Leider habe ich dieses Jahr absolut keine Zeit und keinen Nerv für einen ausführlichen Filmfest-Rückblick wie
letztes Jahr, aber um das Ganze dann zumindest nicht ganz im Dunklen verlaufen zu lassen, habe ich auf die Schnelle zumindest ein paar wenige, kurze Zeilen zu den gesehenen Filmen formuliert. Der Nährwert dürfte gering und die Phrasenhaftigkeit hoch sein, aber vielleicht trotzdem besser als gar nichts. Wen es interessiert, hier also sichtungschronologisch die Filme:
* SON OF RAMBOW (Garth Jennings) ... tolles Konzept, schöne Ideen, aber die Umsetzung war nicht mein Fall... Timing und Rhythmus gingen für mich gar nicht... wurde als Mischung aus BE KIND REWIND und WER FRÜHER STIRBT angekündigt, was keine schlechte Orientierung ist.
* STILLES LICHT (Carlos Reygadas) ... großartige Kameraarbeit, die bisweilen eine ungeheuere Intimität und verblüffend plastische Qualität entfaltet... ein Film zum Eintauchen... insgesamt schöpft er sein Potenzial nicht völlig aus, hat aber viele überwältigende Momente.
* WUNDER DER SCHÖPFUNG (Hanns Walter Kornblum) ... der skurrile Charme des didaktischen Anspruchs mischt sich mit mitreißender Bildgestaltung – unglaublicherweise machen einige Momente tatsächlich den Eindruck, direkte Vorbilder für Kubricks 2001 gewesen zu sein... Im Anschluss wurde der sehr nette Kurzfilm THE EINSTEIN THEORY OF RELATIVITY (Dave Fleischer) präsentiert, leider nur noch ein für den US-Markt umgeschnittenes Fragment eines ursprünglichen Langfilms.
* TIME TO DIE (Dorota Kedzierzawska) ... der langsame Abschied vom Leben als ungemein hypnotische, sich atmosphärisch zunehmend verdichtende und nachwirkende Seherfahrung.
* DANGEROUS PARKING (Peter Howitt) ... teils sehr tolle Montage, aber als Ganzes sein Potenzial immer wieder verschenkend und stilistisch ein bisschen zu stark dem bekannten Repertoire verhaftet.
* LÖWENKÄFIG (Pablo Trapero) ... schönster Vorspann des Festivals! Wunderbare Erzählhaltung, aber leider eher konventionell umgesetzte Gefängnisepisoden. Wirkt dank des starken Schlusses aber gut nach.
* LES AMOURS D’ASTRÉE ET DE CÉLADON (Eric Rohmer) ... visuell leider eher langweilige Fernsehästhetik, soweit anhand der miesen Filmkopie beurteilbar, dafür mit zunehmender Laufzeit sehr charmant und mit hübsch ungeheuerlichem Trash/Camp-Potenzial.
* BURN THE BRIDGES (Francisco Franco) ... zweitschönster Vorspann des Festivals! Es geht eben wenig über lateinamerikanische Songs. Der Rest sehr gutes, aber nicht herausragendes Coming-of-Age-Drama mit interessanten Figurenkonstellationen.
* THE KING OF PING PONG (Jens Jonsson) ... noch mal Coming-of-Age, insgesamt unerwartet erfrischend, vor allem dank des fast schon Western-haften Finales vor skandinavischer Schneekulisse.
* THOSE THREE (Naghi Nemati) ... hier ebenfalls Schnee, Wind und Kälte... das recht beklemmend eingefangene Verirren dreier flüchtiger iranischer Soldaten.
* LOS BASTARDOS (Amat Escalante) ... ein bisschen Neorealismus, ein bisschen FUNNY GAMES... in Perspektive und Form aber vor allem Reygadas, Noé und Dumont verpflichtet... ziemlich stark und angenehm konsequent.
* SERVUS BAYERN (Herbert Achternbusch) ... vermischt skurrile mit eher unangenehmen Momenten und Reflektionen, was mir mal mehr, mal weniger gefiel... der zentrale 20-minütige Monolog Annamirl Bierbichlers ist aber ein unstrittiger, unerwartet intensiver Höhepunkt.
* SÜDEN UND DER LUFTGITARRIST (Dominik Graf) ... als Film insgesamt auf extrem fadem Niveau von Fernsehkrimi-Konfektionsware... dank Grafs Regie, einer schönen AS TEARS GO BY-Hommage und zahlreichen Giallo-Reminiszenzen gab es aber zum Ausgleich genügend feine Einzelmomente.
* WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN (Nicolas Roeg) ... auf der Riesenleinwand im ehemaligen Imax-Saal ein echtes Erlebnis... einige Szenen entfalten hier wirklich eine enorme Wirkung, das unerhört intensive Finale muss wohl nicht eigens erwähnt werden...
* MATHIAS KNEISSL (Reinhard Hauff) ... eine echte Entdeckung... die Räubergeschichte wirkt fast wie eine Art bayrische Westernballade... umgesetzt in sehr langen, aber meist bewegten Einstellungen, und mit einem zwischen Melancholie und Nüchternheit pendelnden Tonfall.
* BIERKAMPF (Herbert Achternbusch) ... hat mir sehr gut gefallen... klug und durchgedreht zugleich, eine gute Mischung, die zu wahrhaft absonderlichen Situationen führt.
* 99 FRANCS (Jan Kounen) ... ein französischer Film, wie er in Deutschland undenkbar wäre, nämlich täuschend echt nach teurer Hollywoodproduktion aussehend... dementsprechend steht leider auch oft der Effekt statt des Gedankens im Vordergrund, aufgrund einiger schöner Ideen und visueller Einfälle aber doch ziemlich nett.
* ORZ BOYZ (Ya-Che Yang) ... einige hinreißende Einzelmomente, und ein feiner Ansatz... bin insgesamt dennoch etwas unschlüssig, war aber leider auch ziemlich müde.
* FROZEN (Shivajee Chandrabhushan) ... schlichtweg fantastische s/w-Fotografie, mit deren Qualitäten der restliche Film nicht ganz mithalten kann... ich war aber leider auch ziemlich müde, zum zweiten.
* MCCABE & MRS. MILLER (Robert Altman) ... nach wie vor mein liebster Altman... ein unendlich trauriger Film, offensichtlich und sublim zugleich.
* REDACTED (Brian De Palma) ... interessant vor allem in der Nachbetrachtung und den Fragen, die er aufwirft... insgesamt gut und diskussionswert, ein bisschen an Romeros DIARY OF THE DEAD erinnernd, aber nicht an die Konsequenz und den Facettenreichtum früherer De Palmas heran reichend. Die Schlussmontage finde ich nach wie vor ziemlich zwiespältig.
* THE SPEED OF LIFE (Ed Ratke) ... schwankt etwas zwischen den sehr schönen, mit famoser Musikauswahl unterlegten stummen Collagen, und den zumindest für mich eher weniger interessanten Plot- und Dialogpassagen... alles in allem aber durchaus einen Blick wert.
* WOLKE 9 (Andreas Dresen) ... die ersten 45 Minuten sind absolut hinreißend... lange nicht mehr einen gerade auch in den Sexszenen so intimen, zärtlichen, wunderschönen Liebesfilm gesehen... pure Magie bei der Rennbahn-Begegnung der beiden etwa 70-jährigen Verliebten, mit solch euphorisierenden Momenten hatte ich nicht gerechnet... die zweite Hälfte notwendigerweise düsterer, unangenehmer, nicht mehr ganz so großartig, aber mit dem bekannten und geschätzten Blick Dresens eingefangen.
* HONEYDRIPPER (John Sayles) ... wunderschönstes Technicolor, allein visuell ein Film zum ergötzen, der seinen recht einfallslosen Plot dankenswerterweise vernachlässigt und in sehr angenehmen Rhythmus einfach vor sich hin treibt... ein ziemlicher Genuss.
* YOU (Francois Delisle) ... längst nicht so kontrovers wie angekündigt, stattdessen aber interessante Fragen aufwerfend, nach dem starken Anfang aber leider nicht mehr mit gleich bleibender Intensität.
* STOP-LOSS (Kimberly Peirce) ... hat etwas gedauert, bis ich mich in den Film hinein gefunden habe... irgendwo zwischen Michael-Bay-Optik und STARSHIP TROOPERS-Subversion, letztlich zwar nicht konsequent genug, aber doch recht ansehnlich.
* HUND FRISST HUND (Carlos Moreno) ... CITY OF GOD scheint nach wie vor großen Einfluss auf die Bildsprache lateinamerikanischer Gangsterfilme zu haben... originell sieht anders aus, dennoch recht unterhaltsamer Genrefilm.
* HIMMEL, ERDE UND REGEN (José Luis Torres Leiva) ... ein Film wie für mich gemacht... wunderbar hypnotischer Rhythmus, tolles Framing und vor allem ein geniales Sounddesign ermöglichen gerade auf der großen Leinwand eine außergewöhnlich sinnliche Erfahrung.
* DIE ZWEITE FRAU (Hans Steinbichler) ... fürs Fernsehen gedreht und doch im Kino gelandet, was u.a. die gute Kamera durchaus rechtfertigt, wenn auch diesmal leider nicht von Bella Halben geführt... ansonsten leider erwartungsgemäß nicht so experimentierfreudig und kinetisch wie Steinbichlers letzte Filme, aber insgesamt gut anschaubar.
* SPIONE (Fritz Lang) ... verblüffend in seinem sprühenden Einfallsreichtum, der zahlreiche Ideen und Gimmicks späterer Agenten- und Spionagefilme um Jahrzehnte vorweg nimmt... ansonsten mit vielen tollen Momenten, aber durch verschollene Szenen und beschädigte Montage bisweilen auch sprunghaft und holprig.
Fazit: guter Jahrgang, soweit ich das Anhand von 30 gesehenen Filmen (von über 200) beurteilen kann. Zwar bei weitem nicht so überragende Retro-Angebote wie letztes Jahr (ein Trio wie Herzog, Linklater und Friedkin ist aber auch nicht so ohne weiteres jedes Jahr aufzubieten), und dementsprechend auch kein Filmerlebnis in der Liga eines DAZED AND CONFUSED (die Sichtung auf dem letztjährigen Filmfest war für mich eines der besten Kinoerlebnisse überhaupt), dafür aber bei den neuen Filmen ein insgesamt stärker und vielfältiger besetztes Programm. Vor allem die lateinamerikanische Sektion war eine positive Überraschung, aber auch insgesamt gab es einige Entdeckungen zu machen. Zudem gab's diesmal offenbar weitaus weniger üble Gurken als letztes Jahr, vielleicht hatte ich aber auch nur Glück bei meiner Auswahl.
Dieser Beitrag wurde von Travis bearbeitet: 04. Juli 2008, 02:09