gegenentwurf zur Rolle des Mannes, oder – in grundsexistischer Manier – sie ergänzt ihn, Adams Rippe und so fort. Ihre Funktion kann in herkömmlichen Männerfilmen nur eine untergeordnete sein, ein Preis, der Lohn des Helden für erfolgreiches Streben. In TWO-LANE BLACKTOP gibt es kein erfolgreiches Streben. Ihre Rolle ist der der Männer komplett gleichgestellt. Sie hat genausowenig einen Plan, wohin die Reise geht. Sie fährt mal hier mit, mal dort mit, ist absolut opportunistisch. Gleichzeitig ist sie der Verbindungspol der Männer zu dem, was man als traditionelles Konzept bezeichnen könnte. Am Schluß weckt sie in James Taylor Gefühle, die man mangels besserer Bezeichnungen „Liebe“ nennen könnte. Er läßt das Rennen Rennen sein und stellt sie zur Rede, so direkt, wie er das gerade vermag. Auch Oates hat seine große Szene mit ihr: Als sie neben ihm im Wagen sitzt und schläft, erzählt er ihr von seinen Träumen von Seßhaftigkeit – er will ein Haus, eine Frau und Kinder. Sie kriegt nichts mit, und so geht auch dieser Traum an ihr vorüber. Die Fahrt geht weiter.
Der Schluß des Filmes ist ein weiteres Rennen, doch diesmal läuft es anders: Das Gaspedal wird durchgedrückt bis zum Bodenblech, der Wagen schießt voran. Doch auf einmal setzt eine Zeitlupe ein, verlangsamt den Film bis zum Einzelbild. Das eingefrorene Einzelbild – wie bei einem Projektor – schmurgelt durch. Der Film ist aus.
Monte Hellman hat vorher einige Western mit Schauspielern aus dem Corman-Umfeld gemacht, u.a. Jack Nicholson. Daß seine Karriere als Regisseur niemals ganz durchstarten konnte, erscheint nach Betrachten von TWO-LANE BLACKTOP nur folgerichtig: Wie seine Protagonisten, so hat auch Hellman seinen eigenen Weg verfolgt, der nicht wirklich mit dem Hollywood-Mainstream zu tun hatte. Als Resultat gibt es einige schöne Filme zu bewundern. Der beste ist vermutlich TWO-LANE BLACKTOP – ein Film über das Fahren neben der Spur. Und nein, es handelt sich nicht um einen melancholischen oder gar verzweifelten Film. Es wohnt viel Schönheit darin, viel Respekt vor den Figuren, die ihn bevölkern. Einer meiner persönlichen Lieblingsfilme.