Graue Wände, braune Holzzäune, in Totalen gezeigt, stets übersichtlich - und langweilig. Kalkuliert langweilig, das bestimmt, denn der Alltag in dieser britischen Vorstadt unter Fischern und anderem hart arbeitendem Volk, ist entbehrungsreich. Dennoch: Ortswechsel bebildert Regisseur Thomas Clay stets gleich. Er zeigt einen Straßenabschnitt, einen Baustellenzaun oder einen spießigen Garten im Hintergrund, und der derzeitige Protagonist durchquert das Bild, zu Fuß, von rechts nach links. Immer wieder, zehnmal oder öfter, quälend langsam. Motorisiert unterwegs sieht man die Bewohner dieses Küstenstädtchens überhaupt nur selten: Da ist Robert Carmichaels Mutter, die einmal ihren Sohn nach einer Prügelei aus der Schule abholt; da ist die Polizei, die die herum lungernden Jugendlichen vertreibt; und da ist die Frau des Fernsehkochs in ihrem Porsche, mit der es ein schlimmes Ende nehmen wird.
"The Great Ecstasy of Robert Carmichael" erzählt in erster Linie von einer Jugendclique, die nach der Schule gemeinsam rumhängen und Gras rauchen oder Pillen nehmen, oder eben beliebige andere Drogen, was gerade verfügbar ist. Kleinere Straftaten - Vandalismus oder ein eingeschüchterter und bestohlener Mitschüler - sind noch die außergewöhnlichsten Ereignisse. Aber zu Emotionen reizt das nie, weder Zuschauer noch Protagonisten. Selbst als sie später zu dritt ein mit Drogen vollgepumptes Mädchen vergewaltigen, geschieht das nur im Nebenzimmer. Überhaupt, Emotionen zeigt "The Great Ecstasy..." nur drei mal: Roberts aufgelöste Mutter nach oben erwähnter Prügelei; ein paar Jungs jubeln kurz auf, als sie eine Formel 1-Übertragung im Fernsehen anschauen; und dann <i>the great ecstasy</i> am Schluss...
70 Minuten quält Thomas Clay den Zuschauer, indem er gar nichts erzählt. Es gibt da eine Handvoll desillusionierter Protagonisten, das hat man bereits nach 10 Minuten kapiert. Und dann ist da noch der unsägliche politische Bezug: Ein kleiner, ausgerechnet irakischer, Junge hat zu Beginn des Films unter den Jungs zu leiden, sie schubsen ihn herum, stehlen sein Schulzeug. Und sie schauen oft fern, genauso emotionslos wie der Rest ihres Daseins verläuft: Die Nachrichten vom Irak-Krieg, der irgendwo weit weg passiert.
Am Schluss, fährt Thomas Clay schwere Geschütze auf: Kalkulierte Langeweile weicht dem kalkulierten Tabubruch. Während (fast) die ganze Stadt nach dem vergewaltigten Mädchen sucht (das inzwischen ermordet wurde), machen sich die Jungs auf zum reichen Fernsehkoch, der erst kürzlich in den Ort gezogen ist. Sie brechen ein, misshandeln das Ehepaar: Er muss zusehen, wie seine Frau - vielleicht ist sie gar schwanger, jedenfalls feierten die beiden an diesem Abend irgendein Ereignis - drei mal vergewaltigt wird, und danach noch mit verschiedenen spitzen Gegenständen penetriert. Für Robert, das muss niemand aussprechen, ist es der erste Sex.
Adoleszenz, Rassismus (auch das reiche Ehepaar ist ein Fremdkörper in diesem Nest), soziale Abgründe - all das verarbeitet Thomas Clay, und all das in diesem Schluss. Das Konzept, all das so eng zu verknüpfen, ist clever. Und selbst der somatische Schock für den Zuschauer am Ende macht Sinn, gerade auch im Kontrast zum Stillstand während der ersten drei Viertel des Films. Gaspar Noé provoziert anders, verknüpft diese Tabubrüche mit einem ästhetischen Konzept. Thomas Clay dagegen bedient sich lediglich ausgelutschter Stilmittel - und verlässt sich auf ein Drehbuch, um das es sogar ein bisschen schade ist.
<a href= target=_blank>The Great Ecstasy of Robert Carmichael</a>
Großbritannien 2005
Regie: Thomas Clay
Buch: Thomas Clay, Joseph Lang
Mit: Danny Dyer, Lesley Manville, Dan Spencer, Ryan Winsley, Charles Mnene, u.v.m.
Laufzeit: 96 Minuten
<i>Noch kein Verleih oder Starttermin bekannt.</i>
Der Film läuft auf dem Filmfest München 2005 im internationalen Programm zu folgenden Terminen:
-Montag, 27.6., 22.00 Uhr
-Mittwoch, 29.6., 22.15 Uhr
Dieser Beitrag wurde von djmacbest bearbeitet: 26. Juni 2005, 15:59

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