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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0





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JEDER FÜR SICH UND GOTT GEGEN ALLE (Werner Herzog/BRD 1974)



"Ein schönes Protokoll, ein gutes Protokoll. Solch ein Protokoll gibt es nicht alle Tage!"

Jeder für sich und Gott gegen alle ~ BRD 1974
Directed By: Werner Herzog

In der Stadt Nürnberg wird am 26. Mai des Jahres 1828 ein junger Mann (Bruno S.) auf einem Dorfplatz vorgefunden, der einen schwer verwahrlosten Eindruck macht. Aus dem bisschen Geschreibe, das der Findling zu kritzeln im Stand ist, wird ersichtlich, dass sein Name 'Kaspar Hauser' lautet. Offenbar, so erfährt man, nachdem Kaspar gelernt hat, mit der Außenwelt zu kommunizieren, habe er sein ganzes bisheriges Leben in einem dunklen Verlies zugebracht und sei schließlich von einem ihm unbekannten Mann (Hans Musäus) hierher geführt worden. Den aufrechten Gang und seine spärliche Schreibfähigkeit habe er von dem Unbekannten erlernt. Nacheinander nehmen sich zunächst der Gefängnisaufseher Hiltel (Volker Prechtel) und dann der Theologe Daumer (Walter Ladengast) Kaspars an. Zwischenzeitlich muss er, um für seinen Unterhalt zu sorgen, auch in einer Kuriositätenschau auftreten und wird überhaupt zu einer lebenden Legende, der man unter anderem bald eine mysteriöse adslige Herkunft andichtet. Nur fünf Jahre nach seinem Erscheinen wird Kaspar schließlich von jenem Unbekannten, der ihn einst nach Nürnberg brachte, erstochen.

Für das historische Teilprogramm des Neuen Deutschen Films bildete das Sujet "Kaspar Hauser" ein willkommenes Gepräge, eignete es sich doch vortrefflich, um Parallelen zur sich gegenwärtig einnistenden Post-Wirtschaftswunder-Spießigkeit im geteilten Deutschland der frühen Siebziger zu ziehen und jene dann mittels einer wunderbar abseitigen Mischung aus Tragödie und eigenwilligem Humor filmisch aufzubereiten. Herzog zaubert purste Poesie aus dem Hut, wenn er immer wieder scheinbar unmotivierte bildliche Zäsuren auftischt: wogende Weizenfelder und Abendhimmel vorzeigt, einen Hag im sich brechenden Dämmerlicht oder vorgeblich Beiläufiges wie dumm stierende Passanten und Gaffer. Hier zeigt sich die grandiose Beobachtungsgabe, die vielen Regisseuren des deutschen Autorenfilms zu eigen war nebst ihrer Fähigkeit zur trockenen Kommentierung. Grandios die Einstellung, in der der fabulierfreudige Zirkusdirektor (Willy Semmelrogge) Kaspar als Höhepunkt seiner menschlichen Exoten vorstellt, die erst Farbe durch den vollends seiner Dichtung zuzuschreibenden Anekdotenreichtum bekommen. Die folgende Flurflucht der Gesellen, zu denen auch ein angeblich miniaturisierter König, ein "Mozartkind" und ein Flöte spielender Indianer zählen, wirkt wie eine Rebellion im Käfig. Und immer wieder betreten obskure Gestalten die Szenerie; ein Mathematiker (Alfred Edel), der mittels angeblich logischer Zusammenhänge Kaspars Geisteszustand zu untersuchen probiert, engstirnige Kirchenmänner (u.a. Enno Patalas) und, meine persönliche Lieblingsfigur, der alles wiederholende, kleinwüchsige Protokollant. Sehen, hören, staunen - geht hier alles.

9/10

Werner Herzog Biopic Kaspar Hauser Historie period piece Nürnberg Parabel Biedermeier




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Funxton

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