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Herr Settembrini schaltet das Licht an

Oberlehrerhafte Ergüsse eines selbsternannten Filmpädagogen




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Das Schweigen



Ingmar Bergmans Das Schweigen (Tystnaden) gehört sicherlich zu des Meisters vieldeutigsten und rätselhaftesten Filmen und hat eine Vielzahl von Deutungen erfahren. Überaus beliebt waren vor allem zur Entstehungszeit des Werks einseitige religiöse Auslegungen (etwa vom Kritiker Klaus Hebecker, der in dem Film ein "ausschließlich religiöses Drama" sah und andere Auslegungen als "kaum zulässig" ansah), zu denen ich später noch ein paar Worte verlieren werde. Besonders heftig entzündete sich der Widerstreit der Meinungen an den seinerzeit gewagten, nach heutigen Maßstäben aber zahmen Sexszenen, wie sich etwa in Reclams Filmführer nachlesen läßt. Dort heißt es:

Als "Spekulation" und als "nicht beschreibbar" erschienen sie damals einem der Gegner des Films, "wie Peitschenhiebe der Flagellanten" einem seiner Verteidiger.

Rückblickend betrachtet fragt man sich natürlich, was besagte Gegner und Verteidiger zu Filmen wie Der letzte Tange in Paris oder Im Reich der Sinne gesagt hätten...
Soweit mir bekannt, ist kaum ein Rezipient jemals auf den Einfall gekommen, Das Schweigen als Horrorfilm anzusehen. Und die Idee ist ja auch (auf den ersten Blick zumindest) absurd: es geschieht kein blutiger Mord, die Protagonisten werden nicht von Vampiren, Werwölfen oder mit einer Axt bewaffneten Wahnsinnigen durch endlose Hotelkorridore verfolgt - kurz und gut, es erscheint als ausgesprochen albern, Bergmans Drama über Vereinsamung und gestörte Beziehungen mit Filmen, die Motive wie die gerade genannten enthalten, in Verbindung zu bringen.
Anders sieht es mit der Atmosphäre des Films aus: denn diese ist alptraumartig und fast unheimlich, und es gibt kaum ein Bild in dem Film, in dem nicht ein unterschwelliges Gefühl der Bedrohung spürbar ist, und auch die Angst der Hauptfiguren voreinander, vor sich selbst, vor ihrer Umgebung und vor allem vor dem Tod ist förmlich greifbar. Inhaltlich ist Das Schweigen vom Horrorfilm zwar weit entfernt, atmosphärisch diesem aber ziemlich nah, und dazu passen auch einige der Mittel, mit denen Bergman diese Atmosphäre erzeugt: ein durchdringendes Weckerticken (wie es einem wenig später auch in Polanskis Ekel begegnet) und andere, auf beunruhigende Weise unnatürlich wirkende Geräusche; düstere Schatten und, nicht zu vergessen, ein fast menschenleeres Hotel mit Korridoren, in denen ein kleiner Junge sich zu verlieren droht... Da ich zur Zeit aber gerade in meinem Filmarchiv herumwühle und dabei bevorzugt Horrorfilme herausgreife, wobei ich allerdings den Begriff des Horrorfilms sehr weit fasse und mich keineswegs auf reinrassige Vertreter des Genres beschränke, hielt ich es für eine interessante Idee, Bergmans Film in meine kleine Reihe zu inkorporieren (Die Stunde des Wolfs hätte sich natürlich noch mehr angeboten, aber der fehlt in meiner Filmsammlung, und außerdem fand ich es spannend, Das Schweigen vor einem echten Horrorfilm, der hauptsächlich in einem Hotel spielt, zu sehen...).
Zur Handlung des Films will ich hier nicht viele Worte verlieren (zumal es eine gute Zusammenfassung in der lesenswerten Besprechung von Short Cut gibt). Die Übersetzerin Ester, deren Schwester Anna und Annas kleiner Sohn Johan sind auf der Heimreise aus dem Urlaub und werden durch einen Anfall der kranken Ester zum Aufenthalt in einer fremden Stadt gezwungen, während ihres Aufenthalts entlädt sich der offenbar schon lange schwelende Konflikt zwischen den Schwestern, bis schließlich Anna mit ihrem Sohn abreist und Ester zurückläßt, die (so ist zumindest anzunehmen) schon bald sterben wird.
Der Titel verweist schon auf das Thema der Kommunikationslosigkeit (und damit auch der Vereinsamung), und tatsächlich gibt es in Das Schweigen viel weniger Dialog als in anderen Bergman-Filmen wie etwa Licht im Winter, Persona oder Szenen einer Ehe. Die Sprachlosigkeit, von der die drei zentralen Figuren erfaßt werden, verstärkt sich noch dadurch, daß die Sprache der Landeseinwohner unverständlich bleibt, und sowohl Anna als auch Ester "erzählen" dem Mann, mit dem Anna sich mehrmals trifft bzw. den alten Portier im Hotel nur deshalb recht offen von sich, weil sie wissen, daß sie nicht verstanden werden. Aber auch Anna, Ester und Johan finden trotz ihrer gemeinsamen Sprache kaum zueinander, Johan nähert sich zwar im Verlauf des Films seiner Tante an, entfremdet sich aber gleichermaßen von seiner Mutter, die ihn am Ende fast schon gewaltsam von der sterbenskranken Ester trennt (und auf deren Brief an Johan mit gerade demonstrativem Desinteresse reagiert). Auch die Beziehung der Schwestern selbst verändert sich während des Films, aber nicht zum besseren: der intellektuellen (aber auch verklemmten) Ester entgleitet zunehmend die Herrschaft, die sie über ihre Schwester bisher ausgeübt hat, trotzdem erscheint der endgültige Bruch, den Anna schließlich vollzieht, eher als Flucht denn als ein Aufbegehren. Zur allgemeinen Atmosphäre der Bedrohung trägt auch bei, daß das namenlose Land offenbar von einem Krieg bedroht (oder bereits in einen solchen verwickelt) ist; ob Bergmans Films von der kurz zuvor nur mit viel Glück ausgestandenen Kuba-Krise beeinflußt worden ist, weiß ich allerdings nicht.
Gesprochen wird also nur wenig; dafür nimmt das visuelle Element einen entsprechend großen Raum ein, und in dieser Beziehung ist der Film, obwohl seine Bilder vor allem von Entfremdung, Isolation und nicht zuletzt vom Tod künden, von großer Schönheit (und dementsprechend ist die meisterhafte Arbeit Sven Nykvists herauszustreichen).
Wie ich schon eingangs erwähnte, waren (und sind) religiös gefärbte Interpretationen des Films besonders verbreitet. Bergman selbst hat solchen Deutungen dadurch Vorschub geleistet, daß er Tystnaden und dessen beide Vorgängerfilme (in denen Religion tatsächlich eine recht große Rolle spielte) als eine Trilogie bezeichnete, deren dritter Teil Das Schweigen sei. Insofern galt und gilt vielen Interpreten das stille Inferno, das Bergman zeigt, als "die erschütternde Vision einer Welt ohne Gott" (um nochmals Reclams Filmführer zu zitieren). Nun ist diese Sichtweise zwar legitim, ich halte sie aber für durchaus nicht für zwingend. Gerade die Lesart, daß für Bergman eine "Welt ohne Gott" besonders schrecklich sei, darf angezweifelt werden, denn in Bergmans Autobiografie Laterna magica schreibt der Meister an einer Stelle:

"Das, was Jesus da sagt, daß es im Haus seines Vaters viele Wohnungen gebe, daran glaube ich nicht. Außerdem bedanke ich mich herzlich. Wenn ich es endlich geschafft habe, den Wohnungen meines Vaters zu entkommen, möchte ich nicht bei jemandem einziehen, der vermutlich noch schlimmer ist."

Das klingt (für mich) doch so, als ob Bergman den Gedanken an eine Welt ohne Gott sehr gut aushalten kann. Letztlich muß man aber ohnehin Bergmans Äußerungen zu seinen Werken immer mit gewisser Vorsicht genießen, immerhin hat der Mann es fertiggebracht, unter Pseudonymen Schmähschriften, die sich gegen seine eigenen Filme richteten, zu verfassen...
Ich persönlich finde jedenfalls den Gedanken überzeugender, daß die Personen in Tystnaden nicht am Schweigen Gottes leiden, sondern eher am Schweigen der Menschen, an ihrer Isoliertheit, an dem Gedanken, dem Tod letztlich ganz allein gegenübertreten zu müssen - das letztere Motiv wird in der Gestalt der am Ende verlassenen Ester schon sehr konkret und kündigt zugleich auch schon das spätere Meisterwerk Schreie und Flüstern an, in dem ohnehin diverse Motive aus Das Schweigen wieder auftauchen. Zu einer solchen eher weltlichen Auslegung paßt auch, daß die Musik Johann Sebastian Bachs einen kleinen Hoffnungschimmer in den Film hineinträgt: die Musik bedient sich ihrer eigenen Sprache, die von allen verstanden wird, und vermag so die Sprachlosigkeit zu überwinden. Dies gilt aber, wenn man diesen Gedanken weiterverfolgt, auch für die Filmkunst, deren Bildersprache ebenfalls die Schranken der verbalen Kommunikation überwinden und so einen Keil in die Sprachlosigkeit, in der die Menschen erstarrt sind, treiben kann.
Letztlich tut man aber ganz gut daran, den vielschichtigen Film nicht auf eine Bedeutung festzulegen - das haben ohnehin schon genug Interpreten versucht. Vielleicht sollte man, anstatt jedes Detail verstehen zu wollen, diesen ebenso schönen wie schrecklichen Film einfach mit seinen Bildern und Tönen auf sich wirken lassen.




Nach dem Schweigen der Lämmer kann also konsequenterweise nur DAS Schweigen folgen...

Danke für diese intensiven Texte, Short Cut und Settembrini!

Ich habe den Film bisher zwei mal gesehen, und die zweite Sichtung hat mich noch ratloser zurückgelassen als die erste. Jeder Interpretationsversuch wirft immer neue, noch unlösbarere Fragen auf...

Besonders verstörend habe ich die Beziehung des alten Portiers zu den Schwestern und dem Jungen empfunden. Sind die Hotelgäste auf Durchreise Fremde in einem fremden Land, so ist der Portier ein Fremder in der eigenen Stadt. Darüber hinaus ist sich jeder Protagonist in diesem Meisterwerk selbst zutiefst entfremdet... Aber dennoch findet eine Art Verstehen statt, welches gewissermaßen über den kleinen Jungen als Vermittler abläuft.

Die Interpretation als Horrorfilm ist darüberhinaus eigentlich sehr naheliegend, und nicht nur in Bezug etwa auf Filme wie Shining.

Werde mich wohl, nach einer dritten Sichtung, auch zu einem Interpretationsversuch aufmachen.
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Tja, werter Kollege. Dem hab ich in der Tat nicht sonderlich was hinzuzufügen ! Großartiger, sehr tiefgehender Text, der auch das Biografische Bergmans stark miteinbezieht. Wobei mein Mitstreiter sagte, dass Bergman die 3 Filme nie als Trilogie angesehen hatte sondern dies erst nachgträglich von der Reziption als Trilogie des Glaubens gedeutet wurde.

Zitat

Inhaltlich ist Das Schweigen vom Horrorfilm zwar weit entfernt, atmosphärisch diesem aber ziemlich nah, und dazu passen auch einige der Mittel, mit denen Bergman diese Atmosphäre erzeugt: ein durchdringendes Weckerticken (wie es einem wenig später auch in Polanskis Ekel begegnet) und andere, auf beunruhigende Weise unnatürlich wirkende Geräusche; düstere Schatten und, nicht zu vergessen, ein fast menschenleeres Hotel mit Korridoren, in denen ein kleiner Junge sich zu verlieren droht...
Zwei der verstörendsten Szenen in diesem Film sind für mich einmal der Portier mit den Fotografien, die er Johan schenkt und dann am Ende eine der letzten Einstellungen in der sich Ester aufbäumt, die Kamera sie von der Kopfseite des Bettes beobachtet und wie aus dem Nichts dieses Sirenen Gedröhne einsetzt.
Eingehend zu Polanski, hab ich mich eh bei Deiner Ekel Rezension gefragt, warum hier nicht der Bergman Film fällt. Ich finde Ekel oder auch der Mieter sind sich gar nicht so unähnlich was die Atmosphäre im Vergleich mit Tystnaden angeht.
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Vielen Dank für eure Antworten (und Anmerkungen).

@Noruberuto: Die Verstörung und die Schwierigkeiten, zu einer Interpretation zu finden, kann ich sehr gut nachvollziehen. Was den Film dann aber auch wieder sehr interessant macht. Eine dritte Sichtung kann ich auf alle Fälle sehr empfehlen, und ein Interpretationsversuch deinerseits fände auf alle Fälle mein Interesse.

@Short Cut: Interessanter Einwand von Deinem Mitstreiter, in meinen diversen Büchern steht es eigentlich so drin, daß auch Bergman selbst von einer Trilogie gesprochen habe, wenn auch erst im Nachhinein. Da sollte man vielleicht genauere Nachforschungen anstellen, um zu klären, was nun stimmt, denn auch Monographien etc. können ja Fehler enthalten.

Die von Dir erwähnte Szene ziemlich am Schluß mit Ester, in der dann diese sirenenartigen Klänge ertönen, finde ich auch besonders intensiv. Gerade auch Licht und Schatten wirken dort besonders verstörend, und wenn Ester sich das Laken über den Kopf zieht, sieht das so aus, als ob sie sich mit dem eigenen Leichentuch bedecke. Grausig!
Was Deine Anmerkung zu Ekel betrifft, hast Du natürlich völlig recht, aber beim Verfassen der Besprechung zum Polanski waren mir diese Ähnlichkeiten gar nicht mehr so bewußt, erst als ich dann Das Schweigen gesehen habe, ist es mir wieder richtig deutlich aufgefallen.
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Zitat

Interessanter Einwand von Deinem Mitstreiter, in meinen diversen Büchern steht es eigentlich so drin, daß auch Bergman selbst von einer Trilogie gesprochen habe, wenn auch erst im Nachhinein.
Moin Settembrini, ja ob er direkt von einer Trilogie sprach, weiß ich nicht. Das wurde von der Presse meines Erachtens so geformt. Die Gemeinsamkeiten der 3 Filme hat er aber im Nachhinein bestätigt.

Zitat

Die von Dir erwähnte Szene ziemlich am Schluß mit Ester, in der dann diese sirenenartigen Klänge ertönen, finde ich auch besonders intensiv. Gerade auch Licht und Schatten wirken dort besonders verstörend, und wenn Ester sich das Laken über den Kopf zieht, sieht das so aus, als ob sie sich mit dem eigenen Leichentuch bedecke. Grausig!

Jupp, da saß ich wirklich senkrecht. Das ist ganz klar ne Sterbeszene. Auch wenn uns das nicht wirklich mitgeteilt wird. Hab ich aber ganz genauso gesehen.
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