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Herr Settembrini schaltet das Licht an

Oberlehrerhafte Ergüsse eines selbsternannten Filmpädagogen




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Filme im März



Hier ein knapper Überblick über die Filme, die ich im Verlauf des Monats gesehen habe:

Goya
Der Film erzählt wesentliche Stationen vom Lebensweg des berühmten Malers, wobei er recht frei mit den historischen Fakten umgeht (der Film basiert auf einem Roman Feuchtwangers, möglicherweise hat sich ja schon der diese Freiheiten herausgenommen) und sich vor allem auf Goyas Konflikt mit der Inquisition konzentriert und diesen noch dramatisch zuspitzt. Visuell ist der Film eindrucksvoll und bezieht Kunstwerke Goyas auf intelligente Weise mit ein; formal hat mich Goya verschiedenfach an das sowjetische Kino erinnert (das ging mir bei Ich war neunzehn übrigens auch schon so). Letztlich ist Goya ein Plädoyer für die Freiheit der Kunst; als Kritik an den Verhältnissen in der DDR (wo ja mal ein ganzer Defa-Jahrgang im Giftschrank verschwand) dürfte ihn der lienentreue Konrad Wolf freilich kaum gemeint haben, trotzdem ließe sich der Film auch in diesem Sinne interpretieren. Ein bemerkenswerter und kraftvoller Film.

The Straight Story
Das langsamste (und vielleicht auch schönste) Roadmovie: ein alter Mann will sich mit seinem Bruder versöhnen, mit dem er sich zehn Jahre zuvor zerstritten hat. Auf den ersten Blick scheint The Straight Story geradezu das Gegenteil des Alptraumkinos zu sein, wie man es von David Lynch sonst kennt, der zweite Blick macht dann aber deutlich, daß es in dem Film vor typischen Lynch-Motiven nur so wimmelt. Ein Film, der das Grauen in der Welt nicht verschweigt, ihm aber keine Bilder zugesteht und zeigt, daß ein erfülltes Leben in dieser Welt zumindest möglich ist - und das ist dann doch sehr tröstlich.

Paris, je t'aime
Ein als Liebeserklärung an Paris angelegter Episodenfilm, bei dem jede der 18 Episoden in einem anderen Arrondissement spielt und von ein einem anderen Regisseur inszeniert wurde, wobei sowohl vor als auch hinter der Kamere jede Menge Prominenz versammelt ist. Die Episoden sind von sehr unterschiedlicher Qualität, wobei jeder Zuschauer wohl zu einer anderen Einschätzung kommen dürfte, welche die starken und welche die schwachen sind. Mir gefielen etwa die Beiträge von Alfonso Cuarón, Gurinder Chadha und Wes Craven, während ich mit der Episode der Coen-Brüder wenig und jener Christopher Doyles überhaupt nichts anfangen konnte. Den stärksten Eindruck hinterließ bei mir aber die von Tom Tykwer inszenierte bildpoetische Episode, bei der ich hinterher herausfand, daß diese zunächst ein eigenständiger, drei Minuten längerer Kurzfilm war, der dann praktisch zur Keimzelle von Paris, je t'aime wurde. Der gesamte Kompilationsfilm hinterließ einen recht durchwachsenen Eindruck.

David wants to fly
Zu diesem Film habe ich mich ja schon in einem eigenen Filmtagebucheintrag geäußert.

The Liverpool Goalie oder: Wie man die Schulzeit überlebt!
Auch hier verweise ich auf den schon vorhandenen Eintrag in meinem Filmtagebuch.

Tödliches Kommando
Die Erfahrungen einer Einheit amerikanischer Soldaten im Irak. Mit der extrem unruhigen und ruckeligen Kamera tat ich mich anfangs sehr schwer, da ich nicht gerade der größte Freund dieses Stilmittels bin. Hier ist es aber trotzdem sinnvoll: denn man findet sich als Zuschauer überhaupt nicht zurecht, erkennt dann aber, daß es genau so eben auch den beobachteten Soldaten geht, für die es eigentlich nur darum geht, sich irgendwie zurechtzufinden, um vielleicht zu überleben. Dabei verdichtet sich der Film allmählich zu einer Charakterstudie seiner Hauptfiguren und beobachtet präzise das Verhältnis der Soldaten der Einheit zueinander und die dabei entstehenden Gruppenspannungen. Letztlich also doch ein ziemlich guter Film, der da den Oscar gewonnen hat, was ja bei der Academy keineswegs selbstverständlich ist.

GoodFellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia
Der vielleicht "soziologischste" aller Mafia-Filme, der auf wahren Begebenheiten basiert und sich weitgehend auch an diese hält (auch wenn ein paar Namen verändert sind und manche Details von der Realität abweichen). Henry Hill will schon als kleiner Junge ein Gangster werden, vor allem, weil er sich nach Anerkennung sehnt, und beginnt frühzeitig eine Verbrecher-Laufbahn, die ihn zu sehr viel Geld kommen läßt, schließlich aber in den psychischen und physischen Ruin führt. Präzise durchleuchtet Scorsese das Verbrecher-Milieu (und wirft dabei auch interessante und entlarvende Seitenblicke auf die Gangster-Ehefrauen), macht dessen Strukturen sichtbar und vermeidet jegliche Romantisierung: die Gangster, die er zeigt, sind aufbrausende Machos, die mit einer Selbstverständlichkeit, mit der normale Leute ihren Hausmüll runterbringen, Morde begehen (besonders der unberechenbare Psychopath Tommy bringt schnell schon mal jemanden um, wenn er sich beleidigt fühlt), im Grunde genommen aber völlige Nullen sind. Daß GoodFellas aber, obwohl es keine einzige Identifikationsfigur im Film gibt (wobei man Henry vielleicht zugute halten kann, daß er nicht ganz so gewaltbesessen ist wie die anderen Gangster, die man kennenlernt), überaus fesselnd ist, liegt vor allem auch an der grandiosen Inszenierung, mit der Scorsese sich auf dem Höhepunkt seines Könnens zeigt: allein schon die berühmte mehrminütige, mit einer Steadycam gedrehte Einstellung, die Henry und seine Frau beim Betreten eines Nachtclubs zeigt, läßt das Herz wohl jedes Cineasten höher schlagen. Auch sonst stimmt einfach alles: neben der Kameraarbeit auch der Schnitt und das Timing, und zudem wird GoodFellas von einer großartigen Darstelleriege getragen. Ein Meisterwerk.




"Paris, je t'aime" ist tatsächlich ein Film, von dem man sich am Ende fragt, ob sich das ausgegebene Geld gelohnt hat. Ich war wiederum von der Oliver Schmitz-Episode hingerissen und wurde durch das Ende (die Briefträgerin aus Chicago) mit den vielen Schwachstellen (zu denen, dies zu den unterschiedlichen Rezeptionsmöglichkeiten, das Tom Tykwer-Ding gehörte) versöhnt. - Hast du übrigens die Episode von Gus Van Sant verstanden? Ich hielt sie für eine schwule Liebesgeschichte, die zu spät "verstanden" wurde, bin aber mit meiner Erklärung nicht zufrieden.

@The Straight Story
:love: - Bring eine eingehende Besprechung! Ich würde mich dazu hinreissen lassen, hätte ich nicht vor längerer Zeit schon alles zu Lynch gesagt, was ich sagen konnte.
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Da bestätigt sich doch gleich meine Einschätzung, daß jeder wohl andere Episoden in "Paris je t'aime" vorziehen wird, wobei ich übrigens die Schmitz-Episode auch recht gelungen fand. Was die Episode Gus Van Sants betrifft, so kommt mir Deine Deutung schon recht plausibel vor, eine bessere hätte ich jedenfalls auch nicht anzubieten.

Bei "The Straight Story" müßte ich mich zu einem umfangreichen Text auch erst überwinden, einfach deshalb, weil ich vor Jahren schon mal einen geschrieben habe - und der war ziemlich gut, glaube ich. Aber der ist, wie so vieles andere auch beim plötzlichen Ende des kino.de-Forums im virtuellen Nichts verschwunden, und da habe ich auch nichts mehr auf Festplatte.
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Traurige Sache, wenn eine längere Besprechung, die man sich dem Herzen entrissen hat, einfach mir nichts, dir nichts verschwindet und dem Leser nicht mehr zugänglich gemacht werden kann. :(

Da ich eher für London als für Paris schwärme, hoffte ich, "Paris, je t'aime" würde mir die französische Hauptstadt - wenigstens im Film - unentbehrlich machen. Dies ist eher dem etwas unterschätzten "So ist Paris" (Paris, 2006-2008) von Cédric Klapisch gelungen, der scheinbar unverbundene Episoden am Ende locker, aber geschickt zusammenführt. Hier haben wir es natürlich auch mit einem durchdachten Drehbuch zu tun - und mit einem Regisseur, dem ich nie widerstehen kann. Dies als Tipp, falls du den Film nicht bereits kennen solltest.
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In der Tat traurig, und es sind in meinem Fall weit über 100 Texte, die so verloren gegangen sind - ein paar habe ich noch rekonstruieren können, aber der Löwenanteil ist futsch. Besonders um einen schönen Text zu "Citizen Kane" ist es schade...

In Wirklichkeit bin ich weder in London noch in Paris jemals gewesen, aber als Filmschauplatz ist der Zauber von Paris eindeutig stärker, zumindest auf mich - deshalb würde ich auch das echte Paris gar nicht unbedingt besuchen wollen, nach all den schönen Paris-Filmen, die ich gesehen haben, kann die Wirklichkeit eigentlich nur ent-täuschen (da behalte ich lieber meine Illusionen und bleibe getäuscht).
"So ist Paris" habe ich nicht nur nicht gesehen, sondern von dem Film bisher noch nicht mal gehört. Insofern nehme ich das mal dankend als echten Tip mit.
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Irgendwann muss ich mir die Straight Story nochmals anschauen.
Als ich ihn damals im Kino sah, war ich enttäuscht. Nach Lost Highway, einer meiner großen Kinoerfahrungen der für mich prägenden 90er Jahre und allem anderen was ich noch von Lynch kannte, etwa Blue Velvet, habe ich ganz was anderes erwartet als einen alten Mann, der auf einem Rasenmäher seinem Bruder entgegentuckert.

Ich fand Paris je t aime recht nett, und damit auch das Eintrittsgeld wert. Vielleicht aber wären längere, dafür aber weniger Episoden besser gewesen. Alexander Paynes Schlussepisode(mit der biederen Amerikanerin und deren schrecklichen Französisch),
die dialoglose Vampirgeschichte mit "Frodo", und Olivier Assayas (für mich der beste zeitgenössische Franzose) habe ich als überdurchschnittlich gut in Erinnerung.
Das echte Paris ist für mich ein ganz ganz faszinierender Ort, der tollste Ort an dem ich je ware.(das trifft auch auf die zwei pariser Kinos zu, in denen ich war ) Nur kenne ich das echte Paris nach wenigen Tagen als Tourist in dieser Stadt überhaupt?
Habe ich vielleicht einen ähnlich oberflächlichen und damit falschen Eindruck wie in Woody Allen in seinem ansonsten wunderbaren "Midnight in Paris" vermittelt?
London dagegen hat mich kalt gelassen.
Es gibt übrigens auch "New York I love you" der aber ziemlich gefloppt ist.
Ad So ist Paris
Das ist doch der Film mit der Binoche oder?
Ein recht schöner Film. Aber "Ein jeder sucht sein Kätzchen" (vermittelt schöne Paris-Bilder)und Auberge Espagnol
haben mir noch besser gefallen.
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@Antoine Doinel

Stimmt! "Paris" ist der Film mit der Binoche. Und Romain Duris aus "L'auberge espagnole" spielt einen Mitdreissiger, der nicht weiss, ob er sterben wird und sich Geschichten zu Menschen ausdenkt, die er von seinem Dachfenster aus beobachtet. Ich benötigte ein wenig "Anlauf", fühlte mich am Ende aber bewegt. - Danke für den Hinweis auf "Chacun cherche son chat"! Auf den hätte ich schon von selber kommen müssen. Wird augenblicklich vorgemerkt. :)

Und was die beiden "L'auberge espagnole"-Filme anbelangt: Man gibts zwar nicht gern zu; aber :love:
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