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Herr Settembrini schaltet das Licht an

Oberlehrerhafte Ergüsse eines selbsternannten Filmpädagogen




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The Life and Death of Colonel Blimp



"Colonel Blimp" ist, um dies für Leser, deren Vertrautheit mit dem Englischen ebenso gering ist wie die meine, gleich vorwegzunehmen, ein englischer Ausdruck für einen alten Oberst, eine Person dieses Namens kommt im Film keineswegs vor. Dieser erzählt vielmehr die Lebensgeschichte des englischen Offiziers Clive Wynne-Candy, der 1902 nach Berlin fährt, um dort (auf eigene Faust) etwas gegen anti-britische Propaganda zu unternehmen, wobei er sich so in Schwierigkeiten bringt, daß er sich duellieren muß, weil sich ein Ulanenregiment von ihm beleidigt fühlt; dabei geht das Duell mit dem ihm als Gegner zugeteilten Offizier Theo Kretschmar-Schuldorff jedoch nicht nur recht glimpflich über die Bühne, sondern begründet sogar eine Freundschaft mit Kretschmar-Schuldorff, die über die Jahrzehnte hinweg Bestand hat.
Der Film hat bei mir einen etwas ambivalenten Eindruck hinterlassen. Die erste Stunde des (rabiat gekürzten und nun erstmals seit Jahrzehnten wieder in seiner vollständigen Länge zu sehenden) Films zog sich für mich elend in die Länge, was vor allem an einer Erzählweise lag, die ich als unnötig weitschweifig, um nicht zu sagen, umständlich empfand, auch wenn es durchaus manche gelungene Szenen gab. Außerdem fand ich Wynne-Candy als Figur nicht interessant genug, um einen Film von über zweieinhalb Stunden Länge zu tragen.
Die zweite Hälfte gefiel mir allerdings deutlich besser. Die Freundschaft der beiden Männer, die besonders am Ende des Ersten Weltkriegs einer schweren Bewährungsprobe ausgesetzt ist, als Kretschmar-Schuldorff tiefe Verbitterterung über die deutsche Niederlage empfindet, rückt nun stärker ins Zentrum des Films, und mit ihr auch Kretschmar-Schuldorff, den ich als Figur deutlich interessanter fand und dem auch die meisten der wirklich eindringlichen Szenen zufallen.
In seiner Haltung und Aussage wirkt der Film dabei auch ein wenig ambivalent. Einerseits betont er die Notwendigkeit des Kampfes gegen die Nazis (und er läßt dies Kretschmar-Schuldorff aussprechen, der seinem alten Freund sagt, daß dies kein Gentleman-Krieg sei, sondern ein Überlebenskampf, der um jeden Preis gewonnen werden müsse), stellt andererseits aber gerade einen Deutschen vor, der durchaus Sympathieträger (und entschiedener Hitlergegner) ist, zeichnet also ein differenziertes Bild von "den Deutschen" (was Churchill gar nicht gern sah, er fand, der Film schade der Moral der britischen truppen) - und er macht deutlich, daß Wynne-Candy mit seinen Vorstellungen von einem mit geradezu sportlicher Fairness geführtem Krieg von der Zeit überholt worden ist, ohne aber seine Sympathie für diese Haltung zu verleugnen.
Letztlich also ein interessanter Film, wie bei Powell und Pressburger gewohnt gut fotografiert, der meine sehr hohen Erwartungen aber doch nicht so recht einlösen konnte, dafür verlor er sich für meinen Geschmack auch zu oft in Nebensächlichkeiten. Irgendwo las ich kürzlich, der Film gelte als "der britische Citizen Kane"; also das ist nun wirklich maßlos übertrieben, denn er bleibt sowohl von der inhaltlichen Komplexität als auch der Bilderfülle und dem formalen Einfallsreichtums des Welles-Meisterwerks weit entfernt (obwohl ich die Übergangsszenen, die das Vertreichen der Jahre darstellen, filmisch sehr gelungen fand). Alles in allem doch eine leichte Enttäuschung, was aber auch mit den sehr hohen Erwartungen meinerseits zusammenhängt.





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