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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0





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NIGHT AND THE CITY (Jules Dassin/UK 1950)



"Harry is an artist without an art."

Night And The City (Die Ratte von Soho) ~ UK 1950
Directed By: Jules Dassin

Der Kleingauner, Nepper und Schlepper Harry Fabian (Richard Widmark) ist ein schmales Licht in der Londoner Unterwelt. Ständig verschuldet, von den meisten belächelt, nur von seiner gutmütigen Freundin Mary (Gene Tierney) heiß geliebt, befindet er sich meist auf der Flucht vor irgendwelchen brutalen Gläubigern. Als er bei einem Freistil-Veranstaltung zufällig der früheren Ringerlegende Gregorius (Stanislaus Zbyszko) und dessen Mündel Nikolas (Ken Richmond) begegnet, hat Harry mal wieder eine zündende Idee, die ihn leben lassen wird "wie Gott in Frankreich": Er plustert sich zum Konkurrenten des in seinen Kreisen gefürchteten Ringkampf-Veranstalters Kristo (Herbert Lom) auf, zugleich Gregorius' Sohn. Den naiven Alten und seinen Schüler ködert Harry mit dem Versprechen, ausschließlich Kämpfe im klassischen griechich-römischen Stil zu präsentieren. Schon bald jedoch bricht er die Abmachung und engagiert den brutalen Freistilkämpfer "Henker" (Mike Mazurki), der in Harrys Trainingskeller eine Katastrophe herbeiführt. Harrys Ende ist nunmehr beschlossene Sache, denn der rachedurstige Kristo setzt ein Kopfgeld auf ihn aus...

Großes Meisterwerk aus der originären Ära des Film Noir, wenngleich ausnahmsweise nicht in Kalifornien entstanden, sondern in London und damit zugleich eine Bereicherung für den klassischen britischen Gangsterfilm. Dassin entwirft ein ebenso lyrisches wie mitreißendes Porträt der Londoner Halbwelt zwischen Schmutz und Neonreklamen, zeigt die Diskrepanz zwischen Lebensrealität und großen Hoffnungen; den ewigen Drang danach, auszubrechen und irgendwo eine bessere Existenz zu beginnen, wenngleich die so gern verleugneten Wurzeln und letzten Endes auch die Determinante des Schicksals nur hier und nirgendwo anders liegen. Richard Widmark, der besonders in jungen Jahren ein ausgesprochen unsympathisches Gesicht aufsetzen konnte und daher in seinen ersten Filmen zumeist wahlweise als diabolischer Bösewicht ("Kiss Of Death") oder als Westentaschen-Gangster ("Pickup On South Street") besetzt wurde, liefert hier die definitive Charakterisierung des zum Tode verurteilten Verlorenen, an denen sich eine ganze Latte späterer, analoger Figuren zu messen haben wird. Widmark meistert die Gratwanderung der Evokation gegensätzlicher Emotionspole perfekt, weiß man doch nie, ob man diesen Harry Fabian bemitleiden, mit ihm fühlen, oder ihn wegen seiner idiotischen, impulsiven Aktionen, die selbst vor schlimmsten Auswirkungen nicht Halt machen, verabscheuen soll. Am Ende hilft einem einmal mehr die engelsgleiche Gene Tierney bei der Entscheidungsfindung.

10/10

London Unterwelt Kiez Ringkampf Jules Dassin film noir



Da bin ich doch ganz bei Dir!

zu...

Zitat

...diabolischer Bösewicht ("Kiss Of Death") oder als Westentaschen-Gangster ("Pickup On South Street")...

...würde ich sonst noch den obsessiven Rassisten aus NO WAY OUT hinzufügen.
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Aber den Rassisten gab's meines Wissens nur einmal, oder...? :unsure:
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Als guter Kontextler müsstest du jetzt noch hinzufügen, dass dies Dassins letzter US-Film vor seiner Emigration war und woran das lag. Aber eben: Du bist Funxton, der Kontextler bin ich. :D - Gene Tierney gehört übrigens zu den wenigen Hollywood-Ikonen, mit denen ich nie etwas anfangen konnte. Das Weib besitzt einfach keine Ausstrahlung. Ich darf gar nicht sagen, welche "Klassiker" mir wegen ihr nichts bedeuten.
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Sie war ja auch eine recht "kalte Schönheit". Mir gefällt das, hatte sowas glamourhaftes.

Dass Dassin als Ex-Mitglied der KP etwa parallel zu seiner Arbeit an "Night And The City" zur persona non grata wurde, setze ich denen, die's interessiert, gern noch hinzu. Alle anderen können's überlesen oder selbst recherchieren.
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Finde ich toll, dass du auf meine kleine (implizite) Aufforderung eingegangen bist. :cheers: Schadet nämlich nichts, wenn die Leute auch etwas über den Film hinaus erfahren. Vermutlich bist du gleichzeitig einer meiner Schwächen auf die Spur gekommen: "Kalte Schönheiten" scheinen mir nicht so zu liegen. Ich mag nämlich auch Grace Kelly nicht. :blush:
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Ich bezog das eher auf das ausgesprochen unsympatische Gesicht.

...und dass die Amis den Dassin zum Teufel gejagt haben, nehme ich ihnen an dieser Stelle überhaupt nicht krumm. Vielmehr sollten wir dem Kommunistenwahn zum Dank verpflichtet sein, da er uns in der Folge schlieslich RIFIFI beschert hat!
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Ob Dassin das rückblickend genau so augenzwinkernd gesehen hätte wie du?
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Wohl nicht! Aber er ging, entgegen vieler seiner Kollegen (die dann bekanntlich der schieren Arbeitslosigkeit erlagen) a) geschickt des Josephs roter Angst aus dem Weg und b ) konsequent seinen Weg als Filmemacher. Von daher: Chapeau! Lieber Jules!
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