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Herr Settembrini schaltet das Licht an

Oberlehrerhafte Ergüsse eines selbsternannten Filmpädagogen




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So (ungefähr) hätte meine kino.ED-Liste ausgesehen...



Den kino.de-Emigranten muß ich sicher nicht erklären, was der kino.ED ist bzw. war, für andere sei dies hier kurz erläutert: der kino.ED war ein von der kino.de-Community vergebener Filmpreis, der in einer Reihe von Kategorien verliehen wurde (auch wenn wohl kein Preisträger jemals von seinem Glück erfahren hat...). Dabei haben alle Forenmitglieder, die an der Wahl teilnahmen, Listen mit ihren Favoriten in den einzelnen Kategorien unter den Filmen eines Jahres, die einen regulären Kinostart geschafft hatten oder auf DVD veröffentlich worden waren, zusammengestellt (Festivalfilme blieben also für gewöhnlich außen vor, was zu ständigen Diskussionen führte), und nach einem ausgeklügelten Punktesystem wurden aus diesen Listen dann Nominierungen für die einzelnen Kategorien erstellt, und in einem zweiten, geheimen Wahlgang wählten die Mitglieder des Forums dann unter den Nominierten die Preisträger aus. Ungefähr wie beim Oscar eben...

Ich gehörte zu denjenigen, die sich immer mehr für die einzelnen Listen als für das Endergebnis interessiert haben, und so habe ich auch dieses Jahr eine kleine Liste zusammengestellt. Dabei habe ich wieder einmal nur recht wenige der aktuellen Kinofilme gesehen, doch soweit eine solche Stichprobe Rückschlüsse auf das Filmjahr insgesamt zuläßt, kann ich durchaus sagen, daß es ein ungewöhnlich gutes Jahr war. Dies gilt ganz besonders für die Spitzenwerke: so hätte etwa mein drittplatzierter Film in vielen schwächeren Jahren eine hervorragende Nummer 1 abgegeben. Umgekehrt ist mir der wirkliche Bodensatz erspart geblieben (was wohl mit meiner Auswahl zusammenhängt, denn Schrott hat es ganz bestimmt wieder gegeben).

Nun aber genug der Vorrede, ich will vielmehr gleich auf die ED-relevanten Filme dieses Jahres, die ich gesehen habe, kurz eingehen.

So hätte meine Liste ausgesehen:

1. MELANCHOLIA
Schon der Titel ließ mich vermuten, daß der Film mir sehr gefallen würde, benennt er doch das Gefühl, das zum beherrschenden meines Lebens geworden ist. Ich scheine seit Jahren auf diesen Film gewartet zu haben (auch wenn ich wohl nicht wußte, daß ich gerade auf diesen warte), und so ist "Melancholia" der äußerst seltene Fall eines Films, der ohnehin schon hohe Erwartungen noch übertrifft: ein atemberaubender Film über Depression, Todessehnsucht und Todesangst, ein Todestanz, dessen Ende niederschmetternd und befreiend gleichzeitig ist und der als Katastrophenfilm betrachtet wohl weiter geht als irgendein Film zuvor und zugleich souverän auf so gut wie alles, was Katastrophenfilme ausmacht, verzichtet und sich ganz auf seine Hauptfiguren konzentriert, ein Meisterwerk, dessen Bilder, Töne und Stimmungen auch nach über zwei Monaten noch so präsent in meinem Kopf sind, wie es nur ganz selten einmal passiert. Ich weiß nicht, ob es am Ende des 21. Jahrhunderts die Menschheit noch geben wird und halte es eigentlich für unwahrscheinlich - wenn es sie (und das Kino) noch geben wird, dann wird nach meiner Überzeugung "Melancholia" zu den großen Filmen dieses Jahrhunderts gezählt werden.


2. The Tree of Life
Als Bilderrausch hinreißend und auch als Familiendrama gut - und doch habe ich es (wie ich schon direkt nach dem Kinobesuch schrieb) nur knapp geschafft, Terrence Malicks Film großartig zu finden, denn er schrammt nur um Haaresbreite am Esoterikquark vorbei. Aber da er die Kurve irgendwie doch kriegt, ist er summa summarum nicht nur ein großer, kraftvoller Film, sondern auch einer der Höhepunkte des Filmjahres 2011. Aber so sehr ich den Film auch bewundere, muß ich doch anmerken: in der Richtung, die er zuletzt eingeschlagen hat, sollte Malick lieber nicht noch weiter gehen. Das war ganz toll, aber mach das bloß nicht noch mal!

3. Nader und Simin
Ein überaus eindringliches Drama, getragen vor allem von einem klugen Drehbuch und einer durchweg überzeugenden Darstellerriege. Ein bewegender Film, der außerdem auf subtile Weise auch die Zustände in der iranischen Gesellschaft kritisiert.

4. Almanya - Willkommen in Deutschland
Ein überaus sympathischer Film, der allerlei Klischees aufs Korn nimmt und dabei auch formal einige reizvolle Einfälle vorzuweisen hat. Wobei der Film dann freilich keine reine Komödie ist, sondern besonders in der zweiten Hälfte doch einen ernsthafteren Ton anschlägt. Ich mochte diesen Film jedenfalls sehr, allein schon für die hinreißende Erklärung, was man unter "deutscher Leitkultur" zu verstehen hat.

5. Der Gott des Gemetzels
Ein zum Teil beklemmender, zum Teil aber auch zum Schreien komischer Kleinkrieg im Wohnzimmer, und vor allem wunderbar gespielt.

6. Midnight in Paris
Woody Allen nimmt den Zuschauer auf eine vergnügliche Zeitreise in die 20er mit und läßt allerlei Künstlergrößen jener Zeit auftreten. Für mich einer der besseren Allen-Filme und unbedingt einer der gelungensten von seinen jüngeren. Warum er trotzdem nur auf Platz 6 liegt? Ganz einfach, weil, dies (nach meinem Empfinden) eben ein starker Jahrgang war!

7. Jane Eyre
Eine ansprechende Literaturverfilmung, die nur wenig falsch und das meiste richtig macht.

Dann noch die weiteren Filme des aktuellen Kinojahres ohne Platzierung:

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 2
Der zweite Teil konnte leider, jedoch erwartungsgemäß, das Niveau des ersten Teils nicht halten, sondern wird vor allem von Effekten geprägt, während manches von Reiz (besonders die Snape-Geschichte) im Schnelldurchgang abgehakt wurde. Einige gute Momente gab es aber trotzdem, und alles in allem entsprach der Film ungefähr meinen Erwartungen.

Source Code
Ein ordentlicher Science-Fiction-Film, der Realität hinterfragt und ethische Fragestellungen anschneidet, aber trotzdem so gut wie gar keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

Tom Sawyer
Eine weitere Literaturverfilmung, die einiges richtig, aber leider auch jede Menge falsch macht. Und das ist vor allem auch deshalb schade, weil ich besonders von den beiden Jungen, die Tom und Huck spielen, wirklich angetan war.

Eine vernünftige Lösung
Ein tragikomisches Beziehungsdrama um zwei Ehepaare, wobei es zu einer Affäre zwischen zwei der vier Beteiligten kommt. Kein wirklich schlechter Film, aber einer, der so gar keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hat.

Schon im letzten Jahr sah ich außerdem noch

Bibliotheque Pascal,
der mich aber damals recht ratlos zurückgelassen hat, und ich hatte auch nie wirklich Lust auf einen zweiten Anlauf.

Das waren dann die Filme, die für den kino.ED 2011, wenn es ihn denn gegeben hätte, relevant gewesen wären. Traditionsgemäß habe ich an dieser Stelle auch immer noch meinen sonstigen Kinobesuchen entsprechenden Raum eingeräumt. Diese Mühe schenke ich mir dieses Jahr, und fasse mich in der Beziehung eher kurz.

Bei der Berlinale habe ich diesmal 16 Filme gesehen, mehr als je zuvor; allein sechs davon in der Bergman-Retrospektive. Im Rahmen dieser lief auch mein diesjähriger Berlinale-Favorit Skammen (Schande), den ich herausragend fand; aber auch Nattvardsgästerna (Licht im Winter) (der deutsche Titel ist übrigens idiotisch) und En lektion i kärlek (Lektion in Liebe) gefielen mir sehr.
Von den aktuellen Filmen, die ich bei der Berlinale sah, waren die folgenden drei meine persönlichen Favoriten:

Shanzha shu zhi lian (Under The Hawthorn Tree)
Wohl mein Liebling unter den aktuellen Berlinale-Filmen, ein Film, den ich so von Zhang Yimou gar nicht mehr erwartet hätte, und der mir den Glauben an seine Filme zurückgegeben hat. Eine ungemein zart erzählte Liebesgeschichte in den Zeiten der Kulturrevolution, womit dies auch Zhangs politischster (und kritischster) Film seit langem ist.

A Torinoi Lo (Das Turiner Pferd)
ist künstlerisch vielleicht noch wertvoller, hat mich persönlich aber weniger angesprochen als der zuvor genannte Film. Vom rein filmästhetischen Standpunkt aus ist der Film freilich eine Augenweide, er verlangt dem Zuschauer aber auch eine Geduld ab, die ich nicht immer aufbringen konnte.

Sehr stark fand ich auch noch:

On the Ice
Ein Drama über Schuld und Sühne im eisigen Alaska: sehr packend und dicht, mit hoher äußerer, mehr noch aber innerer Spannung.

(Zusammen mit den sieben "numerierten" Filmen aus dem regulären Kinoprogramm ergäbe das denn eine Top Ten für 2011, wobei ich bei der Reihenfolge unsicher bin. An den ersten beiden Plätzen würde sich aber nichts ändern).


Schwach fand ich dagegen Coriolanus, und Vampire war von allen 16 Filmen, die ich sah, der, auf den ich am leichtesten hätte verzichten können. Das freundlichste, was ich über diesen Film sagen kann, ist, daß ich bei Berlinale-Besuchen in früheren Jahren Filme gesehen habe, die ich noch schlimmer fand.

Sonstige Kino-Höhepunkte waren dann:

Blaubarts achte Frau

The Circus

Eine Landpartie

Der streunende Hund


Soweit also mein diesmal stark gekürzter Jahresrückblick.


Zum Abschluß noch ein paar Worte zu den einzelnen ED-Kategorien: Hier habe ich zwar auch ein wenig damit begonnen, Listen zusammenzustellen, aber da eben dies im Bewußtsein geschah, daß es einen richtigen ED diesmal wohl nicht geben wird, habe ich mir in den meisten Fällen auch nicht lange den Kopf über Platzierungen zerbrochen, sondern meistens nur überlegt, welcher Film bei mir den Spitzenplatz einnähme. Das Ergebnis sähe in etwa so aus:

BESTE REGIE:

1. Melancholia (natürlich, was sonst)
2. The Tree of Life
3. da bin ich schon unsicher: "Nader und Simin", "Almanya" oder vielleicht doch "Der Gott des Gemetzels"???

BESTES DREHBUCH:

Hier war es gar nicht so einfach, aber letztlich setzte sich auch hier mein Jahresfavorit knapp durch:

1. Melancholia
2. Nader und Simin
3. Midnight in Paris

Beim "Gott des Gemetzels" weiß ich letztlich nicht, inwieweit das Drehbuch sich vom Bühnenstück unterscheidet, deshalb tat ich mich hier auch mit einer Einschätzung schwer...

BESTER HAUPT- UND NEBENDARSTELLER:

Hier wäre ich wohl auch bei einem regulären ED in die Bredouille gekommen, da mir eine Entscheidung sehr schwer gefallen wäre. Daher nur mal kurz: ich fand Christoph Waltz als zynischen Anwalt in "Der Gott des Gemetzels" toll, ich fand Michael Fassbender in "Jane Eyre" ausgezeichnet (aber ist das eine kleine Hauptrolle oder eine große Nebenrolle?), ich war beeindruckt von Peyman Moaadi in "Nader und Simin", und ich war auch noch äußerst angetan von Louis Hofmann in "Tom Sawyer", um nur einige Darsteller zu nennen, die einen guten Eindruck bei mir hinterließen - aber eine Abfolge zu erstellen wäre mir schwer gefallen, und daher hätte ich hier vermutlich ohnehin kein Votum abgegeben, sondern mich auf die Ensemble-Sparte konzentriert.

BESTE HAUPTDARSTELLERIN:

1. Kirsten Dunst für "Melancholia"
Überragend. Und so überraschend, denn ich hatte vorher keine Ahnung, daß Frau Dunst zu einer solchen Leistung in der Lage ist.

2. Charlotte Gainsbourgh, ebenfalls "Melancholia"
3. wäre schon wieder schwierig: Leila Hatami, Jodie Foster, Kate Winslet oder Mia Wasikowska wären hier wohl alle in Frage gekommen.

BESTE SZENE:
wegen meines nicht so tollen Szenengedächtnisses tat ich mich mit der Sparte ohnehin immer schwer, auch hier nur zwei Favoriten:

1. Melancholia: Schlußszene
Überwältigend, insbesondere auch emotional überwältigend, eine Szene, die ganz widersprüchliche Gefühle in mir hervorrief, zermalmend und erlösend

2. Melancholia: Prolog
Filmkunst in höchster Vollendung

Ansonsten hätte ich vermutlich mit Szenen nur aus diesem Film eine Top Ten füllen können...

BESTES ENSEMBLE:
Hier gab es nun so einige vortreffliche Filme, auch durchaus typische Ensemblefilme. Insbesondere wären zu nennen:

1. Nader und Simin (Ensemble-Film par excellense)
2. Der Gott des Gemetzels
3. Melancholia
4. Almanya
5. The Tree of Life (besonders wegen der drei Jungs - so was von natürlich! Aber Brad Pitt ist auch sehr gut)

BESTE KAMERA:

außer Konkurrenz, aber "eigentlich" an der Spitze: A Torinoi Lo

1. The Tree of Life
2. Melancholia

Einen ZELLULOIDVERSCHWENDER habe ich im regulären Kinoprogramm nicht gesehen, der einzige Film, den ich so schlecht fand, daß ich in Versuchung hätte kommen können, war "Vampire" - aber der lief ja nicht im regulären Kinoprogramm, soweit ich weiß.

Mit Der GRÖSSTEN ENTTÄUSCHUNG sieht es ähnlich aus: "Tom Sawyer" war zwar eine Enttäuschung, aber ich war schon mit einer gesunden Prise Skepsis in den Film hineingegangen, und als Katastrophe empfand ich ihn nun auch wieder nicht.
Die wirklich größte Enttäuschung dieses Jahres war für mich DREILEBEN. Es ist mir unbegreiflich, warum es dafür soviel Lob von den professionellen Kritikern gibt. Haben die etwa alle die viel bessere Grenoble-Trilogie von Lucas Belvaux nie gesehen?

So ungefähr hätte also mein kino.ED-Votum ausgesehen!




Bis auf "Willkommen in Deutschland" kenne ich alle Filme der Top 7. "Nader und Simin" fand ich auch ganz großartig in seiner wertfreien und differenzierten Darstellung seiner Figuren, ihres sozialen Umfelds sowie der iranischen Gesellschaft und ihrer Konventionen. Allerdings fand ich es arg billig dass die Sache mit dem Auto am Zeitungskiosk ausgespart wurde, in dem diese Szene einfach frühzeitig beendet wurde, um hinterher einen Aha-Effekt zu erzielen. Das war aber auch schon die einzige stilistische Unfeinheit, die mir in diesem Film aufgefallen ist. Ansonsten fand ich den Film durch und durch interessant, intelligent und stellenweise sogar richtig berührend. Sehr schön auch die um Authentizität bemühten Handkamera-Bilder. Keitels Sehempfehlung hat sich also richtig gelohnt; ich bin sehr angetan von dem Film.
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Da habe ich gerade noch mal Hand an meinen Beitrag angelegt, weil ich mich bei einem Titel vertippt hatte - und siehe da, ich entdecke einen ganz frischen Kommentar!
Das von Dir kritisierte Detail empfand ich übrigens nicht als störend, und ansonsten ist ja ein hohes Maß an Übereinstimmung festzustellen, was "Nader und Simin" betrifft. Der hätte auch einen umfangreicheren Kommentar verdient, aber meinen (noch verfügbaren) "laste Seen"-Beitrag wollte ich nicht einfach kopieren, und für die ausführlichen Betrachtungen fehlte mir diesmal der Atem.
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Hätte etwas mehr mit The Tree of Life oder besser Terrence Malick gerechnet. Kenne außer MELANCHOLIA nur noch Source Code. MELANCHOLIA so weit oben ist nachvollziehbar. Ich bin mal gespannt auf Gerngucker. Bin mir nämlich nicht sicher, was ich Dir aus diesem Jahr empfehlen könnte.
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Habe von den aufgelisteten Filmen zwar kaum was gesehen, finde diese Art Rückblick aber klasse! :) Es gibt bei uns auch immer noch ein Extra-Thread für Jahresrückblicke. B)
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@Wann: ich hatte selbst eine ganze Weile gedacht, Malick würde bei mir am Jahresende ganz oeben stehen. Aber dann kam eben "Melancholia" und schlug bei mir mit so ungeheurer Wucht ein, daß ich auf Anhieb wußte: das war für mich der Film 2011!

@Howie: Wie ich eingangs erwähnt habe, gab es bei kino.de sogar einen richtigen Preis, und solche Listen waren die Grundlage dafür. Wobei manche nur eine Liste zusammengestellt haben, während ich es immer schöner fand, auch ein paar Kommentare zu schreiben und bei der Gelegenheit auch noch auf sonstige Kinobesuche einzugehen. Verglichen mit meinen früheren Rückblicken (die ja nun alle futsch sind) ist dieser sogar recht knapp ausgefallen...
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So, nun habe ich auch meinen Jahresrückblick fertig- und online-gestellt und kann nun auch zum Kommentieren deiner Zeilen erscheinen.
Im weitesten Sinne sieht deine Liste aus wie von mir erwartet.
"Melancholia" als dein Spitzenfilm überrascht daher keineswegs. Und ich kann auch gut nachvollziehen, dass er dich so beeindruckt hat. Für mich ist er dennoch jener von den drei großen Apokalypsen in diesem Kinojahr, dem ich am ehesten kleinere Schwächen nachsagen kann. Das wäre für mich zum einen das gefühlt zu lange Hochzeitskapitel, ein unerklärbarer, rein der Ästhetik dienender Schattenwurf und das zugedrückte Logik-Auge, welches die Planetenbahnen einfordern. Aber ich gebe unumwunden zu, dass auch mir das nur bedeutungslose kleine Makel sind. Wichtig ist der gewaltige, vereinnahmende metaphorische Gesamteindruck, der auch bei mir richtig gut funktionierte.
Am ehesten bin ich überrascht, dass sich "The Tree of Life" auf der 2 behaupten konnte. Deine Umschreibung "nur knapp geschafft, Terrence Malicks Film großartig zu finden" klingt eigentlich nicht nach dieser hohen Platzierung. Ich hatte da eher mit "Nader und Simin" oder gar "Midnight in Paris" auf der Vizeposition gerechnet. Für mich war "The Tree of Life" schon im Moment des Sehens ein eher grenzwertiger Film, der ebenso toll verzaubert wie durch religiös/esoterisch motivierte Überhöhung zerstört. Malick wollte für mich zuviel mit diesem Film. Und er strauchelte bei mir rückblickend gesehen dann doch gehörig, denn als ich dem Film jüngst eine zweite Chance zugestanden habe, rückte ich noch weiter von ihm ab, als ich es nach dem Kinobesuch schon tat. Zurück bleiben für mich hauptsächlich die tolle Kameraführung, die fließende Inszenierung und die guten Schauspieler.
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Lustig, ich hatte gerade einen Kommentar bei Deinem Jahresrückblick hinterlassen - da haben wir also praktisch gleichzeitig den Rückblick des anderen kommentiert.

Zu Deinen Kritikpunkten bei "Melancholia": die Hochzeit war mir keineswegs zu lang, da hatte ich keine Probleme. Daß die Art, wie die Katastrophe zustandekommt, astrophysikalisch natürlich Unsinn ist (es stimmt wirklich hinten und vorne nicht), ist freilich richtig, und wenn ich überhaupt etwas an dem Film monieren würde, dann genau das (der Schattenwurf ist mir dagegen gar nicht so aufgefallen). Und da ich ja in grauer Vorzeit mal Physik als Nebenfach im Studium hatte, müßte ich mich ja nun erst recht darüber aufregen. Aber da mich der Film ansonsten so überwältigte, habe ich da ein Auge zugedrückt, zumal auch etliche andere meiner Lieblingsfilme Unwahrscheinlichkeiten, Logiklöcher oder ähnliches enthalten (mit den Absurditäten, die in Hitchcock-Filmen auftreten, könnte man Bücher füllen...). Ich glaube, die einzigen Filme, die ihr Thema vergleichsweise korrekt darstellen, sind Filme wie "Die amerikanische Nacht", die vom Filmemachen handeln. Insofern habe ich auch hier gern drüber hinweggesehen (nebenbei: selbst Physiker sind erstaunlich tolerant, was physikalischen Unsinn in Film und Fernsehen betrifft, so sind etliche Physiker Star-Trek-Fans...).

"The Tree of Life" fand ich als Bilderrausch und Weltgedicht doch schon sehr beeindruckend. Das Esoterisch-Religiöse hat mich zwar in der Tat auch gestört, aber das hat sich eher so ausgewirkt, daß er im Vergleich mit "Melancholia" deutlich zurückblieb, aber ich fand dann immer noch genug in Malicks Film, was ich toll fand, um einen zweiten Platz zu rechtfertigen. Vielleicht hätte ich eine andere Formulierung wählen sollen.
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Überhaupt zu erwägen, einem Film wie MELANCHOLIA seine Unphysik vorzuwerfen, irritiert mich. Warum eine Verpflichtung der Filmemacher, logisch und physikalisch korrekt zu sein? Besonders bei einem Film, der den Zusammenprall zweier Planeten nicht als astronomisches, sondern ästhetisches, psychologisches und poetisch-symbolisches Ereignis porträtiert. Ich muss den Film ja gar nicht gegen euch verteidigen, da ihr ihn ja wohl toll fandet. Aber meine Verwunderung über diese Physik-und-Logik-Diskussionen muss ich immer wieder zum Ausdruck bringen. Wenn jemand Goethes MAILIED liest, sagt er ja (hoffentlich) auch nicht: "Aber die Flur kann doch nicht lachen..."
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Dass die Regeln der Physik in "Melancholia" außer Kraft gesetzt sind, liegt an der mystischen Schwester, gespielt von Kirsten Dunst, die den Planeten (bewusst oder unbewusst) Kraft ihrer depressiven Gedanken anzieht, weil sie sich tief im Inneren das Ende allen Seins herbeiwünscht. Es wird ja mehrmals angedeutet dass die melancholische Ms Dunst den Weltuntergang bedingt oder zumindest bedingen könnte.

Die Realitätsferne und Surrealität von "Melancholia" zu kritisieren ist m. E. genau so sinnvoll wie einem Horrorfilm vorzuwerfen dass da Geister und Monster auftauchen. Oder in der Oper zu sitzen und zu bemängeln dass in Louis Spohrs "Faust" der Teufel auftaucht.

So wie "Melancholia" beschaffen ist (nämlich poetisch, surreal traumhaft und dementsprechend von durchstilisierter Ästhetik), ist für mich persönlich ersichtlich dass der Film überhaupt kein Abbild der Realität sein will.
Das wird meines Erachtens schon in der Eröffnungssequenz mehr als deutlich.

Das ist in erster Linie ein Film über Gemütszustände, über die Befindlichkeiten der beiden Frauen -- poetisch und mystisch verpackt. :)
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Ich verweise nochmal auf den Untertitel meines Filmtagebuchs: Oberlehrer sind eben so!
Ansonsten ist natürlich richtig, daß "Melancholia" als vor allem poetisch-metaphorisch angelegter Film angelegt ist, und auf dieser Ebene ist die Astrophysik tatsächlich unwichtig. Ich finde aber, daß er auf mehreren Ebenen zugleich funktioniert, und da halte ich auch die Lesart für zulässig, daß er als Katastrophenfilm zeigt, wie Menschen mit dem bevorstehenden Untergang umgehen. Und wenn man diesen Blickwinkel einnimmt, dann halte es auch für legitim, solche Gesichtspunkte wie den von Gerngucker und mir diskutierten anzusprechen. Daß ich diesen Gesichtspunkt für nicht besonders wichtig halte, ist ja wohl deutlich, denn sonst wären meine Worte weniger euphorisch.

Ein kleiner Exkurs noch nebenbei: auf Logik lege ich eigentlich immer Wert, auch in Filmen, die Naturgesetze ignorieren. Soll heißen: die Welt, die ein Film entwift, muß in sich schlüssig sein. Das hat Umberto Eco besonders gut erläutert (in seiner "Nachschrift zum Namen der Rose"):

Man kann sich auch eine ganz irreale Welt errichten, in der die Esel fliegen und die Prinzessinen durch einen Kuß geweckt werden, aber auch diese rein phantastische und "bloß mögliche" Welt muß nach Regeln existieren, die vorher festgelegt worden sind (zum Beispiel muß man wissen, ob es eine Welt ist, in der Prinzessinnen nur durch den Kuß von Prinzen geweckt werden können oder auch durch den Kuß einer Hexe, und ob der Kuß einer Prinzessin nur Kröten in Prinzen zurückverwandelt oder auch, sagen wir, Gürteltiere).

So sehe ich das auch, was Science-Fiction- oder Fantasyfilme betrifft, weil ich da häufig Argumente lese wie "Ist doch Fantasy, da muß man sich doch nicht um Logik scheren". Genau dem stimme ich überhaupt nicht zu. Ich habe gar nichts gegen Geschichten mit feuerspeienden Drachen und Zauberern, die Menschen in Schweine verwandeln können, aber ein solcher Film (ode Roman) darf nicht mittendrin die Spielregeln ändern, das ist dann unlogisch und einfach ein Zeichen von Schludrigkeit.
Ein Sonderfall sind natürlich noch Traumsequenzen oder überhaupt Filme, die im Reich der Träume angesiedelt sind bzw. die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verwischen. Das ist nun tatsächlich ein besonderer Fall, da Träume ja tatsächlich sehr konfus sein können. Trotzdem gibt es auch so etwas wie eine innere Traumlogik, und das zeigt sich (meiner Meinung) bei Filmen auch immer wider recht deutlich, da gibt es solche Traumszenen, die ganz überzeugend wirken, so daß man denkt: "Dies könnte wirklich jemand geträumt haben" - Bunuel ist ein gutes Beispiel dafür. Und dann gibt es Traumszenen, denen man sofort ansieht, daß ein Drehbuchautor sie am Reißbrett entworfen hat - und die wirken dann auch nicht besonders überzeugend.
Soweit der kleine Exkurs zum Thema LOGIK in Filmen (und nicht nur in Filmen), der allerdings eingestandenermaßen mit "Melancholia" kaum etwas zu tun hat.
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Um diese Logik - also die Konsistenz einer diegetischen Welt - ging es mir nicht. (Da ist gegen unseren italienischen Lieblingssemiologen auch gar nichts einzuwenden.) Eher benutze ich den Bergiff immer für all jene Angriffe auf Filme, die sich auf unrealistische, auf inauthentische, auf so nicht mögliche Elemente in einem Film beziehen. Grundsätzlich bin ich dem negativ eingestellt, weil man auf Grundlage einer solchen Prämisse ausnahmslos jeden Film argumentativ totschlagen könnte. Die Möglichkeit dieser Absolutheit stört mich. Natürlich kann man das auch differenzierter betrachten, kann z.B. wie du sagen: MELANCHOLIA ist neben psychologischer Studie und poetischer Weltuntergangsstimmung eben auch Katastrophenfilm, der deutliche Hinweise darauf gibt, dass der Planet auf Kollisionskurs ein physikalischer Fakt in der erzählten Welt des Films ist. Zweifellos ist das so - und wenn man diesen physikalischen Fakt auf tatsächliche astrophysikalische Möglichkeit hin abklopft, würde er sicher unlogisch (im von mir gemeinten Sinn). Aber zwei Aspekte, die diesen Kritikpunkt für mich hinfällig machen:
(1) MELANCHOLIAS Nähe zum Katastrophengenre ist nun wirklich nur angedeutet.
(2) Gerade das Katastrophengenre lebt von der Übertreibung und Verkehrung physikalischer Wahrheiten, um seine Katastrophen in Gang zu setzen. Zwar nicht in einer so krassen Weise, wie dies im Film geschieht - aber in dem Fall würde es sich fast lohnen, hier von einer Formalisierung des archetypischen Genre-Musters auszugehen. So würde sich eine angebliche Schwäche vielleicht sogar als experimentelle Spielerei herauststellen können...
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Nun gut, wenn ich von "Logik", dann meine ich das immer in dem von mir verwendeten Sinn, denn Unwahrscheinlichkeiten, Unmöglichkeiten oder andere Dinge (Anachronismen im Historienfilm etwa) fallen für mich einfach nicht unter den Begriff der Logik. Da denke ich dann wirklich an Aussagenlogik, Wahrheitstafeln etc..

Nun aber zu den Unwahrscheinlichkeiten, Unmöglichkeiten: teilweise stimme ich zu, aber nicht komplett. Ich stimme zu, daß man es damit nicht übertreiben sollte, denn ansonsten könnte man überhaupt nur noch Dokumenarfilme gelten lassen, da sich in praktisch allen Spielfilmen etwas finden läßt, das im Sinne von Wahrscheinlichkeit, Plausibilität etc. etwas finden läßt. Manchmal ist das Unmögliche ja sogar Vorausssetzung, es wäre albern, einem "Harry Potter"-Film vorzuwerfen, daß dort gezaubter wird.
Auf der anderen Seite finde ich es aber auch bedenklich, alle Einwände solcher Art generell abzuwürgen, denn das wäre dann ein Persilschein für Filmregisseure (oder Romanautoren), sich Schlampigkeiten aller Art zu leisten. Ich halte es eher so: ein Romanautor oder Filmregisseur sollte Unmöglichkeiten nach Möglichkeit vermeiden; das ist aber nicht immer möglich, wie Science Fiction und Fantasy zeigen. Viele Science-Fiction-Geschichten setzen Unmöglichkeiten wie überlichtschnellen Flug oder Zeitreisen voraus, und da muß der Autor bzw. Regisseur dann die Physik entsprechend verbiegen. Wenn er dies allerdings bei Dingen tut, bei denen es für die Geschichte überhaupt nicht erforderlich ist, sieht das schon etwas anders aus.
Das sehe ich dann ganz ähnlich wie Aristoteles, der sich in seiner Poetik schon vor über zweitausend Jahren mit solchen Fragen beschäftigt hat. Aristoteles schreibt etwa:

"Wenn ein Dichter Unmögliches darstellt, liegt eine Unrichtigkeit vor.Doch hat es hiermit gleichwohl seine Richtigkeit, wenn die Dichtung auf diese Weise den ihr eigentümlichen Zweck erreicht [...] Wenn sich jedoch der Zweck ohne Verstoß gegen die jeweils zuständige Disziplin besser oder nicht schlechter hätte erreichen lassen, liegt eine Unrichtigkeit vor."

Dem stimme ich grundsätzlich zu: wenn also ein Buch oder Film ein physikalisches Gesetz bricht, mit historischen Fakten leichtfertig umgeht oder ähnliches, dann stellt sich eben die Frage, ob dies eine bewußt in Kauf genommene Unrichtigkeit im Dienst einer poetischen Idee ist - oder ob der Autor bzw. Regisseur einfach nur keine Ahnung hatte und zu faul zum Recherchieren war, und da halte ich dann Einwände sehr wohl für erlaubt, denn ich glaube, ein großer Teil der Unrichtigkeiten läßt sich auf die letztgenannte Ursache zurückführen. Wenn also Derek Jarman in "Caravaggio" Motorräder und Taschenrechner vorkommen läßt, dann ist das natürlich ein gewollter Anachronismus. Wenn dagegen in einem Ritterfilm im Mittelalter Tomaten verzehrt würden, hätte ich den Verdacht, daß die Macher des Films nicht wußten, daß die Tomate aus Amerika stammt - und wenn es so wäre, wäre dies einfach eine Schlampigkeit.
Wenn das nun der einzige Fehler dieses Ritterfilms wäre, dann fiele das natürlich kaum ins Gewicht. Auch da hat Aristoteles schon die richtige Frage gestellt: von welcher Art ist der Fehler? Er war nämlich ganz zu Recht der Auffassung, daß nicht alle Fehler gleichermaßen schwer wiegen.

Bezogen auf "Melancholia", um zu dem zurückzukommen, wäre dann also mit Aristoteles zu fragen: hätte sich der Zweck ohne Verstoß gegen die Physik auf bessere oder gleichwertige Weise erreichen lassen? Darüber könnte man wohl trefflich streiten, was ich aber nicht vorhabe. Und zwar deshalb, weil ich eben auch dann, wenn man zum Ergebnis käme, daß eine Unrichtigkeit (im Sinne von Aristoteles) vorliegt, dieser nur ein geringes Gewicht beimessen würde.

Ich gebe zu: ich mag die Poetik sehr. Obwohl sie so alt ist, hat man manchmal den Eindruck, der Mann schriebe über Filme.

Was dann noch den Hang zur Meckerei betrifft: jeder meckert nun mal über Ungenauigkeiten auf den Gebieten, mit denen er sich auskennt: Historiker ärgern sich über fast(?) alle Historienfilme, Polizisten über Krimis, Juristen über Gerichtsfilme usw.. Dagegen kommt man schwer an. Und da ich, wie erwähnt, im ersten Studium mal Physik als Nebenfach hatte, achte ich eben auch ein wenig auf solche Dinge - nicht so sehr wie ein richtiger Physiker es vielleicht tun würde. Dazu fällt mir noch die Anekdote ein, daß an einer kanadischen Universität wohl ein Physikprofessor seinen Studenten den Film "The Core" vorgeführt hat, verbunden mit der Aufgabe, die zahlreichen physikalischen Fehler darin zu finden!
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Über Ungenauigkeiten auf spezifischen Wissensgebieten zu meckern, ist für mich oft nur Zeichen von Arroganz und Altklugheit und fehlendem Respekt vor einem Medium und einer Kunst. Film ist eine eigene Sphäre für sich und von ihm zu verlangen, Korrektheit in einer bestimmten Wissensdisziplin zu haben, ist meist nur Zeichen für eine höchst unfilmische Betrachtungsweise. Film ist kein Physik-Kurs und es ist kein Geschichtsbuch etc. Wer dies nicht einsehen will, der mag ein guter Physiker und Historiker sein, aber kein guter Filmegucker.

Der Exkurs zu Aristoteles ist sehr bereichernd und interessant, auch wenn er natürlich vor Normativismus und somit antikünstlerischen und antifreiheitlichen Impulsen trieft. (Damit meine ich nicht dich, sondern Aristoteles.) Denn deine Frage in dem Zusammenhang "hätte sich der Zweck ohne Verstoß gegen die Physik auf bessere oder gleichwertige Weise erreichen lassen?" ist natürlich abhängig davon, ob man bei MELANCHOLIA zweifelsfrei den einen Zweck für den streunenden Planeten feststellen könnte. Schon allein das glaube ich nicht. Aber es lassen sich eine Menge Zwecke finden - auch wenn du diese Diskussion nicht führen willst, meine ich doch, es wäre gar kein Problem, diese physikalische Unrichtigkeit im ästhetischen und inhaltlichen Konzept des Films als gerechtfertigt zu begründen. Da dies aber eh nur geringes Gewicht für dich hat, müssen wir das ja nicht weiterverfolgen.

Grundsätzlich bin ich durchaus dafür, dass man Unwahrscheinlichkeiten und Unrichtigkeiten anhand der vom Film selbst festgelegten Realismus-Messlatte bewertet. Aber über diese muss man eben zuerst nachdenken, sie ist zu finden, über sie kann man sich streiten. (Aristoteles tut ja geradezu so, als ob diese zweifelsfrei feststehen würde.) Aber dies ist der erste Schritt. Und den vermisse ich sehr oft. Wenn's gleich ans meckern geht, kann ich auch mal sauer werden. :D
  • Melden
Das mit den Ungenauigkeiten möchte ich in der Form nicht einfach so unterschreiben. Im neuen "Tom Sawyer" (siehe auch meinen Kommentar im Filmtagebuch) etwa gibt es keinen Unterschied zwischen normaler Schule und Sonntagsschule, und das hat mich schon gestört, vor allem, weil es im Roman von Mark Twain ja ganz richtig ist.

Sicher, daß man durchaus fragen kann, was nun der Zweck ist(es kann ja in der Tat mehrere geben), ist dann ein Einwand gegen Aristoteles, der mir selbst beim Abtippen schon in den Sinn kam. Trotzdem will ich ihn aber ein wenig verteidigen: wenn Du Aristoteles normativ und antikünstlerisch findest, mußt Du erst mal Platon ("Der Staat") lesen. Kunstfeindlichkeit pur! Platon wollte in seinem Idealstaat sogar Homer verboten sehen. Insofern finde ich schon bemerkenswert, wie weit sich Aristoteles da von seinem Lehrer Platon abgenabelt hat, und im Vergleich zu Platon stellt die Poetik einen ungeheuren Fortschritt dar. Soweit das Plädoyer der Verteidigung...
  • Melden
Dass normative Poetiken ihren ganz eigenen Nutzen haben und historisch für das Kunstverständnis von größter Relevanz sind, habe ich ja gar nicht anzweifeln wollen. Schon allein das Bewusstmachen, Zusammenfassen (und eben Verbessern) von zeitgenössischen Regeln der Kunstproduktion ist von großer Bedeutung...
  • Melden
Diese ausgiebige Grundsätzdiskussion in allen Ehren. Aber es ändert nichts daran dass man den Weltuntergang in "Melancholia" anstatt als astrophysykalisches Ereignis ebenso gut als übersinnlich herbeigeführtes Ereignis interpretieren kann, wenn man denn will (s. meinen letzten Post), wobei zweiteres den Vorwurf der mangelnden wissenschaftlichen Genauigkeit eh zu Nichte macht.

Schöne Diskussion Euch weiterhin. :) Ich verschwinde mal, denn der Thread entfernt sich immer weiter von diesem konkreten Spielfilm.
  • Melden
Man könnte den Film auch als Traumsequenz oder eben imaginäre Wunschvorstellung von Justine deuten - besonders sein surrealer Prolog ist ja alles andere als intradiegetisch real und könnte durchaus Hinweis auf den imaginären Charakter dieser Weltuntergangsvision sein.

Aber diese wie auch Ubaldos Lesart sind ja mehr indizienbasiert. Aber nichtsdestotrotz durchaus Möglichkeiten, die der Film offenlässt...
  • Melden
bekay ist übrigens der Verfasser einer nachbarocken Schulmeisterpoetik, auf die ich mal niesen musste, als ich sie in Händen hielt. Er erklärt darin seitenlang beeindruckend, wie man aus Versatzstücken ein gutes Gedicht über den Krieg zusammenbastelt. Im Vorwort empfiehlt er neben Gebeten eine Pfeife Knaster, falls der "furor" sich ums Verrecken nicht von alleine einstellen will. Weniger erhaben als Klopstock, sicher. Aber nicht ganz so trocken wie Gottsched. Wenn ich mich recht erinnere, schrieb er unter seinem Pseudonym Magnus Daniel Omeis.

Dies natürlich nur, weil ich mal wieder ein wenig mit meinen unnötigen Kenntnissen angeben will. :D
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bekay sagte am 02. Januar 2012, 16:51:

Man könnte den Film auch als Traumsequenz oder eben imaginäre Wunschvorstellung von Justine deuten

Guter Punkt, der zegt: Aufgrund seiner malerisch stilisierter Bilder und aufgrund seiner mystischen Atmosphäre muss man "Melancholia" gar nicht als Film, dem es um Realität und wissenschaftliche Genauigkeit geht, auffassen.
Vielmehr bietet der Film Platz für vielerlei Deutungen.
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Zodiac sagte am 02. Januar 2012, 16:52:

bekay ist übrigens der Verfasser einer nachbarocken Schulmeisterpoetik, auf die ich mal niesen musste, als ich sie in Händen hielt. Er erklärt darin seitenlang beeindruckend, wie man aus Versatzstücken ein gutes Gedicht über den Krieg zusammenbastelt. Im Vorwort empfiehlt er neben Gebeten eine Pfeife Knaster, falls der "furor" sich ums Verrecken nicht von alleine einstellen will. Weniger erhaben als Klopstock, sicher. Aber nicht ganz so trocken wie Gottsched. Wenn ich mich recht erinnere, schrieb er unter seinem Pseudonym Magnus Daniel Omeis. Dies natürlich nur, weil ich mal wieder ein wenig mit meinen unnötigen Kenntnissen angeben will. :D

:otto:
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Natürlich ging es mir mit dem flüchtigen (natürlich nicht ernst gemeinten) Ins-Spiel-Bringen von "physikalischer Unlogik" nicht darum, den Bann von "Melancholia" zu zerstören oder gar anzuzweifeln. Mir ist bewusst, dass Lars von Triers kosmische/metaphorische Kollission genau so übermächtig zur Erlösung von Justine gebraucht wird, wie er sie hier inszeniert hat und ohne dass man sie in Frage stellen darf. So wie die junge Frau schutzlos ihrer eigenen peinigenden Psyche ausgeliefert ist, so tritt ein riesiger Planet unserer kleinen Erde entgegen. Was für ein tolles Gleichnis für eine Depression.
Ich kam gerade von meinem Jahresrückblick zu dem von Settembrini herüber und wollte nachvollziehbar machen, warum ich im großen Untergangsjahr 2011 den Apokalypsen von Bela Tarr und David Mackenzie dennoch jener von Lars von Trier (minimal) den Vorzug gegeben habe (wobei die Filme ohnehin kaum vergleichbar sind). Der Ungar und der Brite haben gar nicht erst einen Auslöser für ihre globalen Katastrophen benötigt. In "Perfect Sense" bleibt unbeantwortet, woher und wie der plötzliche Sinnesverlust über die Menschheit kommt, "The Turin Horse" kehrt einfach den Schöpfungsmythos um und versenkt seine Welt im Chaos. In beiden Fällen ergeben sich einfach die Menschen der höheren Macht, die da über sie kommt und die sie nicht begreifen können. Dieser Ansatz hat mir ausgesprochen gut gefallen.
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Hier war ja seit vorgestern noch einiges los - aber jetzt kann wohl die ausufernde Diskussion (die ich übrigens in dieser Form überhaupt nicht beabsichtigt hatte) als abgeschlossen betrachtet werden. Zumindest macht sie aber deutlich, daß "Melancholia" (um den es dabei ja nur am Rande ging) auf mehreren verschiedenen Ebenen zugleich funktioniert (worin ich gerade einer seiner Stärken sehe) - und die Planetenbahnen-Diskussion betraf ja nur eine davon, und wohl kaum die wichtigste.

Soviel also dazu, aber natürlich kann, wer will, auch gern etwas zum Rest der Liste sagen.
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Sehr schöne Liste mit Filmen, die ich gerne nachholen werde - wobei "Melancholia" ganz oben auf der Liste steht.

D.C.L.
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