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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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THE ILLUSTRATED MAN (Jack Smight/USA 1969)


"Don't you ever call them tattoos!"

The Illustrated Man (Der Tätowierte) ~ USA 1969
Directed By: Jack Smight

Während der Depressionszeit treffen sich zwei umherreisende Wanderer an einem abgelegen See in der Wildnis: Willie (Robert Drivas), der jüngere der beiden, ist auf dem Weg nach Kaifornien, wo Arbeit auf ihn wartet, Carl (Rod Steiger), der ältere, ein Zirkusarbeiter, ist auf der Suche nach einem mysteriösen Haus, das von einer Dame (Claire Bloom) bewohnt werden soll, die ihm einst binnen einer einzigen Nacht den gesamten Körper halsabwärts tätowiert hat. Doch sind dies keine gewöhnlichen Bilder: Betrachtet man sie länger, blickt man in die Zukunft und kann sogar seinen eigenen Tod sehen. Fasziniert beschaut sich Willie drei von Carls Zeichnungen und erblickt Absonderliches, das sich dereinst in fernen Jahren zutragen soll: 1.) Ein Ehepaar (Rod Steiger, Claire Bloom), das sich Sorgen macht wegen der zunehmend vielen Zeit, die seine zwei Kinder (Tim Weldon, Christine Matchett) in virtuellen Realitäten verbringen, wird von selbigen in deren Lieblings-Spielillusion gelockt, eine originalgetreue Kopie der afrikanischen Savanne, in der hungrige Löwen umherziehen... 2.) Vier Astronauten (Rod Steiger, Robert Drivas, Don Dubbins, Jason Evers) sind auf der Venus abgestürzt, auf der es unaufhörlich wie aus Eimern regnet. Auf der Suche nach einer von mehreren dort installierten 'Sonnenkuppeln', die Licht, Trockenheit und Wärme bieten, fallen drei der Gestrandeten dem Wahnsinn anheim. 3.) Ein idyllisch lebendes Ehepaar (Rod Steiger, Claire Bloom) erfährt, dass in der folgenden Nacht die Welt aufhören soll zu existieren - eine große Gruppe von Hellsehern hatte durchweg denselben, apokalyptischen Traum. Für die Kinder, die das Schreckliche nicht miterleben sollen, bekommen alle Familienväter 'Einschläferungspillen' mit nach Haus. Am nächsten Morgen stellen die Erwachsenen fest, dass die Prophezeiung falsch war - die Kinder jedoch haben ihre Dosis erhalten... Entsetzt sieht Willie schließlich auch seinen eigenen Tod: Carl wird ihn erwürgen. Um ihm zuvor zu kommen, versucht Willie, Carl mit einem Stein zu erschlagen...

Ray Bradbury selbst hasste diesen Film dem Vernehmen nach sehr - warum allerdings, das finde ich reichlich unverständlich. Gut, wenn jemanden das Recht auf Kritik an Literaturadaptionen obliegt, dann wohl primär dem Urheber der Vorlage. Ich als deren Student jedoch mag beide(s). Während allerdings die zugrunde liegende Anthologie inklusive der Rahmenstory ganze neunzehn Geschichten teils unterschiedlichster Stimmung und Konsequenz beinhaltet, fanden davon nur vier ihren Weg in Smights Verfilmung, jene jedoch in derart liebevoll-unspektakulärer Art umgesetzt, dass ich Bradburys ablehnende Haltung noch umso verwunderlicher finde. Steiger, Bloom und Drivas führen als Leitpersonal durch fast alle Episoden, wobei insbesondere Steigers Leistung wieder einmal als exorbitant eingestuft werden muss. Die dystopischen Settings finden ihren Platz ohne großen Aufhebens; ob zukünftiger Haushalt, Planet Venus oder Sonnenkuppel - alles wirkt funktional und unmanieristisch, entgegen den meisten Pop-Visionen der Zeit. Jerry Goldsmiths wie immer fabelhafter Score verleiht dem Ganzen den letzten Schliff. Sehenswert, bitteschön.

8/10

Jack Smight Ray Bradbury Great Depression Episodenfilm Dystopie Raumfahrt Wisconsin Zukunft


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ALICE, SWEET ALICE (Alfred Sole/USA 1976)


"Where are you going?" - "None of your business, fatso."

Alice, Sweet Alice (Communion - Messe des Grauens) ~ USA 1976
Directed By: Alfred Sole

Zwei Schwestern, die eine, Karen (Brooke Shields) ein braves Zuckermäuschen, Alice (Paula Sheppard), die andere, ein fieses Biest, die darunter leidet, dass die Eltern sich getrennt haben und den Frust darüber, dass die Mutter (Linda Miller) ihre Liebe ziemlich ungleich verteilt, nur allzu gern an der jüngeren Karen auslässt. Ausgerechnet am Tage ihrer Erstkommunion wird Karen dann grausamst in der Kirche erdrosselt. Und es bleibt nicht bei diesem einen Vorfall: Tante Annie (Jane Lowry) wird mit einem Fleischermesser attackiert, Alices Vater (Miles McMaster) und der dicke Vermieter Mr. Alphonso (Alphonso DeNoble) werden ermordet. Doch die anfangs verdächtigte Alice scheidet wegen wasserfester Alibis aus. Wer also verbirgt sich unter Hexenmaske und gelbem Regenparka?

Im Gefolge von Romeros "Martin" eine weitere Studie um Vorstadt-Puritanismus, Irrsinn und Bigotterie. New Jersey schaut zwar nicht ganz so neoindustriell-schäbig aus der Wäsche wie Pittsburgh, schräge Figuren wie die hysterische Tante oder der fette Alphonso mit riesigem Pissfleck in der Haushose jedoch sorgen bereits ohnedies für eine konstant wenig heimelige Stimmung in der Gegend.
Alfred Soles Erzählung allerdings fällt im Vergleich zu seinem inszenatorischen Talent bezüglich Stimmungen und Gesichtern etwas ab. Eine im Prinzip sicher gelegte Fährte im Hinblick auf die Übeltäterin erweist sich als falsch, dafür wird zum letzten Drittel urplötzlich eine ganz unerwartete Person mit recht fadenscheiniger Motivation als Mordseele aus dem Hut gezogen. Außerdem ist der Film gut zehn Minuten zu lang, was seine vielen positiv zu wertenden Facetten allzu sehr unnötig in den Hintergrund drängt. Ansonsten aber ein brauchbares Stück blutigen Thrills für den willfährigen 70er-Genre-Chronisten.

6/10

New Jersey Kirche Familie Schwestern Madness Slasher


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OVER THE EDGE (Jonathan Kaplan/USA 1979)


"Man, I'm through with LSD."

Over The Edge (Wut im Bauch) ~ USA 1979
Directed By: Jonathan Kaplan

Im Trabantenort 'New Granada' treibt die Stadtflucht faule Blüten: Als eine Handvoll Jungfamilien hierher zieht, in ein um steten Zuwachs bemühtes, durchgeplantes Reihenhaus-"Paradies" mitten im Nirgendwo von Colorado, entkommt man zwar vermeintlich dem urbanen Stress, ignoriert jedoch die brodelnden Energien der sich zusammenrottenden Teenager. Diese vertreiben sich die überkochende Zeit mit Nichtstun, abgeschoben in ein kärgliches Jugendzentrum, herumlungernd, mit Drogen und zunehmend delinquenten Spielchen, die vom bösen Streich bis hin zur offenen Kriminalität reichen. Die paar Polizisten sind mit den Kids hoffnungslos überfordert, ebenso wie die ratlosen Eltern. Als der flüchtende Richie (Matt Dillon) von dem übereifrigen Cop Doberman (Harry Northup) erschossen wird, kommt es zu einer offenen Revolte Jung gegen Alt.

Mit "Over The Edge" schuf Corman-Zögling Jonathan Kaplan inmitten der um diese Zeit brodelnden 'Juvenile-Delinquent'-Welle ein weiteres Meisterwerk, das im Gegensatz zu den vergleichsweise aktionistischen Klassikern "Saturday Night Fever" oder "The Warriors" weniger mit urbanen Subkulturen befasste, sondern mit der vergessenen Provinzjugend, eben jenen Kids, die die 'scenes' im Prinzip bloß vom Hörensagen kennen und aufgrund erzwungener Passivität versuchen, ihr im staubigen Nichts nachzueifern. Etwas Ähnliches probierte Dennis Hopper kurz darauf mit "Out Of The Blue" Immerhin: Punk- und Gitarrenrock schaffen es selbst bis New Granada, 'teenage lobotomy' und parental 'surrender' greifen zumindest via Audio in Hirne und Herzen hinab. Die Saat ist gesetzt und wartet auf die Explosion, der der gierige, unwissende Architekt Jerry Cole (Richard Jamison) forcierten Vorschub leistet, indem er versucht, die Kids exekutiv mundtot zu machen: Es gibt eine abendliche Ausgangssperre, öffentliche Treffen werden zerschlagen, Partys verboten, der Jugendclub geschlossen, Zwangsseparation probiert. Irgendwann knallt es dann und es gibt Tote.
Dabei verzichtet Kaplan auf simple Schuldzuweisungen oder Erklärungen; seine Milieustudie ist sozusagen 'selbstführend', betreibt Eskalationsanalyse im Kammerspielformat und enthält sich jedweder Zeigefreude. Ob sich an der verfahrenen Situation am Ende wirklich etwas ändert, bleibt offen; neue Märtyrer gibt es jedenfalls - und nicht auf Seiten der gleichfalls dezimierten Erwachsenen.

9/10

Jonathan Kaplan Colorado Coming of Age Teenager teenage angst Marihuana LSD Drogen


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00 SCHNEIDER - IM WENDEKREIS DER EIDECHSE (Helge Schneider/D 2013)


"Zigaretten sind dat Beste."

00 Schneider - Im Wendekreis der Eidechse ~ BRD 2013
Directed By: Helge Schneider

Kommissar Roy "00" Schneider (Helge Schneider) arbeitet als Allround-Polizist bei der Mülheimer Police. Nachdem er unerwarteten Besuch seiner nebulösen Tante Tyree (Tyree Glenn) aus Amerika erhält, die gern viel isst und Helges Roys Hemd waschen will, hört er, dass der gefährliche Verbrecher Jean-Claude Pillemann (Rocko Scamoni), genannt "die Eidechse", aus seinem Gefängnis in Marseille entkommen ist. Pillemann raucht sehr viel und kann im Verteidigungsfall eine strinkende Substanz auf seine Opfer spucken. Auch andere kriminelle Elemente machen dem Kommissar das Leben schwer, zum Beispiel ein kindlicher Bankräuber (Henry Wulf). Dann läuft ihm sein Hund Zorro (Zorro) weg. Doch er taucht bald wieder auf. Dann kann der Kommissar den Amok laufenden Pillemann dingfest machen und in den verdienten Urlaub gehen.

Gewohnte Irrsinns-Qualität des Mülheimer Urgesteins. Trotz des verfänglichen Titels kein Sequel des nunmehr auch schon bald zwanzig Jahre alten, großen Meisterwerks "00 Schneider - Jagd auf Nihil Baxter", das konnte und hätte "Wendekreis" auch gar nicht werden können oder sein wollen. Viele der eigentlich unverzichtbaren Mitstreiter sind dahin: Helmut Körschgen, Andreas Kunze, Charly Weiss, Werner Abrolat. Was ist ein 00 Schneider eigentlich ohne die? Überhaupt sind kaum mehr alte Mitstreiter zu finden: Peter Thoms noch, Sergej Gleitmann und Carlos Boes. Viel mehr is nich, dafür kommen eine Menge Jazz-Musiker aufs Tapet. Stilistisch geht Schneider konsequent den mit "Praxis Dr. Hasenbein" und "Jazzclub - Der frühe Vogel fängt den Wurm" eingeschlagenen Weg weiter, in denen sich zu der alles überlagernden Absurdität bereits altersmelancholische Untertöne mischten, Beschwörungen unschuldigerer Tage zwischen Nierentisch und Corbusier-Kugelsessel, die sich mit der multimedialen Überladenheit der Moderne nicht mehr vertragen wollen. Die filmische Metaebene zielt diesmal auf den nicht nachlassenden Hommage-Wahn aus der Ecke Tarantino, Rodriguez und Konsorten ab, denen Schneider nicht zuletzt deshalb eine zwischen kollegial und höhnisch pendelnde Nase dreht, indem er auch mal was in Alméria filmt. Von einer Anbiederung an gewohnte Schemata oder gar antipierte Publikumsfraktionen ist er freilich wieder so weit entfernt wie eh und je, wenn er sich auch hier und da die gewohnten paar Insider-Selbstzitate bezüglich seiner alten Hörspiele leistet.
Sei's drum, wie alle (filmischen) Werke dieses großen Komödianten wird auch dieses sich seinen Platz erobern und hoffentlich einen liebevoll breitgetretenen Zitatfundus hergeben.

8/10

Helge Schneider Groteske Surrealismus Satire Ruhrpott Hund


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QUEEN OF OUTER SPACE (Edward Bernds/USA 1958)


"You call THAT civilization?" - "Frankly, no."

Queen Of Outer Space (In den Krallen der Venus) ~ USA 1958
Directed By: Edward Bernds

In den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts ist die bemannte Raumfahrt weit fortgeschritten. Captain Neal Patterson (Eric Fleming) und sein aus den zwei Witzbolden Mike Cruze (Dave Willock) und Larry Turner (Patrick Waltz) bestehendes Team haben den Auftrag, den Astronomen Professor Konrad (Paul Birch) zu einer von ihm mitkonstruierten Weltall-Station zu eskortieren. Doch vor ihren Augen wird jene Station von einem Energiestrahl zerstört. Dieser scheint von der Venus zu kommen. Patterson fliegt die Rakete sogleich dorthin und nach einer langen Schlafphase landet man auf dem Planeten, der zu aller Erstaunen ausschließlich von Frauen bevölkert und regiert wird. Oberste Herrscherin ist die hasserfüllte, entstellte Königin Yllana (Laurie Mitchell), die die Erde mittels ihres tödlichen "Betastrahls" zu vernichten plant. Glücklicherweise finden Patterson und die anderen ein paar Ladys, die gern zu den traditionellen, patriarchalischen Strukturen zurückkehren möchten und ihnen helfen, eine Revolte anzuzetteln.

Urkomische, bereits zeitgenössisch satirisch aufbereitete Altherren-Phantasie (nach einer Grundidee des zwischenzeitlich wegen spektakulären Schusswaffengebrauchs inhaftierten Produzenten Walter Wanger), die gegen feminine Selbstbestimmung und das neue Selbstbewusstsein der Frau zu Felde zieht, zudem hauptsächliches Vorbild für die exzellente Komödie "Amazon Women On The Moon". Genese und Funktion der Venus-Gesellschaft erklärt "Queen Of Outer Space" wie folgt: Da die Männer stets nur Kriege führen mussten, übernahmen irgendwann die (seltsamerweise alle im gleichen Alter zwischen Anfang und Ende 20 befindlichen) Frauen die Regierung, allen voran die gesichtsentstellte und damit tief beleidigte, weil nicht mehr begehrenswerte Yllana. Irgendwann jedoch schälte sich eine Gegenfraktion unter der hübschen Talleah (Zsa Zsa Gabor) heraus, die das Mannsvolk doch gern wieder an der Seite hätten, weil - so die vordringlichste Aha-Erkenntnis - Frauen allein sowieso nicht in der Lage sind, ein ordentliches Gesellschaftssystem aufracht zu erhalten. So ist "Queen Of Outer Space", abgesehen von seinem ohnehin super-campigen Erscheinungsbild nebst Technicolor, CinemaScope und unvermeidlicher Monsterspinne, ein ebenso erzreaktionärer wie misogyner Film, dessen tumb-simplifiziertes Geschlechtsbild einen juchzen macht. Ein Hämmerchen!

Edward Bernds Raumfahrt Venus Camp Trash Aliens


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DARK TOURIST (Suri Krishnamma/USA 2012)


"You're disgusting."

Dark Tourist ~ USA 2012
Directed By: Suri Krishnamma

Der Wachmann Jim (Michael Cudlitz) hegt ein immenses Interesse an historischen Gewaltverbrechern. Gegenwärtig gilt eine ganze Konzentration dem Serienmörder und Brandstifter Carl Marznap (Pruitt Taylor Vince), der um die Mitte des 20. Jahrhunderts in der kalifornischen Provinz aktiv war und unter anderem seine eigenen Eltern getötet hat. Während seines Urlaubs reist Jim an die authentischen Schauplätze, um Marznaps Leben und Wirken nachzuspüren. Dabei verliert Jim in sich selbst und beginnt, sich mit dem ihm erscheinenden Marznap zu identifizieren...

Hervorragendes, pointiertes Serienkiller-Psychogramm, das, dessen bin ich mir bereits nach dieser Erstbetrachtung gewiss, zu den Höhepunkten des Subgenres gezählt werden kann. Krishnamma und Script-Autor Frank John Hughes tauchen tief hinab in die Psyche des tief gestörten Jim, zeigen seine diversen Zwangsneurosen und psychischen und physischen Narben, die offenbar von schwerem Missbrauch während seiner Kindheits- und/oder Jugendjahre herrühren, wie beiläufig und wählen stattdessen vornehmlich die subjektive Ich-Perspektive für ihre Erzählung. Erst ganz zaghaft, dann mit weiterreichender Konsequenz und schließlich im Nachhinein vervollständigt sich das zuvor infolge der bewusst einseitigen Berichterstattung brüchiges Identitätsporträt Jims, der unter komplexen Störungen leidet und sich infolge dessen ein gewalttätiges Ventil suchen. Krishnamma findet für diesen Abstieg in eine zutiefst menschliche Innenhölle betörend schöne und infolge dessen bald widersprüchliche Bilder und legt nicht nur diesbezüglich einen der beachtenswertesten Filme der jüngeren Zeit vor.

8/10

Suri Krishnamma Serienmord Madness Kalifornien Paraphilie


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CAPTAIN PHILLIPS (Paul Greengrass/USA 2013)


"I'm the captain now."

Captain Phillips ~ USA 2013
Directed By: Paul Greengrass

2009 sieht sich Schiffskapitän Phillips, das Containerschiff 'Alabama' mit einer Ladung Hilfsgüter von Oman nach Kenia befördert, mit einer kleinen Gruppe somalischer Piraten konfrontiert. Nachdem Phillips ihnen zunächst durch ein geschicktes Manöver entkommen kann, schafft es Muse (Barkhad Abdi) mit seinen Leuten doch noch, die Alabama zu entern. Auf Dauer erweisen sie sich jedoch der Übermacht und Bordkenntnis der Mannschaft nicht gewachsen und verlassen daher mit einem Rettungsboot und Phillips als Geisel wieder das Schiff. Verfolgt von der Navy entwickelt sich ein nervenaufreibendes Geiseldrama, bei dem Phillips' Leben mehr als einmal auf der Kippe steht...

Tadellos inszeniertes Spannungskino des bekanntermaßen um Kamerawackeleien nie verlegenen Paul Greengrass. Um die permanente Stresssituation, der Phillips sich beginnend mit der ersten Konfrontation mit den ebenso naiven wie entschlossenen Piraten ausgesetzt sieht, zu illustrieren, erweist sich dieses Stilmittel im vorliegenden Fall jedoch als mehr denn probat. Ein hohes Maß an innerer und äußerer Dramatik wird von Greengrass zur Inszenierung des Konflikts zwischen dem pflichtbewussten, räsonablen Seemann und den stets kurz vor der Explosion stehenden, gedungenen Entführern aufgeboten - eine klassische Kidnapping-Story mit all den wohlbekannten, jedoch erneut brillant variierten und umgesetzten Formeln, geschliffenes Studiohandwerk, gibt das finale Resultat her. "Captain Phillips" präsentiert sich auch als ein hervorragender Schauspielerfilm, in dem Tom Hanks in der Titelrolle so gut ist wie lang nicht mehr und auch die von Laien gespielten Somali Grandioses darbieten. Toller Film.

8/10

Paul Greengrass Piraten Afrika Somalia Seefahrt Kidnapping


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LAST MAN STANDING (Joseph Merhi/USA 1995)


"I got 100 Dollars here!"

Last Man Standing ~ USA 1995
Directed By: Joseph Merhi

Detective Bellmore (Jeff Wincott) vom LAPD nimmt den Bankräuber Snake Underwood hops und wundert sich, dass dieser nach nur wenigen Stunden wieder ungefilterte Luft schnuppern kann. Bellmore wittert Korruption in der Chefetage, nominell bei seinen Vorgesetzten Seagrove (Steve Eastin) und Demayo (Michael Greene). Nicht zu Unrecht - eine öffentlich geäußerte Anschuldigung später verursacht Seagrove den Tod von Bellmores Partner Doc (Jonathan Banks) und auch Bellmore selbst steht plötzlich auf der Abschussliste. Zusammen mit seiner kaum minder waffenaffinen Frau Annabella (Jillian McWither) taucht Bellmore zunächst unter und arbeitet dann die gegnerische Seite Mann für Mann ab...

Pepin-Merhi waren und sind seit jeher eines meiner großen Versäumnisse, darum wollte ich wenigstens mal eines ihrer sagenumwobenen Werke beschauen Wie es aussieht, habe ich da mit der DTV-Produktion "Last Man Standing" sogleich einen überragenden Glücksgriff getan, denn Joseph Merhis Film offenbarte sich mir als mehr denn solides Genrestück, das eigentlich viel zu lang auf mich warten musste. Warum kann man "Last Man Standing" mögen, wenn nicht gar lieben? Nun, dafür gibt es mehrere Gründe; etwa den, dass der schlangenlederstiefelbewährte Jeff Wincott, untypisch für einen geschniegelt-definierten Action-Heros Mitte der Neunziger, in jeder dramaturgischen Ruhepause eine Kippe raucht. Dann ist da ein vortrefflicher Sinn für Humor, der, ob frei- oder unfreiwillig, immer wieder ins Schwarze trifft. Merhi schien zudem der Pennergilde von L.A. ein kleines Denkmal bereiten zu wollen, denn in gleich zwei Szenen hat einer von ihnen (mutmaßlich ein authentischer) einen irrwitzigen Auftritt. Die Actionszenen sind mit diversen Explosionen und Auto-Crashs recht spektakulär ausgefallen, an der Montage hätte man allerdings noch arbeiten können. Nichtsdestotrotz ein wie erwähnt schnuckeliger Nineties-Actioner, der sogar zum Dekaden-Kanon gezählt werden müsste; hinreichend brutal, verschmitzt und nicht mal unintelligent.

7/10

Joseph Merhi Pepin-Merhi DTV Los Angeles Verschwörung Korruption Rache


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MOONTRAP (Robert Dyke/USA 1989)


"That's what we are - spare parts."

Moontrap ~ USA 1989
Directed By: Robert Dyke

Die NASA-Astronauten Grant (Walter Koenig) und Tanner (Bruce Campbell) finden eine gewaltige, extraterrestrische Raumschiff-Ruine im All, gemeinsam mit einer mumifizierten Leiche und einem Football-ähnlichen Gebilde. Zurück auf der Erde entpuppt sich dieses im Labor als 14.000 Jahre alter Techno-Organismus, der sich prompt sämtliche Apparaturen in seiner Nähe assimiliert und als Killer-Android zum Angriff übergeht. Grant und Tanner können ihre Vorgesetzten überreden, die Spur der Aliens auf dem Mond zurückzuverfolgen. Hier finden sie eine bereits vor Ewigkeiten entführte Erdenfrau (Leigh Lombardi) im Tiefschlaf und sehen sich einer ganzen Armee der Robot-Invasoren gegenüber, die nicht nur tote, sondern auch organische Materie assimilieren und mithilfe von Grants und Tanners Mondlandefähre als letztem fehlenden Puzzlestück für ihr defektes Schiff die endgültige Übernahme der Erde planen.

Nette B-Fiction, im Gefolge stilistischer Einflüsse der Cameron-Filme "The Terminator", "Aliens" und "The Abyss" als späte Invasions-Mär entstanden. Aus seinen recht bescheidenen Produktionsmitteln holt Robert Dyke das Bestmögliche heraus, findet Zeit für ein wenig Exploitation und bringt die ansonsten eher bescheidene Dramaturgie damit brauchbar über die Runden. Walter Koenig, wohlbekannt als eher unglorioser Maschinenpultler Chekov aus "Star Trek", als 'leading man' einzusetzen, ist sicherlich nach wie vor etwas streitbar, funktioniert aber dann doch irgendwie. Für Bruce Campbell gibt es nach seinem (zu frühen) Heldentod immerhin noch ein angemessenes Requiem und die anfänglich etwas lächerlich wirkenden Elektro-Außerirdischen erweisen sich erst in ihrer "reinrassigen" Form als durch Sehnen und Muskeln verbundene Mordmaschinen zu ihrem wahren Potenzial. Der Showdown an Bord der Fremden ist sogar ziemlich toll geworden, wobei Grants Überlistung der Androiden doch etwas einfältig von Statten geht. Dennoch, als - wenngleich unbedeutendes - Genre-Relikt einen Blick wert.

6/10

Robert Dyke Raumfahrt Aliens Mond Freundschaft Invasion


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THE QUILLER MEMORANDUM (Michael Anderson/UK, USA 1966)


"Do you smoke?"

The Quiller Memorandum (Das Quiller-Memorandum - Gefahr aus dem Dunkel) ~ UK/USA 1966
Directed By: Michael Anderson

Der US-Agent Quiller (George Segal) soll im Falle zweier Morde an britischen Geheimdienstlern ermitteln, die von einer Neonazi-Untergrund-Loge in West-Berlin ermordet wurden. In der Mauerstadt angelangt sieht sich Quiller sowohl von den "eigenen" Leuten als auch denen der Gegenseite unentwegt beschattet und beobachtet. Eine der Spuren führt zu der Lehrerin Inge Lindt (Senta Berger), mit der Quiller bald eine Liebesaffäre verbindet. Dabei ist auch Inge nie wirklich durchschaubar: Arbeitet sie tatkräftig bei den Neonazis mit oder ist sie tatsächlich so unschuldig, wie sie zu sein vorgibt? Am Ende kann Quiller das Hauptquartier der Gegner unter deren Obmann 'Oktober' (Max von Sydow) lokalisieren und auffliegen lassen, die Beziehung zu Inge jedoch verläuft kärglich im Sande.

Als eine der vielen "seriöser" formulierten Repliken zur Bond-Reihe, die das Leben eines Geheimagenten im Kalten Krieg als das darzustellen versuchten, was es vornehmlich bedeutete, nämlich unglamourös, einsam, bedrohlich und paranoid zu sein, entstand auch dieses beachtenswerte Werk von Anderson. Dabei gestalteten sich wenige Parallelen zum bewussten Pop-Spion, zumal in der deutschen Fassung, als augen- bzw. ohrfällig: Die Musik stammte auch im Falle "The Quiller Memorandum" von John Barry, was bereits eine auditive Analogie herstellte und Segal erhielt Sean Connerys deutsche Stimme, wobei der Sprecher Gert-Günther Hoffmann sich mühte, dasselbe sonor-arrogante Timbre zu treffen. Damit erschöpften sich jedoch die Gemeinsamkeiten bereits wieder: Der unexotische Handlungsort blieb stets derselbe, Quiller ist vergleichsweise unpromisk und auf die immerselbe Erkennungsparole angewiesen, ohne je selbst wirklich klar zu sehen. Er ist kaum zur Aktion gezwungen, wird quälend verhört und zeigt sich alles andere als heldenhaft, wenn er seine Geliebte als mögliches Mitglied der Nazi-Verschwörer im Stich lässt. All diese eher unangenehmen Geschicke machten Quiller ebenso wie Alec Leamas oder Harry Palmer zum veritablen Anti-007.

7/10

Michael Anderson Harold Pinter Berlin Verschwörung Kalter Krieg Spionage





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