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Herr Settembrini schaltet das Licht an

Oberlehrerhafte Ergüsse eines selbsternannten Filmpädagogen




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Vertigo (alter Text von kino.de)



Ich folge einfach dem Beispiel meines hochgeschätzten Kollegen The Critic und stelle einige meiner in der Vergangenheit bei kino.de veröffentlichten Kritiken hier in meinem Filmtagebuch ein. Nun sind von meinen schätzungsweise 150 Kritiken, die ich seinerzeit verfaßt habe, mehr als 90% verloren (was sicherlich nicht in allen Fällen einen wirklichen Verlust bedeutet...), einige habe ich aber retten können oder fand sie noch auf meiner Festplatte vor. Ich fange mit dem folgenden Text zu Hitchcocks Vertigo an; weitere texte werden in Kürze folgen.

Hinweis: Der Text verrät die wichtigsten Details der Handlung und richtet sich daher an Leser, die Hitchcocks Film bereits gesehen haben.

Los geht's:


Der schönste und traurigste Film über die Liebe


Alfred Hitchcock gilt - natürlich auch zu Recht - als Meister des Suspense und des Thriller-Genres. Dennoch würde es Hitchcocks Werken nicht gerecht werden, wenn man sie nur als raffiniert konstruierte Spannungsfilme betrachten würde, da die besten unter ihnen immer noch weitere, mitunter sehr tiefe Ebenen besitzen. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür ist Vertigo, der (wie wohl alle Meisterwerke Hitchcocks) als Thriller gilt, meiner Ansicht aber vielleicht noch mehr ein Liebesfilm ist.
Natürlich funktioniert Vertigo hervorragend als Thriller, und es gibt auch eine ausgeklügelte Kriminalstory, in der es um ein diabolisches Mordkomplott geht:
John „Scottie“ Ferguson (James Stewart), ein früherer Polizist, der seinen Dienst wegen einer Akrophobie quittiert hat, wird von seinem alten Freund Gavin Elstar gebeten, seine Frau Madeleine (Kim Novak) zu beobachten, da sie offenbar auf rätselhafte Weise die Persönlichkeit ihrer Urgroßmutter, die in dem Alter, das Madeleine jetzt hat, Selbstmord begangen hat, annimmt. Scottie beschattet Madeleine zunächst, lernt sie kennen und verliebt sich in sie, kann jedoch nicht ihren Tod an einem Glockenturm verhindern, da er wieder von seiner Höhenangst überwältigt wird. Er gerät in eine schwere persönliche Krise, muß sogar behandelt werden und kehrt nur langsam ins Leben zurück: dann lernt er Judy Barton kennen, die Madeleine ähnelt. Tatsächlich ist sie die vermeintlich Tote, denn die wirkliche Mrs. Elstar hat er nie kennengelernt, sondern Judy hat ihre Rolle gespielt: Ferguson sollte als Zeuge des angeblichen Selbstmords dienen, bei dem es sich in Wahrheit um die Ermordung Mrs. Elstars handelte. Scottie und Judy beginnen eine Beziehung, doch schließlich durchschaut er das Komplott, fährt mit Judy nochmals zum Glockenturm und zwingt sie, mit ihm hinaufzusteigen, um so ihr Geständnis zu erwirken. Dabei stürzt sie diesmal wirklich in den Tod.
Hitchcocks Film basiert auf einem Roman der französischen Autoren Pierre Boileau und Thomas Narcejac, die bereits die (nach einem ähnlichen Muster ablaufende) Vorlage zu Henri-Georges Clouzots Die Teuflischen geschrieben hatten und beim Verfassen des Romans schon auf eine Verfilmung durch Hitchcock spekulierten. Hitchcock nahm aber gegenüber dem Roman eine entscheidende Änderung vor: während der Leser erst am Ende des Romans erfährt, was sich wirklich abgespielt hat, weiht Hitchcock den Zuschauer schon kurz nach Judys Auftreten ein, also etwa 40 Minuten vor dem Ende des Films. Gerade der Vergleich mit Clouzots Film zeigt die Vorteile von Hitchcocks Konzept deutlich: denn Die Teuflischen weiß zwar durch eine wahrhaft teuflische Schlußwendung zu überzeugen, ist aber wohl auch nur beim ersten Sehen wirklich interessant, während Vertigo beim erneuten Sehen noch gewinnt. Hitchcock selbst sprach davon, daß sein Ansatz einen stärkeren Suspense bedeutet, was auch stimmt, doch vor allem sorgt sein Kunstgriff dafür, daß im zweiten Teil des Films das Seelendrama in den Vordergrund tritt. Denn Vertigo ist nur auf den ersten Blick ein Psychothriller, auf den zweiten dagegen ein, um mit François Truffaut zu sprechen, „lyrischer Kommentar zu den Beziehungen von Liebe und Tod“.
Herausragend ist die formale Gestaltung des Films, bei der fast jedes Element eine Doppelfunktion erfüllt, wie schon das Motiv der Höhenangst zeigt: das Schwindelgefühl ist einerseits ein handlungstragender Bestandteil des Thrillers, es steht aber auch für das emotionale Chaos, das in Scottie herrscht, für den schwankenden Boden, auf dem sein Innenleben ruht. Dieses Gefühl der Verunsicherung, des verlorengegangenen Halts, vermittelt schon der grandiose (von dem brillanten Künstler Saul Bass gestaltete) Vorspann, den man wohl als die schönste Titelsequenz der Filmgeschichte bezeichnen kann. Dieser Auftakt findet später eine Fortsetzung im Film selbst in Gestalt von Scotties Alptraum, in dem wieder das Motiv des Fallens vorkommt (und vielleicht kann die Szene kurz vor dem Ende in Blue Velvet, in der Dorothy Vallens beim Abtransport ins Krankenhaus „I’m falling!“ sagt, auch als Hommage an Vertigo betrachtet werden). Zu diesem Fehlen eines sicheren Grundes paßt natürlich auch, daß der Film in der Hügellandschaft von San Francisco spielt; auch Bernard Herrmanns eindringliche Musik (eine seiner besten Kompositionen für Hitchcock) trägt viel zum Taumel bei, in dem Scottie sich befindet, und der auch auf den Zuschauer übergreift.
Dabei lassen sich Liebe, Schuld, Verlust und Obsessionen als die zentralen Themen von Vertigo bezeichnen, wobei sie alle in eine Richtung driften: den Tod. Was den Film so bewegend macht, ist zum einen das ungeheuer starke Gefühl der Sehnsucht, daß ihn durchzieht: man spürt diese Sehnsucht im ersten Teil des Films in fast jeder Szene, in der Scottie „Madeleine“ beobachtet; sehr deutlich ist das etwa in einem Moment, in dem er sie in der Kirche beobachtet und die Kamera in einer typisch Hitchcockschen Einstellung (Donald Spoto führt in seiner Biographie etliche Beispiele für solche Einstellungen an) lange auf ihrem Hinterkopf, ihrem Haar verweilt. Beide Hauptfiguren werden von solcher Sehnsucht getrieben: nicht nur Scottie, sondern auch Judy, die seine Nähe sucht und sich von ihm in Madeleine verwandeln läßt, obwohl sie weiß, daß sie damit Gefahr läuft, von ihm entlarvt zu werden.
Doch diese Liebe hat keine Chance, sie scheitert an der Vergangenheit, an Schuld und an Obsessionen. Scottie vermag Judy nicht wirklich als Judy zu lieben, sondern er formt sie um, um die verlorene Frau seiner Träume (stärker noch als die meisten anderen Hitchcock-Filme wirkt Vertigo wie ein Traum, durch die Musik, die Verwendung der Farben, durch viele Spiegel, wobei hier Wunsch- und Alptraum ineinander übergehen) wiederzuerschaffen. Dadurch wird Vertigo zu Hitchcocks persönlichstem Film, denn Scotties Obsession ist seine Obsession: immer wieder und wieder hat der Regisseur versucht, aus seinen Darstellerinnen seine persönliche Traumfrau zu machen. Nur wenige Filmkünstler haben ihre eigenen Träume, Phantasien, geheimen Wünsche und Obsessionen so unmittelbar thematisiert in Alfred Hitchcock in Vertigo; und noch weniger haben über sich selbst ein so strenges Urteil ausgesprochen, denn Scotties Besessenheit erweist sich als zerstörerisch für die Liebe.
So zerstörerisch wie auch die Vergangenheit und die in ihr vergrabene Schuld, die wieder an die Oberfläche drängt. Scottie leidet nach dem Verlust Madeleines unter Schuldgefühlen, wird aber wirklich schuldig dadurch, daß er Madeleine zu erneutem Leben erwecken will; Judy hat ihrerseits ganz real begründete Schuldgefühle. Insofern läßt sich die weitgehend erfundene Carlotta-Story auch im übertragenen Sinn deuten: so wie angeblich Madeleine von einer Toten aus der Vergangenheit übernommen wird, so wird auch Judy tatsächlich in ihre schuldhafte Vergangenheit zurückgeführt, was am Ende ihren Tod bedeutet. Schuld und Vergangenheit sind in Vertigo weitgehend identisch. Und an die Vergangenheit, aber auch die Vergänglichkeit des Menschen erinnert fast alles in der ersten Filmhälfte: Dies wird an den Schauplätzen deutlich, zu denen ein Friedhof gehört, aber auch ein Wald mit uralten Mammutbäumen.
Fantastisch ist an dem Film auch die Farbdramaturgie, an deren Entschlüsselung ich mich kaum herantraue. Aber ich will einen zaghaften Versuch wagen: die beiden widerstrebenden Kräfte, zum einen die Sehnsucht, die Scottie und Judy/Madeleine zueinander zieht und doch unerfüllt bleibt (und wohl auch bleiben muß), und zum anderen die schuldbeladene Vergangenheit, die sich nicht überwinden läßt, lassen sich womöglich in den Farben wiederfinden. Das geisterhafte Grün, das sich durch den Film hindurchzieht, dürfte wohl für die Vergangenheit stehen (sehr deutlich, wenn Judy durch eine Leuchtreklame in grünes Licht getaucht und so zu Madeleine wird); die Farbe der Sehnsucht könnte jenes heimelige Rot sein, daß ebenfalls immer wieder auftaucht: so in dem Lokal, in dem Scottie Madeleine erstmals sieht (und sie trägt übrigens ein grünes Brokatkleid!), und das rote Tapeten hat, oder sehr eindringlich in seinem Alptraum.
Weiterhin ist Vertigo ein sehr tiefsinniger Film über Illusionen und Verlust. Scottie kann seine Traumfrau niemals wirklich erreichen, weil sie nie existiert hat; sie war nur ein Kunstprodukt, ein Phantom, das er durch den Versuch, es neu zu erschaffen, zerstört und endgültig verliert. Dabei wird auch der tragische Charakter der Geschichte, die unerbittlich ihrem Ende entgegensteuert, an vielen Details sichtbar: Madeleine spricht von einem Korridor in einem Traum, an dessen Ende sie sterben müsse; Scotties Freundin Midge geht in der letzten Einstellung, der sie zeigt, resigniert einen Korridor entlang, der durch eine langsame Abblende in der Dunkelheit verschwindet; als Scottie Judy (wieder) entdeckt, befindet er sich in einer Einbahnstraße.
Auch die innere Zerrissenheit der Figuren findet im Film ihren Widerhall, etwa durch die vielen Dopplungen, die ja auch Spiegelungen sind: auf die Ähnlichkeiten zwischen Vorspann und Alptraum hatte ich schon hingewiesen, mehrmals ist Kim Novak in grünes Licht getaucht, zweimal taucht das Lokal mit den roten Tapeten auf, und natürlich gibt es zwei Szenen am Glockenturm. Darüber hinaus ist die Rolle, die Judy zu spielen hat, auch eine Doppelrolle: als Madeleine und als Carlotta.
Daß der Film so eindringlich, so bewegend ist, verdankt er zum großen Teil auch seinen beiden Hauptdarstellern: es ist nahezu unbestritten, daß Kim Novak in Vertigo die beste Leistung ihrer Karriere zeigte; meiner Meinung kann man das gleiche von James Stewart behaupten. Novak ist wunderbar als Madeleine, wobei diese Madeleine ja selbst nur eine gespielte Kunstfigur ist, und doch spürt man, daß sie Scotties Liebe erwidert (gerade auch, wenn man den Film zum wiederholten Mal sieht) und dennoch aus ihrer Rolle nicht ausbrechen kann; großartig ist dann auch ihr Widerstand gegen die Rückverwandlung in Madeleine, der allmählich in sich zusammenbricht. Und James Stewart hat wohl niemals etwas so intensiv gespielt wie Scotties Getriebenheit, seine Sehnsucht, die zur Besessenheit wird, und seine Leere im Moment des Verlusts; allein seine Blicke sind unvergeßlich. Beide Leistungen wären Oscarwürdig gewesen, so wie Hitchcocks Regie, so wie Robert Burkes Kameraarbeit, so wie Bernard Herrmanns ruhelose Musik. Doch Vertigo wurde zu seiner Entstehungzeit von Publikum und Kritikern gleichermaßen übersehen; seinen wirklichen Siegeszug trat der Film erst mit der Wiederaufführung in der Mitte der 80er Jahre an, als Hitchcock schon mehrere Jahre tot war. Heute freilich steht man in Bewunderung vor diesem Film, der wohl Hitchcocks lyrischste Schöpfung ist; Hitchcock hat hier zu einer wundervollen Form der filmischen Poesie gefunden, einer Poesie des Schmerzes freilich: Vertigo ist ein Werk von ungeheurer Traurigkeit.

(Erstmals veröffentlich bei kino.de im Jahr 2004, das Datum weiß ich nicht mehr...)

kino.de



Da ist er wieder. Sehr schön, daß diese Würdigung von Vertigo nicht verloren ist. Ein Film, der bei mir erst nach wiederholter Sichtung gewachsen ist, zu sehr war ich anfangs auf den Thrilleranteil fokussiert.
Die Rolle der Midge wird imho häufig unterschätzt. Sie kommt ein wenig mütterlich rüber, vielleicht aus heutiger Sicht zusätzlich wegen des Dallas-getrübten Blickes, jener Serie, in der Barbara BelGeddes die Übermutter des Clans spielt. Dabei versucht sie verhalten Scottie von seiner Obsession zu befreien, es wäre möglich, würde er nur die Frau in ihr sehen und nicht die langjährige Freundin. Ein weitere Facette des Schmerzes und der Traurigkeit, die Du in Deinem Text betonst.
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Mit Deinen Ausführungen zu Midge liegst Du sicher nicht verkehrt - ein Symptom für ihre Unterschätzung ist etwa der Umstand, daß in der verlorenen Diskussion von Midge, soweit ich mich erinnere, überhaupt nicht die Rede war. Dabei ist es durchaus eine Figur, die eine nähere Betrachtung verdient hat. Ein Anfang ist ja schon gemacht...
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Auch ich kenne diesen Text schon aus Kino.de-Zeiten, aber mir
war nicht mehr bewusst, wie gut er ist. Er verdient es sich wirklich
wieder einer Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden.

Midges Figur kommt übrigens im Roman gar nicht vor. Dass sie
bei Diskussionen über den Film oft vernachlässigt wird, liegt
wohl daran, dass wir Zuschauer(zum. die männlichen unter uns)
so wie Scottie eher von einer erotischen Traumfrau fasziniert sind so irreal sie auch immer sein mag, als von einer klugen selbstständigen und selbstbewussten Frau wie Midge...
Sie ist das genaue Gegenteil von Madeleine, und sie gibt Scottie
Halt. Wenn sie aus dem Film entschwindet, verliert Scottie
seinen letzten Anker in der Realität und Rationalität.
Und wenn dieser Film so wie du schreibst ein sehr persönlicher ist,
woran es kaum Zweifel geben kann, so enthält Midge möglicherweise einiges von Alma Reville, die Hitchcock auch nie davon abhalten
konnte, von seinen kühlen Blonden zu träumen, die er so gerne
disziplinieren wollte. Sie ist ihm aber im Unterschied zur Filmfigur nie
abhanden gekommen.
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Passt zwar nur bedingt hier dazu, aber trotzdem:
In Kürze kommt in den USA "Hitchcock" unter der Regie von Sacha Gervasi ins Kino. Dieser Spielfilm
spielt während der Dreharbeiten zu Psycho. Anthony Hopkins
ist Hitch, Helen Mirren Alma und Scarlett Johannson Janet Leigh.
Näheres inkl. des Trailers auf imdb.com
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Sehr lesenswerte Ausführungen zu Midge. Auf den Gedanken, daß sich in Midge manches von Alma wiederfindet, bin ich auch noch nicht gekommen, aber er ist auf alle Fälle sehr interessant. Und richtig ist auf alle Fälle, daß ihr Verschwinden ein Endpunkt ist, zumindest für Scottie.

Sieh da, von diesem Hitchcock-Film wußte ich noch gar nichts, vielen Dank für den Hinweis.
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