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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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AMEN. (Constantin Costa-Gavras/F, D, RO 2002)


"I see no other way to reach people's hearts."

Amen. (Der Stellvertreter) ~ F/D/RO 2002
Directed By: Constantin Costa-Gavras

Berlin, 1942: Als er infolge familiärer Beziehungen binnen kürzester Zeit zum Offizier der Waffen-SS aufsteigt, glaubt der ebenso naive wie christliche Ingenieur Kurt Gerstein (Ulrich Tukur) noch, dass seine Fortschritte in der Schädlingsmittelbekämpfung den Truppen an der Ostfront zugute kommen. Der mysteriöse "Doktor" (Ulrich Mühe) jedoch belehrt den Schockierten eines Besseren: Die Euthanasie, die systematische Ermordung geistig Behinderter, gehört ebenso zum verschleierten Nazi-Alltag wie die mittlerweile beschlossene "Endlösung der Judenfrage": Ganze Dynastien werden in Viehwagons gen Osten deportiert und dort im großindustrillen Maßstab und unter Verwendung des von Gerstein mitbeschafften Giftgases Zyklon B vernichtet. Hoffnung wähnt Gerstein beim schwedischen Botschafter (Justus von Dohányi) und bei der katholischen Kirche. Zum einen sollen die Alliierten über die Gaskammern und Krematorien in Kenntnis gesetzt werden, zum anderen versucht Gerstein mithilfe des idealistischen Jesuiten Riccardo Fontana (Matthieu Kassovitz), den Vatikan zu einer öffentlichen Verurteilung der Nazigräuel zu bewegen. Doch die allgemeine Angst vor Hitler überwiegt hier wie dort, niemand, am wenigsten Papst Pius XII (Marcel Iures), fühlt sich verantwortlich, bis zum Kriegsende Wesentliches zu unternehmen.

Back from Hollywood: Die von reichlich Arroganz gekennzeichnete katholische Praxis der Ignoranz und der Wahl des geringsten Widerstands angesichts der sich immer weiter auftürmenden Nazi-Verbrechen war bereits in dessen Veröffentlichungsjahr 1961 Thema von Rolf Hochhuths Stück "Der Stellvertreter". Ganze vierzig Jahre dauerte es bis zu dieser Verfilmung durch Costa-Gavras, zugleich der zweite Film des Regisseurs nach dem im besetzten Frankreich unter der Vichy-Regierung spielenden "Section Spéciale", der sich mit dem Nationalsozialismus der Weltkriegsjahre befasst. Weitaus weniger emotional als viele andere Holocaust-Dramen der letzten Jahrzehnte kommt "Amen." daher, lässt etwas den Blick für die Essenz von Hochhuths Drama vermissen und sucht viel mehr nach möglichen Erklärungen dafür, wie die Massenvernichtung der Juden im internationalen Spiegel solange "übersehen" werden konnte. Dem bekennenden Christen und SS-Offizier Kurt Gerstein, von Ulrich Tukur im Film als überaus liebenswerter Zeitgenosse interpretiert, dem ein widerständliches Herz unter den Blitz-Runen schlägt, gilt heute als einer der wichtigsten bekennenden Zeugen der Vernichtungspraktiken. Bevor man ihm nach Kriegsende in Paris den Prozess machen konnte, fand man Gerstein in seiner Zelle erhängt vor - Fremdeinwirkung nicht ausgeschlossen.
Hinzugedichtet sind der, obschon auf realen Vorbildern basierende, Charakter des Märtyrers Riccardo Fontana, Gersteins persönliche Beziehung mit dem in Stück und Film namenlos bleibenden 'Doktor' Josef Mengele (hier gespielt von Ulrich Mühe) wiewohl auch sein eindeutig als heroisch zu bezeichnendes Engagement gegen das Reich, dessen Widerspruch zu seiner beständigen Funktion als Obersturmführer im Film nicht zufriedenstellend aufgelöst wird. So ist Gersteins tatsächliches Wesen bis heute historisch nicht eindeutig festlegbar. Costa-Gavras gestattete sich bei aller sonstigen Ehrenwertigkeit des Projekts einige sicher vermeidbare Faux-pas: Zunächst finde ich es diskutabel, ob es bei einer zu knapp 90 Prozent deutschsprachigen Besetzung wirklich Not tat, als Originalsprache Englisch zu wählen, die Sprachkenntnisse des Regisseurs hin oder her. Ferner stellt sich mir die Frage, ob die permanent durch den Film rollenden Deportationszüge bewusst in die jeweils "falsche" Bildrichtung fahren (also leer von West nach Ost, voll von Ost nach West) oder ob dies inszenatorische Manier ist. Dem gehenüber stehen großartige Szenen wie etwa die, in der Riccardo versucht, die Kardinäle beim üppigen Frühstück von den ihm durch Gerstein geschilderten Naziverbrechen zu unterrichten und diese ganz untangiert weiterspeisen. Da schimmert dann wieder ganz der alte, starke Costa-Gavras hervor.

Constantin Costa-Gavras Rolf Hochhuth based on play period piece Historie Nationalsozialismus Holocaust WWII Kirche Rom Vatikan Berlin Auschwitz Widerstand


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MAD CITY (Constantin Costa-Gavras/USA 1997)


"A line has been crossed."

Mad City ~ USA 1997
Directed By: Constantin Costa-Gavras

Ausgerechnet der als sensationsgieriger Enthüllungsjournalist berüchtigte Max Brackett (Dustin Hoffman) ist zugegen, als der gefeuerte Sicherheitsmann Sam Baily (John Travolta) mit Schrotflinte und Dynamit seinen früheren Arbeitsplatz, das städtische Museum, betritt und eine zufällig vor Ort befindliche Schulklasse als Geiseln nimmt. Brackett wittert sofort großes Nachrichtenentertainment und lenkt von Anfang an die Aktionen des leicht unterbelichteten Kidnappers in seine gewünschte Richtung. Doch nicht nur Brackett, auch sein Sender und das bald heranrückende FBI manipulieren Bailey mal mehr, mal weniger, provozieren sein verlängertes Ausharren im Museum und beeinflussen die öffentliche Meinung.

Dass "gut gemeint" in aller Regel das Gegenteil von "gut" darstellt, lässt sich anhand Costa-Gavras' bis dato letzter Hollywood-Produktion "Mad City" zumindest ansätzlich klar verifizieren. So eine Massenmediensatire hier und da ist ja eigentlich nie verkehrt und erreicht grundsätzlich ihre Adressaten (in der Regel nämlich die, die sich ohnehin weitgehend "medienkompetent" schimpfen). Mit Dustin Hoffman befindet sich ein garantiert brillanter Schauspieler an Bord, mit John Travolta zumindest einer, der etwas Kohle in die Kassen holt. Dennoch enthebt all das "Mad City" nicht seines penetranten Reißbrett-Charakters, der seines Regisseurs vermittels dieser einfach gestrickten Art der Darbietung, die sicherlich bereits infolge oberflächlicher Script-Lektüre absehbar war, weder würdig ist noch ihn überhaupt sonderlich gereizt haben sollte. Vermutlich ging es in diesem Falle auch einfach mal um einen ausgedehnten Sommerurlaub. Ist ja auch okay. Man kann nicht permanent große Würfe vollziehen und wird schließlich auch abgeklärter mit dem Alter. Dann möge man als Urheber aber bitte auch Verständnis für die entsprechenden Reaktionen aufbringen: "Mad City" lässt sich über weite Strecken anschauen, ohne dass er allzu heftige Koliken verursachte, vermeidet es aber ebenso penibel, Wagnisse jedweder Art einzugehen; sei es in gedanklicher oder auch nur in inszenatorischer Hinsicht. Für Costa-Gavras' Œuvre stellt "Mad City" keine ausgesprochene Schande dar, aber er würde darin auch nicht wirklich vermisst werden.
Als Travolta als Sam Baily in letzter, sympathiebekundender Regung gegenüber Brackett dazu ansetzt, ihm, wie es in "Face/Off" ja sein "Erkennungszeichen" war, freundschaftlich mit der Handfläche übers Gesicht zu fahren, musste ich heuer allerdings beinahe speien. Der Typ kann einfach nicht anders, als den Großkotz zu markieren, selbst wenn er bloß einen verblödeten Trottel spielen soll.

5/10

Constantin Costa-Gavras Journalismus Fernsehen Satire Kidnapping Museum Kleinstadt Kalifornien


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MISSING (Constantin Costa-Gavras/USA 1982)


"We're not involved, Mr Horman."

Missing (Vermisst) ~ USA 1982
Directed By: Constantin Costa-Gavras

Santiago de Chile, September 1973: Der für ein linkes Blatt tätige, US-amerikanische Journalist Charlie Horman (John Shea) verschwindet während des Militärputschs durch Pinochet spurlos. Zusammen mit Charlies Vater Ed (Jack Lemmon), einem einflussreichen New Yorker Geschäftsmann, sucht seine Frau Beth (Sissy Spacek) vor Ort nach Spuren Charlies, während die Junta ihr blutiges Schreckensregime weiter installiert. Im naiven Glauben, die US-Administration vor Ort sei bezüglich seiner Investigation hilfsbereit, muss sich Ed Horman bald vom Gegenteil überzeugen lassen: Charlie ist während eines zufälligen Kurzaufenthalts im Badeort Viña del Mar auf einen redseligen US-Militärberater (Richard Bradford) gestoßen, der keinen Zweifel an der US-Intervention bei Pinochets Staatsstreich ließ. Wie tausende andere Verdächtige wurde Charlie daraufhin in das als riesiges Konzentrationslager dienende Nationalstadion verschleppt, wo sich seine Spur - ebenso wie die Tausender anderer Exekutierter - verliert. Am Ende seines sein Weltbild geraderückenden Aufenthalts in Santiago begreift Ed die weitreichenden Verstrickungen der USA nicht nur in diesen lateinamerikanische Machtwechsel.

Costa-Gavras' erste US-Produktion macht glücklicherweise nur wenige Zugeständnisse an massengeschmäcklerische Erwartungshaltungen. Zwar gestaltet sich seine Inszenierung glatter und zugänglicher als zuvor und bietet mit Lemmon und Spacek zwei "unkomplizierte" Stars als Identifikationsfiguren auf; der politischen Brisanz und leidenschaftlichen Aufbereitung des Themas jedoch tut dies kaum Abbruch. "Missing" ist ein Werk, das Türen aufstieß: Die Involvierung der CIA nebst der von Polizei- und Militärberatern in die Politik lateinamerikanischen Länder wurde in keinem vorherigen Studiofilm so gnadenlos und präzise umrissen wie hier. Zu Beginn des Films wird erklärt, dass einige Namen der in die neun Jahre zuvor geschehenen Ereignisse Beteiligten "zum Schutz der Personen und des Films geändert" werden mussten. Die Begriffe 'Chile', 'Pinochet' und 'Allende' fallen nicht, von Nixon ist lediglich einmal ein Wandporträt zu sehen, ganz am Ende erklingt aus dem Off der Name Kissingers. Der vehement verharmlosende, lügende und leugnende US-Botschafter vor Ort bleibt ungetauft; sein reales Pendant Nathaniel Davis, mittlerweile a.D., dessen Nennung immerhin in der dem Film zugrunde liegenden Buchvorlage von Thomas Hauser auftaucht, verklagte die Universal bei Erscheinen des Films auf eine Multi-Millionen-Dollar-Summe und sorgte für die vorübergehende Absetzung des Films. Beide Maßnahmen erwiesen sich jedoch als von mittelfristiger Erfolglosigkeit gekrönt. Immerhin: Charles Hormans Name - ohnedies der wichtigste des Films - bleibt unverfälscht und stolzes Zentrum der traurigen Schilderungen. Bei aller Ehrenhaftigkeit des Projekts: Dass ausgerechnet das Verschwinden des Sohnes eines reichen, einflussreichen New Yorker Businessman solche Wellen schlug, ist sicherlich wichtig und richtig. Dass jedoch auch ein Costa-Gavras nur die Spitzen der Pinochets Putsch säumenden Leichenberge der zehntausenden von Toten und Vermissten zeigen kann, deren Verlust weitaus stiller und ungehörter betrauert werden musste denn der Charles Hormans, sollte zu keiner Sekunde vergessen werden.

9/10

Constantin Costa-Gavras Chile period piece Historie Vater & Sohn Südamerika CIA


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CLAIR DE FEMME (Constantin Costa-Gavras/F, I, BRD 1979)


Zitat entfällt.

Clair De Femme (Die Liebe einer Frau) ~ F/I/BRD 1979
Directed By: Constantin Costa-Gavras

Eigentlich will er nach Caracas abfliegen, aber aus zunächst unerfindlichen Gründen verschiebt Michel Follin (Yves Montand) die Reise. Auf dem Weg in ein Bistro stößt er mit der hilfsbereiten Lydia Tovalski (Romy Schneider) zusammen und fühlt sich prompt zu ihr hingezogen, versucht verzweifelt, sie auch für sich zu begeistern. In den nächsten Stunden erfahren die beiden viel von einander und geben dem jeweils anderen tiefe Einblicke in die jeweils zutiefst verwundete Seele: Lydia hat ihre kleine Tochter verloren bei einem Unfall, den ihr Mann Alain (François Perrot) verursacht hat. Dieser verschanzt sich seitdem hinter einem Schuldkomplex, der es ihm nurmehr erlaubt, in einer Phantasiesprache zu kommunizieren und der von regelmäßigen Suizidversuchen bestimmt wird. Lydia ist völlig allein gelassen. Michel derweil hat seiner todkranken Frau passive Sterbehilfe geleistet, indem er ihren Freitod akzeptiert und ihr versprochen hat, die Stadt zu verlassen - nur, um dann auf die nicht minder verletzte Lydia zu stoßen. Ihr kurzes Beisammensein ist zudem geprägt vom Abschied des seltsamen Vaudeville-Tier-Dompteurs Galba (Romolo Valli).

Dieser dröge Versuch Costa-Gavras', späte Nouvelle Vague zu machen, darf als in Ehren gescheitert betrachtet werden. Der ganze Film, nebst Darstellern, basaler Ausgangslage und Dialog gleicht einer distanzierten Versuchsanordnung, die ohne Montand und Schneider, die ihn mittels ihrer Kunst faktisch allein zu tragen haben, gänzlich verloren wäre. Die Figuren, und damit meine ich nicht ausschließlich nur die Protagonisten, erschweren durch ihre charakterbedingte Distanzierung zum Alltäglichen, ihre bleierne Lebensegierung und die damit einhergehende Suhle aus Selbstmitleid und müde exponiertem Zynismus die Herstellung einer wie auch immer gearteten Beziehungsebene mit dem Zuschauer: Wer Michel und Lydia zur Gänze versteht, muss wohl selbst irgendwie des Lebens müde sein. Auch Costa-Gavras scheint kurz der vitale Funke, der seine Filme sonst auszeichnet, verlassen zu haben, als er sich entschied, inmitten seiner großen politischen Filme plötzlich dieses Zwei-Personen-Kammerspiel abzusetzen, dem es im Vergleich zu der ihn werkimmanent umgebenden Kunst des Regisseurs ausgerechnet an deren Verve, Wucht, Wut und Lebensbejahung mangelt, wobei all dies gerade hier, in dem mikrokosmisch denkbar schmalsten Herunterbruch auf das Wesentliche - die Liebesbeziehung zweier Menschen nämlich - so obligatorisch gewesen wäre.

4/10

Constantin Costa-Gavras amour fou Vaudeville Paris


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ÉTAT DE SIÈGE (Constantin Costa-Gavras/F, I, BRD 1972)


"Dead?" - "Dead."

État De Siège (Der unsichtbare Aufstand) ~ F/I/BRD 1972
Directed By: Constantin Costa-Gavras

Der für die vorgeblich technische Beratungsfirma A.I.D. in Montevideo tätige Philip Michael Santore (Yves Montand) wird unter großem Gezeter der amtierenden Militärregierung als eines von drei Zielen von der Stadtguerilla, den Tupamaros, entführt und verhört. Er soll für den erpressten Austausch politischer Gefangener herhalten. Während seiner siebentägigen Geiselhaft konfrontiert man Santore mit unumstößlichen, bewiesenen Fakten, die er zunächst vehement zu leugnen versucht: Tatsächlich ist er inoffizieller Polizei- und Militärberater, der für die US-Regierung in wechselnde lateinamerikanische Krisenherde reist, um dort die jeweilige Junta zu unterstützen und die Bildung von Todesschwadronen, die gezielt gegen revolutionäre Strömungen vorgehen, zu forcieren. Zu seinem "Lehrplan" zählen die Vermittlung brutalster Verhör- und Folterpraktiken sowie die praktische Schulung in Waffen- und Spengstoffgebrauch. Nach einigen Tagen gesteht Santore und äußert seine wahre politische Überzeugung: Dass sozialistische und kommunistische Strömungen überall auf der Welt systemzersetzend seien und mit allen Mitteln bekämpft werden müssten. Dass seine Person dabei nur ein austauschbares Zahnrädchen des sich immer weiter ausbreitenden, verselbstständigenden imperialistischen Virus von US-Banken und -Großkonzernen ist, wird ihm dabei selbst offenbar. Die Regierung geht auf die Forderungen der Tupamaros nicht ein und Santore wird exekutiert. Noch am Tage seiner Beerdigung steigt bereits sein Nachfolger aus dem Flugzeug.

"État De Siège" bildet den vorläufigen Abschluss von Costa-Gavras' Trilogie um Machtmissbrauch in repressiven Staatssystemen nach seinem Meisterwerk "Z" und dem mir zu meine größten Bedauern noch unbekannten "L'Aveu", der sich mit der Lage in der damaligen ČSSR befasst (in diesem Zusammenhang möchte ich es einmal mehr als große, ja, peinliche Schande anprangern, dass bis dato keiner von Costa-Gavras' "frühen", bis 1988 entstandenen Filmen - mit Ausnahme des unpolitischen "Clair De Femme" - trotz oftmals bundesdeutscher Produktionsbeteiligung hierzulande auf DVD erhältlich ist). In "État De Siège" (dessen Titel korrekt wahlweise als "Belagerungszustand" oder "Belagerungsstaat" übersetzt werden kann) schwenkt Costa-Gavras nach Südamerika und berichtet von dem - wiederum authentischen - Fall des in Uruguay offiziell als "Sicherheitsberaters" tätigen Daniel Anthony Mitrione, der tatsächlich im Auftrag der CIA jen- und auch diesseits der nordamerikanischen Grenzen die regierenden, faschistischen Kräfte im Kampf gegen revolutionäre Strömungen unterstützte, indem er ihnen Sonderausbildungen in Auspür- und Foltermethoden ermöglichte. Mitrione wurde von den Tupamaros gekidnappt und als Druckmittel für einen möglichen Regierungswechsel infolge antizipierter staatlicher Hilflosigkeit eingesetzt. Jener Plan schlug fehl und führte zu Mitriones Hinrichtung.
Weitaus weniger als noch "Z", der sich immerhin in Costa-Gavras' Vaterland verortete, versteht sich "État De Siège" als eindeutiges Pamphlet. Er erliegt nicht der falschen, wenngleich naheliegenden Versuchung, Santore/Mitrione als gewissenloses Monster und Projektionsfläche kapitalistischer Einflussnahme darzustellen, sondern als Opfer seines Berufsstandes, seiner fehlausgeprägten Ansichten und vor allem der unglücklichen Umstände. Dies verdankt Costa-Gavras nicht zuletzt der wiederum nuancierten Darstellung Montands, der seine Figur als einen seiner Sache selbst kaum mehr sicheren Handlanger darstellt, welcher seinen nahenden, gewaltsamen Tod mehr oder weniger akzeptiert, da er die Denkweise seiner eigenen Seite nicht nur begreift, sondern sogar entscheidend mitgeprägt hat: Ein funktionierender Militärstaat darf nicht erpressbar sein, sondern muss über personelle Kollateralschäden hinwegsehen können. Dennoch lässt der Regisseur die aus "Z" bekannte Leidenschaft auch hierin nicht vermissen: Die von einem überparteilichen, von O.E. Hasse gespielten Journalisten vorgetragenen, essayistischen Gedanken erläutern vorzüglich den großen Komplex, um den es bei alldem letzten Endes und einzig und allein geht: Einflussnahme, Fremdbestimmung, Geld. Kurz: Macht.

10/10

Constantin Costa-Gavras Uruguay CIA Südamerika Kidnapping


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NURSE 3-D (Douglas Aarniokoski/USA 2013)


"Let's start by amputating your arms."

Nurse 3-D ~ USA 2013
Directed By: Douglas Aarniokoski

Die just examinierte New Yorker Krankenschwester Danni (Katrina Bowden) lernt bei ihrem Dienstantritt die eindrucksvolle Kolegin Abby Russell (Paz de la Huerta) kennen, die sich sogleich aufopferungsvoll um Danni kümmert. Doch hinter der fürsorglichen Fassade Abbys lauert ein männerhassendes Monster: Nicht nur tötet Abby gleich in Serie untreue Familienväter, die ihren offensiven Anmachtaktiken ins Netz gehen, sie entwickelt auch eine tödliche Obsession bezüglich Danni, die sich bald in blanke Raserei verwandelt...

Das ist natürlich camp in Reinkultur, was Douglas Aarionoski hier in spektakulärer Manier unters Volk wirft. Das famose Teaser-Poster, auf dem die bis zum Hals in Kunstblut getauchte, nackte Paz de la Huerta nackt, in Seitansicht und mit Schwesternhäubchen posiert (ein zweites zeigt sie im hautengen, weißen Wachskleid auf einer riesigen Spritze reitend), tingelt ja nunmehr schon seit rund drei Jahren durchs Netz. Schon damals wusste ich, dass ich diesen Film würde sehen müssen und habe mich bewusst möglichst wenig über ihn informiert (wobei ich dies nach Möglichkeit eigentlich sowieso stets so zu handhaben versuche). Das fetischisierende Plakat verrät dann eigentlich auch das Meiste über den Film. Die mordende, in obsessiver (homosexueller) Liebe umherberserkernde Krankenschwester ist ja nicht eben ein sonderlich exklusives Genremotiv und als solches versucht der inflationär grelle "Nurse 3-D" es glücklicherweise auch gar nicht erst zu veräußern. Die wundervolle Paz de la Huerta, die gleich in mehreren Szenen ohne Höschen durchs Bild stolziert, inkarniert eine sehr selbstbewusste Erotik, die, kombiniert mit dem simpel gehaltenen Plotverlauf, durchaus ordentlich einhergeht. Judd Nelson lässt sich wieder mal blicken als eines ihrer es kaum besser verdienenden, patriarchalischen Opfer und die putzige Katrina Bowden als Unschuld vom Lande, die letztlich nicht mit Abby Russell (die ja in Wahrheit Sarah Price heißt) fertig wird, ergibt eine passende Antipodin.
Ob man "Nurse 3-D", der nun ganz bestimmt alles ist, bloß nicht intelligent oder gar subtil, eine misogyne Botschaft unterjubeln möchte, liegt wohl im Auge des Betrachters. Lass die Frauen- und Krankenswesternverbände ruhig Sturm laufen. Ich kleiner Mann empfand ihn als hübsches, pulpiges guilty pleasure, garantiert frei von bösen Absichten.

6/10

Douglas Aarniokoski femme fatale Krankenhaus Slasher Splatter Madness 3-D New York Serienmord camp


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ENEMY (Denis Villeneuve/CA, E 2013)


"Now we're even."

Enemy ~ CA/E 2013
Directed By: Denis Villeneuve

Der Geschichtsdozent Adam Bell (Jake Gyllenhaal) lebt mit seiner Freundin Mary (Mélanie Laurent) eine eher freudlose, karge Existenz, in deren Verlauf jeder Tag dem anderen gleicht. Als er bei der Betrachtung einer geliehenen Film-DVD einen Statisten entdeckt, der ihm bis aufs Haar zu gleichen scheint, wird Adam hellhörig und beginnt nachzuforschen: Anthony Claire (Jake Gyllenhaal), der in der gleichen Stadt wohnt, ist tatsächlich Adams exaktes Ebenbild. Allerdings hat Anthony eine schwangere Frau, Helen (Sarah Gadon), deren Vertrauensverhältnis zu ihrem Mann stark erschüttert scheint. Nachdem sich Adam und Anthony treffen, verlangt letzterer, für einen Abend in Adams Rolle zu schlüpfen, um mit Mary schlafen zu können. Aus dem zunächst einseitigen Arrangement wird ein Rollentausch, der Adam zu Helen führt.

Schwerlich zu entschlüssende Parabel über einen grenzdepressiven Mann, der dadurch, dass er seinem Ebenbild begegnet, in eine nochmals potenzierte Lebenskrise gerät. "Enemy" verbleibt dabei bewusst multipel interpretierbar: Möglicherweise geht es um eine gewissensbedingte Persönlichkeitsspaltung mit wahlweise unklarem oder tödlichem Ausgang; möglicherweise verhandelt der Film den psychointernen Kampf eines Mannes in der Mittlebenskrise mit sich selbst; vielleicht ist dies alles aber auch bloß prätentiöse, heiße Luft und Apologie für den für mich noch immer nicht klar einschätzbaren Villeneuve, seine Kunst in die Welt zu entlassen. In rein formaler Hinsicht berichtet "Enemy" viel über Villeneuves persönlichen Stilwillen: In vornehmlichen Gelbtönen gehalten verliebt sich die Kamera immer wieder in die bizarren Architekturen der Großstadt, die häufig ohne Fundament oder aus der Froschperspektive abgebildet werden und so als stumme, monolithische Zeugen urbaner Anonymität fungieren. Die überirdischen elektrischen Leitungen wirken wie das Netzwerk einer gigantischen Spinne, die in einer Einstellung dann auch wirklich einmal über die Stadt hinwegkrabbelt. Überhaupt die Spinnensymbolik: Sie unterteilt den Film gewissermaßen in drei Erkenntnismomente bis hin zum abgeblendeten Verschlingen(?).
Eine gewisse Ratlosigkeit bleibt jedenfalls bestehen, ebenso wie die zum jetzigen Zeitpunkt für mich noch schwierige, qualitative Einordnung.

7/10

Denis Villeneuve Surrealismus Ehe Toronto Madness Parabel


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Z (Constantin Costa-Gavras/F, ALG 1969)


"He's gone."

Z ~ F/ALG 1969
Directed By: Constantin Costa-Gavras

Der als "Doktor" (Yves Montand) bekannte, politische Führer der liberal-pazifistisch positionierten Oppositionspartei in einem namentlich nicht näher umrissenen südeuropäischen Staat, wird nach einer abendlichen Kundgebung von einem Schlagstock tödlich verletzt. Da der Attentäter sich auf der Ladefläche eines vorbeifahrenden Lieferwagens befindet und blitzschnell agiert, erfährt die Öffentlichkeit zunächst nur, dass der Doktor einem Unfall zum Opfer gefallen sein soll. Doch es gibt auch Zeugen, die es besser wissen. Jene machen ein mit dem Fall betrauter, engagierter Untersuchungsrichter (Jean-Louis Trintignant) sowie ein engagierter Journalist (Jacques Perrin) ausfindig, vor deren zunächst ungläubigem Auge sich nach und nach eine bis in höchste Polizei- und Militärkreise reichende Verschwörung entrollt. Es kommt nach einem verbissenen Kampf des Richters gegen alle möglichen, sich ihm in den Weg rollenden Steine zu Anklagen gegen beinahe sämtliche Mitverschwörer. Diese werden jedoch samtens abgeschmettert, wichtige Zeugen fallen Unfällen zum Opfer, Richter und Reporter werden verleumdet und diffamiert. Doch in den Herzen vieler Bürger heißt es weiterhin: Z - Er lebt!

"Z" dürfte der bis heute wütendste, nachhallendste linksliberale Agitprop-Spielfilm sein, der in den popkulturellen Kanon Einzug gehalten hat. Mit ihm gelangt Costa-Gavras der einmalige Brückenschlag zwischen authentischer Historie und spannendem Politthriller nebst brillanter inszenatorischer Ausgestaltung - ein in dieser Form unerreichtes Meisterwerk. "Z" beruht auf dem gleichnamigen Roman von Vassilis Vassilikos, der sich wiederum der Ereignisse um den Tod des griechischen Oppositionellen Grigoris Lambrakis annahm, eines charismatischen Linkspolitikers, der Wert darauf legte, nicht als Kommunist zu gelten, sondern öffentlich gegen Krieg, Aufrüstung und Ausbeutung und für Bildung und Fortschritt einzustehen und dessen wachsender Popularität von der rechten Regierungspartei ERE 1963 begegnete, indem sie ihn nach einer Friedenskundgebung ermorden ließ. Die Umstände um Lambrakis' Tod und die nachfolgende Untersuchung arbeitet der Film ebenso minutiös wie populistisch-tendenziös auf, ergeht sich nicht in dröger Verschwörungstheorie sondern präsentiert flammendes Unterhaltungs- und Ezählkino nicht ohne eine feine satirische Nuance. Eindrucksvoll zeichnet er dabei die Funktionsweisen heimlicher Diktaturen auf: Die öffentliche Schlachtbank, sofern sie denn überhaupt bestückt werden muss, ist für die kleinsten Getrieberädchen reserviert; dumme, bildungsferne Stammtischfanatiker, die sich wahlweise durch Bestechung oder Druckausübung politisch missbrauchen lassen. Auf der anderen Seite rückhaltlose Heldenverehrung - sollte Lambrakis zum damaligen Zeitpunkt, dem Jahrzehnt der Attentate, nicht ohnehin schon Märtyrer gewesen sein, so setzte ihm Costa-Gavras dafür mit "Z" das letztnötige, flammende Fanal.

10*/10

Constantin Costa-Gavras Verschwörung Griechenland Parabel Satire Vassilis Vassilikos


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THE CASSANDRA CROSSING (George P. Cosmatos/I, UK, BRD 1976)


"Good God, woman! Do you think I would personally send a thousand people to their deaths?"

The Cassandra Crossing (Treffpunkt Todesbrücke) ~ I/UK/BRD 1976
Directed By: George P. Cosmatos

Zwei schwedische Ökoterroristen brechen in die Genfer Zentrale der International Health Organisation ein und kommen dabei mit einem tödlichen Lungenpest-Erreger in Berührung. Während der eine (Stefano Patrizi) von ihnen gefasst werden kann und im Labor stirbt, kann der andere (Lou Castel) sich, bereits schwer gezeichnet, in den Zug nach Stockholm retten, in dem sich noch rund eintausend weitere Passagiere befinden - darunter auch der Nobelpreisträger für Medizin, Dr. Chamberlain (Richard Harris). Während der hochstehende US-Offizier Mackenzie (Burt Lancaster) bereits einen sinistren Notfallplan im Hinterkopf hat, kümmert sich Chamberlain um die bereits infizierten Fahrgäste, die sich jedoch ebenso schnell erholen, wie sie sich angesteckt haben, da das Pestvirus im Kontakt mit Sauerstoff abstirbt. Dennoch will Mackenzie kein Risiko eingehen und den Zug über eine marode Brücke hinter der polnischen Grenze schicken - und damit sämtliche Passagiere in den sicheren Tod.

Carlo Ponti hat die Schirmherrschaft über dieses vornehmlich in Cinécittá gefertigte Starvehikel nach dem Vorbild der damals grassierenden Katatrophenfilm-Welle übernommen. Mit den gigantischen Schauwerten amerikanischer Konkurrenzproduktionen wie "The Towering Inferno" kann Cosmatos' Film zwar nicht mithalten, wirkt im Direktvergleich sogar eher bescheiden, dafür fährt man ein schillerndes vip package auf, das mit seinem internationalen Glanz höchsten Besetzungsansprüchen genügt. Time for some proud namedropping then: neben den Erwähnten sind noch die Diven Sophia Loren, Ingrid Thulin, Alida Valli und Ava Gardner zu bewundern, dazu Martin Sheen, O.J. Simpson, John Phillip Law, Lionel Stander, Ann Turkel, Ray Lovelock, Renzo Palmer und sogar der greise Lee Strasberg in einer Schlüsselrolle als jüdischer Schicksalslenker. Ein personelles Rundum-Sorglos-Paket also, dem es viel Freude macht, bei seinem Ausflug in camp und pulp zuzuschauen und das natürlich den ganzen Film erst wertig macht. Ansonsten ist die haarsträubende Story um ein gefährliches und dann doch wieder ungefährliches Pestvirus und schweinische US-Militärs, verquickt mit diversen kleinen Privatschicksalen von Heroinschmuggel bis KZ-Flucht, nämlich durchsetzt von den üblichen Heulern jener Genre-Dramaturgie, die den erfolgreichen amerikanischen Mustern wiederum in nichts nachstehen. Wenn sich im Zug am Ende eine tapfere kleine Gruppe Mitreisender unter Führung von Richard Harris anschickt, gegen die bösen Soldaten in ihren weißen Schutzanzügen aufzubegehren, gibt es sogar noch ein paar bleihaltige MP-Duelle. Und auch um die innerlich herbeigesehnte Katastrophe wird man nicht beschissen; klar, die macht den Braten schließlich erst richtig fett.

7/10

George P. Cosmatos Schweiz Zug Virus Pest Ensemblefilm Polen


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WRONG TURN 6: LAST RESORT (Valeri Milev/USA 2014)


"This... is family!"

Wrong Turn 6: Last Resort ~ USA 2014
Directed By: Valeri Milev

Der New Yorker Danny (Anthony Ilott) erbt ein halbverfallenes Kurhotel bei einer thermischen Quelle inmitten der Appalachen. Nachdem Danny sich an der Börse verspekuliert und fast sein gesamtes Hab und Gut verloren hat, ein möglicher warmer Regen für den depressiven, jungen Mann. Dennoch muss Danny erst von seiner Freundin Toni (Aqueela Zoll) überredet werden, die Reise in die Provinz anzutreten. Zur moralischen Erbauung kommen gleich noch fünf weitere Freunde der beiden mit auf den Trip. Vor Ort angekommen, ändert sich Dannys trübsinnige Attitüde überraschend schnell: Er scheint auf geheimnisvolle Weise dem seltsamen Verwalter-Pärchen (Sadie Katz, Chris Jarvis) zu verfallen, entdeckt bislang ungekannte, archaische Jagdtriebe und verfolgt hochtrabende Pläne bezüglich der Zukunft des Hotels. Als er schließlich herausfindet, welch seltsame Blüten seine hier seit Jahrhunderten ansässigen Familienwurzeln getrieben haben, bleibt er erstaunlich gelassen...

Mit dem mittlerweile fünften Sequel verlässt Declan O'Brien das seit immerhin drei Filmen von ihm entscheidend mitgeprägte DTV-Franchise. Und wie sich mit Danny frisches Blut in die zunehmend derangierten Familienbande um Three Finger (Rhys Coiro), One Eye (Asen Asenov) und Sawtooth (Danko Jordanov) begibt, bekommt auch der Regiewechsel der Reihe recht gut. Im Vergleich zu seinen graphisch doch sehr "spektakulär" geratenen Vorgängern bietet "Last Resort" eine beinahe schon intime Geschichte um den dramatischen Persönlichkeitswechsel eines jungen Großstädters, der sein bisheriges Yuppie-Dasein mit in den vermüllten DNA-Pool um die kannibalischen Hillbillys trägt und so für den (auch in ökonomischer Hinsicht) familiären Fortbestand sorgt. Da die knüppelharten F/X der letzten Teile ohnehin nicht mehr getoppt werden können, konzentriert man sich auf ein charmant-exploitatives Element mitsamt Einflüssen verquerer Erotik und den nicht mehr ganz so inflationär vorgetragenen, üblichen Schlacht- und Fressorgien. Anstatt also den sich letzthin bereits andeutenden, selbstreflexiven Humor der Serie weiter auf die Spitze zu treiben und somit den aktuell typisch-referenziellen Weg zu verfolgen, versuchen der bulgarischstämmige Regisseur Valeri Milev und der bis dato als Dokumentarist in Erscheinung getretene Scriptautor Frank H. Woodward es mit einer aufrichtigen, atmosphärischen Hinwendung zum europäischen Genrekino der Siebziger. Wenngleich dieser Ansatz sich als in der Ausführung noch nicht ganz ausgereift erweist, eine dennoch begrüßenswerte Entwicklung, wie ich finde.

6/10

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