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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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DER TEUFEL IN MISS JONAS (Erwin C. Dietrich/CH 1976)


"Das könnte dir so passen, du alter, geiler Bock..."

Der Teufel in Miss Jonas ~ CH 1976
Directed By: Erwin C. Dietrich

Die dauergeile Marilyn Jonas (Christa Free) wird von einem Feme-Gericht verurteilt und flugs guillotiniert. Als sie beim Teufel (Herbert Fux) vorspricht, bemerkt dieser, dass Miss Jonas 24 Stunden zu früh vor Ort erschienen ist, darum darf sie nochmal zurück. Emsig nutzt sie die Zeit, um jeden ihrer Liebhaber (Michel Jacot, Jürg Coray, Roman Huber) nochmal durchzunehmen und im dunklen Walde mit einem maskierten Monster-Galan anzubendeln. Auch Hausmädchen Dorthe (Marianne Dupont) mischt frivol beim zeitlich beschnittenen Reigen mit.

So richtig explizite Pornographie war ja des Erwin C. Dietrichs Sache nie, aber er ließ sich ebenso wenig lumpen, wenn es an Schlüpfrigkeit gerade eben noch "zulässig" war. So arbeitete sich Dietrich, unter steter Beachtung der "Zehn-Finger-Regel" (alle zehn bzw. elf Finger müssen zu sehen sein; keiner darf sich irgendwo verstecken, der Koitus ist gestellt) so weit als möglich vor: Breitbeinige Damen aus entlarvender Perspektive abgefilmt, [(stark) behaarte] Vaginas in Großaufnahme, hier und da auch mal ein schlaffer Penis, huch. Im Grunde ist all das natürlich genau so verlogen und gehemmt wie eine Marion Michael im Lendenschurz, aber was soll's. Dietrich hat lange Jahre unverwüstlich sein Ding durchgezogen und es ist ja auch manch Gutes dabei herausgekommen. "Der Teufel in Miss Jonas" zählt allerdings nicht dazu. Als deutschsprachiges Remake des berühmten Damiano-Pornos "The Devil In Miss Jones" hat das Ding zwar seine paar obskuren Momente, nimmt sich en gros jedoch verfickt langweilig aus.
Da ich nicht auf dralle Frauen stehe, kamen die nudistischen Schauwerte für mich sowieso erst mit der verspätet antretenden Marianne Dupont ins Spiel. Christa Free ist auch sonst so gar nicht mein Fall, besonders und erst recht dann nicht, wenn sie sich von ihrem Massagegurt durchschwabbeln lässt. Ferner fragwürdig, wieso ein beleibter, alter Sack wie Jürg Coray für Sexszenen herangezogen werden musste. Der immer wieder gesichtstransparent eingeschobene (und kommentierende) Herbert Fux schließlich saugt auch das letzte Fünkchen Erotik aus der Kurve, womit "Der Teufel In Miss Jonas" seine Mission zu erregen dann vollends vergeigt.
Immer wieder erstaunlich derweil die Synchronprominenz, die sich ehedem auch für solcherlei Schmier zur Verfügung stellte: Beate Hasenau, Thomas Danneberg, Andreas Mannkopff und Gerd "Ernie auf Abwegen" Duwner stammeln einen verquasten Nonsens daher, dass man nurmehr bass staunen kann. Für Dietrich-Apologeten und solche, die es werden wollen, sicherlich verpflichtend, alle anderen mögen getrost verzichten.

3/10

Erwin C. Dietrich Teufel Hölle Traum Sleaze


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LONG HU DOU (Wang Yu/HK 1970)


Zitat entfällt.

Long Hu Dou (Wang Yu - Sein Schlag war tödlich) ~ HK 1970
Directed By: Wang Yu

Der hundsföttische Ganove Diao Erh-ye (Chao Hsiung) lässt sich etwas Besonderes einfallen, um die Kontrolle über eine chinesische Kleinstadt zu übernehmen: Erst erledigt er mithilfe dreier japanischer Schergen (u.a. Lo Lieh) das vornehmlichste Hindernis, nämlich den Kung-Fu-Lehrer Li (Fang Mieng) und dessen Schülerschaft und eröffnet danach ein Spielcasino, in dem die vergnügungssüchtigen Bürger gepflegt zur Kasse gebeten werden. Doch die Attacke auf Meister Lis Schule hat jemand - wenn auch schwer verletzt - überlebt: Wang Yu (Wang Yu). Um mit den Karate-Techniken der Japaner mithalten zu können, trainiert Wang Yu verbissen und verwandelt seine Hände in schmerzunempfindliche Todeswaffen. Danach tilgt er die böse Brut in einer beispiellosen Racheaktion vom Planeten.

Das macht Freude, das bringt Spaß: Wenngleich "Long Hu Dou" den imposanten Ruf bekleidet, einer der ersten wirklich bedrohlichen, fernöstlichen Feinde bundesdeutscher Zensur geworden zu sein, sind seine moralische Geisteshaltung und vor allem deren Veräußerung in etwa mit denen eines Vierjährigen zu vergleichen. Es gibt die Guten und die Bösen, die sich durch entsprechendes Gebahren eindeutig voneinander unterscheiden und mehr braucht es auch gar nicht. Der Rest manifestiert sich in inflationärem, stets schön zu betrachtendem Gekloppe, das hier und da zwar nicht mit grellrotem Kunstblut geizt, ganz besonders gut jedoch veranschaulicht, über welche Kindergeburtstagsfeiern sich früher noch hocherrötend ereifert werden musste. Schön auch zu verfolgen, wie Wang Yu im deutschen Sprachraum als Markenname vom Schlage Bruce Lees etabliert werden sollte: Er erscheint im Titel, nimmt Regie und Protagonisteninterpretation für sich in Anspruch und behält der Einfachheit halber in der (alten) deutschen Synchronfassung gleich noch seinen Namen. Wie so häufig im Falle der alten Shaw-Prügel sollte diese sich nicht gemisst finden: Elmar Wepper, Christian Marschall, Hartmut Neugebauer - das sind Stimmen, deren Wandel auf dem schmalen Grat zwischen höchster Eleganz und veritablem Schmier noch heute immens verzücken!
Falls es (außer mir) wen interessiert: ich habe mir wegen des hier in vielerlei Hinsicht erfahrenen Spaßfaktors übrigens vorgenommen, im Laufe der nächsten Wochen viel mehr classic martial arts aufzufrischen und neu zu entdecken. Mal sehen, wie lange ich durchhalte...

8/10

Wang Yu Shaw Bros. China Duell Rache


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HIDDEN AGENDA (Ken Loach/UK 1990)


"God, you people are living in the dark ages."

Hidden Agenda (Das Geheimprotokoll) ~ UK 1990
Directed By: Ken Loach

Belfast in den frühen Achtzigern: Die beiden US-Menschenrechtsaktivisten Paul Sullivan (Brad Dourif) und Ingrid Jessner (Frances McDormand) sind vor Ort, um den Wahrheitsgehalt der Aussagen vormaliger politischer Gefangener der IRA zu überprüfen. Als der abtrünnige britische Agent Harris (Maurice Roëves) zu Paul Kontakt aufnimmt, wird dieser zusammen mit Harris' Kontaktmann ermordet. Die Polizei verschleiert die Tat und deklariert sie als Attentat der IRA. Gemeinsam mit dem aus England eingeflogenen, ermittelnden Polizisten Kerrigan (Brian Cox) stößt Ingrid auf die Existenz einer Cassette, die Harris dereinst aufgezeichnet hat und auf der eine Diskussion hoher Machtvertreter und Militärs darüber zu hören ist, wie die Regierungsübernahme durch die Tories unter Margaret Thatcher von Nordirland aus gezielt flankiert werden kann. Als Kerrigan in Kenntnis über die Wahrheit gerät, setzt man ihn gezielt unter Druck. Ingrid jedoch lässt sich nicht beirren.

Starkes, linkes Politkino von Ken Loach, der mit "Hidden Agenda" sehr in Richtung Costa-Gavras schielt. Natürlich ist Loachs Interpretation der Ereignisse rund um den Norirland-Konflikt eine ebenso komplexitätsreduzierte wie populistische. Der latent schwelende Krieg rund um Dublin wird als notwendige anti-imperialistische Maßnahme der Nordiren gewertet, als Kolonialkonflikt, der dazu angetan ist, die Besatzer von der Nachbarinsel mittelfristig aus dem Areal zu vertreiben und zur Republikwerdung zu führen. Loach unterstreicht dieses ebenso simple wie klare Statement mittels eines gescheiten Kniffs: Nordirland wird von den Machthabern in der Downing Street lediglich als Machtstütze missbraucht. Tatsächlich ist eine versteckte Vitalisierung oder gar Provokation terroristischer Aktionen durch die Besetzten sogar im Interesse der britischen Regierung: Politische Märtyrer machen sich gut als zweckdienliche Faktoren für Öffentlichkeitsarbeit.
Kein unbedingtes formales Schmankerl, dafür ein beherztes, intelligentes Stück filmischen Protests. Und wie packend kann ein solches zum rechten Zeitpunkt sein.

8/10

Ken Loach period piece Nordirland Irland Belfast Dublin Verschwörung Nordirland-Konflikt


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SETTE NOTE IN NERO (Lucio Fulci/I 1977)


Zitat entfällt.

Sette Note In Nero (Die sieben schwarzen Noten) ~ I 1977
Directed By: Lucio Fulci

Die übersinnlich begabte Virginia (Jennifer O'Neill) glaubt, im Zuge einer Vision ein Jahre zuvor geschehenes Verbrechen entdeckt zu haben. Tatsächlich findet sie hinter einer Wand im leerstehenden Landhaus ihres Gatten Francesco (Gianni Garko) die eingemauerte, mittlerweile skelettierte Leiche einer jungen Frau. Mit Virginias ursprünglicher Annahme deckt sich dieser Fund jedoch nicht: In ihrer Vision sieht sie eine alte, sterbende Dame und das Zimmer des Leichenfundes sieht exakt so aus wie in der Gegenwart. Mithilfe des Parapsychologen Luca (Marc Porel) erkennt Virginia nach und nach die Wahrheit: Den vergangenen Mord hat sie lediglich durch Zufall entdeckt, was sie tatsächlich sah, war die Zukunft...

In "Sette Note In Nero" laufen kreative Kräfte zusammen, die Fulcis vorletzten Film vor seinem zweiten Frühling als Splatter-Maestro (danach kam noch der Spätwestern "Sella D'Argento") zu einem, wenn auch vergleichsweise spät entstandenen Hauptwerk des Giallo machen: Sein Team bestand unter anderem aus Dardano Sacchetti (Co-Script), Sergio Salvati (dp) und Fabio Frizzi, dessen unvergessliche, titelgebende "sieben Noten" dem Film einen motivischen Dreh- und Angelpunkt verleihen und ihn ganz nebenbei zu einer wunderbaren Poe-Hommage verhelfen. Ohne den inflationären Gebrauch blutiger Details, wie er bei dem Kollegen Argento bereits Usus war, gelang es Fulci, ein höchst atmosphärisches Werk zu fertigen, dessen Storywendungen, so man bereit ist, deren immanente PSI-Elemente als ihren wesentlichen Bestandteil zu akzeptieren, sich nicht nur schlüssig, sondern darüberhinaus sogar zwingend gestalten. Die überaus sorgfältige Inszenierung in Kombination mit der gekonnten Bildsprache lassen bis ins Detail höchste Könnerschaft erkennen. Einer der schönsten Filme des Regisseurs, dem man, ein kleines, wenngleich völlig verdientes Wunder, just sogar eine gelungene Erstsynchronisation nebst auch sonst durchweg erfreulicher Veröffentlichung zuteil werden ließ. Wiederum ein Schule machendes Beispiel für die überfällige, hiesige Neuentdeckung der alten Meister. Bleibt dringlichst zu hoffen, dass in äquivalenter Form bald noch "Lizard" und "Duckling" nachfolgen.

8/10

Lucio Fulci Toskana Siena Giallo


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MAPS TO THE STARS (David Cronenberg/CA, USA, D, F 2014)


"On the stairs of Death I write your name, Liberty."

Maps To The Stars ~ CA/USA/D/F 2014
Directed By: David Cronenberg

Nach langen Therapiejahren am anderen Ende des Landes kehrt die brandnarbige Agatha Weiss (Mia Wasikowska) nach Kalifornien zurück. Sie hatte dereinst das Haus ihrer Familie niedergebrannt, weshalb sowohl ihr jüngerer Bruder Benjie (Evan Bird) als auch ihre Eltern Stafford (John Cusack) und Christina (Olivia Williams) sie vorläufig lieber nicht in ihrer Nähe sähen, zumal die Weisses noch unter anderen schwelenden Nöten, die diametral zu ihrer glamourösen Hollywood-Existenz stehen, leiden. Benjie, ein Kinderstar, leidet mit seinen dreizehn Jahren bereits unter mehr Süchten, Neurosen und Allüren als viele seiner erwachsenen Kollegen, Stafford ist ein renommierter Psychologe, der unter anderem die traumatisierte, unter Halluzinationen leidende Schauspielerin Havana Segrand (Julianne Moore) behandelt, Christina leidet unter schweren Depressionen. Der Schmelztiegel des Irrsinns droht überzulaufen.

Dass David Cronenberg als derzeit heißester Aspirant bezeichnet werden muss, die sardonischen Milieu-Vivisektionen eines Bret Easton Ellis in all ihrer analytischen Tragweite verlustfrei in Filmform zu transponieren, stellt er nach "Cosmopolis" neuerlich unter Beweis. Dabei berufen sich seine Quellen gar nicht auf Ellis, sondern, im vormaligen Falle, auf Don DeLillo und betreffs "Maps To The Stars" auf den hierzulande faktisch leider unbekannten Hollywood-Karikaturisten Bruce Wagner. Hier hat man augenscheinlich ein immenses Maß an philologischer Verwandtschaft, die die Kehrseiten sozialer Grandezza als ein albtraumhaftes Kaleidoskop psychischer Störungen und verschleppter, generationenumfassender Traumata herausarbeitet. Eine Zusammenarbeit zwischen Cronenberg und Ellis wäre somit eigentlich nicht nur konsequent, sondern höchst wünschenswert.
Wie dem auch sei; "Maps To The Stars" genehmigt sich als Poptpourri dysfunktionaler Zwischenmenschlichkeiten im verführerisch schimmernden Los Angeles die Aufrechterhaltung einer gepflegten cineastischen Tradition: nach "Short Cuts", "Magnolia" und "Crash", um nur die augenfälligsten zu nennen, geht es wieder einmal in den sunshine state, der eigentlich doch desolation state heißen müsste. Julianne Moore ist auch hierin als Mutter aller Nervenzusammenbrüche zu durchleiden, was ja allein schon einen gewissen Wert bekleidet. Doch auch der Rest überzeugt: so scharfkantig geschrieben und bald röntgenstrahlartig durchschauend habe ich jedenfalls schon länger keine Gesellschaftssatire mehr wahrgenommen. Wenigstens seit "Cosmopolis" nicht. Am Ende bleibt dann abermals die bewusste Erkenntnis: Es gibt keine Stars, nur die Sterne am Himmel. Und, im Zweifelsfalle, ein paar bedauernswerte Mitmenschen, irgendwo.

9/10

David Cronenberg Familie Bruder & Schwester Satire Hollywood Madness Drogen Inzest Ensemblefilm Los Angeles


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THE SALVATION (Kristian Levring/DK, S, UK, SA, B 2014)


"No, please don't!"

The Salvation ~ DK/S/UK/SA/B 2014
Directed By: Kristian Levring

Der mittlere Westen, 1871: Nach sieben Jahren des Existenzaufbaus holt der dänische Emigrant Jon (Mad Mikkelsen) Frau (Nanna Øland Fabricius) und Sohn (Toke Lars Bjarke) nach auf seine kleine Farm. Doch kaum, dass sie angekommen ist, wird Jons kleine Familie auch schon von zwei in der selben Postkutsche fahrenden Halsabschneidern ermordet. Jons Rache folgt auf dem Fuße, doch einer der beiden Lumpen ist der jüngere Bruder des hiesigen Gangsters Dealrue (Jeffrey Dean Morgan), der die Kleinstadt Black Creek unter seinem Daumen hat. Delarue lässt sich Jon ausliefern, der jedoch mithilfe seines Bruders Peter (Mikael Persbrandt) wieder entkommen kann. Als Delarue auch noch Peter auf sein Gewissen lädt, gibt es für Jon nur noch den reinen Tisch.

Da im Western sowieso alles längst gesagt ist, zählt nurmehr die Präsentation. Selbige kann man betreffs "The Salvation" als weithin gelungen bezeichnen: Zwar wurde in Südafrika gefilmt, was der Authentizität der Bilder jedoch keinesfalls abträglich ist. Die Motive der Handlungsblaupause entpuppen sich als Gemengelage etlicher Klassiker des Genres, die für Inhalt ("Last Train From Gun Hill") sowie Form ("C'Era Una Volta Il West") Pate zu stehen hatten. "The Salvation", der die alte Tradition von im Heimatland des Western angesiedelten Non-US-Western wieder aufgreift, lässt sich somit als Lobpreisung des Genres betrachten, der ein beeindruckter Filmemacher einen schönen Tribut zollen möchte, was ihm dann auch recht ordentlich gelingt. Der Illusion, innovatives Kino machen zu können, gibt sich Levring dabei gar nicht erst hin, sondern beschreitet seine ausgetrampelten Pfade mit hochglänzenden Stiefeln nebst glattpolierten Sporen. Daran ist nichts Verwerfliches.

7/10

Kristian Levring Rache Duell Kleinstadt


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INSOMNIA (Erik Skjoldbjærg/NO 1997)


Zitat entfällt.

Insomnia (Todesschlaf) ~ NO 1997
Directed By: Erik Skjoldbjærg

Der für seine Hatnäckigkeit bekannte schwedische Kriminalkommissar Jonas Engström (Stellan Skarsgård) wird in Norwegen angefordert, um den Mord an einer Schülerin aufzuklären. Jenseits des Polarkreises scheint derzeit die Mitternachtssonne; es wird nicht dunkel, was Engström den Schlaf raubt. Zusammen mit seinem Partner Erik Vik (Sverre Anker Ousdal) begibt er sich dennoch unverzüglich an die Tätersuche, die sich eigentlich rasch abschließen ließe, jedoch durch unbedachtes Vorgehen seitens Engströms in einer Katastrophe endet: Im dichten Nebel erschießt Engström Vik, der eigentliche Mörder kann entkommen. Engström, dessen Renommee bereits wegen einer länger zurück liegenden "Unpässlichkeit" angekratzt ist, schiebt seinen tödlichen Faux-pas dem Gesuchten zu, fälscht Beweise und Spuren und torpediert dadurch gezielt die Ermittlungen, um seine Lügen zu verschleiern. Der ursprüngliche Mörder indes, der arrivierte Autor Jon Holt (Bjørn Floberg) instrumentalisiert den zunehmend übernächtigten Engström, um selbst nicht überführt zu werden.

Mit dem Psychogramm eines Polizisten, dessen moralische Verwahrlosung mindestens so fortgeschritten ist wie die des von ihm gesuchten Mörders, ist Erik Skjoldbjærg vermittels ausgekühlter Bilder einer der beeindruckendsten skandinavischen Thriller der letzten Jahrzehnte gelungen. Wo in der nordischen Kriminalliteratur wie auch im Film die Beamten zumeist zwar in irgendeiner Form angegriffene, aber integre Ermittler sind, die sich als Identifikationsfigur für den Rezipienten hervorragend eignen, bekommt man in der Person Jonas Engströms deren erklärtes Schatten-Pendant vorgestellt, einen, der ausnahmsweise garantiert nicht fortsetzungstauglich ist. Skarsgård verkörpert diesen Noir-Typus mit grimmiger Verzweiflung, in der sich auf verhängnisvolle Weise Inkompetenz und Gewissenlosigkeit vermengen. Engströms Antagonist Holt ist auf seine Weise zwar ein arroganter Widerling; immerhin steht dieser jedoch zu seinen Obsessionen und gewissermaßen sogar zu seiner Natur. Im Laufe der Geschichte kristallisiert sich Engström dann als der Schlimmere der beiden heraus; als nicht minder paraphil veranlagter, gewissenloser Kartenzinker, für den die Erlösung ausbleibt und es kein Zurück aus der Pesthölle des Gewissens gibt.

9/10

Erik Skjoldbjærg Norwegen Madness Duell


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GOOD MORNING, VIETNAM (Barry Levinson/USA 1987)


"Hey, this is not a test. This is rock and roll!"

Good Morning, Vietnam ~ USA 1987
Directed By: Barry Levinson

Im Sommer 1965 kommt der AFRS-Radio-DJ Adrian Cronauer (Robin Williams) geradewegs aus Griechenland in Saigon an. Er soll den eher bieder geführten, lokalen Militär-Radiosender für die G.I.s durch seine sowohl von brachialer Wortkomik als auch von erlesenem Musikgeschmack geprägten Shows aufwerten. Während das vornehmlich im Feld befindliche Publikum seine Moderationen liebt und seine Shows zum wahren "Soundtrack des Krieges" avancieren, ist Cronauer seinen Vorgesetzten Dickerson (J.T. Walsh) und Hauk (Bruno Kirby) mit seinen oftmals bissigen Parodien ein Dorn im Auge: Cronauer setzt sich über Nachrichtenzensur hinweg, verballhornt gnadenlos die US-Außenpolitik nebst deren Vertreter und gilt Teilen der Kommandatur daher bald als subversives Element in den eigenen Reihen. Als sich Cronauers einheimischer Freund Tuan (Tung Thanh Tran) als antiamerikanischer Terrorist entpuppt, hat Dickerson endlich sein finales Alibi dafür gefunden, Cronauer abzusetzen.

Unter den vielen Vietnamkriegsfilmen der dritten Welle, die in der zweiten Hälfte der Achtziger durch die Kinos schwappte, nimmt "Good Morning, Vietnam" eine Sonderstellung ein. Er verzichtet fast gänzlich darauf, US-Militärs bei Kampfhandlungen zu zeigen sondern schildert vielmehr den perversen Normalzustand einer Großstadt, in der eine überseeische Invasionsmacht sich anschickt, Weltpolizei zu spielen und sich in die internen Belange einer Nation am anderen Ende der Welt einzumischen. Erst durch Robin Williams in seiner authentischen Rolle des tatsächlichen Airman Adrian Cronauer, der mit seinem improvisierten Schallgeschwindigkeitsgeschnatter das personelle und moralische Zentrum des Films bekleidet, erreichte Levinsons fünfte Kino-Regie allerdings ihren so spezifischen Auftritt. Jene Mischung aus manischem Humor auf der einen und verzweifelter Betrübnis auf der anderen Seite kennzeichnet Williams' künftiges Œuvre wie keine andere seiner darstellerischen Facetten und war zugleich wohl auch tragisches Abbild seiner realen Identität. Davon profitiert "Good Morning, Vietnam" einerseits beträchtlich, bezieht aus dieser Windrichtung jedoch gleichfalls manche Pathosschwelle.
Wie aus "Diner" gewohnt, stellt sich der Einsatz zeitgenössischer Songs sowohl in qualitativer wie quantitativer Hinsicht als eines der Herzelemente des Gesamtwerks da - James Bowns "I Got You (I Feel Good)" und ganz besonders Louis Armstrongs "What A Wonderful World" etwa erlebten durch "Good Morning, Vietnam" jeweils eine Renaissance, die ihre ursprünglichen Erfolgsgeschichten sogar noch überstrahlte. Im Falle des Satchmo-Titels ist diese Anekdote besonders komisch: Der Song wurde 1967 aufgenommen, zwei Jahre also, nachdem die Ereignisse des Films sich ansiedeln.

8/10

Barry Levinson Musik Biopic Vietnam Saigon Vietnamkrieg period piece Freundschaft Terrorismus Militär


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DINER (Barry Levinson/USA 1982)


"The only hand on your pecker is going to be your own!"

Diner (American Diner) ~ USA 1962
Directed By: Barry Levinson

Baltimore, 1959: Sechs Freunde stehen an der Schwelle zum Erwachsenwerden oder haben diese bereits überschritten. Eddie (Steve Guttenberg) steht kurz vor seiner Hochzeit, kann sich aber noch nicht recht entschließen, jenen finalen Schritt zu wagen; Shrevie (Daniel Stern) ist bereits mit Beth (Ellen Barkin) verheiratet, doch in ihrer Ehe kriselt es bereits; Boogie (Mickey Rourke) schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben und verwettet jeden verdienten Dollar; Fenwick (Kevin Bacon) leidet unter den für ihn uneinlösbaren Erwartungen seiner Familie und hat ein Alkoholproblem, Billy (Tim Daly) studiert bereits und ist gerade dabei, Vater eines unehelichen Kindes zu werden und Modell (Paul Reiser) lässt sich gern einladen, um nicht als bettelnder Schnorrer dazustehen.

Eine straighte Geschichte gibt es in Barry Levinsons schönem Regiedebüt nicht; vielmehr verflicht er die autobiographisch gefärbten Segmente mit gehörigem Zeitkolorit etwa in Form eines sorfältig kompilierten Soundtracks zu einem wiederum dicht verwobenen Ganzen, das Bestand hat als Porträt seiner Jugend und Stadt. "Diner" wird sich später zudem als erster Film seines bis dato vierteiligen "Baltimore-Zyklus" im cineastischen Bewusstsein verankern. Da in der neuenglischen Metropole noch vieles aussieht wie ano dunnemals benötigt Levinson lediglich ein paar alte Autos als Requisiten; das titelspendende Restaurant, Dreh- und Angelpunkt des Sextetts, war zum Drehzeitpunkt des Films noch existent und konnte praktisch unmodifiziert genutzt werden. So atmet "Diner" trotz eines verbrieft geringen Budgets und seiner besonders im entstehungszeitlichen Kontext intimen Art der Darbietung den Hauch großen Kinos. Rückblickend sorgt dafür natürlich auch die aus damals noch unbekannten Nachwüchslern bestehende Gardebesetzung, worunter insbesondere Mickey Rourke, dessen Boogie ohnehin als heimliche Hauptfigur des Geschehens durchgeht, bereits Zeugnis seiner unbestrittenen Klasse ablegt. Ein Liebhaberstück.

8/10

Barry Levinson Freundschaft Ehe period piece Baltimore ethnics Coming of Age Winter


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DIE GELIEBTEN SCHWESTERN (Dominik Graf/D, AU, CH 2014)


"Sie haben die falsche Schöne begrüßt."

Die geliebten Schwestern ~ D/AU/CH 2014
Directed By: Dominik Graf

1788 begegnet der junge Friedrich Schiller (Florian Stetter) in Weimar erstmals seine zukünftige Gattin Charlotte von Lengefeld (Henriette Confurius), die gerade in Erziehungsfragen bei der Familienfreundin Charlotte von Stein (Maja Maranov) weilt. Bei einem späteren Besuch in ihrer Heimat Rudolstadt lernt Schiller dann auch Charlotte ältere, bereits in einer "Vernunftehe" situierte Schwester Caroline (Hannah Herzsprung) kennen und verliebt sich gleichermaßen in sie. Die Dreiecksbeziehung hält sich zunächst und bleibt selbst über Schillers Eheschließung mit Charlotte hinaus beständig. Als das Paar jedoch das erste Kind zur Welt bringt, kommt es zwischen den Schwestern zum Zerwürfnis, zumal offenbar bald auch Caroline ein Kind von Schiller erwartet. Erst wenige Monate vor dem Tod des großen Dichters findet die Familie wieder zusammen.

Mutter von Lengefeld (Claudia Messner) und ihre beiden Töchter waren, so suggeriert der Film mit der Stimme des Freundes Wilhelm von Wolzogen (Ronald Zehrfeld), ein familiär verwurzeltes Frauen-Triumvirat, das lebte, um seine Männer zu überleben. Am Ende, nach rund sechzehn Jahren erzählter Zeit, ist die Ausgangslage wieder erreicht: Die drei Frauen sind mitsamt ihren mittlerweile geborenen Kindern wieder zurück in die feimistische Dreieinigkeit zurückgekehrt. Ohne sich allzu sklavisch an historische Fakten zu klammern - auktoriale Kommentare zum zeitlich komprimierten Werdegang der Protagonisten streut Graf selbst in regelmäßigen Abständen ein - interessiert sich der Regisseur vor allem für das aufklärerisch gefärbte Leben der beiden Schwestern von Lengefeld: Beide verweigern sich den recht streng gefassten, gesellschaftlichen Konventionen und Normen von Stand und Zeit; besonders Caroline schwelgt in selbstgewählter Promiskuität und persönlichen Lebensentscheidungen. Sie schreibt erfolgreich einen Fortsetzungsroman unter Pseudonym, bringt ihr uneheliches Kind zur Welt und ringt die Scheidung von ihrem ersten, ungeliebten Ehemann von Beulwitz (Andreas Pietschmann), den sie dereinst lediglich heiratete, um den Tod des Vaters wirtschaftlich abzufedern.
Graf gelingt somit ein ansehnliches Zeit- und Sittengemälde mit einigen charmanten Regieeinfällen, das in seiner präferierten Schnittfassung eine stattliche Laufzeit erreicht. Dennoch muss ich den "geliebten Schwestern" bescheinigen, die immanente Spannung vieler in den letzten Jahren vornehmlich fürs Fernsehen und dazumal auch fürs Kino entstandenen Werke nicht zu erreichen. Dafür ist der Film dann hier und da vielleicht doch zu gesetzt, etwas zu zufrieden mit sich selbst.

7/10

Dominik Graf Historie Biopic period piece amour fou Ehe Literatur Bohème Sittengemälde